Das Johannes-Evangelium
im Verhältnis zu den drei anderen Evangelien
besonders zu dem Lukas-EvangeliumGA 112
29 Juni 1909, Kassel
Siebenter Vortrag
[ 1 ] In unserer gestrigen Betrachtung sind wir so weit gekommen, daß wir verstehen konnten, was eigentlich die Taufe des Vorläufers des Christus Jesus, was die Johannes-Taufe war. Und es wird uns heute verhältnismäßig leicht sein, den Unterschied zu begreifen zwischen dem, was man Christus-Taufe nennen kann, und eben der Johannes-Taufe. Und das ganze Wesen des Christus-Einflusses auf die Welt wird uns gerade dadurch klar und deutlich werden, daß wir uns dieses Wesen der Christus-Taufe, des Christus-Impulses, im Unterschiede zu der Johannes-Taufe auseinandersetzen können.
[ 2 ] Wir müssen vor allem darauf hinweisen, daß im Grunde genommen der Zustand, in welchen der Mensch kommen mußte durch die Johannes-Taufe, doch ein abnormer war gegenüber dem gewöhnlichen alltäglichen Bewußtseinszustand des Menschen. Wir haben ja gehört, daß zum Beispiel die alte Einweihung darauf beruhte, daß der Ätherleib des Menschen, der sonst fest mit dem physischen Leib verbunden ist, in gewisser Beziehung herausgehoben wurde aus dem physischen Leib, und daß es dadurch dem astralischen Leib möglich wurde, seine Erlebnisse dem Ätherleib einzudrücken. Das galt für die alte Einweihung. Und auch durch die Johannes-Taufe mußte ein abnormer Zustand eintreten. Der Mensch wurde unter Wasser gebracht. Dadurch wurde der Ätherleib in gewisser Beziehung vom physischen Leibe getrennt, so daß der Mensch zu einer Anschauung seines Lebens kommen konnte und sich der Verbindung dieses individuellen Lebens mit den Reichen der göttlich-geistigen Welt bewußt wurde. Wenn wir etwas deutlicher sein wollen, können wir sagen: Derjenige, der mit Erfolg wieder aus dem Wasser herausgezogen wurde, wußte durch diesen Vorgang: Ich habe ein Geistiges in mir, ich bin nicht nur ein Wesen in diesem physisch-materiellen Leib. Und dieses Geistige in mir hängt zusammen mit dem Geiste, der hinter allen anderen Dingen ist. - Er wußte außerdem, daß dieses Geistige, das ihm da entgegentrat, dasselbe ist, was Moses im Feuer des brennenden Dornbusches und in dem Blitz auf Sinai als Jahve, als «Ich bin der Ich-bin», als «ehjeh asher ehjeh» wahrgenommen hatte. Das alles wußte er durch die Johannes-Taufe.
[ 3 ] Wodurch unterschied sich ein solches Bewußtsein von dem eines alten Eingeweihten? Ein alter Eingeweihter, wenn er in jenen abnormen Zustand gebracht wurde, den ich Ihnen gestern geschildert habe, nahm die alten göttlich-geistigen Wesenheiten wahr, die auch schon mit der Erde verbunden waren, bevor sich das, was Zarathustra « Ahura Mazdao », was Moses den « Jahve » genannt hat, mit der Erde verband. Die alte geistige Welt also, aus der der Mensch herausgewachsen ist, in der er noch in der alten atlantischen Zeit war, und nach der sich das alte indische Volk sehnte, die alten Götter, sie nahm der Mensch wahr durch die uralte Weisheit. Den Gott aber, der sich eine entsprechend lange Zeit von der Erde ferngehalten hat, um desto wirksamer aufzutreten, der sie lange Zeiten hindurch nur von außen beeinflußte und sich langsam ihr annäherte, so daß Moses diese Annäherung hat wahrnehmen können, diesen Gott kannte der alte Eingeweihte noch nicht. Erst diejenigen Menschen, die im Sinne der alttestamentlichen Einweihung eingeweiht wurden, nahmen etwas von der Einheit alles Göttlichen wahr.
[ 4 ] Betrachten wir einmal den Gemütszustand eines Eingeweihten, nicht der persischen oder der späteren ägyptischen Mysterien, sondern eines Eingeweihten, der außerdem auch das durchlebt hatte, was man in der hebräischen Geheimforschung aufnehmen konnte. Nehmen wir an,ein solcher Eingeweihter habe zum Beispiel auch die Einweihung auf dem alten Sinai durchgemacht, sagen wir in einer Inkarnation während der althebräischen Entwickelung oder auch noch früher. Da war er geführt worden zu der Erkenntnis der alten göttlichen Welt, aus der der Mensch herausgewachsen war. Dann trat er mit der uralten Weisheit, mit dieser Beobachtungsgabe für die uralte göttliche Welt in die hebräische Geheimlehre. Da lernte er dann etwa folgendes sagen: Das, was ich früher kennengelernt habe, waren Götter, die mit der Erde verbunden waren, bevor die Gottheit Jahve-Christus sich mit der Erde vereinigt hat. Jetzt aber weiß ich, daß der hauptsächlichste Geist unter ihnen, der führende Geist der ist, der sich erst nach und nach der Erde genähert hat. So lernte ein solcher Eingeweihter die Identität kennen seiner geistigen Welt mit derjenigen geistigen Welt, in der der herannahende Christus herrscht. Derjenige, der ins Wasser untergetaucht wurde durch Johannes, brauchte kein Eingeweihter zu sein; erlernte dadurch aber kennen den Zusammenhang seiner Individualität, was er als Persönlichkeit war, mit dem großen Vatergeist der Welt. Allerdings nur wenige konnten diesen Erfolg haben. Die meisten brauchten ja auch diese Taufe nur als ein Symbolum hinzunehmen, nur als das, was ihnen sozusagen dazu diente, daß sie nun auf Treu und Glauben, unter dem bedeutsamen Einfluß der Lehre des Täufers Johannes, von dem Dasein des Jahve-Gottes überzeugt waren. Es waren aber unter denen, die untergetaucht wurden, solche, die sich in früheren Inkarnationen schon reif gemacht hatten, um einiges aus eigener Beobachtung kennenzulernen. Ein abnormer Zustand jedoch war es, in welchen der Mensch durch die JohannesTaufe versetzt wurde.
