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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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The Christ Impulse
and the Development of Self-Awareness
GA 116

22 December 1909, Berlin

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Zweiter Vortrag

2. The Law of Karma with Respect to the Details of Life

[ 1 ] Die heutige Betrachtung möge gewidmet sein Dingen, welche den Anthroposophen im weiteren Sinne des Wortes interessieren können und die dazu bestimmt sein sollen, denen, welche schon längere Zeit an diesen Zweigabenden teilgenommen haben, diese oder jene Sache genauer zu beleuchten. Vor allem ist es gut, wenn wir uns ab und zu wieder in die Erinnerung rufen, daß es in der Geisteswissenschaft nicht allein darauf ankommt, dieses oder jenes so im allgemeinen als Theorie, als Lehre zu wissen, sondern daß es darauf ankommt, immer wieder und wieder sich genauer und eingehender mit den entsprechenden Fragen und Lebensrätseln zu beschäftigen. Es könnte ja vielleicht jemand sagen: Was man zunächst für das Leben aus der Geistesforschung zu wissen braucht, das ließe sich bequem in ein kleines Heftchen von vielleicht sechzig Seiten, wenn man alles unterbringen will, hineinbringen, und dann könnte sich jeder dieses Heftchen von sechzig Seiten zu eigen machen; er hätte dann eine Überzeugung über das Wesen des Menschen, über Reinkarnation und Karma, über die Entwickelung der Menschheit und der Erde, und könnte nun mit dieser Überzeugung durch das Leben wandern. Und jemand, der das gern hätte, könnte vielleicht sagen: Ja, warum macht es denn eigentlich diese anthroposophische Bewegung nicht so, daß sie in möglichst vielen Exemplaren diese hauptsächlichsten Gesichtspunkte in die Welt hinausstreut, damit jeder Mensch sich eine Überzeugung darüber aneignen kann? Warum tut diese Bewegung das zunächst merkwürdig Scheinende, daß sie jede Woche einmal diejenigen, welche sich mit Geisteswissenschaft beschäftigen wollen, zusammenruft, um immer von neuem das zu beschreiben, was sich bequem auf sechzig Seiten unterbringen ließe? Was haben denn, könnte man fragen, diese Anthroposophen jede Woche immer wieder und wieder ihren Leuten zu sagen?

[ 1 ] Our lecture to-day shall be devoted to subjects interesting to Anthroposophists in the widest sense, subjects intended to throw light on certain points which may have puzzled those who have attended our Group-Meetings for a considerable time. It is well, now and then, to recollect that the point of importance in Anthroposophy is not so much the learning of certain things as theory or doctrine, but that we should continually enter in greater detail into the questions and enigmas of life.—Some people may perhaps say: All that is necessary to know of Anthroposophy for use in life could be comfortably contained in a small pamphlet of sixty pages or so; everyone could possess a copy and would then be convinced as to the nature of man, reincarnation and karma, and the evolution of humanity on the earth,—and could go through life needing nothing further. A person who would like to have that carried out might perhaps suggest: ‘Why does not the Anthroposophical Movement distribute as many copies as possible of a booklet containing these principal points of view, so that everyone might acquire a copy and be able to convince himself? Why does the Anthroposophical Society adopt the curious method of holding meetings week after week, assembling all those interested or likely to become interested for the purpose of constantly recapitulating what might comfortably be reduced to a sixty-page pamphlet? What can these Anthroposophists possibly have to say to their followers, week after week?’

[ 2 ] Nun, es entspricht vielleicht gewissen Glaubensbekenntnissen unserer Zeit, auch in bezug auf die Geistesforschung einen solchen kurzen Abriß für die Westentasche zu haben, um sich auf diese Weise das Wichtigste aneignen zu können. Aber das ist es ja, was wir uns immer mehr und mehr ins Gedächtnis rufen sollten, daß es mit einem solchen «Abriß-Wissen» in der Geistesforschung nicht getan ist — daß es überhaupt im Grunde nicht auf das Wissen ankommt, obwohl Geistesforschung in einem Wissen, in einer Erkenntnis besteht -, daß es nicht genügt, in allgemeinen Phrasen das Wesen der Geistesforschung zu sehen, sondern in ganz bestimmten Erkenntnissen. Aber wiederum genügt es doch nicht, sich diese Erkenntnisse etwa im Sinne der heutigen Zeit als eine allgemeine Überzeugung angeeignet zu haben und dann damit zufrieden zu sein. Denn nicht darum handelt es sich, eine solche Überzeugung einmal zu haben, zu wissen: Der Mensch lebt nicht nur einmal, es gibt Ursachenverhältnisse, welche von einem Leben in das andere hinübergehen, es gibt Reinkarnation und Karma. Das ist nicht das eigentlich Heilsame der Geistesforschung, diese Lehren zu verbreiten, sondern sich eingehend und intim mit diesen Lehren, namentlich in bezug auf ihre Einzelheiten immer wieder und wieder zu beschäftigen, sie unausgesetzt auf seine Seele wirken zu lassen. Denn man hat im Grunde von der Überzeugung gar nichts, die uns einfach glauben läßt: Ja, der Mensch lebt nicht nur einmal zwischen Geburt und Tod, er lebt öfter; es gibt eine Reinkarnation, ein Karma und so weiter. Von dem Glauben an diese Dinge hat man im Grunde nicht viel. Und es ist im Grunde zwischen der Seele eines Menschen, der nicht weiß, daß es eine Reinkarnation und ein Karma gibt, und zwischen der Seele eines solchen Menschen, der das weiß, kein sehr großer Unterschied in bezug auf die wirklichen Tiefen des Lebens. Unsere Seele wird im anthroposophischen Sinne erst dann eine andere, wenn wir uns immer wieder und wieder nicht nur mit den Allgemeinheiten, sondern mit den besonderen Tiefen beschäftigen, die uns die Geistesforschung zu sagen hat. So kommt es, daß es gut ist, wenn wir uns immer wieder verständigen in bezug auf die anthroposophische Auffassung dieser oder jener Lebenseinzelheit. Nur im allgemeinen zu wissen, daß es ein großes Schicksalsgesetz gibt, welches einen Zusammenhang schafft zwischen vergangenen Taten, vergangenen Empfindungen, vergangenen Gedanken eines Menschen und zwischen gegenwärtigen und zukünftigen Erlebnissen, dieses nur im allgemeinen zu wissen, genügt eben durchaus nicht. Erst dann wird Geisteswissenschaft eine Lebenssache, wenn wir diese allgemeinen Lehren anwenden können auf die einzelnen Erfahrungen des Lebens, wenn wir imstande sind, unsere ganze Seele sozusagen einzustellen auf den Gesichtswinkel, durch den wir das Leben in einer neuen Art ansehen. Daher soll heute zunächst eine kleine Betrachtung angestellt werden über das Karmagesetz, jenes große Schicksalsgesetz in bezug auf Einzelheiten des Lebens. Dinge sollen zusammengefaßt werden vom Gesichtspunkte des Karmagesetzes, welche den meisten von Ihnen bereits bekannt sind, die aber auch einmal unter den Gesichtswinkel des Karma gerückt werden müssen.

[ 2 ] There may be certain orders of mind of our day who would like to have a small outline of Anthroposophy which they could keep in their waistcoat pockets, and thus study what it is most important to know. We must, however, over and over again, bring to mind the fact that nothing can be done in this way with Anthroposophy. There can be no ‘tabloid-knowledge!’ Although Anthroposophy does depend both on knowledge and perception, it does not consist of mere ‘phrases,’ but of very definite knowledge. But it is not enough merely to acquire this knowledge as a general conviction according to present-day methods, and then rest satisfied. For the point in question is not merely that one should acquire the conviction and know that man lives many lives and that there are causal conditions which pass over from one life into another, that there is such a thing as reincarnation, as karma. The beneficial effects of Anthroposophy do not lie in the spreading of this knowledge, but are felt in the constant and repeated study of all the details connected with it, and in allowing the teaching to work upon one's soul. It does one no good simply to believe that man lives more than once and that there is such a law as that of reincarnation, karma, and so on. The mere belief in this will not carry one far. As regards the real depths of life there is not much difference between the soul of a man who knows of reincarnation and karma and one who knows nothing of it. In an anthroposophical sense our soul is only changed if we constantly study, not only the generalities, but the deeper things that Spiritual Science can teach us. That is why it is a good thing that we should over and over again consider how the various details of life appear in the light of the Anthroposophical conception. It is by no means sufficient merely to know that there is a great law of destiny establishing a connection between the past deeds, feelings and thoughts of a man and his present and future experiences. Anthroposophy will only become a life-factor when we can apply this general doctrine to the different experiences of life, when we become able to put our whole soul into such a position, that we obtain an entirely new outlook on life. That is why we will to-day give a little time to studying the law of karma, the great law of destiny, with reference to the details of life. Things will be spoken of to-day which are familiar to all; but they will be considered from the standpoint of karma.

[ 3 ] «Karma» sagt im allgemeinen, daß es einen Zusammenhang gibt in der geistigen Welt zwischen dem, was heute geschieht und in der Zukunft geschehen wird, und dem, was in der Vergangenheit geschehen ist. Es ist nicht einmal ganz besonders gut, das Karma- oder Schicksalsgesetz das Gesetz der Verursachung zu nennen und es dann zu vergleichen mit dem Gesetz von Ursache und Wirkung in der äußeren Welt. Wenn wir einen Vergleich haben wollen für dieses große Schicksalsgesetz, so müssen wir immer auch darauf sehen, daß dieser Vergleich als solcher stimmt, daß er auch wirklich dasjenige veranschaulicht, was das Schicksalsgesetz sagt.

[ 3 ] Karma says in a general sense that there is a connection in the spiritual world between what takes place to-day and what has taken place in the past. It is not really a good thing to call karma the law of causality, and then to compare it with the law of cause and effect in the external world. If we wish to find a comparison for this great law of destiny, we must take care that the comparison is valid, that it really does represent this law.

