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The Rudolf Steiner Archive

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Das Lukas-Evangelium
GA 114

21 September 1909, Basle

Siebenter Vortrag

[ 1 ] Wir haben uns in den verflossenen Tagen Vorstellungen zu bilden versucht über die wichtigsten Wesenheiten, von denen uns das LukasEvangelium zu sagen hat. Wir haben umfassende Begriffe gewonnen von dem, was dieser Urkunde zugrunde liegt. Eines aber haben wir noch nötig: die weitere Entwickelung der Hauptwesenheit, und damit der Hauptwesenheit unserer Erde, des Christus Jesus selber zu verfolgen. Es wird dabei notwendig sein, daß wir uns zunächst an das erinnern, was schon gesagt worden ist, daß der Christus Jesus, der dann später vor uns steht, von dem die Schilderung im Lukas-Evangelium handelt, sozusagen leiblich geboren worden ist als der nathanische Jesus aus dem davidischen Hause. Dieses Kind wächst heran bis ungefähr zum zwölften Jahre. In der Zeit, als seine Entwickelung bis dahin vorwärtsgeschritten ist, tritt in seinen Leib diejenige Ichheit ein, welche einstmals inkorporiert war in der Wesenheit, welche die persische Kultur eingeleitet hat, so daß wir also vom zwölften Jahre an in dem Leibe des nathanischen Jesus das Ich des Zarathustra haben. Jetzt wird es uns obliegen, genauer die Entwickelung dieser Wesenheit zu verfolgen. Da müssen wir uns an etwas erinnern, wofür wir ja durch unsere vorhergehenden geisteswissenschaftlichen Betrachtungen vorbereitet sind.

[ 2 ] Wir wissen, daß die Entwickelung des Menschen im normalen Falle so fortschreitet, daß ein wichtiger Zeitabschnitt in die Zeit vom ersten bis zum siebenten Lebensjahre fällt; ein weiterer wichtiger Abschnitt in der Entwickelung fällt in die Zeit vom siebenten bis ungefähr vierzehnten Jahre, das heißt bis zur Geschlechtsreife; ein weiterer Abschnitt geht vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahre, dann kommt ein Zeitabschnitt bis zum achtundzwanzigsten und darauf ein weiterer bis zum fünfunddreißigsten Jahre. Diese Zeitabschnitte sind natürlich nicht in pedantischer Weise so aufzufassen, daß etwa ihr Ende immer genau zusammenfällt mit dem Jahresdatum, sondern wir haben jenen wichtigen Übergang in der menschlichen Entwickelung, der ungefähr mit dem Ablaufe des siebenten Jahres bezeichnet wird, in die Zeit des Zahnwechsels zu setzen. Dieser Übergang geht also nicht auf einmal vor sich, sondern allmählich in der Zeit des Zahnwechsels. Ebenso geht alles bei den übrigen Abschnitten allmählich vor sich. Wir wissen nun — genauer ist das dargestellt in der kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» —, daß mit dem Ablauf des siebenten Jahres geistig etwas Ähnliches geschieht wie physisch mit dem Verlassen des Mutterleibes: eine Art ätherischer Geburt geht dann vor sich. Mit dem vierzehnten Jahre, mit der Geschlechtsreife, geht eine astralische Geburt vor sich; da wird das frei, was des Menschen Astralleib ist. Wenn wir nun die menschliche Entwickelung genau verfolgen, verfolgen mit den Augen des Geistes, so stellt sie sich uns noch viel komplizierter dar. Wie der Mensch im Leben gewöhnlich beobachtet, entgehen ihm jene wichtigen Unterschiede im ganzen Menschenleben, die doch auch noch in den späteren Lebensjahren auftreten. Man hält heute dafür, daß von einem gewissen Zeitpunkte an nicht mehr viel mit dem Menschen vorgehe, Das ist aber nur eine grobe Betrachtung, die das meint. In Wahrheit können wir auch für die späteren Lebensjahre, wenn wir feiner beobachten, gewisse Unterschiede in der menschlichen Entwickelung wahrnehmen.

[ 3 ] Wenn die physische Mutterhülle zurückgestreift wird, so ist das, was jetzt vom Menschen geboren ist, eigentlich nur der physische Leib, so daß das, was in den ersten sieben Lebensjahren frei hervortritt, der physische Leib ist. In den verschiedenen Vorträgen über die Erziehung des Kindes ist betont worden, wie wichtig es für den Erzieher ist, gerade dieses zu wissen. Dann, wenn die ätherische Hülle abgestreift wird, liegt frei der Ätherleib; wenn mit dem vierzehnten Jahre die astralische Mutterhülle abgestreift wird, liegt frei der Astralleib. Genau gesprochen können wir aber die menschliche Wesenheit nur verstehen, wenn wir von jener Gliederung ausgehen, die in meiner «’Theosophie» angegeben ist. Dort sind die höheren, die seelischen Glieder der menschlichen Natur noch weiter geteilt. Da finden wir zunächst an den Lebensleib sich anschließend das, was man den Empfindungsleib nennt, und eigentlich ist bis zum einundzwanzigsten Jahre, genau gesprochen, gegenüber der äußeren Welt erst der Empfindungsleib vollständig frei. Mit dem einundzwanzigsten Jahre wird allmählich im Menschen dasjenige frei, was man die Empfindungsseele nennt; mit dem achtundzwanzigsten Jahre wird die Verstandes- oder Gemütsseele frei, und nachher die Bewußtseinsseele. So ist es beim gegenwärtigen Menschen. Und wer, geleitet durch die Erkenntnis der Geisteswissenschaft, das menschliche Leben beobachtet, der weiß sehr wohl, daß diese Entwickelungsstadien vorhanden sind. Und die, welche die großen Führer der Menschheit sind, wissen auch, warum das fünfunddreißigste Jahr ein so wichtiges ist. Dante wußte, warum er besonders auf sein fünfunddreißigstes Jahr hinwies, als er erklärte, daß er da jene gewaltigen Weltvisionen hatte, die in seinem großen Weltengedichte niedergelegt sind. Gleich im Anfange der «Göttlichen Komödie» finden wir darauf hingewiesen, daß er diese Visionen im fünfunddreißigsten Lebensjahr hatte. Da ist die Wesenheit des Menschen so weit, daß sie diejenigen Fähigkeiten als Werkzeuge voll benutzen kann, welche am Empfindungsleib, an der Empfindungsseele und an der Verstandes- oder Gemütsseele hängen.