[ 5 ] Johannes taufte mit Wasser, und das hatte zur Wirkung, daß der Ätherleib für kurze Zeit getrennt wurde vom physischen Leib. Aber Johannes der Täufer wollte der Vorläufer sein dessen, «der da tauft mit dem Feuer und mit dem Geist». Die Taufe mit dem Feuer und mit dem Geist, sie kam durch den Christus auf unsere Erde. Welches ist nun der Unterschied zwischen der Wasser-Taufe des Johannes und der Taufe des Christus mit dem Feuer und dem Geist? Das kann nur derjenige verstehen, der aus den allerersten Anfangsgründen heraus ein solches Verstehen lernt. Denn in bezug auf das Christus-Verständnis sind wir wirklich heute noch auf die Anfänge angewiesen. Immer größer und größer wird dieses Verständnis werden, aber heute kann der Mensch nur die allerersten Anfänge sich zu eigen machen. Haben Sie einmal die Geduld, den Weg des Christus-Verständnisses von dem ABC an mit mir zu beginnen.
[ 6 ] Da muß zuerst darauf aufmerksam gemacht werden, daß wirklich hinter allen physischen Vorgängen geistige Vorgänge stehen, auch hinter allen menschlichen physischen Vorgängen. Es wird das dem Menschen der heutigen Zeit recht schwer zu glauben. Das wird die Welt nach und nach lernen, und dann wird sie erst zum vollen Christus-Verständnis kommen. Heute glauben selbst diejenigen, welche vom Geist reden möchten, nicht im Ernst an die Tatsache, daß alles, was im Menschen physisch vorgeht, zuletzt vom Geistigen dirigiert wird. Sie können unbewußt — wenn wir den Ausdruck gebrauchen dürfen - nicht daran glauben, selbst wenn sie Idealisten sein wollen.
[ 7 ] Da gibt es zum Beispiel einen Amerikaner, der sammelt sorgfältig die Tatsachen, daß der Mensch in abnormen Zuständen dazu kommt, sich in eine geistige Welt zu erheben, und dadurch sucht er eine gewisse Grundlegung für die verschiedensten Tatsachen zu gewinnen. Dieser Amerikaner, William James, geht am allergründlichsten dabei zu Werke. Aber selbst die besten unter den Menschen können nichts gegen den stark wirkenden Zeitgeist. Sie wollen nicht Matetrialisten sein, sind es aber doch. Diese Philosophie des William James hat auch auf einige europäische Gelehrte einen Einfluß ausgeübt, und deshalb soll auf einige groteske Sätze des William James hingewiesen werden, die das erhärten, was eben gesagt worden ist. Er hat zum Beispiel den Ausspruch getan: Der Mensch weint nicht, weil er traurig ist, sondern er ist traurig, weil er weint! — Die Menschen sind bisher immer der Anschauung gewesen, daß man zuerst traurig sein müsse, das heißt, daß ein geistig-seelischer Vorgang sich abspielen muß, und daß dann erst sich dieser geistige Vorgang hineinpreßt in das Physische des Menschenleibes. Wenn die Träne quillt, so muß ein seelischer Vorgang vorhanden sein, der dem Aussondern des Tränenwassers zugrunde liegt.
[ 8 ] Heute noch, wo sozusagen alles Spirituelle unter dem Schleier des Materiellen begraben liegt und erst wiedergefunden werden soll von der spirituellen Weltanschauung, selbst heute noch haben wir Vorgänge in uns, welche Erbstücke einer uralten Zeit sind, wo das Geistige noch mächtiger war, und die uns in bedeutsamer Weise zeigen können, wie das Geistige wirkt. Auf zweierlei mache ich da gewöhnlich aufmerksam: auf das Schamgefühl und auf das Furcht- und Schreckgefühl. Es sei im voraus bemerkt, daß es leicht sein wird, Ihnen alle die hypothetischen Erklärungsversuche für diese beiden Erlebnisarten hier aufzuzählen. Das geht uns aber hier nichts an; und wenn jemand das dagegen einwenden wollte, so soll er nur nicht glauben, daß der Geistesforscher diese Hypothesen nicht auch kennt.
[ 9 ] Über das Schamgefühl können wir sagen:'Wenn der Mensch sich schämt, so ist es, wie wenn er bewirken wollte, daß seine Umgebung etwas nicht sieht, was in ihm geschieht, es ist wie etwas verbergen wollen, was im Schamgefühl des Menschen vor sich geht. Und was bewirkt dieses seelische Erlebnis physisch im Menschen? Es treibt die Schamröte ins Gesicht, das Blut steigt ins Gesicht. Was geschieht also unter dem Eindrucke eines seelisch-geistigen Ereignisses, wie es das Schamgefühl ist? Eine Umwandlung, eine andere Zirkulation des Blutes! Das Blut wird von innen nach der Peripherie, nach außen hin getrieben. Das Blut wird in seinem Laufe - das ist eine physikalische Tatsache - geändert durch eine geistig-seelische Tatsache!
