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The Rudolf Steiner Archive

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Die Beantwortung von
Welt- und Lebensfragen
GA 108

22 Dezember 1908, Berlin

8. Novalis der Seher das Weihnachtsmysterium

[ 1 ] Von Zeit zu Zeit stehen immer wieder Menschen auf, welche dasjenige, was nun seit vielen Jahrhunderten von Tausenden und aber Tausenden im Herzen gefühlt, in der Seele empfunden wird, auch schauen. Nur derjenige, welcher mit dem lebt, was wir in unserer neueren Zeit durch die geheimwissenschaftlichen Einsichten uns erringen, der weiß, daß dieses von Tausenden und aber Tausenden Gefühlte von den Sehern jederzeit geschaut werden kann, daß geschaut werden kann, was als Folge eingetreten ist des unsere ganze Entwickelung beleuchtenden Ereignisses von Golgatha.

[ 2 ] Durch dasjenige, was auf Golgatha geschehen ist, hat sich die ganze geistige Sphäre unseres Erdkreises verändert. Und der Seher sieht seitdem, wenn nur sein inneres Auge durch jene Gefühle, die uns mit dem Ereignis von Golgatha verbinden können, ein wenig geöffnet ist, die Folge dieses Ereignisses: die immerwährende Anwesenheit der Christus-Macht, die seit jener Zeit dem geistigen Erdenumkreis einverleibt ist. Die anderen fühlen und empfinden, wenn sie sich hindurchringen durch die großen Wahrheiten und die gewaltigen Impulse der Verkündigung des Ereignisses von Golgatha, die Gewalt dieser Tatsache. Sie empfinden, daß seit jener Zeit des Menschen Herz etwas anderes erleben kann als vorher auf der Erde; sie wissen, daß etwas da ist, was vorher nicht in der gleichen Weise gefühlt werden konnte. Und der Seher sieht dieses.

[ 3 ] Ein solcher Seher, wie durch die Gnade der geistig-göttlichen Mächte, man möchte fast sagen, wie durch ein Wunder zum Seher berufen, ein solcher Seher war der deutsche Jüngling-Dichter Novalis. Durch ein ihn tief erschütterndes Ereignis, das ihn wie mit einem Zauberschlage gelehrt hat die Beziehung zwischen Leben und Tod, wurde ihm das geistige Auge aufgetan, und ihm war neben dem großen Rückblick in die Vergangenheit der Erden- und Weltenzeiten auch vor dieses geistige Auge gerückt die Christus-Wesenheit. Er durfte von sich sagen gegenüber dieser Christus-Wesenheit, daß er zu denjenigen gehöre, die mit ihrem geistigen Auge selbst gesehen haben, was sich enthüllt, wenn sich der «Stein hebt», und sichtbar wird diejenige Wesenheit, die für unser Erdendasein den Beweis geliefert hat, daß das Leben im Geistigen immerdar den Tod besiegt.

[ 4 ] Wir dürfen - wie es schon geschehen ist - Novalis nicht eigentlich einen Menschen nennen, der ein Leben hatte, sondern etwas wie eine Erinnerung an ein früheres Leben. Mit seiner wie durch Gnade ihm verliehenen Einweihung ging ihm zu gleicher Zeit alles das auf, was er sich in früheren Inkarnationen errungen hatte; es war eigentlich nur eine große Gabe der Zusammenfassung von Einsichten, die er in einem früheren Leben gehabt hatte. Und weil er den Rückblick hatte in jene Zeiten und mit geistigem Auge schauen konnte, durfte er sagen, daß ihm unvergleichlich im Leben ist das große Ereignis, da er in sich selbst entdeckt hatte, was der Christus ist. Es ist solch ein Erlebnis wie eine Wiederholung des Ereignisses von Damaskus, wo Paulus, der bis dahin die Anhänger des Christus Jesus verfolgt und nicht ihrer Verkündigung gehorcht hatte, durch höheres Schauen den unmittelbaren Beweis erhielt, daß Er da ist und lebt, daß etwas geschehen ist durch das Ereignis von Golgatha, das einzig und allein dasteht in der ganzen Menschheitsentwickelung. So können die, welchen das Auge aufgetan ist, dieses Ereignis wiederholt sehen. Der Christus ist nicht bloß in dem Leibe dagewesen, in dem er gewohnt hat. Er ist mit der Erde verbunden geblieben; die Sonnenkraft hat sich durch ihn mit der Erde verbunden.

[ 5 ] «Einzig» nennt Novalis daher die Offenbarung, die er erhalten hat, und er nennt diejenigen Menschen allein im Grunde wirkliche Menschen, die mit ihrer ganzen Seele an diesem Ereignis teilnehmen wollen. Er sagt mit Recht, daß auch das geistig herrliche alte Indien zum Christus sich bekennen würde, wenn es diesen Christus erst erkennen würde. Und er sagt aus seiner Erkenntnis heraus, nicht aus seiner Ahnung, nicht aus blindem Glauben, sondern aus seiner Erkenntnis heraus, daß der Christus, den er geistig geschaut hat, dasselbe ist, was alle Wesen als eine Kraft durchdringt. Und das Auge kommt dahin, diese Kraft zu erkennen, wenn diese Kraft in ihm wirkt. Das Auge, das den Christus schaut, ist von der Christus-Kraft gebildet. Christus-Kraft im Auge schaut den Christus außer dem Auge.

[ 6 ] Ein wunderbar großes und gewaltiges Wort! Und auch jenen gewaltigen Zusammenhang erkennt Novalis, daß dasjenige, was wir den Christus nennen, seit dem Ereignis von Golgatha der planetarische Geist der Erde ist, der Erdengeist, der immer mehr und mehr den Erdenleib umgestalten wird. Und ein wunderbarer Ausblick eröffnet sich dem Novalis in die Zukunft: Er sieht die Erde umgestaltet; er sieht die heutige Erde, die noch die Reste alter Zeiten in sich enthält, umgestaltet zum Leibe Christi; er sieht alles, was an Flüssigkeiten in der Erde fließt, durchdrungen von dem Blute des Christus, und er sieht alles, was an Felsen in der Erde ist, als das Fleisch des Christus. Er sieht allmählich übergehen den Leib der Erde in den Leib des Christus. Und in einem wundersamen Zusammenwirken stellt sich ihm dar das Eins-Gewordensein alles dessen, was Erde und Christus ist: die Erde in der Zukunft als ein großer Organismus, in dem der Mensch eingebettet sein wird und dessen Seele der Christus ist.

