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The Rudolf Steiner Archive

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Anthroposophy's Response
to Universal Questions
GA 108

10 June 1908, Düsseldorf

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Die Beantwortung von Welt- und Lebensfragen, 3rd ed.
  1. Anthroposophy's Response to Universal Questions, tr. SOL

17. Friedrich Nietzsche im Lichte der Geisteswissenschaft

17. Friedrich Nietzsche im Lichte der Geisteswissenschaft

[ 1 ] Heute darf ich beginnen mit einem eigenen Erlebnis. Es war mir einmal die Gelegenheit gegeben, nachmittags, etwa um zwei Uhr, einen Mann zu besuchen. Dieser liegt auf einem Ruhebett und er scheint zunächst so in die eigenen Gedanken versunken, daß er nicht bemerkt, daß ich und ein anderer eingetreten sind. Er sinnt weiter und scheint nicht die Umstehenden zu beachten. Man kann - und ich bitte, jedes Wort auf die Waagschale zu legen - den Eindruck empfangen, man stehe vor einem Menschen, welcher den ganzen Vormittag intensiv mit schweren Fragen und Problemen beschäftigt war, dann zu Mittag gegessen hat und jetzt diese Zeit benutzt, daß er durch die Seele noch einmal hindurchziehen läßt, was er gearbeitet hat. Man kann den Eindruck empfangen von dieser Persönlichkeit, die bis zur Brust durch eine Decke verhüllt ist, von einem ungemein frischen Menschen, dessen Geistesfrische sich ausdrückt auch in der frischen Gesichtsfarbe. Man kann den Eindruck empfangen einer ganz seltenen Menschenstirne, die eigentlich eine Kombination ist von einer schönen Künstlerstirne und einer Denkerstirne, den Eindruck von einer Persönlichkeit, die vollständig frisch über die großen Menschheitsprobleme nachsinnt. Diese Persönlichkeit, die in dieser Weise den Menschen, der sie sah, hätte beeindrucken können, war in der Zeit, als sie dieses Bild bot, bereits mehr als drei Jahre wahnsinnig. Solche Augenblicke, wie der beschriebene, wechselten mit furchtbaren, aber wir wollen diesen Augenblick festhalten.

[ 1 ] Heute darf ich beginnen mit einem eigenen Erlebnis. Es war mir einmal die Gelegenheit gegeben, nachmittags, etwa um zwei Uhr, einen Mann zu besuchen. Dieser liegt auf einem Ruhebett und er scheint zunächst so in die eigenen Gedanken versunken, daß er nicht bemerkt, daß ich und ein anderer eingetreten sind. Er sinnt weiter und scheint nicht die Umstehenden zu beachten. Man kann - und ich bitte, jedes Wort auf die Waagschale zu legen - den Eindruck empfangen, man stehe vor einem Menschen, welcher den ganzen Vormittag intensiv mit schweren Fragen und Problemen beschäftigt war, dann zu Mittag gegessen hat und jetzt diese Zeit benutzt, daß er durch die Seele noch einmal hindurchziehen läßt, was er gearbeitet hat. Man kann den Eindruck empfangen von dieser Persönlichkeit, die bis zur Brust durch eine Decke verhüllt ist, von einem ungemein frischen Menschen, dessen Geistesfrische sich ausdrückt auch in der frischen Gesichtsfarbe. Man kann den Eindruck empfangen einer ganz seltenen Menschenstirne, die eigentlich eine Kombination ist von einer schönen Künstlerstirne und einer Denkerstirne, den Eindruck von einer Persönlichkeit, die vollständig frisch über die großen Menschheitsprobleme nachsinnt. Diese Persönlichkeit, die in dieser Weise den Menschen, der sie sah, hätte beeindrucken können, war in der Zeit, als sie dieses Bild bot, bereits mehr als drei Jahre wahnsinnig. Solche Augenblicke, wie der beschriebene, wechselten mit furchtbaren, aber wir wollen diesen Augenblick festhalten.

[ 2 ] Die Persönlichkeit war Friedrich Nietzsche, den ich vorher nicht sah und nachher nicht mehr sehen konnte. Sie können ermessen, daß ein solcher Anblick vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus an sich etwas tief Bedeutsames ist. Weil eigentlich die Beschreibung dem wahren Tatbestand widerspricht, sagte ich: Man hätte diesen Eindruck empfangen können. Man muß sich ein eigentümliches Phänomen vor Augen halten: daß zwischen dem Inneren und Äußeren ein Widerspruch entsteht. Nietzsche wußte damals nichts mehr von seinem Schaffen. Er wußte nicht, daß er seine Schriften geschrieben, kannte seine Umgebung nicht und was dergleichen mehr ist. Und dennoch lag er so frisch, wie von einem tiefen Gedanken durchdrungen auf dem Ruhebett, und man hätte in sich eine merkwürdige Empfindung davontragen können, die da diejenigen besser verstehen werden, die sich schon längere Zeit mit geistigen Problemen beschäftigt haben, die Empfindung nämlich: Wie kommt es, daß diese Seele immer noch diesen Leib umschwebt?

[ 2 ] Die Persönlichkeit war Friedrich Nietzsche, den ich vorher nicht sah und nachher nicht mehr sehen konnte. Sie können ermessen, daß ein solcher Anblick vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus an sich etwas tief Bedeutsames ist. Weil eigentlich die Beschreibung dem wahren Tatbestand widerspricht, sagte ich: Man hätte diesen Eindruck empfangen können. Man muß sich ein eigentümliches Phänomen vor Augen halten: daß zwischen dem Inneren und Äußeren ein Widerspruch entsteht. Nietzsche wußte damals nichts mehr von seinem Schaffen. Er wußte nicht, daß er seine Schriften geschrieben, kannte seine Umgebung nicht und was dergleichen mehr ist. Und dennoch lag er so frisch, wie von einem tiefen Gedanken durchdrungen auf dem Ruhebett, und man hätte in sich eine merkwürdige Empfindung davontragen können, die da diejenigen besser verstehen werden, die sich schon längere Zeit mit geistigen Problemen beschäftigt haben, die Empfindung nämlich: Wie kommt es, daß diese Seele immer noch diesen Leib umschwebt?

[ 3 ] Ein tiefes Eingehen auf Nietzsches Persönlichkeit und seine Geistesarbeit kann in gewisser Weise Antwort auf diese Frage geben. In der Tat haben wir in Nietzsche eine ganz eigenartige Persönlichkeit vor uns. Es wird kaum irgendeinem gelingen, in sein Wesen einzudringen, der irgendwie auf dem Standpunkt steht: Entweder nehme ich an oder ich lehne ab -, der nicht selbstlos sich einlassen kann auf das, was diese Persönlichkeit an sich war. Es kann sein, daß gerade Anthroposophen meine Schrift «Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit» übelnehmen. Denn es liegt in der Natur unserer Zeit, daß sie sagt: Nun ja, wer so über Nietzsche spricht, der muß auch Nietzscheaner sein. - Ich kann aber sagen: Wäre es mir nicht gelungen, das zur Tatsache zu machen: mich zu vertiefen in eine Persönlichkeit, ohne meine eigenen Erlebnisse zu bedenken, so würde ich heute nicht so davon sprechen, wie ich davon sprechen kann und darf.

[ 3 ] Ein tiefes Eingehen auf Nietzsches Persönlichkeit und seine Geistesarbeit kann in gewisser Weise Antwort auf diese Frage geben. In der Tat haben wir in Nietzsche eine ganz eigenartige Persönlichkeit vor uns. Es wird kaum irgendeinem gelingen, in sein Wesen einzudringen, der irgendwie auf dem Standpunkt steht: Entweder nehme ich an oder ich lehne ab -, der nicht selbstlos sich einlassen kann auf das, was diese Persönlichkeit an sich war. Es kann sein, daß gerade Anthroposophen meine Schrift «Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit» übelnehmen. Denn es liegt in der Natur unserer Zeit, daß sie sagt: Nun ja, wer so über Nietzsche spricht, der muß auch Nietzscheaner sein. - Ich kann aber sagen: Wäre es mir nicht gelungen, das zur Tatsache zu machen: mich zu vertiefen in eine Persönlichkeit, ohne meine eigenen Erlebnisse zu bedenken, so würde ich heute nicht so davon sprechen, wie ich davon sprechen kann und darf.

[ 4 ] Es gibt einen Standpunkt der unabhängigen Objektivität. Das ist, als ob man das Sprachrohr des anderen Wesens wäre. Bei Friedrich Nietzsche ist diese Art der Betrachtung auch um seiner selbst willen nötig. Es würde wahrscheinlich auf die Persönlichkeit Nietzsches, wenn er heute innerhalb des Gehirnes wahrnehmen könnte, das einen merkwürdigen Eindruck machen, was Nietzsches Anhänger und Gegner schreiben. Beides würde ihn dann höchst merkwürdig berühren. Er würde einen Abscheu haben vor allen seinen Taten. Sein Wort würde ihm vor der Seele stehen: «Was liegt an allen Gläubigen ...; erst, wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.» Und nunmehr, nachdem wir die Empfindung hingestellt haben, die wir an Nietzsches Krankenlager hätten empfangen können, wollen wir versuchen, uns ein Bild von Nietzsche zu machen, wie es durch sich selbst und durch das neuzeitliche Geistesleben erscheint.

