Der Christus-Impuls
und die Entwickelung des Ich-Bewußstseins
GA 116
2 Februar 1910, Berlin
Dritter Vortrag
[ 1 ] Durch ein jedes der Evangelien, so konnten wir bei einer unserer letzten Betrachtungen sagen, wird uns das große Geheimnis von Golgatha von einer besonderen Seite her dargestellt. Wir haben darauf aufmerksam gemacht, daß das Markus-Evangelium das Geheimnis von Golgatha, das Geheimnis des Christus Jesus, darlegt aus den großen kosmologischen Zusammenhängen heraus, während das Martthäus-Evangelium die Herausbildung dieses Geheimnisses darstellt aus einem Volkstum heraus, nämlich aus dem althebräischen Volkstum. Wir haben gesehen, wie nach und nach sich dieses althebräische Volkstum von Generation zu Generation seit der Zeit des Abraham entwickeln mußte, um dann als Blüte hervorzubringen dasjenige Menschenwesen, das in sich bergen konnte die Individualität des Zarathustra oder Zoroaster. Wir haben gesehen, wie alle die Eigenschaften des althebräischen Volkes, die sich nach und nach intensiver und intensiver gestalten mußten, indem sie sich von Generation zu Generation steigerten, auf dem Prinzip der physischen Vererbung beruhten. Damit haben wir den Unterschied gerade der Mission des althebräischen Volkes von den Missionen anderer Völker charakterisieren können. Die Mission des althebräischen Volkes lag darin, daß es gewisse Eigenschaften zu vererben hatte, die eben nur auf dem Wege der physischen Vererbung von den ältesten Generationen aus der abrahamitischen Zeit bis herunter zu dem Jesus sich steigernd vererben mußten. Das Matthäus-Evangelium birgt aber noch viele Geheimnisse, wie ja die anderen Evangelien auch. Und wenn wir auch im Laufe dieses Winters noch einzelne Ausblicke, einzelne Perspektiven in die Evangelien eröffnen, so kann doch das Verständnis höchstens zunächst angeregt werden. Denn um die Evangelien vollständig zu verstehen, ist eine schier nie zu endende geistige Arbeit notwendig. Heute soll von einer ganz bestimmten Seite her ein Licht zunächst auf das Matthäus-Evangelium geworfen und daran angeschlossen werden eine gewisse Nutzanwendung solcher Lehren, wie sie aus diesen Ausblicken folgen können für die heute in der anthroposophischen Geistesströmung stehenden Seelen.
[ 2 ] Wenn wir heute eine Art Rückblick tun auf mancherlei von dem, was wir im Laufe der Jahre gelernt haben, dann werden wir sagen können, daß diese Entwickelung der Menschheit, wie wir sie geisteswissenschaftlich dargestellt haben, verschiedene Krisen durchmacht, an wichtige Punkte kommt, dann eine Weile fortgeht in einer gleichmäßigeren Art, dann wiederum an einen wichtigen Punkt kommt und so weiter. Wir haben ja oft betont, daß ein solcher wichtigster Punkt in der Erdenentwickelung der Menschheit die Zeit ist, in welcher im Beginne unserer neuzeitlichen Zeitrechnung der ChristusImpuls gegeben worden ist. Wenn wir von da aus weiter zurückgehen, finden wir, verschiedenes überspringend, einen wichtigen Punkt, auf den wir immer wieder hingedeutet haben. Wenn wir die atlantische Zeit durchschreiten und in die lemurische Zeit zurückgehen, finden wir dort jenen Zeitpunkt, in dem die erste Anlage zum menschlichen Ich in die menschliche Wesenheit verpflanzt worden ist.
[ 3 ] Wenn so etwas verstanden werden soll, müssen die Worte ganz genau genommen werden. Man muß zum Beispiel genau unterscheiden, was da geschehen ist in der alten lemurischen Zeit, wenn gesagt wird: Damals ist die erste Anlage zum Ich in die Menschenwesenheit hineinversenkt worden -, und wenn gesagt wird: In der Zeit des Mysteriums von Golgatha begann die Periode, das Zeitalter, in dem sich die Menschheit dieses Ichs vollständig bewußt geworden ist. — Das ist ein bedeutsamer Unterschied: das Ich erst zu haben als Anlage, als etwas, was in dem Menschen arbeitet, oder mit seinem Wissen hingelenkt zu werden darauf, daß man dieses Ich hat. Diese Dinge muß man streng voneinander unterscheiden, sonst kommt man nicht zurecht mit den wirklichen Gesetzen der Entwickelung.
[ 4 ] Wir wissen, daß die Hineinverpflanzung des Ich in den Menschen begründet ist in der Gesamtentwickelung der Erde. Die Erde ging durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit hindurch und wurde dann erst jenes Gebilde, das sie heute ist. Auf dem Saturn wurde die Anlage zum physischen Leibe gelegt, auf der Sonne zum Ätherleibe, auf dem Mond zum astralischen Leibe, und auf der Erde ist die Anlage zum Ich hinzugekommen. Diese Anlage zum Ich wurde also innerhalb der Erdentwickelung gelegt in der lemurischen Zeit. Nun aber ging in diesem lemurischen Zeitalter noch etwas anderes vor sich, dasjenige nämlich, was wir immer den luziferischen Einfluß genannt haben. Es wurde also in jenem Zeitraum der Mensch auf der einen Seite begabt mit dem Keim zum Ich, der bestimmt war, im Laufe der folgenden Erdperioden immer weiter und weiter ausgebildet zu werden, und gleichzeitig wurde dem astralischen Leib eingeimpft der luziferische Einfluß. Durch diesen luziferischen Einfluß wurde ja das gesamte Menschenwesen verändert, also auch alles am Menschen, was an Kräften, an Elementen im Ätherleibe und im physischen Leibe war. Der ganze Mensch wurde dadurch in der lemurischen Zeit eben ein anderer, als er geworden wäre, wenn es keinen luziferischen Einfluß gegeben hätte. So haben wir also den Menschen in der lemurischen Zeit in zweifacher Weise einen anderen werdend: Wir haben ihn werdend zu einer Ich-Wesenheit und außerdem werdend zu einem Wesen, das in sich selber birgt das luziferische Prinzip. Wenn das luziferische Prinzip nicht gekommen wäre, so wäre der Ich-Einfluß deshalb doch eingetreten.
[ 5 ] Was ist nun am Menschenwesen dadurch geschehen, daß sich der luziferische Einfluß in der lemurischen Zeit geltend machte?