[ 10 ] Wenn der Mensch erschrickt, so will er sich schützen gegen etwas, was er als bedrohlich ansieht: er wird blaß, das Blut zieht sich zurück von der äußeren Oberfläche. Wiederum haben wir einen äußeren Vorgang, hervorgerufen durch einen geistig-seelischen, durch Furcht und Schreck. Erinnern Sie sich, daß das Blut der Ausdruck des Ich ist. Was wird denn der Mensch wollen, wenn er etwas Bedrohliches herankommen sieht? Er wird eben seine Kräfte zusammennehmen und stark werden lassen im Mittelpunkte seines Wesens. Das Ich, das sich zusammennehmen will, zieht auch dasBlut indenMittelpunktseinesWesenszurück.
[ 11 ] Da haben Sie physische Vorgänge als Wirkung von seelisch-geistigen. So ist auch das Quellen der Tränen ein physischer Vorgang, der durch das Seelisch-Geistige bewirkt wird. Es ist nicht so, daß irgendwelche heimlichen physischen Einflüsse da zusammenströmen, die Tränen herauspressen, und daß der Mensch dann, wenn er die Tränen herausgehen fühlt, traurig wird. So stellt die materialistische Anschauung das Allereinfachste auf den Kopf. Wenn wir eingehen würden auf mancherlei, was den Menschen auch an physischen Übeln treffen kann und was zusammenhängt mit geistig-seelischen Vorgängen, dann könnten wir solche Fälle ins Ungeheure vermehren. Aber für uns handelt es sich heute darum, daß wir begreifen: Physische Vorgänge sind Wirkungen geistig-seelischer Vorgänge. Und wo uns ein physischer Vorgang so erscheint, als ob nichts Geistig-Seelisches hinter ihm stünde, müssen wir uns immer klar sein, daß wir eben das Geistig-Seelische noch nicht erkannt haben.
[ 12 ] Der Mensch ist heute gar nicht geneigt, das Geistig-Seelische sofort zu erkennen. Der Forscher von heute sieht, wie sich der Mensch vom ersten Moment der Empfängnis an, von den allerersten Keimesstadien an entwickelt, zuerst im Mutterschoße, nachher außerhalb des mütterlichen Leibes. Er sieht heranwachsen die äußere physische Gestalt des Menschen. Und weil er das beobachtet mit den Mitteln der heutigen Forschung, bekommt er die Ansicht, daß der Mensch erst entstehe mit der Entwickelung der physischen Gestalt, wie er es beobachtet bei der Empfängnis, und er ist gar nicht geneigt, darauf einzugehen, daß hinter den physischen Vorgängen noch geistige Vorgänge stehen. Er glaubt nicht, daß hinter dem physischen Menschenkeim noch etwas Geistiges steht und dieses Geistige sich mit dem Physischen verbindet und dasjenige herausarbeitet, was aus einer früheren Verkörperung herstammt. Nun könnte man ja sagen, wenn man nur auf die Theorie und nicht auf die Lebenspraxis etwas geben wollte: Nun ja, mag sein, daß irgendeiner höheren Erkenntnis die Einsicht zugänglich wäre, daß das Geistige hinter dem Physischen steht. Aber wir Menschen können eben das Geistige hinter dem Physischen nicht erkennen! — So sagen die einen. Die anderen sagen: Wir wollen aber nicht die Anstrengungen machen, die uns vorgeschrieben werden, um zu dieser Erkenntnis des Geistig-Göttlichen zu kommen. Was ändert denn das an der Welt, ob wir das erkennen oder nicht! - Es ist aber ein schlimmer Glaube, ja ein schlimmer Aberglaube, wenn man der Meinung ist, daß von einer solchen Erkenntnis nichts in der Lebenspraxis abhänge. Daß eben sehr viel von dieser Erkenntnis in der Lebenspraxis abhängt, das wollen wir uns jetzt möglichst anschaulich machen.
[ 13 ] Nehmen wir einen Menschen an, der gar keine Ahnung davon haben will, daß hinter allem Physischen im Menschen ein Seelisch-Geistiges ist, der auch nicht begreift, daß zum Beispiel mit der Vergrößerung einer physischen Leber ein Geistiges ausgedrückt ist. Ein anderer geht willig, durch geisteswissenschaftliche Anregung meinetwillen, darauf ein, daß man durch Eindringen in das Geistige erst zu einer Ahnung, dann zu einem Glauben und zuletzt zu einer Erkenntnis und Beobachtung des Geistigen kommt. Also zwei Menschen hätten wir vor uns: der eine lehnt das Geistige ab, er ist zufrieden mit der sinnlichen Beobachtung der Dinge; der andere nimmt auf, was man nennen kann den Willen zur Erkenntnis des Geistigen. Der Mensch, der nicht willig ist, die geistige Erkenntnis in sich aufzunehmen, wird immer schwächer und schwächer werden, denn er wird dadurch, daß er nicht seinem Geist die nötige Nahrung gibt - und das ist einzig und allein die Erkenntnis -, seinen Geist verhungern, verdorren und verderben lassen. Dann wird der Geist schwach und kann nicht stark werden, und es gewinnt das, was unabhängig ist von diesem Geist, die Oberhand, überwältigt den Menschen. Der Mensch wird schwach gegenüber dem, was in seinem physischen Leib und Ätherleib ohne sein Zutun vorgeht. Der andere aber, der den Willen zur Erkenntnis hat, gibt seinem Geist Nahrung; sein Geist wird stark, und der Geist erlangt die Herrschaft über das, was unabhängig von ihm in seinem Ätherleib und physischen Leib vorgeht. Das ist das Wesentliche. Wir können das gleich auf einen Fall, der in unserer heutigen Zeit eine große Rolle spielt, anwenden.
