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The Rudolf Steiner Archive

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Der Orient im Lichte des Okzidents
Die Kinder des Luzifer und die Brüder Christi
GA 113

27 August 1909, München

Fünfter Vortrag

[ 1 ] In den vorangehenden Vorträgen ist gezeigt worden, inwiefern die Außenwelt als eine Illusion wirkt und hinter sich die geistige Welt verbirgt. Wenn also das schauende Bewußtsein durch den Schleier der Illusion durchdringt, so dringt es ein in die geistige Welt. Und derjenige, der dieses Erlebnis hat, kann dann sagen, für ihn sei durchsichtig geworden der äußere Sinnenschleier, und er sehe durch ihn durch in die geistige Welt hinein. Man könnte sagen, das sei der eine Weg zu der geistigen Welt. Es ist aber auch gezeigt worden, wie vom eigenen inneren Seelenleben alles dasjenige, was man Gedanken, Gefühle, Empfindungen nennt, ja wie auch die komplizierteren Erscheinungen dieses Seelenlebens, das Gewissen und so weiter eine Art Schleier ist, der eine geistige Welt verhüllt. Und wenn das schauende Bewußtsein durch diesen Schleier hindurchdringt, so kommt es wieder in eine geistige Welt. Diese zwei verschiedenen Wege in die geistige Welt hinein hat man zu allen Zeiten gekannt. Den Menschen, die die Einweihung gesucht haben, war die Tatsache bekannt, daß man die Geisteswelt trifft, wenn man einerseits den äußeren Schleier und andererseits den inneren Schleier durchdringt. Deshalb finden wir bei den alten Völkern der Erde die Unterscheidung zwischen oberen Göttern und unteren Göttern; und in den Mysterien aller Zeiten wurde gesagt, daß man auf einer bestimmten Stufe der Einweihung vor die unteren und oberen Götter hintrete; aber es wurde auch immer in einer ganz verschiedenen Weise behandelt die Welt der oberen Götter und die Welt der unteren Götter. Man kann begreifen, daß diese Annahme zweier Wege in die geistigen Welten berechtigt ist, wenn man folgendes bedenkt: Auf die Art, wie dem Menschen die Außenwelt entgegentritt, in dem bunten Teppich von Farbeneindrücken, Wärmeeindrücken und so weiter, also in dem bunten Teppich der Elemente des Feuers, der Luft, des Wassers und der Erde, da ist der Mensch zunächst ohne Einfluß. Es geht morgens die Sonne auf; sie sendet ihre Lichtstrahlen über die verschiedenen Dinge der Erde, und nach den verschiedenen Verhältnissen, die sich da ausgestalten, stellt sich die äußere Sinneswelt dar; und wenn der Mensch diese Verhältnisse durchdringt, so dringt er in die geistige Welt ein. Der Mensch ist also nicht imstande, weil er ohne Einfluß ist auf die äußere Sinneswelt, durch seinen eigenen Inhalt diese Sinneswelt, die ihn umgibt, zu verderben; sie ist ihm gleichsam hingestellt von den geistigen Wesenheiten, die sich in ihr offenbaren, und er kann sie durch seine eigene Macht nicht verschlechtern. So daß es sich also für den Menschen, wenn er eingeweiht wird, darum handeln kann, daß er den Schleier der Sinneswelt durchdringt, aber er muß den Schleier der Sinneswelt so lassen, wie ihn geistige Wesenheiten ausgearbeitet haben.

[ 2 ] In einer anderen Lage ist der Mensch seiner eigenen inneren Welt gegenüber. Wie der Mensch empfindet und fühlt, wie er will, wie er denkt, wie er seine Gewissensempfindungen ausbildet, das hängt davon ab, ob der Mensch mehr oder weniger vollkommen ist, mehr oder weniger an seinem Seelenleben gearbeitet hat. Der Mensch kann sozusagen nicht ein gutes und ein schlechtes Rot oder Grün hervorrufen an der Morgenröte oder an einer Pflanze; er kann aber dadurch, daß er sein eigenes Seelenleben verdirbt, sinnwidrige Empfindungen, böse moralische Urteile in sich erzeugen; der Mensch kann mehr oder weniger sich hingeben der Stimme seines Gewissens; er kann in bezug auf seine Vorstellungen sich Schönem und Häßlichem hingeben, wahren und falschen Gedankengebilden. Den Schleier also, welchen unsere Seele in ihrem Innenleben hinbreitet über die geistige Welt, den verändert der Mensch durch sein eigenes Verhalten. Und da zuletzt das, was wir hinter dem Schleier unseres eigenen Seelenlebens sehen, davon abhängt, ob dieser Schleier selbst richtig oder verdorben ist, so ist es leicht einzusehen, daß bei einem verdorbenen, unvollkommenen, wenig entwickelten Innern auch beim Aufsteigen in die geistige Welt oder beim Hinabsteigen zu den unteren geistigen Wesenheiten Zerrbilder geschaffen werden können, falsche, sinnwidrige, widernatürliche Vorstellungen und Kräfte.

[ 3 ] Daher kam es, daß man durch alle Zeiten hindurch unterschied zwischen dem Aufstieg zu den oberen Göttern und dem Hinabstieg zu den unteren Göttern, und daß man das Hinabsteigen als etwas wesentlich Gefährlicheres ansah als das Hinaufsteigen zu den oberen Göttern, daß man deswegen bei diesem Wege in die geistige Welt ganz besonders hohe Anforderungen stellte an die Zöglinge der Mysterien, der Geheimwissenschaft.