[ 4 ] Es gibt einen Standpunkt der unabhängigen Objektivität. Das ist, als ob man das Sprachrohr des anderen Wesens wäre. Bei Friedrich Nietzsche ist diese Art der Betrachtung auch um seiner selbst willen nötig. Es würde wahrscheinlich auf die Persönlichkeit Nietzsches, wenn er heute innerhalb des Gehirnes wahrnehmen könnte, das einen merkwürdigen Eindruck machen, was Nietzsches Anhänger und Gegner schreiben. Beides würde ihn dann höchst merkwürdig berühren. Er würde einen Abscheu haben vor allen seinen Taten. Sein Wort würde ihm vor der Seele stehen: «Was liegt an allen Gläubigen ...; erst, wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.» Und nunmehr, nachdem wir die Empfindung hingestellt haben, die wir an Nietzsches Krankenlager hätten empfangen können, wollen wir versuchen, uns ein Bild von Nietzsche zu machen, wie es durch sich selbst und durch das neuzeitliche Geistesleben erscheint.

[ 5 ] Ganz anders als mancher andere Geist, stand Nietzsche in dieser Zeit da. Wir erfassen die Eigenart seiner Seele vielleicht am besten dadurch, daß wir sagen, daß vieles, was für andere Menschen Begriff, Vorstellung, Idee, Überzeugung war, für ihn Empfindung, Gefühl, innerstes Erlebnis wurde. Lassen wir vor unsere Seele treten wie im Fluge die Bilder des neuzeitlichen Geisteslebens der letzten fünfzig bis sechzig Jahre, die auch an ihm vorüberzogen. Der Materialismus der fünfziger Jahre, der in fast allen Kulturländern seine Bekenner hatte, sagte: Nichts ist real als die Materie und ihre Bewegung. Daß der Stoff sich so gestaltet, wie wir ihn sehen, bewirkt die Bewegung. Im Gehirn bewirkt die Bewegung den Gedanken. - Wir gedenken der Zeit, da man sagte, daß die Sprache eine Ausbildung der tierischen Laute sei. Wir denken auch daran, daß das Erlebnis und die Empfindung als höhere Instinkte gedacht wurden. Wir denken daran, daß es nicht die schlechtesten Geister waren, die solche Gedanken ausprägten. Die würdigsten, konsequentesten fanden darin sogar eine gewisse Befriedigung. Es war nicht einer, die also gedacht hätte: Ich sehe nicht mit Befriedigung das Herrschen der Materie. Die meisten sagten: Ich finde die höchste Seligkeit in dem Gedanken, daß alles sich auflösen soll. - Daran konnten sich viele berauschen. Wir gedenken der Tatsache, daß darin auch eine Systematik in diese Weltanschauung gekommen ist, und diese dadurch ihre höchste Blüte erreichte.

[ 5 ] Ganz anders als mancher andere Geist, stand Nietzsche in dieser Zeit da. Wir erfassen die Eigenart seiner Seele vielleicht am besten dadurch, daß wir sagen, daß vieles, was für andere Menschen Begriff, Vorstellung, Idee, Überzeugung war, für ihn Empfindung, Gefühl, innerstes Erlebnis wurde. Lassen wir vor unsere Seele treten wie im Fluge die Bilder des neuzeitlichen Geisteslebens der letzten fünfzig bis sechzig Jahre, die auch an ihm vorüberzogen. Der Materialismus der fünfziger Jahre, der in fast allen Kulturländern seine Bekenner hatte, sagte: Nichts ist real als die Materie und ihre Bewegung. Daß der Stoff sich so gestaltet, wie wir ihn sehen, bewirkt die Bewegung. Im Gehirn bewirkt die Bewegung den Gedanken. - Wir gedenken der Zeit, da man sagte, daß die Sprache eine Ausbildung der tierischen Laute sei. Wir denken auch daran, daß das Erlebnis und die Empfindung als höhere Instinkte gedacht wurden. Wir denken daran, daß es nicht die schlechtesten Geister waren, die solche Gedanken ausprägten. Die würdigsten, konsequentesten fanden darin sogar eine gewisse Befriedigung. Es war nicht einer, die also gedacht hätte: Ich sehe nicht mit Befriedigung das Herrschen der Materie. Die meisten sagten: Ich finde die höchste Seligkeit in dem Gedanken, daß alles sich auflösen soll. - Daran konnten sich viele berauschen. Wir gedenken der Tatsache, daß darin auch eine Systematik in diese Weltanschauung gekommen ist, und diese dadurch ihre höchste Blüte erreichte.

[ 6 ] Und dann malen wir uns ein anderes Bild, das Bild der Seelenauffassung eines solchen Menschen, der den Blick auf die großen Ideale der Menschheit richtet, der seinen Blick zurück richtet zu Buddha, Hermes, Pythagoras, Plato, der sich erbauen konnte an der Gestalt des Christus Jesus, des Trägers der menschlichen Geistestaten, des Trägers alles dessen, was das menschliche Herz erhöht. Wir malen uns das Bild eines Menschen, der alles das nachempfinden konnte. Dabei bedenken wir, daß dieser Mensch sich sagte: Ach, alle die Buddhas, Hermes’, Pythagoras’, Platos, sie alle haben doch nur geträumt von hohen geistigen Idealen, von irgend etwas, das sie erheben kann.

[ 6 ] Und dann malen wir uns ein anderes Bild, das Bild der Seelenauffassung eines solchen Menschen, der den Blick auf die großen Ideale der Menschheit richtet, der seinen Blick zurück richtet zu Buddha, Hermes, Pythagoras, Plato, der sich erbauen konnte an der Gestalt des Christus Jesus, des Trägers der menschlichen Geistestaten, des Trägers alles dessen, was das menschliche Herz erhöht. Wir malen uns das Bild eines Menschen, der alles das nachempfinden konnte. Dabei bedenken wir, daß dieser Mensch sich sagte: Ach, alle die Buddhas, Hermes’, Pythagoras’, Platos, sie alle haben doch nur geträumt von hohen geistigen Idealen, von irgend etwas, das sie erheben kann.

[ 7 ] Ich schildere Ihnen nichts Erfundenes. Ich schildere Ihnen die Seele vieler Menschen der sechziger Jahre. Bei Menschen, die vom Materialismus wie überwältigt waren, welche die Ideale für Schaumgebilde hielten, da waren diese Gedanken vorhanden. Und tiefe Tragik lud sich auf die Seelen solcher Menschen. In solch einer Zeit lebte Friedrich Nietzsche als Student, als junger Professor. In solch einer Zeit bildete er sich aus. Keinem der anderen Geister war er verwandt. Ganz anders war sein Typus als der der Zeitgenossen. Geisteswissenschftlich kann man ihn verstehen. Wenn man darauf Rücksicht nimmt, daß der Mensch aus mehreren Leibern besteht, dann kann man wissen, daß schon der junge Nietzsche in bezug auf die Zusammenfügung seines Ätherleibes und physischen Leibes eine Ausnahme machte. Bei Nietzsche war eine viel schwächere Verbindung des Ätherleibes mit dem physischen Leib vorhanden, so daß das, was diese Persönlichkeit innerlich seelisch erlebte, auf eine viel geistigere Art erlebt wurde, viel unabhängiger vom physischen Leibe, als das bei anderen Menschen der Fall ist.

[ 7 ] Ich schildere Ihnen nichts Erfundenes. Ich schildere Ihnen die Seele vieler Menschen der sechziger Jahre. Bei Menschen, die vom Materialismus wie überwältigt waren, welche die Ideale für Schaumgebilde hielten, da waren diese Gedanken vorhanden. Und tiefe Tragik lud sich auf die Seelen solcher Menschen. In solch einer Zeit lebte Friedrich Nietzsche als Student, als junger Professor. In solch einer Zeit bildete er sich aus. Keinem der anderen Geister war er verwandt. Ganz anders war sein Typus als der der Zeitgenossen. Geisteswissenschftlich kann man ihn verstehen. Wenn man darauf Rücksicht nimmt, daß der Mensch aus mehreren Leibern besteht, dann kann man wissen, daß schon der junge Nietzsche in bezug auf die Zusammenfügung seines Ätherleibes und physischen Leibes eine Ausnahme machte. Bei Nietzsche war eine viel schwächere Verbindung des Ätherleibes mit dem physischen Leib vorhanden, so daß das, was diese Persönlichkeit innerlich seelisch erlebte, auf eine viel geistigere Art erlebt wurde, viel unabhängiger vom physischen Leibe, als das bei anderen Menschen der Fall ist.