[ 4 ] Diejenigen, welche von dem Menschen im Sinne unserer Entwickelung gesprochen haben, haben diese Einteilung immer gekannt. Bei den Orientalen war es etwas anders, da Ändern sich die Zeiten etwas. Daher aber hatte man für die orientalische Kultur recht, wenn man nicht dieselben Unterschiede machte in der Einteilung. Im Abendlande aber mußte man sie immer machen. Die Griechen zum Beispiel haben nur mit etwas anderen Worten das bezeichnet, was wir hier haben. Indem sie das Seelische bezeichnen wollten, fingen sie an bei dem, was wir den Lebensleib nennen, und nannten es Treptikon; was wir den Empfindungsleib nennen, nannte man mit einem sehr bezeichnenden Ausdruck Aesthetikon; unsere Empfindungsseele bezeichnete man als Orektikon, die Verstandesseele als Kinetikon, und was die Bewußtseinsseele ist, das kostbarste Gut, was sich der Mensch jetzt erwirbt, nannte man Dianoetikon. So haben wir die Entwickelung des Menschen vor uns, wenn wir sie genau und exakt betrachten.

AltName

[ 5 ] Nun war durch gewisse Verhältnisse, die uns heute auch noch zum Teil klarwerden sollen, die Entwickelung des nathanischen Jesus etwas vorangeschoben, etwas beschleunigt worden. Das war ja dadurch auch möglich, daß in seinen Gegenden die Geschlechtsreife früher fiel. Aber es Jagen bei ihm noch ganz besondere Gründe vor, daß dasjenige, was sonst im vierzehnten Jahre eintritt, bei ihm im zwölften Jahre eintrat. Und so trat das, was sonst mit einundzwanzig Jahren eintritt, bei ihm mit neunzehn Jahren ein, und was sonst mit achtundzwanzig und fünfunddreißig Jahren vorgeht, das ereignete sich bei ihm mit sechsundzwanzig und dreiunddreißig Jahren. Das ist sozusagen das Schema der Entwickelung unseres irdischen Mittelpunktwesens. Wir haben nun zu beachten, daß wir bis zum zwölften Jahre leiblich den nathanischen Jesus vor uns haben, daß aber vom zwölften Jahre an in dem nathanischen Jesus weiterlebt das Ich des Zarathustra. Was heißt das eigentlich? Es heißt nichts anderes, als daß dieses Ich, dieses reife Ich, von dem zwölften Jahre angefangen, an des nathanischen Jesus Empfindungsleib, Empfindungsseele und Verstandesseele arbeitete und diese Eigenschaften der menschlichen Natur in der Weise ausarbeitete, wie nur ein so reifes Ich, das durch die verschiedensten Inkarnationen hindurch dieSchicksale des Zarathustra-Ich durchgemachthat, die menschlichen Fähigkeiten ausarbeiten kann. So haben wir jene wunderbare Tatsache vor uns stehen, daß in den Leib des nathanischen Jesus hinein mit dem zwölften Jahre sich das Ich des Zarathustra verkörperte, daß es die Fähigkeiten in der Seele in der denkbar feinsten Weise ausarbeitete. Also es entwickelte sich ein Empfindungsleib heran, der imstande war, so hinaufzuschauen in den Kosmos, daß er die Empfindungen haben konnte von dem alten Ahura Mazdao, was dieser seiner geistigen Wesenheit nach ist; es entwickelte sich eine Empfindungsseele, welche das Wissen, die Weisheit in sich hegen konnte, die nach und nach sich erst auf Grundlage der Ahura-Mazdao-Lehre innerhalb der Menschheit entwickelte; und es entwickelte sich dann eine Verstandesseele, die das alles begriff, das heißt in Begriffe, in Worte, in leichtfaßliche Worte fassen konnte, was die Menschheit früher nur durch ihre geistigen Strömungen von außen erlangt hatte.

[ 6 ] So entwickelte sich dieser nathanische Jesus mit dem ZarathustraIch in sich. Und er entwickelte sich so lange in dieser Weise, bis das dreißigste Jahr herannahte. Da machte sich eine neue Tatsache geltend. Diejenige Erscheinung, die in einer gewissen Weise schon mit zwölf Jahren bei dem nathanischen Jesus aufgetreten ist, daß sein Innerstes mit einer neuen Ichheit erfüllt worden ist, die tritt noch einmal ein, jetzt jedoch in einer universelleren, bedeutenderen Weise. Gegen das dreißigste Jahr sehen wir, wie das Zarathustra-Ich seine Aufgabe an der Seele des nathanischen Jesus vollendet hat, wie es die Fähigkeiten in der höchsten Weise ausgebildet hat. Da hatte es sozusagen die Mission für diese Seele vollendet, da hatte es alles das, was es durch die früheren Inkarnationen gewonnen hatte, in diese Seele hineingearbeitet und konnte nunmehr sagen: Meine Aufgabe ist jetzt vollendet.- Und es verließ das Zarathustra-Ich eines Tages den Leib des nathanischen Jesus.

[ 7 ] Das Zarathustra-Ich lebte also bis zum zwölften Jahre in dem Leibe des salomonischen Jesus. Dieser Knabe hätte sich irdisch nun nicht weiterentwickeln können. Er blieb sozusagen deshalb, weil das Zarathustra-Ich, das in ihm gewohnt hatte, ihn verlassen hatte, auf seinem damaligen Standpunkte stehen. Er war allerdings bis zu einer hohen und seltenen Reife gelangt, weil ein so hohes Ich in ihm war. Wer äußerlich das salomonische Jesuskind beobachtet hätte, würde gefunden haben, daß es ein im höchsten Maße frühreifes Kind war. Aber von dem Momente an, als das Zarathustra-Ich es verlassen hatte, blieb es stehen, da konnte es nicht weiter. Und als der Zeitpunkt heranrückte, wo verhältnismäßig früh die Mutter des nathanischen Jesus starb, in bezug auf die geistigen Glieder in die geistige Welt entrückt wurde, da nahm sie dasjenige, was an Ewigkeitswert, an bildender Kraft in dem salomonischen Jesuskinde war, mit sich. Dieses Kind starb auch, also ungefähr zur gleichen Zeit, als die Mutter des nathanischen Jesus starb.

