Das Johannes-Evangelium
im Verhältnis zu den drei anderen Evangelien
besonders zu dem Lukas-EvangeliumGA 112
4 Juli 1909, Kassel
Elfter Vortrag
[ 1 ] Aus den Vorträgen, die in diesem Zyklus bisher gehalten worden sind, wird Ihnen zur Genüge hervorgegangen sein, daß dutch die geisteswissenschaftliche Forschung das Christus-Ereignis als das Allerwesentlichste in der ganzen Menschheitsentwickelung angesehen werden muß, daß wir in dem Christus-Ereignis etwas zu sehen haben, was einen ganz neuen Einschlag für die Gesamterdenentwickelung gebracht hat. So daß wir also sagen mußten: Es ist durch das Mysterium von Golgatha, durch die Tatsache von Palästina und alles, was damit vorher und nachher zusammenhängt, etwas ganz Neues in diese Menschheitsentwickelung eingetreten, und es hätte die Menschheitsentwickelung wesentlich anders verlaufen müssen, wenn das ChristusEreignis nicht eingetreten wäre. Wollen wir das Mysterium von Golgatha verstehen, dann müssen wir in die intimen Einzelheiten der Christus-Entwickelung selber noch einige Blicke werfen.
[ 2 ] Natürlich läßt sich selbst in vierzehn Vorträgen über das, was eine ganze Welt umspannen würde, nicht alles sagen. Das sehen Sie auch schon von dem Schreiber des Johannes-Evangeliums angedeutet: daß noch manches andere zu sagen wäre, aber die Welt würde nicht Bücher genug herstellen können, um alles zu sagen, was zu sagen ist. So werden Sie auch nicht verlangen können, daß in vierzehn Vorträgen alles gesagt werde, was zusammenhängt mit dem Christus-Ereignis und seiner Schilderung durch das Johannes-Evangelium und die anderen, mit ihm verwandten Evangelien.
[ 3 ] Wir haben gestern und vorgestern gesehen, wie durch das Wohnen ‚des Christus-Geistes, der Christus-Individualität in der dreifachen Hülle des Jesus von Nazareth allmählich dasjenige hat bewirkt werden können, was unsim Johannes-Evangelium geschildert wird bis einschließlich zu dem Kapitel über die Auferweckung des Lazarus. So haben wir gesehen, daß der Christus nach und nach sich heranzubilden hatte die dreifache Leiblichkeit, den physischen Leib, den Ätherleib und astralischen Leib, die ihm hingeopfert worden waren durch den großen Eingeweihten Jesus von Nazareth. Wir werden aber nur verstehen können, was eigentlich der Christus in der dreifachen Hülle des Jesus von Nazareth bewirkt hat, wenn wir uns zuerst einmal vor die Seele führen, wie überhaupt der Zusammenhang ist im Menschen zwischen den einzelnen Gliedern seiner Wesenheit.
[ 4 ] Wir haben ja bisher nur in großen Zügen angedeutet, daß im tagwachenden Zustand der Mensch sich so zeigt für das hellseherische Bewußtsein, daß physischer Leib, Äther- oder Lebensleib, astralischer Leib und Ich sich gegenseitig durchdringen, ein sich durchdringendes Ganzes bilden, daß in der Nacht im Bette liegenbleiben der physische Leib und der Ätherleib, und daß herausgehoben sind der astralische Leib und das Ich. Nun werden wir uns heute, um das Mysterium von Golgatha genauer beschreiben zu können, fragen müssen: Welches ist denn die genauere Durchdringung der vier Glieder des menschlichen Wesens beim tagwachenden Zustand? Das heißt, wie dringen denn das Ich und der astralische Leib in den Ätherleib und den physischen Leib eigentlich am Morgen beim Aufwachen in den Menschen ein? Es wird am besten sein, wenn ich Ihnen das klarmache durch eine schematische Zeichnung.
[ 5 ] Nehmen wir einmal an, schematisch gezeichnet, wir hätten hier an dieser Zeichnung unten den physischen Leib des Menschen, und wir hätten oben darüber den Ätherleib des Menschen. Am Morgen, wenn aus der geistigen Welt heraus der astralische Leib und das Ich eindringen in diesen physischen Leib und Ätherleib, so geschieht das so, daß im wesentlichen - ich bitte auf dieses Wort Wert zu legen! — der astralische Leib eindringt in den Ätherleib und das Ich eindringt in den physischen Leib. So daß hier auf der Zeichnung die horizontalen Linien bedeuten astralischen Leib und Ätherleib, und die vertikalen Linien bedeuten Ich und physischen Leib.
[ 6 ] Ich sagte «im wesentlichen», weil sich natürlich im Menschen alles durchdringt, so daß man auch sagen kann: Das Ich ist auch im Ätherleibe und so weiter. Wie es hier gemeint ist, ist es mittelbar der Fall, im wesentlichen. Wenn wir die stärkste Durchdringung nehmen, so gilt das, was ich Ihnen hier schematisch gezeichnet habe.
[ 7 ] Nunmehr fragen wir uns: Was ist denn eigentlich geschehen bei der Johannes-Taufe? Bei der Johannes-Taufe, haben wir gesagt, drang das Ich des Jesus von Nazareth aus dem physischen Leib, Ätherleib und astralischen Leib heraus und ließ diese dreifache Hülle für die Christus-Wesenheit zurück. So daß wir uns schematisch zeichnen dürfen dasjenige, was dann vorhanden war von dem Jesus von Nazareth, als den physischen Leib, den Ätherleib, den astralischen Leib. Das Ich hat den physischen Leib verlassen. Statt dieses Ich des Jesus von Nazareth zog ein in diese dreifache Hülle — also wiederum im wesentlichen, und zwar hauptsächlich in den physischen Leib — das Christus-Wesen. Damit haben wir allerdings den Rand eines tiefen Geheimnisses berührt. Denn wenn wir jetzt in Betracht ziehen, was da eigentlich geschah, so müssen wir sagen: Was da geschah, berührt alle diese großen menschheitlichen Verhältnisse, die wir in den letzten Tagen angedeutet haben.