[ 8 ] Nun war es zunächst der Student Nietzsche, der in die Welt der Griechen hineingeführt wurde. Für ihn gab es jetzt zwei Strömungen in seinem Seelenleben. Die eine nennen wir etwas Angeborenes, in seinem Karma Liegendes. Diese war ein tief religiöser Zug, das war ein Stimmmungszug seines Wesens, ein Zug, der etwas verehren, zu etwas hinaufschauen muß. Religiöses Fühlen war da; und durch die eigentümliche Art, wie dieser Ätherleib mit dem physischen Leib verbunden war, war das, was dafür Bedingung ist, bei ihm vorhanden: eine ungeheure Empfänglichkeit für das, was zwischen den Zeilen der Bücher und zwischen den Worten der Lehrer zu lesen und zu hören war, was da zu fühlen und zu ahnen war. So bildete sich bei ihm ein Bild der alten Griechenwelt, das seine Seele ganz erfüllte, ein eigenartiges Bild, das mehr im Empfinden lebte als im klaren Vorstellen. Wollen wir es so recht vor unsere Seele stellen, wie es erlebt wurde von dem jungen Nietzsche, so müssen wir ihn und seine Zeit betrachten.

[ 8 ] Nun war es zunächst der Student Nietzsche, der in die Welt der Griechen hineingeführt wurde. Für ihn gab es jetzt zwei Strömungen in seinem Seelenleben. Die eine nennen wir etwas Angeborenes, in seinem Karma Liegendes. Diese war ein tief religiöser Zug, das war ein Stimmmungszug seines Wesens, ein Zug, der etwas verehren, zu etwas hinaufschauen muß. Religiöses Fühlen war da; und durch die eigentümliche Art, wie dieser Ätherleib mit dem physischen Leib verbunden war, war das, was dafür Bedingung ist, bei ihm vorhanden: eine ungeheure Empfänglichkeit für das, was zwischen den Zeilen der Bücher und zwischen den Worten der Lehrer zu lesen und zu hören war, was da zu fühlen und zu ahnen war. So bildete sich bei ihm ein Bild der alten Griechenwelt, das seine Seele ganz erfüllte, ein eigenartiges Bild, das mehr im Empfinden lebte als im klaren Vorstellen. Wollen wir es so recht vor unsere Seele stellen, wie es erlebt wurde von dem jungen Nietzsche, so müssen wir ihn und seine Zeit betrachten.

[ 9 ] Nietzsche stand in einem losen Zusammenhang mit dem Materialismus seiner Zeit. Er konnte ihn verstehen, aber dieser Materialismus war etwas, was ihn kaum berührte. Da sein Ätherleib nur leicht verbunden war mit dem physischen Leibe, so berührte ihn die materialistische Zeit nur etwa so, wie wenn eine schwebende Gestalt mit dem Saume des Kleides kaum die Erde berührt. Nur eines war als dunkles Gefühl bei ihm vorhanden, das Gefühl von der tiefen Unbefriedigung einer solchen Weltanschauung. Das Gefühl, daß ein Mensch, der eine solche Weltanschauung hat, der Öde, der Leere des Lebens gegenübersteht; das war es, was wie ein leiser Anflug seine Seele berührte. Darüber erhob sich das, was als Anschauung über das Griechentum in seiner Seele lebte. Wir verstehen das, wenn wir lernen das zu begreifen, was in seiner Seele gelebt hat. Dieses Bild war nicht so, daß man scharfe Worte wählen darf. Wir wollen versuchen, es so darzustellen, wie es sich uns durch die Geisteswissenschaft zeigen kann.

[ 9 ] Nietzsche stand in einem losen Zusammenhang mit dem Materialismus seiner Zeit. Er konnte ihn verstehen, aber dieser Materialismus war etwas, was ihn kaum berührte. Da sein Ätherleib nur leicht verbunden war mit dem physischen Leibe, so berührte ihn die materialistische Zeit nur etwa so, wie wenn eine schwebende Gestalt mit dem Saume des Kleides kaum die Erde berührt. Nur eines war als dunkles Gefühl bei ihm vorhanden, das Gefühl von der tiefen Unbefriedigung einer solchen Weltanschauung. Das Gefühl, daß ein Mensch, der eine solche Weltanschauung hat, der Öde, der Leere des Lebens gegenübersteht; das war es, was wie ein leiser Anflug seine Seele berührte. Darüber erhob sich das, was als Anschauung über das Griechentum in seiner Seele lebte. Wir verstehen das, wenn wir lernen das zu begreifen, was in seiner Seele gelebt hat. Dieses Bild war nicht so, daß man scharfe Worte wählen darf. Wir wollen versuchen, es so darzustellen, wie es sich uns durch die Geisteswissenschaft zeigen kann.

[ 10 ] Der Geisteswissenschafter blickt ja in eine uralte Menschenentwickelung, von der die Geschichte nichts mehr weiß. Allein das Hellsehen kann in diese Zeiten hineinleuchten, wo die Weisheit ganz anders lebte als später, in die Zeit der Mysterien, wo die Menschen, die dazu reif waren, in die Mysterien eingeweiht wurden und durch die Eingeweihten zu einer Anschauung der Menschheitsentwickelung gebracht worden sind. Wenn wir uns ein Bild von den niederen Mysterien machen wollen, so müssen wir uns einen besonderen Vorgang vor die Seele führen. Nicht so, wie es heute geschieht, geschah diese Einführung oder Belehrung. In etwas ganz anderem bestand das Lernen. Nehmen wir an, daß der Gedanke, den der Mensch heute so trocken faßt, daß geistige Wesen es waren, die ins Materielle herunterstiegen, daß das Materielle aber hinaufstieg und sich entwickelte bis zum gegenwärtigen Menschen, daß dieser Gedanke, der so nüchtern ist, damals in einem bedeutenden Bilde vorgeführt wurde. Man sah förmlich das Herabsteigen des Geistes und das Hinaufsteigen des Materiellen. Das spielte sich buchstäblich ab; und was der Schüler da sah, das war für ihn Weisheit; das war für ihn Wissenschaft, die aber nicht in Begriffe gefaßt, sondern in Anschauung erfühlbar war für ihn. Noch etwas anderes war dabei. Das Bild, das der Schüler sah, war so, daß er davor saß mit großen, frommen Gefühlen. Er erhielt da Weisheit und Religion in einem. Außerdem war das ganze Bild schön. Es war wahrhafte, echte Kunst. Von Kunst, Weisheit, Religion, in eins verbunden, war der Schüler umströmt.

[ 10 ] Der Geisteswissenschafter blickt ja in eine uralte Menschenentwickelung, von der die Geschichte nichts mehr weiß. Allein das Hellsehen kann in diese Zeiten hineinleuchten, wo die Weisheit ganz anders lebte als später, in die Zeit der Mysterien, wo die Menschen, die dazu reif waren, in die Mysterien eingeweiht wurden und durch die Eingeweihten zu einer Anschauung der Menschheitsentwickelung gebracht worden sind. Wenn wir uns ein Bild von den niederen Mysterien machen wollen, so müssen wir uns einen besonderen Vorgang vor die Seele führen. Nicht so, wie es heute geschieht, geschah diese Einführung oder Belehrung. In etwas ganz anderem bestand das Lernen. Nehmen wir an, daß der Gedanke, den der Mensch heute so trocken faßt, daß geistige Wesen es waren, die ins Materielle herunterstiegen, daß das Materielle aber hinaufstieg und sich entwickelte bis zum gegenwärtigen Menschen, daß dieser Gedanke, der so nüchtern ist, damals in einem bedeutenden Bilde vorgeführt wurde. Man sah förmlich das Herabsteigen des Geistes und das Hinaufsteigen des Materiellen. Das spielte sich buchstäblich ab; und was der Schüler da sah, das war für ihn Weisheit; das war für ihn Wissenschaft, die aber nicht in Begriffe gefaßt, sondern in Anschauung erfühlbar war für ihn. Noch etwas anderes war dabei. Das Bild, das der Schüler sah, war so, daß er davor saß mit großen, frommen Gefühlen. Er erhielt da Weisheit und Religion in einem. Außerdem war das ganze Bild schön. Es war wahrhafte, echte Kunst. Von Kunst, Weisheit, Religion, in eins verbunden, war der Schüler umströmt.

[ 11 ] Es ist im Gang der Menschheitsentwickelung begründet, daß das, was vereinigt war, getrennt wurde: Kunst, Wissenschaft und Religion. Denn es hätte keinen Fortschritt in der Menschheitsentwickelung geben können, wenn die Menschen alles dies vereinigt behalten hätten. Damit jedes im einzelnen vervollkommnet wurde, mußte getrennt werden, was früher vereinigt war: Wissenschaft, Kunst und Religion, um später zusammenströmen zu können auf einer höheren Stufe in Vollkommenheit. Das, was sich jetzt in scharfen Konturen zeigt, darüber denken Sie sich einen Schleier gebreitet, so daß eines ins andere übergeht. Und denken Sie, daß sich in dem griechischen Kulturleben ein Nachklang der alten Menschheitsentwickelung auslebt und nur eine dunkle Ahnung, ein Gefühl davon im griechischen Kulturleben zurückgeblieben ist.

