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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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The Gospel of St. John
in comparison with the other three Gospels,
particularly the Gospel of Luke
GA 112

30 June 1909, Kassel

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Siebenter Vortrag

7. The Baptism with Water and the Baptism with Fire and Spirit

[ 1 ] In unserer gestrigen Betrachtung sind wir so weit gekommen, daß wir verstehen konnten, was eigentlich die Taufe des Vorläufers des Christus Jesus, was die Johannes-Taufe war. Und es wird uns heute verhältnismäßig leicht sein, den Unterschied zu begreifen zwischen dem, was man Christus-Taufe nennen kann, und eben der Johannes-Taufe. Und das ganze Wesen des Christus-Einflusses auf die Welt wird uns gerade dadurch klar und deutlich werden, daß wir uns dieses Wesen der Christus-Taufe, des Christus-Impulses, im Unterschiede zu der Johannes-Taufe auseinandersetzen können.

[ 1 ] Yesterday's discussion brought us to a comprehension of the real nature of the baptism by John, the Forerunner of Christ Jesus, so that it will now be comparatively easy to understand the difference between this baptism and what we may call the baptism by Christ; and precisely by striving to fathom this difference will the very essence of the Christ-Impulse and its influence in the world become clear and distinct in our minds.

[ 2 ] Wir müssen vor allem darauf hinweisen, daß im Grunde genommen der Zustand, in welchen der Mensch kommen mußte durch die Johannes-Taufe, doch ein abnormer war gegenüber dem gewöhnlichen alltäglichen Bewußtseinszustand des Menschen. Wir haben ja gehört, daß zum Beispiel die alte Einweihung darauf beruhte, daß der Ätherleib des Menschen, der sonst fest mit dem physischen Leib verbunden ist, in gewisser Beziehung herausgehoben wurde aus dem physischen Leib, und daß es dadurch dem astralischen Leib möglich wurde, seine Erlebnisse dem Ätherleib einzudrücken. Das galt für die alte Einweihung. Und auch durch die Johannes-Taufe mußte ein abnormer Zustand eintreten. Der Mensch wurde unter Wasser gebracht. Dadurch wurde der Ätherleib in gewisser Beziehung vom physischen Leibe getrennt, so daß der Mensch zu einer Anschauung seines Lebens kommen konnte und sich der Verbindung dieses individuellen Lebens mit den Reichen der göttlich-geistigen Welt bewußt wurde. Wenn wir etwas deutlicher sein wollen, können wir sagen: Derjenige, der mit Erfolg wieder aus dem Wasser herausgezogen wurde, wußte durch diesen Vorgang: Ich habe ein Geistiges in mir, ich bin nicht nur ein Wesen in diesem physisch-materiellen Leib. Und dieses Geistige in mir hängt zusammen mit dem Geiste, der hinter allen anderen Dingen ist. - Er wußte außerdem, daß dieses Geistige, das ihm da entgegentrat, dasselbe ist, was Moses im Feuer des brennenden Dornbusches und in dem Blitz auf Sinai als Jahve, als «Ich bin der Ich-bin», als «ehjeh asher ehjeh» wahrgenommen hatte. Das alles wußte er durch die Johannes-Taufe.

[ 2 ] We must first of all remind ourselves that the condition to which people were reduced by the baptism in the Jordan was, after all, an abnormal one as compared with the ordinary, every-day state of consciousness. We learned that the old initiation, for instance, was based upon the withdrawal, in a certain respect, of the etheric body, which normally is firmly joined to the physical body, and that this enabled the astral body to imprint its experiences into the etheric body. Such was the procedure in the old initiation, and an abnormal condition had to supervene in the baptism by John as well. The disciple was submerged in water, resulting in a certain separation of the etheric from the physical body; and thus he could attain to a survey of his life and become aware of the connection of this individual life with the regions of the divine-spiritual world. To make it a little clearer, we can say that when the submersion was successful it produced in the disciple the conviction: I have spirit within me; I am not just a being in this physical-material body; and this spirit within me is one with the spirit underlying all things.—And he knew in addition that the Spirit Whom he thus confronted was the same that Moses had perceived in the fire of the burning bush and in the lightning on Sinai as Jahve, as I am the I AM, as ehjeh asher ehjeh. All this was revealed to him through the baptism by John.

[ 3 ] Wodurch unterschied sich ein solches Bewußtsein von dem eines alten Eingeweihten? Ein alter Eingeweihter, wenn er in jenen abnormen Zustand gebracht wurde, den ich Ihnen gestern geschildert habe, nahm die alten göttlich-geistigen Wesenheiten wahr, die auch schon mit der Erde verbunden waren, bevor sich das, was Zarathustra « Ahura Mazdao », was Moses den « Jahve » genannt hat, mit der Erde verband. Die alte geistige Welt also, aus der der Mensch herausgewachsen ist, in der er noch in der alten atlantischen Zeit war, und nach der sich das alte indische Volk sehnte, die alten Götter, sie nahm der Mensch wahr durch die uralte Weisheit. Den Gott aber, der sich eine entsprechend lange Zeit von der Erde ferngehalten hat, um desto wirksamer aufzutreten, der sie lange Zeiten hindurch nur von außen beeinflußte und sich langsam ihr annäherte, so daß Moses diese Annäherung hat wahrnehmen können, diesen Gott kannte der alte Eingeweihte noch nicht. Erst diejenigen Menschen, die im Sinne der alttestamentlichen Einweihung eingeweiht wurden, nahmen etwas von der Einheit alles Göttlichen wahr.

[ 3 ] Now, in what way did this sort of consciousness differ from that of an initiate of olden times? The latter perceived, when in the abnormal state I described yesterday, those divine-spiritual beings that had already been connected with the earth before Zarathustra's Ahura Mazdao—the Jahve of Moses—had united with the earth. So what men perceived by means of the ancient wisdom was the old spiritual world out of which man was engendered, in which he still dwelt in the old Atlantean age, and for which the people of ancient India longed: the old Gods. Unknown, however, to the old initiate was the God Who had long remained remote from the earth in order ultimately to appear with deeper effect—He Who throughout long ages influenced the earth only from without and Who then approached it gradually, so that Moses was able to perceive the approach. Not until men were initiated in the Old Testament way did they discern aught of the unity of all that is divine.

[ 4 ] Betrachten wir einmal den Gemütszustand eines Eingeweihten, nicht der persischen oder der späteren ägyptischen Mysterien, sondern eines Eingeweihten, der außerdem auch das durchlebt hatte, was man in der hebräischen Geheimforschung aufnehmen konnte. Nehmen wir an,ein solcher Eingeweihter habe zum Beispiel auch die Einweihung auf dem alten Sinai durchgemacht, sagen wir in einer Inkarnation während der althebräischen Entwickelung oder auch noch früher. Da war er geführt worden zu der Erkenntnis der alten göttlichen Welt, aus der der Mensch herausgewachsen war. Dann trat er mit der uralten Weisheit, mit dieser Beobachtungsgabe für die uralte göttliche Welt in die hebräische Geheimlehre. Da lernte er dann etwa folgendes sagen: Das, was ich früher kennengelernt habe, waren Götter, die mit der Erde verbunden waren, bevor die Gottheit Jahve-Christus sich mit der Erde vereinigt hat. Jetzt aber weiß ich, daß der hauptsächlichste Geist unter ihnen, der führende Geist der ist, der sich erst nach und nach der Erde genähert hat. So lernte ein solcher Eingeweihter die Identität kennen seiner geistigen Welt mit derjenigen geistigen Welt, in der der herannahende Christus herrscht. Derjenige, der ins Wasser untergetaucht wurde durch Johannes, brauchte kein Eingeweihter zu sein; erlernte dadurch aber kennen den Zusammenhang seiner Individualität, was er als Persönlichkeit war, mit dem großen Vatergeist der Welt. Allerdings nur wenige konnten diesen Erfolg haben. Die meisten brauchten ja auch diese Taufe nur als ein Symbolum hinzunehmen, nur als das, was ihnen sozusagen dazu diente, daß sie nun auf Treu und Glauben, unter dem bedeutsamen Einfluß der Lehre des Täufers Johannes, von dem Dasein des Jahve-Gottes überzeugt waren. Es waren aber unter denen, die untergetaucht wurden, solche, die sich in früheren Inkarnationen schon reif gemacht hatten, um einiges aus eigener Beobachtung kennenzulernen. Ein abnormer Zustand jedoch war es, in welchen der Mensch durch die JohannesTaufe versetzt wurde.

