Der Christus-Impuls
und die Entwickelung des Ich-Bewußstseins
GA 116
8 Februar 1910, Berlin
Vierter Vortrag
[ 1 ] Der Gegenstand unserer heutigen Betrachtung ist ja schon das letzte Mal angedeutet worden. Wir haben heute noch einmal hinzuweisen auf jene bedeutsame Urkunde, welche in den Sätzen der Bergpredigt enthalten ist, um dann von dieser Urkunde aus auf unsere Gegenwart und auf die nächste Zukunft der Menschheit einen Blick zu werfen.
[ 2 ] Die Bergpredigt des Matthäus-Evangeliums kann nur verstanden werden, wenn man sie in ihrem ganzen Geiste erfaßt und sie begreift aus dem Geiste der Entwickelung der ganzen Menschheit. Wenn wir noch einmal kurz überblicken, was schon das letzte Mal vor unsere Seele getreten ist, daß das alte dämmerhafte Hellsehen des Menschen allmählich zurückgegangen ist, daß die menschlichen Fähigkeiten, die menschliche Erkenntnis immer mehr und mehr sich beschränken mußte auf den physischen Plan, und daß aus diesem Grunde der Zusammenhang des Menschen mit den geistigen Welten aus einem Ereignis des physischen Planes heraus begründet werden mußte, wenn wir das alles zusammenhalten, werden wir verstehen, daß jenes göttlich-geistige Wesen, das wir als das hohe Sonnenwesen, als den Christus charakterisiert haben, in einer Zeit, als die Menschen in ihrer Wahrnehmung auf den physischen Plan beschränkt waren, sich eben in einem physischen Leib verkörpern mußte. Das geschah aus dem Grunde, damit man erzählen konnte sozusagen das Wesentlichste des Lebens dieser göttlich-geistigen Wesenheit mit Ausdrükken, mit Worten, die auf den physischen Plan bezüglich sind. Denn nicht allein darauf kommt es an, daf jene im Verhältnis zur ganzen Menschheit Wenigen, die eine leibliche Anschauung und Beobachtung von dem Christus Jesus gewinnen konnten, diese Anschauung auf dem physischen Plane hatten, sondern darauf kommt es an, daß dasjenige, was man von dem Christus Jesus erzählen kann, solche Darstellungen sind, die Ereignisse des physischen Planes wiedergeben.
[ 3 ] Denn von allem, was man früher über andere göttlich-geistige Wesenheiten zu erzählen hatte, konnte man nicht sagen, daß die Erzählung, welche die Worte des physischen Planes nimmt, sich deckt mit den wirklichen Ereignissen. Alles, was auf die höchsten göttlichen Wesenheiten bezüglich erzählt wurde, muß so aufgefaßt werden, daß die Worte nur als Hindeutungen gelten konnten, daß aber das, was geschehen ist, nur verstanden werden kann von demjenigen, der die Worte anwenden kann auf die Vorgänge der höheren Plane. Das Leben des Christus Jesus aber, wie es sich abgespielt hat, kann jeder verstehen, der auch nur imstande ist, das, was erzählt wird, anzuwenden auf Vorgänge des physischen Planes. Und in dieser Richtung kann man sagen: Die Christus-Wesenheit ist heruntergestiegen bis in eine physische Verkörperung, vollständig bis zum Leben in einem physischen Leibe. Das mußte also geschehen, weil die menschlichen Fähigkeiten dazumal diesen Charakter trugen, weil in der damaligen Zeit sich das menschliche Ich als solches seiner Wesenheit bewußt werden sollte und mußte, wenn die Entwickelung der Menschheit in der entsprechenden Weise vor sich gehen sollte.
[ 4 ] Wir haben schon gesehen, daß der bedeutendste Vermittler des Ereignisses von Palästina aus der Reihe der älteren Individualitäten der Zarathustra oder Zoroaster war. Damit er aber das werden konnte, was er in jener Zeit werden mußte, dazu mußte ein Körper geschaffen werden, der wie einen Extrakt in sich selber alles enthielt, was einem ganzen Volke gegeben war, einem solchen Volke, das der Menschheit diejenigen Fähigkeiten zu geben hatte, welche durch physische Vererbung vermittelt werden müssen. Das haben wir als das Wesentliche des althebräischen Volkes von Abraham bis zu Jesus anzusehen, daß von Generation zu Generation sich diejenigen Fähigkeiten entwickeln mußten, die von Vater auf Sohn, von Sohn auf Enkel und so weiter sich immer steigernd, vererbt werden mußten, damit sie dann in ihrer höchsten und brauchbarsten Ausbildung erschienen in jenem Leibe, der eben vererbt war von Abraham an über Salomo herunter auf den Jesus, der der Träger des Zarathustra war. Es wird noch viel, viel dazu gehören, daß wir in der Lage sein werden durch unsere Betrachtungen, die hier in der Zukunft noch gepflegt werden, die ganze Mission des althebräischen Volkes in allen Einzelheiten zu verstehen. Denn dazu gehört, daß wir wirklich nach und nach verstehen lernen werden, wie von Geschlecht zu Geschlecht immer mehr veredelt wurden jene Eigenschaften, die der Körper des Jesus brauchte. Es mußte dieser Körper zu seinem welthistorischen Beruf so fähig wie möglich gemacht werden. Das war nur dadurch möglich, daß alles, was zu diesem Leibe des salomonischen Jesus gehörte, in bezug auf jene Fähigkeiten selber so vollkommen war als möglich.
[ 5 ] Nun wissen wir, daß an jedem menschlichen Leibe tätig waren seit uralten Zeiten die vier Glieder der menschlichen Natur, der physische Leib, der Ätherleib, der Astralleib und das Ich, und daß in die Zukunft hinein tätig sein werden Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch. Aber wir dürfen das nicht so ansehen, als ob da plötzlich etwa die Tätigkeit zum Beispiel des Astralleibes aufhörte und gar nicht sich vorbereiten würde das Spätere in dem Früheren. In gewisser Beziehung muß sich alles Spätere im Früheren vorbereiten. Der Mensch kann zwar aus eigener Kraft heute nicht so an sich arbeiten, daß zum Beispiel auch der Lebensgeist in ihm besonders zum Ausdruck käme; aber andere, göttlich-geistige Wesenheiten arbeiten mit einer solchen Tätigkeit im Menschen, die eine Tätigkeit des Lebensgeistes genannt werden kann. Das gilt auch in bezug auf den Geistesmenschen. Es mußten also alle sieben Glieder des Leibes des Jesus von Nazareth oder vielmehr der menschlichen Organisation des Jesus von Nazareth in bezug auf die Eigenschaften, die in Betracht kamen, veredelt werden. Dazu brauchte es einer ganz besonderen Vorbereitung. Diese Vorbereitung soll uns heute zunächst eine Ahnung davon verschaffen, welche Geheimnisse in der Entwickelung der Menschheit und der Erde eigentlich verborgen sind.