[ 4 ] Nehmen wir einmal als Vergleich folgendes. Wir haben zwei Gefäße mit Wasser und außerdem zwei Metallkugeln, die gewöhnliche Zimmerwärme haben. Wir werfen die eine Kugel in das eine Wassergefäß: Das Wasser bleibt, wie es ist. Jetzt nehmen wir die andere Kugel, und nachdem wir sie glühend gemacht haben, werfen wir sie in das andere Wassergefäß: Das Wasser darinnen wird heiß! Warum ist das Wasser in dem zweiten Gefäß heißer geworden? Warum nicht in dem ersten? Es ist heißer geworden aus dem Grunde, weil die Kugel selber, bevor sie in das Wasser hineingeworfen wurde, eine Veränderung durchgemacht hat, und die Veränderung durch das Glühendmachen hatte zur Folge die Erhitzung des Wassers. Es trat ein Geschehnis auf, das die Folge war eines anderen Freignisses, nämlich des Glühendmachens. Mit dem, was in der vorhergehenden Zeit Erlebnis, was Tätigkeit war, hängt dasjenige zusammen, was in der Gegenwart oder Zukunft als Erlebnis, als Erscheinung uns entgegentritt.

[ 4 ] Let us take the following as an example. Suppose we have two vessels containing water—and two metal balls of the normal temperature of the living-room. We throw one ball into one of the vessels; and the water remains as it was. We now take the other ball and having heated it, we throw it into the other vessel. The water in that gets warm.—Why has the water in the second vessel grown warm and not in the first? Because the ball itself underwent a change before it was thrown into the vessel; and having itself been made hot it brings about the warming of the water. An event occurred which was the result of another event, the result of the ball having been heated.—The experiences and activities of a former time are connected with the experiences and phenomena of the present or future.

[ 5 ] Wenn wir das Gesetz der geistigen Zusammenhänge zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in dieser Weise ins Auge fassen, so werden wir es schon im gewöhnlichen Leben, in dem Leben, das rings um uns herum abläuft und das wir beobachten können, wenn wir nur wollen, bestätigt finden, auch wenn wir noch lange nicht irgendwelche hellseherischen Fähigkeiten entwickelt haben. Denn das müssen wir ja immer wieder als eine goldene Regel feststellen: Richtig bewiesen werden kann ein Gesetz der geistigen Welt nur mit der hellseherischen Beobachtung, nur von dem Geistesforscher; dagegen belegt werden durch äußere Bestätigungen kann ein solches Gesetz durch die Erlebnisse der äußeren Welt immer. Allerdings, um das Karmagesetz im Leben bestätigt zu finden, dazu werden sich die Menschen angewöhnen müssen, schon das äußere Leben ein wenig genauer zu beobachten als das gewöhnlich geschieht. Denn die Menschen beobachten das Leben gewöhnlich nicht weiter als, bildlich gesprochen, ihre Nase reicht. Was etwas weiter weg liegt, das beobachten sie schon nicht mehr. Wer aber das äußere Leben tiefer beobachtet, der wird schon zwischen Geburt und Tod im Menschendasein das Karmagesetz wohl hinlänglich da oder dort bestätigt finden können.

[ 5 ] When we grasp the law of the spiritual connections between past, present and future in this way, we shall be able to find it confirmed in ordinary life, in the everyday life around us,—though we ourselves may be very far from having as yet developed any clairvoyant faculties. For we must always establish as a golden rule the fact that while a law of the spiritual world can only be proved by the spiritual investigator through clairvoyant observation, it can always be corroborated by the experiences of the external world.—People will, however, have to accustom themselves to observe external life a little more carefully than usual, if they wish to find confirmation of the law of karma. As a rule they do not see, figuratively speaking, beyond the end of their noses. What lies beyond that, they do not observe. Anyone who observes more profoundly will, however, find plenty of confirmation between birth and death of the existence of a law of karma.

[ 6 ] Wir wollen uns möglichst an Konkretes halten; nehmen wir einmal den folgenden Fall an. Irgendein junger Mensch wäre im fünfzehnten Jahre seines Lebens durch irgendein Ereignis aus seiner bisherigen Lebensbahn herausgerissen worden. Sagen wir, er hätte durch die Lage seiner Eltern bis zum fünfzehnten Jahre studieren können, und er wäre im fünfzehnten Jahre genötigt worden, vielleicht dadurch, daß der Vater sein Vermögen verloren hat, den Kaufmannsstand zu ergreifen. Er ist also aus einem Lebensberuf heraus und in einen anderen hineingeworfen worden. Selbstverständlich handelt es sich nicht darum, irgendeinen Lebensberuf für wertvoller zu halten als einen anderen, sondern darum, daß eine Veränderung im Leben eintritt, wenn so etwas vor sich geht. Nun wird man wahrscheinlich, wenn man das Leben in dem heute gewöhnlichen, materialistischen Sinne betrachtet, nichts Erhebliches unter dem Einfluß einer solchen Erscheinung in dem Leben eines Menschen suchen und dann auch nicht finden. Wer aber genauer beobachtet, der wird finden, daß ein Mensch, der so in einen andern Beruf hineinkommt, zunächst durch die Abwechselung, die ihm der neue Beruf darbietet, Freude, Sympathie haben kann für seinen Beruf, daß er sozusagen mit Interesse hineinwächst in diesen seinen Beruf. Dann kann aber etwas Merkwürdiges auftreten. Was Seelenerlebnisse sind, was Sympathien und Antipathien sind im Berufe, das kann mit dem achtzehnten bis neunzehnten Jahre anfangen, eine andere Gestalt anzunehmen. Die Freude am Berufe kann aufhören, der Mensch kann anfangen, sich ganz anders zu verhalten zu seinem Beruf. Man wird in gewisser Weise ratlos sein gegenüber dem, was sich dann in der Seele eines solchen Menschen zuträgt, wenn man niemals etwas gehört hat von der Anthroposophie.

[ 6 ] We will keep as far as possible to the concrete, and take the following example. A young lad, fifteen years of age, has been torn away by unforeseen circumstances from the life he had been accustomed to lead. Till then the position of his parents had permitted him to study; now at the age of fifteen, in consequence, perhaps, of his father having lost his fortune, he had to go into trade, and was thus pitchforked from one calling to another. Of course the point here is not that the one calling was in any way better than the other, but that his life was altered by the change. Now people who contemplate life in the ordinary materialistic sense would probably not expect anything worthy of note to be brought about by the influence of such an event in a man's life, and they would find nothing. But a closer observer would discover that a young man who goes into trade in that way, will at first feel pleasure in the change, will like his calling,—that his interest in it grows with his own growth, as one might say. After a while, however, something remarkable will become evident, The soul-experiences, the sympathies and antipathies he feels in his work, may, as he reaches the age of eighteen or nineteen, assume a different form. He may cease to take pleasure in it; his attitude towards trade may alter. Those who had never heard of Anthroposophy would feel at a loss to account for what takes place in the young man's soul.

[ 7 ] Was ist denn da geschehen? Es ist das geschehen, daß der Mensch von dem fünfzehnten Jahre an, als er in einen neuen Beruf versetzt worden ist, sich mit Interesse in diesen Beruf hineingefunden hat. Dieses Interesse hat zunächst jene Empfindungen und Seelenstimmungen, die sich herangebildet haben, als dieser Mensch sich ganz anders betätigt hatte, zurückgeschoben. Dann kommt aber eine Zeit, wo das alles mit um so größerer Kraft durchbricht. Geradeso wie wenn man einen elastischen Körper gedrückt hat — man kann eine Weile drücken, dann aber schnellt die Masse um so stärker zurück -, so kann die Folge sein, daß die Interessen, die eine Weile zurückgeschoben worden sind, jetzt ganz besonders ausbrechen. Im achtzehnten bis neunzehnten Jahre bricht dann alles hervor, was sich an Empfindungen, an Stimmungen in die Seele hineingedrängt hat drei Jahre vor jener Veränderung, das heißt im achtzehnten bis neunzehnten Jahre alles dasjenige, was sich im elften bis zwölften Jahre in die Seele hineingedrängt hatte und so weiter. Und man findet sich nur zurecht im Leben eines Menschen, wenn man sich sagen kann: Da ist mit dem fünfzehnten Jahre ein Lebensknotenpunkt eingetreten, und es treten nach diesem Zeitpunkt Geschehnisse auf, welche in ihren Wirkungen nach außen ebenso viele Jahre später liegen, als ihre Ursachen ebenso viele Jahre vor diesem Knotenpunkt liegen.

[ 7 ] What then has actually occurred?—When the young man was fifteen and was put into the new trade, he took a great interest in it. At first the interest he felt drove out the feelings and sentiments that had formed within him when he was following a different line of activity. Those feelings were pushed into the background. The time, however, comes when these break through again with all the more strength. It is just as though one compressed an elastic object; it can be compressed for a while but it springs back with all the more rapidity, and the result in the case of the lad may be that the interests which have been thrust aside for a time, now burst forth with greater zest. When he is eighteen or nineteen the feelings and sentiments that penetrated his soul, three years before the change of calling, now come forth anew,—that is, those he felt at eleven or twelve.—Life can only be explained in such a case by saying: When this lad was fifteen a turning-point occurred in his life. After that, things happened whose external effects are felt the same number of years after the turning-point as the cause of them originated before that time.

[ 8 ] Denken Sie einmal, wie man einem Menschen helfen kann in bezug auf Seelenstimmungen und Schwierigkeiten im Leben, wenn man in der Lage ist, sich zu fragen: Wo liegt ein solcher seelischer Knotenpunkt im Leben dieses Menschen? — Er kann sehr intim liegen. Wenn man aber auf einen solchen Knotenpunkt kommt, dann kann man zurückrechnen und hat dann eine geistige Wirkung ebenso viele Jahre nach diesem Lebensknotenpunkt, als man eine Ursache hat ebenso viele Jahre vor demselben. So bekommt man eine Anschauung von dem Karma. Die Erkenntnis hilft uns im Leben weiter und wir können uns sagen: Solche Ursachen und Wirkungen im Leben eines Menschen hängen nach bestimmten Zeiträumen zusammen, so daß sie sich nach einem bestimmten Zeitpunkt im Leben richten; und wenn wir von diesem Zeitpunkt vorwärts- und zurückzählen, so können wir den Zusammenhang von Ursache und Wirkung finden.

[ 8 ] Just think how one would be able to help a person as regards his soul-moods and the difficulties of life, if we were able to ask ourselves:—When did such a turning-point occur?—It may have been connected with something quite private and intimate; but, if one can place it, we can then reckon back; and it will be found that the spiritual effects reveal themselves just as long after the turning-point, as the cause of them was before that time. This gives one an insight into karma. Such knowledge is a help in life, and we may say:—Causes and effects of this nature are connected with definite periods of time and they are determined by a definite period in life, so that if we count backwards and forwards from that point of time, we can find the connection between cause and effect.

