Das Lukas-Evangelium
GA 114
19 September 1909, Basle
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Die großen Geistesströmungen der Menschheit, welche ihren Weg durch die Welt nehmen, haben alle ihre besondere Mission. Sie laufen nicht vereinzelt durch die Welt hin, sondern sie gehen nur durch gewisse Epochen hindurch getrennt; dann kreuzen sie sich in der mannigfaltigsten Weise und befruchten sich. Einen solchen großen, gewaltigen Zusammenfluß von Geistesströmungen der Menschheit sehen wir insbesondere in dem Ereignis von Palästina. Wir haben ja die Aufgabe, uns dieses Ereignis mit immer größerer Klarheit vor die Seele zu führen. Aber Weltanschauungen, wie sie ihren Weg nehmen, laufen nicht in der Art, daß sie, wie man es sich etwa abstrakt vorstellen könnte, gleichsam wie durch die Luft gehen und sich wie in einem Punkte vereinigen, sondern Weltanschauungen gehen durch Wesenheiten, durch Individualitäten. Wo eine Weltanschauung zuerst auftritt, muß sie getragen werden durch eine Individualität. Wo Geistesströmungen zusammenfließen und sich gegenseitig befruchten, da muß auch in denen, welche die Träger dieser Weltanschauungen sind, etwas ganz Besonderes vorgehen.
[ 2 ] Es mag mancher in dem gestrigen Vortrage sehr kompliziert gefunden haben, wie die beiden großen Geistesströmungen des Buddhismus und des Zarathustrismus sich im Konkreten in dem Ereignisse von Palästina begegnen. Würden wir nur abstrakt sprechen und nicht konkret auf die Ereignisse losgehen, so brauchten wir nur zu zeigen, wie diese beiden Weltanschauungen sich verbinden. Als Anthroposophen haben wir aber die Aufgabe, sowohl auf jene Individualitäten hinzuweisen, welche die Träger der beiden Weltanschauungen waren, wie auch auf das, was in ihnen vorhanden ist; denn der Anthroposoph soll vom Abstrakten immer mehr ins Konkrete hineinkommen. So darf es Sie nicht wundern, daß da,wo so etwas Großes, Gewaltiges geschehen sollte, auch einegroße äußere Komplikation der’Iatsachen vorhanden war, daß nicht ohne weiteres der Zarathustrismus und der Buddhismus zusammenfließen konnten. Das mußte langsam und allmählich vorbereitet werden.
[ 3 ] So sehen wir, wie der Buddhismus einströmte und wirkte in der Persönlichkeit, welche dem Joseph und der Maria aus der nathanischen Linie des Hauses David geboren wurde als das Kind, das uns durch das Lukas-Evangelium geschildert wird. Auf der anderen Seite haben wir, abstammend aus der salomonischen Linie des davidischen Geschlechtes, jenes Elternpaar Joseph und Maria mit dem Jesuskinde, das ursprünglich in Bethlehem wohnte und das uns der Schreiber des Matthäus-Evangeliums schildert. Dieser Jesusknabe aus der salomonischen Linie ist der Träger jener Individualität, die einst als Zarathustra die urpersische Kultur begründete. So haben wir am Ausgangspunkte unserer Zeitrechnung als tatsächliche Individualitäten nebeneinanderstehend die beiden Strömungen des Buddhismus auf der einen Seite, wie er uns zunächst im Lukas-Evangelium geschildert wird, und des Zarathustrismus auf der anderen Seite, wie er uns in dem Jesus aus der salomonischen Linie des Geschlechtes David durch Matthäus geschildert wird. Die Zeitpunkte der Geburten dieser beiden. Knaben fallen nicht genau zusammen.
[ 4 ] Ich muß natürlich heute etwas sagen, was in den Evangelien nicht steht; aber Sie werden gerade die Evangelien genauer verstehen, wenn Sie etwas aus der Akasha-Chronik erfahren, wovon die Evangelien zwar die Wirkungen und Folgen andeuten, was sie aber nicht selber erzählen konnten. Man muß festhalten, daß für alle Evangelien das gilt, was am Schlusse des Johannes-Evangeliums steht, «daß alle Bücher der Welt nicht ausreichen würden, um alle Tatsachen zu schildern, die zu schildern wären» (Johannes 21,25). Und die Offenbarungen, die durch das Christentum der Menschheit geworden sind, sind ja auch nicht solche, welche einmal abgeschlossen und in Büchern geschrieben sind und damit als Ganzes in Buchform der Welt gegeben worden wären. Wahr ist das Wort «Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende» (Matthäus 28, 20). Nicht als ein Toter, sondern als ein Lebendiger ist der Christus da, und was er uns zu geben hat, das können die, denen die geistigen Augen geöffnet sind, immer wieder von ihm erfahren. Das Christentum ist eine lebendige Geistesströmung, und seine Offenbarungen werden fortdauern, solange die Menschen imstande sind, die Offenbarungen aufzunehmen. So werden heute einige Tatsachen erwähnt werden, die sich in ihren Folgen in den Evangelien finden, die aber so nicht selbst darinnen stehen. Sie können sie aber durchaus an den äußeren Tatsachen prüfen, und Sie werden sie dann bewahrheitet finden.
