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The Rudolf Steiner Archive

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Anthroposophy's Response
to Universal Questions
GA 108

26 October 1908 a.m., Berlin

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7. Novalis und seine «Hymnen an die Nacht»

7. Novalis and his “Hymns to the Night”

[ 1 ] Es wird jetzt eine Dichtung vorgetragen werden, für die eigentlich im tieferen Sinne eine entsprechende Stimmung nur dadurch vorhanden sein kann, daß der größte Teil der anwesenden Freunde sich in den letzten Zeiten mit der Materie der spirituellen Welt im Zusammenhange mit der ganzen geschichtlichen Entwickelung der Menschheit eingehend befaßt hat. Was hier zum Vortrag gebracht wird, bringt uns so recht zum Bewußtsein, wie Geisteswissenschaft oder Theosophie nicht etwa bloß durch die Theosophische Gesellschaft in der Welt verkündet wird, sondern daß Theosophie als Lehre, die sich begründet auf die großen okkulten Wahrheiten und Weistümer, etwas ist, was schon in alten Zeiten durch die besten Geister geflossen ist, die nach einer höheren Welt gesucht haben. Und wir können im Grunde genommen in alter und neuer Zeit so manche Persönlichkeiten finden, die uns tatsächlich zeigen, daß sie in ihren Vorstellungen, Ideen, Gefühlen und Empfindungen und in ihren Lebensgesinnungen ganz durchdrungen waren von einer Weltanschauung und aus ihr heraus wirkten, die wir eine theosophische nennen können, und daß sie im Einklang damit ihre ganze Lebenstätigkeit entfalteten. Eine solche ganz eigenartige Persönlichkeit lebte in Novalis während der letzten drei Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts.

[ 1 ] A poem is now to be recited for which, in a deeper sense, a suitable mood can only exist because the majority of the friends present have recently engaged in a thorough study of the subject matter of the spiritual world in connection with the entire historical development of humanity. What is presented here truly brings to our awareness how spiritual science or theosophy is not merely proclaimed in the world through the Theosophical Society, but that theosophy, as a teaching grounded in the great occult truths and wisdom, is something that has already flowed through the greatest minds of antiquity who sought a higher world. And we can, in fact, find many such figures in both ancient and modern times who truly demonstrate that they were, in their conceptions, ideas, feelings, and sensibilities—and in their outlook on life—completely imbued with a worldview from which they acted, one we might call theosophical, and that they unfolded their entire life activity in harmony with it. Such a truly unique personality lived in Novalis during the last three decades of the 18th century.

[ 2 ] Nicht dreißig Jahre alt geworden ist Novalis, und es ist zu hoffen, daß durch den Vortrag seiner «Hymnen an die Nacht» das Bewußtsein sich entwickeln wird, daß aus diesen Hymnen heraus spricht so vollkommen, als es in den letzten drei Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts nur möglich war - im umfassendsten Sinne gerade die Erkenntnis dieser geisteswissenschaftlichen Wahrheiten.

[ 2 ] Novalis did not live to be thirty years old, and it is to be hoped that through the recitation of his “Hymns to the Night,” an awareness will develop that these hymns express, as perfectly as was possible in the last three decades of the 18th century—in the most comprehensive sense—precisely the recognition of these spiritual-scientific truths.

[ 3 ] Aus einem der angesehensten adligen Geschlechter ist der mit seinem Profannamen Friedrich von Hardenberg genannte Novalis geboren am 2. Mai 1772. Wer Gelegenheit hat, Weimar zu besuchen, sollte nicht versäumen, die einen tiefen Eindruck machende NovalisBüste sich anzusehen. Sie gehört zu den Dokumenten des klassischen Weimar, aus denen es deutlich spricht, wieviel spirituelle Hochkultur mit dieser Zeit, mit dem Ende des 18. Jahrhunderts verbunden war. Wer sich diese eigenartige Büste ansieht, der wird, wenn er überhaupt dafür eine Empfindung hat, sogar den Eindruck bekommen, daß aus dieser, man möchte sagen, über die Sphäre niederer Menschlichkeit hinausgehenden Physiognomie sich eine Seele ausdrückt, die ganz gegründet war im Okkulten, in den spirituellen Welten. Und dabei ist Novalis eine derjenigen Persönlichkeiten, die ein lebendiger Beweis dafür sind, wie diese Spiritualität, dieses SichErheben in die höchsten für den Menschen erreichbaren geistigen Welten, vereinbar ist mit einem festen praktischen Stehen auf dem Boden der physischen Wirklichkeit. Im Grunde genommen ist Novalis niemals in argen Konflikt gekommen mit den doch ganz konservativen Traditionen, in deren Kreisen seine Familie lebte, wobei namentlich zu berücksichtigen ist, daß in dieser Familie immer eine freie Empfänglichkeit für alles Edle und Gute vorhanden war, auch wenn es als ein zunächst Unbekanntes den Leuten entgegentreten mochte.

[ 3 ] Novalis, whose secular name was Friedrich von Hardenberg, was born on May 2, 1772, into one of the most distinguished noble families. Anyone who has the opportunity to visit Weimar should not miss the chance to view the deeply impressive bust of Novalis. It is one of the monuments of classical Weimar that clearly testifies to the wealth of spiritual high culture associated with this era, with the end of the 18th century. Anyone who looks at this peculiar bust, if they are at all sensitive to such things, will indeed get the impression that from this one might say, a physiognomy that transcends the sphere of base humanity, a soul is expressed that was wholly rooted in the occult, in the spiritual worlds. And yet Novalis is one of those personalities who are living proof of how this spirituality, this ascent into the highest spiritual worlds attainable by human beings, is compatible with a firm, practical grounding in the reality of the physical world. Fundamentally, Novalis never came into serious conflict with the rather conservative traditions within whose circles his family lived, although it must be noted that this family always possessed a free receptivity to all that is noble and good, even if it might initially appear to people as something unknown.

[ 4 ] Wenn wir die Biographie von Novalis studieren - sie ist selbst ein Kunstwerk - und sie auf uns wirken lassen, so erscheint uns der Vater als eine dem Praktischen zugewendete Natur. Novalis wurde eigentlich dem bürgerlichen Leben nach für einen ganz praktischen Beruf ausgebildet, für den notwendig war die Kenntnis der Jurisprudenz und der Mathematik. Er wurde Bergingenieur. Es ist hier nicht der Ort, auszuführen, wie er gerade in diesem Berufe ein Entzücken war für die, bei denen er praktizierte. Es ist hier auch nicht die Zeit, zu zeigen, wie die mathematisch-physikalischen Wissenschaften, welche die Grundlagen zu diesem Berufe bildeten, nicht nur in aller Theorie und Praxis völlig von ihm beherrscht wurden, sondern wie er vor allem ein tüchtiger Mathematiker war. Vor allem wichtig ist es, was Novalis als spirituelle Wesenheit von der Mathematik an der inneren Gliederung seines Wesens erzielte.

[ 4 ] When we study Novalis’s biography —which is itself a work of art—and allow it to take effect on us, his father appears to us as a man of a practical disposition. Novalis was actually trained for a very practical profession in accordance with bourgeois life, one that required knowledge of jurisprudence and mathematics. He became a mining engineer. This is not the place to elaborate on how, particularly in this profession, he was a delight to those with whom he practiced. Nor is this the time to show how the mathematical and physical sciences, which formed the foundations of this profession, were not only completely mastered by him in all theory and practice, but how he was, above all, a capable mathematician. What is most important is what Novalis achieved as a spiritual being through mathematics in the inner structure of his being.

[ 5 ] Wenn Mathematik im einzelnen zeigt, wie sie geeignet macht zu einem Erheben in ein reines sinnlichkeitsfreies Denken, so haben wir, wenn es sich darum handelt, auf ein Musterbeispiel hinzuweisen, ein solches hier bei Novalis, wo die äußere Beobachtung nicht mitspricht. Ihm wurde das Leben in den Vorstellungen der Mathematik zu einem großen Gedicht, das ihn mit Entzücken erfüllte, so daß seine Seele sich erhöht empfand, wenn er sich vertiefte in die Zahlen und Größen. Sie wurde für ihn der Ausdruck des göttlichen Schaffens, des göttlichen Gedankens, wie er in den Kraftrichtungen und Kraftmaßen in den Raum hineinblitzt und sich da kristallisiert. Mathematik wurde für sein Gemüt der Weg zu dem Wärmsten, der Weg zum spirituellen Leben, während sie für die vielen Menschen, welche sie nur von außen kennen, immer etwas Kaltes bleibt. Das ist um so bedeutsamer, als uns bei Novalis diese Spiritualiät in einer Zartheit und Feinheit entgegentritt wie kaum bei irgendeinem anderen der bedeutendsten Geister.