[ 4 ] Dies mußte einmal erwähnt werden aus dem Grunde, weil diese zwei Wege in die geistige Welt hinein in der Tat eine große Rolle spielen in der Menschheitsentwickelung, und weil man die Gegeneinanderstellung des Orients und des Okzidents nur dadurch gut verstehen und das Verhältnis der «Kinder des Luzifer» und der «Brüder Christi» auffassen kann, daß man sich diese zwei Wege vor Augen führt. In der Außenwelt, die dem Menschen für den äußeren Blick sehr häufig erscheinen kann wie ein buntes Gewirr der mannigfaltigsten Tatsachen, ist gar nichts, was nicht in einer weisen Art gelenkt wäre, nichts, wobei nicht geistige Wesenheiten, geistige Kräfte und geistige Tatsachen im Spiele wären; und man versteht alles, was da geschieht, nur, wenn man einsehen lernt, wie sich die geistigen Geschehnisse gruppiert haben unter der Lenkung jener Mächte, die charakterisiert worden sind von den verschiedensten Seiten her. Man muß, wenn man verstehen will, warum eine bestimmte Form von Weisheit gerade im Osten aufgeblüht ist, und warum wiederum die Zukunft der Christlichkeit gerade von der Ausbildung der westlichen Kräfte abhängt, auf den Ursprung, auf den geschichtlichen Hergang der beiden Welten den Blick richten.

[ 5 ] Aus verschiedenen Vorträgen, die Sie von mir gehört haben, wissen Sie, daß unser gesamtes jetziges Geistesleben herstammt aus jenem Gebiete, das wir die alte Atlantis nennen; daß sich entwickelt hat ein uraltes Geistesleben auf einem Gebiete im Westen zwischen dem heutigen Europa und Amerika und daß, was wir an asiatischer, afrikanischer, amerikanischer Kultur antreffen, letzten Endes Abkömmlinge sind der alten atlantischen Kultur. Dort haben wir den Vater- und Mutterboden alles unseres Kulturlebens zu suchen. Es waren vor jener gewaltigen Katastrophe, welche das Antlitz der Erde so verändert hat, daß die gegenwärtige Gestalt derselben zustande gekommen ist, innerhalb der alten Atlantis von den gegenwärtigen ganz verschiedene Menschenarten vorhanden, geleitet von hohen Eingeweihten, von Führern der Menschheit. Da entwickelte sich eine Kultur, welche im wesentlichen unter dem Einflusse eines alten Hellsehens stand, so daß die Menschen jener Zeit die instinktartige Fähigkeit hatten, sowohl durch den äußeren Schleier der Sinneswelt zu der oberen Geistwelt hindurchzuschauen, wie auch durch ihr eigenes Seelenleben hindurch zu den unteren Göttern zu blicken. Das war damals natürlich. Wie es den heutigen Menschen natürlich ist, mit ihren Augen zu sehen, mit ihren Ohren zu hören und so weiter, so war es den damaligen Menschen natürlich, nicht nur draußen in der Welt zu sehen Farben, zu hören Töne und so weiter, sondern hinter den Farben und Tönen und so weiter geistige Wesenheiten zu sehen. Ebenso war es ihnen natürlich, nicht nur die Stimme des Gewissens zu vernehmen, sondern zum Beispiel dasjenige, was die Griechen Erinnyen genannt haben. Das haben sie als geistige Wesenheiten wahrgenommen. So also waren die alten Atlantier instinktartig bekannt mit einer geistigen Welt.