[ 9 ] Nun kann sich so etwas natürlich durch den Eintritt anderer Ereignisse verdecken. Es könnte zum Beispiel jemand kommen und sagen: Das Beispiel, das du uns da gegeben hast, stimmt nicht! Ich habe das gerade bei einem jungen Menschen erlebt, bei dem das nicht der Fall ist. — Ja, ich habe es auch schon erlebt, daß zwei Leute zusammen Billard spielten, da kam gerade der Kellner vorbei und stieß denjenigen an, der gerade am Spiel war, und die Kugel flog in einer ganz anderen Richtung, als sie sonst geflogen wäre. Aber deshalb ist das Gesetz der Verursachung nicht falsch, sondern es sind eben andere Verhältnisse eingetreten. Wir müssen aber dabei bedenken, daß wir das Gesetz niemals kennenlernen, wenn wir nicht von denjenigen Dingen absehen, welche das Gesetz stören. Es können nach dem fünfzehnten Jahre wiederum andere Umstände eintreten, welche das Gesetz durchkreuzen. Gesetze lernt man nicht dadurch kennen, daß man das Leben bloß beobachtet, sondern dadurch, daß man sich zunächst die richtige Art aneignet, die Erscheinungen des Lebens zusammenzubringen. Denn im Leben werden die Dinge fortwährend gestört, da zeigen sich die Gesetze nicht so leicht. Dennoch kann man das Leben nur regeln, wenn man die Gesetze so kennt, wie sie gefunden werden müssen. Wenn man die Einzelheiten kennt, so kann man sich bei einem jungen Menschen, der eine solche Umknickung des Lebens erfahren hat, sagen: Es ist eine Aufgabe des Erziehers, jetzt darauf zu achten! — Da wird das Karma ein Lebensgesetz, da tritt der Fall ein, wo man das Gesetz im Leben handhaben kann, da wird es erst nütze. Man wird vielleicht in einem solchen Fall dem Kinde, nachdem man ihm nicht mehr das geben kann, was man ihm vorher gegeben hat, jetzt erst ein Berater sein können. Aber das kann man nur sein, wenn man solche Zusammenhänge kennt, wenn man weiß, was dem Menschen fehlt und gerade dort eingreifen und wirken kann, wo der betreffende Mangel im Leben einsetzt. Wenn man das nicht weiß, kann man dem jungen Menschen kein Berater sein. Da wird das Karmagesetz zu einem Einschlag des Lebens, da lernt man ein Berater sein im Leben, wenn man das Karmagesetz als ein Lebensgesetz betrachtet.

[ 9 ] Now this might, of course, be concealed by the intervention of other events. Someone might say: ‘The example you have just given us is no use; I have just met a young man to whom it does not apply:’—Well,—I have known a case of two men having a game of billiards, when a passing waiter bumped into the one who was just about to play, thus driving his ball in quite a different direction from what was intended! The law of cause and effect was not at fault, but other circumstances intervened. We must reflect that we shall never learn to know that law if we do not make an exception of the things that upset it. After the age of fifteen other circumstances may arise which interfere with the law. We do not become acquainted with laws simply by observing life, but by acquiring the right method of summing up its phenomena. For in life things are being constantly disturbed and the laws cannot so easily be seen; we can only regulate our life by knowing how these laws are to be found. When we know the particulars, we can say in the case of the young man whose life has been so smashed up, that it is the task of those who have his education in hand to look out for the result. In this way karma becomes a law of life; and if we have knowledge of the law, we can make use of our knowledge when such a case occurs. If we find that we can no longer give the lad what he had before, we can at any rate become his adviser. But we can only give the right advice if we know of the existence of such connections as those I have spoken of,—if we know what is the matter with him and intervene with help just where and when his particular lack is making itself felt. If we are ignorant of this law we cannot help him with advice.—When we regard the law of karma as a law of life it may become an influence in life, we can learn to become counselors.

[ 10 ] Es liegen ja natürlich nicht nur solche Zusammenhänge im Leben vor, sondern das Karmagesetz zwischen Geburt und Tod lebt sich auch noch in einer anderen Weise aus. So besteht ein merkwürdiger Zusammenhang zwischen den Erlebnissen eines Menschen in der ersten Hälfte seines Lebens und denen in der zweiten Lebenshälfte, nur beobachten ihn die Menschen nicht. Beispielsweise lernt man einen Menschen kennen; er ist jung und man verliert ihn aus den Augen, bevor er in ein bestimmtes Alter gekommen ist. Oder man lernt einen Menschen in einem späteren Alter kennen und kennt dann nicht seine Jugend; oder wenn man vielleicht auch die Jugend kennt, so vergißt man das, was sich vor vielen Jahren zugetragen hat. Anfang und Ende des Lebens zu betrachten in den Fällen, wo einem das möglich ist, das würde die schönste Bestätigung des Karmagesetzes schon im Dasein zwischen Geburt und Tod liefern.

[ 10 ] The above-mentioned case does not of course exhaust all the combinations that are possible; there is another way in which the law of karma is experienced between birth and death. There is a remarkable connection between the experiences a man has in the first half of his life and the second,—but this is not as a rule observed. One often makes acquaintance with a man in his youth and loses sight of him before he reaches maturity, or else one only meets a man when he is already old and one knows nothing of his youth; or even if one did know him in youth, one may have forgotten what has happened to him since. Were we to study and compare the beginning and end of people's lives when it is possible so to do, we should find the finest confirmation of the law of karma even in the life between birth and death.

[ 11 ] Dabei erinnern Sie sich vielleicht an etwas, was in den öffentlichen Vorträgen gesagt worden ist, zum Beispiel über den Zorn, der als ein edler Zorn in der Jugend auftritt. Wir haben damals charakterisiert, wie ein junger Mensch noch nicht durchschauen kann eine Ungerechtigkeit, die sich in seiner Umgebung abspielt; sein Intellekt ist noch nicht reif genug dazu, um eine Ungerechtigkeit, die sich abspielt, vollständig zu durchschauen. Aber es ist durch die weise Weltenlenkung dafür gesorgt, daß wir ein Gefühlsurteil haben, bevor wir zu einem Verstandesurteil kommen können. Es regt sich bei einem guten Menschen, wenn die Anlagen dazu vorhanden sind, in der Kindheit, wenn eine Ungerechtigkeit vor sieht geht, ein edler Zorn, der einfach als Gefühl da ist, und der das einzige ist, wodurch die Seele die Ungerechtigkeit empfinden kann. Die Ungerechtigkeit mit dem Intellekt zu durchschauen, dazu ist der Mensch noch nicht reif. Wenn diese edle Zornesregung aber im Charakter eines Menschen vorhanden ist, dann sollen wir sie wohl beachten. Denn alles, was so als ein Gefühlsurteil gegenüber einer Ungerechtigkeit erlebt wird, das bleibt in der Seele. Dieser edle Zorn der Jugendjahre durchdringt die Seele und wandelt sich im Laufe des Lebens um. Und was sich so im Verlaufe des Lebens umwandelt, das tritt in einer anderen Gestalt in der zweiten Lebenshälfte wieder auf: Es tritt auf in einer Gefühlsneigung zur liebenden Milde und zum Segnen. Es wandelt sich also der edle Zorn der Jugend, der ersten Lebenshälfte um, so daß er im späteren Leben auftritt als liebende Milde, als segnende Gesinnung. Und wir werden nicht leicht finden — wenn alle anderen Dinge so stimmen, daß nichts die Sache stört —, daß in der zweiten Lebenshälfte des Menschen jene liebende, segenspendende Milde auftritt, ohne daß sie sich nicht in den Jugendjahren ausgedrückt hat durch einen edlen Zorn, verursacht über Torheit, über Dummheit, über Häßlichkeit im Leben. So haben wir einen karmischen Zusammenhang im gewöhnlichen Leben, und wir könnten ihn in ein Bild kleiden und sagen: Jene Hand, die sich nicht einmal auch in der ersten Lebenshälfte in edlem Zorn ballen konnte, wird sich nicht leicht zum Segnen ausstrecken können in der zweiten Lebenshälfte.

[ 11 ] Perhaps you may remember in this connection what I have said in public lectures about the ‘noble’ anger which appears in youth. I have explained that a young person is not able fully to judge of an injustice that may be going on in his vicinity; he is not yet mature enough. Yet the wise rulership of the world has so ordained things that our feelings will help us to judge truly before our reason is mature enough to do so. A noble nature will, even in childhood, be moved to a righteous anger by anything like injustice, although it may be only in his feeling that his soul can sense the injustice. He may perhaps not yet be ripe to judge of it through his intellect. When this noble sense of indignation is to be found in the character of a child we ought to take particular note of it, for the feeling aroused by the injustice remains in the soul. This noble anger in early youth permeates the soul and, as life goes on, it becomes transformed. In the second half of life it reappears in a different form; it appears as the quality of loving kindness and goodness. We shall not often find that loving, bounteous goodness in the latter part of a man's life—if other things are equal and nothing has occurred to distort the sequence—without finding that it was expressed in his early years by a noble anger aroused at the stupidity or the ugly things of life. In ordinary life we find a karmic connection which we may clothe in the form of a picture and say: The hand that never clenched its fist in noble anger in the first half of life, will not easily be stretched forth in blessing in the latter half.

[ 12 ] Solche Dinge kann allerdings nur derjenige beobachten, der, wie gesagt, etwas weiter die Lebensbeobachtungen anstellt, als gerade seine Nase reicht. Aber man tut das ja im gewöhnlichen Leben nicht. Ich könnte an einem ganz trivialen Beispiel zeigen, wie wenig man dazu geneigt ist, solche Dinge im Leben zu beobachten.

[ 12 ] Such things will of course only be observed by one who can see a little further than ‘the end of his nose,’ which is just what most people do not do. I might give a simple example to show how little people are inclined to notice such things in life.

[ 13 ] Ich habe schon öfter erwähnt: Für denjenigen, der intime Lebenserkenntnisse sich erwerben will, gerade um okkulte Seelenverhältnisse zu vertiefen, für den ist es außerordentlich günstig, zum Beispiel unter anderem als Erzieher durch bestimmte Jahre hindurch gewirkt zu haben. Da lernt man in ganz anderer Weise die Seelen kennen als durch die gewöhnliche Schulpsychologie, die gewöhnlich für eine Seelenerkenntnis ganz wertlos ist. Seelenerkenntnis eignet man sich an, wenn man die Seele nicht nur beobachtet, sondern wenn man das Leben anderer unter eigener Verantwortung Jahre für Jahre selber zu leiten hat. Da lernt man auch intimer beobachten. Während meiner langjährigen Erziehertätigkeit konnte ich nicht nur diejenigen Kinder beobachten, welche mir gerade zur Erziehung anvertraut waren, sondern Sie wissen ja, da kommen bei Gelegenheiten verschiedene Familien zusammen, und dabei lernt man auch andere Kinder kennen, nicht nur Kinder in den verschiedensten Lebensaltern, sondern auch Kinder sozusagen von dem ersten Moment an, wo sie in die Welt treten.

