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The Rudolf Steiner Archive

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Das Lukas-Evangelium
GA 114

20 September 1909, Basle

Sechster Vortrag

[ 1 ] Es wird uns verhältnismäßig leicht werden, die Einzelheiten des LukasEvangeliums zu verstehen, wenn wir zuerst in der entsprechenden Weise vorgearbeitet haben, so daß diejenigen Wesenheiten und Individualitäten, die in Betracht kommen, gewissermaßen lebendig vor uns stehen, daß wir wissen, mit wem wir es eigentlich zu tun haben. Daher dürfen Sie es sich nicht verdrießen lassen, wenn wir sozusagen viel «Vorgeschichte» haben. Erst müssen wir die große Gestalt, die im Mittelpunkt der Evangelien steht, in ihrer ganzen komplizierten Wesenheit kennenlernen, und auch einiges andere, ohne das wir niemals würden fassen können, was uns dann in aller Einfachheit im Lukas-Evangelium entgegentritt.

[ 2 ] Da müssen wir zuerst an etwas erinnern, was wir schon in den letzten Tagen besprechen konnten: an die große Bedeutung jener einzigartigen Wesenheit, die wir als den Buddha bezeichnen, und von der wir sagen konnten, daß sie im fünften bis sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung eben vom Bodhisattva zum Buddha sich erhob. Wir haben charakterisiert, was das für die Menschheit bedeutete, und wir wollen uns das noch einmal genau vor die Seele stellen.

[ 3 ] Was der Inhalt der Lehre des Buddha ist, das mußte sozusagen einmal der Menschheit als ihr Eigentum übergeben werden. Wenn wir hinter das Zeitalter des Buddha zurückgehen würden, so würden wir für alle vorhergehenden Epochen der Menschheit sagen müssen: Es hat in diesen Zeiten keinen Menschen auf unserer Erde geben können, der aus sich selbst heraus diese Lehre vom Mitleid und der Liebe hätte finden können, die sich in dem achtgliedrigen Pfade ausdrückt. Die menschliche Entwickelung war noch nicht so weit, daß irgendeine Seele ‚durch Versenkung in das eigene Nachdenken, in die eigene Empfindung diese Wahrheiten l:ätte finden können. Alles wird ja erst in der Welt, alles entsteht erst, und für alles, was entstehen soll, müssen die Ursachen gegeben werden. Auf welche Weise konnten die Menschen in früheren Zeiten zum Beispiel dieGrundsätze des achtgliedrigen Pfades befolgen? Sie konnten es nur dadurch, daß sie ihnen in gewisser Weise überliefert wurden, daß sie ihnen wie eingeflößt wurden aus den okkulten Schulen der Eingeweihten und der Seher. Innerhalb der Mysterien, innerhalb der okkulten Schulen der Seher lehrte eben der Bodhisattva, weil in solchen Schulen die Möglichkeit gegeben war, sich hinaufzuheben zu den höheren Welten und dasjenige zu empfangen, was dem äußeren Menschenverstande, der äußeren Menschenseele noch nicht gegeben werden konnte. Das mußte aber in diesen alten Zeiten von denen, die der Gnade teilhaftig werden konnten, direkt mit den Lehrern in den okkulten Schulen in Verkehr zu kommen, der übrigen Menschheit sozusagen eingeflößt werden. Ohne daß die Menschen selbst auf die Grundsätze hätten kommen können, mußte ihr Leben so beeinflußt werden, daß es sich im Sinne dieser Grundsätze abspielte. Es befolgten also jene Menschen, die außerhalb der Mysterien lebten, in einer gewissen Weise unbewußt, was ihnen wie unbewußt auch gegeben wurde von denen, die ihnen aus den okkulten Schulen heraus das geben konnten. Es war noch kein Menschenleib auf der Erde, der so hätte organisiert werden können, auch wenn alles Geistige in ihn eingedrungen wäre, daß der Mensch aus sich selbst heraus den Inhalt des achtgliedrigen Pfades hätte finden können. Das mußte eine Offenbarung von oben sein, durch die entsprechenden Wege vermittelt. Daraus aber folgt, daß ein solches Wesen wie der Bodhisattva gar nicht in der Lage war, vor dem Zeitalter des Buddha einen Menschenleib voll zu benutzen. Er konnte auf der Erde keinen Leib finden, in dem er alle die Fähigkeiten hätte verkörpern können, durch die er auf die Menschen wirken sollte. Es gab einen solchen Menschenkörper nicht. — Was war also notwendig? Wie verkörperte sich ein-solcher Bodhisattva? Diese Frage müssen wir uns einmal vorlegen.

[ 4 ] Er verkörperte dasjenige, was er als geistige Wesenheit war, nicht vollständig. Würde man einen solchen Leib, der von einem Bodhisattva beseelt war, hellseherisch angesehen haben, so würde man gesehen haben, daß er nur teilweise die Wesenheit eines Bodhisattva umschloß, die als ätherischer Leib weit hinausragte über die menschliche Hülle und in dieser Art ihre Verbindung mit dem Geistigen hatte, das sie nie ganz verließ. So verließ der Bodhisattva die geistige Welt nie vollständig. Er lebte zu gleicher Zeit in einem Geistleibe und in einem physischen Leibe. Das war nun der Übergang vom Bodhisattva zum Buddha, daß jetzt zum ersten Male ein solcher Leib vorhanden war, in den der Bodhisattva sozusagen ganz hineinsteigen und innerhalb dieses Leibes seine Fähigkeiten entwickeln konnte. Damit hatte er jene Menschenform hingestellt, der die Menschen nachzustreben haben, um ihr ähnlich zu werden, so daß sie ebenso aus sich selbst heraus die Lehre vom achtgliedrigen Pfad finden, wie sie der Bodhisattva unter dem Bodhibaume aus sich selbst heraus gefunden hat. Würde man also diejenige Wesenheit, die in dem Buddha verkörpert war, in ihren früheren Inkarnationen geprüft haben, so hätte man sagen müssen: Sie war so, daß sie zum Teil in der geistigen Welt bleiben mußte und nur einen Teil ihrer Wesenheit in den Leib hineinsenden konnte. Jetzt erst, im fünften bis sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, war die erste menschliche Organisation vorhanden, in welche der Bodhisattva ganz hineingehen und so das Beispiel geben konnte, daß die Menschheit selbst aus der moralischen Gesinnung der Seele heraus den achtgliedrigen Pfad finden konnte.