[ 6 ] Es ist der Sinn der Menschheitsentwickelung, daß die Menschen allmählich sozusagen herausstiegen aus diesem alten instinktartigen, aber geistschauenden Bewußtsein und vorrückten zu demjenigen, was unserer heutigen Zeit eigen ist. Durch diese Stufe des Lebens auf dem physischen Plane mußten die Menschen hindurchgehen. Nun wäre es nicht möglich gewesen, die ganze Entwickelung der Menschheit von der geistigen Welt aus etwa einfach so zu leiten, daß man einen Strom von Menschheit herübergeschickt hätte von der alten Atlantis über die Gegenden Europas, Afrikas, nach Asien hinein, und daß sich alles sozusagen gradlinig entwickelt hätte. —- Die Entwickelung besteht niemals bloß darin, daß sich etwas aus einem Keim heraus gestaltet und dann in gerader Linie fortschreitet, sondern überall, wo es Entwickelung gibt, da muß noch etwas anderes eintreten. Sie können sich zunächst an einem sehr gewöhnlichen Beispiele klar machen, daß die Entwickelung niemals das Fortschreiten in gerader Linie ist, so daß etwa immer eine Sache die andere hervortreibt, sondern daß noch etwas anderes zur Entwickelung gehört. Betrachten Sie die Pflanze! Sie werfen das Samenkorn in die Erde und Sie sehen, wie aus diesem Samenkorn hervorsprießen die Organe der Pflanze, die Blätter, wie später die Kelchblätter hervorkommen, Staubgefäße, Stempel und so weiter entstehen. Nun ist ja im heutigen normalen Pflanzenleben notwendig, wenn die Entwickelung vorwärtsschreiten soll, etwas andres, etwas, was sozusagen nicht in der geraden Linie des Fortschreitens liegt. Zur Fruchtbildung ist notwendig die Befruchtung. Es müssen die Befruchtungssubstanzen von einer Pflanze auf die andere hinüberfließen, damit die Blüte sich zur Frucht entwickele, und es würde aus der Blüte heraus die Frucht sich nicht in gerader Linie entwickeln können, sondern es muß ein Strom von Einflüssen von außen hinzukommen, damit durch diesen Einfluß, der von der Seite herkommt, die Entwickelung vorwärts schreitet. Das, was Sie an der Pflanze sehen können, das ist ein Bild für das gesamte Weltleben, und das gibt Ihnen auch einen Hinweis darauf, wie es im geistigen Leben ist. Es ist durchaus falsch zu glauben, daß man im geistigen Leben zum Zielekommt, wenn man annimmt,daßirgendwoeineKulturströmung hervortrete und daß sie immer Neues und Neues nur aus sich hervortreibe. Das kann eine Weile so fortgehen, aber es würde nicht genügen, es würde ebensowenig das hervorbringen, was geschehen soll, wie die Blüte ohne Befruchtung die Frucht hervorbringen könnte. Es muß immer an einem bestimmten Punkte der Entwickelung ein seitlicher Einfluß kommen, in der Menschheitsentwickelung gleichsam eine geistige Befruchtung. Wenn sich eine Kulturströmung eine Weile gradlinig fortgepflanzt hat, dann muß von der Seite her irgendein Einfluß kommen. So wie sich getrennt voneinander entwickelt im Pflanzenleben das weibliche und das männliche Element, so mußte auch in der fortschreitenden Entwickelung der Menschen seit der Atlantis nicht ein einfacher Strom sich bilden, der von dem Westen nach dem Osten hinging, sondern es mußten im wesentlichen zwei Hauptströmungen von der alten Atlantis nach dem Osten hinüberziehen, die eine Weile getrennt voneinander sich entwickeln und dann nach einer bestimmten Zeit zusammentreffen, sich gegenseitig befruchten mußten, damit das Richtige eintreten konnte. Und diese zwei Strömungen der Menschheitsentwickelung können wir verfolgen, wenn wir in der richtigen Weise die Urkunden der Geistesschau prüfen. Da haben wir einen Strom der Menschheitsentwickelung, der dadurch zustande kommt, daß sich gewisse Völker herüberschieben von dem alten atlantischen Lande mehr in einem nördlichen Gebiete, so daß sie die Gegenden berühren, die heute England, Nordfrankreich umfassen, dann nach dem heutigen Skandinavien, Rußland bis nach Asien hinein, bis nach Indien hinunterziehen. Da bewegt sich einStrom von Völkern der verschiedensten Art, der ein bestimmtes geistiges Leben trägt. Ein anderer Strom der Menschheitsentwickelung geht einen anderen Weg; er geht mehr südlich, geht so, daß wir heute seinen Weg etwa suchen müßten herein vom Atlantischen Ozean durch Südspanien, durch Afrika bis hinüber nach Ägypten, dann nach Arabien. Zwei Ströme, große Völkerwanderungen gleichsam ergießen sich aus der alten Atlantis nach Osten hinüber. Jeder dieser Kulturströme macht zunächst seinen eigenen Weg durch, bis sie sich gegenseitig befruchten in einem späteren Zeitpunkt.

[ 7 ] Worin nun besteht der Unterschied dieser beiden Kulturströmungen? Darinnen, daß der Strom, der sich mehr im Norden bewegte, solche Menschen in sich schloß, welche mehr geeignet waren, ihre äußeren Sinne und die äußere Anschauung zu gebrauchen, welche mehr geneigt waren, den Blick auf den Teppich oder Schleier der Umwelt zu richten. Es hatten diese Menschen, die da mehr im Norden zogen, solche Eingeweihte, die ihnen den Weg zeigten zu jenen geistigen Welten, die man nannte die oberen Götter, jene Götter, welche man findet, wenn man den Schleier der äußeren Sinneswelt durchdringt. Solcher Art sind diejenigen Wesenheiten, welche als germanisch-nordische Götter verehrt werden. Odin, Thor und so weiter sind Namen für solche göttlichgeistige Wesenheiten, die man findet, wenn man den äußeren Schleier der Sinneswelt durchdringt. Eine andere Organisation hatten die Menschen des anderen Völkerstromes. Diese Menschen, die in einem südlichen Gebiete herüberzogen von der alten Atlantis nach Asien hinein, die hatten mehr die Anlage, einzutauchen in ihr Seelenleben, in ihr Inneres. Man möchte sagen — nehmen Sie das Wort nicht mit abfälligem Beigeschmack — die nordischen Völker hatten mehr das Talent, hinauszuschauen in die Welt, die südlichen Völker aber hatten mehr das Talent, hineinzubrüten in ihr eigenes Seelenleben und durch den Schleier ihres eigenen Seelenlebens die geistige Welt zu suchen. Daher wird es Sie nicht verwundern, daß die Nachkömmlinge der südlichen Völker Götter hatten, die sozusagen zu den unterirdischen gehörten, die mehr das Seelenleben beherrschen. Sie brauchen sich nur das Beispiel des ägyptischen Osiris vor Augen zu stellen. Osiris ist jene Gottheit, welche der Mensch findet, wenn er durch die Pforte des Todes durchgegangen ist. Er ist der Gott, der in der äußeren Sinneswelt nicht leben kann. In alten Zeiten nur hat er da gelebt; und als die neuen Zeiten heranrückten, da wurde er gleich überwunden von den Mächten der Sinneswelt, von dem bösen Seth; und seither lebt er in derjenigen Welt, die der Mensch betritt nach dem Tode, also in einer Welt, die man nur finden kann, wenn man sich versenkt in dasjenige, was am Menschen das Unsterbliche, das Dauernde ist, das von Inkarnation zu Inkarnation geht; in das, was menschliches Innenleben ist. Daher fühlten die Menschen auch vorzugsweise dieses Innenleben mit Osiris verbunden.