[ 13 ] I have often mentioned how helpful it is to one who wishes to become intimately acquainted with life in order to study more deeply the occult conditions of the soul, to have been a teacher at some time. One learns more of the soul in that way than can be learnt from the ordinary text-books on Psychology, which, as a rule, are quite valueless. A knowledge of the soul is acquired when we do not merely observe and study but have to take the responsibility of guiding and directing the life of others. One learns a closer observation. During the long years of my tutorship I not only observed the children of whom I had charge, but I had many opportunities when other families came to visit them, of studying other children of all ages, even from the time they came into the world.

[ 14 ] Es ist jetzt vielleicht fünfundzwanzig bis dreißig Jahre her, da hatte man eine bestimmte Zeitlang in der Medizin - bei der Sie vielleicht auch schon bemerkt haben, wie sie eine von fünf zu fünf Jahren stetig sich ändernde Auffassung hat von dem, was dem Menschen «gesund» ist — eine ganz besondere Anschauung: nämlich die Anschauung, daß es besonders stärkend wäre für schwache Kinder, wenn man ihnen im Alter von drei, vier, fünf Jahren täglich ein tüchtiges Glas Rotwein verabreicht. Ich habe Kinder gesehen, die dieses Glas Rotwein bekommen haben, und auch solche, die es nicht bekommen haben. Ich konnte nun warten mit meinem Beobachten — denn selbstverständlich, die Medizin ist ja zunächst unfehlbar; gegen sie etwas auszusprechen, würde unter den Vorurteilen einer jeweiligen Gegenwart gar nicht viel fruchten -, ich konnte also mit meinen Beobachtungen warten. Die Kinder nun, welche damals von zwei bis fünf Jahren zu ihrer Stärkung täglich ihr Glas Rotwein bekommen haben, sind jetzt jüngere Leute von fünfundzwanzig bis siebenundzwanzig Jahren, und ich habe gefunden — denn ich habe wohl darauf geachtet, denn da erst zeigen sich die Wirkungen einer solchen Anschauung -, ich habe gefunden: alle die Kinder, welche ihren Rotwein bekommen haben, sind «Zappel-Philippe» geworden, ihr astralischer Leib zappelt, und sie können nicht viel mit ihm anfangen, sie wissen nicht, wie sie mit ihrem unwillkürlich sich regenden Seelenleben sich zurechtfinden sollen. Diejenigen dagegen, welche damals «leider», wie man sagte, nicht mit jenem Glas Rotwein gestärkt werden konnten, sind jetzt ganz in sich gefestigte Naturen geworden, die nun nicht so zappelig sind in ihrem astralischen Leib oder in ihrem Nervensystem, wie man es materialistisch ausdrückt.

[ 14 ] That is now some twenty-five to thirty years ago. You may have noticed how every five years or thereabouts the doctors have a different opinion as to what is ‘good’ for people. Well,—at that time they were strongly of opinion that it was very strengthening for delicate children three, four or five years old, to drink a glass of red wine every day.—I knew certain children who had their glass of wine and others who did not, and was able to make my own observations. For of course at that time, the doctor's opinion was considered infallible. It would have been of no use to attempt to go against it. I was thus able to await results. The children who were then from two to five years old and who were given the glass of wine to strengthen them, are now young men and women of twenty-five to twenty-eight years of age. I particularly noticed that only then the results of this treatment show themselves. All the children who had the wine have become ‘Fidgety Phils’; their astral bodies are fidgety, they have not much control of them; they do not know how to control the involuntary movements of their soul-life. On the other hand, those children who,—unfortunately, as was then said,—could not have their glass of red wine, have now become stable natures, less ‘wobbly’ in their astral bodies, or, as materialists would say, in their nervous systems.

[ 15 ] Da haben wir einen solchen Zusammenhang im Leben. Er ist ja ein trivialer, nicht ein besonders das Karma illustrierender, aber er ist ein solcher, an dem wir sehen, daß Lebensbeobachtung nicht bloß so weit gehen soll, wie unsere Nase reicht, sondern daß sie weitere Zeiträume überschauen muß, und daß es nicht genügt, wenn man einmal festgestellt hat: Dieses oder jenes Mittel wirkt so oder so. Denn dasjenige, was da eigentlich angeregt wird, kann der wirkliche Beobachter erst nach vielen Jahren konstatieren. Nur die großen Lebenszusammenhänge, und alles, was uns anweist, die großen Lebenszusammenhänge zu suchen, kann uns in Wahrheit aufklären über die Art, wie Ursache und Wirkung im Menschenleben zusammenhängen. So muß man versuchen, auch in bezug auf die eigentlichen Seeleneigenschaften weiter auseinanderliegende Lebenserscheinungen zusammenzuhalten. Dann kann man das Gesetz vom Karma auch schon zwischen Geburt und Tod sehen, dann findet man sehr häufig, wie die Ereignisse des späteren Alters zusammenhängen mit dem, was in der ersten Lebenshälfte erlebt worden ist.

[ 15 ] This is an example of the connections that exist in life. It is rather a trivial one and not particularly illustrative of karma; but it serves to show that we should not only look as far as the end of our noses but should survey longer periods of time, and that it is not sufficient merely to affirm that a remedy will have such and such an effect, for what is actually brought about can only be observed by the true observer many years after. Nothing but the great connections and all that leads us to find them can in reality give us the true explanations of the relation between cause and effect in the life of man. Thus we must try to connect the qualities of the soul with those phenomena of life which lie apparently very far apart; and we shall then be able to trace the law of karma even between birth and death, and shall frequently find that the events of later life are connected with the experiences of the earlier.

[ 16 ] Erinnern Sie sich auch noch an das, was über die Mission der Andacht gesagt worden ist, über die Wichtigkeit, mit dem Gefühl der Verehrung hinaufschauen zu können zu irgendeinem Wesen, zu irgendeiner Erscheinung, die man noch nicht versteht, die man verehrt gerade deshalb, weil man ihr mit dem Verstande noch nicht gewachsen ist. Und immer gern mache ich darauf aufmerksam, wie schön es ist, wenn der Mensch sich sagen kann: Ich habe einmal als Kind gehört von einem besonders verehrungswürdigen Familienmitgliede, das man ungeheuer verehrt hatte. Ich hatte es noch nicht gesehen, aber eine tiefe Ehrfurcht war in mir für diese Persönlichkeit vorhanden. Dann wurde ich einmal, als die Gelegenheit gekommen war, zu diesem verehrten Familienmitgliede hingeführt. Und mit innerster, heiliger Scheu legte ich die Hand auf die Türklinke zu dem Zimmer, wo diese bedeutsame Persönlichkeit erscheinen sollte!

[ 16 ] You may remember what I said of the mission of Devotion, of the importance of looking up in feeling to some being or some phenomenon which we do not yet understand, but which we revere for the very reason that we have not yet grown up to the level of being able to understand it. I always like to remind you of how fortunate it is when a man can say: ‘As a child I heard of a member of our family who was very greatly respected and honoured. I had not yet seen him but I had a profound reverence for him. Then one day the opportunity came, and I was taken to see him. A feeling of profound and holy awe came over me as I laid my hand on the handle of the door of the room where this wonderful person was to be seen.’

[ 17 ] Jenem Gefühl andächtiger Verehrung wird man dankbar sein im späteren Leben, denn man verdankt ungeheuer viel dem, daß man in der ersten Hälfte des Lebens hat verehren können. Und andächtige Verehrung ist ganz besonders gut in jedem Leben. Ich habe schon Menschen gekannt, die aufmerksam gemacht worden sind auf das Gefühl andächtiger Verehrung gegenüber einem Geistig-Göttlichen, und die dagegen einwandten: Ich bin Atheist, ich kann kein Geistiges verehren. — Solchen Menschen kann man sagen: Sieh dir einmal den Sternenhimmel an! Kannst du ihn machen? Sieh dir den weisheitsvollen Bau an und denke dir: Da kann man hineinsenken ein Gefühl wahrer echter Ehrfurcht! — Es gibt viel in der Welt, dem wir nicht mit dem Verstande gewachsen sind, aber zu dem wir verehrend aufschauen können. Und besonders in der Jugend ist viel vorhanden, zu dem wir andächtig hinaufschauen können, ohne daß wir es zu erkennen vermögen.

[ 17 ] In later life a man will have good reason to be grateful for that feeling of reverent devotion; we owe much gratitude to anyone who aroused a feeling of reverence in us in our early life. That feeling is of great and special value in any life. I have known men who exclaim, when such a feeling of reverent devotion to the Spiritual and Divine is alluded to: ‘I am an Atheist! I cannot revere anything spiritual!’—We can reply: ‘Look at the starry heavens! Could you create those? Look at that wisdom-filled structure and reflect: there it is surely possible to have a feeling of real, true reverence.’ There are many things in the world which our understanding has not yet grown up to, but to which we can look up in reverence. Especially is this the case in youth, when there is so much we can look up to and venerate, without being able to understand it.

[ 18 ] Andacht in der ersten Lebenshälfte verwandelt sich nun wieder in eine ganz besondere Lebenseigenschaft in der zweiten Hälfte. Wir haben wohl alle schon von Persönlichkeiten gehört, die durch das, was sie sind, etwas wie eine Wohltat sind für ihre Umgebung. Sie brauchen gar nicht etwas Besonderes zu reden, sie brauchen nur da zu sein. Es ist, wie wenn durch die ganze Art und Weise ihres Wesens etwas Unsichtbares von ihnen ausströmte und sich den anderen Seelen mitteilte. Ihre ganze Art wirkt wohltuend und beseligend auf die Umgebung. Wem verdanken solche Menschen diese Kraft, durch ihre seelischen Eigenschaften wohltuend auf ihre Umgebung zu wirken? Dem Umstande verdanken sie es, daß sie in der Jugend haben erleben dürfen ein Leben der Andacht, daß sie viel Andacht gehabt haben in der ersten Lebenshälfte. Andacht in der ersten Lebenshälfte verwandelt sich in die Kraft, unsichtbar segnend und wohltuend zu wirken in der zweiten Lebenshälfte.