[ 5 ] Diese Erscheinung, daß es Menschenwesen gab, die mit einem Teil ihrer Wesenheit in der geistigen Welt sind, kannten alle Religionen und Weltanschauungen. Sie wußten, daß es solche Wesenheiten gibt, für welche die Menschenwesenheit gleichsam zu eng ist, um die volle Individualität von solchen Wesenheiten aufzunehmen, die auf der Erde wirken müssen. Innerhalb der vorderasiatischen Weltanschauung nannte man diese Art der Verbindung der höheren Individualitäten solcher Wesenheiten mit einem physischen Leibe das Erfülltsein mit dem Heiligen Geist. Das ist ein ganz bestimmter technischer Ausdruck. Und in dem Wortgebrauch der vorderasiatischen Sprachen würde man von einer solchen Wesenheit wie einem auf der Erde verkörperten Bodhisattva gesagt haben, sie ist «erfüllt mit dem Heiligen Geist», das heißt, die Kräfte, die eine solche Wesenheit ausmachen, sind nicht ganz: in dieser Wesenheit darinnen, es muß da von außen etwas Geistiges hineinwirken. Man könnte also ebenso sagen: Der Buddha war in seinen vorhergehenden Inkarnationen erfüllt mit dem Heiligen Geist.

[ 6 ] Wenn wir dies verstanden haben, werden wir uns auch in das hineinfinden können, was wir im Anfange des Lukas-Evangeliums lesen und was wir gestern schon berühren konnten. Wir wissen, daß in dem Ätherleibe des einen Jesuskindes, das physisch entsprossen ist der nathanischen Linie des davidischen Hauses, der bisher unberührt gebliebene Teil desjenigen Ätherleibes lebte, welcher der Menschheit bei dem Ereignis entzogen worden ist, das man den Sündenfall nennt, so daß also gleichsam jene ätherische Substanz, die aus Adam herausgenommen worden ist vor dem Sündenfalle, aufbewahrt und in dieses Kind hineinversenkt wurde. So mußte es sein, damit eine so junge, von allen Erlebnissen der Erdenentwickelung unberührte Wesenheit da war, die alles aufnehmen konnte, was sie aufnehmen sollte. Hätte denn ein gewöhnlicher Mensch, der seit der lemurischen Zeit seine Inkarnationen durchgemacht hat, die Überschattung durch den Nirmanakaya des Buddha aufnehmen können? Nimmermehr! Und noch weniger hätte er das aufnehmen können, was später in ihn hineingehen sollte. Es mußte ein so veredelter Menschenleib entstehen, der nur dadurch entstehen konnte, daß die von allen Erdenerlebnissen unberührte ätherische Substanz des Adam hineinversenkt wurde in den Ätherleib gerade dieses Jesuskindes. Dadurch aber war diese Äthersubstanz auch verbunden mit allen den Kräften, welche vor dem Sündenfalle auf die Erdenentwickelung gewirkt haben, die deshalb jetzt eine gewaltige Machtentfaltung in diesem Kinde hatten. Dadurch war möglich geworden, was wir eben gestern schon berührten: jener merkwürdige Einfluß, den die Mutter des nathanischen Jesus auf die Mutter Johannes des Täufers ausübte und auch auf diesen Johannes selber, bevor er geboren wurde.

[ 7 ] Dazu müssen wir uns dann klarmachen, mit was für einer Wesenheit wir es in Johannes dem Täufer zu tun haben. Wir können diese Wesenheit des Johannes nur dann verstehen, wenn wir uns den Unterschied vor die Seele rücken, der zwischen jener eigentümlichen Verkündigung besteht, welche innerhalb Indiens durch den Buddha herabgeflossen ist — die wir für unser Ziel genügend charakterisiert haben -, und jener Verkündigung, die dem althebräischen Volke durch Moses und seine Nachfolger, die althebräischen Propheten, geworden ist.

[ 8 ] Durch Buddha ist der Menschheit das geworden, was die Seele als ihre eigene Gesetzmäßigkeit finden kann, was sie aufstellen kann, um sich zu läutern und sich zu einer hohen moralischen Höhe hinaufzuorganisieren, wie sie auf der Erde erreicht werden kann. Das Gesetz der Seele, Dharma, wurde durch den Buddha verkündet, wurde so verkündet, wie es der Mensch auf der höchsten Entwickelungsstufe der Menschennatur aus der menschlichen Seele selber heraus finden kann. Und Buddha war derjenige, der es zuerst herausgelöst hat. Aber die Menschheitsentwickelung ist keine geradlinige. Die verschiedensten Kulturströmungen müssen sich gegenseitig befruchten.

[ 9 ] Was sich in Vorderasien als das Christus-Ereignis zutragen sollte, das machte nötig, daß in gewisser Weise diese vorderasiatische Entwickelung hinter der indischen zurückblieb, um in frischerer Weise später aufzunehmen, was der indischen in anderer Art gegeben war. Es mußte sozusagen innerhalb Vorderasiens ein Volk geschaffen werden, hingestellt werden, das auf eine ganz andere Art sich entwickelte, das weiter zurückblieb als die Völker mehr nach dem Osten hin. Hatte man im Sinne der Weltenweisheit die Völker im Osten so weit gebracht, daß sie den Bodhisattva als Buddha schauen konnten, so mußte man bei den Völkern in Vorderasien — insbesondere bei dem althebräischen Volke — die Menschen auf einer kindlichen, niedrigeren Stufe lassen. Das war notwendig. Denn es mußte im großen in der Menschheitsentwickelung dasselbe gemacht werden, was wir etwa im kleinen beobachten könnten, wenn wir einen Menschen hätten, der sich bis zu seinem zwanzigsten Jahre zu einer gewissen Reife entwickelt; er hat sich dabei gewisse Fähigkeiten angeeignet, aber angeeignete Fähigkeiten sind in gewisser Beziehung zugleich eine gewisse Fessel, ein Hemmnis.