[ 7 ] Von diesem Gesichtspunkte aus nennt Novalis tief aus seiner Empfindung der geheimwissenschaftlichen Erkenntnis heraus den Christus den Menschensohn. So wie die Menschen in gewissem Sinne die Göttersöhne sind, das heißt die Söhne der alten Götter, die uns unseren Planeten zurechtgezimmert haben durch Jahrmillionen und Jahrmillionen, die uns die Häuser gebaut haben, in denen wir wohnen, und den Boden, auf dem wir herumgehen, so wird der Mensch aus sich selber heraus, mit Überwindung des Irdischen, eine Erde aufzubauen haben, die der Leib des neuen Gottes, des zukünftigen Gottes sein wird. Und wenn alte Zeiten zurückgeschaut haben zu den uralt-heiligen Göttern, vereinigt sein wollten im Tode mit ihnen, so erkennt Novalis den Gott, der da einstmals tragen wird zu seinem Leib alles das, was unser Bestes ist, und was wir hinopfern können zu dem Leibe des Christus. Er erkennt in dem Christus dasjenige, dem sich die Menschheit hinopfert, damit es einen Leib habe. Er erkennt darin in dem höheren kosmologischen Sinne den «Menschensohn». Er nennt den Christus den «Gott der Zukunft».

[ 8 ] Das alles sind Empfindungen so bedeutsamer Art, daß sie wohl geeignet sind, unsere Seele in die rechte Weihnachtsstimmung zu bringen. Und so lassen wir denn ihn, der da ein Leben gelebt hat am Ende des 18. Jahrhunderts, ein kurzes Leben, der da mit neunundzwanzig Jahren gestorben ist, lassen wir ihn jetzt seine Empfindungen schildern, wie sie sich in seinem Leben angegliedert haben an das größte Ereignis seines Lebens: an die einmalige große Einschau in die Christus-Wesenheit.

[ 9 ] Hier trug Marie von Sivers (Marie Steiner) das Gedicht «Wenn alle untreu werden .. .» aus den «Geistlichen Liedern» vor.

[ 10 ] Es ist noch nicht lange her, daß der Weihnachtsbaum das Symbolum des Weihnachts-Christfestes ist. Noch nicht wird man ein Gedicht auf den Weihnachtsbaum bei einem Dichter finden, wie es zum Beispiel Schiller ist, der zweifellos die Poesie des Weihnachtsbaumes hätte empfinden müssen, wenn es ihn damals schon gegeben hätte, und dem es nicht schwer gefallen sein würde, ein Gedicht auf den Weihnachtsbaum zu finden. Es gab den Weihnachtsbaum damals noch nicht in unserer Form. Er ist eine junge Schöpfung. In anderer Weise haben vorher die Menschen dieses Fest gefeiert, und so weit wir zurückschauen können in den Lauf der Zeiten, wir werden, solange Menschen in ihrer gegenwärtigen Gestalt oder in der Anlage zu der gegenwärtigen Gestalt in Betracht kommen, so etwas wie das Weihnachtsfest überall finden. Wir werden es finden in den breiten Volksmassen überall, wir werden es finden bis in die Höhen der Mysterien hinauf in immer neuen Formen.

[ 11 ] Gerade die Tatsache, daß das Christfest uralt und unser gegenwärtiges Symbolum dafür so neu ist, zeigt uns, daß etwas Ewiges mit diesem Fest verbunden ist, aber ein solches Ewiges, daß immer neue und neue Gestalten aus seinem Schoß hervortreibt. Wahrlich, so alt die Menschheit auf der Erde ist, so alt ist das Christfest, so alt sind Empfindungen, die mit diesem Fest symbolisiert werden. Aber immer wird die Menschheit die Kraft haben, in neuen, verjüngten Symbolen, wie sie den Zeiten angemessen sind, einen äußeren Ausdruck für dieses Fest zu haben. Wie sich die Natur alljährlich verjüngt, die ewigen Kräfte derselben in immer neuen und neuen Formen aus ihr hervorsprießen, so verjüngen sich die Symbole für die Weihnachtsandacht immer wieder und zeigen damit gerade das Ewige und das Ständige dieses Festes. Und so stehe denn heute einmal in dieser unserer feierlichen Weihnachtsstunde vor unserer Seele dasjenige, was sich ergeben kann, wenn wir den Weg durchmachen, der uns ein wenig zeigen kann, wie denn eigentlich die Menschen in der Zeit, die wir heute als unsere Weihnachtszeit feiern, empfunden haben.

[ 12 ] Weit, weit zurückgehen können wir, wie es uns als Schülern der Geisteswissenschaft angemessen ist, in urferne, vergangene Zeiten. Wir gehen zurück in jene Zeiten zunächst, in denen unsere Seelen verkörpert waren in alten atlantischen Leibern, in Leibern, die wenig noch unseren gegenwärtigen Leibern ähnlich gesehen haben. Große Lehrer der Menschheit gab es dazumal, die zu gleicher Zeit die Führer dieser Menschheit waren. Anders hat der Mensch dazumal in die Welt hineingeschaut. Es war nicht die helle Sonne des Tages, die in scharfen Konturen, in ausgeprägten Linien die Gestalten der äußeren Gegenstände, der Naturreiche ihm schon zeigte. Alles, was um den Menschen herum war, war wie in Nebel getaucht, nicht allein deshalb, weil ein großer Teil der atlantischen Welt auch äußerlich mit Nebelmassen bedeckt war und das Sonnenlicht noch nicht wie später durch den Nebel hindurchdringen konnte, sondern auch aus dem Grunde, weil des Menschen Wahrnehmungsvermögen noch nicht dahin gediehen war, äußere Gegenstände in deutlichen Umrissen zu sehen. Wenn der Mensch des Morgens aufwachte und die äußere Welt, die Gottesnatur um sich herum wahrnehmen wollte, sah er nur verschwommen die Dinge, mit farbigen Rändern umgeben, und alles wie in Nebel getaucht. Und wenn er des Abends einschlief, schlief er hinein in eine geistige Welt. Nicht war es so, daß Selbstvergessenheit und Unbewußtheit sich um den Menschen herumlagerte, wie es heute der Fall ist, wenn der Mensch einschläft