[ 6 ] Es mußten die Keime zu jener Vollkommenbheit des Leibes des Jesus von Nazareth von langer Hand her vorbereitet werden. Wir haben gesehen, wie in der Zeit von Abraham bis zu Salomo oder David die erste Periode gerade so arbeitete an den Geschlechtern, wie sonst am einzelnen Menschen in dem Zeitraum von der Geburt bis zum Zahnwechsel gearbeitet wird am Physischen. Die Arbeit wurde nun so verrichtet von den hinter der Entwickelung tätigen Kräften, daß tatsächlich in einer gewissen Zeit ein Vorfahre des Jesus da war, der schon die Anlage enthielt zu den möglichst vollkommensten Fähigkeiten, die dann herauskamen in dem Leibe, der der Träger des Zarathustra wurde. Also in einem Vorfahren des Jesus war sozusagen die Anlage vorhanden zu einer richtigen Ausbildung aller sieben Glieder der menschlichen Natur. Mit anderen Worten: Wenn wir in der Vorfahrenreihe des Jesus von Nazareth heraufgehen, müssen wir einen solchen Vorfahren finden, der die Keime der siebengliedrigen Menschennatur, wenn auch nicht so vollkommen ausgebildet wie in dem Leibe des Jesus von Nazareth, so doch in der Anlage zu dieser Vollkommenheit, enthielt. Wenn das auch nicht in der äußeren Überlieferung ausgedrückt ist, die althebräische Geheimlehre kannte diese Tatsache. Sie wußte, daß einmal ein Mensch gelebt hat, von dem man sagen muß, in ihm wirkten die sieben menschlichen Glieder so, daß man sie als ganz besonders bemerkenswerte zu bezeichnen hat. So deuten tatsächlich die Eingeweihten auch der althebräischen Geheimlehre auf einen Vorfahren des Jesus von Nazareth hin, bei dem sie sich bewußt waren: Wir müssen in diesem Vorfahren die sieben menschlichen Glieder in einer ganz besonderen Weise ansehen.
[ 7 ] Und so nannten sie denn bei diesem Vorfahren das Ich «Itiel», um damit anzudeuten, daß in diesem Vorfahren das Ich jene Kraft haben mußte — denn das Wort «kiel» würde ungefähr heißen «Kraftbesitzer» —, jene Kraft, jene Kühnheit haben mußte, die, wenn sie sich durch die Geschlechter vererbte, der richtige Ich-Träger werden konnte für jene hohe Wesenheit, die dann wiedererscheinen sollte in dem Jesus von Nazareth. So nannten sie den Astralleib jenes Vorfahren «Lamuel»; das würde ungefähr bezeichnen einen astralischen Leib, der so entwickelt ist, daß er das Gesetz, die Gesetzmäßigkeit nicht allein außerhalb seiner, sondern als in sich tragend fühlt. So nannten sie den Ätherleib dieses Vorfahren «Ben Jake»; das würde heißen: ein solcher Ätherleib, der möglichst in sich durchgearbeitet worden ist und in gewisser Vollkommenheit Gewohnheiten in sich aufnehmen kann. Und den physischen Leib dieses Vorfahren nannten sie «Agur», aus dem Grunde, weil die physische Tätigkeit, die Fähigkeit dieses Vorfahren auf dem physischen Plan darinnen bestanden hat, daß er das, was an alten Überlieferungen vorhanden war, sammelte; denn «Agur» würde heißen «der Sammler». Wie dann durch das, was im Leibe des Jesus vorgegangen ist, gesammelt wurden alle alten Lehren der Welt, so hat sich das schon als Anlage bei diesem Vorfahren durch das Sammeln der alten Urkunden entwikkelt. Und was wie Atma oder Geistesmensch in diesem Vorfahren arbeitete, das nannten sie, weil mit einer besonderen Sorgfalt sozusagen die Liebe der göttlich-geistigen Wesenheiten an dieser Anlage zum Geistesmenschen arbeitete, mit einem Wort, das ungefähr «der Liebling Gottes» bedeuten würde, «Jedidjah». Und was als Buddhi oder Lebensgeist hineinwirkte in diesen Vorfahren, wovon sie sagten: In diesem Vorfahren muß ein solcher Lebensgeist wirken, daß er wie ein Lehrer des ganzen Volkes wirken kann, damit sich ausgiefen kann, was dieser Lebensgeist enthält, auf das ganze Volk -, das bezeichneten sie als «Kohelet». Und endlich nannten sie Manas oder Geistselbst dieses Vorfahren — weil sie sagten, ein solches Geistselbst muß die Anlage in sich enthalten innerlich abgeschlossen zu sein, in sich im Gleichgewicht zu sein -, mit einem Wort, das da bedeutet «inneres Gleichgewicht», «Salomo».
[ 8 ] So hat denn dieser Vorfahre, den man gewöhnlich nur kennt unter dem Namen «Schelomo», «Schlomo» oder «Salomo», die drei Hauptnamen: Jedidjah, Kohelet, Salomo; und er hat die vier Nebennamen Agur, Ben Jake, Lamuel, Itiel, weil diese Namen die vier Hüllen bedeuten, während die drei ersten Namen das göttliche Innerliche bezeichnen. Sieben Namen hat für die althebräische Geheimlehre diese Persönlichkeit.
[ 9 ] Und wenn später sozusagen die Menschen, auch gewisse Sekten unter den Juden selber, nicht zufrieden waren mit Salomo — ob mit Recht oder Unrecht, soll hier nicht untersucht werden -, so kann das dadurch erklärt werden, daß in diesem Salomo hohe, ganz große, bedeutsame Anlagen waren, die sich zu dem angegebenen Ziel dann weiter verpflanzen sollten, und daß der einzelne Mensch auf einer bestimmten Stufe der Entwickelung in seinem äußeren Leben durchaus nicht immer das darzustellen braucht, was er als Anlage vererben soll auf seine Nachkommen, daß er vielleicht gerade deshalb, weil hohe Kräfte in ihm sind, mehr der Möglichkeit ausgesetzt ist, gegen die Richtung solcher Kräfte zu fehlen, als ein anderer, der solche Kräfte nicht in sich hat. Was man als moralische Fehler bei Salomo bemerken würde, das würde nicht in Widerspruch stehen mit dem, was die althebräische Geheimlehre in Salomo sieht, sondern es würde sich sogar im Gegenteil gerade aus dieser Tatsache heraus das Fehlerhafte an Salomo erklären.
