Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

The Advent of Christ in the Ethereal World
GA 118

11 April 1910, Rome

Translate the original German text into any language:

14. Das Wesen des Menschen

14. The Nature of Man

Notizen aus dem Vortrag

Notes from the lecture

[ 1 ] Schon im vorigen Jahre durfte ich hier an diesem Orte einige Vorträge aus dem Gebiete der Theosophie halten, und es ist mir eine große Befriedigung, daß es auf meiner Durchreise durch Rom in diesem Frühling möglich ist, mit Erlaubnis unserer sehr verehrten Prinzessin drei Vorträge hier zu halten. Diese drei Vorträge sollen dazu benützt werden, das, was man im theosophischen Sinne «geistige Erkenntnis der Welt» nennt, einmal von einer noch etwas innerlicheren Seite her zu beleuchten, als es, und zwar, wie ich glaube mit Recht, in dem Anfangskurs im vorigen Jahre geschehen ist.

[ 1 ] Last year I had the privilege of delivering several lectures on the subject of theosophy here at this very venue, and it gives me great satisfaction that, during my visit to Rome this spring, I am able to give three lectures here with the permission of our most esteemed Princess. These three lectures are intended to shed light on what is called, in theosophical terms, the “spiritual knowledge of the world,” from a perspective that is even more inward than was the case—and, I believe, quite rightly so—in the introductory course last year.

[ 2 ] Theosophie oder, wie man sie wohl auch nennen könnte, «Geisteswissenschaft» ist etwas, was in unserer Zeit vielfach noch verkannt wird von den verschiedenen Seiten, vor allen Dingen von seiten derjenigen, welche auf der Grundlage eines bestimmten Religionsbekenntnisses stehen. Nun soll Geisteswissenschaft in keiner Weise sich diesem oder jenem Religionsbekenntnisse widersetzen. Den Religionen gegenüber kann sie einzig und allein nur die Aufgabe haben, zu einem tieferen Verständnis der religiösen Wahrheiten zu führen. So daß man wohl sagen darf: Niemandem in der Welt kann durch die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse auch nur das Allergeringste von seinen religiösen Überzeugungen genommen werden. Es wird so vielfach verkannt, daß Geisteswissenschaft im Grunde auf einem ganz anderen Boden steht als irgendein Religionsbekenntnis. Sie steht auf dem Boden rein geistiger Wissenschaft.

[ 2 ] Theosophy, or what might also be called “spiritual science,” is something that is still widely misunderstood in our time by various groups, especially by those who adhere to a particular religious creed. Now, spiritual science is in no way intended to oppose this or that religious creed. Its sole purpose in relation to religions can only be to lead to a deeper understanding of religious truths. So that one may well say: No one in the world can have even the slightest bit of their religious convictions taken away by the insights of spiritual science. It is so often misunderstood that spiritual science is fundamentally based on a completely different foundation than any religious creed. It is based on the foundation of purely spiritual science.

[ 3 ] Damit ist ein anderer Widerstand berührt, der heute vielfach der Geisteswissenschaft entgegengebracht wird und der sich darin ausdrückt, daß man sagt, sie sei unwissenschaftlich, phantastisch und träumerisch. Es wird jedoch derjenige, der sich ein wenig mit der geisteswissenschaftlichen Strömung der Gegenwart befaßt hat, bald einsehen, daß die Geisteswissenschaft ein ganz anderes Gebiet berührt als die äußere Wissenschaft. Während letztere sich mit den Dingen der äußeren, sinnlichen Welt beschäftigt, welche mit den physischen Sinnen und dem Verstande begriffen werden können, ist es die Aufgabe der Geisteswissenschaft, das Gebiet des Geistes zu erforschen, das hinter der sinnlichen Welt liegt und das unserem normalen Bewußtsein verschlossen ist. Die Denkungsart, die Vorstellungen und Begriffe, mit welchen die exakte Wissenschaft an die Sinnenwelt und die Geisteswissenschaft an die Geisteswelt herantreten, sind genau dieselben. Nur aus zwei Gründen unterscheidet sich die Geisteswissenschaft prinzipiell von den andern Wissenschaften. Erstens, weil sie für jede menschliche Seele verständlich ist, indem sie Dinge betrachtet, nach welchen jedes menschliche Herz in jeder Stunde des Tages eigentlich fragen muß. Die Gegenstände der Geisteswissenschaft sind ganz allgemein-menschlich und es gibt wohl in der menschlichen Seele keine Frage, auf welche die Geisteswissenschaft keine Antwort zu geben hätte. In tausend und aber tausend Fällen braucht der Mensch das als Trost, was die Geisteswissenschaft ihm als Trost zu sagen hat und braucht als Hoffnung und Zuversicht für dieses Leben und für die Zukunft, was die Geisteswissenschaft ihm als Hoffnung und Zuversicht zu geben hat.