[ 8 ] Ich habe Ihnen angedeutet in den letzten Tagen, daß alles, was im Menschen generell ist, was sozusagen im Menschen das Gleichmachende innerhalb einer gewissen Gruppe ist, in dem weiblichen Element der Vererbung liegt. Ich habe Ihnen gesagt, daß durch die Frau im Laufe der Generationen dasjenige fortgepflanzt wird, was, wenn wir auf das Äußerliche blicken, innerhalb eines Volkes ein Gesicht dem andern ähnlich machen würde. Durch das männliche Element wird von Generation zu Generation fortgepflanzt, was den einen Menschen von dem anderen Menschen unterscheidet, was ihn zu einer individuellen Wesenheit hier auf der Erde macht, was sein Ich auf einen eigenen Boden stellt. Diejenigen Geister, die mit der geistigen Welt in Berührung stehen, die haben das immer in der richtigen Weise gefühlt. Und der Mensch lernt das, was große Menschen gesagt haben, die ein Verhältnis zur geistigen Welt hatten, erst recht kennen und würdigen, wenn er in diese Tiefen der Weltentatsachen eindringt.
[ 9 ] Sehen wir uns noch einmal die erste schematische Figur an. Der Mensch sagt sich: In mir lebt ein Ätherleib, und in diesem Ätherleib ist der astralische Leib. Der astralische Leib ist der Träger der Vorstellungen, der Ideen, Gedanken, der Empfindungen, Gefühle; er lebt im Ätherleib. Nun haben wir aber gesehen, daß der Ätherleib dasjenige ist, was erst den physischen Leib sozusagen in dem vollsten Maße bearbeitet, was die Kräfte enthält, die den physischen Leib gestalten. Wir müssen also sagen: In diesem Ätherleib, wenn er vom astralischen Leib durchdrungen wird, liegt alles das, was den Menschen zum Menschen gestaltet, was ihm eine bestimmte Gestalt sozusagen von innen heraus, von den geistigen Teilen heraus aufdrückt. Das, was den Menschen dem anderen Menschen gleichmacht, das hat er also von dem, was in seinem Innern wirkt, was nicht bloßes Äußerliches ist, was also nicht am physischen Leibe hängt, sondern was am Ätherleib und am astralischen Leib hängt. Denn das sind die innerlichen Glieder. Deshalb wird der Mensch, der in solche Dinge hineinschaut, fühlen, daß er das, was seinen Ätherleib und astralischen Leib durchsetzt, von dem mütterlichen Element hat. Von dem aber, was seinem physischen Leib diese bestimmte Form gibt, die ihm durch das Ich aufgedrückt wird, durch das Ich im physischen Leibe, von dem muß sich der Mensch sagen, daß es väterliches Erbteil ist.
«Vom Vater hab’ ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren»,
[ 10 ] sagt Goethe. Und Sie sehen, das ist eine Interpretation dessen, was ich Ihnen als eine schematische Figur hingezeichnet habe. «Vom Vater hab’ ich die Statur», das heißt dasjenige, was vom Ich sich herausarbeitet; vom Mütterchen die Vorstellungen, die Gabe des Fabulierens — das liegt im Ätherleib und astralischen Leib. Sprüche von großen Geistern sind lange noch nicht begriffen, wenn man sie durch triviale Menschheitsvorstellungen begriffen zu haben glaubt.
[ 11 ] Jetzt aber müssen wir das, was wir uns so veranschaulicht haben, anwenden auf das Christus-Ereignis. Wir müssen einmal von diesem Gesichtspunkte aus die Frage aufwerfen: Was wäre mit der Menschheit geschehen, wenn das Christus-Ereignis nicht eingetreten wäre?
[ 12 ] Wenn das Christus-Ereignis nicht eingetreten wäre, dann hätte der Gang der Menschheitsentwickelung so fortgedauert, wie wir ihn haben beginnen sehen mit der nachatlantischen Zeit. Wir haben geschen, daß in den uralten Zeiten auf dem Grunde der menschlichen Kultur jene Liebe gewaltet hat, die eng an das Band der Stammesverwandtschaft, der Blutsverwandtschaft sich anschloß. Es liebte sich, was blutsverwandt war. Und wir haben gesehen, wie im Fortgange der Menschheit dieses Band des Blutes immer mehr und mehr zerrissen wurde. Nun gehen Sie einmal herauf von den ältesten Zeiten der Menschheitsentwickelung bis in die Zeit, da der Christus Jesus auftrat.
[ 13 ] Während von denältesten Zeiten an überall innerhalb desselben Stammes die Verbindung geschlossen wurde, werden Sie finden, wie zur Zeit der Römerherrschaft - und das ist die Zeit, in welcher das Christus-Ereignis geschah -, die nahe Ehe immer mehr und mehr durchbrochen wurde, wie da die verschiedensten Völker gerade durch die Römerzüge durcheinandergewürfelt wurden, wie da im ausgesprochensten Maße an die Stelle der nahen Ehe die ferne Ehe treten mußte. Die Blutsbande mußten in der Menschheitsentwickelung immer mehr und mehr zerreißen, weil die Menschen dazu bestimmt waren, auf das eigene Ich sich zu stellen.
