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The Rudolf Steiner Archive

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Das Ereignis der Christus-Erscheinung
in der ätherischen Welt
GA 118

11 April 1910, Rome

14. Das Wesen des Menschen

Notizen aus dem Vortrag

[ 1 ] Schon im vorigen Jahre durfte ich hier an diesem Orte einige Vorträge aus dem Gebiete der Theosophie halten, und es ist mir eine große Befriedigung, daß es auf meiner Durchreise durch Rom in diesem Frühling möglich ist, mit Erlaubnis unserer sehr verehrten Prinzessin drei Vorträge hier zu halten. Diese drei Vorträge sollen dazu benützt werden, das, was man im theosophischen Sinne «geistige Erkenntnis der Welt» nennt, einmal von einer noch etwas innerlicheren Seite her zu beleuchten, als es, und zwar, wie ich glaube mit Recht, in dem Anfangskurs im vorigen Jahre geschehen ist.

[ 2 ] Theosophie oder, wie man sie wohl auch nennen könnte, «Geisteswissenschaft» ist etwas, was in unserer Zeit vielfach noch verkannt wird von den verschiedenen Seiten, vor allen Dingen von seiten derjenigen, welche auf der Grundlage eines bestimmten Religionsbekenntnisses stehen. Nun soll Geisteswissenschaft in keiner Weise sich diesem oder jenem Religionsbekenntnisse widersetzen. Den Religionen gegenüber kann sie einzig und allein nur die Aufgabe haben, zu einem tieferen Verständnis der religiösen Wahrheiten zu führen. So daß man wohl sagen darf: Niemandem in der Welt kann durch die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse auch nur das Allergeringste von seinen religiösen Überzeugungen genommen werden. Es wird so vielfach verkannt, daß Geisteswissenschaft im Grunde auf einem ganz anderen Boden steht als irgendein Religionsbekenntnis. Sie steht auf dem Boden rein geistiger Wissenschaft.

[ 3 ] Damit ist ein anderer Widerstand berührt, der heute vielfach der Geisteswissenschaft entgegengebracht wird und der sich darin ausdrückt, daß man sagt, sie sei unwissenschaftlich, phantastisch und träumerisch. Es wird jedoch derjenige, der sich ein wenig mit der geisteswissenschaftlichen Strömung der Gegenwart befaßt hat, bald einsehen, daß die Geisteswissenschaft ein ganz anderes Gebiet berührt als die äußere Wissenschaft. Während letztere sich mit den Dingen der äußeren, sinnlichen Welt beschäftigt, welche mit den physischen Sinnen und dem Verstande begriffen werden können, ist es die Aufgabe der Geisteswissenschaft, das Gebiet des Geistes zu erforschen, das hinter der sinnlichen Welt liegt und das unserem normalen Bewußtsein verschlossen ist. Die Denkungsart, die Vorstellungen und Begriffe, mit welchen die exakte Wissenschaft an die Sinnenwelt und die Geisteswissenschaft an die Geisteswelt herantreten, sind genau dieselben. Nur aus zwei Gründen unterscheidet sich die Geisteswissenschaft prinzipiell von den andern Wissenschaften. Erstens, weil sie für jede menschliche Seele verständlich ist, indem sie Dinge betrachtet, nach welchen jedes menschliche Herz in jeder Stunde des Tages eigentlich fragen muß. Die Gegenstände der Geisteswissenschaft sind ganz allgemein-menschlich und es gibt wohl in der menschlichen Seele keine Frage, auf welche die Geisteswissenschaft keine Antwort zu geben hätte. In tausend und aber tausend Fällen braucht der Mensch das als Trost, was die Geisteswissenschaft ihm als Trost zu sagen hat und braucht als Hoffnung und Zuversicht für dieses Leben und für die Zukunft, was die Geisteswissenschaft ihm als Hoffnung und Zuversicht zu geben hat.

[ 4 ] Der andere Grund ist, daß, während die andern Wissenschaften die ‚Aneignung von Vorbedingungen nötig machen, Geisteswissenschaft zu jedem verständlich zu sprechen weiß, wenn er sich nur bemüht, ihre Sprache zu verstehen. Und wenn so oft gesagt wird, sie sei schwer verständlich, so ist es nur deshalb, weil man mit Vorurteilen und selbstgemachten Hindernissen an sie herantritt. Die Schwierigkeit liegt nicht in ihrer Sprache, wohl aber in unserer Denkweise.