[ 10 ] Wenn man sich in einem gewissen Lebensalter Fähigkeiten angeeignet hat, dann haben diese die Eigentümlichkeit, daß sie sich auf ihrer Stufe erhalten wollen, daß sie den Menschen auf dieser Höhe halten wollen. Sie halten ihn fest, und er kann dann später, in seinem dreißigsten Jahre, nicht leicht über die Stufe hinausrücken, die er sich in seinem zwanzigsten Jahre erworben hat. Wenn wir dagegen einen zweiten Menschen haben, der im zwanzigsten Jahre noch wenig durch sich selbst erworben hat und nun nachher diese Fähigkeiten von dem anderen lernt, dann kann der, welcher sich länger kindlich erhalten hat, leichter hinaufrücken auf diese Stufe und dann im dreißigsten Jahre eher auf einer höheren Stufe stehen als der erstere. Wer das Leben beobachten kann, der wird finden, daß es so ist. Erreichte Fähigkeiten, die man sozusagen zu seinem Eigentum gemacht hat, bilden auch eine Fessel für später, während das, was man nicht so sehr mit seiner Seele verknüpft hat, was man sich mehr äußerlich angeeignet hat, weniger eine Fessel ist.

[ 11 ] Wenn die Menschheit vorrücken will, dann muß stets die Einrichtung getroffen werden, daß eine Kulturströmung vorhanden ist, die eine gewisse Summe von Fähigkeiten innerlich aufnimmt und verarbeitet, und eine andere Strömung muß gleichsam daneben herlaufen, die gewissermaßen in der Entwickelung mehr zurückgehalten wird. Dann haben wir eine Kulturströmung, welche gewisse Fähigkeiten bis zu einer entsprechenden Stufe entwickelt; diese Fähigkeiten sind nun verquickt mit dem innersten Wesen dieser Strömung und der Menschennatur. Es geht weiter: ein Neues tritt auf. Aber diese Strömung würde nicht imstande sein, aus sich selbst heraus zu einer höheren Stufe aufzusteigen. Daher mußte die Einrichtung getroffen werden, daß eine andere Strömung neben der ersten hergeht. Diese zweite bleibt in einer gewissen Weise unentwickelt, hat also keineswegs die Höhe der ersteren erreicht..Sie schreitet nun weiter und nimmt von der anderen das entgegen, was diese erreicht hat, und weil sie sich in der Zwischenzeit jung erhalten hat, kann sie dann später höher hinaufsteigen. So hat die eine die andere befruchtet. So müssen die Geistesströmungen nebeneinander herlaufen in der Menschheitsentwickelung. Und es muß durch die geistige Weltenleitung Vorsorge getroffen werden, daß dieses so ist.

[ 12 ] Wie konnte in der geistigen Weltenlenkung Vorsorge getroffen werden, daß neben derjenigen Strömung, die in dem großen Buddha ihren Ausdruck gefunden hat, eine andere läuft, die erst später das aufnimmt, was der Buddhismus der Menschheit gebracht hat? Man konnte nur dadurch Vorsorge treffen, daß man jener Strömung, die für uns die althebräische ist, die Möglichkeit vorenthielt, Menschen aus sich hervorzubringen, die aus eigener moralischer Gesinnung heraus Dharma entwickeln, das heißt, etwa auf den achtgliedrigen Pfad kommen. Einen Buddha durfte diese Strömung nicht haben. Was der Buddha als Innerlichkeit seiner Geistesströmung gebracht hat, das mußte dieser anderen Geistesströmung von außen gegeben werden. Daher wurde, und zwar, damit die Sache besonders weise verlief, lange Zeit vor der Erscheinung des Buddha dieser vorderasiatischen Völkerschaft das Gesetz nicht innerlich gegeben, sondern äußerlich durch die Offenbarung im Dekalog, im Zehn-Gebote-Gesetz (2. Mose 20, 2-17). Was einer anderen Menschheitsströmung als innerlicher Besitz zukommen sollte, das wurde in dem Zehn-Gebote-Gesetz als eine Summe von äußeren Gesetzen dem althebräischen Volke wie etwas gegeben, was man von außen empfing, was noch nicht mit der Seele verwachsen ist. Daher empfindet der Angehörige des althebräischen Volkes die Gebote als etwas, was ihm vom Himmel herunter gegeben worden ist wegen der Kindlichkeit seiner Entwickelungsstufe.

[ 13 ] Das indische Volk war herangebildet worden, anzuerkennen, daß die Menschen aus sich selber Dharma, das Gesetz der Seele, erzeugen, und das althebräische Volk war so gebildet worden, daß es gehorchte dem Gesetz, das ihm von außen gegeben worden ist. So aber bildet das hebräische Volk eine wunderbare Ergänzung zu dem, was Zarathustra für seine Kultur und für alle Kulturen, die daraus hervorgegangen sind, geleistet hat.

[ 14 ] Das mußten wir ja hervorheben, daß Zarathustra den Blick auf die Außenwelt hingelenkt hat. Während wir bei Buddha tief einschneidende Lehren haben über die Veredelung des menschlichen Innern, finden wir bei Zarathustra die große, gewaltige Lehre über den Kosmos, das, was uns Aufschlüsse geben soll über die Welt, aus deren Schoß wir erwachsen sind. War der Blick des Buddha nach innen gerichtet, so war der Blick der Angehörigen des Zarathustra-Volkes auf die Außenwelt gerichtet, um diese geistig zu durchdringen.