[ 14 ] Nehmen wir an, es wäre nicht der Christus gekommen, um neue Kraft einzugießen, um eine neue, geistige Liebe an die Stelle der alten Blutsliebe zu setzen. Was würde dann geschehen sein? Dann würde das, was die Menschen zusammenbringt, die Liebe, mehr und mehr auf dem Erdkreis geschwunden sein; erstorben wäre in der Menschennatur, was die Menschen eint in Liebe. Ohne den Christus wäre das Menschengeschlecht dahin gekommen, allmählich die Liebe unter sich ersterben zu sehen. Die Menschen würden in die einzelne Individualität hineingetrieben werden. Wenn man nur mit der äußerlichen Wissenschaft die Dinge betrachtet, sieht man natürlich nicht, daß dem tiefe Wahrheiten zugrunde liegen. Wenn Sie — nicht mit chemischen Mitteln, sondern mit den Mitteln, die der Geistesforschung zur Verfügung stehen - untersuchen würden das Blut der Menschen von heute und der Menschen einige Jahrtausende vor der Erscheinung des Christus, da würden Sie finden, daß dieses Blut sich geändert hat, daß es einen Charakter angenommen hat, der es immer weniger zum Träger der Liebe macht.
[ 15 ] Wie mußte sich also einem Einsichtigen der alten Zeit, der tief hineinschauen konnte in den Gang der Menschheitsentwickelung, der prophetisch zu sagen wußte, wie alles kommen müßte, wenn nur die eine von alters her sich entwickelnde Richtung ohne das Christus-Ereignis fortbestanden hätte, wie mußte sich einem solchen Fingeweihten der Gang der zukünftigen Entwickelung darstellen? Was mußte er für Bilder vor die Menschenseele hinmalen, wenn er andeuten wollte, was in der Zukunft geschehen würde, wenn nicht in demselben Maße, in dem sich die Blutsliebe verliert, die seelische Liebe, die Christus-Liebe an diese Stelle treten würde? Er mußte sagen: Wenn die Menschen immer mehr und mehr voneinander isoliert werden, ein jeder sich immer mehr in seinem eigenen Ich verhärtet, wenn die Trennungslinien, die Seele von Seele scheiden, immer stärker werden, so daß sich Seele und Seele immer weniger verstehen kann, dann werden die Menschen in der äußeren Welt immer mehr zu Streit und Hader kommen, der Streit aller gegen alle auf der Erde wird an die Stelle der Liebe treten. Das wäre das Ergebnis gewesen, wenn die Entwickelung des Menschenblutes stattgefunden hätte ohne das Christus-Ereignis. Rettungslos wären alle Menschen ausgesetzt gewesen dem Streit aller gegen alle, der ja auch so kommen wird, aber nur für diejenigen, welche sich nicht in der richtigen Weise mit dem Christus-Prinzip durchdrungen haben. So sah ein solcher prophetisch Schauender ein Ende der Erdenentwickelung, das seine Seele mit Schrecken erfüllen konnte. Er sah: Weil Seele nicht mehr Seele verstehen kann, so muß Seele gegen Seele wüten!
[ 16 ] Ich habe Ihnen in den letzten Tagen gesagt, daß nur nach und nach die Menschen durch das Christus-Prinzip zusammengeführt werden können. Ich habe Ihnen an einem Beispiel gezeigt, wie zwei edle Geister sich in ihren Meinungen so gegenüberstehen, daß der eine glaubt, den richtigen Christus zu verkünden, Tolstoi, und daß der andere glaubt, den richtigen Christus zu verkünden, Solowjow, und daß der eine dabei den anderen als den Antichrist ansieht. Denn Solowjow sieht Tolstoi als den Antichrist an. Was zunächst zwischen Seele und Seele in den Meinungen hadert, das würde sich nach und nach ausdrücken in der äußeren Welt, das heißt, Mensch gegen Mensch würde wüten. So fordert es die Entwickelung des Blutes.
[ 17 ] Werfen Sie nicht ein, daß wir ja trotz des Christus-Ereignisses heute noch Streit und Hader sehen, daß wir weit entfernt sind von irgendwelcher Verwirklichung der christlichen Liebe. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß wir erst am Anfang der christlichen Entwickelung stehen. Es wurde der große Impuls gegeben, daß sich im weiteren Verlauf der Erdenentwickelung der Christus einleben wird in die Menschenseelen und sie geistig zusammenführen wird. Was heute noch vorhanden ist an Streit und Hader, und was auch noch zu größeren Exzessen führen wird, das rührt davon her, daß eben die Menschheit sich noch im allergeringsten Maße mit dem wirklichen Christus-Prinzip durchdrungen hat. Es herrscht weiter, was von alters her in der Menschheit vorhanden war. Das kann erst langsam und allmählich überwunden werden. Wir sehen eben langsam und allmählich den Christus-Impuls in die Menschheit einfließen.