[ 10 ] So blickte die althebräische Geheimlehre auf einen Vorfahren des Jesus hin, von dessen Bedeutung sie in bezug auf die ganze Mission des althebräischen Volkes sich vollständig bewußt war. Alles, was in dieser Persönlichkeit veranlagt war, verpflanzte sich dann weiter herunter und erschien in der Essenz dann, als es im weltgeschichtlichen Verlauf gebraucht worden ist. Das ist etwas, was uns eine Ahnung verschaffen soll, welche gesetzmäßigen Geheimnisse sich hinter der Entwickelung der Menschheit verbergen.
[ 11 ] Wenn nun so die Mission des althebräischen Volkes vornehmlich darinnen bestand, daß gleichsam hineingeimpft wurde in das Blut, in die physische Vererbung, was durch dieses Volk an Fähigkeiten der Menschheit aus den geistigen Welten gegeben werden sollte, so war eben zur Zeit des Auftretens des Täufers Johannes und des Jesus von Nazareth die Menschheit so weit, daß sie durch diese veredelten Eigenschaften aufnehmen sollte den Impuls, wiederum hinaufzusteigen in die geistige Welt, mit anderen Worten, aufnehmen sollte den Christus-Impuls. Deshalb wurde das gesagt, um anzudeuten, was alles für Veranstaltungen notwendig waren, um innerhalb der physischen Menschheitsentwickelung eine solche Hülle zu schaffen, die umschließen durfte das Christus-Wesen.
[ 12 ] Nun fühlen und empfinden wir vielleicht auch das Radikale des Fortschrittes für die Menschheitsmission durch diese bis ins Physische herabgetragene göttliche Mission des jüdischen Volkes, fühlen, wie bis in die physische Materie das Göttliche am tiefsten herabgetragen worden ist, damit von diesem Wendepunkt aus die Menschheit um so mehr wieder hinaufsteigen kann von dem verfeinerten Physischen ins Geistige. Der Aufstieg ins Geistige mußte eben von jener Zeit an beginnen. Dazu aber mußte nunmehr ein solcher Impuls der Menschheit gegeben werden, der gewissermaßen alles, was die Menschheit wollen soll und erwarten soll von der Weltentwickelung, wirklich in jenes tiefste Zentrum des Menschen legte, das mit dem Ich zu bezeichnen ist. In das tiefste Innere des Menschen sollte der Impuls durch Christus hineingehen. Aus dem Leibe des Christus heraus sprach ein solcher Impuls, der an das tiefste Wesen der menschlichen Natur appellierte. Was also sollte unter diesem Impuls anders werden?
[ 13 ] Bevor dieser Impuls gekommen war, war es so, daß die Menschen das, was sie am meisten beglückte, am meisten selig oder gotterfüllt machte, in gewisser Weise von außen empfingen oder erwarteten. Wenn man nicht die Weltgeschichte bloß nach den äußeren Urkunden betrachtet, sondern nach dem, was die geistigen Urkunden geben können, so muß man sich sagen: Wir blicken zurück in alte Zeiten, wo der Mensch dadurch in das Reich der geistigen Wesenheiten aufstieg, daß in ihm, sei es mehr oder weniger normal, die Hellsehergabe erwachte. Aber diese Hellsehergabe erwachte traumhaft, während göttlich-geistige Kräfte in ihm wirkten und das Ich heruntergedrückt war. Der Mensch war mehr oder weniger außerhalb des Ich. War er schon im normalen Zustand sich dieses Ich nicht so sehr bewußt als in späteren Zeiten, so war er in den Zeiten, wo der Geist in ihm wirkte und ihn hinauftrug in die geistige Welt, ganz außer sich, ganz außer seinem Ich. Er war völlig hingegeben entweder an das äußere Göttlich-Geistige oder an das Göttlich-Geistige in seiner Seele. Aber in diesen Augenblicken der Ekstase, der Begeisterung war er sich seines Zustandes gar nicht bewußt. Das sollte ja eben kommen, daß der Mensch eine Verbindung finden sollte zum Geistigen aus seinem Ich heraus und von da aus den tiefsten Kern seines Wesens durchdringen konnte mit dem Bewußtsein: Ich gehöre einem göttlich-geistigen Reiche an. —- Das konnte nur dadurch geschehen, daß der Christus auf der Erde lebte, sein Wesen den Erdenwesen einflößte, und daß das Ich sich mit dem durchdringen konnte, was sich als das Vorbild des Christus ergab. Dadurch konnte sich der Mensch sa gen: Ich bin jetzt mit meinem Ich im geistigen Reiche, in den Reichen der Himmel, so wie früher die Menschen außer dem Ich in den Reichen der Himmel waren. «Die Reiche der Himmel sind nahe herbeigekommen!», das war die neue Lehre. Dazu sollte die Seelenverfassung, der Sinn der Menschen geändert werden, um nicht mehr zu glauben, daß man außerhalb des Ich, nur im Zustande der Ekstase, hinaufgetragen werden könnte in die geistige Welt, sondern im Zustande des vollen Ich-Bewußtseins seine Verbindung finden kann mit den Reichen der Himmel.
[ 14 ] Daß das geschehen mußte, das kann man noch dadurch einsehen, daß sich der Zustand des alten Hellsehens im Laufe der Jahrtausende immer mehr verschlechtert hat. Während in alten Zeiten der Mensch in seinen ekstatischen Zuständen zu den guten göttlichgeistigen Mächten hinaufstieg, in seine göttlich-geistige Heimat hineinstieg, war das, was dem Menschen in der Zeit der Begründung des Christentums noch geblieben war von ekstatischen Zuständen, so, daß er jetzt, wenn er außerhalb seiner war, nicht mehr zu den guten geistigen Mächten, sondern zu den schlimmen, bösen geistigen Mächten geführt wurde. Das ist überhaupt der große Unterschied zwischen diesen zwei Entwickelungszuständen: Wenn in uralten Zeiten der Mensch mit Unterdrückung des Ich, was wir heute medial nennen würden, sich traumhaft erhob zu den geistigen Welten, dann war er mit guten geistigen Wesenheiten in Gemeinschaft. Das hatte sich aber geändert in jener Zeit, als der Mensch durch das Ich das Band zu den Reichen der Himmel finden sollte; und wenn er jetzt die ekstatischen Zustände suchte oder entwickelte, dann wurden sie bezeichnet als Zustände der «Besessenheit», welche den Menschen mit bösen, ihm feindlichen geistigen Mächten in Verbindung brachten. So mußte in der Zeit, als der Christus Jesus auftrat, geradezu als heilsame Lehre verkündet werden: Es ist nicht richtig, daß ihr versucht, unter Ausschluß eures Ich in Zustände zu kommen, wo ihr die geistigen Welten wahrnehmt, sondern jetzt ist es richtig, daß ihr in eurem tiefsten Wesenskern das Band sucht zu den göttlichgeistigen Reichen!