[ 18 ] A feeling of devotion in early youth is transformed into a very special quality in the second half of life. We have all heard of persons who just by being themselves, are, as it were, a blessing to those around them. There is no need for them to say anything particular, their presence is enough. It seems as though by the very nature of their being, something invisible flows forth from them to the souls around them. Through their very nature they radiate a healing and beneficent influence on their environment. To what do these people owe their power of blessing? They owe it to the circumstance that in their youth they lived a life in which reverence played a part. Reverence in the early part of their life was transformed in later years into a force which works invisibly, pouring forth blessing and help.

[ 19 ] Da haben wir wiederum einen karmischen Zusammenhang, der sich zwischen Geburt und Tod klar und deutlich ausdrückt, wenn man ihn nur beobachtet. Und im Grunde genommen war es aus einem schönen karmischen Gefühl heraus gesprochen, als Goethe zum Motto eines seiner Werke die schönen Worte wählte: «Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle!» — Freilich, wenn man nur kurze Zusammenhänge im Leben beobachtet, wird man oft von unbefriedigten Wünschen sprechen können; wenn man große Zusammenhänge betrachtet, weniger.

[ 19 ] Here again is a karmic connection which, if we look for it, is clearly and distinctly to be observed. It was really a true feeling for karma which led Goethe to choose as the motto for one of his works, these beautiful words: ‘What we desire in our youth is fulfilled in old age!’ If one only observes the connections to be found within short periods of time, it may certainly seem as though one could speak of unfulfilled wishes,—but taking longer spans of time, this cannot well be said.

[ 20 ] Alle diese Dinge, die so charakterisiert worden sind, können nun wiederum übergehen in echte Lebenspraxis. Und im Grunde kann nur der, welcher das Leben so geisteswissenschaftlich ansieht, ein richtiger Erzieher sein. Denn er wird in der ersten Lebenshälfte dem Menschen dasjenige geben können, von dem er weiß, daß dieser es in der zweiten Hälfte anwenden kann. Heute weiß man nichts von jener Verantwortung, die man übernimmt, wenn man dieses oder jenes dem jungen Menschen einimpft. Aber heute ist es so gebräuchlich geworden, über diese Dinge von oben herab zu sprechen, sozusagen von dem hohen Pferd des materialistischen Denkens aus über diese Dinge zu sprechen. Und ich möchte Ihnen diese eben getane Behauptung illustrieren durch eine kleine Erfahrung, welche hier in Berlin von uns selber gemacht worden ist.

[ 20 ] All these things can pass over into and become part of life's daily round; and as a matter of fact, only one who studies in this anthroposophical way is qualified to educate children, for he will be able to provide them in their early years with that which, as he knows, they will be able to use in the latter part of their life. The responsibility that a man assumes when he instills one thing or another into a child is not realised to-day. It has become the custom to look down on these things to-day—to speak of them from the high horse of materialistic thinking. I should like to illustrate this by an experience we ourselves once had here in Berlin.

[ 21 ] Da kam einmal ein Besucher, so einer, der glaubt, wenn er nur einmal, einmal im Leben, eine oder zwei Versammlungen sich anhört, dann hat er ein Urteil über die Sache. Insbesondere suchen solche Leute ein Urteil über ähnliche geistige Bewegungen, wie die unsere es ist, in der Art zu gewinnen, daß sie nachher «sachgemäß» über die Sache schreiben können. Diejenigen, welche heute die Welt mit Zeitungsartikeln versorgen wollen, sie haben gerade den Glauben, daß man sich in dieser Weise ein Urteil über etwas verschafft. Man geht einmal hin, und dann weiß man, was los ist! — Dieser Besucher, den ich meine, der hat auch geschrieben, und es war putzig, als einmal in einer amerikanischen Zeitschrift über eine Zweigversammlung bei uns gelesen werden konnte. Natürlich war auch die Beschreibung recht merkwürdig zutreffend. Aber wie gesagt: Was man geisteswissenschaftlich wirklich erfassen will, das kann man sich natürlich auf diese Weise durchaus nicht aneignen, sondern man muß sich klar sein, daß man nur dann in das spirituelle Leben hineinkommt, wenn man den Willen hat, die Einzelheiten wirklich mitzuerleben und durchzumachen.

[ 21 ] A theosophical visitor once came here,—one of those who think if at some time in their lives they have attended one or two meetings, they are well able to form an opinion on the whole subject. Such persons desire to learn about a spiritual Movement like Anthroposophy so as to be able to write objectively about it. Those who wish to provide the world with newspaper articles, believe that they can judge of a movement by going to one or two lectures!—This visitor also went away and wrote. It was curious to read later on in an American paper what was said of one of our anthroposophical meetings. Of course the description given was remarkably correct!—As I have said, if anyone really wishes to grasp Anthroposophy it cannot be done in that way; it is only possible to penetrate into the life of Anthroposophy if one has the distinct will really to enter into it in detail and experience.

[ 22 ] Nun habe ich das ganze nur erzählt, um das Urteil des betreffenden Besuchers zu charakterisieren, das er gefällt hat und mit dem er nicht hinter dem Berge gehalten hat. Dieser Besucher sagte: An der Geisteswissenschaft gefalle ihm das nicht, daß sie alles so einteile; daß man die Welt einteile in physische Welt, astralische Welt, devachanische Welt und so weiter. Warum solle man das tun, alles so einteilen? — Das hatte er alles aus ein oder zwei Besuchen. Wie erschrecklich müßte es erst auf ihn gewirkt haben, wenn er auch noch die andern Einteilungen gehört hätte! Der betreffende Besucher war der Anschauung, man brauche nicht die Dinge so zu betrachten, sondern man rede «im allgemeinen» über die geistige Welt, warum soll man da erst in Klassen unterscheiden? — So redet man heute auf dem Gebiet der Erziehung, so redet man auf allen Gebieten des Lebens, so redet im Grunde genommen auch die heutige Wissenschaft. Aus der Willkür der Lebensbeobachtung, nicht aus der sachgemäßen Erforschung der einzelnen Lebenserscheinungen redet die Welt herum. Daher ist es auch so schrecklich, wie auf jemanden, der die Welt wirklich betrachten kann, solche Reformen und Programmreden wirken müssen, denn sie verursachen etwas, was man vergleichen kann mit einem furchtbaren physischen Schmerz. Man braucht heute nur ein gewöhnliches wissenschaftliches Buch in die Hand zu nehmen. Da mögen die Beobachtungen noch so gewissenhaft ausgeführt sein, die Art und Weise, wie die Dinge dargestellt sind, ist einfach furchtbar, weil gar kein Begriff dafür vorhanden ist, wie die Erscheinungen beobachtet werden sollen. Und so bewundert man heute auch mancherlei Menschen, die aus der Willkür dies oder jenes, weil es ihnen gerade einfällt, in die Welt hinausschreien. | Das gerade ist wichtig, daß sich der Anthroposoph das Bewußtsein aneignet, daß das Leben bis in die Einzelheiten genau nach jenen Methoden beobachtet werden sollte, welche uns das Karma und die anderen Lebensgesetze für die Lebenspraxis an die Hand geben. Daher können wir einen Segen für die zukünftige Entwickelung der Menschheit, auch in bezug auf Erziehungsfragen, nur dann erhoffen, wenn die anthroposophische Anschauung eindringt auch in die Grundsätze der Erziehung. Karma ist etwas, was zugleich eine feste Stütze gibt zum Beispiel für alle Lebensbeobachtung, die auf Erziehung eingeht.

[ 22 ] I am only saying all this to characterise the opinion formed by this visitor, which he did not hide under a bushel! He said he did not like the way in which Anthroposophy splits up everything,—dividing the world into physical world, astral world, devachanic world, and so on. Why should everything be so split up?—This was after one or two visits. What a terrible effect it would have had on him if he had heard of the other divisions! He was of the opinion that it was unnecessary to consider things in this way, but that one should speak of the spiritual world in general terms.—Why should it be divided into classes? That is the way people talk to-day about Education and all other departments of life; Science itself talks in the same way. The world talks from an arbitrary observation of life, not from an objective investigation of the separate phenomena. That is why the impressions which all such reforms and programmes must make on one who is able really to observe the world is so dreadful; they arouse a feeling that may be compared to physical pain. Take any ordinary book on Science to-day; no matter how conscientiously the conclusions are drawn, it is terrible to see how they are put forward, for there is no conception of the way the phenomena ought to be observed. In the same way many a man is admired to-day, who blazons forth his opinion, based simply on his own predilections or antipathies. It is of immense importance that Anthroposophy should become aware of the fact that life must be observed, down to its very smallest details, according to the methods which the knowledge of karma and other laws put into our hands. That is why we can only hope for a blessing on the future evolution of humanity—even as regards the question of Education—if the anthroposophical views penetrate to the fundamental principles of Education. Karma provides a firm support for all questions connected with that.

[ 23 ] Da ist es zum Beispiel unendlich wichtig, daß wir wissen, wie eine gewisse Erscheinung in der Erziehung karmisch zusammenhängt, die sich in der Ansicht ausdrückt: Wenn ein Kind sich richtig entwickelt, muß es so oder so werden. Mir gefällt das für das Leben! Und jetzt denkt man, das Kind sei ein Sack, und da könnte man alles hineinstopfen, was man gerade für das Richtige hält. Man prägt seine Wesenheit und was man selbst als Sympathie oder Antipathie empfindet, dem Kinde auf. Würde man wissen, was das im karmischen Zusammenhange ergibt, so würde man die Sache anders ansehen. Man würde sehen, daß dasjenige, was so in das Kind wie in einen Sack hineingestopft worden ist, sich karmisch dahin erfüllt, daß es den Menschen dürr und trocken macht, daß es das Kind frühzeitig altern macht und gerade das Zentrum seines Wesens ertötet. Wir müssen, falls wir ein Kind erziehen wollen, sozusagen indirekt an das Kind herantreten, wenn wir glauben, daß es diese oder jene Eigenschaft sich aneignen soll. Da sollte man nicht dafür sorgen, diese oder jene Eigenschaft dem Kinde einzupfropfen, sondern man muß zuerst ein Bedürfnis erregen für diese Eigenschaft, ein Verlangen in dem Kinde erregen, diese Eigenschaft sich anzueignen. Wir müssen also dabei um einen Grad weiter zurückgehen. Wir müssen sogar, wenn wir wissen, es ist einem Kinde dieses oder jenes als Speise gut, sie ihm nicht aufzwingen, sondern dafür sorgen, daß es zuerst Geschmack dafür empfindet, so daß es selbst diese Speise verlangt. Wir müssen Verlangen und Begierde regeln, damit das Kind von sich aus verlangt, was für es gut ist. Das ist eine andere Art als die, alles wie in einen Sack hineinzupacken und zu sagen: Also hinein damit! Wenn wir also zuerst die Bedürfnisse regeln, treffen wir den Lebenskern des Kindes, und dann werden wir sehen, daß sich das in der zweiten Hälfte des Lebens karmisch erfüllt, indem’ der Mensch wiederum Lebensfreude, Lebenskraft ausstrahlt, so daß ein solcher Mensch in der zweiten Lebenshälfte nicht dürr und trocken ist, sondern lebendig bleibt aus dem Zentrum seines Wesens heraus.