[ 5 ] Einige Monate voneinander geschieden also lagen die Geburten der beiden Jesusknaben. Aber sowohl der Jesus des Lukas-Evangeliums wie auch der Johannes waren doch um so viel später geboren, daß sie der sogenannte bethlehemitische Kindermord nicht treffen konnte. Denn haben Sie einmal darüber nachgedacht, daß diejenigen, welche von dem bethlehemitischen Kindermord lesen, sich doch fragen müßten: Warum konnten wir denn einen Johannes dann noch haben? — Aber die Tatsachen sind solche, daß Sie sie gegen alles bewahrheitet finden können. Denken Sie sich, daß der Jesus des Matthäus-Evangeliums nach Ägypten geführt wird von seinen Eltern und daß kurz vorher oder zu gleicher Zeit der Johannes geboren wird. Der bleibt nach der gewöhnlichen Anschauung in Palästina, wo ihn doch eigentlich das hätte treffen müssen, was Herodes verhängt hat. Er hätte also eigentlich durch die Mordtat des Herodes sterben müssen und nicht da sein können. Sie sehen, daß man über alle diese Dinge wirklich nachdenken muß. Denn wenn damals wirklich alle Kinder getötet worden sind, die in den ersten zwei Lebensjahren waren, so hätte der Johannes mitgetötet werden müssen. Sie werden es aber erklärlich finden, wenn Sie die Tatsachen der Akasha-Chronik nehmen und sich klar sind, daß die Geschehnisse des Matthäus-Evangeliums und des Lukas-Evangeliums nicht in die gleiche Zeit fallen, so daß die Geburt des nathanischen Jesus nicht mehr in die Zeit des bethlehemitischen Kindermordes fällt. Und ebenso ist es mit dem Johannes. Obwohl nur Monate dazwischen sind, so genügen sie doch, um diese Tatsachen möglich zu machen.
[ 6 ] Ebenso werden Sie aus den intimeren Tatsachen den Jesus des Matthäus-Evangeliums verstehen lernen. In diesem Knaben wird die Individualität wiederverkörpert, die wir als den Zarathustra der urpersischen Kultur kennengelernt haben. Wir wissen von diesem Zarathustra, daß er einst die große Lehre von dem Ahura Mazdao, dem großen Sonnenwesen, seinem persischen Volke gegeben hat. Wir wissen, daß wir uns dieses Sonnenwesen so vorzustellen haben, daß es der geistig-seelische Teil von dem ist, wovon uns die äußere physische Sonne den physischen Teil darstellt. Daher konnte Zarathustra sagen: Sehet nicht nur die physische Sonne strahlen, sondern sehet das gewaltige Wesen, das geistig ebenso seine wohltätigen Wirkungen herunterschickt, wie die physische Sonne ihre wohltätigen Wirkungen in Licht und Wärme sendet. — Ahura Mazdao, den man später mit anderen Worten den Christus nannte, den verkündete Zarathustra dem persischen Volke. Er verkündete ihn noch nicht als ein Wesen, das auf der Erde gewandelt ist; er konnte nur hinweisen zur Sonne und sagen: Da oben wohnt er; er nähert sich allmählich der Erde und wird einstmals in einem Leibe auf der Erde wohnen.
[ 7 ] Hier kann uns auch der große, gewaltige Unterschied des Zarathustrismus und des Buddhismus aufgehen. Es ist ein tiefgehender Unterschied zwischen beiden, solange sie getrennt waren; und die Uhnterschiede gleichen sich aus in dem Momente, als sie durch die Ereignisse von Palästina zusammenfließen und wieder verjüngt werden.
[ 8 ] Lenken wir noch einmal den Blick zurück auf das, was der Buddha der Welt zu geben hatte. Wir haben die Lehre des Buddha aufgezählt als den achtgliedrigen Pfad, als das, was die Menschenseele als ihren Inhalt aufzunehmen hat, wenn sie den schlimmen Wirkungen des Karma entgehen will. Was Buddha der Welt gab, war das, was die Menschen im Laufe der Zeit aus ihrer eigenen Gesinnung und Moral zu entwickeln haben als Mitleid und Liebe. Ich habe Ihnen auch gesagt, daß in dem Augenblicke, als das Bodhisattva-Wesen in Buddha erschien, ein einzigartiger Zeitpunkt vorliegt. Wäre es damals nicht geschehen, daß der Bodhisattva vollständig in dem Leibe des großen Gautama Buddha erschienen wäre, dann hätte nicht in die eigene menschliche Seele aller Menschen dasjenige übergehen können, was wir Gesetzmäßigkeit, Dharma, nennen, die der Mensch aus sich selbst heraus nur entwickeln kann, wenn er seinen astralischen Inhalt aus sich heraussetzt, um sich zu befreien von allen schlimmen Wirkungen des Karma. Das wird uns auch in großartiger Weise in der Buddha-Legende angedeutet, indem gesagt wird, daß Buddha dahin gelangt, «das Rad des Gesetzes zu rollen». Das heißt, es ging wirklich von der Erleuchtung des Bodhisattva zum Buddha eine Stromwelle über die ganze Menschheit hin, und die Folge davon war, daß die Menschen jetzt aus ihrer eigenen Seele heraus Dharma entwickeln konnten und nach und nach sich hinaufschwingen können zu der ganzen Tiefe des achtgliedrigen Pfades. Dort liegt der Ursprung, als der Buddha zuerst die Lehre entwickelte, die eigentlich der moralischen Gesinnung der Erdenmenschen zugrunde zu legen war.