[ 5 ] Es soll nun in diesen drei Vorträgen gesprochen werden: heute über das Wesen des Menschen selbst, morgen über das Wesen der höheren Welten und ihren Zusammenhang mit der unsrigen, und übermorgen über den Gang der menschlichen Entwickelung und über das Eingreifen der hohen großen Persönlichkeiten, welche an unserem geistigen Leben beteiligt sind.

[ 6 ] Das Wesen des Menschen kann nur begriffen werden, wenn man es aus dem Geist heraus zu erfassen imstande ist. Denn ebenso wie der Mensch in bezug auf seine äußere, leibliche Gestalt aus der sinnlichen Welt aufgebaut ist, so ist er als geistiges und seelisches Wesen aus der übersinnlichen Welt heraus gebildet und auferbaut. So kann nur eine Wissenschaft zum wahren Wesen des Menschen vordringen, die hinblickt in die Gebiete der geistigen Welt, und wir müssen uns von vornherein darüber verständigen, wie man zu solchen Erkenntnissen über höhere Welten gelangen kann.

[ 7 ] Es kann dies hier nur kurz als Einleitung angedeutet werden. Mit denjenigen Sinnen und demjenigen Verstande, auf die der Mensch zu seinem äußeren Leben angewiesen ist, kommen wir niemals der geistigen Welt wirklich nahe, nicht näher, als ein Blinder dem Lichte und der Farbe nahekommt. Aber so wie eine Welt des Lichtes und der Farbe hereinbricht in die Seele eines mit Erfolg operierten Blindgeborenen, ebenso ist es möglich, daß das geistige Erkenntnisorgan, die geistigen Sinne sich öffnen, und daß der Mensch den großen Augenblick erlebt, der auf einer höheren Stufe dasselbe bedeutet wie jener eben charakterisierte Augenblick für den Blindgeborenen. Es ist möglich, daß Seelen- und Geisteskräfte, die im gewöhnlichen Bewußtsein schlummern, erweckt werden und geistige Kräfte, die gleichsam ein geistiges Auge oder ein geistiges Ohr darstellen, herausgeholt werden. Im Augenblick des Erwachens der höheren Sinne bricht eine Welt geistiger Tatsachen und geistiger Wesenheiten in unsere Seele herein, ebenso wie das Licht und die Farbe vor dem sehend gewordenen Blindgeborenen aufleuchten. Wir nennen solche Menschen, die imstande sind, die geistigen Welten zu sehen und die Gründe unseres Daseins aus ihnen heraus zu erklären, «erweckte» oder «initiierte» Menschen. Das, was sie erkennen, können sie dann den andern mitteilen, und haben sie ihre Aufgabe richtig verstanden, so teilen sie es so mit, daß eines jeden Vernunft und Intellekt sie verstehen können. Denn zum Verständnis der Geisteswissenschaft oder der Theosophie gehört nicht selbst geistiges Forschen, sondern nur zum Erleben derselben.

[ 8 ] Es sei nur kurz darauf hingedeutet, wie diese höheren Fähigkeiten beim Menschen erworben werden. Man hat zunächst zu lernen, einen bestimmten Augenblick, der tagtäglich von selbst eintritt, künstlich herbeizuführen. Es ist das der Augenblick des Einschlafens, in dem der Mensch in einen besonderen Bewußtseinszustand übergeht. Was geschieht im Moment des Einschlafens? Wir merken, wie alle unsere Leidenschaften, Begierden und Wahrnehmungen, die den Tag über in uns auf und ab fluten, nach und nach zum Schweigen kommen, die äußeren Eindrücke hören auf und es tritt bei normalen Menschen der Schlaf ein. Nun wissen wir nichts mehr von uns und nehmen nichts mehr von der Umwelt wahr. In diesem Augenblicke also, wo wir uns aus der äußeren Welt ausscheiden, tritt Bewußtlosigkeit ein. Nun muß derjenige, welcher nach und nach zu der Initiation, das heißt zur Einweihung in die höheren Geheimnisse kommen will, diesen Moment des Verschwindens der äußeren Eindrücke künstlich herbeizuführen lernen. Er muß einen Zustand in sich hervorrufen können, der gleich ist mit der Eindruckslosigkeit des Schlafens, wo weder Farbe noch Wärme noch Ton von der Seele wahrgenommen wird und sie weder Leid noch Freude über etwas in der äußeren Welt empfindet.