[ 8 ] Das war der Unterschied in den Charakteranlagen der nördlichen und der südlichen Völker. Nur eine Volksgemeinschaft gab es, die in einer gewissen Weise in der ersten Epoche der nachatlantischen Zeit nach der großen atlantischen Katastrophe beide Anlagen in sich vereinigte. Dieses Volk war besonders dazu ausersehen, beide Wege, die in die geistige Welt hineinführen, zu gehen und auf beiden Wegen ein Fruchtbares, ein Richtiges für die damalige Zeit zu finden. Während die nordischen Völker nämlich in die Welt des äußeren Sinnesteppichs blikten und die südlichen hineinbrüteten in das eigene Innere ihres Seelenlebens, war eine Volksgemeinschaft da, die sowohl die Fähigkeit hatte, durchzudringen durch die äußere Sinnenwelt und hinaufzusteigen in die geistigen Welten dahinter, wie auch hinein sich zu leben in das eigene Innere, in die tiefsten Untergründe der mystischen Versenkung, und durch den Schleier des eigenen Seelenlebens die geistigen Welten zu finden. Das war eine Fähigkeit, die allerdings in der alten atlantischen Zeit, wenigstens in deren ersten Epochen, bei allen Menschen vorhanden war. Diese Fähigkeit aber, nach außen und nach innen zu finden, ist mit einem anderen Erlebnis verbunden, mit einem Erlebnis, das ganz eigenartig dasteht im Menschenleben. Wer nur die Fähigkeit hat, durch den äußeren Schleier der Sinnenwelt zu dringen und da die geistige Welt, die oberen Götter, zu finden, und dann hört, daß irgendwo anders auf der Erde es andere Gottheiten gibt, der versteht die letzteren nicht recht. Wer aber die beiden Fähigkeiten miteinander verbindet, wer durch den Schleier der äußeren Sinnenwelt ebenso dringen kann wie durch den Schleier des eigenen Seelenlebens, der macht zuletzt eine eminent wichtige Entdeckung, nämlich diese, daß dasjenige, was wir finden, wenn wir durch den Schleier des Seelenlebens dringen, seinem Wesen nach dasselbe ist wie dasjenige, was wir finden, wenn wir durch den Schleier der äußeren Sinnenwelt dringen. Denn es offenbart sich uns eine einheitliche Geisteswelt, das eine Mal von außen, das andere Mal von innen. Lernt man die geistige Welt auf beiden Wegen kennen, dann erkennt man die Einheit derselben. Wer auf dem Wege innerer Versenkung zu den geistigen Welten vordringt, der findet sie hinter dem Schleier des Seelenlebens; und wenn er auch noch die Fähigkeit hat, durch die Entwickelung der übersinnlichen Kräfte auch durch den Schleier der äußeren Sinneswelt zu dringen, dann weiß er, daß dasjenige, was er im Inneren gefunden hat, dasselbe ist wie dasjenige, was er nach außen gehend erschaut hat. In dieser Lage, jenes große Erlebnis zu haben von der Einheit des Geisteslebens, war die alte indische Volksgemeinschaft. Wenn der übersinnliche Blick des alten Inders sich nach außen gerichtet hat, dann erblickte er da die die Welterscheinungen zusammenhaltenden und gestaltenden äußeren geistigen Wesenheiten. Wenn er sich in sein Inneres versenkte, dann fand er durch diese mystische Versenkung in sich selber sein Brahman; und er wußte, daß dieses, was er hinter dem Schleier des Seelenlebens fand, dasselbe ist, das mit dem großen gewaltigen Flügelschlag, der durch den Kosmos ging, auch die äußere Welt geschaffen und geordnet hat.