[ 5 ] If mathematics demonstrates in detail how it enables one to rise to a pure, senseless form of thinking, then when it comes to pointing to a prime example, we find such an example here in Novalis, where external observation plays no part. For him, life in the concepts of mathematics became a great poem that filled him with delight, so that his soul felt uplifted when he immersed himself in numbers and quantities. For him, it became the expression of divine creation, of divine thought, as it flashes into space in the directions and measures of force and crystallizes there. For his mind, mathematics became the path to the warmest, the path to spiritual life, while for the many people who know it only from the outside, it always remains something cold. This is all the more significant because in Novalis this spirituality confronts us with a tenderness and subtlety rarely found in any other of the greatest minds.

[ 6 ] Novalis war ein Zeitgenosse von Goethe. Man darf aber das, was Novalis an Spirituellem in sich hatte, nicht auf gleiche Stufe stellen mit dem, was Goethe davon hatte. Goethe hatte es durch einen regelrechten, aus den höheren Welten geleiteten Gang einer Initiation bis zu einer bestimmten Stufe hin. Novalis dagegen lebte ein Leben, das man am besten bezeichnen kann, indem man sagt: Dieser junge Mann, der mit neunundzwanzig Jahren den physischen Plan verlassen hat und der dem deutschen Geiste mehr gegeben hat als hundert und tausend andere, er hat ein Leben gelebt, das eigentlich die Erinnerung war an ein vorhergehendes. Durch ein ganz bestimmtes Ereignis wurden die spirituellen Erlebnisse früherer Inkarnationen herausgetrieben, stellten sich vor die Seele hin und flossen in zarten, rhythmisch wogenden Gedichten aus dieser Seele heraus.

[ 6 ] Novalis was a contemporary of Goethe. However, one must not place what Novalis possessed of the spiritual on the same level as what Goethe possessed of it. Goethe had attained a certain level through a genuine path of initiation guided from the higher worlds. Novalis, on the other hand, lived a life that can best be described by saying: This young man, who left the physical plane at the age of twenty-nine and who gave more to the German spirit than a hundred and a thousand others, lived a life that was actually the memory of a previous one. Through a very specific event, the spiritual experiences of earlier incarnations were brought to the surface, presented themselves to the soul, and flowed out of that soul in delicate, rhythmically undulating poems.

[ 7 ] So können wir sehen, daß Novalis es verstanden hat, wie der Mensch mit seiner Seele in eine höhere Welt hineingehoben werden kann. Für Novalis gab es die Möglichkeit, zu sehen, wie das wache Tagesleben mit seinem alltäglichen Bewußtsein nur ein Ausschnitt ist im gegenwärtigen Menschheitsleben, und wie jede Seele, die des Abends für die äußere Tageswahrnehmung untertaucht in Unbewußtheit, in Wahrheit untertaucht in die spirituelle Welt. Er war fähig, tief zu empfinden, zu wissen, daß in jenen spirituellen Welten, in welche die Seele des Nachts untertaucht, die höhere spirituelle Realität ist, daß der Tag mit allen Eindrücken, selbst mit den Eindrücken von Sonne und Licht, nur ein Ausschnitt der ganzen spirituellen Wirklichkeit ist. Und die Sterne, die das Licht des Tages wie verstohlen herniedersenden während der Nacht, erschienen ihm nur wie ein schwaches Leuchten, während ihm die Wahrheit gerade des Spirituellen aufging in dem Bewußtsein, das dem Seher aufleuchtet in dem blendenden, hellen astralischen Licht, wenn er in die Nacht hinein sich im Geiste zu versetzen in der Lage ist. So gehen denn die Welten der Nacht, die wahren spirituellen Welten vor Novalis auf, und so wird ihm die Nacht unter diesem Gesichtspunkte wertvoll.

[ 7 ] Thus we can see that Novalis understood how a human being can be lifted into a higher world with his soul. For Novalis, there was the possibility of seeing how waking daily life, with its everyday consciousness, is but a fragment of present-day human existence, and how every soul, which in the evening sinks into unconsciousness from its external perception of the day, in truth sinks into the spiritual world. He was able to feel deeply, to know that in those spiritual worlds into which the soul sinks at night lies the higher spiritual reality, that the day with all its impressions, even the impressions of sun and light, is but a fragment of the whole spiritual reality. And the stars, which send down the light of day as if in secret during the night, appeared to him only as a faint glow, while the very truth of the spiritual dawned upon him in the consciousness that illuminates the seer in the dazzling, bright astral light when he is able to transport himself into the night in spirit. Thus the worlds of the night, the true spiritual worlds, open up before Novalis, and thus the night becomes precious to him from this perspective.

[ 8 ] Wodurch kam es, daß eine solche Erinnerung an frühere Inkarnationen bei ihm herauskam? Wodurch kam es, daß die Erlebnisse der okkulten Welt, die wir heute in der okkulten Erkenntnis darstellen können, bei ihm so einzigartig auftauchen konnten? Ihm hatte das Leben losgebunden von der Seele die in ihr schlummernden Weistümer früherer Inkarnationen. Man muß das Ereignis, daß diese spirituellen Erlebnisse herausgeholt hatte aus dieser Seele, selbst in das Licht einer spirituellen Betrachtung rücken, wenn man es verstehen will. Nur kindlicher Unverstand könnte dieses Ereignis in eine Linie stellen mit der Begegnung Goethes und Friederikes zu Sesenheim. Recht grobklotzig nimmt sich ein solcher Vergleich aus.

[ 8 ] How did such a memory of past incarnations come to the surface in him? How did it come about that the experiences of the occult world, which we can describe today through occult knowledge, could emerge in him in such a unique way? Life had untied from his soul the wisdom of past incarnations that lay dormant within it. One must place the event that brought these spiritual experiences forth from this soul into the light of spiritual contemplation if one wishes to understand it. Only childish ignorance could equate this event with the encounter between Goethe and Friederike at Sesenheim. Such a comparison strikes one as rather crude and clumsy.

[ 9 ] Während seines Aufenthaltes in Grüningen lernte er ein dreizehnjähriges Mädchen kennen. Und Geheimnisse der Seele spielen sich ab, die man niemals, ohne die Zartheit der Seele zu verletzen, ein Liebesverhältnis nennen darf. Im Grunde genommen haben wir in Sophie von Kühn - so hieß dieses Mädchen - etwas wie ein aus dem Leben verscheidendes Wesen. Sie wurde ja sehr bald krank und starb auch bald darauf. Indem sich der Geist losrang in Sophie von Kühn, ringen sich los in Novalis’ eigenem Innenleben die inneren spirituellen Fähigkeiten.

[ 9 ] During his stay in Grüningen, he met a thirteen-year-old girl. And mysteries of the soul unfold that one must never, without wounding the soul’s tenderness, call a love affair. In essence, in Sophie von Kühn—that was the girl’s name—we have something like a being departing from life. She fell ill very soon and died shortly thereafter. As the spirit broke free within Sophie von Kühn, the inner spiritual faculties broke free within Novalis’s own inner life.

[ 10 ] Vielleicht könnte Ihnen, wenn man sich überhaupt darauf einläßt, in keinem anderen Falle die Unfähigkeit einer an die äußere Erfahrung gebundenen Denkweise so sehr vor Augen treten als bei dem, was wir erleben mußten an der Beurteilung dieses Verhältnisses, das nur erkannt werden kann, wenn man es ganz in seiner Spiritualität zu erkennen vermag, durch unsere heutige materielle Zeit. Leute, die sagen, die Wissenschaft müsse sich auf die Dokumente stützen, sie müsse das positiv auf dem physischen Plan Erfaßbare vor allem ins Feld führen, solche Naturwissenschafter, welche die recht verzerrte Seite, die zur Farce gewordene Seite der Naturwissenschaft darstellen, haben es uns erleben lassen, daß sie glaubten, aus den Dokumenten darlegen zu können, daß im Grunde Novalis in Grüningen einer Illusion anheimgefallen sei. Schön wäre die Poesie - so sagen sie -, aber schauen wir uns die Dokumente an, schauen wir uns an, was der Herr von Rockenthien war, bei dem Sophie von Kühn lebte! - Und schauen wir uns - so sagt einer der «Novaliskenner» - einige Briefchen an, die Sophie von Kühn an Novalis geschrieben hat. Sophie von Kühn machte nicht nur in jeder Zeile, sondern fast in jedem Wort einen orthographischen Fehler! Und Novalis wäre einer großen Täuschung zum Opfer gefallen.

[ 10 ] Perhaps, if one is willing to engage with it at all, the inability of a way of thinking bound to external experience could never become so apparent to you as in what we had to experience in the judgment of this relationship—which can only be recognized if one is able to perceive it fully in its spirituality—through our present material age. People who say that science must rely on documents, that it must above all bring to bear what is positively graspable on the physical plane—such natural scientists, who represent the rather distorted side, the side of natural science that has become a farce, have made us witness how they believed they could demonstrate from the documents that, fundamentally, Novalis had fallen prey to an illusion in Grüningen. Poetry is all well and good—so they say—but let’s look at the documents, let’s look at who Mr. von Rockenthien was, with whom Sophie von Kühn lived! - And let’s look—as one of the “Novalis experts” says—at a few little letters that Sophie von Kühn wrote to Novalis. Sophie von Kühn made a spelling mistake not just in every line, but almost in every word! And Novalis is said to have fallen victim to a great deception.