[ 15 ] Versuchen wir uns einmal in das zu vertiefen, was Zarathustra gab von seinem ersten Auftreten an, wo er die Verkündigung des Ahura Mazdao brachte, bis in die nächste Zeit, wo er als Nazarathos erschien. Er gab immer eindringlichere Lehren über die großen geistigen Gesetze und über die Wesenheiten des Kosmos. Gewissermaßen Andeutungen waren es erst, die der Zarathustra der persischen Kultur über den Geist der Sonne gab; dann aber wurden sie von ihm ausgebaut und treten uns entgegen als die wunderbare, heute nur so wenig verstandene chaldäische Lehre über den Kosmos und über die geistigen Ursachen, aus denen wir herausgeboren sind. Prüfen wir diese Lehren über den Kosmos, so zeigen sie uns eine wichtige Eigentümlichkeit.

[ 16 ] Als Zarathustra noch dem urpersischen Volke von den äußeren geistigen Ursachen der Sinneswelt sprach, da stellte er vor die Menschen hin die zwei Mächte Ormuzd und Ahriman oder Angramainyu, die im ganzen Weltall einander entgegenarbeiten. Was sie aber nicht in dieser Lehre gefunden hätten, ist das, was wir nennen könnten die Seele durchdringende moralische Wärme. Der Mensch ist für die urpersische Anschauung sozusagen hineingesponnen in den ganzen kosmischen Prozeß. Es ist eine Angelegenheit von Ormuzd und Ahriman, die gegeneinander arbeiten, die da in der menschlichen Seele ausgemacht wird. Weil diese beiden miteinander kämpfen, deshalb toben Leidenschaften in der menschlichen Seele. Was innere menschliche Seele ist, das wurde noch nicht erkannt. Es ist kosmische Lehre, was gebracht wurde. Wenn man von Gut und Böse sprach, so meinte man die vortrefflichen, die nützlichen und die schädlichen Wirkungen, die sich im Kosmos gegenüberstehen und die sich auch im Menschen äußern. Die «moralische Weltanschauung» war gewissermaßen noch nicht in diese Lehre des Blickens nach außen aufgenommen. Man lernte in dieser Lehre alle die Wesenheiten kennen, welche die sinnliche Welt beherrschen, alles, was als Vortreffliches, Lichtvolles, und was als Schwarzes, Schädliches die Welt beherrscht. Man fühlte sich darin eingesponnen. Aber das eigentlich Moralische, an dem der Mensch mit seiner Seele beteiligt ist, fühlte man noch nicht so in seiner Seele, wie das später der Fall war. Man fühlte zum Beispiel, wenn man irgendeinen Menschen als einen «bösen» Menschen vor sich hatte, daß durch diesen Menschen Kräfte strömten von den bösen Wesenheiten der Welt; man fühlte ihn «besessen» von diesen bösen Wesenheiten der: Welt. Man konnte auch nicht sagen, daß ihn dafür die Schuld treffe. Eingesponnen von einem noch nicht von moralischen Eigenschaften durchsetzten Weltensystem fühlte man den Menschen. Das war die Eigentümlichkeit einer Lehre, die den Blick zunächst nach außen richtete, wenn es auch der geistige Blick war.

[ 17 ] Deshalb bildet die hebräische Lehre eine so wunderbare Ergänzung zu dieser kosmologischen Lehre, weil sie in das, was von außen offenbart worden ist, das moralische Element hineinverlegt, das eine Möglichkeit gab, mit dem Begriffe von Schuld, von menschlicher Verschuldung einen Sinn zu verbinden. Vor dem hebräischen Element konnte man von einem bösen Menschen nur sagen: Er ist von bösen Kräften besessen. Die Verkündigung des Zehn-Gebote-Gesetzes hat notwendig gemacht, daß man unterschied zwischen Menschen, die dieses Gesetz beachteten, und solchen, die es nicht beachteten. Der Begriff von Schuld, von menschlicher Verschuldung tritt auf. Und wie er hineintritt in die Menschheitsentwickelung, das kann man fühlen, wenn man etwas vor seine Seele rückt, wo deutlich dargestellt wird, wie die Menschen noch im unklaren darüber sind, was eigentlich der Begriff von Schuld besagt, wo es tragisch wird, daß eine Unklarheit besteht über den Begriff der Schuld. Lassen Sie das Buch Hiob auf sich wirken, und Sie werden die Unklarheit über den Schuldbegriff bemerken, das Nicht-recht-Wissen, wie man es eigentlich zu halten hat, wenn einen ein Unglück trifft, und Sie werden doch schon das Hereinleuchten des neuen Schuldbegriffes darin finden.

[ 18 ] So wurde als eine Offenbarung von außen — wie die anderen Offenbarungen über die anderen Reiche der Natur — das Moralische gerade diesem althebräischen Volke gegeben. Das konnte nur dadurch geschehen, daß Zarathustra für die Fortsetzung seines Werkes Sorge getragen hat, wie ich es Ihnen erzählt habe, indem er seinen Ätherleib übertrug auf Moses und auf Hermes seinen Astralleib. Dadurch wurde Moses fähig, in derselben Art wahrzunehmen, was in der äußeren Welt wirkt, wie es Zarathustra konnte, aber jetzt dabei nicht nur gleichgültige, neutrale Kräfte zu empfinden, sondern das, was die Welt moralisch regiert, was Gebot werden kann. Deshalb lebte dieses althebräische Volk so, daß es in seiner Kultur dasjenige barg, was wir nennen können Gehorsam, Unterwerfung unter das Gesetz, während die Geistesströmung des Buddha das Ideal in sich barg, die Richtung für das menschliche Leben in dem achtgliedrigen Pfad zu finden.