[ 9 ] Das ist das Mächtige und Gewaltige, was aus diesen alten Zeiten auf uns wirkt, daß hier etwas aufbewahrt ist, was als uralte Kultur vorhanden war in der alten atlantischen Zeit und was sich als Rest herein erhalten hat in die nachatlantische Zeit. Die Entwickelung aber schreitet nicht dadurch vorwärts, daß das Alte sich umgestaltet oder erhalten bleibt, sondern daß neue Entwickelungsströme entstehen, die sich dann gegenseitig befruchten. Wenn wir den nördlichen Entwickelungsstrom verfolgen, der von der alten Atlantis durch Europa bis nach Asien hinübergegangen ist, finden wir im alten indischen Volke den vorgeschobensten Posten, der nach seiner Vereinigung mit anderen Elementen die altindische Kultur gebildet hat. Wenn wir aber etwas weiter nach Norden, wenn wir zum Gebiete der Perser gehen, dann finden wir die urpersische Kultur, diejenige, die uns in späterer geschichtlicher Zeit als Zarathustrakultur entgegentritt. Diese Zarathustrakultur zeigt uns bereits, wenn wir sie mit den Mitteln des übersinnlichen Schauens prüfen, jene Eigentümlichkeit, daß die Menschen mehr nach der Außenwelt schauten und den Schleier der Außenwelt zu durchdringen suchten, um so zur oberen geistigen Welt vorzuschreiten. Aus dieser Eigentümlichkeit des persischen Volkscharakters werden Sie es begreifen, daß der Zarathustra, der Führer dieser urpersischen Kultur, zunächst weniger Wert legte auf die innere mystische Versenkung, daß er sogar in einem gewissen Gegensatze stand zu dieser; daß er aber mehr den Blick lenkte in die äußere Sinneswelt; zunächst zur Sinnessonne hinauf, um die Menschen darauf aufmerksam zu machen, daß hinter der Sinnessonne etwas steht wie eine geistige Sonnenwesenheit, daß hinter ihr steht Ahura Mazdao. Da haben Sie bereits vollständig ausgeprägt den Weg, den die Eingeweihten der nördlichen Völker machten. Und gerade in der altpersischen Kultur unter der Führung des ältesten Zarathustra bildete sich die höchste Form dieser Anschauung der geistigen Welt nach außen hin. Unvollkommener wurde diese Form des äußeren Anschauens um so mehr, je weiter die Völker sozusagen zurückgeblieben waren hinter den alten Persern,2Es sind hier nicht die geschichtlichen Perser gemeint, sondern uralte vorgeschichtliche Völkerschaften in dem Gebiet, das später das persische wurde. die bis nach Vorderasien vorgedrungen waren. Es waren hinter den Urpersern andere Völkerschaften in Asien und Europa zurückgeblieben. Alle diese Völkerschaften hatten aber die Eigentümlichkeit, daß ihr Blick mehr nach außen gerichtet war. Alle Eingeweihten dieser Völkerschaften wählten den Weg, ihre Angehörigen auf die geistige Welt, die hinter dem Schleier der Sinnenwelt liegt, zu weisen. Innerhalb Europas haben wir noch, wenn wir mit den Mitteln der geistigen Forschung prüfen, in jener wunderbaren Kultur, die sozusagen auf dem Grunde aller anderen europäischen Kulturen lag, in der keltischen Kultur, die Überbleibsel alles dessen, was durch das Zusammenwirken von Volksgemüt und Eingeweihtenforschung entstanden ist; dasjenige, was zum großen Teil heute verloren ist und nur noch für den, der die Wege kennt, um zu suchen durch Geistesschau, aus der äußeren Sinneswelt noch einigermaßen zu enträtseln ist. Alles das, was wir altkeltisches Element nennen können — wo es uns auch immer herausleuchtet als der Grundboden der anderen europäischen Kulturen -, alles das sind Nachklänge noch älterer Kulturen Europas, die in einer gewissen Weise zurückgeblieben waren hinter der großen, erhabenen Zarathustrakultur, die aber im Gründe genommen denselben Weg gingen je nach dem Charakter der Völker. Die Völker waren in gewisser Weise so verteilt worden, daß sie je nach der äußeren Ausbreitung in verschiedener Weise den Weg zum Geistigen gehen konnten. Je nach den verschiedenen Orten, auf denen diese Völker wohnten, gingen sie diesen Weg in einer mehr oder weniger vollkommenen Art.

[ 10 ] Nun müssen Sie sich klarmachen, daß der Verkehr, den der Mensch pflegt mit der Außenwelt, sei sie die geistige, sei sie die sinnliche Außenwelt, für ihn selber eine Wirkung hat; daß die Erlebnisse nicht etwas sind, was sozusagen wie ein Weltspiegel da ist, nur damit der Mensch etwas erfährt, sondern, was in solcher Art geschieht, ist dazu da, daß der Mensch in einer ganz bestimmten Weise in seiner Entwickelung vorwärtskommt. Was ist denn eigentlich der Mensch einer gewissen Zeit? Er ist dasjenige, wozu ihn die Weltenkräfte, die in seiner Umgebung leben, organisieren. Wir sind ein Ergebnis dessen, was die Weltenkräfte aus uns geformt haben. Je nachdem diese Weltenkräfte in uns eindringen, werden wir gebildet. Derjenige, welcher gesunde Luft einatmet, bildet nicht nur seine Organe in der entsprechenden Weise aus, sondern auch derjenige, welcher diese oder jene Art des geistigen Lebens aufnimmt, bildet seinen geistigen Organismus, und, weil der körperliche Organismus nur die Wirkung des geistigen ist, auch den körperlichen in entsprechender Weise aus. Der Mensch entwickelt sich fortwährend. Daher werden Sie es begreiflich finden, daß bei all den Völkerschaften dieser nordischen Strömung, weil vorzugsweise in sie die Kräfte der Außenwelt einströmten, vorzugsweise auch die äußeren körperlichen Eigenschaften zur Entfaltung kamen, alles das, was den Menschen von außen bilden kann. Es wurde durch die äußeren Kräfte das entwickelt, was man am Menschen auch äußerlich sehen und wirksam empfinden konnte. Sie finden daher nicht nur die kriegerischen Eigenschaften bei diesen Völkern ausgebildet, sondern auch ein immer vollkommener und vollkommener werdendes Instrument, um die Außenwelt zu durchdringen; das Gehirn selbst wird immer vollkommener unter der Einwirkung der äußeren Kräfte. Daher sind in den Menschen dieses Völkerstromes die Keime zum Begreifen der äußeren Welt vorhanden. Nur aus diesem Völkerstrom konnte das hervorgehen im Geistesleben, was endlich zur Beherrschung der äußeren Naturkräfte und Naturmächte führte. Man möchte sagen, diese Völkermassen legten den Hauptwert darauf, das äußere Instrument des Menschen, dasjenige, was man von ihm nach außen hin sehen kann, immer vollkommener zu machen, nicht nur physisch, sondern auch intellektuell, moralisch und ästhetisch. Immer mehr und mehr wurde vom Geiste hineingegossen in die äußere Körperlichkeit. Die physische Körperlichkeit wurde vollkommener und vollkommiener gemacht, so daß die einzelne Seele, wenn sie von einer Inkarnation zur anderen lebte, bei der nächstfolgenden Verkörperung in der Regel eine bessere Körperlichkeit, vor allen Dingen nicht nur im physischen Sinne, sondern auch im moralischen Sinne finden konnte. Dasjenige also, was den Menschen nach außen hin vergeistigt, was seinen physischen Leib vergeistigt, das konnte unter solchen Einflüssen insbesondere zur Entwickelung kommen.