[ 14 ] Wir wissen, daß der Mensch von zwei Seiten her in die Welt tritt. Es vererbt sich sein physischer Leib von seinen Vorfahren, von Vater und Mutter und deren Ahnen. Da ererbt der Mensch von seinen Ahnen gewisse Merkmale guter und schlechter Art, die eben in der Vererbungslinie des Blutes liegen. Aber jedesmal, wenn durch solche Vererbung gewisse Eigenschaften in einem Kind auftreten, vereinigen sich mit diesen Eigenschaften diejenigen Kräfte, die sich das Kind aus seinen vorhergehenden Verkörperungen mitbringt. Nun wissen Sie, daß man heute, wenn bei einem Menschen diese oder jene Krankheit auftritt, sehr viel spricht von «erblichen Anlagen ». Was wird heute fürein Unfug getrieben mit dem in gewissen engeren Grenzen durchaus berechtigten Wort «erbliche Anlage»! Man beruft sich überall da, wo im Menschen dieses oder jenes auftritt und wo man nachweisen kann, daß es in Eigenschaften der Vorfahren besteht, auferbliche Anlagen. Und weilman nichts weiß von geistigen Kräften, die aus der früheren Inkarnation kommen und wirksam sind im Menschen, so glaubt man, daß diese vererbten Anlagen eine überwältigende Stärke haben. Würde man wissen, daß ein Geistiges aus der vorhergehenden Inkarnation kommt, so würde man sich sagen: Schön, wir glauben durchaus an die vererbten Anlagen, aber wir wissen auch, was an inneren zentralen Kräften in der Seele aus einem vorhergehenden Leben stammt. Wenn man es stärkt und kräftigt, gewinnt es die Oberhand über das Materielle, das heißt, über die vererbten Anlagen. - Und ein solcher Mensch, der imstande ist, sich zu einer Erkenntnis des Geistigen aufzuschwingen, würde weiter sagen: Mögen die vererbten Anlagen noch so stark wirken, ich will dem Geistigen in mir Nahrung geben! Dadurch werde ich Sieger über diese vererbten Anlagen. - Wer aber nicht arbeitet an dem Geistigen, an dem, was nicht ererbt ist, der wird geradezu durch diesen Unglauben den vererbten Anlagen zum Opfer fallen.
[ 15 ] Und so werden in der Tat durch den materialistischen Aberglauben die vererbten Anlagen immer mehr und mehr Gewalt über den Menschen bekommen. Die Menschen werden versumpfen in den vererbten Anlagen, wenn sie ihren Geist nicht stärken und dadurch immer von neuem dasjenige, was sich vererbt, durch einen starken Geist überwinden. Sie müssen natürlich in unserer Zeit, wo schon so viel geschehen ist durch den Materialismus, die Kräfte des Geistigen noch nicht überschätzen. Sie müssen nicht sagen: Wenn das der Fall wäre, dann müßten ja alle Anthroposophen grundgesunde Leute sein, denn sie glauben an den Geist. - Der Mensch ist nicht, wie er auf der Welt ist, bloß ein Einzelwesen. Der Mensch steht in der ganzen Welt drinnen, und das Geistige muß auch wachsen in seiner Stärke. Wenn aber das Geistige einmal schwach geworden ist, so wird es selbst beim noch so anthroposophischen Menschen, bei dem, der noch so viel Nahrung dem Geiste zuführt, nicht gleich so wirken, daß er über die Dinge, die aus dem Materiellen herkommen, Sieger wird. Aber um so sicherer wird es in der nächsten Inkarnation in seiner Gesundheit und Kraft zum Ausdruck kommen. Die Menschen werden immer schwächer und schwächer werden, wenn sie nicht an den Geist glauben, denn dann liefern sie sich den vererbten Anlagen aus. Sie haben es ja selbst bewirkt, daß das Geistige schwach ist. Es hängt eben alles davon ab, wie sich der Mensch zum Geistigen stellt. Man glaube auch nicht, daß man die Verhältnisse, die dabei im Spiele sind, leicht übersehen kann.
[ 16 ] Ich will Ihnen grotesk zum Ausdruck bringen, wie der Mensch sich irren kann, wenn er nur nach dem Äußeren seine Urteile bildet. Da kann einer sagen: Da war ein Mensch, der war ein guter Anhänger der anthroposophischen Weltanschauung. Nun behaupten aber gerade die ‚Anthroposophen, daß die Gesundheit immer erhöht wird durch die anthroposophische Weltanschauung, und daß dadurch sogar das Leben verlängert wird. Schöne Lehre! Der Mensch ist mit dreiundvierzig Jahren gestorben! — Das eine wissen die Menschen, daß der Mann mit dreiundvierzig Jahren gestorben ist, das haben sie gesehen. Was aber wissen die Menschen nicht? Sie wissen nicht, wann der Mann gestorben wäre, wenn er keine Anthroposophie gehabt hätte! Vielleicht wäre der Mensch ohne die Anthroposophie nur vierzig Jahre alt geworden. Wenn eines Menschen Lebensspanne ohne die Anthroposophie biszum vierzigsten Jahre reicht, so kann sie doch mit der Anthroposophie bis zu dreiundvierzig Jahren gehen. Und dadurch, daß Anthroposophie immer mehr in das Leben eindringt, werden sich die Auswirkungen schon im Leben zeigen. Zwar wenn der Mensch in einem Leben zwischen Geburt und 'Tod schon in allem die Wirkungen sehen will, dann ist er eben ein Egoist, dann will er nur alles für seine eigenen egoistischen Zwecke haben. Wenn er sich aber die Anthroposophie für die Menschheit erwirbt, dann hat er sie auch für alle übrigen Inkarnationen, die folgen werden.