[ 13 ] Der Mensch sah in der atlantischen Zeit, wenn er schlief, die geistig-göttlichen Wesen, die seine Genossen waren. Um sich herum sah er alle jene Gestalten, die einmal Wirklichkeit waren für den Menschen, die Erlebnisse waren für den Menschen. Er sah auch alle diejenigen Gestalten, welche sich dann in der Erinnerung erhalten haben für die verschiedensten Gegenden der Erde unter den verschiedensten Namen: Wotan, Thor, Baldur und so weiter nannten sie unsere Vorfahren in Mitteleuropa; Zeus, Pallas, Athene, Ares und so weiter nannten die Menschen im alten Griechenland jene göttlichgeistigen Gestalten, die einstmals ihre Seelen geschaut hatten in der alten Atlantis. Aber in der atlantischen Zeit waren die göttlichen Welten nicht mehr die ganz hohen schöpferischen göttlichen Welten, aus deren Schoß der Mensch einstmals hervorgegangen ist in der lemurischen Zeit. Unsere Seelen haben sich einst erhoben aus göttlichen Wesen, deren Herrlichkeit und Größe der Mensch heute nur ahnen kann. Dieselben göttlichen Wesen enthüllten den Menschen aus ihrem Schoß, sie haben hervorgehen lassen Weltenkugeln und alle Kräfte, die um uns herum sind. Der Mensch war im Schoße von göttlichen Wesenheiten, deren äußerer Ausdruck uns von den Weltenkugeln herunterleuchtet, unter denjenigen Wesen, die wir sehen im Blitzezucken, im Donnerrollen, deren Ausdruck die Pflanzen und Tiere und für welche die Kristalle Sinnesorgane sind. Alles, was wie Wärme an uns herandringt, was an Kräften uns umspielt, ist Leib göttlich-geistiger Wesenheiten, und der Mensch ist entsprungen aus dem Schoß dieser göttlich-geistigen Wesenheiten. Je mehr er herabstieg auf unsere Erde, je mehr er sich vereinigte mit den materiellen Substanzen, je mehr er sich eingliederte die Materie unserer Erde, desto geringer wurde sein Sehvermögen für die großen Götter.

[ 14 ] Während in Urzeiten, wo in dem Menschen noch kein sinnliches Erkenntnisvermögen war, wo er noch nicht aus Augen sehen und aus Ohren heraus hören konnte, wo auf und ab wogten Bilder in seiner Seele, welche die Bilder nicht von Mineralien, Tieren und Pflanzen waren, sondern von göttlich-geistigen Wesenheiten, die über ihm standen, trat dann in späteren Zeiten der Mensch immer mehr und mehr heraus auf den physischen Plan, lernte durch die äußeren Sinnesorgane den physischen Plan kennen. Es war in der atlantischen Zeit wie eine Abwechslung zwischen dem Sehen auf dem physischen Plan und einem alten Hellsehen vorhanden, das wie ein Rest zurückgeblieben war von der alten geistigen Herrlichkeit, in der der Mensch einst gelebt hat. Gegenüber den ganz hohen Göttern waren es niedere Götter, die der Mensch noch wahrnehmen konnte auf dem astralischen Plan, wenn er in der Nacht die Seligkeit genoß, ein geistiges Wesen unter geistigen Wesen zu sein.

[ 15 ] Je heller der physische Plan wurde, desto weniger vermochte der Mensch auf den geistigen Planen zu sehen. Aber es hatte der Mensch in der alten atlantischen Zeit Eingeweihte. Diese Eingeweihten der alten Atlantis konnten neben den tieferen Lehren von den alten Göttern, aus deren Schoß der Mensch entsprungen ist, schon einiges vorherverkündigen. Vorherverkündigen konnten sie den Menschen, daß es etwas gibt in der Welt, was so anzusehen ist, daß man es etwa durch folgenden Vergleich klarmachen kann: Sieh dir an einen Pflanzenkeim; sieh dir an, wie dieser Pflanzenkeim zur Pflanze sich entwickelt. Er wächst, er treibt Blätter, Kelchblätter, Blüte und die Frucht. Wer so vor der Pflanze steht, der kann sich sagen: Ich blicke zurück auf den Pflanzenkeim; er ist der Schöpfer der Blätter und der Blüte, die vor mir stehen, und diese Blüte birgt etwas in sich; diese Blüte birgt den Keim zu einer neuen Pflanze in sich, zu einem neuen Keim formt sich die Blüte.

[ 16 ] Und so, wie man in die Zukunft der Pflanze sehen kann und zurückblicken in deren Vergangenheit, so konnten die großen atlantischen Eingeweihten sagen zu ihren Schülern, und durch die Stimme der Schüler zum ganzen Volke sprechen: Zurück könnt ihr blicken zu den Götterkeimen in der Welt, aus deren Schoß die Menschen entsprungen sind. Was ihr um euch herum seht, Geistiges und Physisches, das alles sind Blätter, die hervorgesprossen sind aus den alten Götterkeimen. Schaut in ihnen die Kräfte dieser alten Götterkeime, wie man in den Pflanzenblättern schauen kann die Kraft des Keimes, aus dem die Pflanze entsprungen ist. Aber wir vermögen auf noch etwas anderes hinzuweisen: In der Zukunft wird etwas sich ausbreiten um den Menschen herum, was da sein wird wie die Blüte der Pflanze, was allerdings ein Ergebnis ist der alten Götter, aber was in sich enthält einen Keim, wie die Blüte einen Keim enthält und reif macht, einen Keim, der in sich entfaltet die neue Gottheit. Daß die Welt von Göttern geboren ist, das war die alte Lehre; daß die Welt einen Gott gebären wird, den großen Gott der Zukunft, das war die große Prophetie der atlantischen Eingeweihten an ihre Schüler, und damit auch an die Völker. Denn das war das Eigenartige der atlantischen Eingeweihten, daß sie wie alle Eingeweihten die großen Ereignisse der Zukunft sahen. Sie sahen hinüber über die große atlantische Flut, hinüber über das große Ereignis, das die Länder der Erde umgestaltete. Sie sahen hinter der atlantischen Zeit alle die Kulturen, die hervorsprießen werden in der späteren Zeit; sie sahen hin auf das Land der heiligen Rishis, auf das Land Zarathustras, auf die Kultur des alten Ägypten, die durch Hermes begründet wurde, auf die Vorherverkündigung des Moses; hin sahen sie auf das glückliche Griechenland, auf das starke Rom, bis auf unsere Zeit; und weiter in die Zukunft hinein. Und Hoffnung war es, was sie ihren intimen Schülern einprägten.