[ 11 ] Fragen wir uns jetzt, was insbesondere bei denjenigen Völkern, welche den anderen Weg einschlugen, zur Entwickelung kommen mußte, so werden Sie sich sagen: Bei ihnen mußte die Verfeinerung des Seelenlebens zur Entfaltung kommen. Versuchen Sie daher aufzusuchen den Begriff des Gewissens in alten Zeiten bei jenen Völkermassen, die ich Ihnen eben charakterisiert habe, die sozusagen die äußere Leiblichkeit vergeistigten. Sie finden bei ihnen den Begriff des Gewissens nicht. Er taucht auf bei den Völkern, welche den südlichen Weg gegangen sind. Bei ihnen tauchen die feineren Erlebnisse der Seele auf; da wird das innere Seelenleben mit Begriffen und Ideen bereichert, so daß es sich endlich zu jenem Reichtume entwickeln konnte, der heute noch so angestaunt wird, zu der alten, geheimnisvollen hermetischen Wissenschaft der alten Ägypter. Die von allen Kennern dieser Dinge so sehr verehrte Weisheit der Ägypter konnte sich nur entwickeln, weil innerhalb dieses Völkerstromes das innere Seelenleben zur Entwickelung kam. All die Künste, die Weisheit, welche von innen heraus den Menschen einentwickelt werden mußten, all die kamen bei dieser Strömung der Menschheitsentwickelung zum Vorschein. So sehen wir, daß innerhalb dieses Menschenstromes ein geringerer Wert darauf gelegt wird, die äußere Körperlichkeit zu vergeistigen, dagegen ein um so höherer Wert darauf, die inneren Kräfte der Seele zu vergeistigen, immer feiner und feiner auszubilden.

[ 12 ] Sehen Sie sich einmal die griechische Plastik an! Wenn sie darstellen wollte den durchgeistigten, veredelten physischen Leib, dann stellte sie den Angehörigen von Völkermassen der nördlichen Strömung dar. All die Gestalten des Zeus, der Aphrodite, der Pallas Athene sind in ihrer äußeren Konfiguration der Rassentypus der nördlichen Völkermassen. Da, wo hingewiesen werden sollte auf die innere Entwickelung des Seelenlebens, hatte man das Bedürfnis zu zeigen, daß die Kräfte, die sich entwickeln, unsichtbar in der Seele sich entwickeln; da stellte man eine solche Figur hin wie den Hermes, den Merkur. Er ist anders gestaltet wie die anderen Götter; er ist so gestaltet wie die afrikanischen Völker gestaltet sind. Ganz andere Ohren, anderen Haarcharakter, geschlitzte Augen statt der nordischen Augen. Dafür wußte man, daß in diesem Menschheitstypus der Träger gegeben ist der Wissenschaftlichkeit, der Weisheit, alles dessen, was auf die Seele des Menschen wirkt. Das verband man mit dem Begriff des Boten zu der unteren Götterwelt, mit Hermes oder Merkur.

[ 13 ] Man kann den Unterschied der beiden Völkerströmungen in der Weise charakterisieren, daß man sagt: die nördliche Völkerströmung arbeitet darauf hin, einen äußeren Menschen hinzustellen, der in seiner äußeren Leiblichkeit den Geist wie im Abbilde darlebt; der anderen Völkerströmung kam es darauf an, die unsichtbar sich zeigende Seele, dasjenige also, was nur, wenn man den Blick nach innen wendet, empfindbar wird, auszugestalten. So schuf die nördliche Völkerströmung das Ebenbild der Gottheit im Menschen, wie es äußerlich erscheint; es schuf die südliche Völkerströmung das seelische Ebenbild der Gottheit, das unsichtbar im Inneren wirkende und webende Seelenebenbild der Gottheit. Getrennt zunächst, wie die männliche und weibliche Befruchtungssubstanz der Pflanze, entwickeln sich diese beiden Völkerströmungen; der eine Völkerstrom, so weit er gehen konnte zur Verinnerlichung, der andere, so weit er gehen konnte zum Ausdruck des Geistigen im Äußeren. Und dann, als der richtige Zeitpunkt gekommen war, mußten sich diese beiden Völkerströmungen gegenseitig befruchten. Wir mögen den einen oder den anderen Völkerstrom in Betracht ziehen, wir werden überall auch in dem, was uns äußerlich, geschichtlich entgegentritt, dasjenige bestätigt finden, was eben gesagt worden ist.