[ 19 ] Aber dieses althebräische Volk sollte auch bis zu dem rechten Zeitpunkt erhalten bleiben, den wir eben daran sind, zu charakterisieren: bis zu der Erscheinung des Christus-Prinzips. Es sollte sozusagen hinübergerettet werden über die Offenbarung des Buddha und auf einem - wenn wir es so nennen wollen — unreiferen Kulturzustand erhalten bleiben. Daher mußten sich innerhalb des althebräischen Volkes Persönlichkeiten finden, die so, wie sie als Menschen waren, nicht die ganze volle Wesenheit einer Individualität aufnehmen konnten, welche etwa das «Gesetz» zu vertreten hatte. Es konnte nicht innerhalb des althebräischen Volkes eine Persönlichkeit auftreten, die etwa wie der Buddha gewesen wäre. Es ist auch nur möglich gewesen, zu dem Gesetze zu kommen durch Erleuchtung von außen, dadurch, daß Moses den ÄAtherleib des Zarathustra gehabt hat und das empfangen konnte, was nicht aus der eigenen Seele geboren wird. Das Gesetz erstehen zu lassen aus dem eigenen Herzen, war dem hebräischen Volke nicht möglich. Aber fortgeführt werden mußte das Werk des Moses, fortgeführt so, wie jedes andere Werk fortgeführt werden muß, damit es zur rechten Zeit die rechte Frucht trägt. Daher mußten in dem althebräischen Volke diejenigen Individualitäten auftreten, die uns als die Propheten und Seher erscheinen. Und einer der bedeutendsten dieser Seher ist derjenige, den wir als den Elias kennen.

[ 20 ] Wie müssen wir uns eine solche Persönlichkeit vorstellen? Elias sollte innerhalb des hebräischen Volkes einer der Statthalter dessen sein, was von Moses eingeleitet war. Aber aus der eigenen Volkssubstanz heraus konnten keine Menschen geboren werden, die ganz verwoben sein konnten mit dem, was das Gesetz des Moses enthielt, das man ja nur als eine Offenbarung von oben empfangen konnte. Was wir als notwendig für die indische Zeit charakterisiert haben, auch als die eigenartige Natur des Bodhisattva, das mußte daher auch im hebräischen Volke und immer wieder und wieder eintreten. Es mußte Individualitäten geben, die nicht ganz in der menschlichen Persönlichkeit aufgingen, die mit einem Teil ihrer Wesenheit in der irdischen Persönlichkeit waren und mit dem anderen Teil in der geistigen Welt. Eine solche Wesenheit war Elias. In dem, was wir auf dem physischen Plane als die Persönlichkeit des Elias finden, ist nur teilweise die Wesenheit des Elias enthalten. Die Ichheit des Elias kann nicht ganz eindringen in den physischen Leib des Elias. Ihn muß man nennen eine Persönlichkeit,. die «von dem Geiste erfüllt» ist. Und unmöglich wäre es, eine solche Erscheinung wie den Elias durch die bloß normalen Kräfte in der Welt hervorzurufen, wodurch sonst ein Mensch in die Welt gestellt wird.

[ 21 ] Wenn im normalen Falle ein Mensch in die Welt treten soll, dann entwickelt sich aus den physischen Vorgängen die menschliche Wesenheit im mütterlichen Leibe so, daß zu einer bestimmten Zeit sich die Individualität, die früher inkarniert war, einfach mit der physischen Wesenheit verbindet. Alles geht beim gewöhnlichen Menschen sozusagen einen geradlinigen Weg, ohne daß besondere Kräfte eingreifen, die außerhalb des normalen Weges liegen. Das konnte nicht der Fall sein bei einer solchen Individualität, wie Elias es ist. Da mußten andere Kräfte eingreifen, die sich beschäftigen mit jenem Teil der Individualität, der in die geistige Welt hineinragt. Da muß von außen auf den sich entwickelnden Menschen gewirkt werden. Daher erscheinen solche Individualitäten, wenn sie in der Welt inkarniert werden, als inspiriert, vom Geist getrieben. Sie erscheinen als ekstatische Persönlichkeiten, die weit über das hinausgehen, was ihnen ihre gewöhnliche Intelligenz sagen kann. So erscheinen die alttestamentlichen Propheten alle. Der Geist treibt sie; das Ich kann sich nicht immer Rechenschaft geben von dem, was es tut. Der Geist lebt in der Persönlichkeit, und von außen wird er erhalten.

[ 22 ] Solche Persönlichkeiten ziehen sich zuzeiten in die Einsamkeit zurück; aber das ist dann ein Zurücktreten jenes Teiles des Ich, den die Persönlichkeit braucht, und ein Einsprechen des Geistes von außen, In gewissen ekstatischen, unbewußten Zuständen lauscht eine solche Wesenheit den Eingebungen von oben. So war es besonders bei Elias. Was während seines Lebens als Elias lebte, was sein Mund sprach, was seine Hand deutete, stammte nicht nur von dem Teil, der in ihm lebte, sondern das waren Offenbarungen göttlich-geistiger Wesenheiten, die dahinterstanden.