[ 8 ] Es war eine wertvolle Ätherhülle, welche damals den Leib des salomonischen Jesus verließ. Wir wissen, daß der Ätherleib von jener Zeit an seine besondere Ausbildung erlangt, wenn ein Kind ungefähr das siebente Jahr überschritten hat, zwischen dem siebenten Jahre und der Geschlechtsreife. Das war also ein Ätherleib, der durch die Kräfte ausgebildet war, die das Zarathustra-Ich hatte. Wir wissen, daß beim Tode der Ätherleib den physischen Leib verläßt, daß alles, was nicht für die Ewigkeit brauchbar ist, im normalen Menschenleben abgestreift wird und daß eine Art Extrakt von dem Ätherleibe mitgenommen wird. Bei dem salomonischen Jesusknaben war das denkbar größte Quantum des Ätherleibes für dieEwigkeit brauchbar. Der ganze Lebensleib dieses Kindes wurde von der Mutter des nathanischen Jesus in die geistige Welt mitgenommen.

[ 9 ] Nun ist aber der Ätherleib der Bildner und Aufbauer des physischen Menschenleibes. Wir können uns nun vorstellen, daß in der Tat eine tiefe Verwandtschaft war zwischen diesem Ätherleibe, der als der Ätherleib des salomonischen Jesus in die geistige Welt entrückt worden war, und dem Ich des Zarathustra, denn dasselbe war bis zum zwölften Jahre eins mit ihm im Erdenwandel. Und als es durch die Entwickelung des Jesus von Nazareth dann dessen Leib verließ, sich sozusagen herausbegab aus dem Leibe des nathanischen Jesus, da machten sich die Anziehungskräfte geltend zwischen dem Zarathustra-Ich und dem Ätherleibe, welcher dem salomonischen Jesuskinde entstammte. Die kamen wieder zusammen und bauten sich dann einen neuen physischen Leib auf. Das Zarathustra-Ich war so reif, daß es nicht einen weiteren Durchgang durch ein Devachan brauchte. Es konnte sich nach verhältnismäßig kurzer Zeit mit Hilfe jenes Ätherleibes, den wir eben charakterisiert haben, einen neuen physischen Leib aufbauen. Und dadurch wurde nunmehr zum ersten Male dasjenige Wesen geboren, welches nachher immer wieder und wieder erschien, immer so erschien, daß verhältnismäßig kurze Zeiträume zwischen dem physischen Tode und einer neuen Geburt verliefen, so daß dieses Wesen immer, wenn es den physischen Leib im Tode verließ, bald wieder auf der Erde neu inkarniert erschien.

[ 10 ] Diese Wesenheit, welche also ihren auf die geschilderte Weise abgelegten Ätherleib wieder aufgesucht hat, wandelte nachher durch die Geschichte der Menschheit. Sie wurde, wie Sie sich vorstellen können, der größte Helfer derjenigen, welche das große Ereignis von Palästina begreifen wollten. Als sogenannter «Meister Jesus» wandelt diese Individualität durch der Zeiten Wende; so daß also der Zarathustra, das Zarathustra-Ich, nach der Wiederauffindung seines Ätherleibes seine Laufbahn durch die Menschheitsentwickelung als der «Meister Jesus» begann, der seitdem auf unserer Erde immer wieder und wieder verkörpert lebt zur Lenkung und Leitung jener Geistesströmung, die wir die christliche nennen. Er ist der Inspirator derjenigen, welche das sich lebendig entwickelnde Christentum verstehen wollen; er hat innerhalb der esoterischen Schulen diejenigen inspiriert, welche die Lehren des Christentums fortdauernd zu pflegen hatten. Hinter den großen geistigen Gestalten des Christentums steht er, immerdar lehrend, was eigentlich das große Ereignis von Palästina bedeutet.

[ 11 ] Dieses Zarathustra-Ich, das den Leib des nathanischen Jesus vom zwölften bis zum dreißigsten Jahre belebt hat, es war nunmehr außerhalb dieses Leibes. Eine andere Wesenheit drang jetzt in diesen Leib ein. Der Zeitpunkt, da dies geschah, da nun sozusagen ein «höchstes Ich» statt des Zarathustra-Ich in den nathanischen Jesus eindrang, dieser Zeitpunkt wird uns in allen Evangelien charakterisiert als derjenige der Johannes-Taufe im Jordan. Es ist schon bei Gelegenheit der Besprechung des Johannes-Evangeliums darauf aufmerksam gemacht worden, daß die Taufe in jenen älteren Zeiten noch etwas ganz anderes war, als sie später geworden ist, wo sie nur ein Symbol ist. Sie wurde auch anders von Johannes dem Täufer vorgenommen. Die getauft wurden, sie wurden ihrer ganzen Leiblichkeit nach, mit ihrem ganzen Körper in das Wasser eingetaucht. Nun wissen Sie aber aus den verschiedenen vorbereitenden anthroposophischen Vorträgen, daß bei einer solchen Tatsache etwas ganz Besonderes geschehen kann. Schon im gewöhnlichen Leben, wenn der Mensch zum Beispiel dem Ertrinken nahe ist und einen Schock bekommt, tritt das ein, daß er sein bisheriges Leben wie in einem großen Tableau vor sich stehen hat. Das kommt daher, weil da für einen Augenblick das geschieht, was sonst nur nach dem Tode eintritt: der Ätherleib wird herausgehoben aus dem physischen Leibe, wird frei von den Gewalten des physischen Leibes. Das vollzog sich bei den meisten Täuflingen des Johannes, und das vollzog sich besonders bei der Taufe des nathanischen Jesus: sein Ätherleib wurde herausgezogen. Und während dieses Momentes konnte in den Leib des nathanischen Jesus untertauchen und Besitz von ihm nehmen jene hohe Wesenheit, die wir die Christus-Wesenheit nennen.

[ 12 ] So ist von jenem Zeitpunkte der Johannes-Taufe an der nathanische Jesus durchdrungen von der Christus-Wesenheit. Das bedeuten die Worte, welche in den älteren Evangelienurkunden handschriftlich stehen: «Dies ist mein vielgeliebter Sohn, heute habe ich ihn gezeuget» — das heißt, es ist jetzt der Sohn des Himmels, der Christus gezeugt. Der Befruchter war die einheitliche Gottheit, die durch die Welt webt, und empfangend war derLeib und die ganze Organisation des nathanischen Jesus, der vorbereitet worden war, um den Fruchtkeim aus den Höhen zu empfangen. «Dies ist mein vielgeliebter Sohn, heute habe ich ihn gezeuget», so hieß es sonst in den älteren Evangelienhandschriften, und so sollte es in Wahrheit in den Evangelien stehen (Lukas 3, 22).