[ 9 ] Das war die Aufgabe dieses Bodhisattva. Und wie die einzelnen Aufgaben auf die großen Individualitäten verteilt sind, das ersehen wir, wenn wir ursprünglich im Buddhismus groß und gewaltig alles finden, was der Mensch in seiner eigenen Seele als sein großes Ideal erleben kann. Das Ideal der menschlichen Seele, was der Mensch ist und sein kann, das ist der Inhalt der Predigt des Buddha. Aber das war auch genug für diese Individualität. Alles ist Innerlichkeit im Buddhismus, alles bezieht sich auf den Menschen und seine Entwickelung, und wir finden nichts im ursprünglichen, wirklichen Buddhismus von dem, was wir kosmologische Lehren nennen können, wenn sie auch später hineingetragen worden sind. Es muß ja alles zusammengegliedert werden. Aber die eigentliche Mission des Bodhisattva war diese: den Menschen die Lehre von der Innerlichkeit der ureigenen Seele zu bringen. So lehnt es der Buddha in gewissen Predigten sogar ab, über die kosmischen Zusammenhänge etwas Besonderes zu sagen. Alles wird so geprägt, daß die menschliche Seele, wenn sie die Lehre des Buddha auf sich wirken läßt, immer besser und besser werden kann. Der Mensch wird aufgefaßt als ein Wesen in sich; abgesehen wird von dem großen Mutterschoße des Universums, aus dem der Mensch hervorgegangen ist. Weil das die besondere Mission des Bodhisattva war, deshalb wirkt die Lehre des Buddha, wenn sie wahr erkannt wird, so warm und innerlich auf die menschliche Seele, und deshalb erscheint sie der menschlichen Seele, die sich mit ihr befassen will, so gefühlsmäßig durchdrungen, so innerlich warm da, wo sie, wiederum verjüngt, in dem Evangelium des Lukas auftritt.
[ 10 ] Eine ganz andere Aufgabe hatte die Individualität, die als Zarathustra im alten persischen Volke inkarniert war, ganz die entgegengesetzte Aufgabe. Zarathustra lehrte, den Gott draußen, den großen Kosmos geistig zu begreifen und geistig zu durchdringen. Buddha lenkte den Blick auf die Innerlichkeit und sagte: Wenn sich der Mensch entwickelt, so treten aus dem Nichtwissen allmählich auf die «sechs Organe», die wir aufgezählt haben als die fünf Sinnesorgane und das Manas. — Alles aber, was im Menschen ist, ist aus der großen Welt herausgeboren. Wir hätten kein lichtempfindendes Auge, wenn das Licht nicht das Auge aus dem Organismus herausgeboren hätte. «Das Auge ist am Lichte für das Licht geschaffen», sagt Goethe. Das ist eine tiefe Wahrheit. Aus gleichgültigen Organen, die einst im Menschenleibe waren, hat das Licht das Auge herausgebildet. Ebenso bilden alle geistigen Kräfte in der Welt am Menschen. Was in ihm innerlich ist, das ist zuerst aus den göttlich-geistigen Kräften zusammenorganisiert. Für alles Innerliche findet sich daher ein Außerliches. Es strömen von außen die Kräfte in den Menschen ein, die dann in ihm sind. Und Zarathustra hatte die Aufgabe, auf das hinzuweisen, was Äußeres ist, was in der Umgebung des Menschen ist. Daher sprach er zum Beispiel von den Amshaspands, von den großen Genien, von denen er zunächst sechs aufzählte - eigentlich sind es zwölf, aber die anderen sechs sind verborgen. Diese Amshaspands wirken von außen organisierend als die Bildner und Gestalter der Organe des Menschen. Zarathustra zeigte, wie hinter den Sinnesorganen des Menschen die Schöpfer des Menschen stehen. Auf die großen Genien, auf die Kräfte, die wir außer uns finden, wies Zarathustra hin. Was als Kräfte im Menschen wirkt, was verborgene Kräfte im Menschen sind, darauf wies Buddha hin. Zarathustra aber wies dann auf diejenigen Kräfte und Wesenheiten, die unter den Amshaspands stehen, die er die achtundzwanzig Izards oder Izeds nannte, und die wieder von außen in den Menschen hineinwirken, um mit an seiner inneren Organisation zu arbeiten. Also wieder auf das Geistige im Kosmos, auf die äußeren Zusammenhänge wies Zarathustra hin. Und während der Buddha auf die eigentliche Denksubstanz hinwies, woraus die Gedanken aus der menschlichen.Seele aufsteigen, wies Zarathustra zu den Farohars oder Feruers oder Frawarschai hin, zu den weltschöpferischen Gedanken, die uns umgeben, die überall in der Welt zerstreut sind. Denn was der Mensch an Gedanken hat, das ist überall in der Welt draußen vorhanden.
[ 11 ] So hatte Zarathustra eine Weltanschauung zu verkünden, die sich mit der Entzifferung, mit der Zergliederung der äußeren Welt zu befassen hatte. Er hatte eine Weltanschauung für ein Volk zu liefern, das äußerlich Hand anzulegen, das die äußere Welt zu bearbeiten hatte. Ganz im Einklang ist die Mission des Zarathustra mit den Charaktereigentümlichkeiten des urpersischen Volkes. So könnten wir auch sagen, daß es dem Zarathustra beschieden war, Kraft und Tüchtigkeit in der äußeren Weltenwirkung heranzuerziehen, wenn dies auch zunächst in einer vielleicht für den heutigen Menschen abstoßenden Weise zum Ausdruck kam. Kraft und Tüchtigkeit und Sicherheit für das äußere Wirken zu erzeugen durch das Wissen, daß der Mensch nicht nur in seinem Innern geborgen ist, sondern daß er im Schoße einer göttlichgeistigen Welt ruht, das war die Mission des Zarathustra — hinzuweisen darauf, daß der Mensch sich sagt: Wo du auch immer im Weltall stehst, du stehst nicht allein, du stehst in einem durchgeistigten Kosmos und bist ein Teil der Weltengötter und Weltengeister, du bist herausgeboren aus dem Geiste und ruhst darinnen. Mit jedem Atemzuge saugst du göttlichen Geist ein, mit jedem Atemzuge magst du dem großen Geiste ein Opfer bringen, indem du ausatmest. — Daher mußte auch die Einweihung des Zarathustra entsprechend seiner Mission eine andere sein als die der anderen großen Missionare der Menschheit.