[ 17 ] Sagen konnten sie ihnen dieses: Wohl müßt ihr verlassen alle die Gefilde des geistigen Landes, in denen ihr jetzt seid. Wohl müßt ihr euch hineinverstricken in die Materie, wohl müßt ihr euch ganz und gar umkleiden mit den Kleidern, die aus dem physischen Stoffe genommen sind. Eine Zeit wird kommen, wo ihr arbeiten müßt auf dem physischen Plan, wo euch wie entschwunden erscheinen werden die heiligen alten Götter. Aber hinblicken möget ihr dahin, wo euch aufgehen kann der neue Stern, wo entsprießen kann der neue Keim, der zukünftige Gott, der sich aufbewahrt hat durch die Zeiten hindurch, um zur rechten Zeit zu erscheinen in der Menschheit!

[ 18 ] Und wenn die atlantischen Eingeweihten ihren Schülern und damit dem ganzen Volke sagen wollten, warum man heruntersteige in das irdische Tal, dann machten sie sie aufmerksam, daß einstmals von allen Seelen erlebt und gesehen werden wird Er, der dakommen wird, den sie jetzt noch nicht schauen konnten, weil er in solcher Region war, daß ihn das Auge nicht sehen konnte, das physische Auge nicht, aber auch das geistige Auge nicht mehr, das ihn einstmals gesehen hat, als der Mensch noch im Schoße der Götter ruhte.

[ 19 ] Und die atlantische Flut kam. Das Antlitz der Erde wurde verändert. Ganz anders schaute es aus nach einiger Zeit. Nach der großen Völkerwanderung von dem Westen nach dem Osten entstanden die großen nachatlantischen Kulturen, als erste die Kultur des alten heiligen Indiens. Die Lehrer des alten Indien, die sieben heiligen Rishis, lehrten ihre Schüler, und damit das ganze indische Volk, daß es eine geistige Welt gäbe; denn das indische Volk brauchte die Lehre von der geistigen Welt. Es war herausversetzt ganz auf den physischen Plan, und während des Lebens auf dem physischen Plan konnten die Augen nur sehen die äußere Gestalt der physischen Welt, als den Ausdruck des Geistigen, nicht aber das Geistige selbst. Aber in der Seele eines jeden solchen Inders war etwas vorhanden, was man nennen kann eine dunkle Erinnerung an das, was einst die Seele unter Göttern in der alten Atlantis erlebt hatte. Diese Erinnerung weckte eine Sehnsucht, und diese Sehnsucht war so stark, daß die indischen Seelen kein intimes Verhältnis eingehen konnten mit dem physischen Plan, so daß ihnen der physische Plan erschien als Maja, als Illusion, als ein Unwirkliches, und daß die Sehnsucht immer noch nach dem Verlorenen hin ging. Die Seelen hätten es nicht ausgehalten auf dem physischen Plan, wenn nicht die mit dem Geiste durchsetzten Rishis hätten verkündigen können die Lehre von der Herrlichkeit der alten Welt, die die Menschen verloren haben. So konnten die heiligen Rishis die Lehren von dem Kosmos verkünden, die heute nur noch wenig verstanden werden, die Lehre einer Weisheit der Vorzeit, weil sie eingeweiht waren in das, was der Mensch erlebt hatte, als er noch im Schoße der Götter war. Der Mensch war ja dabei, als die Götter die Sonne von der Erde abspalteten, als sie den Weltenkugeln ihren Weg anwiesen; er hatte es nur vergessen während seiner späteren Erdenwanderung.

[ 20 ] Diese Weisheit wurde von den Rishis gelehrt, aber auch noch etwas anderes. Es wurde gelehrt für die, welche schon eine Empfindung dafür entwickeln konnten - und das waren gerade die Vorgeschrittensten -, daß aus dieser Welt, in die der Mensch jetzt herausversetzt war, die ihm jetzt als Illusion und Maja erscheint, ersprießen wird derjenige, der jetzt noch nicht geschaut werden kann in dieser Welt, weil die Seele des Menschen noch nicht so weit ist, die Kraft zu entwickeln, um dieses Wesen zu erkennen, daß Er aber erscheinen wird, Er, von dem die Rishis sagten, er sei «jenseits ihrer», «Vilva karman». So war das Wesen genannt, das die alten Lehrer Indiens als den großen Geist der Zukunft verkündeten. Ihr könnt ihn noch nicht sehen - so wurde dem indischen Volke verkündet -, wie ihr in der Blüte noch nicht den Keim der Frucht sehen könnt. Aber so wahr wie die Blüte den Keim der Frucht enthält, so wahr entwickelt Maja den Keim dessen, was das Leben der physischen Welt lebenswert machen wird. - Und was man später den Christus nannte, die indischen Lehrer verkündeten ihn im voraus, sie waren seine bescheidenen Propheten. Nach zwei Richtungen schauten sie: zurück in die Welt der uralten Weisheit, nach deren Plan die Welt gestaltet worden ist, und vorwärts schauten sie, und den Alltagsmenschen verkündeten sie, daß Einer kommen werde, der in die Menschenherzen einziehen und alle Menschenhände regen soll.

[ 21 ] Es gab keine Zeit, wo Er nicht verkündigt worden ist, solange Menschenkultur und Menschensinn in Betracht kommen. Wenn die Späteren die Verkündigung vergessen haben, so ist das nicht die Schuld der großen Lehrer der Menschheit.