[ 4 ] Let us consider the frame of mind of an initiate who had not only experienced what the Persian or the later Egyptian Mysteries offered, but who in addition had passed through all that could result from Hebrew occult research. Let us suppose, for example, that such an initiate had also received initiation on Mount Sinai of old, possibly in an incarnation occurring during the ancient Hebrew evolution, or even earlier. There he had been guided to cognition of the old divine world out of which mankind had evolved. Equipped with this primordial wisdom and its capacity for observing the primordial divine world, he came to the Hebrew Mysteries. There he learned what could be put somewhat as follows: The Gods I learned to know in former times were connected with the earth before the Divinity Jahve-Christ came to unite with it; now I know that the first and foremost Spirit among them, the Leading Spirit, is He Who approached the earth only gradually. Thus an initiate of this sort learned of the identity of his own spiritual world and the world in which the approaching Christ reigns. He did not need the immersion by John the Baptist, but through this act he learned to know the connection between his own individuality—what he was as a personality—and the great Father-Spirit of the world. Only few, to be sure, could achieve this result; indeed, most of them only needed to take the baptism as a symbol, as something that served, so to speak, under the powerful influence of John's teaching, to consolidate their faith in the existence of Jahve-God. But among them were some who in earlier incarnations had developed so far that they were now able to learn to a certain extent from personal observation.—For all that, however, it was an abnormal state to which the human being was reduced by John's baptism.

[ 5 ] Johannes taufte mit Wasser, und das hatte zur Wirkung, daß der Ätherleib für kurze Zeit getrennt wurde vom physischen Leib. Aber Johannes der Täufer wollte der Vorläufer sein dessen, «der da tauft mit dem Feuer und mit dem Geist». Die Taufe mit dem Feuer und mit dem Geist, sie kam durch den Christus auf unsere Erde. Welches ist nun der Unterschied zwischen der Wasser-Taufe des Johannes und der Taufe des Christus mit dem Feuer und dem Geist? Das kann nur derjenige verstehen, der aus den allerersten Anfangsgründen heraus ein solches Verstehen lernt. Denn in bezug auf das Christus-Verständnis sind wir wirklich heute noch auf die Anfänge angewiesen. Immer größer und größer wird dieses Verständnis werden, aber heute kann der Mensch nur die allerersten Anfänge sich zu eigen machen. Haben Sie einmal die Geduld, den Weg des Christus-Verständnisses von dem ABC an mit mir zu beginnen.

[ 5 ] John baptized with water, with the result that the etheric body was disconnected for a short time from the physical body. But John the Baptist claimed to be the Forerunner of Him Who baptized with fire and with the Holy Spirit. The baptism with fire and with the Holy Spirit came to our earth through Christ. Now, what is the difference between John's baptism with water and Christ's baptism with fire and with the Holy Spirit? That can be understood only by one who has learned the nature of such understanding from its very roots, for even today we are still dependent upon first causes for a comprehension of the Christ. This comprehension will continue to increase, but as yet men can assimilate only just the beginnings.—I ask your patience in following me along this path, beginning with the A B C.

[ 6 ] Da muß zuerst darauf aufmerksam gemacht werden, daß wirklich hinter allen physischen Vorgängen geistige Vorgänge stehen, auch hinter allen menschlichen physischen Vorgängen. Es wird das dem Menschen der heutigen Zeit recht schwer zu glauben. Das wird die Welt nach und nach lernen, und dann wird sie erst zum vollen Christus-Verständnis kommen. Heute glauben selbst diejenigen, welche vom Geist reden möchten, nicht im Ernst an die Tatsache, daß alles, was im Menschen physisch vorgeht, zuletzt vom Geistigen dirigiert wird. Sie können unbewußt — wenn wir den Ausdruck gebrauchen dürfen - nicht daran glauben, selbst wenn sie Idealisten sein wollen.

[ 6 ] First, we must recall that spiritual processes underlie really all physical processes—even those that pertain to the human being. For people of our day this is hard to believe, but in time the world will learn to recognize the fact; and only then will a full understanding of the Christ be reached. Today even those who like to talk about spirit do not seriously believe that everything taking place in man in a physical way is ultimately controlled by spirit. They disbelieve it unconsciously, if I may put it that way, even when they consider themselves idealists.

[ 7 ] Da gibt es zum Beispiel einen Amerikaner, der sammelt sorgfältig die Tatsachen, daß der Mensch in abnormen Zuständen dazu kommt, sich in eine geistige Welt zu erheben, und dadurch sucht er eine gewisse Grundlegung für die verschiedensten Tatsachen zu gewinnen. Dieser Amerikaner, William James, geht am allergründlichsten dabei zu Werke. Aber selbst die besten unter den Menschen können nichts gegen den stark wirkenden Zeitgeist. Sie wollen nicht Matetrialisten sein, sind es aber doch. Diese Philosophie des William James hat auch auf einige europäische Gelehrte einen Einfluß ausgeübt, und deshalb soll auf einige groteske Sätze des William James hingewiesen werden, die das erhärten, was eben gesagt worden ist. Er hat zum Beispiel den Ausspruch getan: Der Mensch weint nicht, weil er traurig ist, sondern er ist traurig, weil er weint! — Die Menschen sind bisher immer der Anschauung gewesen, daß man zuerst traurig sein müsse, das heißt, daß ein geistig-seelischer Vorgang sich abspielen muß, und daß dann erst sich dieser geistige Vorgang hineinpreßt in das Physische des Menschenleibes. Wenn die Träne quillt, so muß ein seelischer Vorgang vorhanden sein, der dem Aussondern des Tränenwassers zugrunde liegt.

[ 7 ] There is a certain American, for example, who systematically assembles facts intended to prove that in abnormal states man attains the ability to ascend to a spiritual world, and thereby he endeavors to establish a certain basis for a variety of phenomena. This American, William James by name, goes to work most exhaustively; but even the best of men are powerless to oppose the influential spirit of the time. They claim not to be materialists, but they are. The philosophy of William James has influenced a number of European scholars; and for this reason we shall point out several grotesque statements of his that will confirm what has just been said. He maintains, among other things, that a man does not weep because he is sad, but is sad because he weeps. Well, hitherto people have always believed that one must first be sad; that is, that a psycho-spiritual process must occur which only then can penetrate the physical principle of the human body. When the tears flow there must be present a psychic process underlying the secretion of the tear fluid.

[ 8 ] Heute noch, wo sozusagen alles Spirituelle unter dem Schleier des Materiellen begraben liegt und erst wiedergefunden werden soll von der spirituellen Weltanschauung, selbst heute noch haben wir Vorgänge in uns, welche Erbstücke einer uralten Zeit sind, wo das Geistige noch mächtiger war, und die uns in bedeutsamer Weise zeigen können, wie das Geistige wirkt. Auf zweierlei mache ich da gewöhnlich aufmerksam: auf das Schamgefühl und auf das Furcht- und Schreckgefühl. Es sei im voraus bemerkt, daß es leicht sein wird, Ihnen alle die hypothetischen Erklärungsversuche für diese beiden Erlebnisarten hier aufzuzählen. Das geht uns aber hier nichts an; und wenn jemand das dagegen einwenden wollte, so soll er nur nicht glauben, daß der Geistesforscher diese Hypothesen nicht auch kennt.

[ 8 ] Even today, when everything of a spiritual nature lies as though buried under a covering of matter and awaits rediscovery by a spiritual conception of the world, there remain processes within us which are a heritage of primeval times when the spiritual workings were more powerful, and which can reveal most significantly the manner in which spirit acts. There are two phenomena to which I like to draw attention in this connection: the sensation of shame, and that of fear, or fright. Let it be said in advance that it would be easy to enumerate all the hypothetical attempts to explain these two kinds of experience; but they do not concern us here, and in connection with any objection of that sort it would be a grave mistake to imagine the spiritual scientist to be unacquainted with these hypotheses.

[ 9 ] Über das Schamgefühl können wir sagen:'Wenn der Mensch sich schämt, so ist es, wie wenn er bewirken wollte, daß seine Umgebung etwas nicht sieht, was in ihm geschieht, es ist wie etwas verbergen wollen, was im Schamgefühl des Menschen vor sich geht. Und was bewirkt dieses seelische Erlebnis physisch im Menschen? Es treibt die Schamröte ins Gesicht, das Blut steigt ins Gesicht. Was geschieht also unter dem Eindrucke eines seelisch-geistigen Ereignisses, wie es das Schamgefühl ist? Eine Umwandlung, eine andere Zirkulation des Blutes! Das Blut wird von innen nach der Peripherie, nach außen hin getrieben. Das Blut wird in seinem Laufe - das ist eine physikalische Tatsache - geändert durch eine geistig-seelische Tatsache!

[ 9 ] Of the sensation of shame it can be said that when a person is ashamed it is as though he were trying to prevent his environment from seeing something that is taking place in him. Inherent in the sensation of shame is a feeling akin to a wish to conceal something. And what is the physical effect of this psychic experience? It causes him to blush: the blood rushes to his face. This means that under the influence of some psycho-spiritual event, such as a sensation of shame, a transformation, a change, results in the blood circulation. The blood is driven from within outward, toward the periphery. Its course is altered as the result of a psycho-spiritual event—this is a physical fact.