[ 12 ] Erinnern wir uns nun, was jene Individualität tun durfte, die in Zarathustra inkarniert war. Sie stand auf einer solchen Höhe der Entwickelung,.daß sie vorsorgen konnte für die nächste Kulturströmung nach der urpersischen, für die ägyptische Kultur. — Zwei Schüler hatte Zarathustra: diejenige Individualität, die später als der ägyptische Hermes wiedererschien, und jene, die später als Moses wiedererschien. Und als die beiden Individualitäten wieder in der Menschheit zu ihrem weiteren Wirken inkarniert wurden, da wurde der Astralleib des Zarathustra, den er als Opfer hingegeben hatte, dem Hermes eingegliedert. Eine Wiederverkörperung des Astralleibes des Zarathustra haben wir in dem ägyptischen Hermes zu sehen. Hermes trug in sich den Astralleib des Zarathustra, der ihm übergeben wurde, damit alles, was Zarathustra an äußerer Weltwissenschaft in sich aufgenommen hatte, in der äußeren Welt wiedererstehen konnte. Und es wurde an Moses der Ätherleib des Zarathustra übertragen; und weil mit dem Ätherleibe alles verknüpft ist, was sich in der Zeit entwickelt, so konnte Moses, als er sich der Geheimnisse seines Ätherleibes bewußt wurde, auferwecken die Vorgänge in der Zeit in großen, gewaltigen Bildern, wie sie uns in der Genesis entgegentreten. So wirkte Zarathustra durch die Gewalt seiner Individualität weiter, inaugurierend, influenzierend die ägyptische Kultur und das, was sich aus dieser bildete als die althebräische Kultur.
[ 13 ] Eine solche Individualität ist zu Großem berufen auch durch ihr Ich. Das Ich des Zarathustra inkarnierte sich in anderen Persönlichkeiten immer wieder. Denn eine Individualität, die es so weit gebracht hat, kann sich immer wieder einen astralischen Leib heiligen und einen Ätherleib stark machen, auch wenn sie die ursprünglichen abgegeben hat. So wurde auch Zarathustra wiedergeboren und erschien wieder sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung im alten Chaldäa als Zarathas oder Nazarathos, der der Lehrer der chaldäischen Geheimschule wie auch der Lehrer des Pythagoras wurde und große, gewaltige Einblicke in die äußere Welt gewinnen konnte. Wenn wir uns mit wahrem Verständnis in die Weisheit der Chaldäer hineinversetzen mit dem, was uns nicht die Anthropologie, sondern die Anthroposophie zu geben vermag, dann bekommen wir eine Ahnung davon, was Zarathustra als Zarathas in den Geheimschulen der alten Chaldäer lehren konnte.
[ 14 ] Alles, was Zarathustra lehren und der Welt bringen konnte, das zielte, wie wir gesehen haben, auf die äußere Welt ab, um in die äußere Welt Ordnung und Harmonie zu bringen. Daher war auch die Kunst, Reiche zu bilden und zu organisieren, wie esdem Fortgange der Menschheit entspricht, und was die sozialeOrdnung möglich macht, die Mission des Zarathustra. Und daher können diejenigen, die zu den Schülern des Zarathustra gehörten, mit Recht nicht nur große Magier, große Eingeweihte, sondern auch immer Könige genannt werden, das heißt solche, welche die Kunst der Herstellung äußerer sozialer Organisation und Ordnung kennen.
[ 15 ] Eine ungeheure Anhänglichkeit entwickelte sich in den Schulen der Chaldäer zu der Individualität — nicht zu der Persönlichkeit — des Zarathustra. Sie fühlten sich verwandt, diese Weisen des Morgenlandes, mit ihrem großen Führer. Sie sahen in ihm den Stern der Menschheit, denn «Zoroaster» ist eine Umschreibung des Wortes «Goldstern» oder «Stern des Glanzes». Sie sahen in ihm einen Abglanz der Sonne selbst. Und aus ihrer tiefen Weisheit heraus konnte es ihnen nicht verborgen bleiben, als ihr Meister in Bethlehem wiedererschien. Da wurden sie durch ihren Stern geführt und brachten ihm die äußeren Zeichen für das Beste, was er den Menschen hatte geben können. Das Beste, was man einem Menschen aus der Zarathustra-Strömung geben konnte, war das Wissen von der äußeren Welt, von den Geheimnissen des Kosmos, aufgenommen in den menschlichen Astralleib, in Denken, Fühlen und Wollen, so daß die Zarathustra-Schüler ihr Denken, Fühlen und Wollen, die Kräfte ihrer Seele, durchsetzen wollten mit der Weisheit, die man einsaugen kann aus den tiefen Grundlagen der göttlich-geistigen Welt. Für dieses Wissen, das man sich durch die Einsaugung der äußeren Geheimnisse zu eigen machen kann, hatte man als Symbole Gold, Weihrauch und Myrrhen: Gold als Symbolum für das Denken, Weihrauch für die Frömmigkeit, für das, was uns als Fühlen durchdringt, und Myrrhen für die Kraft des Wollens. So zeigten sie ihre Zusammengehörigkeit mit ihrem Meister, als sie vor ihm erschienen, da er wiedergeboren wurde in Bethlehem. Daher erzählt uns der Schreiber des Matthäus-Evangeliums tatsächlich richtig, wie die Weisen, unter denen der Zarathustra gewirkt hatte, wußten, daß er wiedererschienen war unter den Menschen, und wie sie durch die drei Symbole - Gold, Weihrauch und Myrrhen -, die Symbole für das Beste, was er ihnen gegeben hat, ihre Verwandtschaft mit ihm ausdrückten (Matthäus 2,11).