[ 11 ] In Jena, wo sie im letzten Jahre untergebracht war, sah sie auch Goethe - und einen tiefen Eindruck machte sie auf Goethe! Wer nicht begreifen kann, daß diese einzigartigen Worte Goethes darüber mehr wert sind als alle Dokumente, die man aufstöbern kann da alle Dokumente lügen können -, wer, wenn er mit einem Beweis etwas zeigen will, nicht daran denkt, auch den Gegenbeweis zu erbringen, dem ist nicht zu helfen trotz all seiner Wissenschaft.

[ 11 ] In Jena, where she was staying last year, she also saw Goethe —and she made a deep impression on Goethe! Anyone who cannot grasp that these unique words of Goethe’s are worth more than any documents one might unearth—since all documents can lie—anyone who, when seeking to prove something, fails to consider providing the counterevidence as well, is beyond help despite all his scholarship.

[ 12 ] Was war dieses Ereignis für Novalis? Sophie von Kühn starb, und Novalis lebte sich etwa in die Stimmung ein: Ich sterbe ihr nach! Niemals war er von da an in seiner Seele getrennt von ihr. Ausgegossen war aus der Seele der verstorbenen Sophie von Kühn die Kraft, die ihm in der eigenen Seele die Erfahrung der Nacht vermittelte, und auf gingen ihm die großen Erlebnisse, wie er sie in seinen Dichtungen dargestellt hat.

[ 12 ] What did this event mean to Novalis? Sophie von Kühn died, and Novalis immersed himself in the mood: I am dying after her! From that moment on, he was never separated from her in his soul. The power that conveyed to him the experience of the night within his own soul had poured forth from the soul of the deceased Sophie von Kühn, and the great experiences, as he depicted them in his poems, dawned upon him.

[ 13 ] Noch einmal kreuzte ein weibliches Wesen seinen Weg: Julie von Charpentier. Sie aber war ihm nur das irdische Symbolum für die Seele der verstorbenen Sophie von Kühn. Losgelöst waren aus seiner Seele die Weistümer, die er in die «Hymnen an die Nacht» hineingegossen hat, nur durch diesen ersten Seelenbund.

[ 13 ] Once again, a woman crossed his path: Julie von Charpentier. But to him, she was merely the earthly symbol of the soul of the late Sophie von Kühn. The wisdom he poured into the “Hymns to the Night” was detached from his soul only through this first union of souls.

Hier trug Marie von Sivers (Marie Steiner) die erste und die zweite Hymne vor.

Here Marie von Sivers (Marie Steiner) recited the first and second hymns.

I

Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn, das allerfreuliche Licht — mit seinen Farben, seinen Strahlen und Wogen; seiner milden Allgegenwart, als weckender Tag. Wie des Lebens innerste Seele atmet es der rastlosen Gestirne Riesenwelt, und schwimmt tanzend in seiner blauen Flut — atmet es der funkelnde, ewigruhende Stein, die sinnige, saugende Pflanze, und das wilde, brennende, vielgestaltete Tier -vor allen aber der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, dem schwebenden Gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen. Wie ein König der irdischen Natur ruft es jede Kraft zu zahllosen Verwandlungen, knüpft und löst unendliche Bündnisse, hängt sein himmlisches Bild jedem irdischen Wesen um. — Seine Gegenwart allein offenbart die Wunderherrlichkeit der Reiche der Welt.

Abwärts wend' ich mich zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnisvollen Nacht. Fernab liegt die Welt — in eine tiefe Gruft versenkt — wüst und einsam ist ihre Stelle. In den Saiten der Brust weht tiefe Wehmut. In Tautropfen will ich hinuntersinken und mit der Asche mich vermischen. — Fernen der Erinnerung, Wünsche der Jugend, der Kindheit Träume, des ganzen langen Lebens kurze Freuden und vergebliche Hoffnungen kommen in grauen Kleidern, wie Abendnebel nach der Sonne Untergang. In andern Räumen schlug die lustigen Gezelte das Licht auf. Sollte es nie zu seinen Kindern wiederkommen, die mit der Unschuld Glauben seiner harren?

Was quillt auf einmal so ahndungsvoll unterm Herzen, und verschluckt der Wehmut weiche Luft? Hast auch du ein Gefallen an uns, dunkle Nacht? Was hältst du unter deinem Mantel, das mir unsichtbar kräftig an die Seele geht? Köstlicher Balsam träuft aus deiner Hand, aus dem Bündel Mohn. Die schweren Flügel des Gemüts hebst du empor. Dunkel und unaussprechlich fühlen wir uns bewegt — ein ernstes Antlitz seh' ich froh erschrocken, das sanft und andachtsvoll sich zu mir neigt, und unter unendlich verschlungenen Locken der Mutter liebe Jugend zeigt. Wie arm und kindisch dünkt mir das Licht nun — wie erfreulich und gesegnet des Tages Abschied — Also nur darum, weil die Nacht dir abwendig macht die Dienenden, säetest du in des Raumes Weiten die leuchtenden Kugeln, zu verkünden deine Allmacht — deine Wiederkehr — in den Zeiten deiner Entfernung. Himmlischer, als jene blitzenden Sterne, dünken uns die unendlichen Augen, die die Nacht in uns geöffnet. Weiter sehn sie, als die blässesten jener zahllosen Heere — unbedürftig des Lichts durchschaun sie die Tiefen eines liebenden Gemüts — was einen höhern Raum mit unsäglicher Wollust füllt. Preis der Weltkönigin, der hohen Verkündigerin heiliger Welten, der Pflegerin seliger Liebe — sie sendet mir dich — zarte Geliebte — liebliche Sonne der Nacht, — nun wach' ich — denn ich bin Dein und Mein — du hast die Nacht mir zum Leben verkündet — mich zum Menschen gemacht — zehre mit Geisterglut meinen Leib, daß ich lustig mit dir inniger mich mische und dann ewig die Brautnacht währt.

I

What living, sentient being does not love, above all the wondrous phenomena of the vast space around him, the most joyful light—with its colors, its rays and waves; its gentle omnipresence, like the awakening day. Like the innermost soul of life, it breathes through the restless giant world of the stars, and swims dancing in its blue flood—it breathes through the sparkling, eternally resting stone, the sentient, absorbing plant, and the wild, burning, multiform animal—but above all through the magnificent stranger with the expressive eyes, the floating gait, and the tenderly closed, resonant lips. Like a king of earthly nature, it summons every force to countless transformations, forges and breaks infinite bonds, hangs its heavenly image upon every earthly being. — Its presence alone reveals the wondrous splendor of the realms of the world.

I turned downward toward the sacred, inexpressible, mysterious night. Far away lies the world—sunk into a deep tomb—desolate and lonely is its place. Deep melancholy stirs in the strings of my breast. I wish to sink down into dewdrops and mingle with the ashes. — Distant memories, youthful desires, childhood dreams, the brief joys and vain hopes of a whole long life come in gray robes, like evening mist after the sun has set. In other realms, light dawned upon the merry gatherings. Should it never return to its children, who await it with the faith of innocence?

What wells up so forebodingly beneath the heart, and swallows the soft air of melancholy? Do you, too, take pleasure in us, dark night? What do you hold beneath your cloak that, though invisible to me, touches my soul so powerfully? Delicious balm drips from your hand, from the bundle of poppies. You lift the heavy wings of the spirit. Dark and inexpressible, we feel moved—I see a solemn face, joyfully startled, that bends toward me gently and devoutly, and beneath infinitely entwined curls reveals the mother’s tender youth. How poor and childish the light now seems to me—how joyful and blessed is the day’s farewell — So, merely because the night turns your servants away from you, you sowed the luminous spheres across the vastness of space, to proclaim your omnipotence—your return—in the times of your absence. More heavenly than those flashing stars, the infinite eyes that the night has opened within us seem to us. They see farther than the palest of those countless hosts—needing no light, they pierce the depths of a loving heart—which fills a higher space with unspeakable delight. Praise to the Queen of the World, the lofty herald of sacred worlds, the nurturer of blissful love — she sends you to me — tender beloved — lovely sun of the night, — now I am awake — for I am yours and mine — you have proclaimed the night to me as life — made me human — consume my body with spiritual fervor, that I may joyfully mingle more intimately with you and then the wedding night may last forever.