[ 23 ] For instance, it is extremely important that we should know the karmic connections of a certain phenomenon in Education expressed in the view: ‘If a child is properly brought up, he must be this or that—that is what I admire!’ It seems as though the child were supposed to be a sack, into which one can stuff whatever is thought to be right! People wish to stamp their own nature, with its personal sympathies or antipathies, upon the child. If they knew the karmic consequences of this, they would take a different view. They would see that what is stuffed in that way into a child, as into a sack, will work out karmically by making the grown man or woman a hard, dry nature, prematurely old, for the very core of their being is killed. If we wish to educate a child, and to imbue it with any particular quality, we must set to work in a roundabout way. We must not try to force it upon the child, rather ought we to arouse a longing for that particular quality, so that the child itself will desire to acquire it. We must even go a step further. If we know that a particular food is good for a child we must not force him to eat it, but should try so to cultivate his taste, that he will ask for it of his own accord. That is a very different method to that of forcing everything into him as into a sack, saying:—‘in with you!’—If we begin to regulate the child's requirements, we reach the very life-germ of his being and we shall see the effects of this working out karmically in the second half of his life, in his joy in life, in his life-force. In his later years, instead of being arid and dry, he will remain alive in the centre of his being.

[ 24 ] Wenn wir so das Karmagesetz betrachten, werden wir uns sagen, es genügt nicht, wenn wir in ein Büchelchen hineingeschrieben haben: Es gibt ein Karmagesetz, einen Zusammenhang zwischen Früherem und Späterem -, sondern wir müssen das Leben unter dem Gesichtspunkt des Karmagesetzes betrachten. Erst wenn man in die Einzelheiten des Lebens hinaufkommt, ist Anthroposophie in der wahren Gestalt da, dann muß man aber auch den Willen haben, immer wieder und wieder zu arbeiten, das heißt, niemals wieder von ihr abzukommen. Man muß Zeit finden, die Erscheinungen des Lebens in den Gesichtspunkt der Anthroposophie zu rücken.

[ 24 ] If we consider the law of karma in this way we shall say: ‘It does not suffice merely to write a little book entitled ‘There is a law of karma, a connection between the earlier and the later,’ but we must study life itself in the light of that law.’ Anthroposophy is only present in its true form when we enter into all the details of life; but we must also determine to do this work without cessation. We must find time to study all the phenomena of life from the standpoint of Anthroposophy.

[ 25 ] Das waren einige solche Gesichtspunkte, die Zusammenhänge innerhalb des Lebens zwischen Geburt und Tod zeigen sollten. Nun können wir allerdings das Karmagesetz auch hinreichend verfolgen bis jenseits von Geburt und Tod, ein Leben mit dem anderen, oder den anderen verbindend. Was wir heute in diesem Leben zwischen Geburt und Tod erfahren, das müssen wir auch anknüpfen an Dinge, die früher von uns erlebt wurden, oder im späteren Leben von uns erlebt werden. Da könnten wieder unzählige Einzelheiten angeführt werden. Ich möchte mich heute damit begnügen, eine wichtige Lebensfrage vom karmischen Gesichtspunkte aus zu beleuchten, insofern Karma hineinreicht von einem Leben in das andere, und zwar die Frage nach Gesundheit und Krankheit, und namentlich nach der letzteren.

[ 25 ] The above are a few of the things that indicate the connections to be found in life between birth and death. Now we can follow out the law of karma beyond this limit and connect one life with other lives or with one other. We must connect what we experience to-day, in the present life between birth and death, with things we experienced formerly, or that we shall experience later, in subsequent lives. I will to-day confine myself to throwing light on one important question, from the standpoint of karma in so far as it extends from one life into another. That is, the question of health and sickness, more especially the latter.

[ 26 ] Es könnte mancher glauben, wenn er von irgendeiner Krankheit befallen wird, so wäre es im Sinne des Karma richtig, zu sagen: Ich habe sie eben verdient, das ist mein Schicksal! — Aber damit allein ist das Karmagesetz gar nicht immer in der richtigen Weise charakterisiert. Bei einer Krankheit müssen wir uns erst klar sein, worinnen eigentlich ihr Wesen, geistig erfaßt, liegt. Da tun wir gut, wenn wir uns zunächst einmal damit beschäftigen, worinnen zum Beispiel das Wesen eines Schmerzes besteht. Von da aus werden wir dann überleiten können zu einem geistigen Verständnis der Krankheit.

[ 26 ] Many people when they are stricken with some malady believe that according to karma they would be right in supposing they have brought it upon themselves, that it is their fate; but that alone does not always characterise karma aright. Where there is a malady we must first of all be quite clear as to the nature of the trouble in a spiritual sense. It will be well to begin with the nature of pain, and then pass on to the spiritual understanding of the nature of illness.

[ 27 ] Worinnen besteht das Wesen des Schmerzes? Wir wollen jetzt einen ganz äußeren physischen Schmerz betrachten, zum Beispiel, wenn wir uns in den Finger geschnitten haben. Warum schmerzt es? Wir werden niemals geistig uns über das Wesen des Schmerzes aufklären können, wenn wir nicht wissen, daß dieser physische Finger durchdrungen ist von einem Ätherfinger und von einem astralischen Finger. Was nun der physische Finger darstellt, wie er geformt ist, wie das Blut in ihm fließt, wie die Nerven verlaufen, das hat alles der Ätherfinger geformt. Er ist der Bildner und besorgt heute noch immer, daß die Nerven in der entsprechenden Weise angeordnet sind, daß das Blut richtig fließt und so weiter. Wie nun der Ätherleib daran formt, das wird geregelt durch den astralischen Leib, der das Ganze durchdringt. Warum es uns nun schmerzt, wenn wir uns in den Finger geschnitten haben, das wollen wir uns durch einen äußeren Vergleich klarmachen.

[ 27 ] What is the nature of pain? We will now consider external pain, such, for instance, as we feel when we cut our finger. Why does that hurt?—We shall never be able to explain the nature of pain from the spiritual standpoint if we do not realise that the physical finger is permeated by an etheric and an astral finger. The outward appearance of the physical finger, its shape, the way in which the blood circulates in it and the position of the nerves within it,—all these things are determined by the etheric finger. It is the builder; and still takes care that the nerves are in their proper place and that the blood flows in the right way. The way in which the etheric body carries out these functions is regulated by the astral body, which permeates the whole. We will now explain by an external example why it hurts when we cut a finger.

[ 28 ] Nehmen Sie an, es wäre eine Lieblingsbeschäftigung von Ihnen, jeden Tag einmal Ihre Blumen im Garten zu begießen, Sie fühlen darin eine gewisse Befriedigung. Eines Morgens aber ist Ihre Gießkanne ruiniert oder gestohlen worden, und Sie können jetzt nicht Ihre Blumen im Garten begießen. Sie sind darüber betrübt. Das ist kein physischer Schmerz; aber in der Entbehrung Ihrer Lieblingsbeschättigung können Sie so etwas wie einen physischen Schmerz empfinden. Sie können eine Tätigkeit, weil das Instrument nicht da ist, nicht ausüben. Was hier äußerlich mangelhaft ist und was deshalb auch nur einen moralischen Schmerz hervorrufen kann, das wird zu einem physischen Schmerz durch folgendes.

[ 28 ] Perhaps it may be a favourite occupation of yours to water the flowers in your garden once a day; that gives you a feeling of satisfaction. One morning, however, you find that your watering-pot is spoilt or perhaps stolen, and you are not able to water your garden. You are distressed; what you feel is not physical pain, yet the fact that you are prevented from carrying out your favourite occupation may somewhat resemble that; you cannot carry out an activity because you lack the necessary instrument. The external lack felt in this instance, which can only call forth a moral pain, may become a physical pain in the way that will now be described.

[ 29 ] Der Ätherleib und der astralische Leib sind darauf eingerichtet, daß sie den Finger in der Art in Ordnung halten, wie er jetzt ist. Den Ätherfinger und den astralischen Finger kann ich niemals zerschneiden. Wenn ich meinen Finger entzweischneide, so geschieht das, daß der Ätherfinger nicht mehr richtig eingreifen kann. Er ist gewohnt, den richtigen Zusammenhang des Fingers zu haben und dieser Zusammenhang ist jetzt gestört, ebenso wie vorher meine Tätigkeit, als ich den Garten begießen wollte. Der astralische Leib und der Ätherleib können also nicht eingreifen, und das macht sich geltend im astralischen Leibe als Schmerz, als Entbehrung. Die gewohnten Tätigkeiten nicht ausüben, in der gewohnten Weise nicht eingreifen zu können, das gibt sich im astralischen Leib als Schmerz kund. Im Augenblick aber, wo der Ätherleib und der astralische Leib nicht mehr richtig eingreifen können, macht sich auch eine größere Anstrengung geltend. Geradeso wie wir in unserem Falle, wenn wir den Garten begießen wollen, Anstrengungen machen, die Gießkanne zu suchen oder dergleichen, so müssen jetzt auch astralischer Leib und Ätherleib eine größere Tätigkeit aufwenden, um die Sache wiederum in Ordnung zu bringen. Und diese größere Tätigkeit, welche da aufgewendet werden muß, ist das eigentlich Heilende. Da wird das Geistige zu einer energischeren Tätigkeit aufgerufen, und das ist das eigentlich Heilende. Dasjenige, was die geistigen Glieder des Menschen zu einer größeren Tätigkeit aufrufen kann, das bringt die Heilung hervor. Nun beruht jede Krankheit darauf, daß durch irgendeine Unordnung im physischen Leib oder auch im Ätherleib des Menschen die geistigen Teile nicht in der richtigen Weise eingreifen können, sozusagen daran gehindert sind, und die Heilung besteht in der Aufrufung einer stärkeren Widerstandskraft gegen die Unordnung. Nun kann eine Krankheit entweder so verlaufen, daß sie geheilt wird, oder wir können daran sterben. Betrachten wir beide Fälle einmal karmisch.