[ 15 ] Diese Lehre liegt im wesentlichen beschlossen in der Bergpredigt des Matthäus-Evangeliums. In alten Zeiten, so könnte man umschreiben, gab es ein traumhaftes Hellsehen. Da wurde der Mensch hinaufversetzt durch Ekstase in geistige Welten. Damals war er reich an geistigem Leben, er war kein Bettler um Geist, wie er es geworden ist in der Zeit, als das Christentum begründet wurde. Wenn er in alten Zeiten durchdrungen war von Geist, von dem, was man im Griechischen «Pneuma» nennt, dann wurde er hinaufentrückt in göttlich-geistige Welten. Jetzt konnte der Christus nicht sagen: Gotterfüllt sind die, welche durch ekstatische Zustände reich werden an Geist! — denn die mußten gerade geheilt werden als die Besessenen. Daher wird vorher von der Heilung der Besessenen gesprochen. Jetzt mußte er verkünden: Die Zeit ist gekommen, wo gotterfüllt sind diejenigen, welche geworden sind Bettler um Geist! — das heißt solche, die sich nicht mehr erheben können zu ekstatischen, zu traumhaft hellseherischen Zuständen, sondern die angewiesen sind, in sich selber das Reich der Himmel zu suchen, von ihrem Ich aus.
[ 16 ] Wenn der Mensch früher hineinversetzt war in das Erdenleid und in den Erdenschmerz, dann brauchte er, weil es für ihn ja in seiner Wesenheit einen Zustand gab, durch den er entrückt werden konnte zu den göttlich-geistigen Welten, diesen Zustand nur in sich hervorzurufen. Er brauchte das Leid nicht zu ertragen, sondern wenn Leid ihn befiel, konnte er jenen Zustand aufsuchen, wo er geist- oder gotterfüllt war, und konnte in diesem Zustand, in einem Entrücktsein von seinem Ich, Heilung finden von den Leiden und Schmerzen der Erde. Aber auch diese Zeit mußte von dem Christus Jesus als eine solche bezeichnet werden, die vorüber ist. Jetzt sollen gotterfüllt werden diejenigen, die nicht mehr imstande sind, den Beistand im Leid von außen zu erfahren, sondern die durch Stärkung ihres eigenen Ich die Kraft im Innern suchen; die den Paraklet im Innern finden. Gotterfüllt sind die, die das Leid nicht verscheuchen durch ekstatische Erhebung zum Gott, sondern die es tragen und die Kraft des Ich entwickeln, wodurch sie in sich finden den Paraklet, den man später den «Heiligen Geist» nannte, der sich durch das Ich offenbart.
[ 17 ] Noch der Buddha hatte nicht empfohlen, das Leid zu tragen, son dem das Leid abzustreifen, mit allem Erdendurst abzustreifen. Noch sechshundert Jahre vor dem Christus Jesus hat Buddha gerade das als schlimme Folge des Durstes nach Dasein bezeichnet, was als Leid auf der Erde ist. Sechshundert Jahre später sprach es der Christus im zweiten Satz der Bergpredigt aus, daß das Leid nicht in dieser Weise abgestreift werden sollte, sondern getragen werden soll, auf daß es eine Prüfung sei, damit das Ich jene Kraft entwickelt, die es in sich selber finden kann: den inneren Beistand, den «Paraklet». Das ist wörtlich im zweiten Satz der Bergpredigt enthalten bis auf den Ausdruck «Paraklet». Man muß nur die Dinge in der richtigen Weise lesen. Das ist ja gerade die Aufgabe in unserer Zeit, aus dem, was uns die Geisteswissenschaft gibt, die großen, ebenfalls geisteswissenschaftlichen Urkunden lesen zu lernen.
[ 18 ] Ein drittes ist dies: Wenn in alten Zeiten die Menschen sich durchdringen konnten mit dem, was aus der Ekstase kommt, was man im Griechischen als «Pneuma», Geist, bezeichnet, dann wurden sie instinktiv ihre Bahn geleitet. Alle Impulse, Handlungen, Leidenschaften, Triebe und Begierden, kurz alles, was im astralischen Leib des Menschen ist, das wurde instinktiv geleitet; es wurde zum Guten geleitet, wenn der Mensch imstande war, sich zu guten geistigen Wesenheiten zu erheben. Aber es war noch nicht von dem Ich ausgegangen die innere Kraft, Leidenschaften, Triebe und so weiter zu zähmen, zu läutern und ins Gleichgewicht zu bringen. Jetzt aber war die Zeit gekommen -— das mußte wiederum der Christus verkünden -, wo die Menschen, wenn sie zähmen und läutern, gleichmütig machen die Leidenschaften, Triebe, Begierden ihres Astralleibes, durch sich selber erreichen, was das Ziel der gegenwärtigen Menschheit ist und was man dadurch ausdrückt, daß man hinweist auf den grofßen Fortgang der Entwickelung. Dieser Fortgang der Entwickelung hat sich uns oft in folgender Weise dargestellt. Der Mensch begann sein Dasein auf dem alten Saturn, setzte es fort durch Sonnenund Mondendasein und bekam auf der Erde sein Ich zuerteilt. Aber nur wenn er sich seines Ich bewußt wird, wenn er das, was ihm in seinem astralischen Leib noch auf dem Monde gegeben ward, zähmt, gleichmütig macht, kann er das Ziel der Erdenmission wirklich erreichen. Diejenigen können durch den Christus-Impuls gotterfüllt werden, die ihre Triebe und Begierden im astralischen Leib zähmen, gleichmütig machen. Dadurch werden sie durch sich selber finden die Erde. — So ist im dritten Satz der Bergpredigt dieses, was eigentlich immer mit einem unsinnigen Wort übersetzt wird, gesagt: Diejenigen, welche gleichmütig machen — nicht: sanftmütig — ihre Triebe, Begierden und Leidenschaften, werden als ein Los zugeteilt erhalten, oder man kann auch sagen, erben die Erde.
[ 19 ] Da haben wir die drei ersten Sätze der Bergpredigt in ihrer ganzen weltgeschichtlichen Bedeutung vor uns stehen: Was im Physischen durch eine besondere Ausbildung des physischen Leibes in alten Menschheitszeiten möglich war, daß die Menschen in hellseherisch-traumhaften Zuständen das Geistige sahen, das ist im ersten Satz der Bergpredigt für den physischen Leib ausgesprochen, der jetzt verarmt ist an innerer Geisterfülltheit. Für den Ätherleib, durch den das Leid bewußt wird, wenn es auch zunächst im astralischen Leib bewußt wird, ist angedeutet, daß die Menschen in sich selber eine Kraft entwickeln müssen, um einen Beistand zu finden gegen das Leid, das sie als Prüfung tragen. Dann haben wir für den astralischen Leib angeführt, daß der Mensch durch Zähmung und Läuterung seiner Triebe, Leidenschaften und so weiter jene starke Kraft in seinem Innern findet, wodurch er ein eigentliches Ich wird und die Mission der Erde als sein Los zugeteilt erhält.