[ 22 ] Dann kam die uralte persische Kultur, deren Führer der Zarathustra war. Zarathustra konnte schon seinen intimen Schülern und damit seinem Volke sagen, daß in all dem, was den Menschen umgibt, in dem, was als Kraft von der Sonne zu uns dringt, was von den anderen, zu unserem Erdensystem gehörigen Sternen kommt, daß in allem, was den Luftraum erfüllt, eine Wesenheit lebt, die sich aber jetzt nur noch in verhüllter Gestalt dem Menschen zeigt. Seinen Eingeweihten konnte Zarathustra sprechen von der großen Sonnenaura, Ahura Mazdao, von dem guten Gotte. Und er sagte etwas zu seinen Schülern, was man etwa wieder durch folgenden Vergleich klarmachen könnte: Seht euch einmal die Pflanze an. Aus dem Keim entsteht sie, Blätter entwickelt sie nach allen Seiten, die Blüte entwickelt sie, aber es ist so, wie wenn ein Geheimnisvolles sich durch die ganze Pflanze durchzieht und im Mittelpunkt der Blüte als der neue Keim erscheint. Abfallen wird das, was ringsherum ist; aber die innerste Kraft, die ihr im Inneren der Blüte sehen könnt, die ist es, von der ihr schon ahnen könnt, daß eine neue Pflanze aus der alten entstehen könnte. Wenn ihr die Kraft des Sonnenlichtes betrachtet, und wenn ihr dieses Sonnenlicht so empfindet, daß ihr in ihm nur den physischen Ausdruck eines Geistigen erblickt und euch von der geistigen Sonnenkraft inspirieren laßt, dann wird euch aufgehen die Vorherverkündigung der göttlichen Frucht, die aus der Erde geboren werden soll!

[ 23 ] Und wenn diese intimen Schüler weiter und weiter vorgerückt waren, dann konnten sie wohl auch in bestimmten Zeiten teilnehmen an geheimeren Lehren, und Zarathustra konnte ihnen in weihevoller Stunde das Bild malen von Einem, der da kommen wird, wenn die Menschen so weit sind, daß sie in ihrer Mitte verständnisvoll empfangen können diesen Einen. Gewaltige Bilder dieses Zukünftigen stellte Zarathustra vor seine Schüler hin. Einem konnte er das Bild zeigen und einem zweiten konnte er eine Art von Abglanz davon zeigen; die anderen konnten nur in einem umfassenden Bilde das, was in der Zukunft geschehen soll, empfangen.

[ 24 ] So war es also auch in der alten persischen Kultur, in der Zarathustra-Kultur, daß vorherverkündet wurde derjenige, welcher später der Christus genannt wurde. Und es war auch in der ägyptischen Kultur so. Auch Hermes hat seinen ägyptischen Eingeweihten und damit dem ganzen ägyptischen Volke in einer gewissen Weise den Christus vorherverkündigt. Ein Abglanz dieser Christus-Vorherverkündigung kann uns erscheinen in der Osiris-Sage. Was wurde denn mit der Osiris-Sage den Menschen klargemacht? Die Osiris-Sage erzählt ja folgendes: Einst, in alten Zeiten, herrschte zum Glück seines Volkes Osiris im Ägypterlande, treu vereint mit seiner Gattin Isis. Da machte sich der böse Bruder Set oder Typhon daran, den Osiris zu verderben. Er formte dazu einen Kasten und warf ihn, mit dem Osiris darin, in das Meer hinaus. Isis fand zwar den Kasten wieder, aber sie konnte es nicht dahin bringen, daß Osiris wieder auf der Erde lebte. Er wurde in höhere Regionen entrückt, und sehen können ihn seitdem die Menschen nur, wenn sie durch das Tor des Todes durchgegangen sind. Jedem Ägypter wurde klargemacht: Du kannst nach dem Tode so mit dem Osiris vereint sein, wie deine Hand mit deiner Seele vereint ist. Du kannst einst ein Glied des Osiris sein, ihn dein höheres Ich nennen, aber nur dann, wenn du es dir auf dem physischen Plane verdient hast. Mit dem Gotte, den du deinen höchsten nennst, kannst du nach dem Tode vereinigt sein.

[ 25 ] Dem Eingeweihten konnte man noch etwas anderes zeigen: Wenn er durchgemacht hatte alle die Erprobungen und Prüfungen, alle die Lehren, die man durchzumachen hat, um in die höheren Welten hineinzuschauen, dann wurde dem Eingeweihten schon während des physischen Lebens, schon im Leben zwischen Geburt und Tod selber das Bild des Osiris gezeigt. Was dem anderen Menschen entgegentrat, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten war und womit er sich vereinigt fühlen sollte, das trat dem Geheimschüler der ägyptischen Eingeweihten entgegen, wenn er außer dem Leibe war, nachdem sein Ätherleib, sein astralischer Leib und sein Ich aus dem physischen Leibe herausgeholt waren. Dann konnte derjenige, der das geschaut hatte, der den Osiris schon bei Lebzeiten geschaut hatte, den anderen verkündigen, daß der Osiris lebt.

[ 26 ] Aber niemals hat man im alten Ägypten verkünden können: Der Osiris lebt unter uns! - Man hat das gerade in der Sage dadurch ausgedrückt, daß man sagte: Osiris ist ein König, der niemals auf der Erde gesehen worden ist. - Denn der «Kasten» ist nichts anderes als der physische Leib. In dem Augenblicke, wo der Osiris in den physischen Leib gelegt wird, machen sich die feindlichen Kräfte der physischen Welt, die noch nicht reif ist, den Gott in sich aufzunehmen, so stark geltend, daß sie den Gott verderben. Die physische Welt ist noch nicht reif, den Gott, mit dem der Mensch eins werden soll, aufzunehmen. Aber wenn wir euch sagen - so sprachen die, welche persönlich Zeugnis ablegen konnten, daß der Osiris lebt, mit dem der Mensch eins werden soll seiner inneren Wesenheit nach -, wenn wir euch sagen, daß der Gott lebt: sehen kann ihn nur der Eingeweihte, wenn er die physische Welt verläßt. Es lebt der Gott, mit dem der Mensch einstens eins werden soll, aber nur in der geistigen Welt. Nur wer die physische Welt verläßt, der kann mit dem Gotte vereinigt sein!

[ 27 ] Dabei war es so, daß die Menschen die physische Welt immer lieber und lieber gewannen; denn es war ihre Aufgabe, in der physischen Welt zu wirken und Kultur auf Kultur in der physischen Welt herbeizuführen. In demselben Maße, in dem die Augen klarer hinausschauten, in dem der Verstand besser einsehen konnte, was in der physischen Welt geschah, in demselben Maße, wie der Mensch in die Lage kam, immer mehr zu wissen und Entdeckungen und Erfindungen machte in der physischen Welt, durch die er sich das physische Leben erleichterte, in demselben Maße wurde es ihm immer schwerer, zwischen Geburt und Tod drüben in der geistigen Welt zu schauen. So konnte er zwar von den Eingeweihten hören, daß der Gott lebt, mit dem er sich vereinigen wird, aber er konnte wenig mitnehmen aus dieser Welt, was ihm das Mitleben des Osiris in der anderen Welt klar und deutlich hätte machen können. Immer mehr und mehr verdunkelte sich das Leben in der höheren Welt, so daß der Mensch nur noch vermuten konnte, daß der Gott lebt, mit dem er eins werden sollte.