[ 29 ] The etheric and astral bodies are organised for the purpose of maintaining the finger as it now is. I can never cut the etheric finger nor the astral finger. If I cut my finger in two, the etheric finger can no longer carry out its proper duty. It is accustomed to have the fingers in their right connection. Now this connection is interrupted:—just as your activity was interrupted, when you wanted to water your garden. Thus the astral and etheric bodies are not able to intervene, and the prevention from exercising the usual activity is felt in the astral body as pain. But the moment these bodies are interrupted, they make an extra effort,—just as you, wishing to water your garden, would make extra efforts to find the watering-pot or the like. In the same way our astral and etheric bodies must now call forth greater activity in order to repair the injury. It is the extra activity thus called forth which is the actual healing force. Whatever calls forth great activity in the spiritual bodies of man, produces healing. Now the cause of all illness is, that through some disorder in the physical or even in the etheric body of man, the spiritual principles are prevented from intervening in the proper way, they are hindered, as it were; and the healing consists in the calling forth of a stronger resistance to the disorder.—An illness may either be healed, or we may die of it.—Let us consider both these possibilities from the karmic standpoint.

[ 30 ] Wenn die Krankheit so verläuft, daß wir gesund werden, so haben wir in unsere Glieder, die wir uns aus früheren Inkarnationen mitgebracht haben, damals jene starken Lebenskräfte hineingelegt, die wirklich heilend eingreifen können. Und wenn wir auf unsere früheren Inkarnationen zurückblicken, so können wir sagen: Wir waren damals nicht nur imstande, unseren Körper in der richtigen Weise zu versorgen durch das, was wir normalerweise im Leben haben, sondern wir haben uns noch einen Reservefonds mitgebracht, den wir herausholen können aus den geistigen Lebensgliedern.

[ 30 ] If the illness takes such a course that we recover from it, it means that in those members that we have brought with us from former incarnation, we had stored up such strong life-force that it is able to intervene and heal us. When we look back at those incarnations we can say:—Not only were we able at the time to provide for what we normally have in life, but we brought with us a reserve fund, which we may call up from the spiritual members of our life.

[ 31 ] Nun nehmen wir an, wir sterben. Was ist dann der Fall? Dann werden wir sagen müssen: Wenn der Versuch gemacht worden ist zur Heilung, so haben wir auch die stärkeren Kräfte in uns aufgerufen. Aber sie reichten nicht aus, sie waren nicht hinlänglich. Aber immer, wenn wir Kräfte aufrufen, so daß sie sich stark geltend machen, ist es nicht nutzlos. Wir haben dazu in der Tat stärkere Anstrengungen machen müssen. Sind wir in diesem Leben noch nicht in der Lage gewesen, Ordnung herzustellen in irgendeinem Gebiete unseres Organismus, so sind wir wenigstens stärker geworden. Wir haben Widerstand leisten wollen. Es hat nur nicht gereicht. Aber wenn es auch nicht gereicht hat, so geht es doch nicht verloren, was wir da an Kräften aufgerufen haben. Das geht mit hinüber in die nächste Inkarnation, und das betreffende Organ wird stärker, als wenn wir die Krankheit nicht gehabt hätten. Und wir werden dann imstande sein, dasjenige Organ, das uns in diesem Leben vorzeitig zu Tode gebracht hat, mit einer besonderen Stärke und Regelmäßigkeit auszubilden. Es wird also auch dann eine günstigere Wirkung da sein, wenn wir bei richtiger Behandlung der Krankheit diese nicht zur Heilung bringen können. Karmisch müssen wir auch in diesem Falle in einer Krankheit etwas sehen, was sich im ferneren Leben in einer günstigeren Weise ausleben kann. Im kommenden Leben können wir dann in diesem oder jenem Falle dadurch eine besondere Stärke haben, daß wir eine Krankheit zwar bekämpften, aber sie nicht überwunden haben. Deshalb darf man aber nicht sagen: Dann ist es vielleicht gerade gut, die Krankheit zu lassen; denn wenn wir die Krankheit sich recht ausleben lassen und nicht heilend eingreifen, dann werden die Kräfte in unserm Innern stärker, und das Karma wird sich um so besser erfüllen! — Das wäre ein Unsinn. Es handelt sich gerade darum, die Heilung so zu veranstalten, daß möglichst günstig die ausgleichenden Kräfte eingreifen können; das heißt also, daß wir so viel als nur möglich ist, zur wirklichen Heilung tun, ganz gleichgültig, ob eine Heilung eintritt oder nicht. Das Karma ist immer lebensfreundlich, niemals lebensfeindlich!

[ 31 ] Now, suppose we die. How does the case stand then?—We must then say: When the effort to heal was made, we called upon the strongest forces within us—but they did not suffice. Yet whenever we call up these forces, demanding extra strength from them, it is not without avail, for in so doing we have had to make stronger efforts. Although we may not be able in this life to restore order to any one part of our organism, yet it has, none the less, grown stronger. We desired to resist the malady, but our powers did not suffice. Yet although they did not succeed, the forces we called up in making the effort, are not lost. They pass over into the next incarnation and the injured organ will then be stronger than if we had not had the disturbance. We are then able to build up the particular organ that brought us a premature death and to impart to it special strength and regularity. This will be all the more successfully accomplished if we treat the illness in the right way and yet are not able to cure it. In such a case we must look upon the illness, karmically, as something which will in a future life prove to have been fortunate. We shall then have gained a special strength through having fought the malady though we were unable to cure it.—One ought not, however, on that account, to say: ‘Perhaps it might be as well to let an illness take its course, for then if we do not interfere and try to curb it, the forces within us will be stronger and our karma will have a better fulfilment.’—That would be nonsense. The point is this: the healing must be carried out in such a way that the equalising forces are able to intervene in as favourable a manner as possible; in other words, we must do all in our power to bring about a cure, regardless of whether it be successful or not. Karma is always a friend, never an enemy to life!

[ 32 ] Das Karmagesetz, wie es von einem Leben ins andere reicht, hat sich dadurch an einem besonderen Beispiel als lebensstärkend gezeigt. Und wir können sagen: Wenn wir auf diesem oder jenem Organ besonders stark sind, so weist uns das hin auf ein vorhergehendes Leben, in welchem dieses Organ, in dem wir jetzt besonders stark sind, einmal besonders krank war. Wir haben es damals nicht ganz heilen können. Dafür wurden aber die Kräfte aufgerufen, welche dieses Organ jetzt als ein besonders starkes erscheinen lassen. — So sehen wir, wie aus einem Leben in das andere die Ereignisse, die Tatsachen, hineinreichen, wie unser Wesenskern immer stärker und stärker wird, wenn wir uns auch in der richtigen Weise bewußt sind, wie wir ihn stärker machen können. Und wir können auf diese Weise immer mehr und mehr zu einem lebendigen Verständnis unseres geistigen Wesenskernes durch das Karmagesetz kommen.

[ 32 ] By this example it is proved that the law of karma, which extends from one life to another, works for the strengthening of life. We can, therefore, say that if any one organ is particularly strong, this points to a preceding life in which that organ was once ailing and we were not able to heal it. The forces for so doing were called up and they have caused it to grow particularly strong now. Thus we see the events and facts stretching across from one life into another. If we become conscious in the right way of how it can be strengthened, our life-kernel will become stronger and stronger. In this way we can attain a more and more living comprehension of our spiritual life-kernel through the law of karma.

[ 33 ] Nun kommen wir zu einer Antwort auf die Frage: Warum versammeln wir uns so oft? — Wir versammeln uns so oft, weil wir nicht nur unsere Erkenntnis bereichern wollen, wenn wir Lehren aufnehmen, sondern weil die Lehren, wenn sie in der richtigen Weise gegeben sind, geeignet sind, unseren Wesenskern immer stärker und kräftiger zu machen. Wir gießen einen geistigen Lebenssaft in unsere Angelegenheiten, wenn wir zusammenkommen und uns mit Anthroposophie beschäftigen. So ist Anthroposophie nicht eine Theorie, sondern ein Lebenstrank, ein Lebenselixier, das sich uns immer wieder in die Seele gießt, und von dem wir wissen, es macht die Seele immer stärker und immer kräftiger. Und wenn Anthroposophie nicht mehr das sein wird für die Menschen, was sie heute ist durch den Unverstand der äußeren Welt, wenn sie einmal eingreifen wird in unser ganzes geistiges Leben, dann werden die Menschen sehen, wie das Heil, auch des physischen Lebens, des ganzen äußeren Lebens von der Stärkung abhängt, die durch die anthroposophische Betrachtung, durch das anthroposophische Miterleben gewonnen werden kann. Es wird die Zeit kommen, wo solche anthroposophischen Versammlungen das wichtigste Stärkungsmittel für die Menschen werden können, so daß sie hinausgehen und sagen: Wir verdanken das, was wir können, unsere Gesundheit, unsere Kraft im Leben, dem Umstande, daß wir uns in unserem eigentlichen Wesenskern, in unserem Wesenszentrum immer aufs neue stärken! — Erst wenn die Menschen fühlen: Anthroposophie gibt ihnen durch die Einzelbetrachtungen dasjenige, was sie bis in den physischen Leib hinein kraftvoll und gesund macht, erst dann werden sie fühlen diese Mission der Anthroposophie. Und heute sollen diejenigen, welche sich mit der Anthroposophie beschäftigen, sich als Pioniere betrachten für die Anthroposophie als etwas Lebenstärkendes! Dann wird sie erst das rechte sein und erst den richtigen Angriffspunkt gewinnen können gegen etwas, was heute so vielfach lebenschwächend ist.

[ 33 ] We now come to an answer to the question: ‘Why do we meet together so often?’ We do so, because not only do we enrich our knowledge when we take in anthroposophical teaching, but also because, if it be given in the right way, it is able to make our life-kernel more and more strong and forceful. We pour a spiritual life-sap into all we do, by meeting together and occupying ourselves with Anthroposophy. Thus Anthroposophy is not a theory, it is a life-giving draught, an elixir of life which ever anew pours itself into our souls and of which we know that it will make them grow stronger and stronger. When Anthroposophy emerges from the position which now, through lack of comprehension, it occupies in the outer world, when it really intervenes in our whole spiritual life, people will then see how the salvation, even of the physical life, of the purely external life, will depend on the strengthening which can be acquired through the study of Anthroposophy. The time will come when anthroposophical gatherings will be the most important sources of strength to man, from which they will go forth, saying: we are most grateful to these meetings, for we owe to them our health and strength and the fact that we are constantly able to strengthen anew our own life-kernel, the core of our being. People will only realise what the mission of Anthroposophy is, when they feel that it furnishes us with the means of working forcefully on the physical body and making it sound and healthy. Those who are occupying themselves with Anthroposophy to-day, should regard themselves as pioneers for Anthroposophy as a means of strengthening life. Then only will it become what it ought to be, the right point of attack against something which in many cases is weakening life to-day.

