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The Rudolf Steiner Archive

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Das Johannes-Evangelium
im Verhältnis zu den drei anderen Evangelien
besonders zu dem Lukas-EvangeliumGA 112

30 Juni 1909, Kassel

Achter Vortrag

[ 1 ] Gestern haben wir als das Ergebnis unserer Betrachtungen gewonnen, daß der Christus-Impuls, nachdem er einmal aus der Person des Jesus von Nazareth gewirkt hatte, sich mit der Entwickelung der Erde vereinigte. Und nunmehr ist er ein so starker Impuls innerhalb der irdischen Menschheitsentwickelung, daß er heute auf den Menschen wirkt, wie ehedem gewirkt hat jene für das Leben des Menschen immer gefährlicher und gefährlicher werdende Prozedur, das Heraustretenlassen des Ätherleibes durch dreieinhalb Tage aus dem physischen Leib während der Einweihung. So stark wie eine solche Abnormität in bezug auf das Bewußtsein wirkt der Christus-Impuls.

[ 2 ] Nun müssen Sie sich vorstellen, daß in der Tat ein solcher Umschwung nur langsam und allmählich sich einleben konnte in der menschlichen Entwickelung, daß er nicht gleich von Anfang an mit dieser Stärke und Gewalt auftreten konnte. Daher war es nötig, daß in der Auferstehung des Lazarus eine Art Übergang geschaffen wurde. Lazarus war noch in einem todähnlichen Zustand dreieinhalb Tage hindurch. Aber dennoch müssen Sie sich klar darüber sein, daß dieser Zustand noch etwas anderes war als der, den die alten Eingeweihten durchgemacht hatten. Der Zustand des Lazarus war ja nicht künstlich herbeigeführt durch den Initiator wie in den alten Zeiten, wo durch Prozesse, die ich hier nicht beschreiben darf, der Ätherleib aus dem physischen Leib herausgeholt wurde. Es war, wir dürfen sagen, auf natürlichere Art geschehen. Sie können aus dem Evangelium selbst entnehmen, daß der Christus mit dem Lazarus und den beiden Schwestern Martha und Maria schon vorher verkehrt hatte, denn es heißt da (11, 3): «DerHerr hatte ihn lieb», das heißt, der Christus Jesus hatte schon lange Zeit hindurch einen großen, gewaltigen Eindruck ausgeübt auf Lazarus, der genügend dazu vorbereitet und reif gemacht war. Und die Folge war, daß es bei Lazarus nicht notwendig war, auf künstlichem Wege bei der Einweihung ein Entrücktsein durch dreieinhalb Tage hervorzurufen, sondern daß das bei ihm ganz von selbst kam unter dem gewaltigen Eindruck des Christus-Impulses. Lazarus war also sozusagen für die Außenwelt durch dreieinhalb Tage wie tot, wenn er auch während dieser Zeit das Allerwichtigste erlebt hatte, so daß nur der letzte Akt, die Auferweckung, von dem Christus vorgenommen wurde. Und wer Bescheid weiß über das, was da vorging, der erkennt noch den Nachklang an den alten Einweihungsvorgang in den Worten, die der Christus Jesus gebraucht:

«Lazare, komm heraus!»

[ 3 ] Und der auferweckte Lazarus war, wie wir gesehen haben, der Johannes, oder besser gesagt, der Schreiber des Johannes-Evangeliums, derjenige also, der sozusagen als der erste Initiierte im christlichen Sinne das Evangelium von der Wesenheit des Christus in die Welt bringen konnte.

[ 4 ] Wir dürfen daher von vornherein vermuten, daß uns dieses JohannesEvangelium, das von der heutigen, rein historisch-kritischen theologischen Forschung so malträtiert wird und nur als lyrischer Hymnus, als eine subjektive Äußerung dieses Schriftstellers hingestellt wird, in die tiefsten Geheimnisse des Christus-Impulses hineinblicken lassen wird. Heute bildet für die Materialisten in derBibelforschung dieses JohannesEvangelium einen Stein des Anstoßes, wenn man es vergleicht mit den drei anderen, den sogenannten synoptischen Evangelien. Das ChristusBild, das sie sich nach den drei ersten Evangelien machen, schmeichelt ja den gelehrten Herren unserer Zeit so sehr. Da ist sogar das Wort schon gefallen - und sogar von theologischer Seite ist das geschehen -, daß man es zu tun habe mit dem «schlichten Mann aus Nazareth». Und immer wieder wird es betont, daß man ein Bild des Christus gewinnen könne als das eines Edelsten vielleicht, der über die Erde geschritten ist, aber eben doch nur das Bild eines Menschen. Ja es ist sogar die Tendenz vorhanden, dieses Bild so weit wie möglich zu vereinfachen, und man hört dabei sagen, daß es einen Plato, einen Sokrates und noch andere Große auch gegeben hat. Man gibt wohl auch zu, daß es Gradunterschiede zwischen den einzelnen gibt.

[ 5 ] Freilich, davon ist das Bild des Christus, das uns das Johannes-Evangelium gibt, sehr verschieden! Da wird gleich im Anfange gesagt, daß dasjenige, was durch drei Jahre im Leibe des Jesus von Nazareth wohnte, der Logos war, das urewige Wort oder - nach dem Wort, das es auch dafür gibt — die urewige schaffende Weisheit. Das kann von unserer Zeit nicht begriffen werden, .daß ein Mensch im dreißigsten Jahre seines Lebens so weit reif ist, daß er imstande ist, sein eigenes Ich hinzuopfern und aufzunehmen eine andere Wesenheit, eine Wesenheit, die schlechterdings übermenschlicher Natur ist: den Christus, den der Zarathustra als Ahura Mazdao angesprochen hat. Daher glauben solche theologischen kritischen Forscher, daß der Schreiber des JohannesEvangeliums in einer Art lyrischen Hymnus nur habe schildern wollen, wie er sich zu seinem Christus stelle, und nichts anderes. Auf der einen Seite stehe das Johannes-Evangelium und auf der anderen Seite die drei anderen Evangelien, aber wenn man ein Durchschnittsbild von dem Christus gewinnen will, könne man doch den «schlichten Mann», wenn auch mit der historischen Größe, herausschildern. Das gefällt den neueren Forschern nicht, daß man eine göttliche Wesenheit haben soll in dem Jesus von Nazareth.