[ 18 ] Das also hätte derjenige vorausgesehen, der in der vorchristlichen Zeit hellseherisch durchschaut hätte den Gang der Menschheitsentwickelung. Er hätte sagen können: Ich habe empfangen letzte Reste der alten Hellseherkraft. Ihr Menschen hattet einst die Möglichkeit in uralten Zeiten, hineinzuschauen in die geistige Welt in dumpfem, dämmerhaftem Hellsehen. Das ist nach und nach geschwunden. Es gibt aber noch, wie Erbstücke aus jenen alten Zeiten, die Möglichkeit, in abnormen Geisteszuständen, in traumähnlichen Zuständen hineinzuschauen in die geistige Welt. Da kann der Mensch noch etwas sehen von dem, was hinter der äußeren Oberfläche der Dinge liegt. — Alle alten Sagen und Märchen und Mythen, die wahrhaftig tiefere Weisheit enthalten als die moderne Wissenschaft, sie erzählen davon, in welch hohem Maße einst die Gabe vorhanden war, in besondere Zustände zu kommen. Man nenne es einen Traum, aber in diesem Traum kündigten sich Ereignisse an. Aber nicht so, daß der Mensch in genügendem Maße durch die alte Weisheit behütet sein würde vor dem Streit aller gegen alle. Das verneinte der alte Weise, und er verneinte es in der denkbar stärksten Weise. Er sagte: Wir haben eine uralte Weisheit erhalten. Damals, in der atlantischen Zeit, haben sie die Menschen wahrgenommen in abnormen Zuständen. Auch jetzt noch können einzelne Menschen sie wahrnehmen, wenn sie in abnorme Zustände versetzt werden. Da kündigt sich an, was in der nächsten Zukunft geschehen wird. — Aber was sich da im Traume ankündigte, das gab den Leuten keine Sicherheit; das war trügerisch und wird immer mehr und mehr trügerisch werden. So lehrte der Lehrer der vorchristlichen Zeit, und so stellte er es hin vor das Volk.
[ 19 ] Darum ist es von Wichtigkeit, daß, wenn man die ganze Schärfe und Stärke des Christus-Impulses einsieht, man zu der Erkenntnis einer großen Wahrheit gelangt. Man muß einsehen: Draußen würde ohne den Christus-Impuls durch die Isolierung und Absonderung der Menschen, durch die Gegeneinanderstellung der Menschen etwas herbeigeführt werden wie ein Kampf ums Dasein — was heute dem Menschen auch aufdisputiert wird von einer materialistisch-darwinistischen Theorie —, ein Kampf ums Dasein, wie er in der Tierheit waltet, wie er aber in der Menschenwelt nicht walten sollte. Man könnte grotesk sprechen und sagen: Am Ende der Erdentage wird einmal die Erde das Bild bieten, das gewisse Materialisten im Sinne einer darwinistischen Theorie hinzeichnen von der Menschheit, indem sie es von der Tierwelt entnehmen! Heute aber ist diese Theorie, auf die Menschheit angewendet, falsch. Sie ist richtig für die 'Tierheit, aus dem Grunde, weil eben in der Tierheit kein solcher Impuls waltet, der den Streit in Liebe verwandelt. Christus wird durch die Tat, als geistige Kraft in der Menschheit, widerlegen allen materialistischen Darwinismus!
[ 20 ] Damit man aber das einsieht, muß man sich klar machen, daß die Menschen nur dadurch in der sinnlichen Außenwelt davon abkommen können, äußerlich gegeneinander zu stehen durch ihre verschiedenen Meinungen, Gefühle und Taten, wenn sie in sich das bekämpfen, in sich das ausmachen, was sonst in die Außenwelt ausströmen würde. Derjenige wird nicht die andere Meinung in der anderen Seele bekämpfen, der zunächst einmal das, was in ihm zu bekämpfen ist, bekämpft, der in sich die Harmonie herstellt zwischen den verschiedenen Gliedern seiner Wesenheit. Er wird der Außenwelt so gegenübertreten, daß er nicht ein Streitender, sondern ein Liebender ist. Um die Ableitung des Streites von außen in das Innere des Menschen, darum handelt es sich. Die Kräfte, die in der Menschennatur walten, müssen sich innerlich bekämpfen. Zwei sich entgegenstehende Meinungen müssen wir in der Weise ansehen, daß wir sagen: So ist die eine Meinung, man kann sie haben. So ist die andere Meinung, man kann sie haben. Aber wenn ich nur die eine Meinung als berechtigt anerkenne, wenn ich nur das, was ich will, als berechtigt ansehe, und die andere Meinung bekämpfe, so komme ich auf dem physischen Plan in Streit. Nur meine Meinung festigen, heißt egoistisch sein. Meine Handlung als die einzig berechtigte ansehen, heißt egoistisch sein.
[ 21 ] Nehmen wir an, ich nehme die Meinung des anderen in mich auf, suche in mir selber Harmonie herzustellen, so werde ich in ganz anderer Weise zu dem anderen stehen. Dann werde ich anfangen, ihn erst zu verstehen. Ableitung des Streites in der Außenwelt in eine Harmonisierung der inneren Kräfte des Menschen, so könnten wir auch ausdrücken den Fortgang in der Menschheitsentwickelung. Durch den Christus mußte dem Menschen die Möglichkeit gegeben werden, in sich harmonisch zu werden, in sich die Möglichkeit zu finden, die widerstrebenden Kräfte in seinem eigenen Innern zu harmonisieren. Der Christus gibt dem Menschen die Kraft, zuerst in sich selbst den Streit zu tilgen. Ohne den Christus ist das nimmermehr möglich. Und die alten, die vorchristlichen Menschen haben in bezug auf den äußeren Streit mit Recht eines als das Furchtbarste angesehen: den Streit des Kindes gegen Vater und Mutter. Und als das schrecklichste und scheußlichste Verbrechen wurde in den Zeiten, in denen man gewußt hat, wie sich die Dinge entwickeln würden ohne den Christus-Impuls, der Vatermord angesehen. Das haben sie klar zu erkennen gegeben, jene alten Weisen, die voraussahen, daß der Christus kommen werde. Aber auch das wußten sie, wozu es in der Außenwelt führen müsse, wenn der Kampf nicht zuerst im eigenen Innern vollzogen würde.
