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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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Das Johannes-Evangelium
und die drei anderen Evangelien
GA 117a

4 Januar 1910, Stockholm

Zweiter Vortrag

Meine verehrten Anwesenden!

[ 1 ] Das Johannes-Evangelium unterscheidet sich insofern von den drei anderen Evangelien, dass es einem unmittelbaren Schüler des Christus Jesus zugeschrieben wird, während die drei anderen dem Namen nach zurückgeführt werden auf nicht unmittelbare Schüler des Christus. Daraus ist eine Folge, dass wir in dem Johannes-Evangelium die tiefste Weisheit des Christentums zu suchen haben.

[ 2 ] Nun entsteht für uns die Frage: Wie hat sich die Theosophie gegenüber den Evangelien und deren Authentizität zu verhalten? Die Theosophie kann nämlich nichts als wahr anerkennen, was nicht durch die geheimwissenschaftliche Forschung bestätigt wird. Wir würden uns nicht aus einer Urkunde irgendwelche Wahrheit herausnehmen können. Die Theosophie kann nur auf eigene Grundlage auferbaut werden, sie kann nur auf die Erfahrungen bauen, welche gewonnen sind durch ein Hineinblicken in die geistigen Quellen der Gegenwart sowie der Vergangenheit. Die einzige wirklich geschichtliche Urkunde für die Theosophie ist dasjenige, was wir die Akasha-Chronik nennen, das heißt die geistige Aufzeichnung, welche der Seher zu sehen vermag. Wenn wir also Erkundigungen aus dieser geistigen Urkunde gesammelt haben, da können wir diese mit dem vergleichen, was die geschichtlichen Urkunden, das heißt die Evangelien, geben können. Und kein Lehrsatz wird vom okkulten Forscher angenommen, weil er in irgendeiner geschriebenen Urkunde gestanden hat, sondern weil er aus unserer eigenen Forschung als richtig befunden worden ist.

[ 3 ] Gestern ist einleitend bemerkt worden, dass im Ereignisse von Palästina zusammengeflossen sind die geistigen Strömungen der vorchristlichen Zeit — und zwar, wie wir nun sehen wollen, in einer höheren Gestalt durch die Persönlichkeit des Christus Jesus. Diese Persönlichkeit ist unerhört kompliziert. Wie ist eine solche Persönlichkeit möglich, die alles, was vorher war, in seine Persönlichkeit aufzunehmen und da in eine höhere Einheit zusammenzuschmelzen fähig ist?

[ 4 ] Im Johannes-Evangelium wird Christus dargestellt als das verkörperte, das inkarnierte Weltenwort, als der inkarnierte Logos. Um dies einigermaßen zu verstehen, müssen wir weit zurückgehen in die Zeiten bis zur Entstehung der ersten Kulturströmungen auf unserer Erde. 600 Jahre vor dem Palästina-Ereignis hatte die mächtige geistige Strömung, welche wir die indische nennen, in Gautama Buddhas Person ihren Höhepunkt und Abschluss gefunden. Aber derselbe Buddha, welcher da in Indien wirkte, war in einer gewissen Gestalt anwesend in Palästina zur Zeit des Christus Jesus. Was die Geisteswissenschaft mit dem Worte «Buddha» meint, ist nicht eine bestimmte Person, sondern eine Würde. So wie der einzelne Mensch während seines irdischen Lebens sich mehr und mehr entwickelt und immer höhere Ämter bekommt, so kann eine Individualität durch verschiedene Inkarnationen emporsteigen zum Buddha-Amte, zur Buddha-Würde.

[ 5 ] Vorher war durch viele Inkarnationen dieselbe Individualität nicht ein Buddha, sondern ein Bodhisattva. Was ist das? Die Bodhisattvas haben ganz bestimmte Aufgaben. Es sind die Lehrer und Führer der Menschheit. Die ganze Menschheit hat verschiedene Stufen durchgemacht.

[ 6 ] Das heutige Bewusstsein hat der Mensch im Laufe der Zeit errungen. Vorher waren es andere Eigenschaften bei unserer eigenen Seele. Vernunft etc. hat sich der Mensch im Laufe der Zeit errungen; früher war der Mensch mit anderen Eigenschaften begabt. Blicken wir nach der lemurischen Zeit zurück, so finden wir bei den Menschen eine gewisse dumpfe, hellseherische Erkenntnis. Das ganze Menschenleben war kein geistiges Selbstbewusstsein. Dämmerhafte Bilder stiegen auf in der Seele in alten Zeiten. Deshalb konnte auf die Menschen nicht so eingewirkt werden wie heute, sondern bloß in einer Weise, die mit einer Eingebung oder Suggestion zu vergleichen ist. Und was ihnen mitgeteilt wurde, wurde nicht mit dem Verstande erfasst. Die Führer und Lehrer der Menschheit wirkten durch Suggestion, durch Eingebung, durch ihre unmittelbare Gegenwart, durch das Hinschauen des Schülers zum großen Lehrer.