[ 6 ] Aus der Akasha-Chronik ergibt sich, daß in ihrem dreißigsten Jahre diejenige Persönlichkeit, die wir als Jesus von Nazareth ansprechen, durch alles, was sie durchgemacht hatte in den vorhergehenden Inkarnationen, so weit gekommen war an Reife, daß sie das eigene Ich hinopfern konnte. Denn das ist es, was da geschah, daß dieser Jesus von Nazareth, als er von Johannes getauft wurde, den Entschluß fassen konnte, als Ich, als viertes Glied der menschlichen Wesenheit, herauszusteigen aus physischem Leib, Ätherleib und astralischem Leib. Und jetzt war ein edles Hüllengebilde da, ein edler, von dem reinsten, höchstentwickelten Ich durchtränkter physischer Leib, Ätherleib und astralischer Leib. Das war wie ein reines Gefäß, und das konnte aufnehmen bei der Johannes-Taufe den Christus, den urewigen Logos, die schaffende Weisheit. So sagt uns die Akasha-Chronik. Und so erkennen wir es wieder, wenn wir es nur wollen, in der Schilderung des JohannesEvangeliums.

[ 7 ] Aber müssen wir uns nicht auseinandersetzen mit dem, was unsere materialistische Zeit glaubt? Vielleicht werden sich einige von Ihnen wundern, daß ich von Theologen, also doch von Leuten, die vom Geistigen sprechen, wie von materialistischen Denkern rede. Aber nicht darum handelt es sich, was einer glaubt und worüber er forscht, sondern wie et forscht, gleichgültig, welches der Inhalt ist. Wer nichts wissen will von dem, was uns hier beschäftigt, wer nichts wissen will von einer geistigen Welt und nur auf das sieht, was außen in der materiellen Welt vorhanden ist an Dokumenten und so weiter, und sich dadurch ein Bild von der Welt machen will, der ist ein Materialist. Auf die Mittel der Forschung kommt es an. Aber wir müssen uns doch damit auseinandersetzen.

[ 8 ] Wenn Sie die Evangelien lesen, werden Sie sehen, daß darin gewisse Widersprüche sind. Zwar in bezug auf die Hauptsachen, was wir als das Wesentliche schildern können aus der Akasha-Chronik heraus, können wir sagen, daß sie in auffälliger Weise übereinstimmen. Sie stimmen überein zunächst einmal in bezug auf die Johannes-Taufe selber. Und das geht aus allen vier Evangelien hervor, daß die Schreiber dieser Evangelien der Johannes-Taufe für den Jesus von Nazareth den denkbar größten Wert beilegen. Weiter stimmen sie überein mit der Tatsache des Kreuzes-Todes und der Tatsache der Auferstehung. Das sind also gerade diejenigen Tatsachen, die für den heutigen materialistischen Denker die allerwunderbarsten sind. Darüber ist also kein Widerspruch. Aber wie sollen wir uns mit den anderen scheinbaren Widersprüchen auseinandersetzen?

[ 9 ] Da haben wir zunächst zwei Evangelienschreiber: Markus und Johannes. Sie beginnen beide bei der Johannes-Taufe. Sie erzählen die drei letzten Jahre der Wirksamkeit des Christus Jesus, nur dasjenige also, was sich zugetragen hat, nachdem der Christus-Geist bereits Besitz ergriffen hatte von der dreifachen Hülle des Jesus von Nazareth, von dessen physischem Leib, Ätherleib und astralischem Leib. Dann haben wir die beiden Evangelien nach Matthäus, nach Lukas. Sie verfolgen in gewisser Beziehung auch die frühere Geschichte, was also in unserem Sinne in der Akasha-Chronik die Geschichte des Jesus von Nazareth wäre vor seiner Hinopferung für den Christus. Und da tritt denen, die nach Widersprüchen spüren wollen, gleich im Anfange entgegen, daß der Matthäus eine Ahnengeschichte mitteilt, die hinaufgeht bis zu Abraham, daß dagegen Lukas eine Abstammungsgeschichte gibt, die hinaufgeht bis zu Adam und von Adam bis zu dem Vater des Adam, bis zu Gott selber. Ein anderer Widerspruch würde sich dann daraus ergeben, wie nach Matthäus drei Weise oder Magier, von einem Stern geführt, herbeikommen, um den neugeborenen Jesus zu begrüßen, während Lukas erzählt von der Erscheinung, welche die Hirten haben, von der Anbetung der Hirten, von der Darstellung im Tempel, wogegen Matthäus wieder berichtet von der Verfolgung durch Herodes, der Flucht nach Ägypten und der Rückkehr. Das und noch vieles andere könnte man als Widersprüche im einzelnen ins Auge fassen. Wir können uns damit auseinandersetzen, wenn wir noch ein wenig genauer eingehen auf die Tatsachen, die uns unabhängig von den Evangelien durch das Lesen in der Akasha-Chronik geliefert werden.

[ 10 ] Die Akasha-Chronik sagt uns, daß in der Zeit, wie sie ungefähr in der Bibel festgestellt wird — auf ein paar Jahre Unterschied kommt es nicht an -, der Jesus von Nazareth geboren ist, daß in dem Leibe des Jesus von Nazareth eine Individualität lebte, die in früheren Inkarnationen hohe Stufen der Einweihung bereits erlebt hatte, hohe Einblicke gewonnen hatte in die geistige Welt. Ja die Akasha-Chronik sagt uns noch etwas mehr, und ich will zunächst nur auf die äußeren Umrisse dessen, was sie sagt, eingehen. Die Akasha-Chronik, welche die einzige wirkliche Geschichte liefert, sagt uns, daß derjenige, welcher in diesem Jesus von Nazareth erschien, in seinen früheren Verkörperungen durchgemacht hatte in den verschiedensten Gegenden die verschiedensten Einweihungen. Und sie führt uns dahin zurück, daß dieser spätere Träger des Namens Jesus von Nazareth ursprünglich innerhalb der persischen Welt eine hohe, bedeutsame Einweihungsstufe und eine hohe, bedeutungsvolle Wirksamkeit erlangt hatte. So zeigt uns die Akasha-Chronik, wie diese Individualität, die in dem Leib des Jesus von Nazareth war, auch innerhalb der geistigen Welt des alten Persiens schon gewirkt hatte, wie sie zur Sonne hinaufgeschaut und den großen Sonnengeist als Ahura Mazdao angesprochen hatte.