[ 34 ] Da sei zum Schluß noch auf eines aufmerksam gemacht. Man hört heute kein Wort öfter als das Wort «erbliche Belastung». Wie könnte heute derjenige, der das Wort «erbliche Belastung» nicht mindestens alle Wochen drei- oder viermal im Munde führt, als ein gebildeter Mensch gelten? Ein gebildeter Mensch muß doch mindestens wissen, daß die gelehrte Medizin festgestellt hat, was erbliche Belastung im Menschenleben bedeutet! Wer nicht sagen kann, wenn da oder dort jemand nichts mit sich anzufangen weiß, der Betreffende sei erblich belastet, der ist kein gebildeter Mensch, sondern irgend etwas anderes, und unter diesem anderen vielleicht auch ein Anthroposoph. Hier beginnt das, wo die Wissenschaft des heutigen Lebens anfängt, nicht nur theoretisch zu irren, sondern wo sie anfängt, das Leben zu schädigen. Hier ist die Grenze, wo das Theoretische herankommt an das Moralische, wo es unmoralisch ist, eine falsche Theorie zu haben. Hier hängt die Lebenskraft, die Lebenssicherheit davon ab, gerade das Richtige zu wissen. Wer sich stärkt und kräftigt aus einer richtigen geistigen Anschauung in seiner Seele, indem er sich ein Lebenselixier zuführt, wozu wird der imstande sein?

[ 34 ] In conclusion I will draw your attention to one thing more. There is no phrase more frequently mentioned than ‘inherited tendency.’ No man is considered an educated man to-day who does not mention it at least two or three times a week! An educated man must at least make himself acquainted with what the learned. medical profession has ascertained as to ‘inherited tendencies.’ When a person does not know what to make of himself, most people say at once: ‘he is suffering from an inherited tendency.’ Anyone not saying that is regarded as badly educated, perhaps among other things an Anthroposophist!—Here Science begins not only to go astray in theory, but also to be injurious to life. This is the boundary where theory encroaches on morality—where it is immoral to hold a wrong theory. Here life's strength and security really depend on correct knowledge. What will a man be able to do who, through the right spiritual conception in his soul, strengthens, fortifies himself by taking in the elixir of life?

[ 35 ] Was er auch vererbt erhalten haben mag, es sind Vererbungen im physischen Leibe, oder höchstens im Ätherleibe. Durch seine richtige Lebensanschauung wird er sich in seinem eigentlichen Wesenskern immer stärker und stärker machen und er wird besiegen, was erbliche Belastung ist, denn das Geistige, wenn es im richtigen Sinne vorhanden ist, ist imstande, das Körperliche auszugleichen. Wer sich aber nicht in seinem geistigen Wesenskern stärkt, wer da sagt: Das Geistige ist nur ein Produkt des Körperlichen -, der ist dann, weil er kein starkes Inneres hat, ausgeliefert den erblichen Belastungen, bei dem müssen sie schädlich wirken.

[ 35 ] No matter what he may have inherited, these inheritances are only in the physical body or at most in the etheric body. Through his right conception of the world he will be able to make his own vital centre stronger and stronger, and will be able to conquer his inherited tendencies; for the spiritual, if present in the right way, is able to equalise the body. If, however, a man does not strengthen the spiritual core of his being, merely asserting that the spiritual is the fruit of the physical, he will have a weak inner nature, he will be the victim of his inherited tendencies; they will work harmfully in him.

[ 36 ] Es ist gar kein Wunder, daß heute dasjenige, was man erbliche Belastung nennt, so furchtbare Wirkungen hat, weil man den Leuten erst die Macht der erblichen Belastung einredet und ihnen das nimmt, was dagegen wirkt. Man züchtet erst den Glauben an die erbliche Belastung und nimmt dann dem Menschen mit einer geistigen Weltanschauung die beste Kampfmethode gegen die erbliche Belastung. Man erfindet erst die Allmacht der erblichen Belastung, und dadurch wirkt sie dann. Man hat nicht nur eine falsche Ansicht, die Lebensfeindliches zur Wirksamkeit bringt, die dem Menschen die Waffen aus der Hand windet, sondern hier beginnt eine Theorie, die ganz und gar auf materialistischen Anschauungen fußt. Hier beginnt eine materialistische Weltanschauung ins Moralische hineinzuspielen und sie wirkt hier nicht bloß theoretisch falsch, sondern unmoralisch. Darüber kommt man auch nicht dadurch hinweg, daß man nur sagt: Diejenigen, welche solche Behauptungen aufstellen, irren eben. Man braucht nicht zu stark mit denjenigen ins Gericht zu gehen, die solche Theorien aufstellen. Die einzelnen Vertreter der Wissenschaft sollen hier niemals getroffen werden, bei denen wird es verstanden; liebevoll kann es auch verstanden werden, daß sie darinnenstecken, daß sie zu solchen Irrtümern kommen müssen. Der eine kann sich nicht aus einer wissenschaftlichen Tradition herauswinden; bei dem anderen kann man es auch verzeihlich finden, denn er hat Weib und Kind und würde sich vielleicht in eine schiefe Lage bringen, wenn er sich nicht mehr zu den herrschenden Anschauungen bekennen wollte. Aber auf das Ganze als eine Zeiterscheinung muß aufmerksam gemacht werden, weil da die Wissenschaft anfängt, nicht nur falsche Theorien zu verbreiten, sondern dem Menschen die lebenfördernden Mittel aus der Hand zu winden, die als geistige Weltanschauung das Leben mit Kraft versorgen sollen, und die allein imstande sind, gegenüber der Macht, die sonst den Menschen überwältigen muß, gegen das Physische aufzukommen. Dieses Physische ist nur so lange eine überwältigende Macht, solange der Mensch in seinem Geistigen keine Kraft dagegen ausbildet. Bildet er diese Kraft aus, dann wird in ihm ein Kämpfer gegen alles Physische erwachsen.

[ 36 ] No wonder then, that so-called inherited tendencies have such dreadful results; for people are first of all talked into belief of the powers of such tendencies and are deprived of what counteracts them. The belief in inherited tendencies is cultivated, and the spiritual conception of the world—the best weapon with which to fight them,—is taken away. First the power of the inherited tendencies is discovered, and by this means they become active. Not only is this a wrong insight, which arouses a life-destroying activity and takes the weapons of defence out of the hands of the sufferer, but it is the beginning of a theory based absolutely on a materialistic conception. Here a materialistic conception of the world begins to play a part which is in effect not only theoretically incorrect but immoral.—This cannot be got over, simply by saying that those who assert such things are mistaken. We need not be too severe in judging those who put forth these theories. We are not attacking individual scientists here; it is quite comprehensible that they are involved in a line of thought which must lead to such errors—we must admit this in all fairness. The one, perhaps, may not be able to free himself from scientific tradition; another perhaps considers it excusable, for, having a wife and children he would be in an awkward position if he were to break away from the ruling opinions. But the whole thing must be considered as a phenomenon of the times, for Science is beginning not only to spread abroad false theories, but to take away the life-promoting remedies, the spiritual conception of life, which is able to fortify and which is alone able to stand up against the physical,—the power which must otherwise overwhelm man. The physical can only possess overwhelming power as long as a man does not build up strength in his spiritual nature. If he does this, a warrior will grow up within him, a warrior who will defend him against the physical.

[ 37 ] Wir können das nicht von heute auf morgen erhoffen. Aber diejenigen, welche die Dinge im wahren Sinne verstehen, sie werden nach und nach kennenlernen die geisteswissenschaftliche Auffassung in bezug auf Erscheinungen, denen gegenüber sich der Mensch zunächst ohnmächtig zeigt. Was sich da nicht ausgleicht in einem Leben, das gleicht sich aus im Gesamtleben. Und wenn wir das einzelne Leben, wie auch das Leben von Verkörperung zu Verkörperung betrachten, dann wird das Karmagesetz, richtig verstanden, nicht ein Gesetz sein, das uns jetzt niederdrücken kann, sondern-ein Gesetz, das uns Trost und Kraft geben wird und uns immer stärker machen wird. Ein Lebenskraftgesetz ist das Karmagesetz, und als solches sollen wir es auffassen. Es handelt sich nicht darum, daß wir einzelne Abstraktionen wissen, sondern daß wir die spirituellen Lebenswahrheiten im einzelnen im Leben verfolgen, und daß wir nie müde werden in der Erarbeitung der Geist-Erkenntnis, indem wir uns durchdringen mit den Einzelwahrheiten der Geistesforschung.

[ 37 ] We cannot hope that this should come about from one day to the next. But those who have the right understanding of things will gradually learn the anthroposophical view of phenomena in face of which man at first seems powerless. What is not equalised in one life is made good in the long run. If we contemplate a single life, as well as life from incarnation to incarnation, we shall see that rightly understood, karma is a law that no longer depresses us, but rather one which brings us comfort and force whereby to make ourselves stronger. The law of karma is a law of life, and we must understand it as such. The point is, not that we should know a few single abstract thoughts, but that we should study the life-truths of Anthroposophy in the details of life, and never weary of anthroposophical work, while we permeate ourselves with its different truths.

[ 38 ] Wenn Sie sich das vor Augen halten, leben Sie im rechten Sinne anthroposophisch. Dann wissen Sie, warum wir uns nicht damit begnügen, dieses oder jenes Buch gelesen zu haben, sondern Anthroposophie als eine Herzensangelegenheit betrachten, die nicht aufhört, uns zu beschäftigen, auf die wir immer wieder gern zurückkommen, und von der wir wissen, daß, je öfter wir auf sie zurückkommen, sie uns immer mehr und mehr Lebensbereicherung geben kann.

[ 38 ] If you hold this as an ideal before you, you will be living an anthroposophical life in the true sense of the words. You will then know why it is that we do not satisfy ourselves with merely reading one or two books, but regard Anthroposophy as something in which our heart is concerned and which never ceases to occupy us; something to which we gladly return again and again, and of which we know that the oftener we return the more it will enrich our lives.