II

Muß immer der Morgen wiederkommen? Endet nie des Irdischen Gewalt? unselige Geschäftigkeit verzehrt den himmlischen Anflug der Nacht. Wird nie der Liebe geheimes Opfer ewig brennen? Zugemessen ward dem Lichte seine Zeit; aber zeitlos und raumlos ist der Nacht Herrschaft. — Ewig ist die Dauer des Schlafs. Heiliger Schlaf — beglücke zu selten nicht der Nacht Geweihte in diesem irdischen Tagewerk. Nur die Toren verkennen dich und wissen von keinem Schlafe, als dem Schatten, den du in jener Dämmerung der wahrhaften Nacht mitleidig auf uns wirfst. Sie fühlen dich nicht in der goldnen Flut der Trauben — in des Mandelbaums Wunderöl, und dem braunen Safte des Mohns. Sie wissen nicht, daß du es bist, der des zarten Mädchens Busen umschwebt und zum Himmel den Schoß macht -ahnden nicht, daß aus alten Geschichten du himmelöffnend entgegentrittst und den Schlüssel trägst zu den Wohnungen der Seligen, unendlicher Geheimnisse schweigender Bote.

II

Must morning always return? Does the power of the earthly never end? Unfortunate busyness consumes the heavenly approach of the night. Will love’s secret sacrifice never burn eternally? Time has been allotted to the light; but timeless and spaceless is the night’s dominion. — Eternal is the duration of sleep. Holy sleep — do not too rarely bless those consecrated to the night in this earthly toil. Only fools fail to recognize you and know of no sleep save the shadow you cast upon us with compassion in that twilight of the true night. They do not feel you in the golden flood of grapes—in the almond tree’s wondrous oil, and the brown sap of the poppy. They do not know that it is you who hovers around the tender maiden’s bosom and makes her lap a heaven—they do not realize that from ancient tales you step forth, opening the heavens, and bear the key to the dwellings of the blessed, silent messenger of infinite mysteries.

[ 14 ] So weit führt uns das Gedicht ein in die Welten, in denen als ein Geist Novalis lebte, wenn er innerhalb seiner Erfahrung der ewigen Weistümer war.

[ 14 ] Thus far does the poem lead us into the worlds in which Novalis lived as a spirit, when he was within his experience of eternal wisdom.

[ 15 ] Sie werden schon öfter gehört haben, daß solches Aufsteigen in die höheren Welten verknüpft ist mit einem Eindringen in noch andere Geheimnisse des Daseins. Daher mußte auch sein Blick zurückschweifen in die Zeiten urferner Vergangenheit, wo das, was jetzt in der Welt lebt, noch im Schoße der Gottheit war und noch nicht heruntergestiegen war in den irdischen Leib. Als die Seelen der Naturreiche noch in der reinen Geistigkeit lebten, die nur in der astralischen Welt zu erreichen war, da trug sich zu, was sich in gewaltigen Bildern Novalis dem Seher enthüllte, als er den Blick rückwärts wandte. Er sah die Zeit, wo die Seelen der Pflanzen, der Tiere und der Menschen noch Genossen von göttlichen Wesenheiten waren, als jene Unterbrechung des Bewußtseins noch nicht eingetreten war, die für den Menschen auftaucht in dem Wechsel zwischen Nacht und Tag - und als noch nichts vorhanden war von jener Unterbrechung, die sich ausdrückt in den Worten Geburt und Tod. Alles Leben floß im Geistig-Seelischen dahin, und die Worte Geburt und Tod hatten noch keinen Sinn für das Walten in der urfernen Vergangenheit.

[ 15 ] You will have heard many times that such an ascent into the higher worlds is linked to a penetration into yet other mysteries of existence. Therefore, his gaze also had to wander back to the times of the distant past, when that which now lives in the world was still in the bosom of the Deity and had not yet descended into the earthly body. When the souls of the natural kingdoms still lived in the pure spirituality that could only be attained in the astral world, that is when what Novalis revealed to the seer in mighty images came to pass as he turned his gaze backward. He saw the time when the souls of plants, animals, and humans were still companions of divine beings, when that interruption of consciousness had not yet occurred—which for humans appears in the alternation between night and day—and when there was still nothing of that interruption expressed in the words birth and death. All life flowed in the spiritual-soul realm, and the words birth and death had no meaning yet for the course of events in the distant past.

[ 16 ] Da schlug ein in dieses Leben der Götter und göttlichen Erdenwesen der Gedanke des Todes, und herunter in die irdische Welt ging die geistige. Verborgen wurden die Götterwesen in irdische Leiber, verzaubert wurden die Götterwesen in die Reiche der Mineralien, Pflanzen, Tiere. Aber wer fähig wird, wiederum zur spirituellen Welt zurückzugehen, der findet die Götter in allen Erscheinungen; der lernt erkennen, daß die Götter vorher verbunden waren mit den Menschen, bevor irdisches Leben da war. Und er lernt, was das Leben der Seele ist, er lernt erkennen, daß der Tag mit seinen Eindrücken ein schwacher Ausschnitt ist aus der großen Welt, deren Wesentliches die Dauer, die Ewigkeit ist. Und er lernt entzaubern, was in den Reichen der Natur schwebt.

[ 16 ] Then the thought of death struck into this life of the gods and divine earthly beings, and the spiritual world descended into the earthly world. The divine beings were concealed within earthly bodies; the divine beings were enchanted into the realms of minerals, plants, and animals. But whoever becomes capable of returning to the spiritual world finds the gods in all manifestations; they learn to recognize that the gods were once connected with human beings before earthly life existed. And they learn what the life of the soul is; they learn to recognize that the day, with its impressions, is a faint fragment of the great world whose essence is duration, eternity. And they learn to demystify what hovers in the realms of nature.

[ 17 ] Das trat in Novalis’ Seele ein, als er in seinem Ewigen mit der Seele seiner Sophie verbunden war - und ihr nachstarb. Und in diesem Nachsterben wurde der Geist lebendig. Da hatte er dieses «Stirb und Werde» erlebt, und da ging ihm auf, was er nennt seinen «magischen Idealismus».

[ 17 ] This entered Novalis’s soul when, in his Eternal, he was united with Sophie’s soul—and died after her. And in this dying after her, the spirit came alive. There he had experienced this “dying and becoming,” and there he realized what he calls his “magical idealism.”

Es folgte die Rezitation der vierten Hymne, ab Zeile 20, und des Anfangs der fünften Hymne.

This was followed by the recitation of the fourth hymn, starting at line 20, and the beginning of the fifth hymn.

III

Einst da ich bittre Tränen vergoß, da in Schmerz aufgelöst meine Hoffnung zerrann, und ich einsam stand am dürren Hügel, der in engen, dunkeln Raum die Gestalt meines Lebens barg — einsam, wie noch kein Einsamer war, von unsäglicher Angst getrieben — kraftlos, nur ein Gedanken des Elends noch. — Wie ich da nach Hilfe umherschaute, vorwärts nicht konnte und rückwärts nicht, und am fliehenden, verlöschten Leben mit unendlicher Sehnsucht hing: — da kam aus blauen Fernen — von den Höhen meiner alten Seligkeit ein Dämmerungsschauer -und mit einem Male riß das Band der Geburt — des Lichtes Fessel. Hin floh die irdische Herrlichkeit und meine Trauer mit ihr — zusammen floß die Wehmut in eine neue, unergründliche Welt — du Nachtbegeisterung, Schlummer des Himmels kamst über mich — die Gegend hob sich sacht empor; über der Gegend schwebte mein entbundner, neugeborner Geist. Zur Staubwolke wurde der Hügel — durch die Wolke sah ich die verklärten Züge der Geliebten. In ihren Augen ruhte die Ewigkeit — ich faßte ihre Hände, und die Tränen wurden ein funkelndes, unzerreißliches Band. Jahrtausende zogen abwärts in die Ferne, wie Ungewitter. An ihrem Halse weint' ich dem neuen Leben entzückende Tränen. — Es war der erste, einzige Traum — und erst seitdem fühl' ich ewigen, unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Licht, die Geliebte.

III

Once, when I shed bitter tears, when my hope dissolved in pain, and I stood alone on the barren hill that sheltered the form of my life in a narrow, dark space—alone as no one had ever been, driven by unspeakable fear—powerless, nothing but a thought of misery. — As I looked around for help, unable to move forward or backward, and clung with infinite longing to my fleeing, fading life: — then came from blue distances—from the heights of my former bliss—a twilight shiver, and at once the bond of birth—the light’s fetter—was torn. There fled earthly glory, and my sorrow with it—together the melancholy flowed into a new, unfathomable world — you, night’s rapture, slumber of heaven, came over me — the landscape rose gently; above the landscape hovered my liberated, newborn spirit. The hill became a cloud of dust — through the cloud I saw the transfigured features of my beloved. Eternity rested in her eyes—I took her hands, and the tears became a sparkling, unbreakable bond. Millennia swept downward into the distance, like thunderstorms. Upon her neck I wept tears of rapture for the new life. — It was the first, only dream — and only since then have I felt an eternal, unchanging faith in the night sky and its light, the beloved.