[ 11 ] Nun müssen wir uns darüber klar sein, daß in die Leiber dieser selben Individualität, die durch solche Inkarnationen durchgegangen war, der Christus eingezogen ist. Was heißt das: der Christus ist eingezogen in die Leiber dieser Individualität? Das heißt nichts anderes, als daß der Christus sich dieser drei Leiber zu seiner Wirksamkeit bediente, des astralischen Leibes, des Ätherleibes und des physischen Leibes des Jesus von Nazareth. Alles, was wir denken, alles, was wir in Worten aussprechen und was wir empfinden und fühlen, hängt an unserem astralischen Leib. Das ist der Träger von allem. Dreißig Jahre lang hatte der Jesus von Nazareth als Ich in diesem astralischen Leib gelebt, hatte diesem astralischen Leib mitgeteilt alles, was er in früheren Verkörperungen in sich erlebt und aufgenommen hatte. In welchem Sinne mußte denn dieser astralische Leib seine Gedanken formen? Er mußte sie so formen, daß er sich anschmiegte und angliederte der Individualität, die in ihm durch dreißig Jahre hindurch wohnte. Wenn der Zarathustra im alten Persien hinaufgeschaut hatte zur Sonne und von Ahura Mazdao gesprochen hatte, so hat sich das dem astralischen Leibe eingeprägt. In diesen astralischen Leib hinein stieg der Christus. War es also nicht ganz natürlich, daß der Christus, wenn er Gedankenbilder brauchte, wenn er Empfindungsausdrücke brauchte, sie nur in dasjenige kleiden konnte, was ihm sein astralischer Leib darbot, seien sie wie immer! Denn wenn Sie einen grauen Rock tragen, erscheinen Sie der Außenwelt in einem grauen Rock! Der Christus erschien der Außenwelt in dem Leibe des Jesus von Nazareth, in dessen physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib, so daß seine Gedanken und Empfindungen gefärbt wurden von den Gedanken- und Empfindungsbildern, die in dem Leibe des Jesus von Nazareth waren. Was Wunder also, daß uns in seinen Aussprüchen manches wiederklingt von den alten persischen Ausdrücken, und daß uns in dem Evangelium des Johannes manches wiederklingt von den Ausdrücken, die schon in der alten persischen Einweihung gebraucht worden sind! Denn der Impuls, der in dem Christus war, ging ja auf den Schüler, auf den auferweckten Lazarus über. So spricht gleichsam der astralische Leib des Jesus von Nazareth durch den Johannes in seinem Evangelium zu uns. Und was Wunder, daß wir manches Persische da anklingen hören, daß also in Ausdrücken gesprochen wird, die an die alte persische Einweihung und an ihre Gedankenformengebung anklingen. Nun hat man in Persien nicht nur mit Ahura Mazdao die Geister, die in der Sonne vereinigt sind, angesprochen, sondern es wurde in gewissem Sinne für die Sonnengeister der Ausdruck «Vohumanu» gebraucht, das heißt: das schöpferische Wort oder der schöpferische Geist. Der Logos im Sinne der schöpferischen Kraft wird zuerst in der persischen Einweihung gebraucht. Und das erscheint uns wieder gleich im ersten Verse des Johannes-Evangeliums. Manches andere noch in dem Johannes-Evangelium werden wir verstehen, wenn wir wissen, daß der Christus selber sprach durch einen astralischen Leib, der dreißig Jahre dem Jesus von Nazareth gedient hatte, und daß diese Individualität die Wiederverkörperung eines alten persischen Eingeweihten war. Und so könnte ich Ihnen vieles in dem Johannes-Evangelium zeigen, und Sie würden sehen, wie es erklärlich wird, daß gerade das intimste Evangelium da, wo es Worte gebraucht, die den Einweihungsgeheimnissen angehören, anklingt an die persische Ausdrucksweise, wie sie sich hinaufverpflanzt hat in die späteren Zeiten.

[ 12 ] Wie verhält es sich nun mit den anderen Evangelisten? Wenn wir das verstehen wollen, müssen wir uns an einiges erinnern, was wir schon in den vorhergehenden Betrachtungen absolviert haben.

[ 13 ] Wir haben bereits gehört, daß es hohe geistige Wesenheiten gab, die ihren Schauplatz bei der Abtrennung der Erde von der Sonne eben auf die Sonne verlegt haben. Wir haben darauf aufmerksam gemacht, daß die äußere astralische Gestalt dieser hohen Wesenheiten, die sich zur Sonne hinausgehoben haben, gewissermaßen die Gegenbilder waren gewisser Tierformen hier auf der Erde. Da war zunächst die Gestalt des StierGeistes, das geistige Gegenbild derjenigen tierischen Naturen, die als das Wesentliche in ihrer Entwickelung haben, was man nennen könnte die Ernährungs- und Verdauungsorganisation. Das geistige Gegenbild ist natürlich etwas geistig Hohes; das irdische Abbild mag als etwas noch so Niedriges erscheinen. Also wir haben hohe geistige Wesenheiten, die ihren Schauplatz auf die Sonne verlegt haben und von dort auf die Sphäre der Erde hineinwirken und da erscheinen als die Stier-Geister. Andere erscheinen als Löwen-Geister, die ihr Gegenbild in denjenigen Tiernaturen haben, die vorzugsweise die Herz- und Blutzirkulationsorgane ausgebildet haben. Dann haben wir geistige Wesenheiten, welche Gegenbilder sind dessen, was uns in der Adlernatur im Tierreich entgegenttritt, die Adler-Geister. Und endlich haben wir solche geistige Wesenheiten, die gleichsam harmonisch die anderen Naturen vereinigen wie in einer großen Synthese, die Menschen-Geister. Es waren das die in einer gewissen Beziehung vorgeschrittensten.