[ 16 ] Es handelte sich nun darum, daß der Zarathustra in der Gestalt des Jesus aus der salomonischen Linie des davidischen Geschlechtes kraftvoll wirken konnte, um in einer verjüngten Gestalt alles der Menschheit wiederzugeben, was er ihr schon früher gegeben hatte. Er mußte dazu alle Kraft zusammenfassen, die er schon einmal besessen hatte. Daher konnte er auch zunächst nicht in einen Leib hineingeboren werden, der aus der priesterlichen Linie des Hauses David stammte, sondern nur in einen solchen aus der königlichen Linie. Damit ist im Matthäus-Evangelium ausgedrückt die Verwandtschaft des Königsnamens im alten Persien mit der Abstammung jenes Kindes, in das Zarathustra inkarniert wurde. Auf diese Geschehnisse haben auch die alten Weisheitsbücher Vorderasiens immer hingedeutet. Wer diese Weisheitsbücher wirklich versteht, der liest sie anders als jene, welche die Tatsachen nicht kennen und daher alles durcheinanderwerfen. Da haben wir zum Beispiel im Alten Testament zwei Prophezeiungen, eine in den Apokryphen des Henoch, die mehr hinweist auf den nathanischen Messias aus der priesterlichen Linie, und eine in den Psalmen, die hingeht auf den Messias aus der königlichen Linie. Alles einzelne, was in den Schriften gemeint ist, stimmt mit den Tatsachen, die wir aus der Akasha-Chronik gewinnen können, überein. Aber alles einzelne mußte der Zarathustra jetzt zusammennehmen, was einst an Kräften in ihm war. An die ägyptische und an die althebräische Kultur - an Hermes und an Moses — hatte er abgegeben, was in seinem Astralleibe und in seinem ÄÄtherleibe war. Damit mußte er sich wieder vereinigen. Er mußte gleichsam wieder zurückholen die Kräfte seines Ätherleibes aus Agypten. Ein tiefes Geheimnis tut sich da vor unseren Augen auf: der Jesus der salomonischen Linie des Hauses David, der der wiederverkörperte Zarathustra ist, muß nach Ägypten geführt werden; und er wird dahin geführt. Denn da sind dieKräfte, die seinem Astralleib und Ätherleib entströmt sind, die er abgegeben hat zuerst an Hermes und dann an Moses. Weil er auf die ägyptische Kultur gewirkt hatte, mußte er gleichsam wieder zurückholen die Kräfte, die er dahin abgegeben hatte. Deshalb die «Flucht nach Ägypten» und das, was geistig geschah, die Aufsaugung aller der Kräfte, die er jetzt brauchte, um kraftvoll der Menschheit in verjüngter Form das wiederzugeben, was er ihr in den verflossenen Zeiten gegeben hatte.
[ 17 ] So sehen wir, wie der bethlehemitische Jesus, dessen Eltern also früher in Bethlehem ansässig waren, von Matthäus richtig geschildert wird. Nur Lukas erzählt, daß die Eltern seines Jesus in Nazareth ansässig waren, daß sie zur Schätzung nach Bethlehem gingen und daß in dieser kurzen Zeit der Jesus des Lukas dort geboren wurde, worauf dann die Eltern wieder nach Nazareth zurückgingen. Im MatthäusEvangelium wird nur darauf hingewiesen, daß der Jesus in Bethlehem geboren wird und daß er nach Ägypten geführt werden muß. Erst nach der Rückkehr aus Ägypten siedeln sich seine Eltern in Nazareth an, um den Jesus, der der wiederverkörperte Zarathustra ist, in der Nähe dessen zu haben, der die andere Strömung, den Buddhismus darstellt. So werden im Konkreten die beiden Weltanschauungen zusammengeführt.
[ 18 ] Wo die Evangelien ganz tief werden, da zeigen sie uns auch in aller Tiefe das, worum es sich handelt. Was bei den Menschen mehr zusammenhängt mit dem Wollen und der Kraft, mit dem königlichen Element - wenn wir den Ausdruck technisch gebrauchen -, von dem wußten die Menschen, welche die Geheimnisse des Daseins kannten, daß es in der äußeren Vererbung übertragen wird von dem väterlichen Element. Was aber zusammenhängt mit dem innerlichen Element, mit Weisheit und innerer Beweglichkeit des Geistes, das wird übertragen durch das mütterliche Element. Goethe, der so tief in die Geheimnisse des Daseins hineingeschaut hat, deutet uns diesen Zusammenhang in den Worten an:
Vom Vater hab’ ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren
[ 19 ] — eine Wahrheit, die Sie so oft in der Welt bestätigt finden können. Die Statur, die äußere Gestalt, was sich in der äußeren Gestalt unmittelbar ausdrückt, und «des Lebens ernstes Führen», was mit dem Charakter des Ich zusammenhängt, das ererbt der Mensch von dem väterlichen Element. Deshalb mußte der salomonische Jesus vor allem von dem väterlichen Element die Kraft erben, weil es immer seine Mission war: die Überführung dessen in die Welt, was die Welt im Raume an göttlichen Kräften umstrahlt. Das drückt der Schreiber des Matthäus-Evangeliums so großartig aus, wie man es nur ausdrücken kann. Daß sich eine besondere Individualität verkörpern wird, das wird aus der geistigen Welt heraus als ein bedeutsames Ereignis verkündet, und es wird nicht der Maria, sondern dem Vater, dem Joseph, verkündet (Matthäus 1, 20-21). Hinter alledem verbergen sich die tiefsten Wahrheiten; nicht als Zufälliges darf man so etwas nehmen. — Auf den Jesus aus der nathanischen Linie gingen über die innerlichen Eigenschaften, die sich von der Mutter vererben. Daher mußte der Jesus des LukasEvangeliums der Mutter verkündet werden, und wir sehen auch im Lukas-Evangelium die Verkündigung an die Mutter geschehen (Lukas 1, 26-38). So tief drücken sich die Tatsachen in den religiösen Schriften aus. Aber gehen wir weiter.