[ 6 ] Wenn eine solche Sache von dieser oder jener Seite geschildert wird, so bitte ich Sie recht sehr, nehmen Sie eine solche Schilderurig niemals so, als ob gleich alles damit gegeben würde; sondern es kann immer nur ein Gesichtspunkt herausgegriffen werden. Es ist im Laufe der Jahre schon viel gesagt worden, was alles durch den luziferischen Einfluß im Laufe der Entwickelung geschehen ist. Das alles gehört auch dazu, aber das können wir jetzt nicht wiederholen. Heute werden wir nur einen Gesichtspunkt herauszuheben haben, der uns eine bestimmte Seite charakterisiert. Dieser Gesichtspunkt besteht darinnen, daß der Mensch durch diesen luziferischen Einfluß früher zu einer Entwickelungsstufe gekommen ist, als es ihm eigentlich vorausbestimmt war, als es sozusagen in der weisen Weltenlenkung für ihn vorgesehen war. Der Mensch ist durch den luziferischen Einfluß in seine drei von den früheren Verkörperungen der Erde herübergekommenen Wesensglieder, in seinen astralischen Leib, in seinen Ätherleib und in seinen physischen Leib tiefer hineingestiegen, ist mehr mit ihnen verstrickt worden, als wenn es keinen luziferischen Einfluß gegeben hätte. Der Mensch wäre mit seinem Ich sozusagen den geistigen Welten näher geblieben, hätte sich länger als ein Glied der geistigen Welt mit seinem Ich gefühlt, wenn der luziferische Einfluß nicht bewirkt hätte, daß dieses Ich tiefer hineingestiegen ist in astralischen Leib, Ätherleib und physischen Leib. Der Mensch ist sozusagen tiefer auf die Erde heruntergestiegen in der lemurischen Zeit durch den luziferischen Einfluß.
[ 7 ] Wir können den Zeitpunkt angeben, wann der Mensch -: wenn es keinen luziferischen Einfluß gegeben hätte — so weit auf die Erde oder in die physische Materie heruntergestiegen wäre als er in Wirklichkeit in der lemurischen Zeit heruntergestiegen ist durch den luziferischen Einfluß: das wäre in der Mitte der atlantischen Zeit gewesen. Mit anderen Worten: Wäre kein luziferischer Einfluß gekommen, so hätte der Mensch mit seinem Herabstieg auf die Erde bis in die Mitte der atlantischen Zeit warten müssen. Durch den luziferischen Einfluß ist er früher heruntergestiegen. Dadurch ist er dazu gekommen, ein freies, aus seinen eigenen Impulsen heraus handelndes Wesen zu werden; denn er hätte sich sonst bis in die Mitte der atlantischen Zeit in vollständiger Abhängigkeit von der geistigen Welt erhalten, hätte bis dahin niemals irgendwie selber entscheiden können zwischen dem Guten und dem Bösen, niemals irgendeinen freien Impuls entfalten können, sondern hätte aus seelischen Instinkten heraus gehandelt, das heißt aus Kräften heraus, welche die göttlichgeistigen Wesenheiten in seine Seele verpflanzt hätten. Aber die luziferischen Wesenheiten haben ihm die Möglichkeit verschafft, früher als sonst zu entscheiden zwischen dem Guten und Bösen, sich nicht bloß nach den Gesetzen der göttlich-geistigen Weltordnung instinktiv lenken zu lassen, sondern selber zu entscheiden, sich selber eine Art Gesetzmäßigkeit zu machen.
[ 8 ] Diese Tatsache wird uns ja in tiefsinniger Weise ausgedrückt in der Schilderung des Sündenfalles, der in einer wunderbaren Imagination nichts anderes darstellt als das, was ich jetzt erzählt habe. Das wird im Alten Testament dargestellt, indem gesagt wird: Es wurde eingepflanzt dem Menschen die lebendige Seele von den göttlich-geistigen Wesenheiten. - Wenn diese lebendige Seele nun bloß so geblieben wäre, hätte der Mensch jetzt warten müssen, bis später durch die göttlich-geistigen Wesenheiten diese lebendige Seele, das heißt das noch unentwickelte Ich, reif geworden wäre, die Entscheidungen zu treffen. Nun kommen die luziferischen Einflüsse, in der Bibel dargestellt durch die Schlange. Dadurch kommt der Mensch dazu, nicht bloß instinktiv den Einströmungen des Jahve oder der Elohim zu folgen, sondern selber zu entscheiden über Gut und Böse. Aus einem Wesen, das bis dahin gelenkt und geleitet worden ist von den göttlich-geistigen Wesenheiten, ist der Mensch dadurch zu einem Wesen geworden, das selbst entscheiden konnte. Das wird auch in der Bibel ganz klar dargestellt, daß durch die Schlange, das heißt durch die luziferischen Wesenheiten, die Selbstentscheidung des Menschen herbeigeführt worden ist. Und dann tönen Ihnen, von Götterseite gesprochen, aus der Bibel die Worte entgegen: Der Mensch ist geworden wie einer von uns! — das heißt, von den Göttern. Oder wenn wir es radikal ausdrücken wollen: Der Mensch hat sich durch den luziferischen Einfluß etwas angeeignet, was sich bis dahin nur für Götter geziemt hat. Götter haben die Entscheidungen getroffen über Gut und Böse, nicht diejenigen Wesen, die von den Göttern abhängig waren.
[ 9 ] Nun ist der Mensch durch den luziferischen Einfluß zu einem Selbstentscheider, das heißt, zu einem solchen Wesen geworden, das göttliche Eigenschaften zu früh in sich entwickelte. So ist auf diese Weise durch den luziferischen Einfluß etwas in die Menschennatur hineingekommen, was sonst aufbewahrt geblieben wäre für die menschliche Entwickelung bis in die Mitte der atlantischen Zeit. Nun können Sie sich denken, daß der Mensch ein ganz anderer gewesen wäre, wenn ihm dieser Herunterstieg in die Materie erst in der Mitte der atlantischen Zeit beschieden gewesen wäre, denn dann wäre seine Seele reifer von diesem Herunterstieg getroffen worden. Er wäre als ein besserer, als ein reiferer Mensch in der Materie angekommen. Er hätte also in alles Physische, Ätherische und Astralische andere Eigenschaften hineingebracht und wäre ganz anders fähig geworden, zwischen dem Guten und dem Bösen zu entscheiden. Dadurch, daß sich der Mensch von der lemurischen Zeit bis zur Mitte der atlantischen Zeit zu einem Entscheider zwischen Gut und Böse gemacht hat, dadurch hat er sich schlechter gemacht, als er sonst geworden wäre, und kam dadurch in einem weniger vollkommenen Zustand an. Er hätte die ganze Zeit bis zur Mitte der atlantischen Zeit sonst in einer viel geistigeren Art durchgemacht, so aber hat er sie materieller durchlaufen. Dadurch wurde aber jetzt bewirkt, daß, wenn dem Menschen das nicht hinzugegeben worden wäre, was ihm die Götter in der Mitte der atlantischen Zeit zugedacht hatten, er dann vollständig heruntergefallen wäre.
[ 10 ] Was wäre dem Menschen in der Mitte der atlantischen Zeit gegeben worden, wenn er bis dahin wie instinktiv von geistig-göttlichen Wesenheiten gelenkt und geleitet worden wäre?