[ 9 ] Nur muß der Schüler diesen Zustand nicht nur völlig bewußt herbeiführen können, sondern er muß sich, trotzdem seine Seele leer ist von allen äußeren Eindrücken, sich ebenso bewußt sein, wie er es während des gewöhnlichen Tageslebens ist. In diese so geleerte Seele muß er nun gewisse Vorstellungen und Gefühle, die nicht von außen kommen, sondern im Inneren der Seele selbst erweckt werden, hineinfüllen. Durch starken Willen und aus eigener Kraft heraus muß die Seele bestimmte Gefühle, Empfindungen und Willensimpulse hervorrufen können, die stärker sein müssen als alles, was von außen kommen kann. Dieser Zustand ist derjenige der Meditation. Würde der Meditant nur diese beiden Fähigkeiten in sich ausbilden, so würde er bald innerlich etwas erleben wie eine erdbebenartige Erschütterung; er muß, um dieses zu vermeiden, die größte Seelenruhe zu bewahren lernen. Die starken inneren Impulse während der Meditation muß er erleben können, indem seine Seele glatt ist wie das Meer bei völliger Windstille.

[ 10 ] Das also sind die drei Bedingungen für den zu Initiierenden: Erstens Leerheit der Seele von allen äußeren Eindrücken; zweitens Reichtum der Seele an inneren Vorstellungen; drittens völlige Seelenruhe. Wer die Ausdauer hat, sich so zu schulen, der wird einen großen, gewaltigen Augenblick erleben, der eine vielleicht nach wenigen Monaten schon, der andere vielleicht erst nach Jahren. Die geistigen Sinne werden sich ihm öffnen und er wird ausrufen: Oh, es ist noch etwas ganz anderes in unserer Welt, als ich bisher gewußt habe. Bisher sah ich nur, was mein Verstand sich kombinieren konnte, jetzt aber sehe ich, daß es in derselben Welt geistige Tatsachen, geistige Wesenheiten gibt und daß es Welten gibt, die man als verborgene Welten bezeichnen kann.

[ 11 ] Von diesem erhabenen Moment an wird der Schüler zum Forscher in den geistigen Welten und er ist dann imstande, dasjenige, was in bezug auf das Wesen des Menschen hier skizziert werden soll, selbst zu erkennen. Wir werden heute von den folgenden Zuständen und Erlebnissen der Seele sprechen, welche jeden tief interessieren müssen und welche wir bezeichnen können mit dem Wechselzustande zwischen Wachen und Schlafen und dem, was man nennt: Leben und Tod. Auf den äußerlichen Zustand von Wachen und Schlafen haben wir schon hingedeutet und wollen nun auf den inneren näher eingehen. Es wäre widersinnig, wenn wir schon mit dem gewöhnlichen Verstande es als logisch hinstellen wollten, daß das eigentliche innere Wesen des Menschen beim Einschlafen, sobald die äußeren Eindrücke aufhören, verschwinde und am Morgen sozusagen neu erstehe. Das kann nimmermehr sein, und nur der, der sich absurden Ideen hingeben wollte, der könnte der Meinung sein, daß der innere Mensch abends vergehe und morgens neu erstehe.

[ 12 ] Ist jedoch das der innere eigentliche Mensch, was wir mit unseren physischen Augen als schlafenden Leib im Bette liegen sehen? Das wird wohl keiner behaupten wollen. Nun kann derjenige, der mit gewöhnlichem Bewußtsein den Übergang vom Wachen zum Schlafen verfolgt, freilich nichts anderes bemerken, als daß der physische Leib allmählich in einen bewegungslosen Zustand übergeht. Derjenige aber, der durch die eben charakterisierten Mittel sein geistiges Auge entwickelt hat, der nimmt wahr, wie aus dem physischen Leib heraus der innere, geistige, eigentliche Mensch emporsteigt. Ebenso wie der äußere Anblick des Einschlafenden für den Seher ein anderer ist als für den normalen Menschen, der nur mit dem physischen Auge wahrzunehmen imstande ist, so ist auch der Schlafzustand selbst bei beiden gründlich verschieden. Während der nicht hellsichtige Mensch in Bewußtlosigkeit verfällt, bleibt der Seher beim Einschlafen bewußt, denn er hat in seinem seelischen Körper, der da hinaufsteigt aus dem ruhenden Physischen, Sinnesorgane ausgebildet für das Wahrnehmen der geistigen Welt.