[ 11 ] Es ist im Gang der Menschheitsentwickelung begründet, daß das, was vereinigt war, getrennt wurde: Kunst, Wissenschaft und Religion. Denn es hätte keinen Fortschritt in der Menschheitsentwickelung geben können, wenn die Menschen alles dies vereinigt behalten hätten. Damit jedes im einzelnen vervollkommnet wurde, mußte getrennt werden, was früher vereinigt war: Wissenschaft, Kunst und Religion, um später zusammenströmen zu können auf einer höheren Stufe in Vollkommenheit. Das, was sich jetzt in scharfen Konturen zeigt, darüber denken Sie sich einen Schleier gebreitet, so daß eines ins andere übergeht. Und denken Sie, daß sich in dem griechischen Kulturleben ein Nachklang der alten Menschheitsentwickelung auslebt und nur eine dunkle Ahnung, ein Gefühl davon im griechischen Kulturleben zurückgeblieben ist.

[ 12 ] Damit haben Sie das Gefühl, das lebte im jungen Nietzsche; das war der Grundklang seiner Seele. Die Öde des sinnlichen Daseins ist Leid; es zu ertragen, dazu sind uns Kunst, Wissenschaft und Religion gegeben. Über dieses Leid die Erlösung zu breiten, das ist die Grundstimmung seiner Seele. Immer mehr rückte in seinen Gesichtskreis das Bild der griechischen Kunst. Die Kunst wurde ihm zum großen Mittel, das Leben im Sinnlichen zu ertragen. So wuchs er heran. In dieser Stimmung war er als Abiturient. Es ging ihm, wie es bei solchen Naturen der Fall ist: Mit großer Leichtigkeit eignete er sich alles das an, was andere nur mit Schwierigkeiten sich aneignen können. So wurde es für Nietzsche leicht, das äußere Rüstzeug des Philologen sich anzueignen und so Ordnung in seine Grundstimmung hineinzubringen. Dann kam die Zeit, in der er sich immer mehr und mehr vervollkommnete. Jetzt sehen wir, wie ihm allmählich eine Ahnung von dem alten Geisteszusammenhang der verschiedenen Menschheitsströmungen dämmert. Wie ein unbestimmtes Dunkel ahnte er diesen Zusammenhang. Er ahnte ein Höheres, das waltet in den einzelnen Persönlichkeiten. Wenn er sich vertiefte in das wirkliche Griechentum, in dasjenige, was Thales, Anaxagoras, Heraklit gedacht haben, so bildete sich ein merkwürdiger Gedanke bei ihm aus, der ihn so sehr von anderen unterscheidet. Er sagt selber einmal: Wenn ich mich vertiefe in die griechischen Philosophen, dann kann ich das nicht so wie andere machen, wie andere das machen, das ist mir nur ein Mittel. - Jetzt bildet sich bei ihm das heraus, was ihn so von anderen Denkern unterscheidet. Wir können uns das am besten durch ein Beispiel klarmachen. Nehmen wir Thales. Ein gewöhnlicher Gelehrter nimmt die Lehren des Thales auf, aber ihm ist Thales mehr oder weniger ein historisches Beispiel. Er studiert in ihm den Geist der Zeit. Für Nietzsche sind alle die Gedanken dieses Philosophen nur ein Zugang, nur ein Weg zur Seele des Thales selber; leibhaftig, plastisch steht Thales vor ihm. Mit ihm schließt er Freundschaft, er kann mit ihm verkehren, er hat mit ihm ein rein persönliches Freundschaftsverhältnis. Jede Gestalt wird für Nietzsche wirklich, steht mit ihm in wirklichem Bezug. Sehen Sie das an, was er geschrieben, sehen Sie jene Abhandlung an: «Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen», 1872/73, da werden Sie das finden. Er ist dazu da, durch die Philosophie Freundschaft zu schließen mit denen, die er schildert. Wenn man aber solche intimen Verhältnisse eingeht, dann bedeutet das für Herz und Seele etwas ganz anderes als unsere trockene Wissenschaft. Denken Sie doch, wie öde das ist, was eine gelehrte Geschichte schreibt! Das kann ja nur gelehrte Hypothese sein.

[ 12 ] Damit haben Sie das Gefühl, das lebte im jungen Nietzsche; das war der Grundklang seiner Seele. Die Öde des sinnlichen Daseins ist Leid; es zu ertragen, dazu sind uns Kunst, Wissenschaft und Religion gegeben. Über dieses Leid die Erlösung zu breiten, das ist die Grundstimmung seiner Seele. Immer mehr rückte in seinen Gesichtskreis das Bild der griechischen Kunst. Die Kunst wurde ihm zum großen Mittel, das Leben im Sinnlichen zu ertragen. So wuchs er heran. In dieser Stimmung war er als Abiturient. Es ging ihm, wie es bei solchen Naturen der Fall ist: Mit großer Leichtigkeit eignete er sich alles das an, was andere nur mit Schwierigkeiten sich aneignen können. So wurde es für Nietzsche leicht, das äußere Rüstzeug des Philologen sich anzueignen und so Ordnung in seine Grundstimmung hineinzubringen. Dann kam die Zeit, in der er sich immer mehr und mehr vervollkommnete. Jetzt sehen wir, wie ihm allmählich eine Ahnung von dem alten Geisteszusammenhang der verschiedenen Menschheitsströmungen dämmert. Wie ein unbestimmtes Dunkel ahnte er diesen Zusammenhang. Er ahnte ein Höheres, das waltet in den einzelnen Persönlichkeiten. Wenn er sich vertiefte in das wirkliche Griechentum, in dasjenige, was Thales, Anaxagoras, Heraklit gedacht haben, so bildete sich ein merkwürdiger Gedanke bei ihm aus, der ihn so sehr von anderen unterscheidet. Er sagt selber einmal: Wenn ich mich vertiefe in die griechischen Philosophen, dann kann ich das nicht so wie andere machen, wie andere das machen, das ist mir nur ein Mittel. - Jetzt bildet sich bei ihm das heraus, was ihn so von anderen Denkern unterscheidet. Wir können uns das am besten durch ein Beispiel klarmachen. Nehmen wir Thales. Ein gewöhnlicher Gelehrter nimmt die Lehren des Thales auf, aber ihm ist Thales mehr oder weniger ein historisches Beispiel. Er studiert in ihm den Geist der Zeit. Für Nietzsche sind alle die Gedanken dieses Philosophen nur ein Zugang, nur ein Weg zur Seele des Thales selber; leibhaftig, plastisch steht Thales vor ihm. Mit ihm schließt er Freundschaft, er kann mit ihm verkehren, er hat mit ihm ein rein persönliches Freundschaftsverhältnis. Jede Gestalt wird für Nietzsche wirklich, steht mit ihm in wirklichem Bezug. Sehen Sie das an, was er geschrieben, sehen Sie jene Abhandlung an: «Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen», 1872/73, da werden Sie das finden. Er ist dazu da, durch die Philosophie Freundschaft zu schließen mit denen, die er schildert. Wenn man aber solche intimen Verhältnisse eingeht, dann bedeutet das für Herz und Seele etwas ganz anderes als unsere trockene Wissenschaft. Denken Sie doch, wie öde das ist, was eine gelehrte Geschichte schreibt! Das kann ja nur gelehrte Hypothese sein.

[ 13 ] Liebe, Leid und Schmerz, die ganze Emotion der Seele, kann sich bei gewöhnlichen Menschen nur ausleben gegenüber den Menschen, die uns umgeben im Alltagsleben. Alles, vom tiefsten Schmerz bis zur höchsten Seligkeit, die ganze Skala der Gefühle konnte bei Nietzsche sich abspielen gegenüber den Seelen, die ihm erstehen aus den grauen Geistestiefen. Auf ganz anderen Gebieten als in der täglichen Umwelt leben die Wesenheiten, zu denen er sich hingezogen fühlt. Das, was gewöhnliche Menschen im Alltagsleben empfinden, das spielt sich bei Nietzsche gegenüber den Freunden ab, die für ihn erstanden sind aus der geistigen Welt. So war für ihn eine geistige Welt verhanden, in der er Leid, Freude und Liebe empfand. Er war immer so etwa wie ein wenig schwebend über der Wirklichkeit, der Sinneswelt. Das ist der große Unterschied, der ihn auszeichnet vor den anderen Menschen seiner Zeit.