[ 11 ] Es wäre ihm das gegeben worden, was ihm, nachdem der luziferische Einfluß einmal da war, gegeben worden ist durch das Mysterium von Golgatha! Der Christus-Impuls wäre ihm in der Mitte der atlantischen Zeit gegeben worden. Jetzt mußte er aber, weil der luziferische Einfluß da war, auf diesen Christus-Impuls so lange warten, als die Zeit betrug von dem luziferischen Einfluß bis zur Mitte der atlantischen Zeit. So viel Zeit früher, als Luzifer vor der Mitte der atlantischen Zeit an den Menschen herangetreten ist, so viel Zeit später kam der Christus-Impuls. So haben wir dadurch, daß der Mensch sich seine Gottähnlichkeit früher erworben hat als es hätte sein sollen, eine Verzögerung des Christus-Impulses zu verzeichnen. Denn der Mensch mußte erst alles durchmachen, was ihm im Erdenkarma werden mußte für das, was in ihn Schlechtes hineingekommen war durch den luziferischen Einfluß. Das mußte erst sozusagen ausgelitten werden durch die Menschheit. Der Mensch mußte warten, bis nicht nur der luziferische Einfluß ihn zu einem Entscheider gemacht hatte zwischen Gut und Böse, sondern bis im Laufe der Erdenentwickelung auch alles das eingetreten war, was als Folge dieses luziferischen Einflusses kommen mußte. Das mußte abgewartet werden. Dann erst konnte der Christus-Impuls auf die Erde herniedersteigen. Der Mensch sollte nicht etwa nach der weisen Lenkung der Welt dasjenige ewig entbehren, was ihm durch den luziferischen Einfluß geworden ist, sondern er hätte es in der Mitte der atlantischen Zeit erhalten sollen. Werden sollte es ihm also unter allen Umständen. Allerdings in der Form, in der es ihm geworden ist durch den luziferischen Einfluß, wäre es ihm im anderen Falle nicht geworden. Durch Luzifer hat der Mensch für alles, was zusammenhängt mit geistigen Dingen, nicht nur die freie Entscheidung bekommen, sondern auch die Fähigkeit, sich zu enthusiasmieren für das Gute und Edle, Weise und Große. Wie wir als Menschen heute sind, können wir nicht bloß kalt, nüchtern und trocken entscheiden zwischen Gut und Böse, sondern wir können auch für das Schöne, für das Edle, Gute und Weise entflammt werden. Das rührt davon her, daß in unseren astralischen Leib etwas hineingetragen worden ist, was sonst, wenn es erst in der Mitte der atlantischen Zeit dem Menschen zugekommen wäre, nur in das Ich, in das urteilende Ich hineingetragen worden wäre. Also alles, was wir an Gefühlen, an Idealismus, an Entflammtsein haben für das Gute, für hohe Ideale, das verdanken wir dem Umstande, daß in unseren astralischen Leib etwas hineingekommen ist, bevor uns die Gottähnlichkeit in unserm Ich, die Aufnahme des Christus in unserm Ich zuteil geworden ist. Das ist das Wesentliche, daß diese Gottähnlichkeit, diese Gottgleichheit, diese Möglichkeit, das Gute in sich selbst zu finden, über den Menschen kommen sollte. Wäre der luziferische Einfluß nicht gekommen, so wäre dieser Impuls in der Mitte der atlantischen Zeit gekommen; so ist er aber jetzt in der Zeit gekommen, in der der Christus Jesus eben gewirkt hat.
[ 12 ] Es ist also durch den Christus-Impuls in den Menschen das Bewußstsein eingezogen, daß er in seinem Ich etwas von göttlicher Substanz und Wesenheit hat. Das liegt ja all den tieferen Aussprüchen auch des Neuen Testamentes zugrunde, daß der Mensch in seine IchWesenheit das Göttliche aufnehmen kann, und daß dieses Göttliche darin wirken und Entscheidungen treffen kann zwischen Gutem und Bösem. Wir können daher sagen, mit der Aufnahme des Christus-Impulses in das menschliche Innere kam über den Menschen die Möglichkeit, sich zu sagen: Ich bin mir Richtschnur für die Erkenntnisse meines Daseins, für die Entscheidungen über Gut und Böse.
[ 13 ] Wenn wir nun zurückblicken auf die vorchristlichen Zeiten, müssen wir sagen: Da damals jener Impuls, der den Menschen zum wahren Entscheider macht zwischen Gut und Böse, noch nicht da war, so war die Entscheidung zwischen Gut und Böse, war das Urteil, die Erkenntnis über das Gute, Schöne und Wahre in der vorchristlichen Zeit notwendig eine mangelhafte und eine solche, die sich nicht eigentlich aus dem Innersten des Menschen heraus ergeben konnte. Der Mensch hatte auch nicht die Möglichkeit, bevor der ChristusImpuls gekommen war, aus seinem innersten Wesen heraus über das Gute und das Böse zu entscheiden. Die Entscheidung über das richtige Gute, über das richtige Wahre, über das richtige Schöne konnte in vorchristlichen Zeiten nur dadurch getroffen werden, daß einzelne Individualitäten, wie die Bodhisattvas, mit einem Teile ihres Wesens im Laufe der Zeit hinaufreichten in göttlich-geistige Welten, also die Entscheidung über Gut und Böse nicht eigentlich aus dem Innersten der Menschennatur holten, sondern aus den göttlichen Welten. Durch ihren Verkehr mit göttlich-geistigen Wesenheiten bekamen sie es und flößten es dann wie suggestiv der Menschenseele ein. Ohne solche Führer hätten die Menschen in den vorchristlichen Zeiten immer nur mangelhafte Entscheidungen treffen können über Gut und Böse. Wenn sich diese Führer auf ihr eigenes Herz verlassen hätten, so hätten sie es auch nicht gekonnt; nur dadurch, daß sie herunterstiegen in die Tiefen der Seele, die dem Menschen noch nicht beschert waren, dadurch, daß sie aus ihrer eigenen Ich-Wesenheit herausgingen in die Reiche der Himmel, bekamen sie die Impulse, welche die Menschen brauchten, um in der Zeit des mangelhaften Entscheidens über Gut und Böse dennoch das Gute vorbereitend auf die Erde zu verpflanzen.
[ 14 ] So war der Mensch in der vorchristlichen Zeit ein Wesen, welches sich für noch nicht genügend gereifte Eigenschaften die Gottgleichheit angeeignet hatte, für etwas, was noch gar nicht dazu geeignet war, die Gottgleichheit zu haben. Dadurch hat der Mensch seit der lemurischen Zeit alles, was er getan hat, schlechter, mangelhafter getan, als er es sonst getan haben würde. Vor allen Dingen hat er durch den luziferischen Einfluß in der vorchristlichen Zeit dasjenige schlechter und mangelhafter getan, was sich auf ihn selbst bezieht. Seinen astralischen Leib, Ätherleib und physischen Leib, die sonst geistiger geblieben wären, wenn nicht der luziferische Einfluß gewirkt hätte, hat er dadurch, daß das alles so gekommen ist, schlechter, materieller gestaltet. Dadurch sind aber auch alle Übel in das Menschenleben gekommen, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Im Laufe einer langen Zeit haben sie sich entwickelt.