[ 13 ] Wir wollen nun versuchen, diese geistige Welt, in welche der hellsehend gewordene Mensch aufsteigt, in kurzen Zügen zu charakterisieren. Die Wahrnehmungen, die er hat, beschränken sich anfangs auf die Zeit, in der sein physischer Leib schläft. Bei steter Übung jedoch wird er so weit kommen, in jedem Augenblicke des Tages, sobald er nur will, die physischen Sinne auszuschalten und, ohne seinen Leib zu verlassen, geistig zu schauen. Ein großer Unterschied macht sich sofort bemerkbar, wenn wir mit Seheraugen zum Beispiel diesen Rosenstrauß betrachten. Wir können dann plötzlich nicht mehr sagen: Der Rosenstrauß ist vor mir, ich bin hier und er ist dort -, wie wir es im normalen Tageswachzustande sagen können. In der geistigen Welt verliert der Raumunterschied, das Hier und Dort, völlig seinen Sinn, und wir sind mit unserem Bewußtsein nicht mehr vor dem Rosenstrauß, sondern in ihm drinnen. Das geistige Bewußtsein fühlt sich in jener Welt in der Wesenheit, in der Tatsache; es gießt sich der hellsehende Mensch in das Objekt aus, das er wahrnimmt. Sein inneres Wesen durchdringt gleichsam die Haut unseres physischen Leibes und wird eins mit alledem, was es in der geistigen Welt um sich erblickt. Was ist nun dasjenige, was sich da in die Umwelt nachts ergießt und was den Tag über sich gefesselt fühlt in den Schranken des physischen Körpers? Es ist das, was wir zusammenfassen in das kleine Wörtchen «Ich», von dem der Mensch im normalen Tagesbewußtsein sagt: Es lebt in meinem Leibe. - Dieses Ich fühlt das hellseherische Bewußtsein in die gesamte äußere Welt, die es erreichen kann, hinausgegossen. Wir können fragen: Wo ist es denn? — Hierauf gibt es nur eine Antwort: Das Ich des Sehers ist im Grunde genommen überall dort, wo es wahrnimmt.

[ 14 ] Dieser Weg in die geistige Welt hinein ist derselbe, den auch jeder Nichthellsichtige beim Einschlafen macht, nur daß er dabei bewußtlos wird. So lebt ein jeder von uns abwechselnd wachend in den physischen Körper, den Miktokosmos eingezwängt, und schlafend ins Ungeheure ausgedehnt und vereint mit der großen Welt um uns, dem Makrokosmos.

[ 15 ] Warum müssen wir denn, so könnten wir weiter fragen, in Bewußtlosigkeit fallen? - Das hat seinen Grund darin, daß der heutige Mensch dazu noch nicht reif ist und sein Ich es nicht ertragen könnte, in das Weltenall bewußt hinauszuströmen. Wir können uns den Vorgang an einer bildlichen Vorstellung einigermaßen klarmachen: Denken wir uns ein großes Wasserbassin, in welches wir einen kleinen Tropfen einer farbigen Flüssigkeit fallen lassen. Da sehen wir, wie der Tropfen sich auflöst in dem ihn umgebenden Wasser, und wie er immer unsichtbarer wird, je weiter er sich ausbreitet. Ähnliches erlebt der Mensch in seinem Ich, welches wie ein Tröpfchen sich auszudehnen hat in die ganze geistige Welt. Der heutige Mensch könnte es nicht ertragen, bewußt sich so aufzulösen und muß diese Aufnahme in seine geistige Heimat mit der Bewußtlosigkeit bezahlen. Was würde mit ihm passieren, wenn er ohne okkulte Vorbereitung, in vollem Bewußtsein sich in die geistige Welt ausdehnen würde? Das können wir uns am besten vergegenwärtigen, wenn wir uns das Ich mit nur so viel Kraft ausgerüstet denken, als zur beschränkten Wahrnehmung auf dem physischen Plane erforderlich ist. Indem es über die körperlichen Grenzen sich ausdehnt, verliert es an Kraft, wie der Tropfen an Konsistenz, und seine Wahrnehmungen würden immer mehr verblassen, je mehr es sich ausdehnt, bis es schließlich das grauenhafte Gefühl haben würde, über einem bodenlosen Abgrund in tiefster Finsternis zu schweben. Das Ich haben wir uns nicht nur als Kraft, sondern als fühlendes und empfindendes Wesen zu denken und können uns daher eine schwache Vorstellung von dem Eindrucke des Verlorenseins im Nichts machen. Daher gehört es auch zu den wichtigsten Vorbereitungen für den, der zum hellsichtigen Bewußtsein vordringen will, daß er sich die Furchtlosigkeit aneignet, und es gehört durchaus zur Schulung des geistigen Forschers, daß für ihn viele Gelegenheiten herbeigeführt werden, durch die er seinen Gleichmut und seine Standhaftigkeit erproben kann. Derjenige Mensch, der nicht tausend und aber tausend Gelegenheiten gehabt hat, gegenüber denjenigen Ereignissen, die sonst den Menschen erschrecken und ihn erbleichen lassen, mit ruhiger Seele sich zu sagen: Ich stehe vor der schrecklichsten Gefahr, aber ich weiß, daß durch meine Furcht meine Lage nicht sicherer wird, wohl aber durch wackeres Zugreifen -, ist noch nicht genügend vorbereitet. In den alten Mysterien freilich geschah es, daß der Einzuweihende, selbst wenn sein Ich noch nicht völlige Stärke hatte, bewußt in den Makrokosmos hinausgeführt wurde, es mußte jedoch der Initiator stets bei ihm sein, um ihm rechtzeitig helfen zu können. Diese Art des Hellsehens, wie sie in den alten Geheimschulen Europas erzielt wurde, nennt man die Ekstase. Für unsere heutige Entwickelungsstufe ist diese Methode nicht mehr passend, und an ihre Stelle ist eine andere getreten, von der wir jetzt sprechen werden. Es ist die Rosenkreuzermethode.