[ 10 ] Wenn der Mensch erschrickt, so will er sich schützen gegen etwas, was er als bedrohlich ansieht: er wird blaß, das Blut zieht sich zurück von der äußeren Oberfläche. Wiederum haben wir einen äußeren Vorgang, hervorgerufen durch einen geistig-seelischen, durch Furcht und Schreck. Erinnern Sie sich, daß das Blut der Ausdruck des Ich ist. Was wird denn der Mensch wollen, wenn er etwas Bedrohliches herankommen sieht? Er wird eben seine Kräfte zusammennehmen und stark werden lassen im Mittelpunkte seines Wesens. Das Ich, das sich zusammennehmen will, zieht auch dasBlut indenMittelpunktseinesWesenszurück.

[ 10 ] And when a person is frightened his impulse is to protect himself from something he considers threatening: he pales, the blood withdraws from the outer surface. Here again is an external process called forth by a psycho-spiritual one, by fear, fright. Recall here that the blood is the expression of the ego, then ask yourself, What would a man want to do when he sees some peril approaching? He would assemble his forces and consolidate them in the center of his being. The ego, with the intention of making a stand, draws the blood back into the center of its being.

[ 11 ] Da haben Sie physische Vorgänge als Wirkung von seelisch-geistigen. So ist auch das Quellen der Tränen ein physischer Vorgang, der durch das Seelisch-Geistige bewirkt wird. Es ist nicht so, daß irgendwelche heimlichen physischen Einflüsse da zusammenströmen, die Tränen herauspressen, und daß der Mensch dann, wenn er die Tränen herausgehen fühlt, traurig wird. So stellt die materialistische Anschauung das Allereinfachste auf den Kopf. Wenn wir eingehen würden auf mancherlei, was den Menschen auch an physischen Übeln treffen kann und was zusammenhängt mit geistig-seelischen Vorgängen, dann könnten wir solche Fälle ins Ungeheure vermehren. Aber für uns handelt es sich heute darum, daß wir begreifen: Physische Vorgänge sind Wirkungen geistig-seelischer Vorgänge. Und wo uns ein physischer Vorgang so erscheint, als ob nichts Geistig-Seelisches hinter ihm stünde, müssen wir uns immer klar sein, daß wir eben das Geistig-Seelische noch nicht erkannt haben.

[ 11 ] There you have physical processes resulting from psycho-spiritual processes; and similarly, the flow of tears is a physical process brought about by soul and spirit. It is not a case of some mysterious physical influences joining forces and squeezing out the tears, and of the person then becoming sad when he feels the tears flow. That is an example of the way a materialistic view turns the simplest things upside-down. Were we to go into the matter of various ills—even physical ones—which can affect human beings and which are connected with psycho-spiritual processes, we could multiply such instances indefinitely. But what concerns us at the moment is to understand that physical processes are effects of psycho-spiritual processes; and that whenever this does not appear to be the case we must realize that we have simply not yet recognized the underlying psycho-spiritual principle.

[ 12 ] Der Mensch ist heute gar nicht geneigt, das Geistig-Seelische sofort zu erkennen. Der Forscher von heute sieht, wie sich der Mensch vom ersten Moment der Empfängnis an, von den allerersten Keimesstadien an entwickelt, zuerst im Mutterschoße, nachher außerhalb des mütterlichen Leibes. Er sieht heranwachsen die äußere physische Gestalt des Menschen. Und weil er das beobachtet mit den Mitteln der heutigen Forschung, bekommt er die Ansicht, daß der Mensch erst entstehe mit der Entwickelung der physischen Gestalt, wie er es beobachtet bei der Empfängnis, und er ist gar nicht geneigt, darauf einzugehen, daß hinter den physischen Vorgängen noch geistige Vorgänge stehen. Er glaubt nicht, daß hinter dem physischen Menschenkeim noch etwas Geistiges steht und dieses Geistige sich mit dem Physischen verbindet und dasjenige herausarbeitet, was aus einer früheren Verkörperung herstammt. Nun könnte man ja sagen, wenn man nur auf die Theorie und nicht auf die Lebenspraxis etwas geben wollte: Nun ja, mag sein, daß irgendeiner höheren Erkenntnis die Einsicht zugänglich wäre, daß das Geistige hinter dem Physischen steht. Aber wir Menschen können eben das Geistige hinter dem Physischen nicht erkennen! — So sagen die einen. Die anderen sagen: Wir wollen aber nicht die Anstrengungen machen, die uns vorgeschrieben werden, um zu dieser Erkenntnis des Geistig-Göttlichen zu kommen. Was ändert denn das an der Welt, ob wir das erkennen oder nicht! - Es ist aber ein schlimmer Glaube, ja ein schlimmer Aberglaube, wenn man der Meinung ist, daß von einer solchen Erkenntnis nichts in der Lebenspraxis abhänge. Daß eben sehr viel von dieser Erkenntnis in der Lebenspraxis abhängt, das wollen wir uns jetzt möglichst anschaulich machen.

[ 12 ] Present-day man is not at all inclined to recognize this principle offhand. The modern scientist can observe the development of the human being, beginning with the moment of conception, from the very first embryonic stages in the mother's womb, then outside the maternal body; he sees the outer physical form grow and expand. And on the basis of present-day research he concludes that the genesis of a human being starts with the development of the physical form as he sees it at conception: he is averse to considering the fact that spiritual processes underlie the physical ones. He does not believe that back of the physical human embryo there is something spiritual, that this unites with the physical and then develops what derives from a former incarnation. One who lays store by theory but ignores practical life might here object: Well, it may be possible that some higher form of cognition can discern spirit underlying matter, but we human beings simply cannot recognize it.—That is one attitude. Others say: But we don't want to make the effort which we are told is necessary for attaining to a knowledge of the divine-spiritual! What difference does it make in the world whether we know that or not?—But it is a grave error, a dire superstition, to imagine that in practical life such knowledge is of no consequence. On the contrary, we shall proceed to show as clearly as possible how very much depends upon it.

[ 13 ] Nehmen wir einen Menschen an, der gar keine Ahnung davon haben will, daß hinter allem Physischen im Menschen ein Seelisch-Geistiges ist, der auch nicht begreift, daß zum Beispiel mit der Vergrößerung einer physischen Leber ein Geistiges ausgedrückt ist. Ein anderer geht willig, durch geisteswissenschaftliche Anregung meinetwillen, darauf ein, daß man durch Eindringen in das Geistige erst zu einer Ahnung, dann zu einem Glauben und zuletzt zu einer Erkenntnis und Beobachtung des Geistigen kommt. Also zwei Menschen hätten wir vor uns: der eine lehnt das Geistige ab, er ist zufrieden mit der sinnlichen Beobachtung der Dinge; der andere nimmt auf, was man nennen kann den Willen zur Erkenntnis des Geistigen. Der Mensch, der nicht willig ist, die geistige Erkenntnis in sich aufzunehmen, wird immer schwächer und schwächer werden, denn er wird dadurch, daß er nicht seinem Geist die nötige Nahrung gibt - und das ist einzig und allein die Erkenntnis -, seinen Geist verhungern, verdorren und verderben lassen. Dann wird der Geist schwach und kann nicht stark werden, und es gewinnt das, was unabhängig ist von diesem Geist, die Oberhand, überwältigt den Menschen. Der Mensch wird schwach gegenüber dem, was in seinem physischen Leib und Ätherleib ohne sein Zutun vorgeht. Der andere aber, der den Willen zur Erkenntnis hat, gibt seinem Geist Nahrung; sein Geist wird stark, und der Geist erlangt die Herrschaft über das, was unabhängig von ihm in seinem Ätherleib und physischen Leib vorgeht. Das ist das Wesentliche. Wir können das gleich auf einen Fall, der in unserer heutigen Zeit eine große Rolle spielt, anwenden.

[ 13 ] Suppose we have a man who refuses to consider the idea that a psycho-spiritual principle underlies all that is physical in the human being, who fails to understand, for instance, that the enlargement of a physical liver is the expression of something spiritual. Another man—stimulated by spiritual science, if you like—readily accepts the possibility that by penetrating into the realm of spirit one may arrive first at an inkling, then at faith, and finally at cognition and vision of spirit. Thus we have two men, one of whom rejects spirit, being satisfied with sense observation, while the other follows what we may call the will to achieve cognition of spirit. The one who refuses spiritual enlightenment will grow ever weaker, for he will be letting his spirit starve, wilt, and perish for lack of adequate nourishment which such enlightenment alone can provide. His spirit will lose strength—it cannot gain it; and everything that functions apart from this spirit will gain the upper hand and overpower him. He will become feeble in meeting all that takes place without his agency in his physical and etheric bodies. But the other, he who has the will to cognition, furnishes nourishment for his spirit which consequently gains strength and mastery over all that occurs independently in his etheric and physical bodies.—That is the most important point, and one which we shall presently be able to apply to a prominent case of our own day.

