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The Rudolf Steiner Archive

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Das Johannes-Evangelium
und die drei anderen Evangelien
GA 117a

9 Januar 1910, Stockholm

Die Europäischen Mysterien und Ihre Eingeweihten Druiden- und Drotten-Mysterien

Referat von Markus Uppling

[ 1 ] Nachdem darauf hingewiesen worden war, dass der Mensch keineswegs jenes einfache Wesen sei, das die äußeren, sinnlichen Augen sehen, die Hand greifen und die Verstandeswissenschaft begreifen kann, hob der Redner hervor, dass das menschliche Ich außer in seinem physischen Leibe auch noch in einen astralischen und einen ätherischen Leib gekleidet ist und hierdurch nicht nur der physischen, sondern auch der astralischen und der ätherischen Welt angehört.

[ 2 ] Jetzt fragt er sich: Kann der Mensch etwas Bestimmtes von diesen geistigen Welten wissen, und gibt es wirklich Methoden für die Forschung in diesen Welten? Diese Fragen wurden von dem Redner mit einem unbedingten Ja» beantwortet. Welches sind denn diese Methoden? Dieselben, welche unsere Vorfahren zu diesem Zwecke angewendet haben, und welche von je her mit dem Namen der «Einweihung bezeichnet worden sind, obgleich mit der heutigen höheren Entwicklung des Menschen die Erreichung der verschiedenen Grade der Einweihung nur mehr ganz im Inneren des Menschen verlaufen kann, ohne Anwendung all der äußeren Hilfsmittel, welche früher nötig waren.

[ 3 ] Derjenige Teil des Wesens des Menschen, den es hier vor allem zu stärken und zu entwickeln gilt, ist der Astralkörper. Wir wissen ja, sagte der Redner, dass während des Schlafes der Astralkörper zusammen mit dem Ich den physischen Körper und den Ätherkörper verlässt und sich in die astrale Welt begibt, um da die Kräfte zu holen, wovon unser Leben am folgenden Tage aufgebaut werden soll. Aber bei der Mehrzahl der Menschen ist der Astralkörper noch ein Chaos, ohne Struktur und ohne Wahrnehmungsorgane. Es gilt deshalb, in demselben geistige Augen und Ohren zu entwickeln, damit er imstande sei, die Eindrücke der geistigen Welt aufzubewahren, ebenso wie der physische Körper die Eindrücke der Sinneswelt aufbewahrt. Die Mittel hierfür sind Meditation und Konzentration des Gefühls-, Vorstellungs- und Willenslebens.

[ 4 ] Der erste Schritt auf dem Wege der Einweihung ist die Imagination. Als Beispiel derjenigen Übungen, welche hierbei erforderlich sind, erwähnte der Redner die Übung mit dem Bilde des mit roten Rosen bekränzten schwarzen Kreuzes. Dem Schüler wird gesagt, dieses Bild in sich aufzunehmen und auf die Gefühle achtzugeben, die dasselbe in ihm aufweckt. Danach wird ihm gesagt, die Bilder von den Rosen selbst sowie von dem Kreuze selbst aus seinem Bewusstsein zu verbannen und nur das Gedächtnis davon zu bewahren, wie seine Seele tätig war, um diese Bilder zu schaffen. Hunderte von anderen Bildern muss der Schüler auf dieselbe Weise in seiner Seele bearbeiten.

[ 5 ] Aber hierdurch gewinnt er allmählich neue innere Sinnesorgane und kann zum Beispiel die «Harmonie der Sphären», von der die Pythagoreer sprachen, empfinden; und dieses Tönen ist keine Phantasterei, sondern eine reale Wirklichkeit. Hiermit ist der Mensch zum zweiten Grade der Einweihung, zum Stadium der Inspiration gestiegen.

[ 6 ] Um den dritten und letzten Grad der Einweihung, den Grad der Intuition zu erreichen, muss der Mensch sich üben, auch seine vorher erwähnte innere Seelenarbeit zu vergessen. Danach muss er warten. Steigen jetzt in seinem Inneren Bilder herauf, so sind dies Eindrücke aus der geistigen Welt, und der Mensch hat die Gabe der Intuition gewonnen. Steigen solche Bilder nicht auf, so muss der Schüler seine Übungen fortsetzen. Durch die Intuition wird der Mensch imstande sein, sein eigenes ewiges Seelenwesen zu fassen. Er kann seine eigenen Inkarnationen sehen und kann prophetisch sagen, welchen Einfluss das, was heute geschieht, auf künftige Inkarnationen haben wird.