[ 13 ] Wer ist diese Wesenheit, die sich damals mit dem Ätherleibe des nathanischen Jesus vereinigte? Diese Christus-Wesenheit können wir wieder nicht verstehen, wenn wir unseren Blick nur auf die Erdenentwickelung lenken. Diese Christus-Wesenheit ist diejenige Wesenheit, welche wir nennen müssen den Führer jener geistigen Wesenheiten, welche damals, als die Sonne sich von der Erde getrennt hat, mit der Sonne aus der Erde hinausgingen und sich einen höheren Schauplatz begründeten, um von dieser Sonne aus, also von außen herein, auf die Erde zu wirken. Wenn wir uns also in die vorchristliche Erdenzeit zurückversetzen — von der Zeit an, als sich die Sonne von der Erde getrennt hat, bis zu der Erscheinung des Christus auf der Erde -, so müssen wir sagen: Wenn der Mensch zur Sonne hinaufschaute, so hätte er bei einer Reife seiner Empfindungen dasjenige empfinden müssen, was der Zarathustra gelehrt hat, daß das, was im Sonnenlicht und in der Sonnenwärme zu uns dringt, nur das physische Kleid ist jener hohen geistigen Wesenheiten, die hinter dem Sonnenlichte stehen; denn dahinter verbergen sich die geistigen Kraftstrahlen, die von der Sonne auf die Erde hereindringen. Der Führer aber aller der anderen Wesenheiten, welche da ihre wohltätigen Wirkungen von der Sonne heruntersenken auf die Erde, das ist das Wesen, das später der Christus genannt worden ist. Man hat es also in den vorchristlichen Zeiten nicht auf der Erde zu suchen gehabt, sondern man hatte es auf der Sonne zu suchen. Und Zarathustra tat recht, wenn er es mit dem Namen Ahura Mazdao bezeichnete, es auf die Sonne versetzte und sagte: Wenn wir über die Erde wandeln, finden wir ihn nicht, diesen Lichtgeist, wenn wir aber auf die Sonne schauen, dann ist dasjenige, was auf der Sonne geistig lebt, der Ahura Mazdao, und was als Licht zu uns strömt, das ist der Leib des Sonnengeistes, des Ahura Mazdao, wie der menschliche physische Leib der Leib des Menschengeistes ist. — Aber immer mehr näherte sich dieses hohe Wesen durch die großen kosmischen Vorgänge der Erdensphäre. Man konnte hellseherisch sozusagen immer mehr und mehr verspüren die Annäherung des Christus an die Erde. Und ein deutliches Erkennen dieses Christus trat ein, als der große Vorgänger des Christus Jesus, als Moses auf dem Sinai im Blitzesfeuer seine Offenbarungen empfing.

[ 14 ] Was bedeuteten diese Offenbarungen des Moses? Sie bedeuteten, daß sich das, was als Christus-Wesenheit sich der Erde näherte, zunächst wie in einer Reflexion zeigt, wie in einem Spiegelbilde. Denken wir uns den Vorgang vergeistigt, den wir jede Vollmondnacht am Vollmonde wahrnehmen. Wenn wir zum Vollmond hinaufblicken, sehen wir die Sonnenstrahlen zurückgestrahlt, gespiegelt. Es ist Sonnenlicht, was uns da entgegenströmt; nur heißen wir es Mondenlicht, weil es vom Monde widergespiegelt erscheint. Wen sah Moses im brennenden Dornbusch und im Feuer auf dem Sinai? Den Christus! Aber wie man das Sonnenlicht nicht auf dem Monde direkt sieht, sondern gespiegelt, so sah er in einer Spiegelung den Christus. Und wie wir das Sonnenlicht, wenn wir es vom Monde gespiegelt erblicken, Mondenlicht nennen, so wurde damals der Christus Jahve oder Jehova genannt. Daher ist Jahve oder Jehova nichts anderes als die Widerspiegelung des Christus, bevor dieser selbst auf der Erde erschien. So verkündigte sich der Christus der menschlichen Wesenheit, die ihn noch nicht in seiner ureigenen Wesenheit zu schauen vermochte, indirekt, wie in der sonst dunklen Vollmondnacht das Sonnenlicht sich durch die Mondenstrahlen verkündigt. Jahve oder Jehova ist der Christus, aber nicht direkt gesehen, sondern als reflektiertes Licht.

[ 15 ] Immer mehr und mehr sollte sich menschlichem Erkennen, menschlichem Wahrnehmen dieser Christus nähern. Das heißt, er sollte eine Zeitlang selber auf der Erde wandeln, Mensch unter Menschen sein, menschlicher Mitbewohner auf unserer Erde werden, wie er vorher aus dem Kosmos herunter für die Eingeweihten sich kundgetan hat. Dazu mußte erst der richtige Zeitpunkt kommen. Daß er vorhanden ist, der Christus, das hat man dort, wo man die Weisheit der Welt durchdrungen hat, immer gewußt. Und weil er sich in der verschiedensten Weise geoffenbart hat, so hat man ihn auch mit den verschiedensten Namen benannt. Zarathustra hat ihn Ahura Mazdao genannt, weil er sich ihm in dem Sonnenlichtkleide offenbarte. Jene großen Lehrer der Menschheit, die in der ersten Epoche nach der atlantischen Katastrophe im alten Indien aufgetreten sind, die heiligen Rishis, sie haben, da sie Eingeweihte waren, durchaus von diesem Wesen gewußt; nur wußten sie, daß es mit Erdenweisheit in dieser Epoche noch nicht zu erreichen ist, daß es sich mit Erdenweisheit erst in einer späteren Epoche wird erreichen lassen. Daher war die Formel für jene Zeit die, daß dieses Wesen lebe jenseits der Region der sieben Rishis. Vishva Karman nannte man es. So also lehrten auch sie von jenem Wesen, das sie Vishva Karman nannten, das der Zarathustra Ahura Mazdao nannte. Das sind verschiedene Namen für diese Wesenheit, die sich langsam aus Geisteshöhen, aus kosmischen Örtlichkeiten der Erde näherte.