[ 7 ] So zu lehren hatte der Bodhisattva, solange er nicht Buddha war. Er war vor seinem Buddha-Dasein wiederholt in der Menschheit auf der Erde verkörpert, aber wirkte nicht in einem physischen Körper, sondern nur in seinem Ätherkörper, und er hatte nur dadurch lehren können, dass er mit seiner Wesenheit, mit seinem eigentlichen Ich nicht ganz in die menschliche Persönlichkeit einging. Der Schüler hatte ein hellseherisches Bewusstsein und sah hinter der Persönlichkeit des Lehrers etwas wie eine mächtige Aura, welche keinen Platz hatte in der menschlichen Persönlichkeit. Der Bodhisattva ließ mächtige Bilder gleichsam in die Seele des Schülers hinüberfließen.

[ 8 ] Aber nicht immer sollten die Menschen dies unbewusst als Bild aufnehmen, sondern sollten aus eigener Urteilskraft erkennen, was des Menschen Ziel war. Was die Menschen als eigenen Impuls erobern mussten, nämlich Liebe und Mitleid, war als Kräfte in der menschlichen Seele vorhanden, aber unbewusst hineingesenkt. Nun sollte die Zeit kommen, in welcher die Menschen aus sich selbst heraus Liebe und Mitleid hervortreten lassen sollten als etwas, was der menschlichen Seele entspringt. Früher waren diese Eigenschaften ein Ausfluss aus dem Bodhisattva, jetzt sollten sie aus der menschlichen Seele selbst hervorgehen.

[ 9 ] Heutzutage gibt es viele Menschen, welche sagen: Es ist menschlich, Liebe und Mitleid zu zeigen; aber das war vor dem Auftreten des Bodhisattva nicht der Fall. Zwar war die Liebe auch damals vorhanden, aber sie lag mehr wie ein Trieb im Blute und war auf die Familie und den Stamm beschränkt. Die befreiende, geistige Liebe, welche von allen Blutsbanden unabhängig ist, sollte erst mit Christus Jesus eine Wirklichkeit werden. Um die Menschen dahin zu bringen, bewusst aus sich selbst heraus Liebe und Mitleid zu entwickeln, musste zuerst in einem menschlichen Körper erfahren werden, dass Liebe und Mitleid aus der menschlichen Seele entspringen. Dann kann dies anderen Menschen übergeben werden. Zu diesem Zwecke musste der Bodhisattva einmal hinuntertauchen in die physische Welt, einen physischen Leib annehmen und, in der Person des Gautama Buddha, unter den Menschen wirken. Dieser Gautama war zur Zeit seiner Geburt nicht Buddha, aber im neunundzwanzigsten Jahre seines Lebens wurde er Buddha, nachdem er seinen königlichen Palast verlassen und draußen vor dem Palaste Trauer und Leid begegnet war.

[ 10 ] Da wurden in ihm Liebe und Mitleid ins Leben gerufen. Es ging, heißt es, in ihm eine Klarheit auf, und er verstand, dass des Menschen Körper zu einem Instrument der Liebe und des Mitleids werden kann. Kein Individuum hatte vorher dieses Erlebnis gehabt. Durch dieses Erlebnis rückte er in eine höhere Würde seines Wesens, dadurch ist der Bodhisattva ein Buddha geworden. Er empfand den inneren Impuls von Mitleid und Liebe. Dadurch war die Möglichkeit gegeben, dass immer mehr Menschen dasselbe erleben können und es empfinden als einen eigenen Impuls aus der eigenen Seele heraus. Alles muss zuerst in einer hervorragenden Persönlichkeit vorhanden sein.

[ 11 ] Wenn ein Bodhisattva zur Buddha-Würde aufsteigt, da erhält er einen Nachfolger. Es heißt in der Legende: Als er niederstieg, da aber gab er die himmlische Tiara seinem Nachfolger — 3000 Jahre werden vergehen, bis jener Bodhisattva, der heute ein solcher ist, zur Buddha-Würde hinaufsteigen wird. Die morgenländische Lehre nennt den neuen Buddha Maitreya-Buddha. Wann kann dies geschehen? Wenn eine genügend große Anzahl von Menschen als innere Wahrheit empfunden haben, was Gautama Buddha erlebte von Liebe und Mitleid, als er unter dem Bodhi-Baume saß. Da wird eine neue Mission durch einen neuen Buddha — den Maitreya-Buddha — auf die Erde kommen.