[ 13 ] Liebe, Leid und Schmerz, die ganze Emotion der Seele, kann sich bei gewöhnlichen Menschen nur ausleben gegenüber den Menschen, die uns umgeben im Alltagsleben. Alles, vom tiefsten Schmerz bis zur höchsten Seligkeit, die ganze Skala der Gefühle konnte bei Nietzsche sich abspielen gegenüber den Seelen, die ihm erstehen aus den grauen Geistestiefen. Auf ganz anderen Gebieten als in der täglichen Umwelt leben die Wesenheiten, zu denen er sich hingezogen fühlt. Das, was gewöhnliche Menschen im Alltagsleben empfinden, das spielt sich bei Nietzsche gegenüber den Freunden ab, die für ihn erstanden sind aus der geistigen Welt. So war für ihn eine geistige Welt verhanden, in der er Leid, Freude und Liebe empfand. Er war immer so etwa wie ein wenig schwebend über der Wirklichkeit, der Sinneswelt. Das ist der große Unterschied, der ihn auszeichnet vor den anderen Menschen seiner Zeit.

[ 14 ] Und nun sehen wir einmal, wie dieses Leben sich gestaltete! Wir sehen vor allem seine große Leichtigkeit des Erfassens. Er hat noch nicht seinen Doktor gemacht, da ergeht an die Adresse seines Lehrers Ritschl, des großen Philologen, die Anfrage der Basler Universität, ob er nicht einen Schüler für eine Professur empfehlen könne? Er empfiehlt Nietzsche, und als man in Anbetracht der Jugend Nietzsches fragte, ob er denn wirklich geeignet sei, da schrieb Ritschl: «Nietzsche wird alles können, was er will.» Da wird der junge Gelehrte Professor in Basel. Er wurde zum Doktor ernannt, als er schon Professor war, und zwar ohne Examen, da die Herren, vor denen er das Examen ablegen sollte, sagten: Aber Herr Kollege, wir können Sie doch nicht prüfen. - Diese Dinge gehen ganz verständlich ihren leichten, über der Wirklichkeit schwebenden Gang.

[ 14 ] Und nun sehen wir einmal, wie dieses Leben sich gestaltete! Wir sehen vor allem seine große Leichtigkeit des Erfassens. Er hat noch nicht seinen Doktor gemacht, da ergeht an die Adresse seines Lehrers Ritschl, des großen Philologen, die Anfrage der Basler Universität, ob er nicht einen Schüler für eine Professur empfehlen könne? Er empfiehlt Nietzsche, und als man in Anbetracht der Jugend Nietzsches fragte, ob er denn wirklich geeignet sei, da schrieb Ritschl: «Nietzsche wird alles können, was er will.» Da wird der junge Gelehrte Professor in Basel. Er wurde zum Doktor ernannt, als er schon Professor war, und zwar ohne Examen, da die Herren, vor denen er das Examen ablegen sollte, sagten: Aber Herr Kollege, wir können Sie doch nicht prüfen. - Diese Dinge gehen ganz verständlich ihren leichten, über der Wirklichkeit schwebenden Gang.

[ 15 ] Da geschieht für ihn ein zweifaches Ereignis. Er lernt kennen den Seeleninhalt eines bereits gestorbenen und eines lebenden Menschen. Er lernt in Schopenhauer eine Seele kennen, die er betrachten kann nicht wie einen Menschen, dessen philosophisches System er anschaut und bewundert, und auf dessen Lehren er schwören möchte, sondern er hat ihm gegenüber eine Empfindung, als ob er zu ihm sagen möchte: «Vater!» Und er lernt kennen Richard Wagner, der merkwürdige Seelenerlebnisse hatte, die sich mit dem, was Nietzsche bei der Betrachtung des Griechentums empfand, berührten. Richard Wagner brauchen wir nur mit ein paar Strichen zu zeichnen. Wir brauchen nur daran zu erinnern, daß Richard Wagner sagte: Es muß einen Urgrund der Kultur geben, wo die Künste alle vereint waren. - Er selbst hat das große Menschheitsideal empfunden, als Künstler die Künste wiederum zusammenzubringen, zu vereinigen, über sie eine religiöse Weihestimmung zu gießen. - Jetzt denken wir daran, wie in Nietzsche etwas lebendig lebte, das in seine Seele jenen Urzustand der Menschheit zauberte, da die Künste noch vereint waren. Wir denken an seine Worte: Willst du den wahren Menschen schildern, so mußt du darauf Rücksicht nehmen, daß ein Höheres in jedem Menschen lebt. Willst du die wahre Menschheit schildern, so mußt du zu den Gestalten gehen, die über die Sinnlichkeit hinausreichen. - Er war immer so ein wenig schwebend über der Wirklichkeit der Sinneswelt. Dadurch, daß er suchte nach jenem Höheren, dadurch, daß er suchte nach den Gestalten, die über die Sinnlichkeit hinausreichen, wurde er zum «Übermenschen» geführt, zu dem geisterfüllten Übermenschen. So schuf er seine reinen, abgeklärten, mythischen Gestalten.

[ 15 ] Da geschieht für ihn ein zweifaches Ereignis. Er lernt kennen den Seeleninhalt eines bereits gestorbenen und eines lebenden Menschen. Er lernt in Schopenhauer eine Seele kennen, die er betrachten kann nicht wie einen Menschen, dessen philosophisches System er anschaut und bewundert, und auf dessen Lehren er schwören möchte, sondern er hat ihm gegenüber eine Empfindung, als ob er zu ihm sagen möchte: «Vater!» Und er lernt kennen Richard Wagner, der merkwürdige Seelenerlebnisse hatte, die sich mit dem, was Nietzsche bei der Betrachtung des Griechentums empfand, berührten. Richard Wagner brauchen wir nur mit ein paar Strichen zu zeichnen. Wir brauchen nur daran zu erinnern, daß Richard Wagner sagte: Es muß einen Urgrund der Kultur geben, wo die Künste alle vereint waren. - Er selbst hat das große Menschheitsideal empfunden, als Künstler die Künste wiederum zusammenzubringen, zu vereinigen, über sie eine religiöse Weihestimmung zu gießen. - Jetzt denken wir daran, wie in Nietzsche etwas lebendig lebte, das in seine Seele jenen Urzustand der Menschheit zauberte, da die Künste noch vereint waren. Wir denken an seine Worte: Willst du den wahren Menschen schildern, so mußt du darauf Rücksicht nehmen, daß ein Höheres in jedem Menschen lebt. Willst du die wahre Menschheit schildern, so mußt du zu den Gestalten gehen, die über die Sinnlichkeit hinausreichen. - Er war immer so ein wenig schwebend über der Wirklichkeit der Sinneswelt. Dadurch, daß er suchte nach jenem Höheren, dadurch, daß er suchte nach den Gestalten, die über die Sinnlichkeit hinausreichen, wurde er zum «Übermenschen» geführt, zu dem geisterfüllten Übermenschen. So schuf er seine reinen, abgeklärten, mythischen Gestalten.

[ 16 ] In diesem Empfinden wurde er zu der höheren Sprache, zur Musik geleitet, zu der Sprache des Orchesters, das der Ausdruck der Seele werden konnte. Erinnern wir uns an das, was in Richard Wagners Seele lebte: Vor ihm standen die Gestalten Shakespeares und Beethovens. Bei Shakespeare sah er handelnde Gestalten. Er sah Gestalten, deren Handlungen vor sich gehen, wenn sie Seele gefühlt hat, wenn sie Gefühle von Schmerz und Leid und Gefühle von höchster Seligkeit gehabt hat. In Shakespeares Dramen erscheint nach Richard Wagner das Resultat der Seelenerlebnisse der handelnden Personen. Das ist eine Dramatik, die einzig und allein das Innere veräußerlicht veranschaulichen will. Und man kann bei Shakespeare die Erlebnisse der Seele der handelnden Personen ahnen. Daneben erschien ihm das Bild des Symphonikers Beethoven. In der Symphonie erschaute Wagner die Wiedergabe dessen, was in der Seele, in der ganzen Empfindungsskala zwischen Leid und Seligkeit lebt. In der Symphonie lebt sich das Seelenempfinden aus, wird aber nicht Handlung, tritt nicht in den Raum. Einmal schien ihm dieses innere Erleben in der Musik Beethovens sich mit aller Macht veräußerlichen zu wollen, im Schluß der neunten Symphonie. Da will Wagner einsetzen. Er will Beethoven in gewissem Sinne fortsetzen. Er will eine Synthesis, eine Einigung zwischen Shakespeares und Beethovens Kunst herbeiführen. Es war etwas von jener Urmenschheitskultur in Wagner lebendig. Das, was da in ihm als Impuls lebte, das mußte für Nietzsche erscheinen wie die Realisierung seiner bedeutsamsten Träume.