[ 15 ] Von der lemurischen Zeit bis zum Mysterium von Golgatha haben sich im physischen Leibe, im Ätherleib und im astralischen Leibe Übel entwickelt. Im astralischen Leibe hat sich ein hochgradiger Egoismus entwickelt, im Ätherleibe haben sich entwickelt die Möglichkeiten des Irrtums, wenn wir irgend etwas beurteilen wollen, und die Möglichkeit der Lüge. Wenn der Mensch unter dem Einfluß göttlich-geistiger Wesenheiten geblieben wäre, instinktiv nach ihren Impulsen gehandelt hätte, so würde er, wenn er sich heute Erkenntnisse würde erwerben wollen über die Umwelt, weder in Irrtum verfallen können, noch zur Lüge verführt werden können; so aber ist der Hang zur Lüge und die Gefahr des Irrtums in die menschliche Entwickelung hineingekommen. Und weil das Geistige immer der Verursacher ist des Physischen, und weil der luziferische Einfluß und dessen Folgen sich von Inkarnation zu Inkarnation immer mehr hineingefressen haben in den Ätherleib, so ist dadurch in den physischen Leib hineingekommen die Möglichkeit zur Erkrankung. Krankheit ist das Übel im physischen Leibe, das durch diese Entwikkelung gekommen ist.
[ 16 ] Aber etwas noch Bedeutsameres ist gekommen. Wäre der Mensch nicht diesen Einflüssen unterlegen, hätte er sie nicht auf sich wirken lassen, so wäre auch nicht das Bewußtsein gekommen, daß in dem Moment, wo der physische Leib von uns abfällt, irgend etwas anderes geschieht, als eine Verwandlung im Leben: Das Bewußtsein des Todes wäre nicht gekommen. Denn wenn der Mensch weniger tief in die Materie heruntergestiegen wäre und die Fäden, die ihn mit dem Göttlich-Geistigen verknüpfen, behalten hätte, so würde er gewußt haben, daß mit dem Ablegen der physischen Hülle eben nur eine andere Form des Daseins beginnt. Er hätte es nicht angesehen als das Verlieren, als das Ende einer ihm lieb gewordenen Existenz. Also alle Dinge in der Entwickelung würden ein anderes Gesicht bekommen haben.
[ 17 ] Weil der Mensch nun tiefer hinuntergestiegen ist in die Materie, hat er sich dadurch freier und unabhängiger gemacht, aber er hat auch seine Entwickelung zu einer mangelhafteren gemacht, als sie sonst geworden wäre.
[ 18 ] Das alles, was im Menschen mangelhaft geworden ist, wird durch den Christus-Impuls wiederum geheilt. Nur verlange man nicht, daß es geheilt werde in einer wesentlich kürzeren Zeit, als es bewirkt worden ist, oder gar in einer sehr kurzen Zeit. Die Zeit von der lemurischen Epoche bis zum Mysterium von Golgatha ist eine sehr lange. Und langsam und allmählich, von Verkörperung zu Verkörperung wirkend, sind gekommen Egoismus, Irrtum und Lüge, Krankheit und Todesgefühl. Dadurch, daß der Christus-Impuls in der Menschheit wirkt, werden in einer aufsteigenden Entwickelung des Menschen diese Eigenschaften alle wiederum zurück verwandelt. Der Mensch wird sozusagen mit seinen Fähigkeiten, die er sich unten erworben hat, zurückgeführt in die geistige Welt. Es wird sogar schneller geschehen, als der Herunterstieg vor sich ging. Aber man verlange nicht, daß der Mensch in ein oder zwei Inkarnationen durch das, was er durch den Christus-Impuls aufnehmen kann, imstande sein wird, die Selbstsucht zu besiegen, sich in seinem Ätherleib so zu heilen, daß keine Gefahr für Lüge und Irrtum mehr da wären, noch daß er gar bis in seinen physischen Leib hinein gesundend wirken könne. Das muß langsam und allmählich geschehen. Aber es geschieht. Gerade so, wie durch den luziferischen Einfluß der Mensch heruntergeführt worden ist zu all den geschilderten Eigenschaften, ebenso wird er wieder heraufgeführt werden durch den Christus-Impuls: Es wird die Selbstsucht in Selbstlosigkeit umgewandelt werden, die Lügenhaftigkeit wird zur Wahrhaftigkeit, die Gefahr des Irrtums wird zur Treffsicherheit und zur Wahrheit des Urteils werden. Krankheit wird zu einer Unterlage für eine um so größere Gesundheit werden. Jene Krankheiten, die wir überwunden haben, werden die Keime zu einer höheren Gesundheit sein. Und wenn der Tod allmählich so begriffen wird, daß der Tod auf Golgatha in unserer Seele selber als das Vorbild des Todes wirkt, dann wird der Tod seinen Stachel verloren haben. Der Mensch wird wissen, warum er von Zeit zu Zeit seine physische Hülle ablegen muß, um immer höher zu dringen im Laufe der Verkörperungen. Was aber insbesondere durch den Christus-Impuls eingetreten ist, das ist, daß der Anstoß gegeben worden ist, etwas gut zu machen, was insbesondere die menschliche Erkenntnis und die menschliche Beobachtung, das Wissen des Menschen von der Welt berrifft.
[ 19 ] Wir haben gesagt, daß der Mensch mehr in die Materie hineinverstrickt worden ist, sich in seinen drei Leibern mangelhafter gemacht hat, als er geworden wäre, wenn kein luziferischer Einfluß gekommen wäre. Dadurch ist der Mensch erfaßt worden von einem Antrieb, immer tiefer hinunterzusteigen in das materielle Dasein, immer gründlicher hineinzusausen in das bloße Materielle. Das ist ihm insbesondere mit seiner Erkenntnis passiert. Aber auch das ist langsam und allmählich gekommen. Nicht gleich, als der luziferische Einfluß gewirkt hat, ist der Mensch sozusagen so tief heruntergesunken, daß er nun alle Tore nach der geistigen Welt hinter sich zugeschlossen gehabt hätte. Der Mensch war noch lange in Verbindung mit der geistigen Welt, aus der er herausgewachsen ist, und in der er geblieben wäre mit seinem ganzen Wesen, wenn der luziferische Einfluß nicht gekommen wäre. Noch lange ist der Mensch dieser geistigen Welt teilhaftig geblieben, er fühlte noch lange, wie in seine feineren geistigen Instinkte hineinführten die Fäden der göttlich-geistigen Welt. Er handelte noch lange Zeit so, daß der Impuls nicht ein bloß menschlicher war, sondern ein solcher, wie wenn die Götter hinter ihm gewirkt hätten. Das war besonders in den ältesten Zeiten so. Erst langsam wurde der Mensch hineingestoßen in das Materielle, und damit verlor er dann auch das Bewußtsein des Göttlichen.