IV

Nun weiß ich, wenn der letzte Morgen sein wird — wenn das Licht nicht mehr die Nacht und die Liebe scheucht — wenn der Schlummer ewig und nur ein unerschöpflicher Traum sein wird. Himmlische Müdigkeit fühl' ich in mir. — Weit und ermüdend ward mir die Wallfahrt zum Heiligen Grabe, drückend das Kreuz. Die kristallene Woge, die gemeinen Sinnen unvernehmlich, in des Hügels dunkeln Schoß quillt, an dessen Fuß die irdische Flut bricht, wer sie gekostet, wer oben stand auf dem Grenzgebirge der Welt, und hinübersah in das neue Land, in der Nacht Wohnsitz — wahrlich der kehrt nicht in das Treiben der Welt zurück, in das Land, wo das Licht in ewiger Unruh' hauset.

Oben baut er sich Hütten, Hütten des Friedens, sehnt sich und liebt, schaut hinüber, bis die vollkommenste aller Stunden hinunter ihn in den Brunnen der Quelle zieht — das Irdische schwimmt obenauf, wird von Stürmen zurückgeführt, aber was heilig durch der Liebe Berührung ward, rinnt aufgelöst in verborgenen Gängen auf das jenseitige Gebiet, wo es, wie Düfte, sich mit entschlummerten Lieben mischt. Noch weckst du, muntres Licht, den Müden zur Arbeit — flößest fröhliches Leben mir ein — aber du lockst mich von der Erinnerung moosigem Denkmal nicht. Gern will ich die fleißigen Hände rühren, überall umschaun, wo du mich brauchst — rühmen deines Glanzes volle Pracht — unverdrossen verfolgen deines künstlichen Werks schönen Zusammenhang — gern betrachten deiner gewaltigen, leuchtenden Uhr sinnvollen Gang — ergründen der Kräfte Ebenmaß und die Regeln des Wunderspiels unzähliger Räume und ihrer Zeiten. Aber getreu der Nacht bleibt mein geheimes Herz, und der schaffenden Liebe, ihrer Tochter. Kannst du mir zeigen ein ewig treues Herz? hat deine Sonne freundliche Augen, die mich erkennen? fassen deine Sterne meine verlangende Hand? geben mir wieder den zärtlichen Druck und das kosende Wort? hast du mit Farben und leichtem Umriß sie geziert -oder war _sie_ es, die deinem Schmuck höhere, liebere Bedeutung gab? Welche Wollust, welchen Genuß bietet dein Leben, die aufwögen des Todes Entzückungen? Trägt nicht alles, was uns begeistert, die Farbe der Nacht? Sie trägt dich mütterlich, und ihr verdankst du all deine Herrlichkeit. Du verflögst in dir selbst — in endlosen Raum zergingst du, wenn sie dich nicht hielte, dich nicht bände, daß du warm würdest und flammend die Welt zeugtest. Wahrlich ich war, eh' du warst — die Mutter schickte mit meinen Geschwistern mich, zu bewohnen deine Welt, sie zu heiligen mit Liebe, daß sie ein ewig angeschautes Denkmal werde — zu bepflanzen sie mit unverwelklichen Blumen. Noch reiften sie nicht, diese göttlichen Gedanken — Noch sind der Spuren unserer Offenbarung wenig — Einst zeigt deine Uhr das Ende der Zeit, wenn du wirst wie unsereiner, und voll Sehnsucht und Inbrunst auslöschest und stirbst. In mir fühl' ich deiner Geschäftigkeit Ende — himmlische Freiheit, selige Rückkehr. In wilden Schmerzen erkenn' ich deine Entfernung von unsrer Heimat, deinen Widerstand gegen den alten, herrlichen Himmel. Deine Wut und dein Toben ist vergebens. Unverbrennlich steht das Kreuz — eine Siegesfahne unsers Geschlechts.

Hinüber wall' ich,
Und jede Pein
Wird einst ein Stachel
Der Wollust sein.
Noch wenig Zeiten,
So bin ich los,
Und liege trunken
Der Lieb' im Schoß.
Unendliches Leben
Wogt mächtig in mir,
Ich schaue von oben
Herunter nach dir.
An jenem Hügel
Verlischt dein Glanz —
Ein Schatten bringet
Den kühlenden Kranz.
O! sauge, Geliebter,
Gewaltig mich an,
Daß ich entschlummern
Und lieben kann.
Ich fühle des Todes
Verjüngende Flut,
Zu Balsam und Äther
Verwandelt mein Blut —
Ich lebe bei Tage
Voll Glauben und Mut
Und sterbe die Nächte
In heiliger Glut.

IV

Now I know when the last morning will be—when the light no longer drives away the night and love—when slumber will be eternal and nothing but an inexhaustible dream. I feel heavenly weariness within me. — Far and wearying was my pilgrimage to the Holy Sepulcher, bearing the cross. The crystalline wave, inaudible to the common senses, wells up into the dark bosom of the hill, at whose foot the earthly flood breaks; whoever has tasted it, whoever stood atop the world’s border mountain and looked across to the new land, the abode of the night—truly, he does not return to the bustle of the world, to the land where light dwells in eternal unrest.

Up there he builds himself huts, huts of peace, yearns and loves, gazes across, until the most perfect of all hours draws him down into the well of the spring—the earthly floats on top, is driven back by storms, but what has been sanctified by love’s touch flows, dissolved, through hidden passages into the realm beyond, where, like fragrances, it mingles with slumbering loves. Still you rouse, cheerful light, the weary to work—instilling joyful life within me—but you do not lure me away from memory’s moss-covered monument. Gladly will I move my diligent hands, look around wherever you need me—praise the full splendor of your radiance — undaunted, I follow the beautiful interplay of your artificial work — gladly I observe the meaningful course of your mighty, luminous clock — I fathom the balance of forces and the rules of the wondrous play of countless spaces and their times. But my secret heart remains faithful to the night, and to creative love, its daughter. Can you show me a heart eternally faithful? Does your sun have friendly eyes that recognize me? Do your stars grasp my longing hand? Do they give me back the tender touch and the caressing word? Have you adorned them with colors and light outlines—or was it she who gave your adornment a higher, dearer meaning? What delight, what pleasure does your life offer that outweighs the raptures of death? Does not everything that inspires us bear the color of the night? She carries you maternally, and to her you owe all your glory. You would vanish into yourself—you would dissolve into endless space—if she did not hold you, did not bind you, so that you might grow warm and, ablaze, bring forth the world. Truly I was before you were—the Mother sent me with my siblings to inhabit your world, to sanctify it with love, that it might become an eternally beheld monument—to plant it with unfading flowers. Yet these divine thoughts have not yet ripened—there are still few traces of our revelation—one day your clock will show the end of time, when you will become like us, and, full of longing and fervor, you will extinguish yourself and die. Within me I feel the end of your busyness—heavenly freedom, blissful return. In wild agony I recognize your separation from our homeland, your resistance against the ancient, glorious heaven. Your rage and your raging are in vain. The cross stands unburnable—a banner of victory for our race.

I surge across,
And every torment
Will one day be a thorn
Of voluptuousness.
A little while yet,
Then I am free,
And lie drunk
In the bosom of love.
Infinite life
Surges mightily within me,
I look down from above
Upon you.
On that hill
Your radiance fades—
A shadow brings
The cooling wreath.
O! Drink, my beloved,
Deeply of me,
That I may slumber
And love.
I feel death’s
Rejuvenating flood,
Transforming my blood
Into balm and ether —
I live by day
Full of faith and courage
And die at night
In holy fervor.

[ 18 ] So konnte Novalis hineinschauen in die Zeiten, in denen die Götter unter den Menschen waren, als alles geistig sich abspielte, als noch nicht die Geister und Seelen heruntergestiegen waren in irdische Leiber. So konnte er sehen den Übergang: wie der Tod einschlug in die Welt, und wie der Mensch in jenen Zeiten den Tod darstellte in seiner irdischen Abschattung und wie er ihn durch Phantasie, durch Kunst zu verschönen suchte. Aber Rätsel blieb der Tod.

[ 18 ] Thus Novalis was able to look back into the times when the gods were among men, when everything unfolded spiritually, when spirits and souls had not yet descended into earthly bodies. Thus he could see the transition: how death struck the world, and how man in those times depicted death in its earthly shadow, and how he sought to beautify it through imagination, through art. But death remained a mystery.