[ 20 ] Auch in all den anderen Tatsachen, die geschildert werden, drückt sich Bedeutsames aus. Zunächst soll der Vorläufer des Jesus von Nazareth in dem Täufer Johannes der Menschheit erstehen. Wir können uns erst im Laufe der Zeit näher auf die Individualität des Täufers einlassen. Nehmen wir ihn zunächst hin, wie er uns im Bilde entgegentritt, wie er vorherzuverkünden hat, was da kommen soll in dem Jesus. Er verkündet es, indem er mit einer unendlich starken Kraft alles zusammenfaßt, was im äußeren Gesetz, was in der alten Verkündigung lag. Daß die Menschen halten, was im Gesetz geschrieben steht, was alt geworden ist in der Kultur, was die Menschen aber vergessen haben, was reif ist, was die Menschen aber nicht mehr beachten, das will ihnen der Täufer bringen. Er muß daher vor allen Dingen die Kraft in sich haben, die eine Seele hat, die reif, überreif in die Welt hineingeboren wird. Er wird geboren von einem alten Elternpaare, wird so geboren, daß sein astralischer Leib von Anfang an gegenüber all den Kräften, die den Menschen herunterziehen, rein und geläutert ist, weil Leidenschaft und Begierde bei dem alten Elternpaar nicht mitwirken. Das ist wiederum eine tiefe Weisheit, die uns da im Lukas-Evangelium angedeutet wird (Lukas 1, 18). Für eine solche Individualität wird auch von der großen Mutterloge der Menschheit aus gesorgt. Da, wo der große Manu die Vorgänge im Geistigen lenkt und leitet, da werden die Ströme dahin gesendet, wo sie gebraucht werden. Ein solches Ich wie das Ich Johannes des Täufers wird hineingeboren in einen Leib unmittelbar unter der Lenkung und Leitung der großen Mutterloge der Menschheit, der Zentralstätte des irdischen Geisteslebens. Aus derselben Stätte stammte das Johannes-Ich, aus der auch das Seelenwesen für das Jesuskind des Lukas-Evangeliums stammte, nur daß dem Jesus mehr jene Eigenschaften übergeben wurden, die noch nicht durchdrungen waren von dem egoistisch gewordenen Ich, das heißt, eine junge Seele wird dorthin gelenkt, wo der wiedergeborene Adam inkarniert werden soll.
[ 21 ] Es wird Ihnen sonderbar erscheinen, daß hier einmal von der großen Mutterloge aus an eine Stätte eine Seele hingelenkt werden konnte ohne ein eigentliches ausgebildetes Ich. Denn dasselbe Ich, das im Grunde genommen dem Jesus des Lukas-Evangeliums vorenthalten wird, das wird dem Körper Johannes des Täufers beschert, und dieses beides, was als Seelenwesen lebt im Jesus des Lukas-Evangeliums und was als Ich im Täufer Johannes lebt, das steht von Anfang an in einer innerlichen Beziehung. Wenn. sich der menschliche Keim im mütterlichen Leibe entwickelt, dann vereinigt sich allerdings in der dritten Woche das Ich mit den anderen Gliedern der menschlichen Organisation, aber es kommt erst in den letzten Monaten vor der Geburt nach und nach zur Wirksamkeit. Da erst wird das Ich eine innerliche, bewegende Kraft. Denn in einem normalen Falle, wo das Ich in gewöhnlicher Weise wirkt, um den Menschenkeim zur Bewegung zu bringen, da haben wir es mit einem Ich zu tun, das aus früheren Inkarnationen herstammt und den menschlichen Keim zur Bewegung bringt. Hier aber, bei dem Johannes, haben wir es mit einem Ich zu tun, das in Zusammenhang steht mit der Seelenwesenheit des nathanischen Jesus. Daher muß sich im Lukas-Evangelium die Mutter des Jesus zu der Mutter des Täufers Johannes begeben, als diese im sechsten Monate der Schwangerschaft ist, und was sonst durch das eigene Ich angeregt wird in der eigenen Persönlichkeit, das wird hier angeregt durch die andere Leibesfrucht. Das Kind der Elisabeth beginnt sich zu bewegen, als sich ihm nähert die Frau, die das Jesuskind in sich trägt; denn es ist das Ich, durch welches das Kind in der anderen Mutter angeregt wird (Lukas 1, 39-44). So tief ist der Zusammenhang zwischen demjenigen, der da wirken sollte zu dem Zusammenströmen der beiden Geistesströmungen, und dem, der ihn vorherverkünden sollte.
[ 22 ] So sehen wir, wie im Beginne unserer Zeitrechnung in der Tat etwas vor sich geht, was außerordentlich großartig ist. Wenn die Menschen die Wahrheit gewöhnlich gern einfach haben möchten, so rührt das von der menschlichen Bequemlichkeit her, die sich nicht gerne viel Begriffe machen will; aber die größten Wahrheiten sind auch nur durch die größten Anstrengungen der geistigen Kräfte zu schauen. Wenn der Mensch schon die größten Anstrengungen machen muß, um eine Maschine zu beschreiben, so darf er erst recht nicht verlangen wollen, daß die größten Wahrheiten auch die einfachsten sein sollen. Die Wahrheit ist groß und deshalb kompliziert, und wir müssen unsere geistigen Kräfte schon anstrengen, wenn wir nach und nach die Wahrheiten verstehen wollen, die sich auf das Ereignis von Palästina beziehen. Es möge sich auch keiner dem Einwand hingeben, daß die Dinge zu kompliziert dargestellt würden; sie werden so dargestellt, wie sie sind, und sie sind so, weil wir es mit der größten Tatsache der Erdenentwickelung zu tun haben.