[ 20 ] Wenn wir jetzt zu dem Ich hinauf kommen, so wissen wir, daß dieses Ich arbeitet in der Empfindungsseele, in der Verstandesseele und in der Bewußstseinsseele. Das Ich arbeitet in der Empfindungsseele, das heißt, es vergeistigt die Empfindungsseele. Dadurch wird für den Menschen in der äußeren Welt dasjenige zu einer wichtigen Angelegenheit, was gerade durch das Christentum verbreitet werden soll: die Allgerechtigkeit ausgießende menschliche Bruderliebe. Was sonst die Empfindungsseele nur im Physischen empfindet, Durst und Hunger, das muß sie durch das Christentum in bezug auf das Geistige zu empfinden lernen: Durst und Hunger nach der allwaltenden Gerechtigkeit. Diejenigen, welche so das Zentrum des Menschen im Ich finden, werden dadurch, daß sie an sich selber arbeiten, befriedigt werden für ihr Verlangen in der Empfindungsseele nach allwaltender irdischer Gerechtigkeit. Gotterfüllt werden sie sein, die durch den Christus-Impuls lernen nach Gerechtigkeit zu dürsten und zu hungern, wie man nach physischer Nahrung hungert und dürstet, denn durch die starke Kraft in ihrem Innern werden sie dadurch, daß sie arbeiten an der Gerechtigkeit in der Welt, in sich selber finden die Sattheit für diese Eigenschaft!
[ 21 ] Nun kommen wir zur Verstandesseele. Wir haben öfter betont: Während in der Empfindungsseele das Ich noch dumpf brütet, glänzt es zuerst auf als eigentliches menschliches Ich in der Verstandesseele, um sich dann voll bewußt zu werden in der Bewußtseinsseele und da erst ein reines Ich zu werden. Da ist also etwas ganz Eigentümliches vorhanden: Das menschliche Ich, dasjenige, wodurch wir allen Menschen gleich sind, was ein jeder in sich trägt, glänzt auf in der Verstandesseele. Wo wir auch einen Menschen finden in der Welt, er ist dadurch ein Mensch und unseresgleichen, daß in seiner Verstandesseele ein Ich aufglänzt. Dadurch werden wir zu unseren Mitmenschen in ein richtiges Verhältnis kommen, daß uns gerade in der. Verstandesseele etwas aufgeht, das wir so, wie wir es empfangen können, in die Außenwelt hinaustragen sollen. In der Verstandesseele sollen wir etwas entwickeln, was wir so in die Umgebung hinausfließen lassen, wie es wieder zu uns zurückfließen soll. Daher ist es in der Bergpredigt das einzige Mal, daß das Subjekt des Satzes dem Prädikat gleich ist: Gotterfüllt, oder selig, sind die, die da Liebe entfalten; denn durch das Ausstrahlen der Liebe wird ihnen wieder Liebe. — Darinnen sehen Sie die unendliche Tiefe einer solchen geistigen Urkunde, daß sie selbst in ihrer Satzfügung bis in solche Einzelheiten hinein verstanden werden kann, wenn man nach und nach durch Jahre hindurch zusammengetragen hat, was Geisteswissenschaft geben kann, um den Menschen und die Welt zu begreifen. Den fünften Satz der Bergpredigt kann man gar nicht verstehen in seinem Unterschiede zu den anderen Sätzen, die alle ein anderes Prädikat als Subjekt haben, wenn man nicht den Hinweis dieses Satzes kennt gerade auf die Verstandes- oder Gemütsseele.
[ 22 ] Jetzt gehen wir hinauf zur Arbeit des Ich an der Bewußtseinsseele. Da wird das Ich sozusagen erst rein, kann sich seiner selbst erst vollständig bewußt werden. Das wird in der Bergpredigt sehr schön dadurch ausgedrückt, daß gesagt wird: Nur im Ich kann es sein, wo die göttliche Substanz dem Menschen aufgeht. Gotterfüllt sind die, die in ihrem Blute oder Herzen — was der Ausdruck des Ich ist — rein sind, die nichts hineinkommen lassen als das, was die reine Ichheit ist, denn sie werden darinnen den Gott erkennen, den Gott schauen!
[ 23 ] Jetzt kommen wir hinauf zu demjenigen in der Bergpredigt, was schon nach dem Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmenschen hin gerichtet ist. Da kann der Mensch nicht mehr bloß durch sich selber arbeiten, da muß er auf der jetzigen Entwickelungsstufe appellieren an die göttlich-geistigen Welten, die gerade durch den Christus in Verbindung mit der Erde gebracht worden sind, da muß er mit seinem Ich aufschauen zu den erneuerten göttlich-geistigen Welten. Während früher in die Menschheit hineingekommen ist, und auch heute noch hineinkommt Streit und Disharmonte durch die Ichheit, soll sich durch den Christus-Impuls über die Erde ausgießen Friede. Und diejenigen, welche den Christus-Impuls aufnehmen, werden in jenem Teil der Menschennatur, der sich erst nach und nach in der Zukunft als Geistselbst entwickelt, Friedenstifter werden; und sie werden dadurch in einem neuen Sinne «Söhne Gottes» werden, indem sie den Geist aus den geistigen Reichen heruntertragen. Gotterfüllt sind die, die da Frieden oder Harmonie bringen in die Welt; dadurch sind sie Söhne Gottes! — Denn so müssen die genannt werden, die wirklich innerlich erfüllt sind von einem Geistselbst, das Frieden und Harmonie bringen soll über die Erde.
[ 24 ] Nun müssen wir uns klar sein, daß von allem, was sich auf der Erde entwickelt, Restliches aus früheren Zeiten zurückbleibt in spätere Zeiten hinein. Dieses Restliche ist in gewisser Weise demjenigen feindlich, was sich als Keim immer hineinstellt in die späteren Zeiten. So wird dasjenige, was der Christus-Impuls bringt, hineingestellt in die ganze Menschheitsentwickelung, aber nicht auf einmal, sondern so, daß Reste vorhanden bleiben von dem, was die frühere Menschheitsentwickelung gebracht hat. Da ist es notwendig, daß die, welche diesen Christus-Impuls zuerst verstehen, feststehen auf dem Boden desselben, ganz innerlich durchdrungen sind von seiner Kraft. Und wenn sie innerlich durchdrungen sind von der Kraft, die von dem Samen ausgeht, der durch den Christus gekommen ist, und wenn sie feststehen auf diesem Boden, dann werden sie gerade dadurch, daß sie die Kraft der Festigkeit entwickeln, im neuen Sinne gotterfüllt sein. Gotterfüllt sind die, die unter der neuen Ordnung, die unter dem Christus steht, Verfolgung erleiden von dem, was noch aus der alten Ordnung hereinragt! — Und der letzte Satz der Bergpredigt weist direkt auf den Christus-Impuls selber hin, indem er zu den Aposteln sagt: Und gotterfüllt sollt ihr sein, die ihr besonders berufen seid, den Namen des Christus in die Welt zu tragen! So sehen wir, wie aus den großen kosmologischen und Menschheitslehren heraus in der Bergpredigt direkt das Christentum abgeleitet wird, und daß überall hingewiesen wird auf jene Kraft des Innern, die im Ich selber ihren Mittelpunkt finden muß. Das muß durchaus verstanden werden. Das muß bis heute verstanden werden, und es muß bis heute so verstanden werden, daß nicht diejenigen glauben, im echten Sinne christlich zu sein, welche etwa in irgendwelchen dogmatischen Nebenbedeutungen das Christentum suchen, sondern gerade diejenigen sind im echten Sinne christlich, welche die Bedeutung des Satzes verstehen: Ändert die Seelenverfassung oder den Sinn, denn die Reiche der Himmel sind bis ins Ich hineingestiegen! — Die sind im echten Sinne christlich zu nennen, die darinnen das Wesentliche sehen, und die auch weiter verstehen, daß dasjenige, was im wahren Sinne christlich ist, anders ausgesprochen werden mußte im Beginne unserer Zeitrechnung und anders ausgesprochen werden muß heute!