[ 14 ] So blieben die Götter der südlichen Völkerschaften mehr oder weniger unsichtbare Götter, denen man sich im eigenen Innern verband, Götter, vor denen man in gewisser Beziehung Furcht und Schrecken haben konnte, vor denen man in anderer Beziehung aber wiederum so dastehen konnte, daß man mit einer gewissen menschlichen Zuversicht zu ihnen emporblickte. Es ist ja angedeutet worden, daß man diese Götter der Innenwelt sieht, wie man selbst ist. Ist man selbst moralisch gestaltet, bringt man moralische Seelenqualitäten der inneren Götterwelt entgegen, dann zeigen sich diese Götter in einem wahren Bilde; es fließt ihr Wesen in den Menschen ein; er fühlt sich von ihnen innerlich erleuchtet, innerlich verklärt. Ist man selbst unmoralisch, ist man mit schlechten, unwahren, häßlichen Vorstellungen begabt, dann verzerrt sich das Bild dieser Götterwelt, dann erscheint sie in furchtbaren, dämonischen Gestalten, so wie das schönste Gesicht verzerrt und karikaturenhaft aussehen kann, wenn man es in einem Spiegel betrachtet, der wie eine Gartenkugel ist. Es konnten, wenn sie den im Innern erschauten Göttern gegenübertraten, die Menschen die Empfindung haben: Oh, das sind unsere guten Freunde, unsere intimsten geistigen Genossen, das sind diejenigen, zu denen wir aufblicken, und die uns die Kräfte hineingießen in das intimste Innere unseres Seelenlebens; das ist etwas, was im Innersten zu uns gehört. — Und erleuchtet und gestärkt und verklärt konnte sich der Mensch fühlen durch diese göttlichen Wesenheiten. Er konnte aber auch, wenn er durch seine eigenen Qualitäten hindurch in Zerrbildern sie erschaute, mit Schaudern und Schrecken auf sie blicken; sie konnten ihn quälen, verfolgen, in die wüstesten Ausschreitungen des Lebens hineinjagen, weil sie sich eben im Zerrbild seiner niederen Leidenschaften zeigten. Daraus können Sie ermessen, wie man darauf gesehen hat, daß kein Mensch. in unvorbereitetem Zustande gerade diesen Göttern gegenübertrat, sondern man stellte da, wo man dem Menschen den Zugang zur geistigen Welt eröffnete, im strengsten Sinne die Anforderung einer erst vor sich gehenden seelisch-moralischen Vervollkommnung, einer außerordentlich guten Vorbereitung; und man wurde nicht müde, zu warnen davor, in dem Zustande einer schwachen Seele den Göttern gegenüberzutreten.

[ 15 ] Wenn wir nun diese geistige Welt, die wir auf diesem Wege zunächst bei den Völkern des südlichen Völkerstromes gefunden sehen, überblicken, wenn wir sie ihrem ganzen Charakter, sozusagen nach ihren Herrschern charakterisieren wollen, dann nennen wir sie, weil sie diejenige göttlich-geistige Welt ist, welche den Menschen innerlich erleuchtet mit jenem Lichte, das äußerlich nicht sichtbar werden kann, mit jenem Lichte, das er sich durch eigene Vervollkommnung erkämpfen muß, die Welt des Luzifer, die Welt des Lichtträgers. Dieser südliche Völkerstrom fand die Welt des Luzifer auf diesem Wege.

[ 16 ] Der andere Völkerstrom, der führte dazu, den äußeren Menschen, den Menschen, der da lebt zwischen Geburt und Tod in sinnlicher Verkörperung, dahin zu bringen, ein möglichst treues Abbild der Gottheit zu sein in bezug auf die äußere Gestalt. Was konnte auf diesem Gebiete das Ideal nur sein der Volksentwickelung? Dieses Ideal konnte nur sein, eben ein Höchstes in dieser Art zu schaffen, konnte nur sein, alles dasjenige zu tun, was wenigstens einmal auf der Erde einen so vollkommenen, einen so durchgeistigten äußeren Leib hervorbrachte, daß er imstande war nicht nur ein Ebenbild der Gottheit zu werden, sondern daß er aufnehmen konnte diese Gottheit selber. Mit anderen Worten: Es mußte das Ideal in diesem anderen Völkerstrom dieses ‚sein, eine Menschenindividualität zu veranlassen, sich so weit zu vervollkommnen, zu vergeistigen, zu veredeln in bezug auf alles das, was der Mensch zwischen Geburt und Tod hat, daß dieser äußere Leib ein edles Gefäß sei zur Aufnahme des höchsten Geistigen. Und demjenigen, der in der vollkommensten Art hingewiesen hat auf die geistige Welt, die hinter dem Schleier des Sinnenteppichs steht, Zarathustra,3Mit «Zarathustra» ist hier natürlich nicht die bekannte geschichtliche Gestalt, sondern ein alter vorgeschichtlicher Vorfahr gemeint. Es wird dabei der Gedanke zugrunde gelegt, daß sich die Nachfahren einer großen Individualität durch lange Zeiten deren Namen beilegten. So war es nämlich Sitte in alten Zeiten. dem ging auch zunächst der große Gedanke auf: Es muß eine äußerliche Körperlichkeit geschaffen werden durch eine solche moralische, intellektuelle und spirituelle Kraft, daß diese Körperlichkeit so vergeistigt ist, wie sie nur vergeistigt sein kann. Weil dem Zarathustra dieser Gedanke zuerst aufgegangen ist, deshalb sorgte er dafür, sich so zu vervollkommnen von Inkarnation zu Inkarnation, daß mit jeder Inkarnation er in einem edleren, moralischeren, ästhetischeren, intellektuelleren Leibe wohnte. So sehen wir die Individualität, die als Zarathustra zuerst auftritt im alten Persien, an sich so arbeiten, daß sie in immer edleren physischen Leiblichkeiten erscheint, bis sie so weit ist, daß sie diese Veredlung der physischen Leiblichkeit so weit gebracht hat, daß in dem Leibe das edle Gefäß gegeben war, das nicht nur war ein Abbild der göttlich-geistigen Welt, sondern in das sich hineinsenkte die Gottheit, die man sonst nur hinter dem Schleier der äußeren Sinnenwelt gesehen hat. Dasjenige, worauf der alte Zarathustra gewiesen hat als die Welt der Sonnengeister, die hinter der physischen Sonne stehen, worauf er hingewiesen hat als auf den verborgenen Geist des Guten, den Ahura Mazdao, das sollte eine Stätte finden, indem es sich immer mehr und mehr näherte der Erde, in der es als in einer vollkommenen, vergeistigten Leiblichkeit wohnen konnte. So erschien der Zarathustra in einer seiner Verkörperungen im Leibe des Jesus von Nazareth; und der Leib des Jesus von Nazareth war so weit durchgeistigt, so weit veredelt, daß er in seine äußere Leiblichkeit hinein diejenige Geistigkeit nehmen konnte, die man sonst hinter dem Schleier der Sinnenwelt fand. Diese Geistigkeit konnte sich in diesen Leib hineinergießen.4Man wird hieraus ersehen, wie es eine törichte Entstellung ist, wenn gesagt wird, der Sprecher des obigen Vortrags habe jemals den Christus mit dem Zarathustra identifiziert. Er hat dies ebensowenig getan, wie er ihn mit Buddha für eins erklärt hat. Den Menschenleib, den man gerade in der nördlichen Völkerströmung immer gepflegt hat durch die Richtung des Blickes hinaus in die geistige Welt, hatte man dazu präpariert, selber zum Träger zu werden derjenigen Geistigkeit, die sich hinter der äußeren Sinneswelt verbirgt. So hatte man das große, gewaltige Ereignis vorbereitet, die geistige Welt, die hinter dem Schleier der Sinneswelt verborgen ist, die man nirgends sehen kann mit dem gewöhnlichen Auge, die man nur sehen kann mit dem geistigen Auge, diese Geistigkeit in einem Leibe, in dem Leibe des Jesus von Nazareth durch drei Jahre auf der Erde zu haben. So bildete sich durch drei Jahre jene Geistigkeit als das Christus-Prinzip aus in dem zubereiteten Leib des Jesus von Nazareth.