[ 16 ] Wie eben gesagt wurde, war der Schüler in den alten Mysterien unter der Aufsicht seines Lehrers, welcher zu verhindern hatte, daß sich das heraustretende Ich völlig auflöste und in Ohnmacht fiel. Diese ekstatische Versenkung wurde erreicht durch die streng geregelte Pflege gewisser Gefühle, welche man auch im alltäglichen Leben hat. Die alte Methode war, diese Gefühle an solche anzuknüpfen, wie sie der Mensch auch heute noch, wenn auch in weit gesingerem Maße, bei dem Wechsel der Jahreszeiten hat. Wenn zum Beispiel der Schüler hinaustrat in die frische Frühlingslandschaft und er sah, wie aus der schmelzenden Schneedecke heraus das junge Gras und die ersten Blumen sprießen, wenn er rings um sich das Auferstehen aus dem Winterschlafe sah, wenn er unter seinen Füßen die starre Erde tauen fühlte und die dürren kahlen Bäume neue Knospen treiben sah unter der weckenden Berührung des warmen Sonnenlichtes, dann hatte er dieses auferstehende Leben in sich zu durchfühlen und sich in tiefster Meditation mit ganzer Seele ihm hinzugeben.

[ 17 ] Durch immerwährende Wiederholung hatte er dann dieses Gefühl zu ungeahnter Stärke anschwellen zu lassen. Du mußt - so sagte ihm der Initiator - so gewaltig und so lebendig diese Freude und diese Zuversicht und Lebensfrische in dir entfachen können, wie die Erde sie selbst fühlen würde, wenn sie Bewußtsein hätte.

[ 18 ] Ebenso mußte der Schüler im Herbste die Wehmut empfinden lernen, er mußte das Absterben rings in der Natur auf sich wirken lassen, er mußte fühlen, wie Wälder und Wiesen ihren Blätterschmuck verlieren und das Leben sich zurückzieht in den Schoß der Erde. Mit ihr mußte er um ihre Kinder trauern können. Ebenso hatte er die andern Jahreszeiten und besonders die Winter- und Sommersonnenwende in seinem Innern zu erleben.

[ 19 ] Es hat dieses den Anschein, als ob es nur Verstecktes aus dem Alltagsleben wäre, und doch ist es nicht so, denn der Esoteriker der alten wie der heutigen Zeit hat diese Gefühle bei völliger Seelenstille unter Ausschaltung aller äußeren Eindrücke in seinem tiefsten Inneren zu schaffen. Wer so fühlen gelernt hatte, der erlebte nach längerer Übung - und das ist heute noch der Fall - das, was man in den alten Mysterien nannte: Das Schauen der Sonne um Mitternacht. - Die Erde wurde durchsichtig und durch die erblassende physische Form hindurch sah man das Geistige, was ihr zugrunde lag; statt der physischen Sonne erblickte man die große geistige Sonne, jene urgewaltige Wesenheit, von welcher die physische Sonne nur der stoffliche Leib war.