[ 14 ] Wir wissen, daß der Mensch von zwei Seiten her in die Welt tritt. Es vererbt sich sein physischer Leib von seinen Vorfahren, von Vater und Mutter und deren Ahnen. Da ererbt der Mensch von seinen Ahnen gewisse Merkmale guter und schlechter Art, die eben in der Vererbungslinie des Blutes liegen. Aber jedesmal, wenn durch solche Vererbung gewisse Eigenschaften in einem Kind auftreten, vereinigen sich mit diesen Eigenschaften diejenigen Kräfte, die sich das Kind aus seinen vorhergehenden Verkörperungen mitbringt. Nun wissen Sie, daß man heute, wenn bei einem Menschen diese oder jene Krankheit auftritt, sehr viel spricht von «erblichen Anlagen ». Was wird heute fürein Unfug getrieben mit dem in gewissen engeren Grenzen durchaus berechtigten Wort «erbliche Anlage»! Man beruft sich überall da, wo im Menschen dieses oder jenes auftritt und wo man nachweisen kann, daß es in Eigenschaften der Vorfahren besteht, auferbliche Anlagen. Und weilman nichts weiß von geistigen Kräften, die aus der früheren Inkarnation kommen und wirksam sind im Menschen, so glaubt man, daß diese vererbten Anlagen eine überwältigende Stärke haben. Würde man wissen, daß ein Geistiges aus der vorhergehenden Inkarnation kommt, so würde man sich sagen: Schön, wir glauben durchaus an die vererbten Anlagen, aber wir wissen auch, was an inneren zentralen Kräften in der Seele aus einem vorhergehenden Leben stammt. Wenn man es stärkt und kräftigt, gewinnt es die Oberhand über das Materielle, das heißt, über die vererbten Anlagen. - Und ein solcher Mensch, der imstande ist, sich zu einer Erkenntnis des Geistigen aufzuschwingen, würde weiter sagen: Mögen die vererbten Anlagen noch so stark wirken, ich will dem Geistigen in mir Nahrung geben! Dadurch werde ich Sieger über diese vererbten Anlagen. - Wer aber nicht arbeitet an dem Geistigen, an dem, was nicht ererbt ist, der wird geradezu durch diesen Unglauben den vererbten Anlagen zum Opfer fallen.

[ 14 ] We know that upon entering the world the human being springs from two sources. His physical body is inherited from his ancestors, from his father and mother and their forbears. He inherits certain traits, good or bad, that are simply inherent in the blood, in the line of descent. But in every case of this sort the forces a child brings along from his previous incarnation unite with these inherited qualities. Now, you know that today a great deal is talked about “hereditary tendencies” whenever some disease or other makes its appearance. How this term is abused nowadays—though it is quite justified within a narrow scope! Whenever anything crops up that can be proved to have been an attribute of some ancestor, hereditary tendencies are invoked; and because people know nothing of active spiritual forces derived from the previous incarnation they endow these inherited tendencies with overwhelming power. If they knew that a spiritual factor accompanied us from our previous incarnation they would say, Well and good: we believe absolutely in hereditary tendencies, but we know as well what stems from the previous incarnation in the way of inner, central soul forces, and that if sufficiently strengthened and invigorated these will gain the upper hand over matter—that is, over hereditary tendencies.—And such a man, capable of rising to the cognition of spirit, would continue: No matter how powerfully the inherited tendencies affect me, I shall provide nourishment for the spirit in me; for in this way I shall master them.—But anyone who does not work upon his spiritual nature, upon that which is not inherited, will positively fall a prey to inherited tendencies as a result of such lack of faith; and in this way materialistic superstition will actually bring about a steady increase in their power over us. We shall be engulfed in the quagmire of hereditary tendencies unless we fortify our spirit and, by means of a strong spirit, vanquish each time anew whatever is inherited.

[ 15 ] Und so werden in der Tat durch den materialistischen Aberglauben die vererbten Anlagen immer mehr und mehr Gewalt über den Menschen bekommen. Die Menschen werden versumpfen in den vererbten Anlagen, wenn sie ihren Geist nicht stärken und dadurch immer von neuem dasjenige, was sich vererbt, durch einen starken Geist überwinden. Sie müssen natürlich in unserer Zeit, wo schon so viel geschehen ist durch den Materialismus, die Kräfte des Geistigen noch nicht überschätzen. Sie müssen nicht sagen: Wenn das der Fall wäre, dann müßten ja alle Anthroposophen grundgesunde Leute sein, denn sie glauben an den Geist. - Der Mensch ist nicht, wie er auf der Welt ist, bloß ein Einzelwesen. Der Mensch steht in der ganzen Welt drinnen, und das Geistige muß auch wachsen in seiner Stärke. Wenn aber das Geistige einmal schwach geworden ist, so wird es selbst beim noch so anthroposophischen Menschen, bei dem, der noch so viel Nahrung dem Geiste zuführt, nicht gleich so wirken, daß er über die Dinge, die aus dem Materiellen herkommen, Sieger wird. Aber um so sicherer wird es in der nächsten Inkarnation in seiner Gesundheit und Kraft zum Ausdruck kommen. Die Menschen werden immer schwächer und schwächer werden, wenn sie nicht an den Geist glauben, denn dann liefern sie sich den vererbten Anlagen aus. Sie haben es ja selbst bewirkt, daß das Geistige schwach ist. Es hängt eben alles davon ab, wie sich der Mensch zum Geistigen stellt. Man glaube auch nicht, daß man die Verhältnisse, die dabei im Spiele sind, leicht übersehen kann.

[ 15 ] In our time, when the consequences of materialism are so formidable, you must naturally still guard against overestimating the power of spirit. It would be a mistake to object, If that were the case, all anthroposophists would be bursting with health, for they believe in the spirit. Man's position on the earth is not only that of an individual being: he is a part of the whole world; and spirit, like all else, must grow in strength. But once spirit has become debilitated, as at present, it will not at once affect even the most anthroposophical of men—no matter how much nourishment he furnishes the spirit—to such an extent that he can overcome what springs from material sources; yet all the more surely will this tell in his next incarnation, as expressed in his health and strength. Men will grow weaker and weaker unless they believe in the spirit, for otherwise they deliver themselves over to their inherited tendencies. They themselves have effected this weakening of their spirit, because everything here concerned depends upon their attitude toward spirit. Nor should one imagine it an easy matter to correlate all the conditions here involved.

[ 16 ] Ich will Ihnen grotesk zum Ausdruck bringen, wie der Mensch sich irren kann, wenn er nur nach dem Äußeren seine Urteile bildet. Da kann einer sagen: Da war ein Mensch, der war ein guter Anhänger der anthroposophischen Weltanschauung. Nun behaupten aber gerade die ‚Anthroposophen, daß die Gesundheit immer erhöht wird durch die anthroposophische Weltanschauung, und daß dadurch sogar das Leben verlängert wird. Schöne Lehre! Der Mensch ist mit dreiundvierzig Jahren gestorben! — Das eine wissen die Menschen, daß der Mann mit dreiundvierzig Jahren gestorben ist, das haben sie gesehen. Was aber wissen die Menschen nicht? Sie wissen nicht, wann der Mann gestorben wäre, wenn er keine Anthroposophie gehabt hätte! Vielleicht wäre der Mensch ohne die Anthroposophie nur vierzig Jahre alt geworden. Wenn eines Menschen Lebensspanne ohne die Anthroposophie biszum vierzigsten Jahre reicht, so kann sie doch mit der Anthroposophie bis zu dreiundvierzig Jahren gehen. Und dadurch, daß Anthroposophie immer mehr in das Leben eindringt, werden sich die Auswirkungen schon im Leben zeigen. Zwar wenn der Mensch in einem Leben zwischen Geburt und 'Tod schon in allem die Wirkungen sehen will, dann ist er eben ein Egoist, dann will er nur alles für seine eigenen egoistischen Zwecke haben. Wenn er sich aber die Anthroposophie für die Menschheit erwirbt, dann hat er sie auch für alle übrigen Inkarnationen, die folgen werden.

[ 16 ] I will give you a grotesque instance of the extent to which a man who judges only by externals may be in error. He might say: There was a man who had been an ardent adherent of the anthroposophical Weltanschauung. Now it is precisely the anthroposophists who maintain that anthroposophy invariably improves the health and even prolongs life. A fine doctrine, that: the man dies at the age of forty-three!—That much people know: the man died at forty-three—they witnessed it. But what is it that they do not know? They do not know when he would have died without anthroposophy. Maybe he would have only lived to be forty: if a man's life span were forty years lacking anthroposophy, it might well reach forty-three with its aid. When anthroposophy will have come to permeate life in general its effects will not fail to become manifest. True, if a man wants to see all its fruits in one life between birth and death he is simply an egotist: he wants everything for his own selfish purposes. But if he attains to anthroposophy for the benefit of mankind he will have it through all his future incarnations.