[ 23 ] So sehen wir zwei Jesuskinder heranwachsen, einmal den Sohn des nathanischen Elternpaares Joseph und Maria, und wir sehen diesen Sohn geboren werden von einer jungen Mutter - im Hebräischen würde man das Wort Alma dafür gebraucht haben -; denn das, was als eine junge Seele wirken sollte, mußte von einer ganz jungen Mutter geboren werden. Mit diesem Sohne wohnte dasElternpaar nach der Rückkehr aus Bethlehem wieder in Nazareth. Sie hatten keine anderen Kinder. Es war der Mutter aufgespart, einzig und allein die Mutter dieses Jesus zu sein.— Dann haben wir den Jesus des Elternpaares Joseph und Maria aus der salomonischen Linie. Nachdem dieses Elternpaar aus Ägypten zurückgekehrt und nach Nazareth übergesiedelt war, bekam es noch eine Reihe von Kindern, die Sie im Markus-Evangelium angeführt finden: Simon, Judas, Joses, Jakobus und auch zwei Schwestern (Markus 6, 3). — Die beiden Jesuskinder wachsen heran. Das Kind, welches die Zarathustra-Individualität in sich birgt, entwickelt nach und nach mit einer ungeheuer schnellen Reifung diejenigen Kräfte, die es entwickeln muß, wenn eine so mächtige Individualität in dem Körper tätig ist. Die Individualität, die in dem Körper des anderen Jesus tätig ist, ist von anderer Art. Das Wichtigste ist ja an ihr der Nirmanakaya des Buddha. Das ist etwas, was auf diesem Kinde ruht. Daher wird uns auch gesagt, als die Eltern von Jerusalem zurückkommen: Das Kind ist voll Weisheit — das heißt, in seinem Ätherleibe ist es durchströmt von Weisheit -, und die Gnade des Gottes ist über ihm (Lukas 2, 40). Aber es wuchs so heran, daß es die gewöhnlichen menschlichen Eigenschaften, die sich auf Verstehen und Erkennen in der äußeren Welt beziehen, außerordentlich langsam entwickelte. Der triviale Mensch würde gerade dieses Jesuskind ein «verhältnismäßig zurückgebliebenes Kind» genannt haben, wenn er nur auf das gesehen hätte, was Kräfte zum Verstehen und Begreifen der äußeren Welt sind. Dafür aber entwickelte sich gerade in diesem Kinde das, was herunterströmte aus dem es beschattenden Nirmanakaya des Buddha. Es entwickelte eine Tiefe der Innerlichkeit, die sich mit nichts an Innerlichkeit in der Welt vergleichen läßt. Es entwickelte sich eine Gefühlstiefe in dem Knaben, die auf die ganze Umgebung in außerordentlicher Art wirkte. - So sehen wir eine gefühlstiefe Wesenheit in dem nathanischen Jesus heranwachsen, und wir sehen eine Individualität mit einer ungeheuren Reife, mit einem tiefen Weltverständnis in dem salomonischen Jesus heranwachsen.
[ 24 ] Nun war der Mutter des nathanischen Jesus, jenes gefühlstiefen Kindes, Bedeutsames gesagt worden. Schon als Simeon dem neugeborenen Kinde gegenüberstand und es überstrahlt sah von dem, den er einst in Indien als Buddha noch nicht hatte sehen können, da sagte er voraus das Große und Gewaltige, was sich jetzt vollziehen sollte; aber er sagte auch die großen, bedeutungsvollen Worte von dem «Schwert, das der Mutter durch das Herz gehen» sollte (Lukas 2, 35). Auch dieses Wort bezieht sich auf etwas, was wir heute noch verstehen lernen wollen.
[ 25 ] In unmittelbarer Nachbarschaft und unter den freundschaftlichen Beziehungen der Eltern wuchsen die beiden Kinder heran und entwickelten sich beide ungefähr bis zu ihrem zwölften Jahre. Als das zwölfte Jahr des nathanischen Jesus herankam, begaben sich dessen Eltern nach Jerusalem, wie gesagt wird, der Sitte gemäß, um an dem Osterfeste teilzunehmen, und sie nahmen das Kind mit, wie es gebräuchlich war, wenn die Kinder reif wurden. Nun findet sich im Lukas-Evangelium in außerordentlich geheimnisvoller Weise eine Erzählung von dem zwölfjährigen Jesus im Tempel. Es heißt da: Als sich die Eltern wieder zurückbegaben von dem Fest, vermißten sie plötzlich den Knaben, und als sie ihn nirgends unter der Reisegesellschaft fanden, da begaben sie sich wieder zurück und fanden ihn im Tempel mitten unter den großen Lehrern, alle erstaunend durch seine Weisheit (Lukas 2, 41-50).
[ 26 ] Was war da geschehen? Fragen wir darüber die unvergängliche Akasha-Chronik. Die Tatsachen der Welt sind nicht so ganz einfach. Was hier geschehen war, das geschieht in anderer Weise auch sonst in der Welt. Es kommt vor, daß eine Individualität auf einer gewissen Entwickelungsstufe andere Bedingungen braucht, als sie ihr von Anfang an gegeben wurden. Daher kommt es immer wieder vor, daß ein Mensch bis zu einem gewissen Lebensalter heranwächst —- und dann auf einmal in Ohnmacht fällt und wie tot ist. Da geht dann eine Umwandlung vor sich: es verläßt ihn sein eigenes Ich, und ein anderes Ich nimmt in seiner Körperlichkeit Platz. Eine solche Umlagerung des Ich findet auch in anderen Fällen statt; das ist eine Erscheinung, die jeder Okkultist kennt. Hier, bei dem zwölfjährigen Jesus war folgendes geschehen: Jene Ichheit, die bis dahin als Zarathustra-Ichheit den Körper des Jesus aus der königlichen Linie des davidischen Geschlechtes gebrauchte, um auf die Höhe seiner Zeit zu kommen, drang aus dem Körper des salomonischen Jesusknaben heraus und übertrug sich auf den nathanischen Jesus, der daher wie ein Verwandelter erschien. Die Eltern erkannten ihn nicht wieder, sie verstanden seine Worte nicht. Denn jetzt sprach aus dem nathanischen Jesus das Zarathustra-Ich, das sich auf ihn übertragen hatte. Das war der Zeitpunkt, als der Nirmanakaya des Buddha sich mit dem ausgeschiedenen astralischen Mutterleibe vereinigte, und das war auch der Zeitpunkt, da sich das Zarathustra-Ich mit dem nathanischen Jesus vereinigte. Jetzt lebte das Zarathustra-Ich in dem nathanischen Jesus. Und dieses Kind, das so verwandelt war,daß es dieEltern nicht verstehen konnten, das nahmen sie jetzt mit nach Hause.