[ 28 ] Und es kam die griechische Welt, es kam das für den physischen Plan glückliche Griechenland, in dem die Menschen für den physischen Plan jene wunderbare Ehe zwischen dem Geist und der Materie geschlossen haben. Wir schauen uns an die wunderherrlichen Werke des alten Griechenland, und wenn wir diese Werke vor uns auftauchen lassen, so werden wir ein Bild davon haben, wie die Menschen in dieser Zeit, wo sich das Ereignis von Golgatha abspielen sollte, zur geistigen Welt standen. Man kann es sich nicht denken, aber es ist doch wahr, daß dem Höhepunkte in der Architektur, welcher der griechische Tempel ist, in den Beziehungen der Menschen zur geistigen Welt der tiefste Punkt entspricht.

[ 29 ] Wir denken uns, ein griechischer Tempel stände vor uns. In seinen Formen, in seiner Geschlossenheit ist er der reinste und edelste Ausdruck des Geistigen, so daß hier einmal gesagt werden konnte, der Gott selber wohne in dem griechischen Tempel. Er war darinnen gegenwärtig. Denn die Linien, die in die Materie hineingeheimnißt waren, waren durchaus dem geistigen Weltenplane angemessen und jenen Linien angemessen, die als Raumesrichtungen den physischen Plan durchziehen. Und es gibt keine reinere, schönere, edlere Durchdringung von Menschengeist mit der physischen Materie als es ein griechischer Tempel ist. Und daher gibt es auf dem physischen Plan auch keine andere Möglichkeit, als so zu durchdringen die höhere Götterwelt mit der physischen Materie, wie es beim griechischen Tempel oder beim griechischen Kunstwerk überhaupt der Fall ist. Die Griechen haben es zustande gebracht, durch die Art, wie sie ihre Kunstwerke geschaffen haben, die Götter der alten Zeit zu sich herabsteigen zu machen. Und haben die Griechen es auch nicht gesehen, wenn Zeus oder Pallas Athene heruntergestiegen sind - es waren doch die Götter hineingebannt in diese Kunstwerke, die Götter, unter denen die Menschen einst in der atlantischen Zeit gelebt haben und die sie gesehen haben. Die Menschen konnten den alten Göttern in den alten Zeiten eine herrliche Wohnstätte gewähren. Und nun sehen wir einmal, was in einer gewissen anderen Richtung der griechische Tempel darstellt. Denken Sie sich, das hellseherische Bewußtsein stelle sich gegenüber einem griechischen Tempel. Was jetzt gesagt wird, gilt auch gegenüber den spärlichen Überresten, die noch vorhanden sind von der griechischen Tempelwelt. Denken Sie sich, das hellseherische Bewußtsein stände gegenüber einem solchen Überrest, wie Sie ihn in dem Tempel von Paestum haben: Wonne und Seligkeit für das Leben im physischen Leib kann man empfinden durch die Harmonie der Linien, die da die Säulen und die Bedachungen bilden. Alles ist von solcher Vollkommenheit, daß in dem Physischen ein Göttliches vorgestellt und empfunden werden kann. In einem solchen Gefühl kann man leben, wenn man durch die Augen des physischen Leibes schaut diese Harmonie der griechischen Architektur. Und nun denken Sie sich das hellseherische Bewußtsein hineinversetzt in die geistige Welt. Da ist es so, wie wenn sich etwas wie eine schwarze Wand vorziehen würde vor das, was Sie sehen können in der physischen Welt, und wie ausgelöscht ist das, was auf dem physischen Plan zu sehen ist. Nichts kann von diesen Wunderherrlichkeiten des physischen Planes mit hinübergenommen werden in die geistige Welt. Das Herrlichste des physischen Planes, wenn es nur so ist, löscht sich aus in der geistigen Welt. Und da begreifen wir, daß es keine Legende ist, wenn einer derjenigen, die in Griechenland zu den Führern gehört haben, von einem Eingeweihten angetroffen wurde in der anderen Welt, gesagt hat: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt, als ein König im Reiche der Schatten! - Gerade in Griechenland, wo man solche Wonnen erleben konnte in der physischen Welt, zogen die Seelen, wenn sie in die Welt des Todes eingingen, in ein düsteres, dunkles Schattenreich ein. Herrlich war der physische Plan geworden, aber in demselben Maße verödete die geistige Welt.

[ 30 ] Und nun vergleichen wir mit dem, was man bei dem griechischen Tempel empfinden kann, zwei andere Dinge: Stellen wir uns Raffaels Gemälde «Madonna di San Sisto» oder Leonardo da Vincis «Abendmahl» vor! Stellen wir uns jene Bildwerke vor, die geschaffen worden sind nach dem Ereignis von Golgatha, und in die eingeflossen sind die Geheimnisse von Golgatha. Der Mensch kann Seligkeiten empfinden gegenüber diesen Bildern, kann sich damit Wonnen in seine Seele gießen. Und das ist auch bei dem hellseherischen Bewußtsein der Fall, wenn es auf dem physischen Plan durch seine Augen diese Bilder betrachtet. Wenn es sich jetzt hinausversetzt in die geistige Welt, da sagt es sich, obzwar es das Physische nicht mehr sieht: Was ich hinübernehme von dem, was ich bei diesen Bildern erlebe, das ist nicht nur ein Nachklang des Physischen, das sind nicht nur die Wonnen und Seligkeiten, die ich erlebt habe, als ich das alles gesehen habe, sondern jetzt geht mir erst alle die Herrlichkeit auf; ich habe da nur den Keim gelegt zu dem, was ich jetzt erlebe in größerer Herrlichkeit und größerer Glorie! - Man legt in der physischen Welt, wenn man solche Bilder betrachtet, wo die Geheimnisse von Golgatha hineingeflossen sind, nur den Keim zu einer größeren Erkenntnis in der geistigen Welt. Und wodurch kann das alles geschehen? Dadurch kann es geschehen, daß jene geistige Gewalt, die so lange vorherverkündet worden ist, wirklich auf der Erde erschienen ist, daß die Menschheit so weit gekommen ist, daß sie eine Blüte entfalten konnte, innerhalb welcher der Keim des zukünftigen Gottes reifen konnte. Durch das Ereignis von Golgatha ist dem Erdendasein etwas mitgeteilt worden, das nicht nur mitgenommen werden kann in die geistige Welt, sondern das in den geistigen Welten in einer höheren Glorie und höheren Seligkeit aufgeht, und der bedeutsamste Ausdruck ist eben der, der hier schon einmal charakterisiert werden durfte: In demselben Augenblick, als auf Golgatha der physische Leib des Christus Jesus starb, da erschien der Christus bei denen, die dazumal zwischen dem Tode und einer neuen Geburt waren. Er konnte ihnen zuerst verkündigen, was keiner der früheren Eingeweihten, wenn sie hinübergingen in die geistige Welt, verkünden konnte.