[ 16 ] Aber es mußte die Menschheitsentwickelung vorbereitet werden, damit ein Leib dieses Wesen aufnehmen konnte. Dazu mußte erst eine solche Wesenheit, wie sie in dem Zarathustra gelebt hat, heranreifen von Inkarnation zu Inkarnation, um dann in einem so reinen Leibe, wie es der des Jesus von Nazareth war, die Fähigkeiten des Empfindungsleibes, der Empfindungsseele und der Verstandesseele auszuarbeiten, so daß diese menschliche Wesenheit fähig wurde, ein so hohes Wesen aufzunehmen. Das mußte langsam vorbereitet werden. Damit eine Empfindungsseele, eine Verstandesseele so vorbereitet werden konnte, mußte erst ein Ich durch die vielen Erfahrungen und Erlebnisse durchgehen, durch die der Zarathustra durchgegangen ist, und mußte umgestalten die Fähigkeiten in dem nathanischen Jesus. Das war nicht möglich in einer früheren Zeit. Denn an dem nathanischen Jesuskinde mußte nicht nur das Zarathustra-Ich arbeiten, sondern auch jene hohe Wesenheit, die wir charakterisiert haben als den Nirmanakaya des Buddha. Sie arbeitete insbesondere von außen herein von der Geburt bis zum zwölften Lebensjahre. Dazu mußte sie aber erst da sein. Es mußte jener Bodhisattva selbst erst zum Buddha-Dasein aufsteigen, um in sich möglich zu machen, den Geistleib des Nirmanakaya zu entwickeln, damit er das nathanische Jesuskindlein von der Geburt bis zum zwölften Jahre bearbeiten konnte. Der Bodhisattva selbst mußte erst die Buddha-Stufe übersteigen, um in sich die Kraft zu haben, einen Leib reif zu machen zu jenem großen Ereignis. Er hatte es in jener Inkarnation, als er Buddha wurde, noch nicht dazu gebracht, diese Fähigkeit auszubilden. Dazu war erst sein Buddha-Leben notwendig.

[ 17 ] Wenn einmal die Menschheit wirklich verstehen wird, was als große Weistümer in den Legenden aufbewahrt ist, dann wird sie an den entsprechenden Stellen lesen können, daß alles, was wir aus der AkashaChronik entziffern, in einer wunderbaren Weise in den alten Legenden enthalten ist. Es wird uns erzählt, und mit Recht, daß die ChristusWesenheit auch im alten Indien gelehrt worden ist als kosmische Wesenheit jenseits der Sphäre der sieben heiligen Rishis. Sie wußten, daß diese Wesenheit in der Höhe lebt und sich erst allmählich der Erde nähert, Zarathustra wußte auch, daß er den Blick hinauszuwenden hatte von der Erde zur Sonne; und das althebräische Volk war durch die Eigenschaften und Fähigkeiten, die wir gestern hervorgehoben haben, in der Lage, die Widerspiegelung der Christus-Wesenheit zuerst verkündigt zu erhalten. - Auch das wird uns angedeutet, und zwar in einer Erzählung, wie der Buddha, als er sich eben anschickte, von dem Bodhisattva zu einem Buddha zu werden, in Berührung kam mit dem Vishva Karman, der später der Christus genannt wurde. Die Legende erzählt ja, daß er, als sein neunundzwanzigstes Jahr heranrückte, jene berühmte Ausfahrt aus seinem Palaste machte, wo er bis dahin gehegt und gepflegt worden war. Da sah er zuerst einen alten Mann, dann einen Kranken, dann einen Leichnam, und lernte so nach und nach das Elend des Lebens kennen; dann sah er einen Mönch, der dieses Leben verlassen hatte, in dem Alter, Krankheit und Tod sind. Da beschloß er, so erzählt die Legende, die eine tiefe Wahrheit verkündet, zunächst nicht gleich hinauszuziehen, sondern erst noch einmal zurückzukehren. Aber bei dieser Ausfahrt, so sagt uns diese Legende, wurde er von den geistigen Höhen herein geschmückt mit jener Kraft, welche der Götterkünstler Vishva Karman, der ihm erschien, auf die Erde heruntersandte. Geschmückt wurde der Bodhisattva mit der Kraft des Vishva Karman selbst, der später der Christus genannt wurde. Also etwas Äußerliches war der Christus noch für ihn, war noch nicht mit ihm vereinigt. Damals hatte sich auch der Bodhisattva dem dreißigsten Jahre genähert; damals aber hätte er noch nicht vollständig die Christus-Aufnahme in einem menschlichen Leib bewirken können. Dazu mußte er erst reif sein. Gerade durch sein Buddha-Dasein hat er sich erst reif gemacht. Und als er indem Nirmanakaya erschien, hatte er die Aufgabe, diesen Leib des nathanischen Jesus, den er nicht selber einnahm, reif zu machen für die Aufnahme des Vishva Karman, des Christus.

[ 18 ] So hatten die Kräfte der Erdenentwickelung zusammengewirkt, um das große Ereignis zustande zu bringen. Nun muß sich uns die Frage auf die Lippen legen: Wie steht dieser Christus, dieser Vishva Karman, zu solchen Wesenheiten wie den Bodhisattvas, von denen zum Beispiel jener Bodhisattva einer war, der später zum Buddha geworden ist?