[ 16 ] In diesem Empfinden wurde er zu der höheren Sprache, zur Musik geleitet, zu der Sprache des Orchesters, das der Ausdruck der Seele werden konnte. Erinnern wir uns an das, was in Richard Wagners Seele lebte: Vor ihm standen die Gestalten Shakespeares und Beethovens. Bei Shakespeare sah er handelnde Gestalten. Er sah Gestalten, deren Handlungen vor sich gehen, wenn sie Seele gefühlt hat, wenn sie Gefühle von Schmerz und Leid und Gefühle von höchster Seligkeit gehabt hat. In Shakespeares Dramen erscheint nach Richard Wagner das Resultat der Seelenerlebnisse der handelnden Personen. Das ist eine Dramatik, die einzig und allein das Innere veräußerlicht veranschaulichen will. Und man kann bei Shakespeare die Erlebnisse der Seele der handelnden Personen ahnen. Daneben erschien ihm das Bild des Symphonikers Beethoven. In der Symphonie erschaute Wagner die Wiedergabe dessen, was in der Seele, in der ganzen Empfindungsskala zwischen Leid und Seligkeit lebt. In der Symphonie lebt sich das Seelenempfinden aus, wird aber nicht Handlung, tritt nicht in den Raum. Einmal schien ihm dieses innere Erleben in der Musik Beethovens sich mit aller Macht veräußerlichen zu wollen, im Schluß der neunten Symphonie. Da will Wagner einsetzen. Er will Beethoven in gewissem Sinne fortsetzen. Er will eine Synthesis, eine Einigung zwischen Shakespeares und Beethovens Kunst herbeiführen. Es war etwas von jener Urmenschheitskultur in Wagner lebendig. Das, was da in ihm als Impuls lebte, das mußte für Nietzsche erscheinen wie die Realisierung seiner bedeutsamsten Träume.

[ 17 ] Ein anderes Verhältnis verknüpfte Nietzsche mit Schopenhauer. Er las Schopenhauer mit Inbrunst. Wie bei jeder Schule machte er auch bei Schopenhauer seine Vorbehalte. Um so mehr war das Gefühl in ihm rege, zu ihm «Vater» zu sagen. Er hatte zu ihm ein tiefes Verhältnis. Schopenhauer hatte für ihn nicht die Schwere wie Richard Wagner. Er fühlt den läuternden, veredelnden Einfluß Schopenhauers. So sehen wir die Entstehung seines Werkes «Schopenhauer als Erzieher». Das alles entsprang dem Gefühl, zu ihm «Vater» zu sagen. So kann man sich kein Bild denken, das ein lebendigeres Band knüpfen konnte zwischen den Lebenden und den Toten.

[ 17 ] Ein anderes Verhältnis verknüpfte Nietzsche mit Schopenhauer. Er las Schopenhauer mit Inbrunst. Wie bei jeder Schule machte er auch bei Schopenhauer seine Vorbehalte. Um so mehr war das Gefühl in ihm rege, zu ihm «Vater» zu sagen. Er hatte zu ihm ein tiefes Verhältnis. Schopenhauer hatte für ihn nicht die Schwere wie Richard Wagner. Er fühlt den läuternden, veredelnden Einfluß Schopenhauers. So sehen wir die Entstehung seines Werkes «Schopenhauer als Erzieher». Das alles entsprang dem Gefühl, zu ihm «Vater» zu sagen. So kann man sich kein Bild denken, das ein lebendigeres Band knüpfen konnte zwischen den Lebenden und den Toten.

[ 18 ] Aber etwas war bei Nietzsche als Frage vorhanden, was ihm Schopenhauer nicht aufklärte. Immer drängte sich ihm die Frage über die Kulturzusammenhänge auf. Er hatte intuitiv den Urzustand der Menschheit erfaßt, in dem große einzelne Geister, die Eingeweihten, die Menschen in den Mysterien belehrten und führten. So gelangte er zu dem Begriff des «Übermenschen», der, wie er glaubte, notwendig aus der Geschichte der natürlichen Entwickelung erstehen muß. Das ist sein Begriff des Übermenschen, wie schon der Satz zeigt: «Indem die Natur sich selbst heraushebt zum großen Menschen, erfüllt sie ihr höchstes Ziel, die große Persönlichkeit.» So gliedert sich für ihn Natur und Mensch zusammen. Und jetzt wird alles das, was er erlebt, alles andere als Theorie. Es wird alles ureigenes seelisches Erlebnis. Es wird etwas, wo sein Schmerz, seine Freude, seine Tatenlust emporglüht. Was er sagt, darauf kommt es weniger an, als daß für uns das Gesagte hindeutet auf das, was in seinem Herzen glühte. Und aus dem Ausklingen dessen, was er so in seiner Seele erlebt, geht sein erstes, bedeutsames Werk hervor: «Die Geburt der Tragödie.» Da fällt er geradezu darauf, wie sich aus dem alten Griechentum, aus dem Zustand der vereinten Künste, die griechische Kultur entwickelt hat. Und man darf sagen: Hier klingt etwas an von der tiefen Wahrheit. Er weiß nichts von jener Urkultur, die man durch die Geisteswissenschaft kennenlernt. Er ahnt sie nur. Er glaubt, daß in grotesken, in paradoxen Formen sich die ersten Anfänge der Kunst ausgelebt hätten; in wilden, grotesken Figuren hätten sich die Menschen ergangen. Und er malt das so aus, als ob es sich in einem instinktiven Zustand abgespielt hätte, während diese Kunst der Mysterien doch der höchste Ausdruck des Geistigen war. Wie der Mensch in den Mysterien darinstand, kam Nietzsche so vor, als ob der Mensch sich selbst zum Kunstwerk gemacht hätte, als ob er den Rhythmus der Sterne, das Weltgeschehen im Tanze nachgeahmt hätte, als ob er das Weltgesetz hätte ausdrücken wollen. Aber Nietzsche hielt das alles für instinktives Gefühl. Er wußte nicht, daß die Weltgesetze in den reinsten und edelsten symbolischen Formen von Eingeweihten in den Mysterien den Menschen gegeben wurden. Daher hat alles dies bei Nietzsche jenen wilden Ausdruck. Aber es ist eine Ahnung des Tatsächlichen.

[ 18 ] Aber etwas war bei Nietzsche als Frage vorhanden, was ihm Schopenhauer nicht aufklärte. Immer drängte sich ihm die Frage über die Kulturzusammenhänge auf. Er hatte intuitiv den Urzustand der Menschheit erfaßt, in dem große einzelne Geister, die Eingeweihten, die Menschen in den Mysterien belehrten und führten. So gelangte er zu dem Begriff des «Übermenschen», der, wie er glaubte, notwendig aus der Geschichte der natürlichen Entwickelung erstehen muß. Das ist sein Begriff des Übermenschen, wie schon der Satz zeigt: «Indem die Natur sich selbst heraushebt zum großen Menschen, erfüllt sie ihr höchstes Ziel, die große Persönlichkeit.» So gliedert sich für ihn Natur und Mensch zusammen. Und jetzt wird alles das, was er erlebt, alles andere als Theorie. Es wird alles ureigenes seelisches Erlebnis. Es wird etwas, wo sein Schmerz, seine Freude, seine Tatenlust emporglüht. Was er sagt, darauf kommt es weniger an, als daß für uns das Gesagte hindeutet auf das, was in seinem Herzen glühte. Und aus dem Ausklingen dessen, was er so in seiner Seele erlebt, geht sein erstes, bedeutsames Werk hervor: «Die Geburt der Tragödie.» Da fällt er geradezu darauf, wie sich aus dem alten Griechentum, aus dem Zustand der vereinten Künste, die griechische Kultur entwickelt hat. Und man darf sagen: Hier klingt etwas an von der tiefen Wahrheit. Er weiß nichts von jener Urkultur, die man durch die Geisteswissenschaft kennenlernt. Er ahnt sie nur. Er glaubt, daß in grotesken, in paradoxen Formen sich die ersten Anfänge der Kunst ausgelebt hätten; in wilden, grotesken Figuren hätten sich die Menschen ergangen. Und er malt das so aus, als ob es sich in einem instinktiven Zustand abgespielt hätte, während diese Kunst der Mysterien doch der höchste Ausdruck des Geistigen war. Wie der Mensch in den Mysterien darinstand, kam Nietzsche so vor, als ob der Mensch sich selbst zum Kunstwerk gemacht hätte, als ob er den Rhythmus der Sterne, das Weltgeschehen im Tanze nachgeahmt hätte, als ob er das Weltgesetz hätte ausdrücken wollen. Aber Nietzsche hielt das alles für instinktives Gefühl. Er wußte nicht, daß die Weltgesetze in den reinsten und edelsten symbolischen Formen von Eingeweihten in den Mysterien den Menschen gegeben wurden. Daher hat alles dies bei Nietzsche jenen wilden Ausdruck. Aber es ist eine Ahnung des Tatsächlichen.