[ 12 ] Damit haben wir gekennzeichnet, was die wunderbare morgenländische Legende über die Mission des Gautama Buddha zu sagen hat.

[ 13 ] Was ist aus Buddha geworden, nachdem er seinen irdischen Körper verlassen hat? [Die Beantwortung dieser Frage ist wichtig für das Christentum.] Wenn ein Bodhisattva zum Buddha wird, da braucht er nicht mehr hinniederzusteigen in einen physischen Körper. Die Legende erzählt auch, dass Buddha unmittelbar nach seiner Geburt sieben Schritte gemacht und gesagt habe, dass dies seine letzte Inkarnation sei. Er kann im Äther- oder Lebensleib wirken. Er verkörperte sich also in einen Ätherleib. Ich bitte meine Zuhörer zu bemerken, wie anders eine solche Verkörperung ist als die Verkörperung in einen physischen Körper.

[ 14 ] Um dies zu verstehen, müssen wir einen Blick auf den initiierten Menschen werfen. Worauf beruht die Initiation? Darauf, dass man im gewöhnlichen Menschenleben Beobachtungen nicht nur durch die dem physischen Leibe angehörigen Organe — Augen, Ohren, Gehirn, Herz und so fort- machen kann, sondern dass man schon im physischen Leben sich unabhängig machen kann von den physischen Werkzeugen. Der Eingeweihte braucht nicht seinen physischen Leib, um in der Welt Beobachtungen zu nehmen. Er bildet sich in seinem Ätherleib höhere Erkenntnisorgane aus, wenn er sich fähig macht, übersinnliche Sachen wahrzunehmen. Während der Mensch sonst in dem physischen Leben denkt, fühlt, will und diese Fähigkeiten durch den physischen Körper zusammenhält, so treten beim Initiierten das Denken, das Fühlen und das Wollen wie drei selbstständige Wesen auf, und er hat die Fühlung nicht von drei Kräften, sondern von drei Seelen. Als Buddha starb und sein physischer Leib nicht länger durch seine Elastizität den Ätherleib zusammenhielt, zerfiel dieser in drei selbstständige Wesen und später, durch deren Spaltung, in noch vier, zusammen sieben Seelen, sieben selbstständig entwickelte Seelenwesen, über die er zu herrschen hatte.

[ 15 ] Während des Erdenlebens hält der physische Körper durch seine Elastizität den Ätherkörper und damit die Seelenkräfte des Menschen zusammen. Nach dem Tode ist das Ich das einzige zusammenhaltende Element. Wenn aber dieses Ich wenig entwickelt ist, läuft der Mensch nach dem Tode oft große Gefahr, sich selbst zu verlieren.

[ 16 ] Wenn nun eine solche Individualität als Buddha verkörpert, so verkörpert sie nicht in eine einzelne geistige Wesenheit, sondern in eine Gruppe von geistigen Wesenheiten — die Nirmanakaya des Buddha —, das heißt nicht in die physische Welt, sondern in einen Leib, welcher durch nichts, was in der physischen Welt ist, zu definieren ist.

[ 17 ] Wenn von sieben oder zwölf «Schülern des Buddha geredet wird, so ist dies oft symbolisch für die Seelenkräfte, welche von Buddhas Ätherleib ausgehen.

[ 18 ] Auf diese Weise lebte Buddha, als das Ereignis von Palästina passierte. Das heißt: Wenn ein Mensch, der hellsichtig geworden wäre, da gewesen wäre, so hätte er den Buddha gefunden als Führer einer Gruppe von sieben Seelenwesen; aber diese Nirmanakaya des Buddha, welche zur Zeit Jesu in Palästina mit war und da wirkte, war nicht länger derjenige Gautama, welcher in Indien gewirkt hatte, sondern diese Individualität so, wie sie sich während der 600 Jahre, die nach ihrem Tode verflossen waren, weiterentwickelt hatte und noch höhere Eigenschaften errungen hatte. Derjenige Buddhismus, den wir in dem Christentum finden, ist auch nicht derjenige, welcher 600 Jahre vor Christus Jesus in Indien gepredigt wurde, sondern derjenige, welchen der zur Zeit des Jesus Christus zu einer höheren Entwicklung heraufgenommene Buddha aus seinem Ätherleib heraus in das Christentum hineinströmen ließ. Was Buddha dem Christentum zu geben hatte, wird später gezeichnet werden.