[ 19 ] Mit dieser Frage kommen wir hart an den Rand eines der größten Geheimnisse unserer Erdenentwickelung heran. Es wird im allgemeinen für die heutigen Gefühle und Empfindungen der Menschen schwer, das Gewaltige auch nur zu ahnen, was sich hinter diesem Geheimnis verbirgt. Solcher Wesenheiten, wie der Bodhisattva eine ist, der zum Buddha wurde und der die Mission hatte, die große Lehre vom Mitleid und von der Liebe der Menschheit einzuverleiben, solcher Wesenheiten gibt es im Zusammenhange mit unserem Kosmos, zu dem die Erde gehört, zwölf. Jener Bodhisattva, der fünf bis sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung zum Buddha wurde, ist einer von diesen zwölfen. Alle Bodhisattvas haben eine bestimmte Mission. Wie dieser eine die Mission hatte, die Lehre vom Mitleid und von der Liebe auf die Erde zu bringen, so haben auch die anderen ihre Missionen, die in den verschiedenen Erdenepochen erfüllt werden müssen. Der Buddha steht der Erdenmission deshalb besonders nahe, weil dieEntwickelung der moralischen Gesinnung gerade die Aufgabe unseres Zeitalters ist, von dem Zeitpunkte an, da der Bodhisattva fünf bis sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung erschien, bis dieser Bodhisattva von seinem Bodhisattva-Nachfolger abgelöst werden wird, der später auf der Erde als der Maitreya Buddha zu leben hat. So geht überhaupt die Erdenentwickelung vorwärts: die Bodhisattvas steigen herab und haben der Erdenentwickelung das, was Gegenstand ihrer Mission ist, von Zeit zu Zeit einzuverleiben. Würden wir die ganze Erdenentwickelung überblicken, so fänden wir eben zwölf solcher Bodhisattvas. Sie gehören jener gewaltigen Geistergemeinschaft an, welche also von Zeit zu Zeit einen der Bodhisattvas als einen besonderen Sendboten auf die Erde zu senden hat, als einen der großen Lehrer. Gleichsam eine große Loge von zwölf Bodhisattvas haben wir als regierende Loge unserer ganzen Erdenentwickelung anzuerkennen. Diese zwölf Bodhisattvas decken sich im wesentlichen mit dem Begriffe, den wir auf niederen Stufen des Daseins als den Begriff des Lehrers kennen. Lehrer sind sie, große Inspiratoren für diesen oder jenen Teil dessen, was sich die Menschen anzueignen haben.

[ 20 ] Woher empfangen die Bodhisattvas das, was sie von Epoche zu Epoche zu verkünden haben? Wenn Sie hineinschauen könnten in die große Geistloge der Bodhisattvas, in den Kreis der zwölf Bodhisattvas, so würden Sie finden, daß inmitten der zwölf Bodhisattvas in unserem Weltendasein ein dreizehntes Wesen sitzt, das wir nicht in demselben Sinne einen Lehrer nennen können wie die zwölf Bodhisattvas, sondern das wir nennen müssen dasjenige Wesen, von dem die Weisheit selber substantiell ausströmt. Daher sagt man ganz richtig, wenn man den Tatbestand bezeichnen will: Die zwölf Bodhisattvas sitzen in der großen Geistloge um ihren Mittelpunkt herum; sie sind in dem Anschauen der großen Wesenheit versunken, die ihnen alles zuströmt, was sie dann als ihre Mission in die Erdenentwickelung hineinzutragen haben. So strömt von diesem Dreizehnten das aus, was die anderen zu lehren haben. Sie sind die Lehrer, die Inspiratoren, der Dreizehnte ist als Wesenheit selber das, was die anderen lehren. Über ihn verkünden sie immer von Epoche zu Epoche. Dieser Dreizehnte ist derjenige, den die alten Rishis nannten Vishva Karman, den Zarathustra nannte Ahura Mazdao; das ist der, den wir den Christus nennen. Und so steht er zu allen Bodhisattvas, so ist er der Führer und Lenker der großen Loge der Bodhisattvas. Und so ist der Inhalt der Verkündigung durch den ganzen Chor der Bodhisattvas hindurch die Lehre von dem Christus, von dem Vishva Karman. - Derjenige, der fünf bis sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung vom Bodhisattva zum Buddha geworden ist, er wurde geschmückt mit den Kräften des Vishva Karman. Derjenige, der als nathanischer Jesus den Christus in sich aufgenommen hatte, er wurde nicht bloß «geschmückt», sondern «gesalbt», das heißt durchdrungen, durchtränkt von dem Vishva Karman, von dem Christus.

[ 21 ] Überall, wo Menschen eine Ahnung oder auch durch dieEinweihung eine Erkenntnis hatten von diesem Tatbestand, von diesen großen Geheimnissen der Menschheitsentwickelung, da bildete sich wie in einem Symbolum, wie in einem Bilde dieses Geheimnis ab. Wir sehen, wie zum Beispiel in jenen wenig bekannten, geheimnisvollen Mysterien des europäischen Nordens, in den Drotten-Mysterien, vor der Erscheinung des Christentums ein irdisches Symbolum von dem geistigen Tatbestand der Loge der zwölf Bodhisattvas geschaffen wurde. In den Drotten-Mysterien gehörte in den alten Zeiten Europas immer zu denjenigen, die innerhalb der geistigen Entwickelung die Lehrer waren, eine Gemeinschaft von Zwölf. Die hatten zu verkündigen. Und einen Dreizehnten hatten sie, der nicht lehrte, sondern der durch seine bloße Gegenwart die Weisheit ausstrahlte, welche die anderen empfingen. Das war das Bild auf der Erde von einem himmlischen, geistigen Tatbestand. -— Und anderseits werden wir in dem Gedicht «Die Geheimnisse», wo Goethe auf seine Rosenkreuzer-Inspiration hingewiesen hat, daran erinnert, wie Zwölf herumsitzen um einen Dreizehnten und wie dieser nicht ein großer Lehrer zu sein braucht; denn der Bruder Markus soll von den Zwölfen — nachdem der Dreizehnte von ihnen gegangen sein wird — in seiner Einfachheit als dieser Dreizehnte angesprochen werden. Er soll der Bringer nicht einer Lehre, sondern der spirituellen Substanz selber sein. Und überall, wo man eine Ahnung oder eine Erkenntnis von diesem hohen Tatbestand hatte, war es so.

[ 22 ] Es war also mit der Johannes-Taufe im Jordan derjenige Zeitpunkt für die Menschheitsentwickelung eingetreten, wo dieser himmlische Dreizehnte als die geistige Substanz selber auf der Erde erschien, von der alle anderen - Bodhisattvas und Buddhas - zu lehren hatten; und es waren jene gewaltigen Vorbereitungen notwendig, damit sich diese Wesenheit in einen menschlichen Leib hineinsenken konnte. Das ist das Geheimnis der Jordan-Taufe. Und das ist das Wesen, das uns in den Evangelien geschildert wird: Vishva Karman, Ahura Mazdao oder der Christus, wie er später genannt worden ist, in dem Leibe des nathanischen Jesus. Als solcher sollte dieses Wesen durch die drei Jahre auf der Erde wandeln in Menschengestalt, Mensch unter Menschen, in jener geprüften Erdenwesenheit, die bis zu ihrem dreißigsten Jahre das alles erlebt hatte, was wir im Laufe dieser Vorträge gehört haben. Diesen nathanischen Jesus durchleuchtete, durchströmte die Wesenheit, die sich früher in den leuchtenden und wärmenden Sonnenstrahlen verbarg, die aus dem Kosmos herunterleuchteten, jene Wesenheit also, welche mit der Sonne bei ihrer Trennung von der Erde weggegangen war.