[ 14 ] Nun gehen wir von da aus an die alte Einweihung. Sie gab dem Menschen die Möglichkeit, von Angesicht zu Angesicht die hohen geistigen Wesenheiten zu sehen, die dem Menschen vorangeschritten waren. Aber je nachdem die alten Menschen in Gemäßheit der alten Zeiten heruntergekommen waren von Mars, Jupiter, Saturn, Venus, mußten sie in einer anderen Weise eingeweiht werden. Daher gab es auch in der Atlantis die verschiedensten Orakelstätten. Es gab solche Orakel, die ihr geistiges Sehen vorzugsweise darauf eingestellt hatten, diejenigen Geister zu sehen, die wir als die Adler-Geister charakterisiert haben, während andere die Löwen-Geister, andere die Stier-Geister und wieder andere die Menschen-Geister sahen. Das war je nach der spezifischen Eigenart dieser einzuweihenden Menschen. Diese Verschiedenheit war ja eine der Eigentümlichkeiten der atlantischen Zeit, und die Nachklänge daran gab es noch immer bis in unsere nachatlantische Zeit hinein. So könnten Sie in Vorderasien und in Ägypten Mysterienstätten finden, wo so eingeweiht wurde, daß die Eingeweihten die hohen geistigen Wesenheiten als Stier-Geister oder als Adler-Geister sahen.

[ 15 ] Aus den Mysterien ist dann die äußere Kultur herausgeflossen. Diejenigen, welche so schauen konnten, daß sie die hohen geistigen Wesenheiten in der Löwenform sahen, sie haben auch in dem Löwenkörper eine Art Abbild dessen geschaffen, was sie gesehen haben. Nur haben sie gesagt: Diese Geister sind beteiligt an dem Werden des Menschen und sie haben daher dem Löwenleib einen Menschenkopf gegeben. Daraus ist dann später die Sphinx geworden. Diejenigen, welche die geistigen Gegenbilder als Stier-Geister gesehen haben, drückten es dadurch aus, daß sie ihr Zeugnis von der geistigen Welt verkündeten, indem sie die Stier-Verehrung einführten, was dann einmal zur Verehrung des Apis-Stieres in Ägypten und auf der anderen Seite zur Verehrung des persischen Mithras-Stieres geführt hat. Denn das, was wir an äußeren Kultusgebräuchen bei den verschiedenen Völkern finden, ist herausgeflossen aus den Einweihungstiten.

[ 16 ] So gab es überall Eingeweihte, die in ihrem geistigen Schauen mehr eingestellt waren auf die Stier-Geister, andere, die mehr auf die AdlerGeister eingestellt waren und so weiter. Wir können in einer gewissen Weise auch den Unterschied angeben zwischen den verschiedenen Einweihungsarten. Solche Menschen zum Beispiel, die so eingeweiht waren, daß ihnen die geistigen Wesenheiten in der Form der Stier-Geister erschienen, waren namentlich über diejenigen Verhältnisse der Menschennatur unterrichtet, welche sozusagen die mit dem Drüsensystem, die mit dem Ätherischen zusammenhängenden Geheimnisse enthielten. Und noch in ein anderes Gebiet der menschlichen Natur waren sie eingeweiht: In das, was vom Menschen sozusagen fest an der Erde hängt, was an die Erde geschmiedet ist. Das durchschauten alle diejenigen, welche in die Stier-Geheimnisse eingeweiht waren.

[ 17 ] Versuchen wir es, uns in die Gemütslage eines solchen Eingeweihten zu versetzen. Diese Eingeweihten hatten von ihren großen Lehrern etwa folgende Lehre empfangen: Der Mensch ist herabgestiegen von göttlichen Höhen. Diejenigen, welche die ersten Menschen waren, waren die Nachkommen göttlich-geistiger Wesenheiten. Daher führten sie den ersten Menschen zurück auf seinen Vater-Gott. So ist der Mensch herunter gekommen auf die Erde, ist von Erdengestalt zu Erdengestalt gegangen. Was an die Erde gefesselt war, hat dieseMenschen vorzugsweise interessiert, und sie hatten Interesse für alles das, was die Menschen damals erlebt hatten, als sie zu ihren Vätern die göttlich-geistigen Wesenheiten zählten. — So war es bei den Stier-Eingeweihten.

[ 18 ] Anders war es bei den Adler-Eingeweihten. Die sahen jene geistigen Wesenheiten, die sich in ganz eigentümlicher Art zu dem verhalten, was Mensch ist. Aber um das zu verstehen, müssen wir ein paar Worte wenigstens sprechen über die spirituelle Art der Vogelnatur.

[ 19 ] In den Tieren, die durch ihre niedrigeren Verrichtungen unter den Menschen stehen, haben wir ja solche Wesenheiten zu sehen, die sich sozusagen zu früh verhärtet haben, die ihre Leibessubstanz nicht weich und biegsam erhalten haben bis zu dem Moment, wo sie hätten in die Menschengestalt aufgenommen werden können. Wir haben aber in der Vogelnatur solche Wesenheiten, die zwar nicht die niedersten Funktionen aufgenommen haben, die aber nach oben den Punkt übersprungen haben. Sie sind gleichsam nicht tief genug heruntergestiegen, sie haben sich zunächst in zu weichen Substanzen erhalten, während die anderen in zu harten Substanzen gelebt haben. Und als die Entwickelung immer weiter und weiter ging, mußten sie durch die äußeren Verhältnisse schon verdichtet werden. So wurden sie in einer Weise verdichtet, die einer zu weichen, einer zu wenig auf die Erde herabgestiegenen Natur entspricht. Das ist zwar grob und populär ausgedrückt, aber es entspricht dem Sachverhalt. Diesen Vogelnaturen entsprechen als Urbilder diejenigen geistigen Wesenheiten, die auch nach oben den Punkt überschritten haben, die sich in einer zu weichen geistigen Substanz erhalten haben und die daher in ihrem Fortschritt gleichsam über das, was sie hätten in einem bestimmten Zeitpunkt werden können, hinausflogen. Sie weichen nach oben ab, während die übrigen nach unten abweichen. Gewissermaßen in der Mitte stehen die Löwen-Geister und die harmonischen Geister, die gerade den richtigen Zeitpunkt eingehalten haben, die Menschen-Geister.