[ 31 ] Wenn die früheren Eingeweihten - nehmen wir an der eleusinischen Mysterien - von der diesseitigen Welt hinübergingen zu denen, die drüben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt waren, was hätten die eleusinischen Eingeweihten denen da sagen können? Sie hätten ihnen erzählen können von den Ereignissen des physischen Planes; aber nur Sehnsucht und Wehmut hätten sie in ihnen hervorgerufen. Denn die Menschen hatten sich ganz hineingebannt in den physischen Plan. Das Physische konnten sie aber drüben nicht finden, wo alles finster und düster geworden war, und wo sich der, welcher drüben auf dem physischen Plan ein großer Mensch war, so fühlte, daß er sagen mußte: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt, als ein König im Reiche der Schatten! - Nichts hatten die Eingeweihten, die denen, welche auf dem physischen Plan waren, so viel hatten bringen können, nichts hatten sie denen bringen können, die auf dem anderen Plan dazumal waren. Da geschah das Ereignis von Golgatha - und Christus erschien bei den Toten. Und das erste Mal konnte verkündet werden in der geistigen Welt ein Ereignis aus der physischen Welt, das den Anfang bildet für ein Hinübergreifen von der physischen Welt in die geistige Welt. Wie ein Lichtstrahl zuckte es auf in den geistigen Welten, als der Christus in der Unterwelt erschien. Denn jetzt war es klar, daß in der physischen Welt der Beweis geliefert worden war, daß das Geistige immer den Tod besiegen kann.

[ 32 ] Von diesem Ereignis ging es aus, daß man nun auch in der physischen Welt etwas zu erleben vermag, was man hinüberbringen kann in die geistige Welt. Was man sagen konnte von anderen Dingen, die beeinflußt worden sind von dem Ereignis von Golgatha, das finden Sie im Johannes-Evangelium und anderen Verkündigungen, die daran anknüpfen. Wer das Johannes-Evangelium auf dem physischen Plan genießt, der erlebt die Seligkeit des Verständnisses dieser großen Urkunde auf dem physischen Plan. Wer aber dann mit hellseherischem Bewußtsein in die geistige Welt eintritt, der weiß, daß dasjenige, was er beim Johannes-Evangelium empfinden konnte, nur ein Vorgeschmack war von dem, was er jetzt einsaugen kann. Das ist das Bedeutsame dabei, daß man jetzt von dem physischen Plan Schätze mit in die geistige Welt hinübernehmen kann.

[ 33 ] Immer heller und heller wurde es seitdem auf dem geistigen Plan. Alles, was in der physischen Welt vorhanden war, war hervorgesprossen aus der geistigen Welt. Ging man von der physischen Welt in die geistige Welt hinüber, so konnte man sagen: Hier liegen die Ursachen von allem; und drüben in der physischen Welt ist nur das, was hervorgesprossen ist aus der geistigen Welt. Da sind nur die Wirkungen, da ist nur der Widerschein aus der geistigen Welt. Geht man seit dem Ereignis von Golgatha von der physischen Welt in die geistige, dann sagt man sich: Auch in der physischen Welt liegen Ursachen, und herüber wirkt das, was erlebt wird durch das Ereignis von Golgatha auf dem physischen Plan, herüber in die geistige Welt.

[ 34 ] So wird es immer mehr sein: alles Alte, was die Wirkung der alten Götter ist, wird absterben, und was aufblühen wird, was sich hineinleben wird in die Zukunft, das sind die Wirkungen des Gottes der Zukunft. Das wird hinüberleben in die geistige Welt. Es ist so, wie wenn man einen neuen Pflanzenkeim anschaut und sich sagt: Freilich ist er hervorgegangen aus einer alten Pflanze. Die alten Blätter und Blüten sind abgefallen und verschwunden, und es ist jetzt der neue Pflanzenkeim da, der sich zur neuen Pflanze und zur neuen Blüte entfalten wird. So leben auch wir in einer Welt, wo Blätter und Blüten abfallen und Götterkeime da sind. - Und immer mehr und mehr entfaltet sich die neue Frucht, die Christus-Frucht, und abfallen wird alles andere. Was hier in der physischen Welt erobert und erarbeitet wird, das wird von Wert sein für die Zukunft, insoweit es hineingetragen wird in die geistige Welt, und vor unserem geistigen Auge geht in der Zukunft eine Welt auf, die ihre Wurzeln in dem Physischen hat, wie einstmals unsere Welt ihre Wurzeln in der geistigen Welt hatte. Wie die Menschen die Söhne der Götter sind, so wird aus dem, was die Menschen in der physischen Welt durch die Erhebung zum Ereignisse von Golgatha erleben, der Leib gebildet der neuen Zukunftsgötter, deren Führer der Christus ist. So leben sich die alten Welten in die neuen Welten hinüber dadurch, daß das Alte ganz und gar abstirbt und das Neue aus dem Alten sproßt und sprießt. Das aber konnte für die Menschen nur dadurch eintreten, daß die Menschheit so weit reif war, daß sie jener geistigen Wesenheit, die der Gott der Zukunft werden sollte, eine Blüte entfaltete.