[ 19 ] Wie aber sieht nun Nietzsche die spätere Tragödie an? Er sagte, das sei alles Ausdruck und Frucht einer späteren Zeit; da sei der Mensch schon herausgefallen aus dem Zusammenhang mit der Gottheit; da habe er in seinem Tanz nicht mehr die Gesetzmäßigkeiten der Welt nachgeahmt; er habe das nur im Bilde nachgeahmt. Er sah darin ein abgeklärtes Bild des Ursprünglichen, nicht aber dieses Ursprüngliche selbst. So haben wir schon bei Sophokles eine apollinische Kunst vor uns, die im ruhenden Bilde das Ursprüngliche zum Ausdruck brachte. [Lücken in der Nachschrift.] Und durch Richard Wagner wurde Nietzsche zurückgeführt in das alte dionysische Element. Sie sehen, wie der Ausklang seiner Schrift «Die Geburt der Tragödie» ein Gemisch von Sehnsucht, Ahnung und Wirrnis ist.

[ 19 ] Wie aber sieht nun Nietzsche die spätere Tragödie an? Er sagte, das sei alles Ausdruck und Frucht einer späteren Zeit; da sei der Mensch schon herausgefallen aus dem Zusammenhang mit der Gottheit; da habe er in seinem Tanz nicht mehr die Gesetzmäßigkeiten der Welt nachgeahmt; er habe das nur im Bilde nachgeahmt. Er sah darin ein abgeklärtes Bild des Ursprünglichen, nicht aber dieses Ursprüngliche selbst. So haben wir schon bei Sophokles eine apollinische Kunst vor uns, die im ruhenden Bilde das Ursprüngliche zum Ausdruck brachte. [Lücken in der Nachschrift.] Und durch Richard Wagner wurde Nietzsche zurückgeführt in das alte dionysische Element. Sie sehen, wie der Ausklang seiner Schrift «Die Geburt der Tragödie» ein Gemisch von Sehnsucht, Ahnung und Wirrnis ist.

[ 20 ] Jetzt trat ihm jedoch mehr und mehr die äußere Wirklichkeit gegenüber. Er lernte das, was die moderne Kultur an die Stelle der alten setzte, kennen. Was er in der ersten Periode seines Lebens nicht erkennen konnte, was der moderne Materialismus hervorgebracht hatte, das lernte er jetzt kennen. Und von der Stimmung, die ich beschrieb, daß viele der edelsten Geister geradezu eine Beseligung im Materialismus fanden, das lernte er jetzt in seiner Art etwas kennen. Jetzt vergingen für seinen Blick alle Ideale. Wie «auf Eis gelegt», so sagte er einmal, wurden ihm all diese alten Ideale. Jetzt erschienen sie ihm als ein gesetzmäßiges Übel, entstanden aus der menschlichen Schwäche. Es entstand die Schrift: «Menschliches, Allzumenschliches.»

[ 20 ] Jetzt trat ihm jedoch mehr und mehr die äußere Wirklichkeit gegenüber. Er lernte das, was die moderne Kultur an die Stelle der alten setzte, kennen. Was er in der ersten Periode seines Lebens nicht erkennen konnte, was der moderne Materialismus hervorgebracht hatte, das lernte er jetzt kennen. Und von der Stimmung, die ich beschrieb, daß viele der edelsten Geister geradezu eine Beseligung im Materialismus fanden, das lernte er jetzt in seiner Art etwas kennen. Jetzt vergingen für seinen Blick alle Ideale. Wie «auf Eis gelegt», so sagte er einmal, wurden ihm all diese alten Ideale. Jetzt erschienen sie ihm als ein gesetzmäßiges Übel, entstanden aus der menschlichen Schwäche. Es entstand die Schrift: «Menschliches, Allzumenschliches.»

[ 21 ] Jetzt kommt die zweite Periode seines Lebens. Er durchlebte die materialistische Weltanschauung so, daß er, nach seiner Art, sein Herz in sie hineinversenken mußte. Das war sein Schicksal, daß er alles, was er denken wollte, in seine Seele schließen mußte. Und gerade aus dieser Weltanschauung, aus dem Darwinismus, ging ihm etwas wie eine Erlösung auf, das ihn wiederum herausführte aus dem Materialismus. Er sah in darwinistischer Weise auf die Entwickelung der Menschheit. Er sagte sich: Der Mensch hat sich herausentwickelt aus der Tierheit. Doch zog er auch die Konsequenzen dieser Anschauung. Er mußte sie ziehen, weil er klar sehen wollte in bezug auf den Materialismus. Denn er mußte mit ihm leben. So kam er zu dem Schluß: Schaue ich auf die Tiergestalten, so sehe ich in ihnen den Rest einer früheren Kultur. Schaue ich auf den Menschen, so muß ich sagen, er enthält als Möglichkeit den Vollkommenheitszustand der Zukunft. Ich darf den Affen eine Brücke nennen zwischen Mensch und Tier. Was ist also der Mensch? Eine Brücke zwischen dem Tier und dem Übermenschen. So schlummert der Übermensch im Menschen, - Nietzsche fühlte, mußte fühlen, was es heißt, so zu leben, daß das, was werden kann, erscheint. Das war die lyrische Stimmung seines «Zarathustra», in dem Liede vom Übermenschen, dem Liede, das die Zukunft schildert. Gefühl knüpfte ihn an diesen Gedanken, Gefühl war das, was ihn erfüllte.

[ 21 ] Jetzt kommt die zweite Periode seines Lebens. Er durchlebte die materialistische Weltanschauung so, daß er, nach seiner Art, sein Herz in sie hineinversenken mußte. Das war sein Schicksal, daß er alles, was er denken wollte, in seine Seele schließen mußte. Und gerade aus dieser Weltanschauung, aus dem Darwinismus, ging ihm etwas wie eine Erlösung auf, das ihn wiederum herausführte aus dem Materialismus. Er sah in darwinistischer Weise auf die Entwickelung der Menschheit. Er sagte sich: Der Mensch hat sich herausentwickelt aus der Tierheit. Doch zog er auch die Konsequenzen dieser Anschauung. Er mußte sie ziehen, weil er klar sehen wollte in bezug auf den Materialismus. Denn er mußte mit ihm leben. So kam er zu dem Schluß: Schaue ich auf die Tiergestalten, so sehe ich in ihnen den Rest einer früheren Kultur. Schaue ich auf den Menschen, so muß ich sagen, er enthält als Möglichkeit den Vollkommenheitszustand der Zukunft. Ich darf den Affen eine Brücke nennen zwischen Mensch und Tier. Was ist also der Mensch? Eine Brücke zwischen dem Tier und dem Übermenschen. So schlummert der Übermensch im Menschen, - Nietzsche fühlte, mußte fühlen, was es heißt, so zu leben, daß das, was werden kann, erscheint. Das war die lyrische Stimmung seines «Zarathustra», in dem Liede vom Übermenschen, dem Liede, das die Zukunft schildert. Gefühl knüpfte ihn an diesen Gedanken, Gefühl war das, was ihn erfüllte.

[ 22 ] Und nun sehen wir, wie sich mit diesem ein anderer Gedanke verknüpft. Alle lyrischen Stimmungen klingen im «Zarathustra» an. Aber Nietzsche hatte keine solchen Anhaltspunkte, wie wir sie in der Theosophie haben. Das gab es für ihn nicht. In seinen Gesichtskreis trat nicht der Reinkarnationsgedanke, der Gedanke, daß der «Übermensch» im Menschen lebt als höheres göttliches Selbst im Menschenleibe. Wir sehen den «Übermenschen» wiederkehren, so daß wir trostvoll die aufsteigende Linie der Entwickelung sehen, nicht die Wiederholung des Gleichen. Nietzsche wußte davon nichts. Doch ist ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen dem, was er sagte und unserer geisteswissenschaftlichen Anschauung. Mit dem Übermenschen-Gedanken verknüpfte sich jetzt für Nietzsche ein anderer, der Gedanke der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Der Gedanke zeigte sich merkwürdig und ergab sich für ihn so, daß alle Dinge schon unzählige Male da waren. Der Gedanke war der wahre, ureigene Gedanke Nietzsches. Wie Sie alle denken und empfinden, so haben Sie schon unzählige Male gedacht und empfunden, und so werden Sie unzählige Male denken und empfinden. Dieser Gedanke stellte sich nun mit dem des Übermenschen zusammen. In beide Gedanken mußte er sich hineinfühlen.