[ 20 ] Nun haben wir uns schon klar gemacht, wie diejenigen, die etwas von der alten Einweihung erhalten hatten, das Christus-Ereignis aufnahmen. Sie hatten früher schon hineinblicken können in die geistige Welt, und zwar so, wie es eben in Gemäßheit ihrer spezifischen Einweihung sein konnte. Diejenigen, welche die Stier-Einweihung erhalten hatten - sagen wir die Eingeweihten eines großen Teiles des Ägypterlandes -, sie wußten: Wir können hinaufschauen in die geistige Welt; daher erscheinen uns auch die hohen geistigen Wesenheiten in den Gegenbildern zu der Stiernatur im Menschen. Aber jetzt, so sagten sich diejenigen, die dem Christus-Impuls nahegetreten waren, jetzt ist uns in der wahren Gestalt das erschienen, was der Herrscher im geistigen Reiche ist. Was wir früher immer gesehen haben, wozu wir uns aufgeschwungen haben durch die Stufen unserer Einweihung, das hat uns eine Vorgestalt dargestellt für den Christus. Der Christus ist es, den wir hineinversetzen müssen in das, was wir früher gesehen haben. Wenn wir uns an alles das erinnern, was wir gesehen haben, was uns nach und nach die geistigen Welten erschlossen hat, wohin würde es uns geführt haben, wenn wir damals schon auf der entsprechenden Höhe gewesen wären? Zum Christus hätte es uns geführt! - Ein solcher Eingeweihter beschrieb im Sinne der Stier-Einweihung den Gang in die geistige Welt. Dann aber sagte er: Das Wahre, was in ihr ist, das ist der Christus. — Und ebenso sprach ein Löwen-Eingeweihter, ein Adler-Eingeweihter.

[ 21 ] Alle diese Einweihungsmysterien hatten ihre ganz bestimmten Vorschriften, wie der Betreffende in die geistige Welt hinaufgeführt werden sollte. Es unterschieden sich die Ritualien je nachdem, wie man in die geistige Welt hineinkommen sollte. Und insbesondere in Vorderasien und in Ägypten gab es die verschiedensten Schattierungen der Mysterien, wo es besonders üblich war, die Eingeweihten so zu führen, daß sie zuletzt zur Stiernatur kamen, und solche Einweihungen, die zur Anschauung der Löwen-Geister kamen und so weiter.

[ 22 ] Nun fassen wir von diesem Gesichtspunkt einmal diejenigen auf, welche nach früheren Einweihungen der verschiedenartigsten Natur sich dazu reif gemacht hatten, den Christus-Impuls zu fühlen, den Christus in der richtigen Weise zu erfassen. Betrachten wir einmal einen Eingeweihten, der durch jene Stufen durchgegangen ist, die ihn zur Anschauung des Menschen-Geistes geführt haben. Ein solcher Eingeweihter konnte sich sagen: Der wirkliche Herrscher in der geistigen Welt ist mir erschienen, der Christus ist es, der in dem Jesus von Nazareth gelebt hat! Was hat mich dazu geführt? Meine alte Einweihung! Er kannte den Gang, der zu der Anschauung des Menschen-Geistes führt. So schildert er, was der Mensch erlebt, um zu der Einweihung zu kommen und überhaupt die Christus-Natur erkennen zu können. Er kannte die Einweihung so, wie sie in denjenigen Mysterien vorgeschrieben war, die zur Menschen-Einweihung führten. Daher erschien ihm auch der hohe Eingeweihte, der in dem Jesus von Nazareth-Körper war, in dem Bilde der Mysterien, die er durchgemacht und erkannt hatte; und er schilderte ihn so, wie er die Sache selbst ansah. Das ist der Fall in der Schilderung nach Matthäus. Daher hat eine ältere Tradition durchaus ein Richtiges getroffen, wenn sie den Schreiber des MatthäusEvangeliums verbindet mit demjenigen der vier Symbole, die sich Ihnen hier an den Kapitälen der Säulen rechts und links zeigen, das wir als das Symbolum des Menschen bezeichnen. Eine ältere Tradition bringt den Schreiber des Evangeliums nach Matthäus mit dem Menschen-Geist zusammen. Das rührt davon her, weil der Schreiber des Matthäus-Evangeliums sozusagen als seinen eigenen Ausgangspunkt gekannt hat die Einweihung zum Menschen-Mysterium. Denn in den Zeiten der Evangelienschreibung war es noch nicht üblich, Biographien zu schreiben, wie man es heute tut. Damals erschien den Leuten als das Wesentlichste, daß ein hoher Eingeweihter da war, der den Christus in sich aufgenommen hatte. Wie man ein Eingeweihter wird, was man durchzumachen hat als Eingeweihter, das war ihnen das Wichtigste. Daher überspringen sie die äußeren Ereignisse von Tag zu Tag, die heute den Biographen so wichtig erscheinen.

[ 23 ] Was tut heute nicht alles ein Biographienschreiber, damit er genügendes Material bekommt! Einmal hat der «Schwaben-Vischer», Friedrich Theodor Vischer, ein sehr gutes Bild gebraucht über einen gelehrten Herrn, indem er die Art und Weise, wie heute Biographien geschrieben werden, ironisierte. Er meinte: Da habe sich einmal ein junger Gelehrter daran gemacht, eine Doktordissertation zu schreiben, und zwar über Goethe. Zunächst habe er sich an die Vorarbeiten gemacht und dazu alles gesammelt, was er brauchen konnte. Da er aber damit nicht zufrieden war, ging er auf alle Hausböden in allen Städten, wo Goethe gelebt hat, stöberte dort herum, suchte auch in allen anderen Kammern. Überall kehrte er den Staub aus allen Ecken hervor, stieß übelriechende Kehrichtfässer um, um alles zu finden, was etwa noch zu finden wäre, um dann eine Dissertation zu schreiben «Über den Zusammenhang der Frostbeulen der Frau Christiane von Goethe mit den mythologisch allegorisch-symbolischen Figuren im zweiten Teil des Faust»! Das ist zwar sehr stark aufgetragen, aber im Geiste paßt es auf die Biographienschreiber der Gegenwart. Die Schreiber, die über Goethe schreiben wollen, riechen in alle möglichen Unrathaufen hinein, um ihre Biographien zu schreiben. Das Wort Diskretion kennen sie heute nicht mehr.

[ 24 ] Anders aber haben diejenigen geschildert, welche den Jesus von Nazareth in ihren Evangelien beschrieben haben. Ihnen verschwand alles an äußeren Ereignissen gegenüber den Etappen, die der Jesus von Nazareth als Eingeweihter durchzumachen hatte. Das beschrieben sie, aber auch ein jeder nach seiner Art, wie er es wußte.