[ 19 ] Da trat etwas ein von universeller Bedeutung. Und Novalis konnte schauen die universelle Bedeutung dessen, was damals in der Welt geschah. Heruntergestiegen waren die Seelen der Reiche der Natur in die Welt. Vergessen war die Erinnerung an den geistigen Urgrund des Daseins, doch war geblieben eine besondere geistige Wesenheit in diesem universellen Mutterschoß, aus dem alles heruntergestiegen war. Eine Wesenheit war vorläufig zurückgeblieben; sie hatte sich drobengehalten und nur vorläufig ihre Gabe der Gnade heruntergeschickt, um dann, wenn die Menschheit es am meisten brauchen würde, selber herunterzusteigen in die irdische Sphäre. Es war geblieben in der Sphäre der Geistigkeit oben das Wesen des geistigen Lichtes, jenes Wesen, das sich hinter dem physischen Sonnenwesen verbarg. Es hält sich in himmlischen Sphären und steigt herunter, wenn die Menschheit es braucht, auf daß diese wieder hinaufgetragen werden könne in die geistigen Welten. Und es stieg herunter, als mit dem Mysterium von Golgatha der Christus in einem physischen Menschenleib erschien.

[ 19 ] Then something of universal significance entered. And Novalis could perceive the universal significance of what was happening in the world at that time. The souls of the realms of nature had descended into the world. The memory of the spiritual source of existence had been forgotten, yet a special spiritual being had remained in this universal womb from which everything had descended. One being had remained behind for the time being; it had remained above and had only temporarily sent down its gift of grace, so that when humanity needed it most, it might itself descend into the earthly sphere. The being of spiritual light had remained in the sphere of spirituality above, that being which hid itself behind the physical solar being. It dwells in the heavenly spheres and descends when humanity needs it, so that humanity may once again be carried up into the spiritual worlds. And it descended when, with the Mystery of Golgotha, the Christ appeared in a physical human body.

[ 22 ] Man begreift diesen Christus in seiner universellen Entfaltung, wenn man dasjenige, was in dem Jesus von Nazareth lebte, hinaufverfolgt bis zu seinem geistigen Ursprung, bis zu jenem geistigen Lichte. Dann begreift man auch, wie dieses einbezogen war in dasjenige, was das unenträtselbare Rätsel des Todes war. Als ein sinnender Jüngling erschien dem griechischen Geiste der Tod, als ein Rätsel, das nicht gelöst werden konnte. Aber auch der Grieche erahnte, daß das Rätsel, welches sich in der Seele dieses Jünglings birgt, seine Lösung gefunden hat mit dem Ereignis von Golgatha, daß da das Leben den Sieg über den Tod davongetragen hat, und daß dadurch ein neuer Einschlag der Menschheit gegeben war.

[ 20 ] One comprehends this Christ in his universal unfolding when one traces what lived in Jesus of Nazareth back to its spiritual origin, to that spiritual light. Then one also understands how this was involved in what was the inscrutable mystery of death. To the Greek mind, death appeared as a pondering youth, as a riddle that could not be solved. But the Greeks, too, sensed that the riddle hidden in the soul of this youth had found its solution in the event of Golgotha, that there life had triumphed over death, and that this had marked a new turning point for humanity.

[ 21 ] Das konnte Novalis schauen; und dadurch erhielt er den Mysterienglauben, das Mysterienwissen über den Stern, der die alten magischen Weisen geführt hat. Da wurde ihm das ganze Wesen dessen klar, was der Christus-Tod bedeutet. Da enthüllte sich ihm in der Nacht des Seelischen das Rätsel des Todes, das Rätsel des Christus. Da war es, daß diese eigenartige Individualität wissen lernte - durch ihre Erinnerung an die früheren Leben -, was der Christus, was das Ereignis von Golgatha für die Welt bedeutete.

[ 21 ] Novalis was able to perceive this; and through this he received the faith in the mysteries, the mystical knowledge of the star that guided the ancient magical sages. Then the whole essence of what the death of Christ signifies became clear to him. There, in the night of the soul, the mystery of death, the mystery of Christ, was revealed to him. It was then that this unique individual came to know—through her memory of past lives—what Christ, what the event of Golgotha, meant for the world.

Anschließend rezitierte Marie von Sivers (Marie Steiner) den Schluß der fünften und die sechste Hymne.

Following this, Marie von Sivers (Marie Steiner) recited the conclusion of the fifth and the sixth hymn.

V

Über der Menschen weitverbreitete Stämme herrschte vorzeiten ein eisernes Schicksal mit stummer Gewalt. Eine dunkle, schwere Binde lag um ihre bange Seele — Unendlich war die Erde — der Götter Aufenthalt, und ihre Heimat. Seit Ewigkeiten stand ihr geheimnisvoller Bau. Über des Morgens roten Bergen, in des Meeres heiligem Schoß wohnte die Sonne, das allzündende, lebendige Licht. Ein alter Riese trug die selige Welt. Fest unter Bergen lagen die Ursöhne der Mutter Erde. Ohnmächtig in ihrer zerstörenden Wut gegen das neue herrliche Göttergeschlecht und dessen Verwandten, die fröhlichen Menschen. Des Meers dunkle, grüne Tiefe war einer Göttin Schoß. In den kristallenen Grotten schwelgte ein üppiges Volk. Flüsse, Bäume, Blumen und Tiere hatten menschlichen Sinn. Süßer schmeckte der Wein von sichtbarer Jugendfülle geschenkt — ein Gott in den Trauben — eine liebende, mütterliche Göttin, emporwachsend in vollen goldenen Garben — der Liebe heil'ger Rausch ein süßer Dienst der schönsten Götterfrau — ein ewig buntes Fest der Himmelskinder und der Erdbewohner rauschte das Leben, wie ein Frühling, durch die Jahrhunderte hin — Alle Geschlechter verehrten kindlich die zarte, tausendfältige Flamme als das Höchste der Welt. Ein Gedanke nur war es. Ein entsetzliches Traumbild,

V

Over the widely scattered tribes of humanity, an iron fate once reigned with silent force. A dark, heavy veil lay over their anxious souls—the Earth was infinite—the abode of the gods and their homeland. For ages its mysterious structure had stood. Above the red mountains of the morning, in the sacred bosom of the sea, dwelt the sun, the all-igniting, living light. An ancient giant bore the blissful world. Firmly beneath the mountains lay the primordial sons of Mother Earth. Powerless in their destructive fury against the new, glorious race of gods and their kin, the joyful humans. The sea’s dark, green depths were a goddess’s bosom. In the crystalline grottoes, a lush people reveled. Rivers, trees, flowers, and animals possessed human reason. Sweeter tasted the wine, a gift of visible youthful abundance—a god in the grapes — a loving, maternal goddess, rising up in full golden sheaves — the holy intoxication of love, a sweet service of the fairest goddess — an eternally colorful festival of the children of heaven and the inhabitants of earth, life surged, like a spring, through the centuries — All generations childlike revered the tender, manifold flame as the highest thing in the world. It was but a thought. A dreadful dream image,

Das furchtbar zu den frohen Tischen trat
Und das Gemüt in wilde Schrecken hüllte.
Hier wußten selbst die Götter keinen Rat,
Der die beklommne Brust mit Trost erfüllte.
Geheimnisvoll war dieses Unholds Pfad,
Des Wut kein Flehn und keine Gabe stillte;
Es war der Tod, der dieses Lustgelag'
Mit Angst und Schmerz und Tränen unterbrach.

Auf ewig nun von allem abgeschieden,
Was hier das Herz in süßer Wollust regt,
Getrennt von den Geliebten, die hienieden
Vergebne Sehnsucht, langes Weh bewegt,
Schien matter Traum dem Toten nur beschieden,
Ohnmächt'ges Ringen nur ihm auferlegt.
Zerbrochen war die Woge des Genusses
Am Felsen des unendlichen Verdrusses.

Mit kühnem Geist und hoher Sinnenglut
Verschönte sich der Mensch die grause Larve,
Ein sanfter Jüngling löscht das Licht und ruht —
Sanft wird das Ende, wie ein Wehn der Harfe.
Erinnrung schmilzt in kühler Schattenflut,
So sang das Lied dem traurigen Bedarfe.
Doch unenträtselt blieb die ew'ge Nacht,
Das ernste Zeichen einer fernen Macht.

That approached the joyful tables with terror
And shrouded the mind in wild dread.
Here even the gods knew no counsel,
That filled the anxious breast with comfort.
Mysterious was this monster’s path,
Whose fury no plea and no gift could quell;
It was Death who interrupted this feast of pleasure
With fear and pain and tears.

Now forever separated from all things,
That which here stirs the heart in sweet delight,
Separated from the beloved ones who here below
Are moved by vain longing and long sorrow,
A faint dream seemed to be the dead man’s only lot,
Only powerless struggle imposed upon him.
The wave of pleasure was shattered
Against the rock of endless vexation.

With a bold spirit and a fervent passion
Man embellished the hideous mask,
A gentle youth extinguishes the light and rests —
Gentle is the end, like a breath of the harp.
Memory melts in a cool flood of shadows,
So sang the song to the sad need.
Yet the eternal night remained unsolved,
The solemn sign of a distant power.