[ 17 ] Nun sehen wir, daß der Mensch durch die Beeinflussung seines geistigen Wesens, wenn er sich dem hingibt, was wirklich vom Geist kommt, seinem Geiste wenigstens frische Kraft zuführen kann, daß er den Geist stark und kräftig machen kann. Das ist es, was wir verstehen müssen, daß es eine Möglichkeit gibt, sich von dem Geistigen beeinflussen zu lassen und dadurch sich immer mehr zum Herrscher in sich zu machen. Und jetzt suchen wir nach dem Mittel in der Welt, das das wirksamste ist in unserer heutigen Entwickelung, um uns von dem Geiste beeinflussen zu lassen.

[ 17 ] Thus we see that by influencing his spiritual being, by yielding himself to what really derives from spirit, man can at least provide new strength for his spirit, can make it strong and vigorous. That is what we must understand: it is possible to let ourselves be influenced by spirit and thereby become ever more completely master within ourselves. Now let us seek the means most efficacious for receiving the influence of spirit in our present stage of evolution.

[ 18 ] Wir hatten in gewisser Beziehung schon darauf hingewiesen, wie die Geisteswissenschaft durch die Mittel der Geistesforschung unserem Geiste Nahrung gibt. Wir können vielleicht sagen: Es ist noch gering, was der Mensch so an geistiger Nahrung aufnimmt, aber wir sehen auch, daß es immer wachsen und wachsen kann in den folgenden Inkarnationen. Aber das geht nur unter einer Voraussetzung, und um diese kennenzulernen, wollen wir uns einmal die anthroposophische Weltanschauung selber ansehen.

[ 18 ] We have already pointed out that spiritual science, by means of spiritual research, nourishes our spirit. We might say, what man can thus receive in the way of spiritual nourishment is as yet but little; but we also understand now that it can keep growing and growing in our subsequent incarnations. This, however, presupposes one condition; and in order to become acquainted with it we will turn to the anthroposophical Weltanschauung itself.

[ 19 ] Die anthroposophische Weltanschauung lehrt uns, aus welchen Gliedern der Mensch seiner Wesenheit nach besteht. Sie lehrt uns, was an einem vor uns stehenden sichtbaren Menschen unsichtbar vorhanden ist. Sie zeigt uns dann, wie der Mensch von Leben zu Leben geht in seinem Wesenskern, wie in das Physisch-Materielle, das wir von unseren Vorfahren haben, alles das sich eingliedert, was wir uns aus unserem letzten Leben an Seelisch-Geistigem mitbringen. Die Anthroposophie zeigt uns ferner, wie die Menschheit auf der Erde sich entwickelt hat, wie sie durch die atlantische Zeit, durch die vorhergehenden Perioden und durch die nachatlantischen Kulturen gegangen ist. Sie zeigt uns ferner, daß die Erde selber Verwandlungen durchgemacht hat, daß die Erde eine frühere Verkörperung durchgemacht hat in dem, was wir den alten Mondenzustand genannt haben, eine weitere vorher in dem alten Sonnenzustand, in dem Saturnzustand. So führt uns die geisteswissenschaftliche Weltanschauung von dem Haften an dem Allernächsten, was unsere Augen sehen, was unsere Hände greifen, was unsere gegenwärtige Wissenschaft erforscht, hinaus zu den großen umfassenden Tatsachen der Welt und vor allen Dingen ins Übersinnliche hinein. Sie gibt dem Menschen geistige Nahrung, indem sie ihn hinausführt aus dem Sinnlichen. Diejenigen, welche sich mit uns weiter eingelassen haben auf diese anthroposophische Weltanschauung, sie wissen, daß wir seit sieben Jahren im genaueren ausführten das Werden des Menschen, daß wir im genaueren schilderten die Verwandlungsformen der Erde und das Leben des Menschen in den verschiedenen Kulturstufen. So subtil bis in die Einzelheiten können wir heute schon schildern. Und wenn uns dazu die Möglichkeit geboten sein wird, so werden wir noch genauer in die Dinge eindringen. Da haben wir ein Tableau übersinnlicher Tatsachen vor unsere Seele hinzumalen. Aber dieses Tableau hat noch eine Eigentümlichkeit.

[ 19 ] The anthroposophical Weltanschauung teaches us the principles that constitute man in respect of his being; it tells us of what remains invisible in a visible man we confront; and it then shows us how, as regards the core of his being, he passes on from one life to another, how all that he brings along from his last life in the way of soul and spirit is organically introduced into the physical, material elements inherited from his ancestors. Anthroposophy further discloses the way in which mankind has developed on the earth and describes its life in the Atlantean time, the preceding periods, and the post-Atlantean cultural epochs. It tells us of the transformations undergone by the Earth itself: of its earlier embodiment which we called the old Moon phase, of the still earlier Sun phase, the Saturn phase, and so forth. In this way the spiritual-scientific Weltanschauung releases us from our clinging to the merely obvious—what our eyes see, our hands touch, and what our present science investigates—and leads us out into the vast, comprehensive phenomena of the world, but particularly into the super-sensible realm. By doing this it provides man with spiritual nourishment. Those of you who have accompanied us at all extensively into this anthroposophical Weltanschauung know that during the past seven years we have elaborated the evolution of man more in detail, described more fully the various transformations of the Earth and the life of man in the different cultural stages. It really is possible in our time to give descriptions as subtle and detailed as those presented there; and if the opportunity arises we shall enter more fully into such matters. There we have a tableau of super-sensible facts that must be painted for the eye of the soul.

[ 20 ] Wir zeigten auch, daß sich unsere Sonne in einer gewissen Zeit abspaltete, daß auf die Sonne hinaufgingen die Wesenheiten, die zunächst auf dieser Sonne ihre weitere Entwickelung durchmachen sollten. Der Führer dieser Sonnenwesenheiten ist ja der Christus, und er ist derjenige, der als der Führer der Sonnenwesenheiten hinausgeht mit der Sonne, als diese sich von der Erde abspaltet. Da sendet er zunächst seine K.raft von der Sonne herunter auf die Erde. Aber er kommt immer näher und näher der Erde. Zarathustra muß ihn noch sehen als Ahura Mazdao. Moses sieht ihn schon in den äußeren Elementen. Und als der Christus in dem Jesus von Nazareth auf der Erde erscheint, da tritt diese Christus-Kraft in einem menschlichen Leibe auf. So stellt sich für die anthroposophische Weltanschauung in das ganze Tableau von Wiederverkörperung, vom Wesen des Menschen, Betrachtung des Kosmos und so weiter, das Christus-Wesen hinein wie ein Mittelpunkt. Und wer im richtigen Sinne diese anthroposophische Weltanschauung betrachtet, der sagt sich: Ich kann alles das betrachten, aber verstehen kann ich es erst, wenn für mich das ganze Bild auf den großen Brennpunkt, den Christus, hinzielt. Ich habe verschieden gemalt die Wiederverkörperungslehre, die Lehre von den Menschenrassen, von der Planeten-Entwickelung und so weiter, aber ich habe hier von einem Punkt das Wesen des Christus gemalt, und dadurch wird über alles andere Licht verbreitet. Es ist ein Bild, das eine Hauptfigur hat, und alles andere wird darauf bezogen, und ich verstehe Bedeutung und Ausdruck der anderen Figuren nur, wenn ich die Hauptfigur verstehe.

[ 20 ] But there is a certain peculiarity connected with this tableau. Among other things, we learned that our sun split off at a given time, together with the beings destined there to pursue their immediate further development. Now, the Leader of these sun beings is the Christ; and as their Leader He withdrew with the sun when it separated from the earth. For a time He then sent His force down to earth from the sun; but He kept gradually approaching the earth. In Zarathustra's time He could still be seen only as Ahura Mazdao, but Moses perceived Him in the outer elements; and when this Christ force finally appeared on earth, it appeared in a human body, in Jesus of Nazareth. That is why the anthroposophical Weltanschauung sees the Christ Being as a sort of central point in the whole panorama of reincarnation, of the being of man, of our contemplation of the cosmos, and so forth and so on. And whoever studies this anthroposophical Weltanschauung in its true sense will say to himself: I can contemplate all that, but I can comprehend it only when the whole immense picture focuses at the great central point, at the Christ. I have pictured in different ways the doctrine of reincarnation, of the various human races, of planetary evolution, and so forth; but the Being of Christ is here painted from a single point of view, and this sheds light on all else. It is a picture with a central figure to which everything else is related, and I can fathom the significance and expression of the other figures only if I understand the main figure.

[ 21 ] So ist es mit der anthroposophischen Weltanschauung: Wir entwerfen ein großes Bild über die verschiedenen Tatsachen der geistigen Welt; dann aber sehen wir auf die Hauptfigur, auf den Christus, und dann erst verstehen wir alle die Einzelheiten des Bildes.