[ 20 ] Bei diesem überwältigenden Anblick lief jedoch das Ich des sehendgewordenen Schülers Gefahr, in Ohnmacht zu versinken, und es mußte sein Guru, sein Lehrer, ihm hilfsbereit zur Seite stehen. Heute könnte der Guru nicht mehr die Macht auf den Schüler ausüben wie damals, da das Verhältnis von Lehrer zu Schüler ein anderes geworden ist und die heutige menschliche Natur infolge anderer Bildung trotz aller guten Absichten und williger Unterwerfung nicht imstande wäre, die in ihr lebenden rebellischen Kräfte zu unterdrücken.

[ 21 ] Außer diesem Wege der Ekstase gab es noch den sogenannten mystischen Weg zur Einweihung. Er bestand darin, daß der Meditant sich immer mehr in sein eigenes Inneres hineinlebte. In sich erlebte er dann, was der Ekstatiker beim Heraustreten erlebte. Doch auch dieser Weg hatte seine großen Gefahren. Während dem Ekstatiker die Ohnmacht des sich auflösenden Ichs drohte, zog das Ich des Mystikers sich in sich selbst zusammen zu ungeahnter Stärke, und der Egoismus schwoll in ihm ins Ungeheuerliche. Ich will alles sein, ich will alles haben -, war der unbezähmbare Wunsch, von dem das Ich besessen war.

[ 22 ] Wie bewirkte man nun diese Vertiefung in sich selbst? Denken wir an das Aufwachen. Was geschieht da? Das Ich, welches draußen im Makrokosmos weit ausgedehnt war, zieht sich zusammen und senkt sich in die physischen Hüllen hinein. Wäre nun die Außenwelt nicht, die mit ihren Eindrücken dem Zusammenschrumpfen eine Grenze setzt, so würde man tatsächlich in sein Inneres hineinsteigen. Was ist also zu lernen? Man hat zu lernen, aufzuwachen, ohne die äußeren Eindrücke auf sich einwirken zu lassen. Das Ich kann infolgedessen unbehindert sich im Innersten des menschlichen Wesens konzentrieren. Die Erlebnisse, die es dann bei den ins Grenzenlose sich steigernden egoistischen Wünschen hat, sind das, was alle Mystiker mit der «Versuchung» bezeichnen. Um dieser Gefahr nicht zu erliegen, müssen daher Tugend und Liebe, Demut und Andacht in hohem Grade vorher entwickelt werden. So gewappnet, kann der Meditant diesen Weg ruhig betreten. Bei den großen Mystikern konnte das Ich gar nicht mehr selbst wollen, sie konnten überhaupt nicht mehr sie selber sein, sie waren imstande, sich dem Christus rückhaltlos hinzugeben und ihn in ihrem Innern denken, fühlen, handeln und wollen zu lassen. Paulus sagt daher: Nicht ich bin es, Christus in mir ist es, der da will.

[ 23 ] ‚Auch in andern alten Mysterien, zum Beispiel den ägyptischen, finden wir diese Methode, es war jedoch bei der Einweihung stets der Guru zugegen, welcher von außen den Aspiranten vor den egoistischen Kräften schützte.

[ 24 ] Die veränderten Verhältnisse unserer heutigen Epoche machen einen neuen Weg notwendig. Der Mensch ist selbständiger geworden und es müssen ihm die nötigen Mittel geboten werden, ohne direktes Eingreifen des Lehrers den Pfad zu den inneren und höheren Welten zu betreten. Die Rosenkreuzereinweihung, wie sie heute ausgeübt wird, faßt beide Methoden zusammen, und diese Schulung, welche zum Hellsehen in den geistigen Welten führt, beseitigt die vorhin erwähnten Gefahren, denen der alte Ekstatiker und Mystiker ausgesetzt war.

[ 25 ] Morgen werden wir näher hierauf eingehen und beschreiben, wie der Rosenkreuzerschüler geistige Wahrnehmungsorgane zur Erforschung des geistigen Untergrundes des Weltenalls in seinen seelischen Leib hineinbaut.