[ 27 ] In nicht zu ferner Zeit starb dann die Mutter dieses Jesuskindes, so daß dieses Kind, in dem das Zarathustra-Ich jetzt wohnte, von mütterlicher Seite her verwaist war. Wir werden sehen, daß die Tatsache, daß diese Mutter starb und das Kind verwaist zurückließ, noch auf einen besonders tiefen Zusammenhang hinweist. -— Auch das andere Kind konnte nicht unter gewöhnlichen Verhältnissen fortleben, als das Zarathustra-Ich es verlassen hatte. Der Joseph aus der salomonischen Linie war schon früher gestorben, und die Mutter des salomonischen Jesuskindes mit ihren Kindern, dem Jakobus, Joses, Judas, Simon und den beiden Töchtern, wurde in dem Hause des nathanischen Joseph aufgenommen, so daß also der Zarathustra jetzt wieder zusammenlebte mit derjenigen Familie, in die er sich hineininkarniert hatte, bis auf den Vater. Auf diese Weise haben sich die beiden Familien in eine zusammengesetzt, und so lebt denn die Mutter der Geschwister — wir können sie Geschwister nennen, denn nach dem Ich hin sind sie Geschwister — in dem Hause des nathanischen Joseph mit dem Jesus, der aber seiner Vaterstadt nach, leiblich, in Nazareth heimisch war. So lebte er mit ihnen zusammen.
[ 28 ] So sehen wir im Konkreten den Zusammenfluß des Buddhismus und des Zarathustrismus. Denn jener Leib, in dem die reife Ich-Seele des Zarathustra war, konnte das in sich aufnehmen und mit sich vereinigen, was dadurch geworden war, daß der Nirmanakaya des Buddha die abgegebene astralische Mutterhülle des nathanischen Jesus aufgenommen hatte. So sehen wir jetzt eine Individualität heranwachsen in dem Jesus von Nazareth, die in sich trägt die Ichheit des Zarathustra, welche bestrahlt und durchgeistigt ist von dem verjüngten Nirmanakaya des Buddha. Was der Zusammenfluß des Buddhismus und des Zarathustrismus ist, das sehen wir in der Seele des Jesus von Nazareth auf diese Art leben. Da auch der Joseph aus der nathanischen Linie starb, und zwar verhältnismäßig früh, so ist eigentlich in Wahrheit das ZarathustraKind ein Waisenkind; es fühlt sich verwaist. Es ist nicht das, was es seiner leiblichen Abstammung nach ist. Es ist dem Geiste nach der wiedererstandene Zarathustra. Der leiblichen Abstammung nach ist sein Vater der Joseph der nathanischen Linie, und der äußeren Anschauung nach mußte es die Welt dafür halten. Lukas erzählt es uns genau, und wir müssen seine Worte genau nehmen:
«Und es begab sich, da sich alles Volk taufen ließ und Jesus auch getauft war und betete, daß sich der Himmel auftat; und der Heilige Geist fuhr hernieder in leiblicher Gestalt auf ihn wie eine Taube, und eine Stimme kam aus dem Himmel, die sprach: Du bist mein lieber Sohn, heute habe ich dich gezeugt. Und Jesus war, da er anfing zu wirken, ungefähr dreißig Jahre alt...»
[ 29 ] und jetzt wird nicht einfach gesagt, daß er ein Sohn des Joseph ist, sondern es heißt:
[ 30 ] «...und ward gehalten für einen Sohn Josephs» (Lukas 3, 21-23), denn das Ich hatte sich ursprünglich in dem salomonischen Jesus inkarniert, hatte also im Grunde nichts mit dem nathanischen Joseph zu tun.
[ 31 ] Nun haben wir eine einheitliche Wesenheit vor uns in dem Jesus von Nazareth, die ein großes, gewaltiges Inneres hatte, in dem sich alles vereinigte, was wir an Segnungen des Buddhismus, und alles, was wir an Segnungen des Zarathustrismus erkennen. Jene Innerlichkeit war zu Großem, Gewaltigem später berufen. Mit ihr mußte noch etwas ganz anderes geschehen als mit denen, die Johannes im Jordan taufte. Und wir werden sehen, daß später diese Innerlichkeit die Individualität des Christus im Jordan aufzunehmen hatte. Da senkte sich auch wieder das Unsterbliche der ursprünglichen Mutter des nathanischen Jesus herab und verwandelte diejenige Mutter, die in dem Hause des ° nathanischen Joseph aufgenommen war, und machte sie wieder jungfräulich, so daß die Seele jener Mutter, die der Jesus verloren hatte, ihm bei der Johannes-Taufe wiedergegeben wird. Diese Mutter, die ihm geblieben ist, birgt also in sich die Seele seiner ursprünglichen Mutter, die in der Bibel die gebenedeite Maria genannt wird (Lukas 1, 28).