[ 17 ] Nun sehen wir, daß der Mensch durch die Beeinflussung seines geistigen Wesens, wenn er sich dem hingibt, was wirklich vom Geist kommt, seinem Geiste wenigstens frische Kraft zuführen kann, daß er den Geist stark und kräftig machen kann. Das ist es, was wir verstehen müssen, daß es eine Möglichkeit gibt, sich von dem Geistigen beeinflussen zu lassen und dadurch sich immer mehr zum Herrscher in sich zu machen. Und jetzt suchen wir nach dem Mittel in der Welt, das das wirksamste ist in unserer heutigen Entwickelung, um uns von dem Geiste beeinflussen zu lassen.
[ 18 ] Wir hatten in gewisser Beziehung schon darauf hingewiesen, wie die Geisteswissenschaft durch die Mittel der Geistesforschung unserem Geiste Nahrung gibt. Wir können vielleicht sagen: Es ist noch gering, was der Mensch so an geistiger Nahrung aufnimmt, aber wir sehen auch, daß es immer wachsen und wachsen kann in den folgenden Inkarnationen. Aber das geht nur unter einer Voraussetzung, und um diese kennenzulernen, wollen wir uns einmal die anthroposophische Weltanschauung selber ansehen.
[ 19 ] Die anthroposophische Weltanschauung lehrt uns, aus welchen Gliedern der Mensch seiner Wesenheit nach besteht. Sie lehrt uns, was an einem vor uns stehenden sichtbaren Menschen unsichtbar vorhanden ist. Sie zeigt uns dann, wie der Mensch von Leben zu Leben geht in seinem Wesenskern, wie in das Physisch-Materielle, das wir von unseren Vorfahren haben, alles das sich eingliedert, was wir uns aus unserem letzten Leben an Seelisch-Geistigem mitbringen. Die Anthroposophie zeigt uns ferner, wie die Menschheit auf der Erde sich entwickelt hat, wie sie durch die atlantische Zeit, durch die vorhergehenden Perioden und durch die nachatlantischen Kulturen gegangen ist. Sie zeigt uns ferner, daß die Erde selber Verwandlungen durchgemacht hat, daß die Erde eine frühere Verkörperung durchgemacht hat in dem, was wir den alten Mondenzustand genannt haben, eine weitere vorher in dem alten Sonnenzustand, in dem Saturnzustand. So führt uns die geisteswissenschaftliche Weltanschauung von dem Haften an dem Allernächsten, was unsere Augen sehen, was unsere Hände greifen, was unsere gegenwärtige Wissenschaft erforscht, hinaus zu den großen umfassenden Tatsachen der Welt und vor allen Dingen ins Übersinnliche hinein. Sie gibt dem Menschen geistige Nahrung, indem sie ihn hinausführt aus dem Sinnlichen. Diejenigen, welche sich mit uns weiter eingelassen haben auf diese anthroposophische Weltanschauung, sie wissen, daß wir seit sieben Jahren im genaueren ausführten das Werden des Menschen, daß wir im genaueren schilderten die Verwandlungsformen der Erde und das Leben des Menschen in den verschiedenen Kulturstufen. So subtil bis in die Einzelheiten können wir heute schon schildern. Und wenn uns dazu die Möglichkeit geboten sein wird, so werden wir noch genauer in die Dinge eindringen. Da haben wir ein Tableau übersinnlicher Tatsachen vor unsere Seele hinzumalen. Aber dieses Tableau hat noch eine Eigentümlichkeit.
[ 20 ] Wir zeigten auch, daß sich unsere Sonne in einer gewissen Zeit abspaltete, daß auf die Sonne hinaufgingen die Wesenheiten, die zunächst auf dieser Sonne ihre weitere Entwickelung durchmachen sollten. Der Führer dieser Sonnenwesenheiten ist ja der Christus, und er ist derjenige, der als der Führer der Sonnenwesenheiten hinausgeht mit der Sonne, als diese sich von der Erde abspaltet. Da sendet er zunächst seine K.raft von der Sonne herunter auf die Erde. Aber er kommt immer näher und näher der Erde. Zarathustra muß ihn noch sehen als Ahura Mazdao. Moses sieht ihn schon in den äußeren Elementen. Und als der Christus in dem Jesus von Nazareth auf der Erde erscheint, da tritt diese Christus-Kraft in einem menschlichen Leibe auf. So stellt sich für die anthroposophische Weltanschauung in das ganze Tableau von Wiederverkörperung, vom Wesen des Menschen, Betrachtung des Kosmos und so weiter, das Christus-Wesen hinein wie ein Mittelpunkt. Und wer im richtigen Sinne diese anthroposophische Weltanschauung betrachtet, der sagt sich: Ich kann alles das betrachten, aber verstehen kann ich es erst, wenn für mich das ganze Bild auf den großen Brennpunkt, den Christus, hinzielt. Ich habe verschieden gemalt die Wiederverkörperungslehre, die Lehre von den Menschenrassen, von der Planeten-Entwickelung und so weiter, aber ich habe hier von einem Punkt das Wesen des Christus gemalt, und dadurch wird über alles andere Licht verbreitet. Es ist ein Bild, das eine Hauptfigur hat, und alles andere wird darauf bezogen, und ich verstehe Bedeutung und Ausdruck der anderen Figuren nur, wenn ich die Hauptfigur verstehe.