[ 23 ] Als diese Wesenheit wiedergeboren wurde, sollte sie sich mit dem Körper des Kindes verbinden, das dem Zacharias und der Elisabeth geboren wurde. Wir wissen aus dem Evangelium selber, daß wir Johannes den Täufer als den wiedergeborenen Elias aufzufassen haben (Matthäus 17, 10-13). Aber wir haben es dabei zu tun mit einer Individualität, die aus ihren früheren Inkarnationen nicht gewohnt war, durch die in dem normalen Lebensgange selbst liegenden Kräfte alles das zu entwickeln, was herauskommen. sollte. Beim normalen Lebensgange regt sich, während der menschliche physische Leib sich im mütterlichen Leibe entwickelt, die innere Kraft des Ich. Was damit innerlich verbunden ist, das hatte die Individualität des Elias in früheren Zeiten noch nicht durchgemacht, sie war noch nicht so weit hinuntergestiegen. Das Ich war nicht durch die eigenen Kräfte, wie in normalen Verhältnissen, in Bewegung gesetzt worden, sondern von außen. Das mußte wieder jetzt geschehen. Mehr aus der geistigen Welt heraus, näher schon der Erde ist das Ich dieser Wesenheit, die jetzt viel mehr mit der Erde verbunden ist als die Wesenheiten, welche früher den Elias geleitet haben. Es sollte ja jetzt der Übergang geschaffen werden zu der Verbindung der Buddha- mit der Zarathustra-Strömung. Alles sollte verjüngt werden. Jetzt mußte gerade diejenige Wesenheit von außen einwirken, welche sich mit.der Erde und ihren Angelegenheiten so verknüpft hatte wie der Buddha, der jetzt in seinem Nirmanakaya verbunden war mit dem nathanischen Jesus. Diese Wesenheit, welche auf der einen Seite mit der Erde verbunden war, anderseits aber doch wieder entrückt war, weil sie nur in dem Nirmanakaya wirkte, die «jenseits» der Erde lebte, weil sie wieder hinaufgestiegen ist, und nun über dem Haupte des nathanischen Jesus schwebte, sie mußte jetzt von außen hereinwirken und die Ich-Kraft Johannes des Täufers entfalten.

[ 24 ] So war es der Nirmanakaya des Buddha, der auf die Entfaltung der Ich-Kraft des Johannes so wirkte, wie früher die geistigen Kräfte auf den Elias gewirkt haben. Damals war das Elias-Wesen in gewissen Zeiten entrückt in ekstatische Zustände; da sprach der Gott, füllte sein Ich mit einer realen Kraft, die es dann der Außenwelt mitteilen konnte. Jetzt war wieder eine geistige Wesenheit da, die als der Nirmanakaya des Buddha über dem nathanischen Jesus schwebte; die wirkte jetzt herein auf die Elisabeth, als der Johannes geboren werden sollte, regte im Leibe der Elisabeth den Keim des Johannes im sechsten Monate der Schwangerschaft an und weckte da das Ich. Nur bewirkte diese Kraft, weil sie jetzt näher der Erde stand, nicht bloß eine Inspiration, sondern wirklich die Herausgestaltung des Ich des Johannes. Unter dem Einflusse des Besuches derjenigen, welche da die Maria genannt wird, regte sich das Ich Johannes des Täufers. So wirkt der Nirmanakaya des Buddha aufweckend und bis in die physische Substanz hinein erlösend auf das Ich des einstigen Elias, auf das jetzige Ich Johannes des Täufers. Was können wir jetzt erhoffen?

[ 25 ] Wie Elias einst im neunten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung seine gewaltigen Worte gesprochen hatte, wie das eigentlich Gottesworte waren und wie das, was seine Hand deutete, Gottesgebärde war, so mußte es jetzt bei Johannes dem Täufer ähnlich sein, indem das wieder auflebte, was in dem Elias vorhanden war. Was in dem Nirmanakaya des Buddha war, das wirkte als Inspiration hinein in das Ich Johannes des Täufers. Was sich den Hirten verkündete, was über dem nathanischen Jesus schwebte, das erstreckte seine Kraft hinein in Johannes den Täufer. Und die Predigt Johannes des Täufers ist zunächst die wiedererweckte Buddha-Predigt. Es erscheint dabei etwas höchst Eigentümliches, was tief auf unsere Seele wirken muß, wenn wir uns an die Predigt von Benares erinnern, wenn darin von Buddha gesprochen wurde von dem Leid des Lebens und von der Erlösung von dem Leid des Lebens durch den achtgliedrigen Pfad, den die Seele suchen soll. Damals hat der Buddha das verkündet, was er als achtgliedrigen Pfad erkannt hat; damals hat er seine Predigt auch öfter fortgesetzt, indem er sagte: Ihr habt bis heute die Lehre der Brahmanen gehabt; sie schreiben ihre Herkunft her von Brahma selber. Sie sagen, sie seien etwas Vorzüglicheres als die anderen Menschen, weil sie von diesem edlen Ursprunge abstammen. Diese Brahmanen sagen, der Mensch sei etwas wert durch seine Abstammung. Ich aber sagi uch: Der Mensch ist etwas wert durch das, was er aus sich selbst heraus macht, und nicht durch das, was durch seine Abstammung in ihn gelegt ist. Er ist wert der großen Weisheit der Welt durch das, was er als individueller Mensch aus sich selber macht. - Dadurch erregte Buddha gerade den Zorn der Brahmanenwelt, indem er auf die individuelle Qualität hinwies und sagte: Wahrlich, ich sage eu. :h, es mag sich einer noch so viel einen Brahmanen nennen, darauf kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, daß ihr aus euren eigenen persönlichen Kräften heraus einen geläuterten Menschen macht. — Das war, wenn auch nicht wörtlich, so doch der Sinn vieler Buddha-Reden. Und dann setzte er gewöhnlich diese Lehre fort, indem er zeigte, wie der Mensch, wenn er die Welt des Leidens versteht, Mitleid empfinden kann, Tröster und Helfer werden kann, wie er gerade teilnehmen wird am Geschick der anderen, weil er weiß, daß er mit ihnen das gleiche Leid und den gleichen Schmerz empfindet.