[ 7 ] Die Einweihung ist aber nicht immer auf diese Weise geschehen. In früheren Zeiten war ein äußerer Apparat erforderlich, damit die Eindrücke auf die Seele stark genug würden, um den Menschen bis zur Inspiration und Intuition zu entwickeln.

[ 8 ] Bei den Griechen fanden sich also zwei Arten von Mysterien: die dionysischen und apollinischen. Die dionysischen Mysterien stammten aus Ägypten und gingen darauf aus, dass der Schüler, blind und taub für alles Äußere, sich in sein eigenes Innere vertiefen sollte und da so kräftig wie möglich alle die Affekte des Astrallebens erleben sollte, wie Lust und Furcht, Schrecken, Angst und übermenschliche Freude. Auf diese Weise sollten in ihm starke geistige Kräfte entwickelt werden. Der äußere Apparat, [den man] zu diesem Zwecke benutzte, bestand aus unterirdischen Gängen und dergleichen in den Einweihungstempeln. Und noch heutzutage kann man in den ägyptischen Pyramiden den Plan dieser Anordnungen wiederfinden.

[ 9 ] Die andre Art von griechischen Mysterien waren die sogenannten apollinischen Mysterien. Auch hier bediente man sich äußerer Vorrichtungen; aber hier war das Ziel, den Menschen zum Geistigen zu führen nicht dadurch, dass er in sich fühlte und dachte, sondern dadurch, dass er mit der großen Natur mitfühlte und mitdachte. Die Lust der strahlenden Sonne, die Wehmut des Herbstes, die Mystik der winterlichen Sonnenwende und viele andere Naturereignisse waren die Mittel, welche zu diesem Zwecke angewendet wurden. Da verlor sich für den Menschen das Alltägliche, und hinter dem Schleier der Sinnenwelt fing er an, die geistige Welt als eine Wirklichkeit zu erkennen.

[ 10 ] Es ist interessant, die Mysterien zu studieren, welche in Nordund Mitteleuropa in vorchristlicher Zeit und auch gleichzeitig mit dem Palästinaereignis existierten. In Mitteleuropa hatten wir die Druiden-Mysterien. Diese gingen in den heiligen Wäldern in der Mitternacht vor - zum Beispiel Weihnachten. Und dadurch, dass der Druide seine Sinne in die große Natur aufgehen ließ, konnte in seiner Seele eine wirkliche Erkenntnis aufleuchten von dem, was der Mensch ist und werden kann. Und als der Inhalt der Welt stand lebendig vor seiner Seele der große «Allvater» und ihm gegenüber die «Allmutter, die Seele, und dies nicht als Abstraktion, sondern als Wirklichkeiten.

[ 11 ] Im nördlichen Europa haben wir die Drotten-Mysterien, welche eine Vorbereitung für den Empfang der christlichen Mysterien sind. Die Drotten-Mysterien bereiteten die Einweihung durch intime Seelen-Methoden direkt vor. Ihre Ausüber waren der Ansicht, dass der Mensch noch nicht so weit gekommen sei, dass er in die geistige Welt aufsteigen könne; deshalb müsse seine Seele zuerst geboren werden. Zu diesem Zwecke nahmen dreizehn Männer auf einmal an den Mysterien teil, wovon einer als Führer und die übrigen Zwölf als Mithelfer wirkten. Ein jeder dieser zwölf Mithelfer suchte in sich, eine einzelne Seelenkraft auf eine ganz besondere Höhe zu bringen, um im Mysterium alle diese Kräfte sich wie Strahlen in die Seele des Dreizehnten vereinigen zu lassen. Unter dem Einfluss hiervon wurde dieser inspiriert und konnte seine Wahrnehmungen aus der geistigen Welt in Worten offenbaren. Er sah da den vollkommenen Menschen als ein Abbild der Gottheit selbst. Dann aber sah er das Urbild dieses Menschen, und als das Letzte sah er, was Abbild und Urbild miteinander vereint - die heilige Dreiheit, wovon unser Denken, Fühlen und Wollen nur ein schwaches Abbild sind. In gewaltigen Bildern sah er die Sterne als geistige Wesen und sah sich selbst in diesem Wesen leben. Durch die Drotten-Mysterien wurde der Mensch ein Wanderer in der geistigen Welt.

[ 12 ] Der heutige Mensch kann, wenn er will, sich in die geistige Welt erheben. Denn dadurch, dass diese Eingeweihten gelebt haben, haben wir jetzt Körper, die imstande sind, ein Instrument für das Geistige zu werden.