[ 21 ] So ist es mit der anthroposophischen Weltanschauung: Wir entwerfen ein großes Bild über die verschiedenen Tatsachen der geistigen Welt; dann aber sehen wir auf die Hauptfigur, auf den Christus, und dann erst verstehen wir alle die Einzelheiten des Bildes.
[ 22 ] Diejenigen, welche unsere Entwickelung in der Geisteswissenschaft mitgemacht haben, sie werden fühlen, wie man alles dadurch verstehen kann. Die Geisteswissenschaft selber wird vollkommener werden in der Zukunft, und das heutige Christus-Verständnis wird abgelöst werden durch ein noch viel höheres Verstehen. Dadurch wird die Kraft der Anthroposophie immer größer und größer werden, dadurch wird sich aber auch der Mensch entwickeln, der diese Kraft der Anthroposophie aufnimmt, und die Herrschaft des Geistigen in ihm über das Materielle wird immer stärker und stärker werden. Weil der Mensch nun einmal seinen heutigen vererbten Körper hat, kann er heute nur solche Vorgänge hervorrufen wie Schamröte, Erblassen und Erscheinungen wie Lachen und Weinen. Aber er wird später immer mehr Macht gewinnen über solche Erscheinungen, und der Mensch wird von seiner Seele aus die Funktionen seines Leibes durchgeistigen und sich so in die Außenwelt hineinstellen als ein mächtiger geistig-seelischer Herrscher. Das wird dann die Christus-Kraft sein. Das ist der Christus-Impuls, der durch die Menschheit wirkt. Das ist der Impuls, der aber auch heute schon, wenn er genügend verstärkt wird, zu dem führen kann, wozu die alte Einweihung geführt hat.
[ 23 ] Die alte Einweihung verlief ja in folgender Weise. Der Mensch lernte zuerst in vollem Umfange alles das, was wir heute in der Anthroposophie lernen. Das war die Vorbereitung zu der alten Einweihung. Dann wurde das alles hingeleitet zu einem gewissen Abschluß. Dieser Abschluß wurde dadurch bewirkt, daß der Betreffende dreieinhalb Tage im Grabe ruhte, wie tot war. Wenn dann sein Ätherleib herausgehoben war under in seinem Ätherleib die geistige Welt durchwanderte, wurde er ein Zeuge der geistigen Welt. Es war notwendig, daß für diese Zeit, wo der Mensch zuerst eingeweiht werden sollte in die geistigen Welten, der Ätherleib herausgehoben wurde, damit der Mensch innerhalb der Kräfte des Ätherleibes zur Anschauung der geistigen Welt kam. Diese Kräfte hatte man früher nicht im normalen tagwachen Bewußtseinszustand zur Verfügung, der Mensch mußte in einen abnormen Bewußtseinszustand gebracht werden. Auch für die Einweihung hat der Christus diese Kraft auf die Erde gebracht, denn heute ist es möglich, daß ohne das Heraustreten des Ätherleibes der Mensch hellsehend werden kann.
[ 24 ] Wenn der Mensch die Reife erlangt, daß er einen so starken Impuls von dem Christus erhält, daß dieser Christus-Impuls, wenn auch nur für kurze Zeit, in ihm seinen Blutumlauf beeinflussen kann, so daß sich dieser Christus-Einfluß in einem besonderen Blutumlauf ausdrückt, in einem Einfluß bis in das Physische hinein, dann ist der Mensch imstande, eingeweiht zu werden innerhalb des physischen Leibes. Dazu ist der Christus-Impuls imstande. Wer sich wirklich in die Tatsachen, die damals geschehen sind durch das Ereignis von Palästina und durch das Mysterium von Golgatha, versenken kann, so stark, daß er ganz darinnen lebt und sie ihm gegenständlich werden, so daß er das geistig lebendig vor sich sieht, daß es wirkt wie eine Kraft, die sich selbst seinem Blutumlauf mitteilt, der erlangt durch dieses Erlebnis dasselbe, was früher erlangt wurde durch das Heraustreten des Ätherleibes.
[ 25 ] So sehen Sie, daß durch den Christus-Impuls etwas in die Welt gekommen ist, wodurch der Mensch wirken kann auf das, was innerlich sein Blut pulsieren macht. Kein abnormes Ereignis, kein Untertauchen im Wasser, sondern einzig und allein der mächtige Einfluß der ChristusIndividualität ist es, was hier wirkt. Es wird nicht getauft mit irgendeiner sinnlichen Materie, sondern es wird getauft mit geistigem Einfluß, ohne daß das gewöhnliche alltägliche Bewußtsein eine Veränderung erleidet. Durch den Geist, der als der Christus-Impuls ausgeströmt ist, strömt in den Leib etwas hinein, was sonst nur auf dem Wege physisch-physiologischer Entwickelung hervorgerufen werden kann: durch Feuer, inneres Feuer, das sich in der Blutzirkulation ausdrückt. Der Johannes tauchte noch die Menschen unter; da trat der Ätherleib heraus, und der Mensch konnte hineinschauen in die geistige Welt. Läßt der Mensch aber den Christus-Impuls wirken, dann wirkt dieser Christus-Impuls so, daß sich die Erlebnisse des astralischen Leibes in den Ätherleib hineingießen und der Mensch hellsehend wird.