[ 23 ] Nunmehr können wir uns aber noch eine andere Frage vorlegen, die Frage: Warum hat sich diese Wesenheit so spät erst mit der Menschheitsentwickelung auf der Erde vereinigt? Warum ist sie nicht früher auf die Erde heruntergestiegen? Warum durchdrang sie nicht früher einen menschlichen Ätherleib, wie sie ihn bei der Johannes-Taufe im Jordan durchdrungen hat? Das können wir begreifen, wenn wir etwas genauer noch jenes Ereignis verstehen, das uns im Alten Testament als der Sündenfall dargelegt wird. Dieses Ereignis besteht darin, daß gewisse Wesenheiten, die auf der Stufe der alten Mondenentwickelung stehengeblieben waren, in der alten lemurischen Zeit ihren Einzug hielten in den menschlichen Astralleib. Derselbe ist damals durchdrungen worden von den luziferischen Wesenheiten. Das wird uns bildlich dargestellt in dem Sündenfalle des Paradieses. Dadurch, daß diese Kräfte in den menschlichen Astralleib eindrangen, ist der Mensch tiefer in die Erdenangelegenheiten verstrickt worden, als es sonst geschehen wäre. Wenn er diesen luziferischen Einfluß nicht erhalten hätte, würde er gleichsam in höheren Sphären, weniger in die Erdenmaterie hineinverstrickt, seine Entwickelungslaufbahn auf der Erde vollendet haben. Der Mensch ist dadurch früher heruntergestiegen auf die Erde, als er eigentlich hätte heruntersteigen sollen. Wäre nun sonst nichts eingetreten, wäre nur das alles geschehen, was eben jetzt angedeutet worden ist, so hätte sich damals die ganze Wirkung der luziferischen Kräfte, welche im Astralleib des Menschen verankert waren, auch im menschlichen Ätherleibe geltend gemacht. Das aber mußten die Weltenmächte verhindern. Daher mußte etwas ganz Besonderes eintreten. — Was damit gemeint ist, wird noch von einer anderen Seite her klarwerden durch meine demnächst erscheinende «Geheimwissenschaft». — Der Mensch durfte nicht so bleiben, wie er war, nachdem er die luziferischen Kräfte in seinen Astralleib aufgenommen hatte. Er mußte behütet werden vor der Wirkung der luziferischen Kräfte auf seinen Ätherleib. Das wurde dadurch erreicht, daß der Mensch damals unfähig gemacht wurde, seinen vollen Ätherleib zu benutzen. Es wurde ein Teil des Ätherleibes der Willkür des Menschen entzogen. Wäre diese Wohltat der Götter nicht gekommen, hätte der Mensch die Kraft über seinen vollen Ätherleib beibehalten, so hätte er nimmermehr den Weg durch die Erdenentwickelung in entsprechender Weise finden können. Gewisse Teile des menschlichen Ätherleibes haben damals herausgezogen werden müssen, um aufgespart zu werden für spätere Zeiten. Versuchen wir jetzt einmal uns vor das geistige Auge zu führen, welche Teile dieses waren.

[ 24 ] Der Mensch besteht zunächst aus den Teilen, die wir auch draußen in der Welt sehen, aus dem Erdigen oder Festen, aus Wasser oder Flüssigem und aus Luft oder Gasförmigem. Das sind die Elemente, die den physischen Menschenleib bilden, wie sie auch alles Physische bilden. Das Ätherische beginnt mit dem ersten Ätherzustande, den wir den Zustand des Feueräthers oder des Feuers schlechtweg nennen. Feuer oder Wärme, was die heutige Physik nicht als ein Substantielles, sondern nur als eine bloße Bewegung ansieht, ist aber der erste Zustand des Äthers. Der zweite Ätherzustand ist der Lichtäther oder Licht schlechtweg, und der dritte Zustand ist das, was für den Menschen zunächst gar nicht in seiner ursprünglichen Gestalt erscheint; nur einen Abglanz, gleichsam einen Schatten dieses Äthers kann der Mensch in der physischen Welt wahrnehmen als Ton, als Schall. Aber dem, was äußerlich Schall ist, liegt etwas Feineres, Ätherisches, etwas Geistiges zugrunde, so daß wir den physischen 'Ton nur als ein Schattenbild des geistigen Tones, des Tonäthers oder auch Zahlenäthers zu bezeichnen haben. Das vierte Äthergebiet ist der Lebensäther, das, was allem eigentlichen Leben zugrunde liegt.

[ 25 ] Wie nun der heutige physische Mensch ist, so prägt sich alles, was sein Seelenhaftes ist, in seiner physischen Leiblichkeit und in seiner ätherischen Leiblichkeit aus. Aber alles Seelische ist sozusagen gewissen Substanzen des Ätherischen zugeteilt. Was wir den Willen nennen, drückt sich ätherisch aus in dem, was wir das Feuer nennen. Wer nur ein wenig empfänglich ist für gewisse empfindungsgemäße Zusammenhänge, der wird fühlen, daß man ein gewisses Recht hat, so von dem Willen zu sprechen, daß dieser Wille, der sich physisch im Blute ausdrückt, in dem Feuerelement des Ätherischen lebt; physisch drückt er sich im Blute aus, beziehungsweise in der Bewegung des Blutes. Was wir Gefühl nennen, drückt sich aus in dem Teile des Ätherleibes, der dem Lichtäther entspricht. Weil das so ist, deshalb sieht auch der Hellseher die Willensimpulse des Menschen wie Feuerflammen, die seinen Ätherleib durchzucken und in den Astralleib hineinstrahlen, und die Gefühle sieht er als Lichtformen. Was aber der Mensch als sein Denken in seiner Seele erlebt und was wir in den Worten aussprechen, das sind auch nur Schattenbilder des Denkens, wie Sie sich ja leicht denken können, weil ja der physische Ton auch nur ein Schattenbild eines Höheren ist. Die Worte haben ihr Organ in dem Tonäther. Unseren Worten liegen zugrunde die Gedanken, die Worte sind Ausdrucksformen für die Gedanken. Diese Ausdrucksformen erfüllen den ätherischen Raum, indem sie ihre Schwingungen durch den Tonäther schikken. Was Ton ist, das ist eben nur die Abschattung der eigentlichen Gedankenschwingungen. Das aber, was das Innerliche aller unserer Gedanken ist, was unseren Gedanken Sinn gibt, das gehört seinem ätherischen Zustande nach dem eigentlichen Lebensäther an.