[ 25 ] Matthäus beschreibt es nach der Art der Eingeweihten, die in den Menschen-Geist eingeweiht waren. Diese Einweihung stand der ägyptischen Weisheit nahe. - Und jetzt können wir auch begreifen, wie derjenige, der das Evangelium nach Lukas schrieb, zu seiner eigenartigen Darstellung gekommen ist. Er war ein solcher, der in seinen früheren Inkarnationen Einweihungen erlangt hatte, die zu dem Stier-Geist führten. Er konnte das beschreiben, was einer solchen Einweihung entsprach, er konnte sagen: Diese Etappen mußte ein großer Eingeweihter durchgemacht haben! Und er beschrieb ihn in seiner Färbung. Er war einer derjenigen, die früher hauptsächlich innerhalb der ägyptischen Mysterien gelebt hatten. Daher wundert uns nicht, daß er uns gerade denjenigen Zug anführt, der uns sozusagen den mehr ägyptischen Charakter der Einweihung darstellt. Nehmen wir den Schreiber des LukasEvangeliums einmal nach dem, was wir jetzt von diesem Standpunkte aus gewonnen haben. Er sagte sich: In derjenigen Individualität, die in dem Leibe des Jesus von Nazareth war, lebte ein hoher Eingeweihter. Ich habe kennengelernt, wie man durch die ägyptischen Mysterien zur Stier-Einweihung dringt. Das weiß ich. - Ihm war ja besonders gegenwärtig diese Art von Einweihung. Und nun sagte er sich: Derjenige, welcher ein so hoher Eingeweihter geworden ist wie der Jesus von Nazareth, der ist in seinen früheren Inkarnationen neben allen übrigen Einweihungen auch durchgegangen durch eine ägyptische Einweihung. - Also wir haben in dem Jesus von Nazareth einen Eingeweihten, der durch die ägyptische Einweihung hindurchgegangen ist. Das wußten natürlich auch die übrigen Evangelisten. Ihnen erschien es aber nicht als ein besonders Wichtiges, weil sie die Einweihung von dieser Seite her nicht so genau kannten. Daher fiel ihnen auch nicht ein besonderer Zug bei dem Jesus von Nazareth auf.

[ 26 ] Ich habe schon in den ersten Stunden gesagt: Wenn ein Mensch eine Einweihung früher durchgemacht hat, so geschieht etwas Besonderes mit ihm, wenn er wiedererscheint. Da treten dann ganz bestimmte Ereignisse ein, die sich wie eine Wiederholung dessen in der äußeren Welt ausnehmen, was man früher durchgemacht hat. Nehmen wir an, ein Mensch habe eine Einweihung im alten Irland durchgemacht, dann müßte er jetzt durch ein äußeres Lebensereignis an diese alte irische Einweihung erinnert werden. Das würde sich zum Beispiel dadurch erweisen, daß er durch ein äußeres Ereignis veranlaßt würde, eine Reise nach Irland zu machen. Demjenigen, der die irische Einweihung genauer kennt, wird es auffallen, daß der Betreffende gerade nach Irland reist. Wer sie nicht kennt, der wird es nicht als einen besonderen Zug betrachten.

[ 27 ] Diejenige Individualität, die in dem Jesus von Nazareth lebte, war auch in die ägyptischen Mysterien eingeweiht. Daher auch der Zug nach Ägypten. Wem mußte also diese «Flucht nach Ägypten » besonders auffallen? Dem, der sie aus dem eigenen Leben kannte, und ein solcher schilderte daher auch diesen besonderen Zug, weil er wußte, was das zu bedeuten hat. Sie wird im Matthäus-Evangelium geschildert, weil der Schreiber von seiner eigenen Einweihung wußte, was in alten Zeiten für viele Eingeweihte eine Reise nach Ägypten bedeutet hat. Und wenn Sie jetzt wissen, daß wir es in dem Schreiber des Lukas-Evangeliums mit einem Menschen zu tun haben, der insbesondere die Einweihung kannte aus den ägyptischen Mysterien, die zum Stier-Dienst führten, so werden Sie es nicht unberechtigt finden, wenn eine ältere Tradition den Schreiber des Lukas-Evangeliums mit dem Stier-Symbolum zusammenbringt. Er schildert aus guten Gründen - welche auszuführen hier die Zeit mangelt - keine ägyptische Reise. Aber er gibt solche typische Vorgänge an, deren Wert zu beurteilen vorzugsweise einem der ägyptischen Einweihung Nahestehenden vertraut war. Der Schreiber des Matthäus-Evangeliums gibt die Beziehungen des Jesus von Nazareth mit Ägypten mehr äußerlich durch die Reise nach Ägypten an. Der Schreiber des Lukas-Evangeliums sieht die ganzen Vorgänge, welche er schildert, in dem Geiste an, den eine ägyptische Einweihung gegeben hat.

[ 28 ] Nun betrachten wir einmal den Schreiber des Evangeliums nach Markus. Er läßt alle Vorgeschichte weg, beschreibt insbesondere das Wirken des Christus in dem Leib des Jesus von Nazareth durch drei Jahre. In dieser Beziehung stimmt das Markus-Evangelium mit dem Johannes-Evangelium vollständig überein. Der Schreiber des Markus-Evangeliums ist durch eine Einweihung hindurchgegangen, die sehr ähnlich ist den vorderasiatischen, ja selbst den griechischen Einweihungen, wenn wir so sagen wollen, den europäisch-asiatisch-heidnischen Einweihungen, wie sie damals die modernsten waren. Sie spiegeln sich alle in der äußeren Welt in der Weise ab, daß derjenige, der eine hohe Persönlichkeit ist, der in einer gewissen Weise eingeweiht ist, nicht bloß einem natürlichen, sondern einen übernatürlichen Ereignisse seinen Ursprung verdankt. Denken Sie daran, daß die Plato-Verehrer, die sich Plato in der rechten Weise vorstellen wollten, gar kein besonderes Interesse dafür hatten, wer der leibliche Vater des Plato war. Ihnen überstrahlte die Geistigkeit des Plato alles übrige. Daher sagten sie: Das, was als die Plato-Seele in dem Plato-Leib gelebt hat, dieser Plato wird für uns geboren als eine hohe geistige Wesenheit, die die niedere Menschlichkeit befruchtet. Und sie schrieben daher die Geburt desjenigen Plato, der ihnen wertvoll war, des erweckten Plato, dem Gott Apollo zu. Plato war ihnen ein Sohn des Apollo. Gerade bei diesen Mysterien war es üblich, sich gar nicht besonders um das Vorleben des betreffenden Menschen zu kümmern, sondern den Zeitpunkt ins Auge zu fassen, wo der Betreffende das wurde, was man in den Evangelien so oft erwähnt: ein Götter-Sohn, ein Gottessohn. Plato, ein Gottessohn! So haben ihn diejenigen beschrieben, die seine edelsten Verehrer und seine edelsten Kenner waren.