[ 26 ] Hier haben Sie erklärt den Ausdruck «taufen durch den Geist und durch Feuer». Und hier haben Sie den Unterschied zwischen der Johannes-Taufe und der Christus-Taufe, wie er den Tatsachen entspricht, vor Sie hingestellt. So wurde eine Klasse von neuen Eingeweihten möglich gemacht durch den Christus-Impuls. Früher hatten die Menschen einige wenige unter sich, welche die Schüler der großen Lehrer waren und hineingeführt wurden in die Mysterien. Ihnen wurde der Ätherleib herausgeführt, damit sie Zeugen werden konnten von dem Geiste und hinaustreten konnten vor die anderen und sagen konnten: Es gibt eine geistige Welt — wir haben sie selbst gesehen. Wie ihr die Pflanzen und Steine seht, so haben wir die geistige Welt gesehen! - Das waren die «Augenzeugen». Diejenigen, welche so aus den Tiefen der Mysterien heraustreten konnten, verkündigten das Evangelium von dem Geiste, allerdings aus der uralten Weisheit. Während sie die Menschen zu einer Weisheit zurückführten, aus der der Mensch hervorgegangen ist, wurden durch den Christus solche Eingeweihte möglich, die innerhalb des physischen Leibes, innerhalb des alltäglichen Bewußtseins zu der Beobachtung der geistigen Welt kommen konnten. Sie erkannten durch diesen Christus-Impuls dasselbe, was den alten Eingeweihten klar wurde: daß es eine geistige Welt gibt. Und sie konnten nun ihrerseits wieder verkündigen das Evangelium von dieser geistigen Welt. Um also ein Eingeweihter zu werden und das Evangelium von der geistigen Welt im neuen, im Christus-Sinne zu verkündigen, dazu war notwendig, daß die Kraft, die in dem Christus war, überfloß als ein Impuls auf den anderen, der Schüler wurde und der Verkünder dieser Kraft werden sollte. Wann geschah es zum ersten Male, daß solch ein Christus-Eingeweihter entstand?
[ 27 ] Immer muß beim Fortschreiten der Entwickelung Altes mit Neuem verbunden werden. So mußte auch der Christus die alte Einweihung langsam in die neue hinüberleiten. Er mußte sozusagen einen Übergang schaffen. Er mußte noch mit gewissen Vorgängen der alten Einweihung rechnen, aber so, daß alles, was von den alten Göttern stammte, durch die Christus-Wesenheit überströmt wurde. Der Christus nahm eine Einweihung vor mit demjenigen seiner Schüler, der dann das Evangelium von dem Christus in der tiefsten Weise der Welt mitteilen sollte. Es verbirgt sich eine solche Einweihung hinter einer Erzählung des JohannesEvangeliums, hinter der Lazarus-Geschichte (II. Kap.).
[ 28 ] Es ist viel über diese Lazarus-Geschichte geschrieben worden, unglaublich viel. Aber verstanden haben sie immer nur diejenigen, die gewußt haben aus den esoterischen Schulen und aus der eigenen Beobachtung, was sich dahinter verbirgt. Ich will Ihnen zunächst nur ein charakteristisches Wort aus der Lazarus-Geschichte anführen. Als dem Christus Jesus mitgeteilt wird, daß Lazarus krank liegt, da erwidert er: «Die Krankheit ist nicht zum Tode, sondern daß der Gott in ihm offenbar werde!» Zur Offenbarung des Gottes in ihm ist die Krankheit. Es ist nur durch einen Unverstand in der Übersetzung das Wort δόξα (doxa), das im griechischen Text steht, übersetzt worden mit «zur Ehre Gottes». Nicht zur Ehre Gottes wird es vorgenommen, sondern daß der Gott in ihm wahrnehmbar aus der Verborgenheit hervortrete! Das ist der richtige Sinn dieses Wortes. Das heißt, es soll das Göttliche, das im Christus ist, hinüberfließen in die Individualität des Lazarus, das Göttliche, das Christus-Göttliche sichtbar werden in dem Lazarus, durch den Lazarus.
[ 29 ] Wenn wir so die Auferweckung des Lazarus verstehen, wird sie erst vollständig durchsichtig. Glauben Sie allerdings nicht, daß da, wo geisteswissenschaftliche Tatsachen mitgeteilt werden, so oflen gesprochen werden kann, daß jedem gleich alles auf der Hand dargeboten wird. Unter mancherlei Verbrämung und Verhüllung wird das, was sich hinter einer solchen geisteswissenschaftlichen Tatsache verbirgt, mitgeteilt. Das muß so sein. Denn wer zum Begreifen eines solchen Mysteriums kommen will, der soll sich erst durcharbeiten dutch scheinbare Schwierigkeiten, damit sein Geist gestärkt und gekräftigt wird. Und gerade dadurch, daß er Mühe hat, sich durch die Worte hindurchzuwinden, gelangter an den hinter einer solchen Sache stehenden Geist. Denken Sie daran, wie da, als vom «Leben» gesprochen wird, das geschwunden sein soll aus dem Lazarus und das die Schwestern Martha und Maria zurückwünschen, der Christus Jesus erwidert: «Ich bin die Auferstehung und das Leben.» Das Leben soll in dem Lazarus wieder auftreten! Nehmen Sie einmal alles wörtlich, gerade in den Evangelien! Wir werden sehen, was durch ein solches Wörtlich nehmen der Evangelien alles herauskommt. Spintisieren Sie gar nicht, sondern nehmen Sie den Satz wörtlich: «Ich bin die Auferstehung und das Leben!» Was bringt da der Christus, als er erscheinen kann und er den Lazarus auferweckt? Was geht auf Lazarus über? Der Christus-Impuls, die Kraft, die aus dem Christus herausgeflossen ist! Das Leben hat der Christus dem Lazarus gegeben, wie der Christus auch sagte: «Die Krankheit ist nicht zum Tode, sondern damit der Gott in ihm sichtbar werde.» So wie alle alten Eingeweihten dreieinhalb Tage wie tot lagen und dann der Gott in ihnen sichtbar wurde, so lag auch Lazarus dreieinhalb Tage in einem todähnlichen Zustand. Aber der Christus Jesus wußte ganz genau, daß damit die alten Einweihungen ein Ende haben. Er wußte, daß dieser scheinbare Tod zu etwas Höherem führt, zu einem höheren Leben, daß also der Lazarus während dieser Zeit die geistige Welt wahrgenommen hat. Und da der Führer in dieser geistigen Welt der Christus ist, so hat der Lazarus die Christus-Kraft in sich aufgenommen, das Schauen des Christus. — Das Nähere finden Sie darüber in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache », wo in einem besonderen Kapitel gerade das Lazarus-Wunder im Sinne der Geisteswissenschaft begreiflich zu machen versucht worden ist. - Der Christus hat seine Kraft gegossen in den Lazarus; Lazarus ersteht als ein Neuer.