[ 35 ] Diese Blüte, die da entfaltet werden konnte, die in sich aufnehmen konnte den Keim des zukünftigen Gottes, sie konnte nur eine dreifache Menschenhülle sein aus physischem Leib, Ätherleib und astralischem Leib, die vorher durch alles das, was man auf der Erde erringen konnte, auf der Erde geläutert und gereinigt worden sind. Diese Hülle des Jesus von Nazareth, der sich hingeopfert hat, um den Christus-Keim zu empfangen, wie eine Blüte, und diese Blüte des Menschentums stellt dar das Reinste, den Extrakt von dem, was die Menschheit in ihrem geistigen Entwickelungstrieb hat hervorbringen können. Und die Menschen können sich sagen: Erst dann konnte der Keim des neuen Gottes erscheinen, als die Erde reif war, die schönste Blüte hervorzubringen. - Und die Geburt dieser Blüte war in Bethlehem; das ist uns in unserem Weihnachtsfest enthalten. In unserem Weihnachtsfest feiern wir die Geburt der Blüte, die dann den Keim des Christus aufnehmen sollte.

[ 36 ] So ist denn das Weihnachtsfest tatsächlich ein Fest, wodurch der Mensch zweifach schauen kann: in die Vergangenheit und in die Zukunft. Denn aus der Vergangenheit ist die Blüte hervorgegangen, aus der sich der Keim für die Zukunft entwickelt. Aus der alten Erde heraus ist die dreifache Hülle des Christus geworden. Aus dem Besten, was sich die Menschen haben erringen können, ist diese dreifache Hülle des Christus zusammengeflossen und geboren worden. Und es gibt keine äußere Darstellung eines Mysteriums, die eigentlich zunächst einen gewaltigeren Eindruck auf uns machen könnte als die Darstellung gerade dieses Mysteriums: wie die schönste Blüte der Menschheit aus dem reinsten Kelche entspringen konnte.

[ 37 ] Daß die Menschheit einstmals geistig hervorgegangen ist aus dem Schoß der Gottheit, göttlich-geistig war, und sich zur Materie verdichtet hat, wie kann man es schöner darstellen als dadurch, daß man zeigt, wie allmählich das Geistige sich verdichtet, wie aus dem unbestimmten Dunkel des Geistigen der Mensch sich herausverdichter hat! Erahnend und prophetisch stellt es der alte Ägypter dar als die einstmals löwenköpfige Göttin, die noch ganz vergeistigt war, noch aus der Zeit, da der Mensch wenig verdichtet ist, fast noch im Schoße der Gottheit ätherisch-geistig ruht. Als nächste Gestalt, vorausnehmend die spätere «Madonna di San Sisto», erscheint uns in der ägyptischen Abbildung eine andere weibliche Gestalt: die Isis mit dem Horuskinde. Da sehen wir, wie dasjenige, was aus Wolken, das heißt, aus dem Geistigen geboren war, sich verdichtet hat zum Kelche, zu dem, was den in die Zukunft hinein sich entwickelnden Menschen darstellen soll. Aber ins rein Geistige gehend, sehen wir diese Vorstellung, die schon von den Alten gekannt worden ist, in der Christus-Madonna mit dem Jesuskinde.

[ 38 ] Wunderbar zart und rein hat Raffael dieses Mysterium hingehaucht, indem er zeigt, wie aus geistigen Engelsköpfen heraus sich verdichtet die Madonna - und wiederum hervorbringt die Blüte, den Jesus von Nazareth, der den Christus-Keim aufnehmen soll. Die ganze Menschheitsevolution ist in wunderbarer Weise gerade in diesem Madonnenbilde enthalten. Nicht zu verwundern ist daher, daß derjenige, der heute bei uns das erste Wort hatte, gerade der Madonna gegenüber die schönste, die herrlichste Erinnerung hatte aus demjenigen Leben heraus, von dem sein diesmaliges Leben die Erinnerung war, aus der er aufkeimen ließ in sich alle die schönen Gefühle, die herrlichen Empfindungen, die sich angliedern können an dieses ins Bild gebrachte Menschheitsmysterium, und daß ihm diese Gefühle von da heraus zu der Christus-Gebärerin selber übergingen, zu derjenigen Gestalt, die den Keim, den Kelch hervorgebracht hat, aus dem die Blüte entsprossen ist, die in sich den Keim des neuen Gottes reifen lassen konnte.

[ 39 ] Und so sehen wir, wie in diesem wunderbar begabten Novalis Gefühle schwingen, die frei aufgefaßt werden können von allem Hinschillern nach dieser oder jener Parteirichtung - gerade gegenüber diesem heiligen Mysterium, das sich abspielt in der ersten christlichen Weihnacht und das immer wiederholt wird in jeder christlichen Weihnacht: jenes Mysterium, dem gegenüber die alten Eingeweihten in der Gestalt der alten Magier ihre Opfer darbringen und dahin gehen, wo das neue Mysterium sich einlebte. Und sie opfern, die Weisen der alten Zeiten, geschmückt mit der Weisheit, die aus alten Zeiten kommt, sie opfern vor dem, was in die Zukunft hineingehen soll, was in sich bergen soll einstmals die Kraft in einem Menschen, die durch alle Welten zieht, die mit unserer Erde verbunden sind.

[ 40 ] Novalis hat empfunden das Christus-Mysterium, das MarienMysterium im Zusammenhang mit dem kosmischen Mysterium. In seiner Seele leuchtete es, wie es einstmals geleuchtet hat in der ersten christlichen Weihnacht, in welcher von denjenigen Wesenheiten, die nicht heruntergestiegen sind bis zum physischen Plan, verkündet worden ist der Zusammenhang zwischen einer kosmischen und einer irdischen Macht und zwischen dem, was im Menschenherzen und im Kosmos vorgehen kann, wenn sich das Menschenherz vereinigt mit der Christus-Wesenheit. Denn heute braucht nicht mehr verkündet zu werden, was die Ägypter sagten: Der Gott, mit dem ihr euch vereinigen sollt, lebt in jener Welt, wo man nur hinkommt, wenn man den Tod durchschreitet. - Jetzt lebt der Gott, mit dem sich der Mensch vereinigen soll, unter uns zwischen Geburt und Tod, und die Menschen können ihn finden, wenn sie ihre Seelen und ihre Herzen hier mit ihm vereinigen. Deshalb erklingt der Weihnachtston in der ersten christlichen Weihnacht:

Offenbarung durch die Höhen dem Gotte,
Ruhe und Stille
durch den Erdenfrieden,
Seligkeit
in den Menschen!

[ 41 ] Anschließend rezitierte Marie von Sivers die «Marienlieder» von Novalis.