[ 22 ] Schauen wir in das eigene Innere. Wir haben gesehen, daß im Innern des Menschen da, wo sich Ätherleib und astralischer Leib durchdringen, die Mutter waltet, daß da, wo in dem physischen Leib das Ich ist, der Vater zum Ausdruck kommt. Das heißt: In unserem Generellen, in dem Gattungsgemäßen, in dem, was unser inneres Weisheitsleben und Vorstellungsleben ist, da waltet die Mutter, da waltet das weibliche Element; in dem, was durch die Vereinigung von Ich und physischem Leib entsteht, in der äußerlich differenzierten Gestalt, in dem, was den Menschen zum «Ich» macht, da waltet der Vater, das männliche Element. Was also mußten die alten Weisen, die in diesem Sinne dachten, vor allen Dingen von den Menschen verlangen? Sie mußten verlangen, daß der Mensch in sich selber zur Klarheit kommt über das Verhältnis vom physischen Leib und Ich zum Ätherleib und astralischen Leib, daß er in sich zur Klarheit kommt über das in ihm waltende Mütterliche und Väterliche. Dadurch, daß der Mensch in sich hat Ätherleib und astralischen Leib, hat er in sich das Mütterliche. Er hat sozusagen außer der äußeren Mutter, die auf dem physischen Plan steht, in sich das mütterliche Element, die Mutter. Und er hat außer dem Vater, der auf dem physischen Plan steht, in sich das väterliche Element, den Vater. Vater in sich und Mutter in sich in das richtige Verhältnis zu bringen, das mußte als ein Ideal erscheinen, als ein groBes Ideal. Geschieht es nicht, daß der Mensch Vater und Mutter in sich zur Harmonisierung bringt, so muß sich die Disharmonie zwischen dem väterlichen und dem mütterlichen Element fortpflanzen von dem Menschen auf den physischen Plan hinaus und draußen Verheerungen anrichten. Also sagte der alte Weise: Der Mensch hat die Aufgabe, in sich eine Harmonie herzustellen zwischen dem väterlichen und dem mütterlichen Element. Gelingt das nicht, so tritt das in die Welt heraus, was uns als das Furchtbarste erscheinen muß.
[ 23 ] Wie stellten die alten Weisen das, was wir jetzt eben sozusagen in anthroposophischen Worten ausgesprochen haben, vor die Menschen hin? Sie sagten: Wir haben in uralten Zeiten eine uralte Weisheit geerbt. In diese kann der Mensch heute noch in abnormen Zuständen versetzt werden. Aber die Möglichkeit, in diesen Zustand zu kommen, wird immer schwächer, und selbst die alte Einweihung kann den Menschen nicht hinübertragen über einen gewissen Punkt der Menschheitsentwickelung. — Betrachten wir noch einmal diese alte Einweihung, wie wir sie in den letzten Tagen geschildert haben. Was geschah denn bei einer solchen Initiation?
[ 24 ] Bei einer solchen Initiation wurde aus diesem Gefüge von physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib und Ich herausgehoben der Ätherleib und der astralische Leib, aber das Ich blieb zurück. Daher konnte der Mensch auch während der dreieinhalb Tage in der Initiation kein Selbstbewußtsein haben. Es war das Selbstbewußtsein ausgelöscht. Der Mensch bekam ein Bewußtsein aus der höheren geistigen Welt, das ihm durch den Priester-Initiator eingeflößt war, der ihn ganz führte; der stellte ihm sein Ich zur Verfügung. Was geschah dadurch eigentlich? Es geschah etwas, was man durch eine Formel ausdrückte, die Ihnen sonderbar erscheinen wird. Aber wenn Sie diese Formel begreifen, dann wird sie Ihnen nicht mehr sonderbar erscheinen. Man drückte das so aus: Wenn ein Mensch im alten Sinne eingeweiht wurde, dann trat heraus das mütterliche Element, und das väterliche Element blieb zurück. Das heißt, der Mensch tötete in sich das väterliche Element — und vereinigte sich mit seiner Mutter in sich -, mit anderen Worten: Er tötete den Vater in sich und heiratete seine Mutter. Wenn der alte Eingeweihte also in dem dreieinhalbtägigen lethargischen Zustand lag, dann hatte er sich mit der Mutter vereinigt und den Vater in sich getötet. Vaterlos war er geworden. Das mußte auch sein, denn er mußte seine Individualität aufgeben, er mußte in einer höheren geistigen Welt leben. Er wurde eins mit seinem Volke. Aber was in seinem Volke lebte, das war ja gerade in dem mütterlichen Element gegeben. Er wurde eins mit seinem ganzen Volksorganismus. Er wurde das, was Nathanael war, und was immer benannt wurde mit dem Namen des betreffenden Volkes, bei den Juden ein «Israeliter », bei den Persern ein «Perser».