[ 19 ] [Wenn schon für den gewöhnlichen Menschen Stillstand Tod bedeutet, so müssen wir noch plausibler finden, dass ein Wesen wie der Buddha in seiner Entwicklung nicht stehen bleibt.

[ 20 ] Die zweite Strömung ist der Zarathustrismus.] Was Zarathustra — Zoroaster — zu geben hatte in der Zeit, da Christus Jesus auf der Erde wandelte, war nicht das, was im altpersischen Volke unter diesem Namen mitgeteilt wurde, nicht was man in der Geschichte mit der Lehre Zarathustras oder Zoroasters bezeichnet, und ist nicht das, was wir damit meinen. Ebenso wie Buddhas Name von vielen Lehrern, welche seine Lehre verkündeten, getragen worden ist, so ist auch Zarathustras Name auf seine Verkünder hinübergegangen. 5000 Jahre vor Christus war er der große Lehrer des urpersischen Volkes. Er war eine im höchsten Maße hervorragende Persönlichkeit, hoch entwickelt und eine tief eingeweihte Individualität. Er hatte nicht nur das zu lehren, was wir gestern besprochen haben, sondern auch große Schüler hervorzubringen, welche weiterverpflanzen könnten, was er gelehrt hatte.

[ 21 ] Zwei große Schüler hatte Zarathustra. Diese unterrichtete er in jenem großen Geheimnis. Den einen unterrichtete er in alldem, was man wissen kann über das, was gleichzeitig im Raume ausgebreitet ist, das heißt alle Geheimnisse des Kosmos als im Raume schon vorhanden. Den anderen unterrichtete er in alldem, was man wissen kann von den Geheimnissen der Weltentwickelung im Laufe der Zeiten. Er ging dabei bis zu der Urzeit der Entwicklung und zeigte, wie die Erde zustande gekommen ist. Diese zwei großen Schüler wurden wiederverkörpert. Der eine, derjenige, dem Zarathustra alles geistige Wissen über dem Raum beigebracht hatte, wiederverkörperte in jene Persönlichkeit, welche die Mission hatte, die große ägyptische Kultur zu begründen. Er wurde also als der ägyptische Hermes wiedergeboren.

[ 22 ] Eine so hohe Individualität wie Zarathustra erlangt die Fähigkeit, die Glieder, welche der Mensch hat, auf andere zu überführen. Symbolisch wird hiervon im Alten Testament in der Geschichte von Sem geredet. Auf diese Weise hat Zarathustra seinen Astralleib und seinen Ätherleib, welche so hoch standen, auf andere übertragen. Diese Leiber waren auf geheime Arten aufbewahrt. Dem ägyptischen Hermes, dem Grundleger der ägyptisch-chaldäischen Kultur, gab er seinen Astralleib ab, sodass dieser die vollendete Gestalt des Zarathustra erhielt. So geschieht die erste teilweise Hinopferung Zarathustras.

[ 23 ] Seinen Ätherleib hat Zarathustra demjenigen Schüler — Moses abgegeben, welchem er die aufeinander folgenden Zustände der Erdenentwicklung offenbart hatte. Wie konnte dies geschehen?

[ 24 ] [Die religiösen Urkunden erzählen immer in gewaltigen Bildern. Für den Geistesforscher werden diese klar, wenn aus der Geistesforschung heraus Licht fällt auf diese Bilder.]

[ 25 ] Wenn ein Kind sich entwickelt, ist es stumpf gegen seine Umgebung, erst später treten die Triebe, die Begierden, die Leidenschaften hervor. Das Kind, das den Ätherleib Zarathustras in sich aufnehmen sollte, musste deshalb gegen äußere Eindrücke bewahrt werden, bis sein astrales Leben aufwachte, bis sein Begierdenleben aufwachte. Daher wurde das Kind Moses in ein Kästchen gelegt und ins Wasser gesetzt. Hier glänzte in ihm auf alles, was der Ätherleib Zarathustras enthielt.

[ 26 ] [So hat Zarathustra durch die Hinopferung seiner Leiber dahin gewirkt, die ägyptische und hebräische Kultur zu begründen, diese zwei bedeutsamen Geistesströmungen.]

[ 27 ] So wirkte Zarathustra — der Bote des geistigen Sonnenwesens, des Ahura-Mazdao — durch Hermes und Moses in die ägyptische und in die althebräische Kultur hinein.