[ 29 ] Dabei müssen wir uns klar sein, was eine solche Beschreibung für eine Bedeutung hatte für das menschliche Leben solcher Götter-Söhne auf der Erde. Gerade in dem vierten Zeitraum geschah es ja, daß sich die Menschen am meisten einfügten der physisch-sinnlichen Welt, daß sie diese Erde liebgewannen. Die alten Götter waren ihnen lieb, weil sie darstellen konnten, wie gerade die führenden Söhne der Erde GötterSöhne waren. Das, was auf der Erde wandelte, sollte in dieser Weise dargestellt werden.

[ 30 ] Ein solcher war der Schreiber des Markus-Evangeliums. Er beschreibt daher erst das, was nach der Johannes-Taufe sich zugetragen hat. Eine solche Einweihung, wie sie der Schreiber des Markus-Evangeliums durchgemacht hatte, führte zur Erkenntnis der höheren Welt unter dem Bilde des Löwen-Geistes. Daher bringt eine alte Tradition den Schreiber des Markus-Evangeliums mit dem Symbolum des Löwen in Zusammenhang. Und jetzt blicken wir noch einmal zurück auf das, was wir heute schon berührt haben - auf das Johannes-Evangelium.

[ 31 ] Wir haben gesagt: Derjenige, der das Johannes-Evangelium geschrieben hat, ist von dem Christus Jesus selbst initiiert worden. Dadurch konnte er etwas geben, was sozusagen den Keim enthält nicht nur für die gegenwärtige Wirksamkeit des Christus-Impulses, sondern für die Wirksamkeit des Christus-Impulses in die fernste Zeit hinein. Er verkündet etwas, was noch Gültigkeit haben wird in die fernste Zukunft hinein. Er ist einer von den Adler-Eingeweihten, die den normalen Punkt übersprungen hatten. Das Normale für die damalige Zeit gibt der Markus-Schreiber. Was über diese Zeit hinausreicht, was uns zeigt, wie der Christus in der fernsten Zukunft wirkt, was alles das überfliegt, was an der Erde haftet, das finden wir bei Johannes. Daher bringt die Tradition den Johannes zusammen mit dem Symbolum des Adlers.

[ 32 ] So sehen Sie, daß eine solche alte Tradition, welche die Evangelisten mit dem zusammenstellt, was sozusagen das Wesen ihrer eigenen vorhandenen Einweihung ausmachte, durchaus nicht auf eine bloße Phantasie gegründet ist, sondern daß sie herausgeboren ist aus den tiefsten Grundlagen der christlichen Entwickelung. So tief muß man hineinschauen in die Geschehnisse. Dann wird man begreifen, daß die größten, die überragendsten Ereignisse in dem Christus-Leben in derselben Weise geschildert werden, daß aber ein jeder der Evangelisten den Christus Jesus so schildert, wie er ihn begreift nach der Art seiner Einweihung. Angedeutet habe ich das schon in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache», aber so, wie man es für ein noch nicht vorbereitetes Publikum andeuten kann, denn es ist im Anfange unserer geisteswissenschaftlichen Entwickelung geschrieben. Es ist dort Rücksicht genommen worden auf das mangelnde Verständnis unserer Zeit gegenüber den eigentlichen okkulten Tatsachen.

[ 33 ] So begreifen wir, daß der Christus uns von vier Seiten beleuchtet ist: durch einen jeden der Evangelienschreiber von der Seite, die er am besten kannte. Daß der Christus viele Seiten hat, das werden Sie nach dem mächtigen Impuls, den er gegeben hat, wohl glauben. Das aber sagte ich: Eines findet man in allen Evangelien: das Heruntersteigen der Christus-Wesenheit selber aus göttlich-geistigen Höhen bei der Johannes-Taufe, und daß diese Christus-Wesenheit in dem Leib des Jesus von Nazareth wohnte, durch den Tod am Kreuz hindurchgegangen ist und diesen Tod besiegt hat. Wir werden gerade auf dieses Mysterium noch näher einzugehen haben. Fassen wir heute diesen Tod am Kreuz so, daß wir zunächst fragen: Wodurch charakterisiert sich der Tod am Kreuz für diese Christus-Wesenheit? Da müssen wir sagen: Er charakterisiert sich so, daß er ein Ereignis ist, das keinen Unterschied macht zwischen dem Leben vorher und dem Leben nachher. Das ist das Wesentliche des Christus-Todes, daß der Christus durch den Tod kein anderer geworden ist, daß er derselbe bleibt, daß er Einer gewesen ist, der den Tod in seiner Bedeutungslosigkeit darstellt. So daß diejenigen, welche das Wesen des Christus-Todes wissen konnten, sich immer an den lebendigen Christus hielten.

[ 34 ] Was ist denn, von diesem Gesichtspunkt aus gesehen, das Ereignis von Damaskus, wo aus dem, der vorher ein Saulus war, ein Paulus wurde? Paulus wußte aus dem, was er früher gelernt hatte, daß nach und nach heranrückte an die Erde der Geist, der zuerst von Zarathustra als Ahura Mazdao auf der Sonne gesucht wurde, der dann von Moses bereits im brennenden Dornbusch und im Feuer auf Sinai erblickt wurde. Und er wußte auch, daß dieser Geist in einen Menschenleib kommen mußte. Das aber hatte Paulus, da er noch ein Saulus war, nicht begreifen können, daß dieser Mensch, der den Christus in sich tragen sollte, den schmachvollen Tod am Kreuz erleben mußte! Er konnte sich nur denken, daß der Christus, wenn er kommen würde, triumphieren müßte, daß er bleiben müßte in allem, was die Erde hat, nachdem er einmal an die Erde.herangetreten war. Denjenigen, der am Kreuze gehangen hat, den konnte er sich nicht als den Träger des Christus denken. Das ist das Wesentliche in der Paulus-Anschauung, bevor der Saulus ein Paulus wurde. Und der Kreuzestod, der schmachvolle Tod am Kreuz mit allem, was damit zusammenhängt, das ist es, was zunächst den Paulus gehindert hat, anzuerkennen, daß wirklich der Christus schon dagewesen war auf der Erde. Was also mußte eintreten? Es mußte mit dem Paulus etwas geschehen, so daß er in einem gewissen Moment sich überzeugen konnte: Diejenige Individualität, die in dem Leibe des Jesus von Nazareth am Kreuz gehangen hat, war der Christus; der Christus ist dagewesen auf der Erde! Hellsehend wurde Paulus durch das Ereignis von Damaskus. Da konnte er sich überzeugen.