[ 3 ] This touches upon another form of resistance that is frequently directed against spiritual science today, and which is expressed in the claim that it is unscientific, fanciful, and dreamy. However, anyone who has given even a little thought to the current trend in spiritual science will soon realize that spiritual science deals with a completely different realm than external science. While the latter deals with the things of the external, sensory world, which can be grasped by the physical senses and the intellect, the task of spiritual science is to explore the realm of the spirit that lies beyond the sensory world and is closed to our normal consciousness. The mode of thinking, the ideas, and the concepts with which the exact sciences approach the sensory world and spiritual science approaches the spiritual world are exactly the same. Spiritual science differs in principle from the other sciences for only two reasons. First, because it is comprehensible to every human soul, in that it considers things about which every human heart must actually inquire at every hour of the day. The subjects of spiritual science are entirely universal to humanity, and there is likely no question in the human soul to which spiritual science would not have an answer. In thousands upon thousands of cases, human beings need as comfort what spiritual science has to offer them as comfort, and they need as hope and confidence for this life and for the future what spiritual science has to offer them as hope and confidence.

[ 4 ] Der andere Grund ist, daß, während die andern Wissenschaften die ‚Aneignung von Vorbedingungen nötig machen, Geisteswissenschaft zu jedem verständlich zu sprechen weiß, wenn er sich nur bemüht, ihre Sprache zu verstehen. Und wenn so oft gesagt wird, sie sei schwer verständlich, so ist es nur deshalb, weil man mit Vorurteilen und selbstgemachten Hindernissen an sie herantritt. Die Schwierigkeit liegt nicht in ihrer Sprache, wohl aber in unserer Denkweise.

[ 4 ] The other reason is that, while the other sciences require the acquisition of prerequisites, the humanities know how to speak in a way that is understandable to everyone, provided they make an effort to understand its language. And if it is so often said that it is difficult to understand, it is only because people approach it with prejudices and self-imposed obstacles. The difficulty lies not in its language, but in our way of thinking.

[ 5 ] Es soll nun in diesen drei Vorträgen gesprochen werden: heute über das Wesen des Menschen selbst, morgen über das Wesen der höheren Welten und ihren Zusammenhang mit der unsrigen, und übermorgen über den Gang der menschlichen Entwickelung und über das Eingreifen der hohen großen Persönlichkeiten, welche an unserem geistigen Leben beteiligt sind.

[ 5 ] These three lectures will address the following topics: today, the nature of the human being itself; tomorrow, the nature of the higher worlds and their connection to our own; and the day after tomorrow, the course of human evolution and the intervention of the great spiritual beings who are involved in our spiritual life.

[ 6 ] Das Wesen des Menschen kann nur begriffen werden, wenn man es aus dem Geist heraus zu erfassen imstande ist. Denn ebenso wie der Mensch in bezug auf seine äußere, leibliche Gestalt aus der sinnlichen Welt aufgebaut ist, so ist er als geistiges und seelisches Wesen aus der übersinnlichen Welt heraus gebildet und auferbaut. So kann nur eine Wissenschaft zum wahren Wesen des Menschen vordringen, die hinblickt in die Gebiete der geistigen Welt, und wir müssen uns von vornherein darüber verständigen, wie man zu solchen Erkenntnissen über höhere Welten gelangen kann.

[ 6 ] The nature of the human being can only be understood if one is able to grasp it from the perspective of the spirit. For just as the human being, in terms of his or her external, physical form, is constituted from the sensory world, so too is he or she, as a spiritual and soul-being, formed and constituted from the supersensory world. Thus, only a science that looks into the realms of the spiritual world can penetrate to the true nature of the human being, and we must agree from the outset on how such knowledge of higher worlds can be attained.