[ 20 ] Diejenigen Geistesströmungen und Weltanschauungen in der Menschheit, die ein Wissen von diesen Dingen gehabt haben, haben daher immer darauf hingedeutet: Es hat ein altes Zeitalter gegeben, da war der Mensch zwar durch den luziferischen Einfluß schon etwas heruntergestoßen ins materielle Dasein, aber doch noch nicht so weit, als daß nicht dieser göttliche Einfluß noch stark in ihm gewirkt hätte. Dieses Zeitalter nannte man in alten Zeiten der Menschheitsentwickelung das goldene Zeitalter. Das ist nicht irgendein Phantasieprodukt, sondern der Ausdruck «goldenes Zeitalter» ist einfach ein Ausdruck, welchen diejenigen Bekenner gebraucht haben, die in älteren Zeiten noch eine Ahnung davon hatten, daß es so etwas wie eine Urzeit der Menschheit, wie sie eben geschildert wurde, einmal gegeben hat. Dieses goldene Zeitalter, das man mit einem Ausdruck der orientalischen Philosophie als «Krita Yuga» bezeichnet, hat verhältnismäßig von all den Zeitaltern, die wir noch charakterisieren werden, am längsten gedauert.
[ 21 ] Nach diesem goldenen Zeitalter kommt dann das sogenannte silberne Zeitalter. Da war der Mensch schon mehr heruntergestoßen in die physische Welt. Aber alles geschah langsam und allmählich. Es waren auch jetzt noch nicht die Tore gegenüber der geistigen Welt ganz zugeschlossen. Der Mensch hatte noch starke Momente, in denen er wie in einem traumhaften Hellsehen die Götter treibend hinter seinen Instinkten merkte. In diesem silbernen Zeitalter könnte man den Menschen zwar nicht mehr einen Genossen der Götter nennen, aber er merkte noch, daß Götter hinter ihm standen. Dieses Zeitalter wird mit einem Ausdruck der orientalischen Philosophie auch «Treta Yuga» genannt.
[ 22 ] Dann kommt ein Zeitalter, das geht hinein bis in unser nachatlantisches Zeitalter; es erstreckt seine letzten Ausläufer bis in historische Zeiten hinein, wo es noch immer Menschen gegeben hat, mit altem traumhaftem, dämmerhaftem Hellsehen begabt. Aber das Bewußtsein von der geistigen Welt, aus der der Mensch herausgewachsen war, war in diesem Zeitalter nur noch wie eine Art Erinnerung vorhanden, die geblieben war aus früheren Inkarnationen. Es war so, wie wenn Sie sich heute Ihre Jugend, Ihr Kindesalter und Ihr jetziges Lebensalter denken. In unserer Kindheit haben wir die Kindheitserlebnisse unmittelbar erlebt, so haben die Menschen noch im Treta Yuga unmittelbar die Impulse der göttlich-geistigen Welt erlebt. In dem Zeitalter, das dann darauf folgte, das man auch das eherne Zeitalter nennt, da war nur mehr etwas wie eine Erinnerung daran vorhanden. Man könnte es vergleichen mit der Art, wie der erwachsene Mensch seine Kindheit betrachtet. Denn Sie werden sagen: Ich habe meine Kindheit erlebt, es ist kein Traum! So war es in dem dritten Zeitalter, da wußten die Menschen: Wir haben in früheren Zeiten den Zusammenhang mit dem Göttlichen erlebt, aber jetzt ist er nur noch wie eine Erinnerung da. — Ich habe ausführlich gezeigt, wie in der altindischen Kultur die Erinnerung an die atlantische Zeit nachwirkte; daher konnten die heiligen Rishis, weil diese Erinnerung noch nachwirkte, auch gerade damals ihre großen göttlichen Lehren verkündigen. Dieses eherne Zeitalter wird in der orientalischen Philosophie als «Dvapara Yuga» bezeichnet.
[ 23 ] Danach kommt ein Zeitalter, in dem die Erinnerung an die göttlich-geistige Welt verlorengeht, wo der Mensch mit seinem Erkennen und Anschauen ganz herausgesetzt wird in die physische Welt. Dieses Zeitalter beginnt etwa mit dem Jahre 3101 vor unserer Zeitrechnung, vor der Geburt des Christus Jesus, und man nennt es auch mit einem Ausdruck der orientalischen Philosophie «Kali Yuga», das finstere Zeitalter, weil da der Mensch alle Zusammenhänge mit der geistigen Welt verloren hat und vollständig zusammengewachsen ist mit der physischen Welt.
[ 24 ] Ich bemerke ausdrücklich, daß ich diese Ausdrücke jetzt gebrauche für kleinere Zeitabschnitte; man kann sie aber auch ausdehnen über größere Zeiträume. Wir sprechen also von jener Auffassung der Zeitalter, wie sie zunächst den kleineren Zeitaltern entsprechen, und lassen Kali Yuga beginnen, wie es die indische Philosophie lehrt, mit dem Jahre 3101 vor unserer Zeitrechnung. Da bereitet sich jener Zeitraum vor, in welchem die Menschen angewiesen werden, nur dasjenige zu sehen, was wie ein Schleier, wie eine Hülle die göttlich-geistige Welt verbirgt, wo sie nur das äußere Physisch-Sinnliche wahrnehmen. Zwar sind im Anfange des Kali Yuga noch viele Menschen vorhanden, die hineinschauen oder sich erinnern können an die göttlich-geistige Welt, aber für die normale Menschheit beginnt jetzt die Zeit, wo sie nur noch Physisch-Sinnliches wahrnimmt.
[ 25 ] Das war das Heruntersteigen der Menschen bis zu einem Kali Yuga. Das war die Zeit des tiefsten Herunterstieges. Da hinein mußte der Impuls fallen, wieder hinaufzusteigen. Daher kommt der Impuls wieder hinaufzusteigen, der Christus-Impuls, im Kali Yuga, im finsteren Zeitalter.
[ 26 ] Dieser Christus-Impuls war vorbereitet worden durch die Jahve- oder Jehova-Religion. Denn durch die Jahve-Religion war der Mensch aufmerksam gemacht worden auf das Mangelhafte seiner früheren Entscheidungen. Während des Zeitraumes von der alten lemurischen Zeit bis zur Verkündigung auf dem Sinai haben wir ja jenes Zeitalter, wo der Mensch zwar zu einem Selbstentscheider wird über Gut und Böse, wo er auf der anderen Seite aber auch in Irrtum verfällt über das Böse und Gute und immer mehr dasjenige auf die Erde bringt, was in der Bibel die Sünde genannt wird. Da frißt sich die Sünde ein in das Erdenleben. Der Mensch hat sich die Gottgleichheit angeeignet, aber er hat sie für Eigenschaften in Anspruch genommen, die durchaus nicht reif waren für die Gottgleichheit. Was mußte nun geschehen?