[ 25 ] In der Welt kann immer nur die Weisheit sein, die aus den Mysterien herausfließt, keine andere. Diejenigen, welche in den Mysterien das Entsprechende lernen, werden die Boten für die äußere Welt, und die äußere Welt lernt das, was in den Mysterien geschaut wird. Das _ aber wurde gelernt im Sinne der alten Weisheit, was man sich dadurch eroberte, daß man sich mit seiner Mutter in sich vereinigte und den Vater in sich tötete. Aber diese Erb-Weisheit kann den Menschen nicht über einen gewissen Punkt der Entwickelung hinausbringen. An Stelle dieser alten Weisheit mußte etwas anderes, etwas ganz Neues treten. Würde die Menschheit nur immer diese alte Weisheit empfangen, die so gewonnen wurde, dann würde die Menschheit, wie wir schon sagten, hineingetrieben werden in den Streit aller gegen alle. Es würde Meinung gegen Meinung, Gefühl gegen Gefühl, Wille gegen Wille sich auflehnen; und es müßte zu dem schauerlich-grausigen Zukunftsbild kommen, daß der Mensch sich vereinigt mit der Mutter und den Vater tötet. Das aber haben die alten Eingeweihten, die zwar die Einweihung hatten, aber den Christus erwarteten, in bedeutsamen Bildern hingemalt, in großen gewaltigen Bildern hingemalt. Und den Abdruck dieser Anschauung der alten vorchristlichen Weisen haben Sie in den Sagen und Mythen aufbewahrt. Wir brauchen nur an den Namen Oedipus zu erinnern; da können wir anknüpfen an etwas, worin die alten Weisen zum Ausdruck brachten, was sie nach dieser Richtung hin zu sagen hatten. So lautet jene alte griechische Sage, welche die griechischen Tragiker in so großer, gewaltiger Weise darstellen:
[ 26 ] Es war ein König in Theben. Laios war sein Name. Iokaste war seine Gattin. Lange hatten sie beide keine Nachkommen. Da fragte Laios an bei dem Orakel zu Delphi, ob er nicht einen Sohn bekommen könne. Und das Orakel gab ihm die Antwort: Wenn du einen Sohn haben willst, so wird es ein solcher sein, der dich selber töten wird! — Und im Rausche, das heißt im herabgeminderten Bewußtseinszustand, da vollführte Laios das, wodurch er zu einem Sohne kam. Oedipus wurde geboren. Laios wußte: Das wird der Sohn sein, der ihn selber tötet, und er beschloß, ihn auszusetzen. Und damit er ganz zugrunde gehe, ließ er ihm die Füße durchbohren; dann wurde er ausgesetzt. Ein Hirt fand das Kind und erbarmte sich seiner. Er brachte es nach Korinth, und dort wurde Oedipus in dem Königshause aufgezogen. Als er herangewachsen war, erfuhr er das Orakel: daß er seinen Vater töten und sich mit seiner Mutter vereinigen würde. Aber es konnte nicht verhindert werden. Fortwandern sollte er aus dem Orte, wo er war, weil man ihn dort für das Königskind hielt. Da traf er auf seinem Wege gerade seinen wirklichen Vater, und ohne ihn zu kennen, tötete er ihn. Er kam nach TTheben. Und weil er die Fragen der Sphinx beantwortete, weil er das Rätsel des grausigen Ungeheuers löste, das so vielen den Tod gebracht hatte, mußte die Sphinx sich töten. Daher war er zunächst ein Wohltäter seines Vaterlandes. Er wurde zum König erhoben und erhielt die Hand der Königin, und das war die Hand seiner Mutter. Ohne daß er es wußte, hatte er seinen Vater getötet und sich mit seiner Mutter verbunden. Jetzt herrschte er als König. Aber dadurch, daß er auf diese Weise zu seiner Herrschaft gekommen war, daß dieses Furchtbare an ihm haftete, dadurch brachte er unsägliches Unglück über sein Land, so daß er uns zuletzt in dem sophokleischen Drama als der Geblendete, der sich selbst das Augenlicht genommen hat, entgegentritt.
[ 27 ] Das ist ein Bild, hervorgegangen aus den alten Weisheitsstätten. Und gesagt werden sollte damit, daß Oedipus in gewisser Beziehung im alten Sinne noch in Zusammenhang kommen konnte mit der geistigen Welt. Wie war er in Zusammenhang gekommen mit der geistigen Welt? Sein Vater hatte bei dem Orakel angefragt. Diese Orakel waren die letzten Erbstücke des alten Hellsehertums. Aber diese letzten Erbstücke reichten nicht aus, um in der äußeren Welt Frieden zu stiften. Sie konnten dem Menschen nicht geben, was errungen werden sollte: Harmonie zwischen dem mütterlichen und dem väterlichen Element.
[ 28 ] Daß mit Oedipus gemeint ist ein solcher, der einfach durch Vererbung zu einer gewissen hellseherischen Anschauung im alten Sinne gekommen ist, das wird uns dadurch angedeutet, daß er das Rätsel der Sphinx löste, das heißt, er erkannte die Menschennatur so weit, als die letzten Reste der alten Urweisheit solche Erkenntnis geben konnten. Sie konnte nimmermehr dazu führen, hintanzuhalten in der Menschheit das Wüten gegeneinander, das, was im Vatermord und in der Vereinigung mit der Mutter hingestellt wurde. Oedipus, trotzdem er im Zusammenhange stand mit der alten Urweisheit, kann nicht durch diese alte Urweisheit die Zusammenhänge durchschauen. Sie macht nicht mehr sehend, diese alte Weisheit. Das wollten die alten Weisen hinstellen. Hätte sie sehend gemacht im alten Blut-Sinne, so hätte das Blut gesprochen, da Oedipus dem Vater gegenüberstand, und es hätte gesprochen, als er der Mutter gegenübergetreten war. Es sprach nicht mehr das Blut! - So wird uns die Zersetzung der alten Urweisheit anschaulich dargestellt.
[ 29 ] Was mußte geschehen, damit es ein für allemal möglich ist, in sich den harmonischen Ausgleich zu finden zwischen dem Mütterlichen und dem Väterlichen, zwischen dem eigenen Ich, das das Väterliche hat, und zwischen dem Mütterlichen? Der Christus-Impuls mußte kommen! Und nun blicken wir von einer noch anderen Seite her in gewisse Tiefen der Hochzeit zu Kana in Gaaliläa.