[ 30 ] Ein Wort ist bemerkenswert im Johannes-Evangelium. Es wird beim Lazarus-Wunder gesagt, daß der Herr den Lazarus «lieb hatte». Das Wort wird dann noch gebraucht für den Jünger, «den der Herr lieb hatte». Was bedeutet das? Das alles enthüllt uns nur die Akasha-Chronik. | Wer ist Lazarus, als er wieder auferstanden ist? Es ist der Schreiber des Johannes-Evangeliums selber, der von dem Christus initiierte Lazarus. Der Christus hat die Botschaft von seiner eigenen Wesenheit in die Lazarus-Wesenheit gegossen, damit dann diese Botschaft des vierten Evangeliums, des Johannes-Evangeliums, hinaustönen kann in die Welt als die Schilderung des Wesens des Christus. Deshalb wird auch im Johannes-Evangelium vor der Lazarus-Geschichte nicht von dem Jünger Johannes gesprochen. Aber lesen Sie genau und lassen Sie sich nicht verführen von jenen sonderbaren Theologen, die da gefunden haben, daß an einer gewissen Stelle des Johannes-Evangeliums, nämlich im 3 5. Vers des ersten Kapitels, der Name Johannes als ein Hinweis auf den Johannes-Jünger bereits vorkommen soll. An dieser Stelle heißt es:
«Des andern Tags stund abermal Johannes und zween seiner Jünger.»
[ 31 ] Nichts, aber auch gar nichts weist an dieser Stelle darauf hin, daß irgendwie derjenige, der später der Jünger genannt wird, «den der Herr lieb hatte », hier gemeint ist. Dieser Jünger kommt nicht vor im Johannes-Evangelium bis zu der Stelle, wo Lazarus auferweckt ist. Warum ist das so? Weil derjenige, der sich hinter dem Jünger verbirgt, «den der Herr lieb hatte», derselbe ist, den der Herr schon früher lieb hatte. Er hatte ihn so lieb, weil er ihn unsichtbar, in seiner Seele, schon als seinen Jünger erkannt hatte, der auferweckt werden wird und die Botschaft von dem Christus in die Welt hinaustragen sollte. Deshalb tritt der Jünger, der Apostel, «den der Herr lieb hatte», auch erst auf von der Schilderung der Auferweckung des Lazarus an. Da war er es erst geworden. Da war des Lazarus Individualität so umgeändert, daß sie zur Johannes-Individualität im Sinne des Christentums geworden war. So sehen wir im höchsten Sinne eine Taufe durch den Christus-Impuls selber an Lazarus vollführt: Lazarus ist zum Eingeweihten im neuen Sinne des Wortes geworden, indem noch an den alten Formen, an der Lethargie, in einer gewissen Weise festgehalten worden ist und so ein Übergang geschaffen wurde von der alten zur neuen Einweihung.
[ 32 ] Daraus ersehen Sie, wie tief die Evangelien die geistigen Wahrheiten, die unabhängig von allen Urkunden erforscht werden können, wiedergeben. Von allem, was im Evangelium ist, muß der Geistesforscher wissen, daß er es vorher finden kann, unabhängig von jeder Urkunde. Wenn er aber das, was er vorher geistig erforscht hat, in dem JohannesEvangelium wiederfindet, dann wird ihm dieses Evangelium zu einem Dokument, das von dem durch den Christus Jesus selbst Eingeweihten gegeben worden ist. Deshalb ist das Johannes-Evangelium eine so tiefe Schrift.
[ 33 ] Von den anderen Evangelisten wird ja heute besonders hervorgehoben, daß sie in manchen Stücken von dem Johannes abweichen. Das muß einen Grund haben. Diesen Grund werden wir aber erst finden, wenn wir in den eigentlichen Grundnerv der anderen Evangelien ebenso eindringen, wie wir es jetzt bei dem Johannes-Evangelium getan haben. Und wenn wir zu dem Grundnerv der einzelnen Evangelien vordringen, dann finden wir, daß der Unterschied nur dadurch entstehen konnte, daß der Schreiber des Johannes-Evangeliums von dem Christus Jesus selber eingeweiht ist. Dadurch ist es möglich geworden, den Christus-Impuls so zu beschreiben, wie ihn der Schreiber des JohannesEvangeliums beschrieben hat. Und ebenso müssen wir das Verhältnis der übrigen Evangelienschreiber zu dem Christus erforschen und sehen, inwiefern sie die Feuer- und die Geistestaufe erhalten haben. Dann werden wir erst die inneren Beziehungen des Johannes-Evangeliums zu den anderen Evangelien finden und so immer tiefer und tiefer in den Geist des Neuen Testamentes eindringen.