[ 27 ] Zunächst mußte dem Menschen gezeigt werden, was die Gottheit von ihm verlangt, wenn er ein selbstbewußtes Ich werden sollte. Und das wurde ihm gezeigt durch die Verkündigung auf dem Sinai, durch die Verkündigung der Zehn Gebote. Da hörten die Menschen durch Moses: Was du bisher entwickelt hast über Gut und Böse, das ist mangelhaft. Ich zeige dir, wie die Gesetze lauten würden, wenn du nicht heruntergestiegen wärest und für deine mangelhaften Eigenschaften die Entscheidung über Gut und Böse in Anspruch genommen hättest! — So steht das Gesetz vom Sinai, der Dekalog, zu dem, was der Mensch geworden war, so daß ihm heruntertönt aus den geistigen Welten, was das Richtige wäre gegenüber dem, was er als mangelhaft ausgebildet hat. Als ein ehernes Gesetz stehen die Zehn Gebote da, als eine Fackel, welche dem Menschen anzeigt alles, was er nicht geworden ist. Er soll sich diesem Gesetz unterwerfen mit all dem, was er geworden ist. Der Mensch konnte sich diese Zehn Gebote zunächst nicht selbst geben, weil er in seinem Entscheiden, in seiner eigenen Gesetzgebung mangelhaft geworden war. Daher mußten ihm die Zehn Gebote durch einen Inspirierten, durch Moses gegeben werden, das heißt durch göttliche Eingebung von oben. Aber sie waren so gegeben, daß sie alle auf das Ich gerichtet waren. Sie sagten dem Menschen, wie sich ein Ich benehmen muß}, wenn es das Ziel der Menschheit erlangen soll.
[ 28 ] In dem Vortrag über die Zehn Gebote des Moses, am 16. November 1908, ist das im einzelnen ausgeführt worden. Da ist gezeigt worden, wie das Ich zunächst sich benehmen soll zu den geistigen Welten, in den ersten drei Geboten, wie es sich verhalten soll zu den Mitmenschen in bezug auf seine Taten und Handlungen, in den nächsten Geboten und wie es sich benehmen soll in bezug auf seine Empfindungen und Gefühle, in den letzten Geboten. Die Erziehung, die Kultur des Ich wird befohlen in den Zehn Geboten. Das war die Vorbereitung dafür, daß das Ich in seinem Innersten lernen sollte, sich selber den Impuls zu geben, nachdem es in das Kali Yuga, bis in das finstere Zeitalter hinuntergestiegen ist. Es sollte den Menschen zunächst vorgeführt werden ein Gesetz von oben. Was das Gesetz des eigenen Ich werden sollte, das konnte es aber nur werden, wenn das Ich das große Vorbild von Golgatha in sich aufnahm, wenn das Ich sich sagte: Wenn ich in meine Seele ein solches Denken aufnehme, wie das Wesen gedacht hat, das sich auf Golgatha geopfert hat, wenn ich ein solches Fühlen in mich aufnehme, wie das Wesen gefühlt hat, das sich auf Golgatha geopfert hat, wenn ich ein solches Wollen in mich aufnehme, wie das Wesen gewollt hat, das sich auf Golgatha opferte, dann wird mein Wesen in sich selber die Entscheidung finden, wird die Gottgleichheit immer mehr und mehr entwikkeln, wird nicht mehr bloß zu folgen haben einem äußeren Gesetz, den Zehn Geboten, sondern einem inneren Impuls, seinem eigenen Gesetz!
[ 29 ] So hat Moses zunächst das Gesetz hingestellt vor den Menschen, der Christus aber das Vorbild und die Kraft, welche die Seele aufnehmen sollte, um sich zu entwickeln. Daher mußte alles bis zur Innerlichkeit vertieft werden durch den Christus Jesus, alles bis in die tiefste Seele hineingetragen werden, was an geistigen Impulsen da war, bis in das Ich selber. Das konnte nur geschehen, wenn folgendes gedacht wurde, wenn der Christus Jesus folgendes als einen Impuls ausstreute.
[ 30 ] Der Mensch ist heruntergestiegen bis in das finstere Zeitalter, bis in das Kali Yuga. Vor diesem finsteren Zeitalter haben die Menschen hineingesehen im dumpfen, dämmerhaften Hellsehen in die geistige Welt. Da haben sie sich nicht bloß der Instrumente des physischen Leibes bedienen können, sondern indem sie durch ihre Augen, Ohren und so weiter die physische Welt beobachtet haben, ist ihnen überall ein Geistiges erschienen: um Blumen, Pflanzen, Steine und so weiter. Diese Menschen waren reich in bezug auf ihre Beobachtung an Geist. Der Geist wurde ihnen in alten Zeiten geschenkt. Jetzt, in dem finsteren Zeitalter, sind sie Bettler geworden in bezug auf den Geist, denn der Geist wurde ihnen jetzt nicht mehr geschenkt. Arm sind sie geworden an Geist. Immer mehr und mehr war das Kali Yuga herangekommen, wo die Menschen sich sagen mußten: In den alten Zeiten war es anders; da wurde der Geist den Menschen noch geschenkt, da konnten sie hinaufschauen in eine geistige Welt, da waren sie reich an Geist, da waren ihnen die Reiche der Himmel zugänglich. Jetzt aber sind die Menschen heruntergedrängt worden in die physische Welt. Geschlossen haben sich die Tore zu der geistigen Welt vor den menschlichen Sinnen, und der physische Leib eröffnet keine Aussicht in die Reiche der Himmel.
[ 31 ] Aber der Christus konnte sagen: Ergreift das Ich da, wo ihr es jetzt ergreifen sollt, dann sind die Reiche der Himmel nahe herbeigekommen. In eurem Ich werden sie aufgehen! Wenn auch eure Augen euch hinter dem äußeren sinnlichen Licht verschließen das geistige Licht, wenn auch eure Ohren euch hinter dem physischen Ton den geistigen verschließen, wenn ihr zu dem Christus selber euch erhebt, werdet ihr in euch finden die Reiche der Himmel! - Unselig waren die, welche durch das finstere Zeitalter arm geworden waren, Bettler geworden waren um Geist. Selig konnten sie jetzt werden, nachdem der Impuls gegeben war, daß bis in das menschliche Ich hinein der Christus dringen konnte, diejenige Wesenheit, welche ihnen Kunde geben konnte von dem Geistigen, von den Reichen der Himmel. So ist in bezug auf die Verarmung des Menschen an Geist die höchste christliche Verkündigung die: Selig können von jetzt ab sein diejenigen, die da Bettler sind um Geist, die nicht mehr den Geist geschenkt bekommen durch eine alte Anschauung; selig können sie doch werden von jetzt ab, wenn sie den Christus-Impuls aufnehmen; dann können ihnen selber werden durch die Entwickelung ihres Ich die Reiche der Himmel!