[ 35 ] Wenn man als Hellseher hineinschaute in die geistige Welt, so erschien sie einem nach dem Ereignis von Golgatha verändert. Früher fand man den Christus in den geistigen Welten. Seit dem Ereignis von Golgatha konnte man in der Aura der Erde den Christus finden. Vor dem Ereignis von Golgatha war der Christus dort nicht zu sehen, nachher aber war er in der Erden-Aura zu sehen. Das ist der Unterschied. Und Saulus sagte sich: Bin ich hellsehend, so kann ich mich davon überzeugen, daß in demjenigen, der am Kreuze gehangen und als Jesus von Nazareth gelebt hat, der Christus war, der jetzt in der Erden- Aura ist. -— Und er hat dasselbe in der Erden-Aura gesehen, was Zarathustra zuerst als Ahura Mazdao auf der Sonne gesehen hat. Jetzt wußte er: Der am Kreuze war, der ist auferstanden. Daher konnte er jetzt sagen: Christus ist auferstanden, ist mir erschienen, wie er dem Kephas, den anderen Brüdern und den Fünfhundert auf einmal erschienen ist! Und nun wurde er der Verkündiger des lebendigen Christus, für den der Tod nicht die Bedeutung hat wie für die anderen Menschen.

[ 36 ] Wer über dieses Ereignis Bescheid weiß, der wird, wenn der Kreuzestod, wenn der Tod des Christus gerade in dieser Form bezweifelt wird, einem anderen Schwaben zustimmen, der in seinem « Urchristentum» mit aller möglichen historischen Genauigkeit zusammengestellt hat, was zu dem sichersten Bestande dessen gehört, was wir davon wissen. Gfrörer - er ist es - hat dabei mit Recht gerade den Kreuzestod betont. Und man kann ihm in einer gewissen Weise zustimmen, wenn er in seiner etwas sarkastischen Weise sich so ausdrückt, daß er sagt: Einem jeden, der ihm darin widerspreche, würde er kritisch ins Gesicht sehen und ihn fragen, ob es bei ihm nicht recht richtig unter dem Hute sei!

[ 37 ] Das gehört zum sichersten Bestande des Christentums: dieser Kreuzestod und das, was wir morgen beschreiben werden als die Auferstehung und als die Wirkung der Worte: «Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!» Und das ist es, was die Verkündigung des Paulus ausgemacht hat. Er konnte daher sagen: «Ist Christus nicht auferstanden, so ist eitel unsere Predigt und eitel unser Glaube!» An die Auferstehung des Christus knüpft Paulus das Christentum. Sozusagen erst in unserer Zeit fängt man wiederum an, ein klein wenig über diese Dinge nachzudenken, da, wo man diese Sache nicht zu einer theologischen Streitfrage, sondern zu einer Lebensfrage für das Christentum macht. Der große Philosoph S0Jowjow steht daher im Grunde genommen vollständig auf paulinischem Standpunkt, wenn er betont: Alles im Christentum kommt auf den Auferstehungsgedanken an, und ein Christentum der Zukunft ist unmöglich, wenn der Auferstehungsgedanke nicht geglaubt und nicht erfaßt wird. — Und er wiederholt in seiner Art die Worte des Paulus: Ist der Christus nicht auferstanden, so ist eitel unsere Predigt und eitel unser Glaube. Dann ist der Christus-Impuls unmöglich. Es gäbe kein Christentum ohne den auferstandenen, den lebendigen Christus!

[ 38 ] Es ist charakteristisch, und deshalb darf es betont werden, daß einzelne tiefgründige Geister nur aus ihrer Philosophie heraus, ohne allen Okkultismus, dahin kommen, zu erkennen, wie richtig dieses paulinische Wort ist. Wenn man sich mit solchen Geistern ein wenig befaßt, dann sieht man: Es fängt schon an, in unserer Zeit solche Menschen zu geben, die sich Begriffe bilden von dem, was eine zukünftige menschliche Überzeugung und menschliche Weltanschauung sein muß, was die Geisteswissenschaft eben bringen muß. Aber diejenigen, welche die Geisteswissenschaft nicht haben, bringen es nicht zu mehr als zu einem leeren Begriffsgefäß. So ist es auch bei dem tiefen Denker Solowjow. Wie Begriffsgefäße sind die Systeme seiner Philosophie, und hineingegossen werden muß das, wonach sie schon verlangen, wozu sie schon die Form prägen, was sie aber nicht haben, und was einzig und allein kommen kann aus der anthroposophischen Strömung. Sie wird jenes lebendige Wasser, die Mitteilungen über die Tatsachen der geistigen Welt, das Okkulte, hineingießen in diese Gefäße. Das wird diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung den besten Geistern bringen, die schon heute zeigen, daß sie es brauchen, und deren Tragik darinnen liegt, daß sie es nicht haben bekommen können. Wir können für diese Geister geradezu das Wort gebrauchen: Nach Anthroposophie lechzen sie! Sie haben sie nicht finden können. Durch die anthroposophische Bewegung soll in die von ihnen zubereiteten Gefäße hineinfließen, was über die wichtigsten Ereignisse klare, deutliche, wahre Vorstellungen bilden kann, über solche Ereignisse, wie es das Christus-Ereignis ist und das Mysterium von Golgatha. Darüber kann uns nur die Anthroposophie oder Geistesforschung aufklären mit ihren Enthüllungen über die Gebiete der geistigen Welten. Ja, das Mysterium von Golgatha kann für unsere heutige Zeit nur durch Anthroposophie, durch Geistesforschung begriffen werden!