[ 25 ] Es ist ein schlimmes Mißverständnis des Christentums, wenn man glauben wollte, daß das, was als christlich mit den Worten der Zeit von vor zwei Jahrtausenden bezeichnet wurde, sich bis heute nicht weiter entwickelt hätte. Man müßte das Christentum als eine tote Kulturströmung bezeichnen, wenn man heute ebenso reden müßte wie vor zweitausend Jahren. Das Christentum ist ein lebendiges! Es entwickelt sich und wird sich immer weiter entwickeln. Und so wahr es ist, daß das Christentum seinen Ausgangspunkt nehmen mußte von der Zeit, in der die Menschen heruntergestiegen sind bis auf den physischen Plan, seinen Ausgangspunkt nehmen mußte von einer Vermenschlichung eines Gotteswesens in einem physischen Menschenleib, ebenso wahr ist es, daß die Menschen gerade in unserer Zeit lernen müssen, sich hinauf zu erheben, um das Christentum “und die Christus-Wesenheit selber wieder zu verstehen von einem höheren geistigen Standpunkt aus. Was heißt das?
[ 26 ] So wahr die alten traumhaft hellseherischen Kräfte sich verloren haben, so daß zur Zeit des Christus nicht mehr die als gotterfüllt bezeichnet werden konnten, die im alten Sinne geisterfüllt waren, sondern die, die in sich selber fanden die Reiche der Himmel, so wahr ist es, daß mit diesem vollen Bewußtsein des Ich die Menschen wieder hinaufsteigen in die geistige Welt und sich wieder neue Kräfte und Fähigkeiten entwickeln werden. Und so wahr zur Zeit des Täufers die Zeit gekommen war, wo die Menschen jene Fähigkeiten gerade zu einer Krisis gebracht hatten, die auf den physischen Plan herunterführen, so wahr ist es, daß wir gegenwärtig in einer wichtigsten Zeit stehen. Was man das finstere Zeitalter nennt, das begonnen hat mit dem Jahre 3101 vor Christus, und das seinen Höhepunkt erreicht hatte, als sich der Christus verkörperte, das hat sein Ende erreicht am Ausgang des 19. Jahrhunderts. Das Kali Yuga hat sein Ende erreicht im Jahre 1899, und wir gehen einer Zeit entgegen, in welcher sich auf natürliche Weise unter den Menschen neue Kräfte und Fähigkeiten entwickeln, die sich noch in der ersten Hälfte unseres jetzigen Jahrhunderts klar und deutlich zeigen werden. Diese neuen Kräfte und Fähigkeiten wird man verstehen müssen. Insbesondere diejenige Menschheit, welche die Aufgabe der Geisteswissenschaft begriffen hat, wird verstehen müssen, daß ein solches Erheben zum Geistigen wieder möglich ist. Denn in den wichtigen Zeiten, die auf das Jahr 1930 folgen werden, werden einzelne Menschen wie aus ihrer Natur heraus fähig werden, höhere Kräfte zu entwikkeln, wodurch sichtbar werden wird, was wir den Ätherleib nennen. Ätherisch hellseherische Kräfte werden sich entwickeln bei einer Anzahl von Menschen.
[ 27 ] Zweierlei wird dann möglich sein. Entweder der Materialismus unseres Zeitalters geht weiter: Dann wird man, wenn solche Kräfte sich zeigen, nicht verstehen, daß sie hinaufführen in die geistigen Welten; man wird sie mißverstehen, und dadurch werden sie unterdrückt werden. Wenn das geschähe, würde das nicht dazu berechtigen, daß die Menschen aus dem materialistischen Sinne heraus am Ende des Jahres 1940 etwa sagten: Nun seht, was das für phantastische Propheten waren am Anfange des 20. Jahrhunderts! Nichts hat sich erfüllt! — Denn wenn die neuen Fähigkeiten nicht da sein werden, wird das keine Widerlegung dessen sein, was jetzt gesagt werden kann und muß, sondern es wird nur ein Beweis dafür sein, daß die unverständige Menschheit diese Fähigkeiten im Keime erstickt und sich dadurch etwas genommen haben wird, was die Menschheit wird haben müssen, wenn sie in ihrer Entwickelung nicht verdorren und veröden will. Das ist die große Verantwortung der Anthroposophie. Die Anthroposophie ist entsprungen aus der Erkenntnis der Notwendigkeit, daß vorgearbeitet werden muß für etwas, was kommen wird, und das auch übersehen und unterdrückt werden könnte. Vorzuarbeiten hat die Anthroposophie für das Verständnis geistig sich entwickelnder Kräfte der Menschheit. Werden diese Kräfte unterdrückt werden, dann wird die Menschheit weiter in den Sumpf des Materialismus hineingehen.
[ 28 ] Das andere ist, daß die Anthroposophie Glück hat mit ihren Lehren zur Verbreitung eines Verständnisses für die Erhebung der Menschen in die geistige Welt, daß sie Glück hat mit dem Herausheben der Menschen aus materialistischer Gesinnung. Dann aber wird jetzt etwas eintreten müssen aus der anthroposophischen Geistesbewegung heraus, was in früheren Jahrhunderten sich vorbereitet hat, was aber jetzt in unserer Zeit an einem besonders wichtigen Wendepunkt sich voll entwickeln muß.