[ 21 ] That is the way the anthroposophical Weltanschauung goes about it. We project a great picture of the various phenomena of the spiritual world; but then we concentrate upon the principle figure, upon the Christ, and only then do the details of the picture become intelligible.

[ 22 ] Diejenigen, welche unsere Entwickelung in der Geisteswissenschaft mitgemacht haben, sie werden fühlen, wie man alles dadurch verstehen kann. Die Geisteswissenschaft selber wird vollkommener werden in der Zukunft, und das heutige Christus-Verständnis wird abgelöst werden durch ein noch viel höheres Verstehen. Dadurch wird die Kraft der Anthroposophie immer größer und größer werden, dadurch wird sich aber auch der Mensch entwickeln, der diese Kraft der Anthroposophie aufnimmt, und die Herrschaft des Geistigen in ihm über das Materielle wird immer stärker und stärker werden. Weil der Mensch nun einmal seinen heutigen vererbten Körper hat, kann er heute nur solche Vorgänge hervorrufen wie Schamröte, Erblassen und Erscheinungen wie Lachen und Weinen. Aber er wird später immer mehr Macht gewinnen über solche Erscheinungen, und der Mensch wird von seiner Seele aus die Funktionen seines Leibes durchgeistigen und sich so in die Außenwelt hineinstellen als ein mächtiger geistig-seelischer Herrscher. Das wird dann die Christus-Kraft sein. Das ist der Christus-Impuls, der durch die Menschheit wirkt. Das ist der Impuls, der aber auch heute schon, wenn er genügend verstärkt wird, zu dem führen kann, wozu die alte Einweihung geführt hat.

[ 22 ] All those who have taken part in our spiritual-scientific development will sense the possibility of understanding it all in this way. Spiritual science itself will become more perfect in the future, and our present comprehension of Christ will be superseded by a far loftier one. The power of anthroposophy will thereby continue to grow, but with it will also proceed the development of those who are open to this power; and the mastery of their spirit over their material nature will gain ever greater strength. Burdened as he is with an inherited body such as this is today, a man can call forth only such processes as blushing, paling, and phenomena like laughing and crying, but in time he will gain ever greater power over them: out of his soul he will spiritualize his bodily functions and thus take his place in the outer world as a mighty ruler of soul and spirit. That will be the Christ power, the Christ-Impulse acting through the agency of mankind. And it is the impulse which even today, if sufficiently intensified, can lead to the same results as did the ancient initiation.

[ 23 ] Die alte Einweihung verlief ja in folgender Weise. Der Mensch lernte zuerst in vollem Umfange alles das, was wir heute in der Anthroposophie lernen. Das war die Vorbereitung zu der alten Einweihung. Dann wurde das alles hingeleitet zu einem gewissen Abschluß. Dieser Abschluß wurde dadurch bewirkt, daß der Betreffende dreieinhalb Tage im Grabe ruhte, wie tot war. Wenn dann sein Ätherleib herausgehoben war under in seinem Ätherleib die geistige Welt durchwanderte, wurde er ein Zeuge der geistigen Welt. Es war notwendig, daß für diese Zeit, wo der Mensch zuerst eingeweiht werden sollte in die geistigen Welten, der Ätherleib herausgehoben wurde, damit der Mensch innerhalb der Kräfte des Ätherleibes zur Anschauung der geistigen Welt kam. Diese Kräfte hatte man früher nicht im normalen tagwachen Bewußtseinszustand zur Verfügung, der Mensch mußte in einen abnormen Bewußtseinszustand gebracht werden. Auch für die Einweihung hat der Christus diese Kraft auf die Erde gebracht, denn heute ist es möglich, daß ohne das Heraustreten des Ätherleibes der Mensch hellsehend werden kann.

[ 23 ] The procedure of the old initiation was as follows: The candidate first learned comprehensively all that today we are taught by anthroposophy. That was the preparation for the old initiation. Then the sum of his attainments was directed toward a definite end which was achieved by having him lie in a grave for three and a half days, as though dead. When his etheric body was withdrawn and, in his etheric body, he moved about in the spiritual world, he became a witness to this spiritual world. In order that in the sphere of his etheric forces he might behold the spiritual world, thus achieving initiation, it was necessary at that time to withdraw the etheric body. Formerly these forces were not available in the normal state of waking consciousness: the neophyte had to be reduced to an abnormal condition. But among the forces Christ brought to earth is also this force needed for initiation; and today it is possible to become clairvoyant without the withdrawal of the etheric body.

[ 24 ] Wenn der Mensch die Reife erlangt, daß er einen so starken Impuls von dem Christus erhält, daß dieser Christus-Impuls, wenn auch nur für kurze Zeit, in ihm seinen Blutumlauf beeinflussen kann, so daß sich dieser Christus-Einfluß in einem besonderen Blutumlauf ausdrückt, in einem Einfluß bis in das Physische hinein, dann ist der Mensch imstande, eingeweiht zu werden innerhalb des physischen Leibes. Dazu ist der Christus-Impuls imstande. Wer sich wirklich in die Tatsachen, die damals geschehen sind durch das Ereignis von Palästina und durch das Mysterium von Golgatha, versenken kann, so stark, daß er ganz darinnen lebt und sie ihm gegenständlich werden, so daß er das geistig lebendig vor sich sieht, daß es wirkt wie eine Kraft, die sich selbst seinem Blutumlauf mitteilt, der erlangt durch dieses Erlebnis dasselbe, was früher erlangt wurde durch das Heraustreten des Ätherleibes.

[ 24 ] When a person is sufficiently developed to receive so strong an impulse from the Christ, even for a short time, as to affect the circulation of his blood—this Christ influence expressing itself in a special form of circulation, an influence penetrating even the physical principle—then he is in a position to be initiated within the physical body: the Christ-Impulse has the power to bring this about. Anyone who can become so profoundly absorbed in what occurred as a result of the Event of Palestine and the Mystery of Golgotha as to live completely in it and to see it objectively, see it so spiritually alive that it acts as a force communicating itself even to his circulation, such a man achieves through this experience the same result that was formerly brought about by the withdrawal of the etheric body.

[ 25 ] So sehen Sie, daß durch den Christus-Impuls etwas in die Welt gekommen ist, wodurch der Mensch wirken kann auf das, was innerlich sein Blut pulsieren macht. Kein abnormes Ereignis, kein Untertauchen im Wasser, sondern einzig und allein der mächtige Einfluß der ChristusIndividualität ist es, was hier wirkt. Es wird nicht getauft mit irgendeiner sinnlichen Materie, sondern es wird getauft mit geistigem Einfluß, ohne daß das gewöhnliche alltägliche Bewußtsein eine Veränderung erleidet. Durch den Geist, der als der Christus-Impuls ausgeströmt ist, strömt in den Leib etwas hinein, was sonst nur auf dem Wege physisch-physiologischer Entwickelung hervorgerufen werden kann: durch Feuer, inneres Feuer, das sich in der Blutzirkulation ausdrückt. Der Johannes tauchte noch die Menschen unter; da trat der Ätherleib heraus, und der Mensch konnte hineinschauen in die geistige Welt. Läßt der Mensch aber den Christus-Impuls wirken, dann wirkt dieser Christus-Impuls so, daß sich die Erlebnisse des astralischen Leibes in den Ätherleib hineingießen und der Mensch hellsehend wird.

[ 25 ] You see, then, that through the Christ impulse something has come to earth which enables the human being to influence the force that causes his blood to pulsate through his body. What is here active is no abnormal event, no submersion in water, but solely the mighty influence of the Christ-Individuality. No physical substance is involved in this baptism—nothing but a spiritual influence: and the ordinary, every-day consciousness undergoes no change. Through the spirit that streams forth as the Christ impulse something flows into the body, something that can otherwise be induced only by way of psycho-physiological development through fire: an inner fire expressing itself in the circulation of the blood. John still baptized by submersion, with the result that the etheric body withdrew and the spiritual world was revealed. But if a man opens his soul to the Christ impulse, this impulse acts in such a way that the experiences of the astral body flow over into the etheric body, and clairvoyance results.