[ 30 ] Es heißt da: «Die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger wurden auch auf die Hochzeit geladen.» Jesus — besser der Christus — sollte für die Menschen hinstellen das große Vorbild eines Wesens, das in sich selber die Einigung gefunden hat zwischen sich, zwischen dem Ich und zwischen dem mütterlichen Prinzip. Er wies auf der Hochzeit zu Kana in Galiläa gegenüber seiner Mutter darauf hin: «Es geht etwas von mir zu dir.» Das war ein neues Von-mir-zu-dir-Gehen. Das war nicht mehr im alten Sinne, das bedeutete eine Erneuerung des ganzen Verhältnisses. Das war ein für allemal das große Ideal des Ausgleiches in sich selber, ohne erst den Vater zu töten, das heißt, ohne erst aus dem physischen Leibe herauszugehen, den Ausgleich zu finden mit dem mütterlichen Prinzip im Ich. Jetzt war die Zeit gekommen, wo der Mensch in sich selber die zu große Kraft des Egoismus, des Ich-Prinzips, bekämpfen lernt, wo er lernt, es in das richtige Verhältnis zu bringen mit dem, was im Ätherleib und im astralischen Leib als das mütterliche Prinzip waltet. Daher sollte uns ein schönes Abbild dieses Verhältnisses des eigenen Ich, das das väterliche Prinzip ist, zu dem mütterlichen Prinzip hingestellt werden in der Hochzeit zu Kana als die innere Harmonie, als die Liebe, die da waltet in der Außenwelt zwischen dem Christus Jesus und seiner Mutter. Das sollte ein Abbild sein des harmonischen Ausgleiches zwischen dem Ich und dem mütterlichen Element in sich selber. Das war früher nicht da, das kam erst durch die Tat des Christus Jesus. Da es aber durch die Tat des Christus gekommen war, so kam damit die einzig mögliche Widerlegung die Widerlegung durch die Tat — alles dessen, was hätte kommen müssen unter dem Einfluß jener alten Weisheitserbstücke, die dazu geführt hätten, den Vater zu töten und sich mit der Mutter zu vereinigen. Was also wird bekämpft durch das Christus-Prinzip?
[ 31 ] Wenn der alte Weise, der den Christus anschaute, nun das Alte und das Neue gegeneinander hielt, so konnte er sagen: Wenn im alten Sinne die Vereinigung mit der Mutter gesucht wird, dann kann nimmermehr über die Menschheit Gutes kommen. Wenn aber im neuen Sinne, wie das gezeigt wird durch die Hochzeit zu Kana, die Vereinigung mit der Mutter gesucht wird, wenn der Mensch sich so mit dem in ihm lebenden astralischen Leib und Ätherleib vereinigt, dann kommt Heil und Frieden und Brüderlichkeit im Laufe der Zeit immer mehr und mehr unter die Menschen, und bekämpft wird dadurch das alte Prinzip des Tötens des Vaters und des Sich-Vereinigens mit der Mutter. — Was also war eigentlich das feindliche Element, das der Christus hinwegzubringen hatte? Nicht die alte Weisheit war es, sie brauchte nicht bekämpft zu werden. Sie verlor ihre Kraft, sie versiegte nach und nach von selber. Und wir sehen, wie diejenigen, die sich ihr anvertrauen, wie Oedipus, gerade durch sie in die Disharmonie verfallen. Aber das Unheil würde nicht von selber versiegen, wenn man sich abwenden wollte von der neuen Weisheit, das heißt von der Art und Weise, wie der Christus-Impuls wirkt, wenn man starr bleiben würde bei dem alten Prinzip. Das wurde empfunden als der größte Fortschritt, daß man nicht bei dem alten Prinzip bleibt, daß man nicht starr festhält an der alten Linie, sondern daß man erkennt, was durch den Christus in die Welt gekommen ist. Ist uns auch das angedeutet? Ja! Sagen und Mythen enthalten die tiefste Weisheit. Es gibt eine Sage - sie steht zwar nicht im Evangelium, aber sie ist darum nicht minder eine christliche Sage und auch eine christliche Wahrheit -, und sie lautet also:
[ 32 ] Es lebte ein Ehepaar. Dieses Ehepaar hatte lange keinen Sohn. Da wurde der Mutter im Traum - achten Sie wohl darauf! — offenbart, daß sie einen Sohn erhalten würde, daß dieser Sohn aber erst den Vater töten, sich dann mit der Mutter vereinigen würde und entsetzliches Unheil über seinen ganzen Stamm bringen würde.