[ 7 ] Es kann dies hier nur kurz als Einleitung angedeutet werden. Mit denjenigen Sinnen und demjenigen Verstande, auf die der Mensch zu seinem äußeren Leben angewiesen ist, kommen wir niemals der geistigen Welt wirklich nahe, nicht näher, als ein Blinder dem Lichte und der Farbe nahekommt. Aber so wie eine Welt des Lichtes und der Farbe hereinbricht in die Seele eines mit Erfolg operierten Blindgeborenen, ebenso ist es möglich, daß das geistige Erkenntnisorgan, die geistigen Sinne sich öffnen, und daß der Mensch den großen Augenblick erlebt, der auf einer höheren Stufe dasselbe bedeutet wie jener eben charakterisierte Augenblick für den Blindgeborenen. Es ist möglich, daß Seelen- und Geisteskräfte, die im gewöhnlichen Bewußtsein schlummern, erweckt werden und geistige Kräfte, die gleichsam ein geistiges Auge oder ein geistiges Ohr darstellen, herausgeholt werden. Im Augenblick des Erwachens der höheren Sinne bricht eine Welt geistiger Tatsachen und geistiger Wesenheiten in unsere Seele herein, ebenso wie das Licht und die Farbe vor dem sehend gewordenen Blindgeborenen aufleuchten. Wir nennen solche Menschen, die imstande sind, die geistigen Welten zu sehen und die Gründe unseres Daseins aus ihnen heraus zu erklären, «erweckte» oder «initiierte» Menschen. Das, was sie erkennen, können sie dann den andern mitteilen, und haben sie ihre Aufgabe richtig verstanden, so teilen sie es so mit, daß eines jeden Vernunft und Intellekt sie verstehen können. Denn zum Verständnis der Geisteswissenschaft oder der Theosophie gehört nicht selbst geistiges Forschen, sondern nur zum Erleben derselben.

[ 7 ] This can only be briefly touched upon here as an introduction. With the senses and the intellect on which human beings rely for their external life, we can never truly come close to the spiritual world—no closer than a blind person comes to light and color. But just as a world of light and color bursts into the soul of a person born blind who has undergone a successful operation, so too is it possible that the spiritual organ of perception, the spiritual senses, may open, and that a person may experience the great moment which, on a higher level, signifies the same as the moment just described for the person born blind. It is possible that soul and spiritual powers, which lie dormant in ordinary consciousness, may be awakened, and that spiritual powers—which, as it were, constitute a spiritual eye or a spiritual ear—may be brought forth. At the moment the higher senses awaken, a world of spiritual facts and spiritual beings bursts into our soul, just as light and color burst forth before the man born blind who has come to see. We call such people, who are able to see the spiritual worlds and explain the reasons for our existence from them, “awakened” or “initiated” people. They can then communicate what they perceive to others, and if they have correctly understood their task, they communicate it in such a way that everyone’s reason and intellect can understand it. For the understanding of spiritual science or theosophy does not involve spiritual research itself, but only the experience of it.

[ 8 ] Es sei nur kurz darauf hingedeutet, wie diese höheren Fähigkeiten beim Menschen erworben werden. Man hat zunächst zu lernen, einen bestimmten Augenblick, der tagtäglich von selbst eintritt, künstlich herbeizuführen. Es ist das der Augenblick des Einschlafens, in dem der Mensch in einen besonderen Bewußtseinszustand übergeht. Was geschieht im Moment des Einschlafens? Wir merken, wie alle unsere Leidenschaften, Begierden und Wahrnehmungen, die den Tag über in uns auf und ab fluten, nach und nach zum Schweigen kommen, die äußeren Eindrücke hören auf und es tritt bei normalen Menschen der Schlaf ein. Nun wissen wir nichts mehr von uns und nehmen nichts mehr von der Umwelt wahr. In diesem Augenblicke also, wo wir uns aus der äußeren Welt ausscheiden, tritt Bewußtlosigkeit ein. Nun muß derjenige, welcher nach und nach zu der Initiation, das heißt zur Einweihung in die höheren Geheimnisse kommen will, diesen Moment des Verschwindens der äußeren Eindrücke künstlich herbeizuführen lernen. Er muß einen Zustand in sich hervorrufen können, der gleich ist mit der Eindruckslosigkeit des Schlafens, wo weder Farbe noch Wärme noch Ton von der Seele wahrgenommen wird und sie weder Leid noch Freude über etwas in der äußeren Welt empfindet.