[ 26 ] Hier haben Sie erklärt den Ausdruck «taufen durch den Geist und durch Feuer». Und hier haben Sie den Unterschied zwischen der Johannes-Taufe und der Christus-Taufe, wie er den Tatsachen entspricht, vor Sie hingestellt. So wurde eine Klasse von neuen Eingeweihten möglich gemacht durch den Christus-Impuls. Früher hatten die Menschen einige wenige unter sich, welche die Schüler der großen Lehrer waren und hineingeführt wurden in die Mysterien. Ihnen wurde der Ätherleib herausgeführt, damit sie Zeugen werden konnten von dem Geiste und hinaustreten konnten vor die anderen und sagen konnten: Es gibt eine geistige Welt — wir haben sie selbst gesehen. Wie ihr die Pflanzen und Steine seht, so haben wir die geistige Welt gesehen! - Das waren die «Augenzeugen». Diejenigen, welche so aus den Tiefen der Mysterien heraustreten konnten, verkündigten das Evangelium von dem Geiste, allerdings aus der uralten Weisheit. Während sie die Menschen zu einer Weisheit zurückführten, aus der der Mensch hervorgegangen ist, wurden durch den Christus solche Eingeweihte möglich, die innerhalb des physischen Leibes, innerhalb des alltäglichen Bewußtseins zu der Beobachtung der geistigen Welt kommen konnten. Sie erkannten durch diesen Christus-Impuls dasselbe, was den alten Eingeweihten klar wurde: daß es eine geistige Welt gibt. Und sie konnten nun ihrerseits wieder verkündigen das Evangelium von dieser geistigen Welt. Um also ein Eingeweihter zu werden und das Evangelium von der geistigen Welt im neuen, im Christus-Sinne zu verkündigen, dazu war notwendig, daß die Kraft, die in dem Christus war, überfloß als ein Impuls auf den anderen, der Schüler wurde und der Verkünder dieser Kraft werden sollte. Wann geschah es zum ersten Male, daß solch ein Christus-Eingeweihter entstand?

[ 26 ] There you have the explanation of the phrase, “to baptize with the spirit and with fire”, and those are the facts concerning the difference between the John baptism and the Christ baptism. The Christ impulse made it possible for a new class of initiates to come into being. Formerly there existed among mankind a mere handful who were disciples of the great teachers and were inducted into the Mysteries. Their etheric body was withdrawn to enable them to become witnesses to the spirit, and then to step forth and proclaim, There is a spiritual world! We have seen it for ourselves. Just as you see the plants and the stones, so we have seen the spiritual world.—Those were the “eye witnesses”; and the neophytes who thus emerged as initiates from the obscurity of the Mysteries proclaimed the gospel of the spirit, though only out of a primeval wisdom. But while the old initiates guided people back to a wisdom out of which man had originally come forth, Christ opened the way for initiates capable of arriving at a vision of the spiritual world within the confines of the physical body and within the every-day state of consciousness. These new initiates learned through the Christ impulse the same fact that had revealed itself to the old ones, namely, that there is a spiritual world; and then they, in their turn, could proclaim its gospel. What was therefore needed to become an initiate and to proclaim the gospel of the spiritual world in a new sense, in the Christ sense, was that the force which was in the Christ should stream over as an impulse into the disciple, who had then to disseminate it. When did a Christ initiate of this kind first arise?

[ 27 ] Immer muß beim Fortschreiten der Entwickelung Altes mit Neuem verbunden werden. So mußte auch der Christus die alte Einweihung langsam in die neue hinüberleiten. Er mußte sozusagen einen Übergang schaffen. Er mußte noch mit gewissen Vorgängen der alten Einweihung rechnen, aber so, daß alles, was von den alten Göttern stammte, durch die Christus-Wesenheit überströmt wurde. Der Christus nahm eine Einweihung vor mit demjenigen seiner Schüler, der dann das Evangelium von dem Christus in der tiefsten Weise der Welt mitteilen sollte. Es verbirgt sich eine solche Einweihung hinter einer Erzählung des JohannesEvangeliums, hinter der Lazarus-Geschichte (II. Kap.).

[ 27 ] In all evolution the old must be merged with the new, and thus even Christ had to transform the old initiation into the new one gradually. He had to create a transition, so to speak; He had to take into account certain procedures of the old initiation, but in such a way that everything deriving from the old gods should be suffused by the Christ Being. Christ undertook the initiation of that disciple who was to communicate to the world the Gospel of the Christ in the most profound way. An initiation of this sort lies concealed behind one of the narratives in the Gospel of St. John, behind the story of Lazarus.

[ 28 ] Es ist viel über diese Lazarus-Geschichte geschrieben worden, unglaublich viel. Aber verstanden haben sie immer nur diejenigen, die gewußt haben aus den esoterischen Schulen und aus der eigenen Beobachtung, was sich dahinter verbirgt. Ich will Ihnen zunächst nur ein charakteristisches Wort aus der Lazarus-Geschichte anführen. Als dem Christus Jesus mitgeteilt wird, daß Lazarus krank liegt, da erwidert er: «Die Krankheit ist nicht zum Tode, sondern daß der Gott in ihm offenbar werde!» Zur Offenbarung des Gottes in ihm ist die Krankheit. Es ist nur durch einen Unverstand in der Übersetzung das Wort δόξα (doxa), das im griechischen Text steht, übersetzt worden mit «zur Ehre Gottes». Nicht zur Ehre Gottes wird es vorgenommen, sondern daß der Gott in ihm wahrnehmbar aus der Verborgenheit hervortrete! Das ist der richtige Sinn dieses Wortes. Das heißt, es soll das Göttliche, das im Christus ist, hinüberfließen in die Individualität des Lazarus, das Göttliche, das Christus-Göttliche sichtbar werden in dem Lazarus, durch den Lazarus.

[ 28 ] Much has been written about this story of Lazarus—an incredible amount; but only those have comprehended it who have known, either through esoteric schooling or from their own contemplation, what it conceals. For the moment I shall only quote you one characteristic utterance from this story. When Christ Jesus was told that Lazarus lay sick, He replied: This sickness is not unto death, but that the God may be manifest in him. His sickness is for the purpose of manifesting the God in him. It was only due to a lack of understanding that the word dóxa, given in the Greek text, was translated with “for the glory of God”. Not for the glory of God was this ordained, but that the God in him might emerge and become manifest. That is the true meaning of this utterance: the divine that is in Christ is to flow over into the individuality of Lazarus; the divine, the Christ Divinity, is to be revealed in and through him.

[ 29 ] Wenn wir so die Auferweckung des Lazarus verstehen, wird sie erst vollständig durchsichtig. Glauben Sie allerdings nicht, daß da, wo geisteswissenschaftliche Tatsachen mitgeteilt werden, so oflen gesprochen werden kann, daß jedem gleich alles auf der Hand dargeboten wird. Unter mancherlei Verbrämung und Verhüllung wird das, was sich hinter einer solchen geisteswissenschaftlichen Tatsache verbirgt, mitgeteilt. Das muß so sein. Denn wer zum Begreifen eines solchen Mysteriums kommen will, der soll sich erst durcharbeiten dutch scheinbare Schwierigkeiten, damit sein Geist gestärkt und gekräftigt wird. Und gerade dadurch, daß er Mühe hat, sich durch die Worte hindurchzuwinden, gelangter an den hinter einer solchen Sache stehenden Geist. Denken Sie daran, wie da, als vom «Leben» gesprochen wird, das geschwunden sein soll aus dem Lazarus und das die Schwestern Martha und Maria zurückwünschen, der Christus Jesus erwidert: «Ich bin die Auferstehung und das Leben.» Das Leben soll in dem Lazarus wieder auftreten! Nehmen Sie einmal alles wörtlich, gerade in den Evangelien! Wir werden sehen, was durch ein solches Wörtlich nehmen der Evangelien alles herauskommt. Spintisieren Sie gar nicht, sondern nehmen Sie den Satz wörtlich: «Ich bin die Auferstehung und das Leben!» Was bringt da der Christus, als er erscheinen kann und er den Lazarus auferweckt? Was geht auf Lazarus über? Der Christus-Impuls, die Kraft, die aus dem Christus herausgeflossen ist! Das Leben hat der Christus dem Lazarus gegeben, wie der Christus auch sagte: «Die Krankheit ist nicht zum Tode, sondern damit der Gott in ihm sichtbar werde.» So wie alle alten Eingeweihten dreieinhalb Tage wie tot lagen und dann der Gott in ihnen sichtbar wurde, so lag auch Lazarus dreieinhalb Tage in einem todähnlichen Zustand. Aber der Christus Jesus wußte ganz genau, daß damit die alten Einweihungen ein Ende haben. Er wußte, daß dieser scheinbare Tod zu etwas Höherem führt, zu einem höheren Leben, daß also der Lazarus während dieser Zeit die geistige Welt wahrgenommen hat. Und da der Führer in dieser geistigen Welt der Christus ist, so hat der Lazarus die Christus-Kraft in sich aufgenommen, das Schauen des Christus. — Das Nähere finden Sie darüber in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache », wo in einem besonderen Kapitel gerade das Lazarus-Wunder im Sinne der Geisteswissenschaft begreiflich zu machen versucht worden ist. - Der Christus hat seine Kraft gegossen in den Lazarus; Lazarus ersteht als ein Neuer.