[ 32 ] Gehen wir zum Ätherleib, der der Bildner des physischen Leibes ist. Was ist in ihn hineingekommen? — Im physischen Leibe drückt sich die Krankheit nur aus. Das Leiden selbst ist zuerst im Ätherleibe, und das Leid im Ätherleibe drückt sich in einer späteren Inkarnation im physischen Leibe in der Krankheit aus. Jetzt aber ist etwas in die Welt gekommen, so hatte der Christus Jesus zu sagen, wodurch im Innern ein Impuls aufgehen kann, um nach und nach hinwegzuräumen das Leid aus dem Ätherleib. Selig können jetzt, wenn sie den Christus-Impuls in sich aufnehmen, diejenigen werden, die das Leid in ihrem Ätherleibe verankert haben; denn es ist etwas in ihnen, wodurch sie das über das Leid Hinausführende, den Innentrost finden, den inneren Paraklet, den inneren Tröster finden!
[ 33 ] Und was war durch den luziferischen Einfluß aus dem astralischen Leib geworden? Er war mangelhafter geworden, als er früher war. Er hat die Möglichkeit, die wir als eine gute Eigenschaft haben schildern können, empfangen, für das Gute und Große sich zu entflammen, für die hehren Güter des Wahren, Schönen und Guten Enthusiasmus zu haben. Aber er hat dafür auch das andere in Kauf nehmen müssen: für die Güter der Erde in Sympathie oder Antipathie in weitgehendstem Maße sich zu entflammen. Wer den ChristusImpuls aufnimmt, der wird lernen, dieses was seinen physischen Leib in Emotion versetzt gegenüber den Gütern der Erde, den astralischen Leib, zu sänftigen, ihn unter die Gewalt des Geistigen zu stellen, und dadurch wird er glücklich oder selig werden. Selig wird der werden, der seinen astralischen Leib gleichmütig macht in bezug auf die Erdendinge; dadurch aber werden sie ihm gerade zufallen. Denn wenn er in Emotion, in Sympathie oder Antipathie für die Erdendinge entflammt wird, dann verscherzt er sich gerade das, was sie ihm werden können. Wenn der astralische Leib aber unter die Gewalt des Geistigen kommt, wenn man gleichmütig wird gegenüber den Erdendingen, dann wird einem das Erdenreich zum Lose gegeben!
[ 34 ] Steigen wir auf zu dem, was im astralischen Leib als Empfindungsseele wirkt. Darinnen haben wir noch ein in dumpfer Weise waltendes Ich, das noch nicht so recht herausgekommen ist, und das daher noch in Leidenschaften den schlimmsten Egoismus entfaltet. So lange das Ich noch so recht in der Empfindungsseele drinnensteckt, entfaltet es den selbstsüchtigsten Egoismus. Es ist dann des Wunsches bar, den anderen Menschen dasselbe zukommen zu lassen, was ihm selber zukommt. Der Egoismus trübt den Sinn für Gerechtigkeit, weil das Ich alles selber haben will. Wenn aber jetzt das Ich sich in die Nachfolge des Christus-Impulses stellt, dann wird es zu einem solchen, das da dürstet nach Gerechtigkeit unter allen Wesen, die um uns herum sind. Selig werden diejenigen sein, welche da dürsten und hungern nach dem Gerechtigkeitsgefühl in ihrer Empfindungsseele, denn sie werden gesättigt werden. Sie werden imstande sein, auf der Erde und auf der ganzen Welt solche Zustände herbeizuführen, die in dem richtigen neuen Geist aus den Tiefen der Seele heraus solchen Zuständen der Gerechtigkeit entsprechen!
[ 35 ] Steigen wir weiter herauf zur Verstandes- oder Gemütsseele. Sie ist dasjenige Glied, welches das Geltenlassen von Mensch neben Mensch noch mehr bewirkt, und es nicht nur als ein Gerechtigkeitsgefühl bewirkt wie die Empfindungsseele, sondern als ein Mitgefühl, als ein wirkliches Mitfühlen von Leid und Lust des anderen. Derjenige, der den Christus-Impuls aufnimmt, erlangt ein Gefühl nicht nur für das, was er fühlt, sondern auch für das, was das andere Ich fühlt; er taucht unter in das andere Ich und wird dadurch beseligt in seiner Verstandes- oder Gemütsseele. Beseligt ist der, der da Mitgefühl entwickelt, denn nur dadurch, daß er sich in die Seele des anderen hineinfühlt, regt er auch die andere Seele an, sich in ihn hineinzufühlen. Er wird Mitgefühl bei der anderen Seele erlangen, wenn er auch Mitgefühl ausstrahlt. Selig sind die Mitfühlenden, denn mit ihnen wird gefühlt werden!
[ 36 ] Damit sehen Sie schon, wie wir jetzt, nachdem wir einige Zeit vorwärtsgeschritten sind in der Betrachtung dieser Zusammenhänge, in ganz anderer Weise imstande sind, die Worte des Matthäus-Evangeliums, die gewöhnlich in der «Bergpredigt» zusammengefaßt werden, aus der Tiefe der menschlichen Natur und Wesenheit heraus zu verstehen. Jeder Satz der Bergpredigt bezieht sich auf eines der neun Glieder des Menschen. Das soll das nächste Mal noch weiter ausgeführt werden. Die Bergpredigt soll durchsichtig vor unser geistiges Auge treten als diejenige Tat des Christus Jesus, durch die er das, was im alten Gesetz des Moses enthalten war, ganz verinnerlicht hat, ganz zu einem inneren Impuls gemacht hat, wodurch das Ich des Menschen wirksam wird, wie es wirksam werden muß für alle neun Wesensglieder des Menschen. Denn wenn das Ich den Christus-Impuls aufnimmt, wirkt es auf alle neun Wesensglieder des Menschen. So sehen wir, wie tief wahr das ist, was hier schon einmal angedeutet worden ist, daß der Christus im Kali Yuga das Ich des Menschen fähig gemacht hat, in der physischen Welt etwas zu finden, was den Menschen hinaufführt in die geistige Welt, in die Reiche der Himmel. Das Ich des Menschen hat der Christus zu einem Anteilnehmer an der geistigen Welt gemacht.
[ 37 ] Auf dem alten Saturn war der physische Leib unmittelbar aus der geistigen Welt herausgenommen. Er war noch ganz in der geistigen Welt drinnen, weil damals der physische Leib geistiger noch war und nicht ein Bewußtsein hatte, so daß er sich hätte trennen können von den geistigen Welten. Auf der Sonne war der Ätherleib, auf dem Monde der astralische Leib dazugekommen, und auf der Erde erst war die Möglichkeit gegeben, durch die Ich-Entwickelung sich loszutrennen von dem Mutterschoß des Göttlich-Geistigen in der Welt. Und die Folge war, daß dieses Ich wieder zurückgeführt werden mußte, daß der Gott heruntersteigen mußte bis zum physischen Plan und auf dem physischen Plan dem Menschen zeigen mußte, wie er den Weg zu den Reichen der Himmel wieder zurückfinden kann.