Zu Ende neigte die alte Welt sich. Des jungen Geschlechts Lustgarten verwelkte — hinauf in den freieren, wüsten Raum strebten die unkindlichen, wachsenden Menschen. Die Götter verschwanden mit ihrem Gefolge — Einsam und leblos stand die Natur. Mit eiserner Kette band sie die dürre Zahl und das strenge Maß. Wie in Staub und Lüfte zerfiel in dunkle Worte die unermeßliche Blüte des Lebens. Entflohn war der beschwörende Glauben, und die allverwandelnde, allverschwisternde Himmelsgenossin, die Phantasie. Unfreundlich blies ein kalter Nordwind über die erstarrte Flur, und die erstarrte Wunderheimat verflog in den Äther. Des Himmels Fernen füllten mit leuchtenden Welten sich. Ins tiefre Heiligtum, in des Gemüts höhern Raum zog mit ihren Mächten die Seele der Welt — zu walten dort bis zum Anbruch der tagenden Weltherrlichkeit. Nicht mehr war das Licht der Götter Aufenthalt und himmlisches Zeichen — den Schleier der Nacht warfen sie über sich. Die Nacht ward der Offenbarungen mächtiger Schoß — in ihn kehrten die Götter zurück — schlummerten ein, um in neuen herrlichern Gestalten auszugehn über die veränderte Welt. Im Volk, das vor allen verachtet zu früh reif und der seligen Unschuld der Jugend trotzig fremd geworden war, erschien mit nie gesehenem Angesicht die neue Welt — In der Armut dichterischer Hütte — Ein Sohn der ersten Jungfrau und Mutter -Geheimnisvoller Umarmung unendliche Frucht. Des Morgenlands ahndende, blütenreiche Weisheit erkannte zuerst der neuen Zeit Beginn — Zu des Königs demütiger Wiege wies ihr ein Stern den Weg. In der weiten Zukunft Namen huldigten sie ihm mit Glanz und Duft, den höchsten Wundern der Natur. Einsam entfaltete das himmlische Herz sich zu einem Blütenkelch allmächtger Liebe — des Vaters hohem Antlitz zugewandt und ruhend an dem ahndungssel'gen Busen der lieblich-ernsten Mutter. Mit vergötternder Inbrunst schaute das weissagende Auge des blühenden Kindes auf die Tage der Zukunft, nach seinen Geliebten, den Sprossen seines Götterstamms, unbekümmert über seiner Tage irdisches Schicksal. Bald sammelten die kindlichsten Gemüter von inniger Liebe wundersam ergriffen sich um ihn her. Wie Blumen keimte ein neues fremdes Leben in seiner Nähe. Unerschöpfliche Worte und der Botschaften fröhlichste fielen wie Funken eines göttlichen Geistes von seinen freundlichen Lippen. Von ferner Küste, unter Hellas' heiterm Himmel geboren, kam ein Sänger nach Palästina und ergab sein ganzes Herz dem Wunderkinde:

The old world drew to a close. The pleasure garden of the young race withered—upward into the freer, wild space strove the unchildlike, growing humans. The gods vanished with their retinue—nature stood lonely and lifeless. With an iron chain, she bound the meager number and the strict measure. As if into dust and air, the immeasurable bloom of life crumbled into dark words. Gone was the invoking faith, and the all-transforming, all-uniting heavenly companion, the imagination. A cold north wind blew unkindly over the frozen field, and the frozen homeland of wonders vanished into the ether. The distant reaches of the heavens filled with luminous worlds. Into the deeper sanctuary, into the higher realm of the mind, the soul of the world withdrew with its powers—to reign there until the dawn of the world’s glorious day. No longer was the light of the gods a dwelling place or a heavenly sign—they cast the veil of night over themselves. The night became the mighty womb of revelations—into it the gods returned—slumbered, to emerge in new, more glorious forms upon the transformed world. Among the people, who had matured too soon and become defiantly estranged from the blissful innocence of youth, the new world appeared with a face never before seen—in the poverty of a humble hut—a son of the first virgin and mother—the infinite fruit of a mysterious embrace. The blooming wisdom of the East, foreshadowing the dawn, first recognized the beginning of the new age — A star showed her the way to the king’s humble cradle. In the distant future, names paid homage to him with splendor and fragrance, the highest wonders of nature. Lonely, the heavenly heart unfolded into a calyx of almighty love—turned toward the Father’s lofty countenance and resting upon the prophetic bosom of the lovely -serious mother. With adoring fervor, the prophetic eye of the blossoming child gazed upon the days of the future, toward his beloved ones, the offspring of his divine lineage, unconcerned with the earthly fate of his days. Soon the most childlike spirits, wondrously moved by deep love, gathered around him. Like flowers, a new, foreign life sprouted in his presence. Inexhaustible words and the most joyful of messages fell like sparks of a divine spirit from his friendly lips. From a distant shore, born beneath Hellas’s serene sky, a singer came to Palestine and surrendered his whole heart to the child of wonder:

Der Jüngling bist du, der seit langer Zeit
Auf unsern Gräbern steht in tiefen Sinnen;
Ein tröstlich Zeichen in der Dunkelheit —
Der höhern Menschheit freudiges Beginnen.
Was uns gesenkt in tiefe Traurigkeit,
Zieht uns mit süßer Sehnsucht nun von hinnen.
Im Tode ward das ew'ge Leben kund,
Du bist der Tod und machst uns erst gesund.

You are the youth who for a long time
Has stood upon our graves in deep contemplation;
A comforting sign in the darkness —
The joyful beginning of a higher humanity.
What has cast us into deep sorrow,
Now draws us away with sweet longing.
In death, eternal life was revealed,
You are death, and you are the one who first heals us.

Der Sänger zog voll Freudigkeit nach Indostan — das Herz von süßer Liebe trunken; und schüttete in feurigen Gesängen es unter jenem milden Himmel aus, daß tausend Herzen sich zu ihm neigten, und die fröhliche Botschaft tausendzweigig emporwuchs. Bald nach des Sängers Abschied ward das köstliche Leben ein Opfer des menschlichen tiefen Verfalls — Er starb in jungen Jahren, weggerissen von der geliebten Welt, von der weinenden Mutter und seinen zagenden Freunden. Der unsäglichen Leiden dunkeln Kelch leerte der liebliche Mund — In entsetzlicher Angst nahte die Stunde der Geburt der neuen Welt. Hart rang er mit des alten Todes Schrecken — Schwer lag der Druck der alten Welt auf ihm. Noch einmal sah er freundlich nach der Mutter — da kam der ewigen Liebe lösende Hand — und er entschlief. Nur wenig Tage hing ein tiefer Schleier über das brausende Meer, über das bebende Land — unzählige Tränen weinten die Geliebten — Entsiegelt ward das Geheimnis — himmlische Geister hoben den uralten Stein vom dunkeln Grabe. Engel saßen bei dem Schlummernden — aus seinen Träumen zartgebildet — Erwacht in neuer Götterherrlichkeit erstieg er die Höhe der neugebornen Welt — begrub mit eigner Hand den alten Leichnam in die verlaßne Höhle, und legte mit allmächtiger Hand den Stein, den keine Macht erhebt, darauf.

Noch weinen deine Lieben Tränen der Freude, Tränen der Rührung und des unendlichen Danks an deinem Grabe — sehn dich noch immer, freudig erschreckt, auferstehn — und sich mit dir; sehn dich weinen mit süßer Inbrunst an der Mutter seligem Busen, ernst mit den Freunden wandeln, Worte sagen, wie vom Baum des Lebens gebrochen; sehen dich eilen mit voller Sehnsucht in des Vaters Arm, bringend die junge Menschheit, und der goldnen Zukunft unversieglichen Becher. Die Mutter eilte bald dir nach — in himmlischem Triumph — Sie war die Erste in der neuen Heimat bei dir. Lange Zeiten entflossen seitdem, und in immer höherm Glanze regte deine neue Schöpfung sich — und Tausende zogen aus Schmerzen und Qualen, voll Glauben und Sehnsucht und Treue dir nach — walten mit dir und der himmlischen Jungfrau im Reiche der Liebe — dienen im Tempel des himmlischen Todes und sind in Ewigkeit dein.

The singer journeyed joyfully to Indostan—his heart intoxicated with sweet love; and poured it out in fiery songs beneath that gentle sky, so that a thousand hearts turned toward him, and the joyful message grew upward in a thousand branches. Soon after the singer’s departure, that precious life fell victim to humanity’s deep decay—he died in his youth, torn away from the beloved world, from his weeping mother and his timid friends. The lovely mouth emptied the dark chalice of unspeakable suffering—in terrible anguish, the hour of the new world’s birth drew near. He struggled hard against the terrors of the old death—the weight of the old world lay heavily upon him. Once more he looked kindly upon his mother—then came the liberating hand of eternal love—and he fell asleep. For but a few days a deep veil hung over the roaring sea, over the trembling land—countless tears were shed by his loved ones—the mystery was unsealed—heavenly spirits lifted the ancient stone from the dark grave. Angels sat by the slumbering one—gently formed from his dreams—awakened in new divine glory, he ascended to the heights of the newborn world—with his own hand he buried the old corpse in the abandoned cave, and with an almighty hand placed the stone, which no power can lift, upon it.