[ 26 ] Jetzt war der Buddha in seinem Nirmanakaya, überstrahlte das nathanische Jesuskind und setzte dann seine Predigt fort, indem er die Worte ertönen ließ aus dem Munde Johannes des Täufers. Was der Mund des Johannes sprach, das geschah unter der Inspiration des Buddha. Und es klingt uns wie eine Fortsetzung der Rede, die der Buddha einst gehalten hat, wenn zum Beispiel der Johannes sagt: Ihr, die ihr viel darauf baut, daß ihr von denen euch herstammend nennt, die in dem Dienst der geistigen Mächte die «Kinder der Schlange» genannt werden, und euch beruft auf die «Weisheit der Schlange», wer hat denn euch dazu gebracht? Nur so glaubt ihr würdige Früchte der Buße zu bringen, indem ihr sagt: Wir haben Abraham zum Vater. Jetzt aber setzte Johannes die Predigt des Buddha fort: Sagt nicht, ihr habt Abraham zum Vater, sondern werdet dort wahrhaftige Menschen, wo ihr in der Welt steht. Ein wahrhaftiger Mensch kann an der Stelle des Steines erweckt werden, auf dem euer Fuß steht. Wahrlich, der Gott kann dem Abraham aus den Steinen Kinder erwecken (Lukas 3, 7-8). Und dann sagte er, so recht die Predigt des Buddha fortsetzend: «Wer zwei Röcke hat, der teile sie mitdem, der keinen hat» (Lukas 3,11). Sie kamen zu ihm und fragten: «Meister, was sollen wir tun?» (Lukas 3,12), genau so, wie auch die Mönche einst zu Buddha gekommen waren und gefragt haben: «Was sollen wir tun?» Das alles sind Worte, die sich ausnehmen wie die Worte desBuddha oder wie eine Fortsetzung derselben.

[ 27 ] So erscheinen diese Wesenheiten auf dem physischen Plan durch . der Zeiten Wende, und so lernen wir verstehen die Einheit der Religionen und geistigen Verkündigungen der Menschheit. Was der Buddha war, lernen wir nicht dadurch kennen, daß wir an dem Traditionellen festhalten, sondern wenn wir hinhorchen auf das, was der Buddha wirklich spricht. Buddha hat fünf bis sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung so gesprochen, wie wir es aus der Predigt von Benares hören. Aber des Buddha Mund ist nicht verstummt. Er spricht auch da, wo er nicht mehr verkörpert ist, wo er inspiriert durch den Nirmanakaya. Aus dem Munde Johannes des Täufers hören wir, was der Buddha zu sagen hatte sechs Jahrhunderte später, nachdem er in einem physischen Leibe gelebt hat. So ist die «Einheit der Religionen». Wir müssen eine jede Religion im Laufe der Menschheitsentwickelung an dem richtigen Punkte aufsuchen und in ihr das Lebendige suchen, nicht das Tote; denn alles entwickelt sich weiter. Das müssen wir verstehen und begreifen lernen. Wer aber nicht den Buddha-Spruch aus dem Munde Johannes des Täufers hören will, der kommt einem vor wie ein Mensch, der den Keim eines Rosenstockes gesehen hat und einige Zeit später, nachdem der Rosenstock aufgegangen ist und Blüten trägt, nicht glauben will, daß dieser Rosenstock aus diesem Rosenkeim entstanden ist, und der jetzt sagen würde: Das ist etwas anderes. — Was in dem Keim lebendig war, das blüht jetzt in dem Rosenstock. Und was in der _ Predigt von Benares lebendig war, das blühte in der Predigt Johannes des Täufers am Jordan.

[ 28 ] Damit haben wir eine andere Individualität in ihrem Wesen kennengelernt, die uns in jener Zeit entgegentritt, und von der uns das LukasEvangelium so eindringlich redet. Wir lernen diese Evangelien nur dadurch kennen, daß wir uns nach und nach dazu aufschwingen, wirklich jedes Wort so zu verstehen, wie es gemeint ist. Und Lukas sagt uns in der Einleitung, daß er wiedererzählen will die Mitteilung derer, die als «Selbstseher» gewirkt haben. Aber diese Selbstseher sahen die wahren Verhältnisse, wie sie sich durch die Zeiten hindurch nach und nach offenbarten; sie sahen nicht bloß, was auf dem physischen Plane vorgeht. Wer nur das sieht, der könnte sagen: Fünf bis sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung hat in Indien einmal ein Mensch gelebt, welcher derSohn des Königs Suddhodana war und welcher der Buddha geheißen hat, und dann hat einmal ein Johannes der Täufer gelebt. Er findet aber nicht dasjenige, was sich von dem einen zum anderen hindurchschlingt. Denn das ist erst zu sehen in der geistigen Welt. Lukas aber sagt, daß er nach denen erzählt, die «gesehen haben», die Seher waren. Es genügt nicht, daß wir die Worte der religiösen Urkunden nur hinnehmen; wir müssen diese Worte auch im richtigen Sinne lesen lernen. Dazu müssen aber die Individualitäten, die dabei auftreten, so recht anschaulich vor unserer Seele stehen. Anschaulich können sie aber nur vor unserer Seele stehen, wenn wir wissen, was alles in sie eingeflossen ist.

[ 29 ] Eines wurde noch gesagt: Was auch immer für eine Individualität auf die Erde heruntersteigt, sie muß sich entwickeln im Sinne der Fähigkeiten, die aus dem Körper herauskommen können, in welchen sie sich hineininkarniert. Damit muß diese Wesenheit rechnen. Nehmen wir an, heute wollte eine hohe Wesenheit heruntersteigen; sie könnte dann nur mit den Gesetzmäßigkeiten rechnen, die eben heute ein Menschenleib haben kann. Erkennen, was diese Individualität eigentlich ist, das kann nur der Seher, der da sieht, wie die intimeren Fäden sich hineinverweben in das Innere des Wesens. Eine solche Wesenheit auf hoher Stufe der Weisheit muß sich aber durch die Kindheit herauf den Körper reif machen, damit in einem bestimmten Zeitpunkte das hervortreten kann, was diese Wesenheit in früheren Inkarnationen einmal war. Soll eine solche Wesenheit ganz besondere Empfindungen in den Menschen erregen, so muß auch demgemäß die irdische Inkarnation sein, so daß auch der Körper ertragen kann, was Gegenstand der Mission sein soll. In den geistigen Welten sieht es wahrhaftig nicht so aus wie in der physischen Welt. Will eine Wesenheit Heilung vom Schmerz, Erlösung vom Leid verkünden, dann muß sie die ganze Tiefe des Leides durchkosten, damit sie die rechten Worte finden kann, die im menschlichen Sinne darauf anwendbar sind.