[ 22 ] Und nun sehen wir, wie sich mit diesem ein anderer Gedanke verknüpft. Alle lyrischen Stimmungen klingen im «Zarathustra» an. Aber Nietzsche hatte keine solchen Anhaltspunkte, wie wir sie in der Theosophie haben. Das gab es für ihn nicht. In seinen Gesichtskreis trat nicht der Reinkarnationsgedanke, der Gedanke, daß der «Übermensch» im Menschen lebt als höheres göttliches Selbst im Menschenleibe. Wir sehen den «Übermenschen» wiederkehren, so daß wir trostvoll die aufsteigende Linie der Entwickelung sehen, nicht die Wiederholung des Gleichen. Nietzsche wußte davon nichts. Doch ist ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen dem, was er sagte und unserer geisteswissenschaftlichen Anschauung. Mit dem Übermenschen-Gedanken verknüpfte sich jetzt für Nietzsche ein anderer, der Gedanke der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Der Gedanke zeigte sich merkwürdig und ergab sich für ihn so, daß alle Dinge schon unzählige Male da waren. Der Gedanke war der wahre, ureigene Gedanke Nietzsches. Wie Sie alle denken und empfinden, so haben Sie schon unzählige Male gedacht und empfunden, und so werden Sie unzählige Male denken und empfinden. Dieser Gedanke stellte sich nun mit dem des Übermenschen zusammen. In beide Gedanken mußte er sich hineinfühlen.

[ 23 ] Nun denken Sie sich den Organismus von Nietzsche, denken Sie an die Lockerung des Ätherleibes, der jederzeit bereit war, sich vom physischen Leibe zu trennen. Denken Sie sich einen Menschen, der das, was er an Gedanken ausbildet, furchtbar ernst nimmt, und denken Sie sich die Stimmung: Wie ich bin, wie ich fühle, so werde ich ewig sein und fühlen. - Und nun bedenken Sie, wie er die Lockerung seines Ätherleibes empfand. Er empfand sie so, daß er hundert Tage im Jahre die furchtbarsten Kopfschmerzen hatte. Dann können Sie verstehen, wie das sich in seiner Seele belebte: unzählige Male war dies da, unzählige Male wird es wiederkehren. - Da empfinden wir auf der einen Seite den Trost bei dem Gedanken an den Übermenschen, auf der anderen Seite das Trostlose bei dem Gedanken an die ewige Wiederkehr des Gleichen. Und wir verstehen Stimmungsgehalte wie solche: «Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!» Wir fühlen vieles von dem, was mit dem Heimatgefühl verbunden ist. Wir fühlen an der Eigenart Friedrich Nietzsches etwas, was mit dem Schicksal der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts zusammenhängt. Er mußte das Gefühl der Heimatlosigkeit empfinden. Es ist ein Zeugnis, wie in einer tiefempfindenden Seele die Weltanschauungen ihrer Zeit leben, und wie in ihr die Sehnsucht aufersteht nach einer geistigen Heimat.

[ 23 ] Nun denken Sie sich den Organismus von Nietzsche, denken Sie an die Lockerung des Ätherleibes, der jederzeit bereit war, sich vom physischen Leibe zu trennen. Denken Sie sich einen Menschen, der das, was er an Gedanken ausbildet, furchtbar ernst nimmt, und denken Sie sich die Stimmung: Wie ich bin, wie ich fühle, so werde ich ewig sein und fühlen. - Und nun bedenken Sie, wie er die Lockerung seines Ätherleibes empfand. Er empfand sie so, daß er hundert Tage im Jahre die furchtbarsten Kopfschmerzen hatte. Dann können Sie verstehen, wie das sich in seiner Seele belebte: unzählige Male war dies da, unzählige Male wird es wiederkehren. - Da empfinden wir auf der einen Seite den Trost bei dem Gedanken an den Übermenschen, auf der anderen Seite das Trostlose bei dem Gedanken an die ewige Wiederkehr des Gleichen. Und wir verstehen Stimmungsgehalte wie solche: «Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!» Wir fühlen vieles von dem, was mit dem Heimatgefühl verbunden ist. Wir fühlen an der Eigenart Friedrich Nietzsches etwas, was mit dem Schicksal der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts zusammenhängt. Er mußte das Gefühl der Heimatlosigkeit empfinden. Es ist ein Zeugnis, wie in einer tiefempfindenden Seele die Weltanschauungen ihrer Zeit leben, und wie in ihr die Sehnsucht aufersteht nach einer geistigen Heimat.

[ 24 ] So sehen wir, wie erst durch die Theosophie es möglich wird, zu einer Synthesis von Weisheit, Kunst und Religion zu kommen, die sich zu einer großen Kultur wieder zusammenfügen sollen durch die Geisteswissenschaft. Denken Sie sich den Gedanken der ewigen Wiederkunft des Gleichen weiterentwickelt, so daß er Reinkarnation bedeutet, wodurch dieser Gedanke erst seinen wahren Gehalt erhält, und Sie erfüllen sich mit der Hoffnung, daß jene Vereinigung von Weisheit, Kunst und Religion neu erstehen wird. Es ist nicht die Wiederkunft des Gleichen, sondern ein stetes Vervollkommnen.

[ 24 ] So sehen wir, wie erst durch die Theosophie es möglich wird, zu einer Synthesis von Weisheit, Kunst und Religion zu kommen, die sich zu einer großen Kultur wieder zusammenfügen sollen durch die Geisteswissenschaft. Denken Sie sich den Gedanken der ewigen Wiederkunft des Gleichen weiterentwickelt, so daß er Reinkarnation bedeutet, wodurch dieser Gedanke erst seinen wahren Gehalt erhält, und Sie erfüllen sich mit der Hoffnung, daß jene Vereinigung von Weisheit, Kunst und Religion neu erstehen wird. Es ist nicht die Wiederkunft des Gleichen, sondern ein stetes Vervollkommnen.

[ 25 ] Wir dürfen sagen, eine große Frage erscheint uns in Nietzsches Leben, die Frage: Wie ist es einer wirklich tiefen Seele möglich, in der materialistischen Weltanschauung zu leben? In Nietzsches Seele haben wir eine Seele vor uns, die unfähig war, die Antworten auf die bangen Fragen unserer Kultur zu finden. Es fehlte ihr dasjenige, was wir durch die anthroposophische Weltanschauung finden. Und denken wir uns eine andere Seele, die die Möglichkeit hat, diese Antworten zu finden durch die Anthroposophie, die uns Antworten gibt auf die Fragen, die die tiefsten Seelen empfinden müssen. Die Fragen hat Nietzsche gestellt, beantworten konnte er sie nicht. Sehnsucht hat ihn erfüllt, die Sehnsucht hat ihn zerstört. Er ist der Beweis, daß die großen Probleme, die der Geist aufstellen muß, durch die Anthroposophie beantwortet werden müssen. Nach einem Heilmittel der Sehnsucht geht der Schrei Nietzsches. Und das Heilmittel liegt in der Anthroposophie. Sehnsucht war die Kraft der Seele Nietzsches, die so lebendig blieb, daß sie das Äußere dieser Persönlichkeit so aufrecht erhielt als ein Abdruck innerer Lebendigkeit. Es war, als ob über den Geisttod hinaus die Seele bei dem Leibe bleiben wollte, um noch etwas zu erhaschen von den Antworten, die Nietzsche nicht erreichen konnte, nach denen er lechzte und die ihn schließlich zersprengten. Aus Nietzsches Seele können wir die Notwendigkeit der Anthroposophie fühlen. Stellen wir ihn uns als den großen Fragesteller vor, als den Fragesteller der Menschheitsfragen, deren Beantwortung die Notwendigkeit einer anthroposophischen Geisteswissenschaft bedingt.

[ 25 ] Wir dürfen sagen, eine große Frage erscheint uns in Nietzsches Leben, die Frage: Wie ist es einer wirklich tiefen Seele möglich, in der materialistischen Weltanschauung zu leben? In Nietzsches Seele haben wir eine Seele vor uns, die unfähig war, die Antworten auf die bangen Fragen unserer Kultur zu finden. Es fehlte ihr dasjenige, was wir durch die anthroposophische Weltanschauung finden. Und denken wir uns eine andere Seele, die die Möglichkeit hat, diese Antworten zu finden durch die Anthroposophie, die uns Antworten gibt auf die Fragen, die die tiefsten Seelen empfinden müssen. Die Fragen hat Nietzsche gestellt, beantworten konnte er sie nicht. Sehnsucht hat ihn erfüllt, die Sehnsucht hat ihn zerstört. Er ist der Beweis, daß die großen Probleme, die der Geist aufstellen muß, durch die Anthroposophie beantwortet werden müssen. Nach einem Heilmittel der Sehnsucht geht der Schrei Nietzsches. Und das Heilmittel liegt in der Anthroposophie. Sehnsucht war die Kraft der Seele Nietzsches, die so lebendig blieb, daß sie das Äußere dieser Persönlichkeit so aufrecht erhielt als ein Abdruck innerer Lebendigkeit. Es war, als ob über den Geisttod hinaus die Seele bei dem Leibe bleiben wollte, um noch etwas zu erhaschen von den Antworten, die Nietzsche nicht erreichen konnte, nach denen er lechzte und die ihn schließlich zersprengten. Aus Nietzsches Seele können wir die Notwendigkeit der Anthroposophie fühlen. Stellen wir ihn uns als den großen Fragesteller vor, als den Fragesteller der Menschheitsfragen, deren Beantwortung die Notwendigkeit einer anthroposophischen Geisteswissenschaft bedingt.