Still your loved ones weep tears of joy, tears of emotion and endless thanks at your grave—still long to see you, joyfully startled, rise again—and rise with you; long to see you weep with sweet fervor at your mother’s blessed bosom, walk solemnly with friends, speak words as if plucked from the tree of life; they see you hastening with full longing into the Father’s arms, bringing young humanity and the inexhaustible cup of the golden future. The Mother soon hastened after you—in heavenly triumph — She was the first to be with you in the new homeland. Long ages have passed since then, and in ever greater splendor your new creation stirred—and thousands, emerging from pain and torment, full of faith, longing, and loyalty, followed you — to reign with you and the heavenly Virgin in the realm of love — to serve in the temple of heavenly death and be yours for eternity.

Gehoben ist der Stein —
Die Menschheit ist erstanden —
Wir alle bleiben dein
Und fühlen keine Banden.
Der herbste Kummer fleucht
Vor deiner goldnen Schale,
Wenn Erd' und Leben weicht,
Im letzten Abendmahle.

Zur Hochzeit ruft der Tod —
Die Lampen brennen helle —
Die Jungfraun sind zur Stelle —
Um Öl ist keine Not —
Erklänge doch die Ferne
Von deinem Zuge schon,
Und ruften uns die Sterne
Mit Menschenzung' und Ton.

Nach dir, Maria, heben
Schon tausend Herzen sich.
In diesem Schattenleben
Verlangten sie nur dich.
Sie hoffen zu genesen
Mit ahndungsvoller Lust —
Drückst du sie, heil'ges Wesen,
An deine treue Brust.

So manche, die sich glühend
In bittrer Qual verzehrt
Und dieser Welt entfliehend
Nach dir sich hingekehrt;
Die hilfreich uns erschienen
In mancher Not und Pein —
Wir kommen nun zu ihnen,
Um ewig da zu sein.

Nun weint an keinem Grabe,
Für Schmerz, wer liebend glaubt,
Der Liebe süße Habe
Wird keinem nicht geraubt —
Die Sehnsucht ihm zu lindern,
Begeistert ihn die Nacht —
Von treuen Himmelskindern
Wird ihm sein Herz bewacht.

Getrost, das Leben schreitet
Zum ew'gen Leben hin;
Von innrer Glut geweitet
Verklärt sich unser Sinn.
Die Sternwelt wird zerfließen
Zum goldnen Lebenswein,
Wir werden sie genießen
Und lichte Sterne sein.

Die Lieb' ist freigegeben,
Und keine Trennung mehr.
Es wogt das volle Leben
Wie ein unendlich Meer.
Nur _eine_ Nacht der Wonne —
Ein ewiges Gedicht —
Und unser aller Sonne
Ist Gottes Angesicht.

The stone has been lifted —
Humanity has risen —
We all remain yours
And feel no bonds.
The harshest sorrow flees
Before your golden chalice,
When earth and life fade away,
At the Last Supper.

Death calls to the wedding —
The lamps burn bright —
The virgins are at their posts —
There is no lack of oil —
If only the distance
Already echoed with your procession,
And the stars called to us
With human tongues and sound.

Toward you, Mary,
A thousand hearts already rise.
In this shadow life
They longed only for you.
They hope to be healed
With a longing full of anticipation —
If you, holy being,
Press them to your faithful breast.

So many who, burning with passion
Consumed by bitter torment
And fleeing this world
Turned to you;
Who appeared to us as helpers
In many a time of need and pain —
We now come to them,
To be there forever.

Now weep at no grave,
For pain, whoever believes with love,
The sweet possession of love
Shall not be stolen from anyone—
To soothe his longing,
The night inspires him—
By faithful children of heaven
His heart is guarded.

Take heart, life marches on
Toward eternal life;
Expanded by inner fervor
Our spirit is transfigured.
The world of stars will dissolve
Into the golden wine of life,
We will enjoy it
And be bright stars.

Love is set free,
And there is no more separation.
Full life surges
Like an endless sea.
Just _one_ night of bliss —
An eternal poem —
And the sun for us all
Is God’s face.

VI. Sehnsucht nach dem Tode

Hinunter in der Erde Schoß,
Weg aus des Lichtes Reichen,
Der Schmerzen Wut und wilder Stoß
Ist froher Abfahrt Zeichen.
Wir kommen in dem engen Kahn
Geschwind am Himmelsufer an.

Gelobt sei uns die ew'ge Nacht,
Gelobt der ew'ge Schlummer.
Wohl hat der Tag uns warm gemacht,
Und welk der lange Kummer.
Die Lust der Fremde ging uns aus,
Zum Vater wollen wir nach Haus.

Was sollen wir auf dieser Welt
Mit unsrer Lieb' und Treue.
Das Alte wird hintangestellt,
Was soll uns dann das Neue.
O! einsam steht und tiefbetrübt,
Wer heiß und fromm die Vorzeit liebt.

Die Vorzeit, wo die Sinne licht
In hohen Flammen brannten,
Des Vaters Hand und Angesicht
Die Menschen noch erkannten,
Und hohen Sinns, einfältiglich
Noch mancher seinem Urbild glich.

Die Vorzeit, wo noch blütenreich
Uralte Stämme prangten,
Und Kinder für das Himmelreich
Nach Qual und Tod verlangten.
Und wenn auch Lust und Leben sprach,
Doch manches Herz für Liebe brach.

Die Vorzeit, wo in Jugendglut
Gott selbst sich kundgegeben
Und frühem Tod in Liebesmut
Geweiht sein süßes Leben.
Und Angst und Schmerz nicht von sich trieb,
Damit er uns nur teuer blieb.

Mit banger Sehnsucht sehn wir sie
In dunkle Nacht gehüllet,
In dieser Zeitlichkeit wird nie
Der heiße Durst gestillet.
Wir müssen nach der Heimat gehn,
Um diese heil'ge Zeit zu sehn.

Was hält noch unsre Rückkehr auf,
Die Liebsten ruhn schon lange.
Ihr Grab schließt unsern Lebenslauf,
Nun wird uns weh und bange.
Zu suchen haben wir nichts mehr —
Das Herz ist satt — die Welt ist leer.

Unendlich und geheimnisvoll
Durchströmt uns süßer Schauer —
Mir deucht, aus tiefen Fernen scholl
Ein Echo unsrer Trauer
Die Lieben sehnen sich wohl auch
Und sandten uns der Sehnsucht Hauch.

Hinunter zu der süßen Braut,
Zu Jesus, dem Geliebten —
Getrost, die Abenddämmrung graut
Den Liebenden, Betrübten.
Ein Traum bricht unsre Banden los
Und senkt uns in des Vaters Schoß.

VI. Longing for Death

Down into the earth’s bosom,
Away from the realm of light,
The fury of pain and wild assault
Is a sign of joyful departure.
We arrive in the narrow boat
Swiftly at the heavenly shore.

Blessed be the eternal night,
Blessed be the eternal slumber.
The day has warmed us well,
And the long sorrow has withered.
Our desire for foreign lands has faded,
We want to go home to the Father.

What do we have in this world
With our love and faithfulness.
The old is cast aside,
What then is the new to us?
O! Lonely and deeply sorrowful stands
Whoever loves the past with fervor and piety.

The past, when the senses lightly
Burned in high flames,
The Father’s hand and face
People still recognized,
And of noble spirit, simple
Many still resembled their archetype.

The past, when still in full bloom
Ancient lineages flourished,
And children for the Kingdom of Heaven
Longed for torment and death.
And though pleasure and life spoke,
Yet many a heart broke for love.

The ancient times, when in the fervor of youth
God Himself revealed Himself
And in the courage of love
Consecrated His sweet life to early death.
And did not drive away fear and pain,
So that He might remain dear to us.

With anxious longing we gaze upon them
Enveloped in dark night,
In this earthly life, never
Will the burning thirst be quenched.
We must journey to our homeland,
To behold this holy time.

What still holds back our return,
Our loved ones have long since rested.
Their grave closes our life’s journey,
Now we feel sorrow and dread.
We have nothing left to seek—
The heart is full—the world is empty.

Infinite and mysterious
A sweet shiver flows through us—
It seems to me, from deep distances
An echo of our sorrow
Our loved ones surely long as well
And sent us the breath of longing.

Down to the sweet bride,
To Jesus, the Beloved—
Take comfort, as evening twilight falls
Upon the lovers, the sorrowful.
A dream breaks our bonds
And lowers us into the Father’s bosom.