[ 28 ] Was ist nun aus Zarathustras oder Zoroasters Selbst geworden? Dieses Ich ist wiedererschienen als Mensch. Durch seine glänzende Einweihung war er fähig, sich seinen neuen Astral- und Ätherleib zu schaffen. Er wurde mehrere Male wiedergeboren als Führer der persischen Kultur und erschien zuletzt, als Zaratas-Nazaratos, als ein Lehrer in den alten chaldäischen Geheimschulen. Er war damals gleichzeitig mit Buddha und der Lehrer von Pythagoras; und als die Juden in die babylonische Gefangenschaft abgeführt wurden, da wurden viele von diesen seine Schüler in Babylonien.

[ 29 ] Damit haben wir, Dank sei der geisteswissenschaftlichen Forschung, die Wege verfolgt, auf welchen die Lehren des Zarathustra — oder Zoroaster — in die ägyptischen und althebräischen Kulturen gekommen sind. Die von ihm ausgegangene Geistesströmung finden wir zur Zeit Jesu in Palästina Seite an Seite mit der von Buddha ausgegangenen Strömung.

[ 30 ] Dies alles musste geschehen zu dem Ereignis in Palästina. Die Evangelien erzählen wieder, was die geistige Wissenschaft uns so gelehrt hat. In Palästina wurden 600 Jahre nach dem Tode des Buddha gleichzeitig zwei Knäblein geboren von verschiedenen Elternpaaren, beide dem Hause Davids angehörig. Diese zwei Kinder wurden wichtig für die weitere Entwicklung der Menschheit.

[ 31 ] Das Haus David der Hebräer hatte zwei Linien: die eine durch Salomo, die königliche Linie; die andere durch Nathan, die levitische Linie des Hauses David. Aus der salomonischen Linie war das eine Elternpaar, aus der nathanischen Linie das andere Elternpaar. Das eine Kind entspross Joseph und Maria aus der salomonischen Linie des Hauses David. Es wurde in Bethlehem geboren und bekam den Namen Jesus alle drei Namen waren zu dieser Zeit sehr gewöhnlich in Palästina. Ein anderes Jesuskind führt seinen Ursprung zurück auf die nathanische Linie des Hauses David und wurde in Nazareth geboren. Auch seine Eltern hatten die Namen Joseph und Maria. Wir werden uns heute vorzugsweise mit dem «bethlehemitischen» Jesus beschäftigen.

[ 32 ] In diesen Knaben hinein wurde einverkörpert die Individualität, welche der Begründer der uralten persischen Kultur war und welche 600 Jahre vorher in den chaldäischen Geheimschulen der Lehrer des Pythagoras und vieler der in die babylonische Gefangenschaft abgeführten Juden war. Diese Ichheit erschien verkörpert in dem Jesusknaben, der seinen Ursprung in der salomonischen Linie des Hauses David hatte. Dieser Jesus war also der heranwachsende Zarathustra.

[ 33 ] Neben ihm wuchs auch der andere Jesusknabe. Die beiden Knaben entwickelten sich verschieden. Der salomonische Jesus entwickelte alle die Eigenschaften, durch die man klare und deutliche Begriffe und Erkenntnisse von der umgebenden Welt erlangt. Wie sollte es denn anders sein können? Er wuchs in einem Körper aus königlichem Geschlechte zu den höchsten Fähigkeiten der menschlichen Kultur. Er war ein frühreifes Kind, befähigt, alles zu lernen, was über Jahrhunderte und Jahrtausende sich gesammelt hatte.

[ 34 ] Der andere Knabe, der nathanische Jesus, zeigte sehr merkwürdige Eigenschaften. Um das, was uns in der äußeren Welt umgibt, kümmerte er sich nur wenig. Er hatte die höchste innere Gemüts- und Herzensentwicklung. Niemals hat es ein so liebliches Kind gegeben. Sein Blick ging über diese Welt in eine ganz andere Welt, die gar nichts mit dem zu tun hatte, was die äußere Welt durch Jahrhunderte durchgemacht hatte. Er war das Entzücken seiner Umgebung.

[ 35 ] Diese beiden Kinder wuchsen nebeneinander auf in der kleinen Stadt Nazareth, wohin die Eltern des salomonischen Jesuskindes einige Zeit nach der Geburt des Kindes hinübergesiedelt waren.

[ 36 ] Bis an zwölf Jahre waren die beiden Kinder zusammen. Um die Natur des nathanischen Jesuskindes zu begreifen, müssen wir versuchen, uns die Beschaffenheit seines Ätherkörpers klarzumachen und mithilfe der geisteswissenschaftlichen Forschung die verborgenen Quellen seines Ursprunges zu finden. Darauf werden wir morgen zurückkommen.