[ 29 ] Die früheren Jahrhunderte waren dazu geeignet, den materialistischen Sinn der Menschheit immer mehr zu pflegen. Daher konnte man früher unter dem materialistischen Einfluß glauben, daß der Christus-Impuls und die Christus-Wesenheit mit der Erde dadurch in eine Beziehung treten werde, daß sie sich noch einmal oder vielleicht noch öfter in einen physischen Leib, in einen materiellen Leib hinein verkörpern werde. Statt sich Klarheit darüber zu verschaffen, daß die Menschen hinaufwachsen werden mit ihren Fähigkeiten, um in größerer Anzahl, und zuletzt alle, das Ereignis von Damaskus zu erleben, das heißt, den Christus in der Erdenatmosphäre zu erleben, ihn im Ätherleibe zu schauen, statt dessen hat man immer geglaubt, der Christus werde wieder heruntersteigen in einen physischen Leib, damit er befriedigen könne den materialistischen Sinn der Menschen, die nicht glauben wollen an den Geist, an das, was Paulus gesehen hat in dem Freignis von Damaskus: Der Christus ist in der Erdenatmosphäre, er ist immer da! «Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!» — Wer sich durch die Methoden des Hellsehens hinaufentwickelt zum Schauen in der geistigen Welt, der findet das, was in der vorchristlichen Zeit nicht zu finden war in den geistigen Welten: den Christus in seinem Ätherleibe. Das ist der wichtige Fortschritt in der Menschheitsentwickelung, daß noch bevor die erste Hälfte unseres Jahrhunderts abgelaufen sein wird, bei vielen Menschen sich wie auf natürliche Art jene Fähigkeit entwickeln wird, durch die sie das Ereignis von Damaskus zu einer persönlichen Erfahrung machen und den Christus in seinem Ätherleib schauen werden. Nicht heruntersteigen ins Fleisch wird der Christus, sondern hinaufsteigen werden die Menschen, wenn sie sich Verständnis für den Geist erworben haben.
[ 30 ] Das bedeutet das Wiederkommen des Christus in unserem Zeitalter, weil in diesem 20. Jahrhundert die Menschen sich herausarbeiten müssen aus dem Kali Yuga zu einem hellseherischen Zeitalter, zu dem die ersten Keime gelegt werden müssen in diesem Jahrhundert. Hinaufsteigen werden die Menschen durch die Fähigkeiten, die da kommen werden, zu dem Christus, der da ist, und der gesehen werden kann von der Vorhut derjenigen Menschen, die durch die anthroposophische Verkündigung zu dem geführt werden, was im Laufe der nächsten 2500 Jahre mehr oder weniger alle Menschenseelen erleben werden.
[ 31 ] Das ist das große Ereignis, was der Menschheit für die nächste Zukunft bevorsteht, daß wiederum gotterfüllt sein werden diejenigen, die sich jetzt mit vollem Ich-Bewußtsein hinauferheben zum ätherischen Sehen des Christus in seinem Ätherleib. Dazu muß aber der materialistische Sinn gründlich überwunden werden und die Menschheit Verständnis gewinnen für spirituelle Lehren, für spirituelles Leben.
[ 32 ] In den verflossenen Jahrhunderten war es verhältnismäßig unschädlich, wenn die Menschen aus dem Materialismus immer wieder irregeführt werden konnten in bezug auf das sogenannte Wiederkommen des Christus. Gerade in Zeiten, in denen in geringerem Maße eine Übergangszeit vorhanden war, wo sich vorbereitete, was heute als materialistischer Sinn auf einem Höhepunkt angelangt ist, da wurde zum Beispiel in weiten Kreisen Frankreichs verkündet, daß im Jahre 1137 ein Messias erscheinen werde. Ein Messias ist dazumal auch aufgetreten, der aber die Menschen irregeführt hat, weil der Glaube an ihn herausgeboren war durch den materialistischen Sinn, weil man glaubte, der Messias müßte im Fleische erscheinen. Dreißig Jahre früher erschien ein anderer Messias in Spanien; auch da wurde prophetisch vorherverkündet, es würde ein Messias im Fleische erscheinen. Und ungefähr um dieselbe Zeit erschien ein anderer neuer Messias in Nordafrika. Auch da war prophezeit worden, er werde von Osten kommen und im Fleische erscheinen. Und die ganze Zeit über, wo der materialistische Sinn sich vorbereitet hat dadurch, daß die höchsten Dinge von ihm ergriffen wurden, erschienen derartige prophetische Vorhersagungen, die durchaus für den, der die Zeiten kennt, etwas Bekanntes sind, bis hinein in das 17. Jahrhundert, wo weit und breit gepredigt wurde, es werde eine Art Christus, ein Messias, erscheinen, Das fand wiederum Glauben bei dem materialistischen religiösen Sinn der Menschen. Daher konnte, fußend auf dieser Prophezeihung, ein falscher Messias im Jahre 1667 in Smyrna auftreten, mit dem Namen Schabbathai Zewi. Er schrieb damals von Smyrna aus Episteln und Briefe, welche die Welt ebenso erschütterten, trotzdem sie gar nichts waren als trügerische Dinge, weil sie im materialistischen Sinne gehalten waren als trügerische Dinge, weil sie im materialistischen Sinne gehalten waren, wie einstmals die Paulus-Briefe die Welt erschütterten. Im 17. Jahrhundert verbreitete sich von Smyrna aus die Kunde: Es lebt dort ein Messias im Fleisch! -— Und Schabbathai Zewi der «Gerechte Gottes», wurde so angesehen, daß man sagte, es werde jetzt die ganze Weltenzeitrechnung eine ganz andere Gestalt annehmen: Er wird mit seinen Getreuen durch die Welt ziehen, und an ihn sollen glauben alle, die die Wahrheit sehen wollen, die den Christus im Fleische sehen wollen! — Gepredigt wurde ihnen, daß sein physischer Geburtstag als das größte Fest der Menschheit und der Erde gefeiert werden müsse! Ganze Scharen von Menschen pilgerten dahin, nicht nur aus Asien und Afrika, sondern auch aus Polen, Rußland, Spanien, Frankreich und so weiter. Ganze Züge von Wallfahrern gingen nach Smyrna zu Schabbathai Zewi, der als Christus im Fleische auftrat, bis die Sache einen zu großen Umfang annahm und Schabbathai Zewi vom Sultan gefangen gesetzt wurde. Da sagten die Leute: Das ist nur die ErfülJung einer Prophezeiung, denn es ist vorhergesagt, daß er neun Monate in Gefangenschaft sitzen werde. — Da wußte der Sultan sich nicht anders zu helfen, als daß er Schabbathai Zewi unbekleidet aufstellen ließ und sagte: Ich will an dir erproben, ob du wirklich ein Messias, ein Christus im Fleische bist, ich will nach dir schießen lassen! — Und da gestand endlich Schabbathai Zewi, daß er nur ein gewöhnlicher Rabbi sei.