[ 30 ] Was später jene Wesenheit zu sagen hatte, die sich im Körper des nathanischen Jesus verbarg, das war etwas, was eine Kundschaft war an die ganze Menschheit. Das war etwas, was die Menschheit hinwegbringen sollte über alle frühere engere Blutsverwandtschaft. Nicht nehmen sollte sie die Blutsverwandtschaft, nicht aufheben, was zwischen Vater und Sohn, zwischen Bruder und Schwester steht, sondern zu der Liebe, die an die Blutsverwandtschaft gebunden ist, dasjenige hinzufügen, was man allgemeine Menschenliebe nennt, die von Seele zu Seele geht, die erhaben ist über alle Blutsbande. Das sollte diejenige Wesenheit bringen, die sich später in dem nathanischen Jesus zeigte. Sie sollte etwas bringen von Liebe, von Vertiefung der Liebe, die nichts zu tun hat mit dem, was an die Verwandtschaft des Blutes geknüpft ist. Dazu aber mußte diese Wesenheit, die in dem Körper des nathanischen Jesus lebte, erst auf der Erde selber erfahren, was es heißt, keine Verbindungen fühlen, nicht durch das Blut mit anderen zusammenhängen. Dann konnte sie rein empfinden, was nur von Mensch zu Mensch spielt. Frei mußte sie sich erst fühlen von allen Blutsbanden, ja von der Möglichkeit der Blutsbande. Nicht nur ein «heimatloser» Mensch werden wie der Buddha, der aus der Heimat in die Fremde gegangen ist, sondern als herausgetreten aus allen Familienzusammenhängen, aus allem, was mit irgendwelchen Blutsbanden etwas zu tun hat, mußte die Individualität des nathanischen Jesus vor der Welt stehen. All den tiefen Schmerz mußte sie empfinden, den man empfinden kann, wenn man von dem, was sonst dem Menschen nahestehen kann, Abschied nehmen muß, wenn man allein stehen muß; aus der großen Einsamkeit, der Familienverlassenheit heraus mußte die Individualität sprechen, die in dem nathanischen Jesus lebte. Wer war diese Wesenheit?

[ 31 ] Wir wissen, es ist jene Wesenheit, welche etwa bis zum zwölften Lebensjahre in dem salomonischen Jesus lebte, es ist die Individualität, der Geist des Zarathustra, welcher in dem salomonischen Jesus lebte, der den salomonischen Vater und die salomonische Mutter zu Eltern hatte. Der Vater aber war früh gestorben, verwaist war der Knabe von väterlicher Seite. Außer ihm waren in dieser FamilieBrüder und Schwestern vorhanden. In dieser Familie ist er darinnen, solange er, der Zarathustra, in dem Leibe des salomonischen Jesus ist. Diese Familie verläßt er dann mit zwölf Jahren, gibt die Mutter auf, gibt die Brüder und Schwestern auf, um in den Leib des nathanischen Jesus hinüberzugehen. Da stirbt ihm auch die [nathanische] Mutter, da stirbt später der [nathanische] Vater. Und als er zu seinem Wirken in die Welt hinauszutreten hatte, da hater von allem Abschied genommen, was mit Blutsbanden etwas zu tun hat. Da ist er nicht bloß gänzlich verwaist, hat verlassen müssen Brüder und Schwestern, sondern da hat er auch als Zarathustra-Wesenheit darauf verzichten müssen, jemals Nachkommen zu haben, jemals eine Familie zu begründen. Denn die ZarathustraWesenheit hat nicht nur Vater und Mutter, Brüder und Schwestern, sondern auch den eigenen Leib verlassen, ist in einen anderen Leib hineingegangen, in den Leib des nathanischen Jesus. Diese Wesenheit konnte vorarbeiten für eine noch höhere Wesenheit, welche dann in dem Leibe des nathanischen Jesus sich vorbereiten konnte zu dem großen Beruf, die allgemeine Menschenliebe zu verkünden. Und als dann die Mutter und die Brüder dieser Wesenheit kamen und man ihr sagte: «Deine . Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen», da konnte diese Wesenheit aus tiefster Seele heraus, so daß man sie nicht mißverstehen kann, vor allem Volke die Worte sprechen, ohne irgendeine Pietät zu verletzen: Das sind sie nicht! — Denn selbst den Leib hatte der Zarathustra verlassen, der mit dieser Familie zusammenhing. Und hinweisend auf die, welche in freier Seelengemeinschaft mit ihm waren, konnte er sagen: Das sind meine Mutter und meineBrüder, die das Wort Gottes hören und tun! (Lukas 8, 20-21). So weit sind die religiösen Urkunden wörtlich zu nehmen.

[ 32 ] Damit einer einmal die allgemeine Menschenliebe verkünden konnte, mußte er wirklich einmal in einer Gestalt inkarniert sein, in welcher er erfahren konnte das Verlassensein von allem, was Blutsbande begründen können. Zu dieser Gestalt schweifen unsere Gefühle hin, so daß sie zu ihr ganz wie in menschliche Nähe treten, zu einer Gestalt, die von hohen geistigen Höhen heruntersteigt und menschlich Erfahrenes und Erlittenes zum Ausdruck bringt. Daher schlagen unsere Herzen ihr zu. Und je geistiger wir sie verstehen, desto besser werden wir sie verstehen, und desto mehr werden unsere Herzen ihr entgegenschlagen und unsere Seelen ihr zujauchzen.