[ 38 ] Was durch den Christus-Impuls geschah, war somit ein wichtigstes Ereignis. Fragen Sie aber jetzt einmal: Haben es alle Menschen dazumal gewußt, die zu der Zeit gelebt haben, als der Christus Jesus auf Erden wirkte, daß da ein so wichtiges Ereignis vorgeht? Bedenken Sie, daß der große Geschichtsschreiber Tacitus von den Christen wie von einer fast unbekannten Sekte spricht! Hundert Jahre später erzählt er von den Christen nur, es käme in einer Seitenstraße in Rom eine Sekte auf, die von einem gewissen Jesus angeführt würde, die treibe da ihr Wesen. Es glaubten ja lange Zeit nach dem ChristusEreignis noch viele Menschen in Rom, daß der Jesus ihr Zeitgenosse sei, als wenn er jetzt eben aufgetreten wäre. Kurz, es kann Wichtiges vorgehen in der Menschheitsentwickelung, ohne daß die Zeitgenossen etwas davon merken. Wichtigstes könnte sogar vorübergehen, wenn die Menschen nicht geneigt wären, sich Verständnis dafür zu verschaffen! Dann aber würde die Menschheit dieses Wichtigste nicht erleben, würde in bezug auf dieses Wichtigste verdorren und veröden. — «Ändert den Sinn, die Reiche der Himmel sind nahe herbeigekommen!» so war die Verkündigung des Täufers Johannes und des Christus Jesus selber. Damit wiesen sie hin für die, welche Ohren hatten zu hören, daß ein Wichtigstes geschähe. Daß man von einem Wichtigsten in der Welt nichts weiß, das ist kein Beweis dafür, daß es nicht da ist.
[ 39 ] Diejenigen, welche heute die Zeichen der Zeit zu deuten haben, die wissen, was heute geschieht, die müssen auf ein Ereignis — wenn auch nicht von schlagendster Bedeutung, so aber doch auf ein wichtiges Ereignis — hinweisen. Wahr ist es, es entwickelt sich etwas von unendlicher Bedeutung gerade in unserer Zeit! Und während dazumal auf den Christus hingewiesen wurde von dem Johannes, und wenn von ihm selber hingewiesen wurde auf das Herankommen der Reiche der Himmel, auf das Ich, so muß heute hingewiesen werden auf ein anderes wichtiges Ereignis.
[ 40 ] Der Christus ist ins Fleisch nur einmal heruntergestiegen auf die Erde. Im Fleische hat er die Zeit im Beginne unserer Zeitrechnung auf der Erde verweilt. Im Fleische werden die Menschen den Christus als physisch verkörperten Menschen nach der weisen Führung unserer Weltenentwickelung nicht wiederum sehen, aber auch nicht wieder zu sehen brauchen. Denn im Fleische wird der Christus nicht wiederkommen. Dennoch müssen wir sprechen von einer neuen Beziehung der Menschen zu dem Christus. Warum? Weil dasjenige Zeitalter, das wir das finstere nennen, das Kali Yuga, abgelaufen ist gerade in unserer Zeit mit dem Ende des 19. Jahrhunderts, und weil mit dem Beginne des 20. Jahrhunderts ein neues Zeitalter beginnt, wo sich neue Fähigkeiten der Menschen vorbereiten, jene Fähigkeiten, welche in dem finsteren Zeitalter verlorengegangen sind. Langsam und allmählich bereiten sich neue Fähigkeiten vor. Bis zu dem Grade werden sich neue Fähigkeiten vorbereiten, daß einzelne Menschen da sein werden, welche dieselben als eine natürliche Anlage haben werden. Diese Fähigkeiten werden sich bei einer Anzahl von Menschen besonders zeigen zwischen den Jahren 1930 und 1940, und durch diese neuen Fähigkeiten werden neue Beziehungen zu dem Christus bei einer Anzahl von Menschen eintreten.
[ 41 ] Damit ist auf ein Wichtigstes in der Menschheitsentwickelung hingedeutet. Und Geisteswissenschaft ist dazu da, den Menschen das Verständnis zu eröffnen für diese neuen Fähigkeiten, die sich in der Menschenwelt zeigen werden. Nicht weil einzelne Menschen Lust und Sympathie haben, die Ergebnisse der Geistesforschung zu verbreiten, gibt es eine Geisteswissenschaft in der Welt, sondern weil Geist-Erkenntnis notwendig ist, wenn die Menschen verstehen wollen, was in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts geschieht. Denn nur durch das, was eine Geisteswissenschaft dem Menschen geben kann, wird man fähig werden zu begreifen, was in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts geschehen wird. Und wenn man fähig werden wird, dasjenige im Geiste zu erkennen, was dann geschehen wird, dann wird man auch imstande sein, die Ereignisse nicht zu verwechseln mit ihren irrtümlichen Darstellungen. Denn dadurch, daß der Materialismus sich immer mehr verbreitet, verbreitet er sich auch in die geistigen Weltanschauungen hinein, und da wirkt er besonders schlimm. Da könnte er dazu führen, daß die Menschen nicht verstehen werden dasjenige, was im Geiste erfaßt werden soll, auch wirklich im Geiste zu erfassen, daß sie es suchen werden in der materiellen Welt. Und weil eine neue Beziehung zu dem Christus eintreten soll in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, so wird in den nächsten Jahrzehnten, bis das Ereignis geschieht, immer wieder betont werden, daß falsche Messiasse, falsche Christusse sich finden werden, die pochen werden auf diejenigen, welche auf den Gebieten der Geisteswissenschaft nur Materialisten werden können, und die sich eine neue Beziehung zu dem Christus nur so vorstellen können, daß sie ihn im Fleische vor sich haben werden. Eine Anzahl falscher Messiasse wird das benutzen und sagen: Der Christus ist im Fleische wieder da!
[ 42 ] Die Beziehungen aber, welche rein durch die menschlichen Fähigkeiten zu gewinnen sein werden für die erste Hälfte unseres Jahrhunderts, die hat die anthroposophische Weisheit vorzubereiten. Damit wächst die Verantwortlichkeit des anthroposophischen Strebens ins Ungeheure, indem die Geisteswissenschaft auf ein Ereignis vorbereitet, das kommen wird, und das entweder, wenn die Geisteswissenschaft sich in die Menschenseelen einlebt, verstanden werden wird und dann für die weitere Menschheitsentwickelung fruchtbar werden wird, oder das ohne Verständnis an der Menschheit vorbeigehen wird, wenn sich die Menschen weigern werden, das Instrument anzunehmen, durch welches dieses Ereignis wird begriffen werden können: das Instrument der Geisteswissenschaft. Wenn aber die Menschen die Geisteswissenschaft so weit zurückweisen würden, daß nichts bleiben würde von ihr, dann würden sie auch nicht wissen, daß dieses Ereignis da ist, oder würden es falsch deuten. Die Frucht dieser Ereignisse würde für die Menschenzukunft verlorengehen und die Menschheit würde dadurch in ungeheures Elend gestürzt werden.
[ 43 ] Damit ist hingedeutet auf eine neue Beziehung der Menschen zu dem Christus als auf etwas, was dem Christus in einer verhältnismäßig kurzen Zeit in der Menschenseele entgegenkeimt.