[ 33 ] Solche Versuchungen gehen hervor aus dem materialistischen Sinn unserer Zeit. Und dergleichen wird wiederkommen, denn den materialistischen Sinn werden die Menschen benutzen. Es wird oft und oft in den nächsten Jahrzehnten gesagt werden, was jetzt ausgesprochen worden ist, daß sich die menschlichen Fähigkeiten bis zum ätherischen Anblick des Christus hinaufentwickeln werden, an dessen Realität die Menschen dann ebenso sicher glauben können, wie Paulus selbst daran geglaubt hat! Das ist die nächste Zukunft der Menschheit, zu der heute die Geisteswissenschaft die Menschen vorbereiten soll. Aber es wird durch den materialistischen Sinn der Menschen auch die Zeit der starken Versuchung kommen, wo falsche Messiasse wieder erscheinen werden im Fleische. Dann wird es sich zeigen, ob die Theosophen die Theosophie richtig verstanden haben werden! Die sie nicht richtig verstanden haben, die werden vom materialistischen Sinn so durchkränkelt sein, daß sie der Versuchung verfallen werden. Trotzdem sie an den Christus glauben, werden sie an einen Christus im Fleische glauben. Die aber, welche Verständnis für wirkliches geistiges Leben gewonnen haben, die werden verstehen, daß das «Wiederkommen des Christus» in unserem Jahrhundert, als das größte Ereignis, bedeutet: Der Christus kommt zu den Menschen im Geiste, weil die Menschen durch ihre Entwickelung zum Geistigen hin sich bis zum Christus entwickelt haben! Und dadurch erfährt in unserem Jahrhundert die Bergpredigt eine völlige Modifikation. Alles wird sozusagen neugestaltet werden. Gotterfüllt oder selig werden die sein, die durch ihr Betteln um Geist in den verflossenen Inkarnationen so weit gekommen sein werden, daß sie hinaufgestiegen sein werden in jene Region der Reiche der Himmel, wo ihnen der Christus vor das geistige Auge tritt!
[ 34 ] So könnte jeder einzelne Satz der Bergpredigt in seiner neuen Gestalt in diesem Sinne wiedergegeben werden. Das Christentum wird nur seine Urkunden wiedererobern können, wenn man es lebendig erfaßt, wenn man weiß, daß es kein Totes, sondern ein Lebendiges ist. In jener Zeit — und es ist unsere Zeit —, in der sozusagen die materialistische Forschung dem Menschen das Evangelium und die Überlieferung von dem Christus nimmt, wird, das ist oft betont worden, die geistige Forschung die Evangelien den Menschen wiedergeben. Das ist ein Zusammentreffen, das nicht zufällig, sondern notwendig ist. Mögen in unserer Zeit, weil ihr materialistischer Sinn, der bis ins höchste gestiegen ist, an eine Krisis gekommen ist, immerhin gewisse arme Menschen auftreten, die aus einer irregeleiteten Philosophie zu der sonderbaren Anschauung kommen können, daß es Wirkungen ohne Ursachen gibt, daß es keinen historischen Christus Jesus gegeben hat; das ist etwas, was dem Anthroposophen begreiflich sein soll. Er soll mit einem gewissen Mitleid sogar zu blicken wissen auf jene armen Menschen, die trotz ihrer Philosophie so in den materialistischen Sinn hineinverstrickt sind, daß sie sich überhaupt die Fähigkeit abgewöhnt haben, den Geist zu ahnen und daher immerfort dem Satz, den sie sonst immer zugeben, ins Gesicht schlagen: Es gibt keine Wirkung ohne Ursache. Das Christentum als Wirkung kann nicht da sein ohne Ursache! Anthroposophie wird es sein, die den Menschen aus der Geistesforschung heraus den Christus in jener Gestalt, in der er lebendig ist, lehren wird, wenn diese Menschen diesen Lehren nur Verständnis entgegenbringen wollen, Verständnis selbst so weit, daß man klar erkennt: Der Christus wird wiederkommen, aber in einer höheren Realität, als die physische ist, in einer solchen Realität, zu der man nur wird aufschauen können, wenn man sich erst den Sinn und das Verständnis für das geistige Leben wird erworben haben.
[ 35 ] Schreiben Sie sich in Ihr Herz, was Anthroposophie sein soll: eine Vorbereitung für die große Epoche der Menschheit, die uns bevorsteht. Lassen Sie es sich dabei nicht als etwas Wesentliches erscheinen, ob die Seelen, die heute hier verkörpert sind, dann noch im physischen Leibe verkörpert sein werden, wenn der Christus in der geschilderten Weise wiederkommt, oder ob sie bereits durch die Pforte des Todes gegangen sind und in jenem Leben stehen, das zwischen Tod und der neuen Geburt abläuft. Denn was im 20. Jahrhundert geschieht, hat eine Bedeutung nicht nur für die physische Welt, sondern für alle Welten, mit denen der Mensch in Beziehung steht. Und ebenso wie die Menschen, die verkörpert sein werden zwischen den Jahren 1930 und 1950, erleben werden das Hinaufschauen zu dem ätherischen Christus, ebenso wird ein gewaltiger Umschwung eintreten in der Welt, in der der Mensch lebt zwischen Tod und Geburt. Gerade so wie der Christus nach dem Mysterium von Golgatha heruntergestiegen ist in die Reiche der Unterwelt, so gehen die Wirkungen der Ereignisse, die in unserer Zeit geschehen für die Bewohner des physischen Planes, hinauf in die geistigen Welten. Und den Menschen, die sich nicht durch Geisteswissenschaft vorbereiten werden auf das große Ereignis, denen entgeht in jener Zeit das Gewaltige, das sich auch vollziehen wird in den geistigen Welten, in denen der Mensch dann lebt. Diese Menschen müssen dann warten bis zu einer neuen Verkörperung, um dann auf der Erde zu erfahren, was sie fähig macht, den neuen Christus-Impuls zu empfangen. Denn zu allen Christus-Impulsen, wenn sie uns auch noch so hoch hinauftragen, müssen wir uns die Fähigkeit erringen auf dem physischen Plan. Nicht umsonst ist der Mensch so in die physische Welt hinunterversetzt worden: Hier müssen wir uns das aneignen, was zum Verständnis des Christus-Impulses führt! Für alle Seelen, die leben, ist Geistesforschung die Vorbereitung auf das Christus-Ereignis, das uns in der nächsten Zukunft bevorsteht. Diese Vorbereitung ist notwendig. Und auf dieses Christus-Ereignis werden in den Vorgängen der Menschheitsentwickelung andere folgen. Daher wird es gerade ein wichtiges Versäumnis sein für die Menschen, die sich nicht zu dem Christus-Ereignis erheben wollen in unserem Jahrhundert, wo sie dazu Gelegenheit haben.
[ 36 ] Wenn wir so die Geisteswissenschaft betrachten und uns in die Seele schreiben, dann erst fühlen wir, was sie jeder einzelnen Menschenseele ist, und was sie sein soll der gesamten Menschheit.