[ 17 ] So war in der nördlichen Völkerströmung nicht nur allein geschaut worden, was hinter der äußeren Sinneswelt stand, sondern es war vorbereitet worden die Möglichkeit, dieses Geistige auch hereinströmen zu lassen in die Erdenwelt, auf daß das, was man vorher nur hinter der Sonne sah, auch wandeln konnte durch drei Jahre innerhalb unserer Erdenmenschheit. So war der Luzifer sozusagen eingezogen in der südlichen Völkerströmung in die Menschheit, so war der Christus eingezogen in der nördlichen Völkerströmung, beide in Gemäßheit des Charakters dieser Völkerströmungen. Und wir leben in der Zeit, in welcher sich diese beiden Völkerströmungen miteinander verbinden müssen, wie die männlichen und weiblichen Befruchtungssubstanzen sich gegenseitig durchdringen müssen. Wir leben in der Zeit, wo der Christus, der von außen hereingezogen ist als eine objektive Wesenheit in den veredelten Körper des Jesus von Nazareth, verstanden werden muß dadurch, daß die Seele in sich selbst sich immer mehr und mehr versenkt und sich vereinigt mit der Welt des Geistigen, die im Innern gefunden werden kann, mit der Welt, die aus Luzifers Reich stammt. So wird die Befruchtung dieser beiden Völkerströmungen nach und nach geschehen. Sie hat bereits begonnen; sie hat begonnen in demjenigen Augenblicke, der uns dadurch angedeutet wird, daß uns gesagt wird, wie das Opferblut des Christus, das vom Kreuze floß, aufgesammelt wurde in der heiligen Schale des Gral; wie diese heilige Schale des Gral herübergebracht wurde nach dem Westen, vom Osten her, wo man sich vorbereitet hatte zu verstehen die Christus-Tat dadurch, daß man in einer ganz bestimmten Weise das Licht des Luzifer gepflegt hat. Und so wird immer mehr und mehr fortschreitend die Vereinigung dieser beiden Strömungen, die in der Menschheit selbst gegeben sind, vor sich gehen. Was auch die Menschen der Gegenwart machen wollen, es wird sich in der Zukunft zum Heile der Menschheit erfüllen, daß innerhalb der Kultur, in der zusammenfließen die eine und die andere Strömung, das große, die Welt- und Menschheitsentwickelung lenkende ChristusWesen verstanden werden wird durch das Licht, das die Seele von innen empfängt aus dem Reiche des Luzifer,5Man wird — nach bisherigen Erfahrungen kann dies gesagt werden — aus der obigen Stelle das Mißurteil prägen: ich sehe in der menschlichen Seele eine Verbindung des Christus mit Luzifer. Wenn man dabei unterschieben wird, was man sich selbst unter Luzifer vorstellt, so wird dieses Mißurteil eine Verlogenheit darstellen. Nur, wenn man auf die Luziferkraft, die im Sinne dieser Vorträge von mir selbst gemeint ist, sich bezieht, wird man das Richtige treffen, damit aber auch keinen Anlaß zur Verdächtigung haben. Christus wird die Substanz, Luzifer wird die Form geben. Und aus dem, was die beiden miteinander werden, werden die Einschläge kommen, die sich in die Menschheits-Geistesentwickelung hineinsenken und alles das herbeiführen werden, was zum Heil und zum Segen der Menschheit die Zukunft bringen wird.