[ 33 ] Wiederum haben Sie einen Traum, wie bei Oedipus das Orakel, das heißt, wir haben hier ein Erbstück uralten Hellsehens. Der Mutter wurde auf die alte Weise geoffenbart, was geschehen würde. Langt es hin, um zu durchschauen die Verhältnisse der Welt, um das Unheil zu verhindern, was ihr offenbart wurde? Fragen wir die Sage. Die Sage belehrt uns weiter:
[ 34 ] Unter dem Eindrucke dieser Weisheit, die ihr aus dem Traum zufloß, brachte die Mutter das Kind, das sie geboren hatte, auf die Insel Kariot. Dort wurde es ausgesetzt, aber von einer benachbarten Königin gefunden. Die nahm das Kind auf und erzog es selber, weil das Ehepaar kinderlos war. In späterer Zeit bekam dann dieses Ehepaar ein eigenes Kind, und da fühlte sich der aufgelesene Findling bald beeinträchtigt, und infolge seines leidenschaftlichen Temperamentes tötete er den Sohn des Königspaares. Jetzt aber konnte er dort nicht mehr bleiben, er mußte fliehen und kam an den Hof des Landpflegers Pilatus. Dort wurde er bald ein Aufseher in dessen Hauswesen. Dann bekam er aber einmal Streit mit seinem Nachbarn, von dem er nur wußte, daß er sein Nachbar war: Im Streit erschlug er ihn - und wußte nicht, daß es sein eigener Vater war. Und darauf ehelichte er die Gattin dieses Nachbars, seine Mutter! Dieser Findling war der Judas aus Kariot. Und als er seine furchtbare Lage gewahr wurde, da flüchtete er wieder. Und er fand nur einzig und allein Erbarmen in seiner Lage bei demjenigen, der das Erbarmen für alle hatte, die in seine Umgebung traten, der nicht nur mit Zöllnern und Sündern an einem Tische saß, sondern der trotz seines tiefen Blickes auch diesen großen Sünder in seine Nähe nahm; denn es war seine Aufgabe, nicht bloß für die Guten, sondern für alle Menschen zu wirken und sie von der Sünde in das Heil zu führen. So kam der Judas aus Kariot in die Umgebung des Christus Jesus. Und nun brachte er das Unheil, das vorausgesagt war, und das - nach dem Schillerschen Spruch: «Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend immer Böses muß gebären» - sich auswirken mußte, in den Kreis des Christus Jesus hinein. Er wurde der Verräter des Christus Jesus. Im Grunde genommen war das, was sich an ihm erfüllen sollte, schon erfüllt mit dem Vatermord und der Mutterehe. Aber er blieb sozusagen als ein Werkzeug übrig, weil er Werkzeug sein sollte, das böse Werkzeug, welches das Gute herbeiführen sollte, um damit sozusagen noch eine Tat über die Erfüllung hinaus zu verüben.
[ 35 ] Derjenige, welcher uns in dem Oedipus hingestellt wird, der verliert als die Folge des Unheils, das er gebracht hat, von dem Moment an, wo er dieses Unheil gewahr wird, das Augenlicht. Derjenige aber, der das gleiche Schicksal hat durch seine Verbindung mit der alten Urweisheitserbschaft, er erblindet nicht, sondern er ist dazu ausersehen, das Schicksal zu erfüllen und dasjenige zu tun, was das Mysterium von Golgatha herbeiführt, was den physischen Tod dessen bewirkt, der das «Licht der Welt» ist, und der das Licht der Welt bewirkt in der Heilung des Blindgeborenen. Oedipus mußte das Augenlicht verlieren; dem Blindgeborenen gab Christus das Augenlicht. Aber er starb durch denjenigen, welcher vom Charakter des Oedipus war, an dem uns gezeigt sein soll, wie die alte Weisheit allmählich versiegt in der Menschheit, wie sie nicht mehr ausreicht, um den Menschen Heil und Frieden und Liebe zu bringen. Dazu war der Christus-Impuls mit dem Ereignis von Golgatha notwendig. Dazu war notwendig, daß dasjenige erst eintrat, was uns als ein äußeres Abbild des Verhältnisses des Jesus Christus-Ich zu seiner Mutter erscheint bei der Hochzeit zu Kana in Galiläa. Dazu war weiter notwendig, daß noch etwas anderes eintrat, was der Schreiber des Johannes-Evangeliums so schildert:
[ 36 ] Da unten am Kreuze stand die Mutter, da unten stand der Jünger, den «der Herr lieb hatte», der Lazarus- Johannes, den er selber initiiert hatte, und durch den die Weisheit des Christentums auf die Nachwelt kommen sollte, der den astralischen Leib der Menschen so beeinflussen sollte, daß in ihnen das Christus-Prinzip leben könne. Da drinnen im menschlichen astralischen Leib sollte das Christus-Prinzip leben, und der Johannes sollte es hineingießen. Dazu mußte aber dieses Christus-Prinzip vom Kreuze herab noch vereinigt werden mit dem ätherischen Prinzip, mit der Mutter. Daher ruft der Christus vom Kreuz herab die Worte: «Von dieser Stunde an ist dies deine Mutter, und dies ist dein Sohn!» Das heißt, er bindet zusammen seine Weisheit mit dem mütterlichen Prinzip!
[ 37 ] So sehen wir, wie tief nicht nur die Evangelien sind, sondern wie tief alle Zusammenhänge im Mysterienwesen sind. Ja, die alten Sagen stehen in einem Zusammenhange mit den Verkündigungen und Evangelien der neuen Zeit, wie Voraussagung und Erfüllung! Die alten Sagen zeigen uns an der Oedipus- und an der Judas-Sage klar das eine: Es hat einstmals eine göttliche, uralte Weisheit gegeben. Aber sie versiegte. Und eine neue Weisheit muß kommen. Und diese neue Weisheit wird die Menschen zu dem bringen, wozu sie die alte Weisheit nimmermehr hätte bringen können. Was hätte werden müssen ohne den Christus-Impuls, das sagt uns die Oedipus-Sage. Welches die Gegnerschaft des Christus war, das starre Festhalten an der alten Weisheit, das lehrt uns die Judas-Sage. Das aber, wovon schon die alten Sagen und Mythen erklärten, daß es nicht genüge, das sagt uns in einem neuen Lichte die neue Verkündigung, das Evangelium. Das Evangelium antwortet uns auf das, was die alten Sagen als die Bilder der alten Weisheit ausgesprochen haben. Sie haben gesagt: Aus der alten Weisheit kann nimmermehr kommen, was die Menschheit für die Zukunft braucht. Das Evangelium als die neue Weisheit aber sagt uns: Ich verkündige euch, was die Menschheit braucht, und was nimmermehr hätte kommen können ohne den Einfluß des Christus-Prinzips, ohne das Ereignis von Golgatha.