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[ 26 ] Von diesen vier Ätherformen wurden in der lemurischen Zeit nach dem luziferischen Einflusse dem Menschen nur die zwei unteren zur freien, willkürlichen Verfügung gelassen: Feueräther und Lichtäther; dagegen wurden die zwei oberen Ätherarten dem Menschen entzogen. Das ist der innere Sinn, wenn uns gesagt wird: Nachdem die Menschen durch den Iuziferischen Einfluß die Unterscheidung von Gut und Böse erlangt hatten - bildlich ausgedrückt durch den Genuß vom «Baume der Erkenntnis» —, wurde ihnen entzogen der Genuß vom «Baume des Lebens». Das heißt, es wurde ihnen entzogen, was frei, willkürlich durchdrungen hätte den Gedankenäther und den Sinnesäther. Dadurch mußten sich die Menschen nun in folgender Weise entwickeln: In jedes Menschen Willkür war das gestellt, was seinem Willen entspricht. Der Mensch kann seinen Willen als seinen persönlichen geltend machen, ebenso auch seine Gefühle. Gefühl und Wille ist dem einzelnen Menschen für das Persönliche freigegeben, daher das Individuelle der Gefühlswelt und der Willenswelt. Das Individuelle hört aber sofort auf, wenn wir aufsteigen vom Gefühl zum Denken, ja sogar schon zu dem Ausdruck der Gedanken, zu den Worten auf dem physischen Plan. Während jeder Mensch seine Gefühle und seinen Willen persönlich hart, kommen wir sofort in etwas Allgemeines hinein, wenn wir in die Wortwelt und in die Gedankenwelt hinaufrücken. Es kann nicht jeder sich seine eigenen Gedanken machen. Wenn die Gedanken so individuell wären wie die Gefühle, so würden wir uns nie verstehen. Es wurden also Gedanke und Sinn der menschlichen Willkür entzogen und vorläufig in der Göttersphäre aufbewahrt, um später erst dem Menschen gegeben zu werden. Daher können wir auf dem Erdenkreis überall individuelle Menschen finden mit individuellen Gefühlen und individuellen Willensimpulsen, aber wir haben überall gleiches Denken, gleiche Sprache bei den Völkern. Wo eine gemeinsame Sprache ist, da herrscht eine gemeinsame Volksgottheit. Diese Sphäre ist der menschlichen Willkür entzogen; da wirken vorläufig die Götter hinein.

[ 27 ] Wenn nun Zarathustra mit seinen Schülern hinaufwies in das Reich des Geistigen, so konnte er sagen: Aus dem Himmel herunter strömt die Wärme, das Feuer, aus dem Himmel herunter strömt das Licht. Das sind die Kleider von Ahura Mazdao. Aber hinter diesen Kleidern verbirgt sich das, was noch nicht heruntergestiegen ist, was noch in den geistigen Höhen oben geblieben ist, was in den physischen Gedanken und den physischen Worten des Menschen nur einen Schatten hinuntergeworfen hat.— Hinter der Sonnenwärme, hinter dem Sonnenlichte verbirgt sich das, was im Tone, im Sinn lebt, was sich nur denjenigen verkündete, die hinter das Licht schauen konnten, was sich verhält zu dem irdischen Wort wie das himmlische Wort zu dem vor der Menschheit vorläufig bewahrten Teile des Lebens. Daher sagte Zarathustra: Blicket hinauf zu Ahura Mazdao! Ihr seht, wie er sich offenbart in dem physischen Kleide des Lichtes und der Wärme. Dahinter ist aber das göttliche Schöpfungswort; das nähert sich der Erde.

[ 28 ] Was ist Vishva Karman? Was ist Ahura Mazdao? Was ist der Christus in seiner wahren Gestalt? Das göttliche Schöpfungswort! Daher tritt uns in der Zarathustra-Lehre die merkwürdige Mitteilung entgegen, daß Zarathustra eingeweiht wird, um in dem Lichte seinen Ahura Mazdao wahrzunehmen, aber auch noch das göttliche Schöpfungswort, Honover, das herniedersteigen sollte auf die Erde und das zuerst herniedergestiegen ist bei der Johannes-Taufe in einen einzelnen menschlichen Ätherleib. Was seit der lemurischen Zeit aufgespart worden ist, das Wort, das Geistwort, drang bei der Johannes-Taufe aus den Ätherhöhen ein in den Ätherleib des nathanischen Jesus. Und als die Taufe vollendet war, was war geschehen? Das Wort war Fleisch geworden.

[ 29 ] Was haben Zarathustra oder die, welche um seine Geheimnisse wußten, von jeher verkündet? Als Sehende haben sie verkündet das «Wort», das sich hinter der Wärme und dem Licht verbirgt. «Diener des Wortes» waren sie. Und der Schreiber des Lukas-Evangeliums schrieb das auf, was die «Selbstseher» verkündet haben, die dadurch «Diener des Wortes» geworden sind.

[ 30 ] So sehen wir wieder an diesem Beispiel, wie die Evangelien wörtlich zu nehmen sind. Was wegen des luziferischen Prinzips so lange der Menschheit vorenthalten werden mußte, das war in einer einzelnen Persönlichkeit zunächst Fleisch geworden, war heruntergestiegen auf die Erde, lebte auf der Erde. Daher ist diese Wesenheit das größte Vorbild derer, die allmählich seine Natur verstehen werden. Daher muß unsere Weisheit auf der Erde sich zum Beispiele nehmen die Bodhisattvas. Diese haben immer die Aufgabe, das zu verkündigen, was der Dreizehnte unter ihnen ist. Wir aber haben unsere Geisteswissenschaft zusammenzunehmen, haben unsere Weisheit, unsere Kenntnisse, die Ergebnisse der Geistesforschung dazu zu benutzen, um Wesen und Natur des Vishva Karman, des Ahura Mazdao - des Christus zu durchdringen.