[ 29 ] Only by understanding the resurrection of Lazarus in this sense does it become wholly clear. Do not imagine for a moment, however, that in communicating spiritual-scientific truths it is possible to speak so openly that everything can be made obvious to all and sundry. What is concealed behind a spiritual-scientific fact of that sort is communicated under many a veil of reservation. That is inevitable; for anyone who would attain to an understanding of such a mystery should first work his way through all difficulties appearing in the way, in order to strengthen and invigorate his spirit. And precisely because it is laborious to find his way through the maze of words will he arrive at the underlying spirit. Recall the passage dealing with the "life" which was supposed to have left Lazarus and which his sisters Martha and Mary longed to have back. Christ Jesus said unto them: I am the resurrection, and the life. Life is to reappear in Lazarus. You have but to take everything literally, especially in the Gospels, and you will see what all comes to light. Do not speculate or interpret, but take in its literal meaning the sentence, “I am the resurrection. and the life”. When Christ appears and raises Lazarus, what does He bring to bear? What is it that passes over into Lazarus? It is the Christ impulse, the force flowing forth from the Christ. What Christ gave Lazarus was the life. Indeed, Christ had said, “This sickness is not unto death, but that the God may be manifest in him.” Just as all the old initiates lay as dead for three and a half days, and then the God became manifest in them, so Lazarus lay in a deathlike state for the same period; but Christ Jesus was well aware that with this act the old initiations would come to an end. He knew that this ostensible death led to something higher, to a higher life: that during this period Lazarus had beheld the spiritual world; and because the Leader of this spiritual world is the Christ, Lazarus received into himself the Christ force, the vision of the Christ. Christ pours his force into Lazarus, and Lazarus arises another man.1You will find this subject treated in detail in my book, Christianity as Mystical Fact, where a separate chapter is devoted to an attempt to clarify particularly the Lazarus miracle in the sense of spiritual science.

[ 30 ] Ein Wort ist bemerkenswert im Johannes-Evangelium. Es wird beim Lazarus-Wunder gesagt, daß der Herr den Lazarus «lieb hatte». Das Wort wird dann noch gebraucht für den Jünger, «den der Herr lieb hatte». Was bedeutet das? Das alles enthüllt uns nur die Akasha-Chronik. | Wer ist Lazarus, als er wieder auferstanden ist? Es ist der Schreiber des Johannes-Evangeliums selber, der von dem Christus initiierte Lazarus. Der Christus hat die Botschaft von seiner eigenen Wesenheit in die Lazarus-Wesenheit gegossen, damit dann diese Botschaft des vierten Evangeliums, des Johannes-Evangeliums, hinaustönen kann in die Welt als die Schilderung des Wesens des Christus. Deshalb wird auch im Johannes-Evangelium vor der Lazarus-Geschichte nicht von dem Jünger Johannes gesprochen. Aber lesen Sie genau und lassen Sie sich nicht verführen von jenen sonderbaren Theologen, die da gefunden haben, daß an einer gewissen Stelle des Johannes-Evangeliums, nämlich im 3 5. Vers des ersten Kapitels, der Name Johannes als ein Hinweis auf den Johannes-Jünger bereits vorkommen soll. An dieser Stelle heißt es:

[ 30 ] There is one particularly noteworthy word in the St. John Gospel: in the story of the Lazarus mystery it is said that the Lord “loved” Lazarus; and the word is again applied to the disciple “whom the Lord loved”. What does that mean? Only the akashic record can tell us. Who is Lazarus after his resurrection? He is himself the writer of the John Gospel, Lazarus, who had been initiated by Christ. Christ had poured the message of His own being into the being of Lazarus in order that the message of the Fourth Gospel, the Gospel of St. John, might resound through the world as the delineation of the being of Christ. That is why no disciple John is mentioned in this Gospel before the story of Lazarus. But you must read carefully and not be misled by those curious theologians who have discovered that at a certain spot in the Gospel of St. John—namely, in the thirty-fifth verse of the first chapter—the name John is supposed to appear as an indication of the presence of the disciple John. It says there:

«Des andern Tags stund abermal Johannes und zween seiner Jünger.»

Again the next day after John stood, and two of his disciples.

[ 31 ] Nichts, aber auch gar nichts weist an dieser Stelle darauf hin, daß irgendwie derjenige, der später der Jünger genannt wird, «den der Herr lieb hatte », hier gemeint ist. Dieser Jünger kommt nicht vor im Johannes-Evangelium bis zu der Stelle, wo Lazarus auferweckt ist. Warum ist das so? Weil derjenige, der sich hinter dem Jünger verbirgt, «den der Herr lieb hatte», derselbe ist, den der Herr schon früher lieb hatte. Er hatte ihn so lieb, weil er ihn unsichtbar, in seiner Seele, schon als seinen Jünger erkannt hatte, der auferweckt werden wird und die Botschaft von dem Christus in die Welt hinaustragen sollte. Deshalb tritt der Jünger, der Apostel, «den der Herr lieb hatte», auch erst auf von der Schilderung der Auferweckung des Lazarus an. Da war er es erst geworden. Da war des Lazarus Individualität so umgeändert, daß sie zur Johannes-Individualität im Sinne des Christentums geworden war. So sehen wir im höchsten Sinne eine Taufe durch den Christus-Impuls selber an Lazarus vollführt: Lazarus ist zum Eingeweihten im neuen Sinne des Wortes geworden, indem noch an den alten Formen, an der Lethargie, in einer gewissen Weise festgehalten worden ist und so ein Übergang geschaffen wurde von der alten zur neuen Einweihung.

[ 31 ] There is nothing in this passage, nothing whatever, to suggest that the disciple who later is called the one “whom the Lord loved” is meant here. That disciple does not appear in the John Gospel before the resurrection of Lazarus. Why? Because he who remained hidden behind “the disciple whom the Lord loved” was one whom the Lord had already loved previously. He loved him so greatly because He had already recognized him—invisibly, in his soul—as the disciple who was to be awakened and carry the message of the Christ out into the world. That is why the disciple, the apostle, “whom the Lord loved” appears on the scene only beginning with the description of the resurrection of Lazarus. Only then had he become what he was thenceforth. Now the individuality of Lazarus had been so completely transformed that it became the individuality of John in the Christian sense. Thus we see that in its loftiest meaning a baptism through the Christ impulse itself had been performed upon Lazarus: Lazarus became an initiate in the new sense of the word, while at the same time the old form, the old lethargy, had been retained in a certain way and a transition thus created from the old to the new initiation.

[ 32 ] Daraus ersehen Sie, wie tief die Evangelien die geistigen Wahrheiten, die unabhängig von allen Urkunden erforscht werden können, wiedergeben. Von allem, was im Evangelium ist, muß der Geistesforscher wissen, daß er es vorher finden kann, unabhängig von jeder Urkunde. Wenn er aber das, was er vorher geistig erforscht hat, in dem JohannesEvangelium wiederfindet, dann wird ihm dieses Evangelium zu einem Dokument, das von dem durch den Christus Jesus selbst Eingeweihten gegeben worden ist. Deshalb ist das Johannes-Evangelium eine so tiefe Schrift.

[ 32 ] This will show you the profundity with which the Gospels reflect spiritual truths that can be brought to light through research, independently of any documents. The spiritual scientist knows that he can find beforehand anything the Gospels contain, without reference to documents. But when he finds again in the John Gospel what he had previously discovered by spiritual means, this Gospel becomes for him a document revealed by Christ Jesus' own initiate. That is why the Gospel of St. John is so profound a work.

[ 33 ] Von den anderen Evangelisten wird ja heute besonders hervorgehoben, daß sie in manchen Stücken von dem Johannes abweichen. Das muß einen Grund haben. Diesen Grund werden wir aber erst finden, wenn wir in den eigentlichen Grundnerv der anderen Evangelien ebenso eindringen, wie wir es jetzt bei dem Johannes-Evangelium getan haben. Und wenn wir zu dem Grundnerv der einzelnen Evangelien vordringen, dann finden wir, daß der Unterschied nur dadurch entstehen konnte, daß der Schreiber des Johannes-Evangeliums von dem Christus Jesus selber eingeweiht ist. Dadurch ist es möglich geworden, den Christus-Impuls so zu beschreiben, wie ihn der Schreiber des JohannesEvangeliums beschrieben hat. Und ebenso müssen wir das Verhältnis der übrigen Evangelienschreiber zu dem Christus erforschen und sehen, inwiefern sie die Feuer- und die Geistestaufe erhalten haben. Dann werden wir erst die inneren Beziehungen des Johannes-Evangeliums zu den anderen Evangelien finden und so immer tiefer und tiefer in den Geist des Neuen Testamentes eindringen.

[ 33 ] Nowadays it is specially emphasized that the other Gospels differ in certain respects from that of St. John. There must be a reason for this; but we shall find it only when we penetrate to the core of the other Gospels as we have now done in the case of St. John. And what we discover by so doing is that the difference could arise only from the fact that the author of the John Gospel was initiated by Christ Jesus Himself. Only because of this was it possible to delineate the Christ impulse as John did. And we must examine in like manner the relation of the other Gospel writers to Christ and discover to what extent they received the baptism by fire and by the spirit. Then only will we find the inner connections between the Gospel of St. John and the other Gospels, and so penetrate ever deeper into the spirit of the New Testament.