[ 8 ] Let us briefly touch upon how these higher abilities are acquired in humans. One must first learn to artificially induce a specific moment that occurs naturally every day. This is the moment of falling asleep, when a person transitions into a special state of consciousness. What happens at the moment of falling asleep? We notice how all our passions, desires, and perceptions, which ebb and flow within us throughout the day, gradually fall silent; external impressions cease, and sleep sets in for normal people. Now we are no longer aware of ourselves and no longer perceive anything from the environment. At this very moment, then, when we withdraw from the external world, unconsciousness sets in. Now, the person who wishes to gradually advance toward initiation—that is, toward initiation into the higher mysteries—must learn to artificially induce this moment of the disappearance of external impressions. He must be able to evoke within himself a state that is equivalent to the impressionless state of sleep, where neither color nor warmth nor sound is perceived by the soul, and it feels neither sorrow nor joy regarding anything in the external world.

[ 9 ] Nur muß der Schüler diesen Zustand nicht nur völlig bewußt herbeiführen können, sondern er muß sich, trotzdem seine Seele leer ist von allen äußeren Eindrücken, sich ebenso bewußt sein, wie er es während des gewöhnlichen Tageslebens ist. In diese so geleerte Seele muß er nun gewisse Vorstellungen und Gefühle, die nicht von außen kommen, sondern im Inneren der Seele selbst erweckt werden, hineinfüllen. Durch starken Willen und aus eigener Kraft heraus muß die Seele bestimmte Gefühle, Empfindungen und Willensimpulse hervorrufen können, die stärker sein müssen als alles, was von außen kommen kann. Dieser Zustand ist derjenige der Meditation. Würde der Meditant nur diese beiden Fähigkeiten in sich ausbilden, so würde er bald innerlich etwas erleben wie eine erdbebenartige Erschütterung; er muß, um dieses zu vermeiden, die größte Seelenruhe zu bewahren lernen. Die starken inneren Impulse während der Meditation muß er erleben können, indem seine Seele glatt ist wie das Meer bei völliger Windstille.

[ 9 ] Not only must the student be able to bring about this state with complete awareness, but—even though his soul is empty of all external impressions—he must be just as conscious as he is during ordinary daily life. He must now fill this emptied soul with certain ideas and feelings that do not come from outside, but are aroused within the soul itself. Through strong will and by his own power, the soul must be able to evoke certain feelings, sensations, and impulses of will that must be stronger than anything that can come from outside. This state is that of meditation. If the meditator were to develop only these two abilities within himself, he would soon experience something internally akin to an earthquake-like tremor; to avoid this, he must learn to maintain the utmost inner calm. He must be able to experience the strong inner impulses during meditation while his soul is as smooth as the sea in complete stillness.

[ 10 ] Das also sind die drei Bedingungen für den zu Initiierenden: Erstens Leerheit der Seele von allen äußeren Eindrücken; zweitens Reichtum der Seele an inneren Vorstellungen; drittens völlige Seelenruhe. Wer die Ausdauer hat, sich so zu schulen, der wird einen großen, gewaltigen Augenblick erleben, der eine vielleicht nach wenigen Monaten schon, der andere vielleicht erst nach Jahren. Die geistigen Sinne werden sich ihm öffnen und er wird ausrufen: Oh, es ist noch etwas ganz anderes in unserer Welt, als ich bisher gewußt habe. Bisher sah ich nur, was mein Verstand sich kombinieren konnte, jetzt aber sehe ich, daß es in derselben Welt geistige Tatsachen, geistige Wesenheiten gibt und daß es Welten gibt, die man als verborgene Welten bezeichnen kann.

[ 10 ] These, then, are the three conditions for the initiate: first, the soul’s freedom from all external impressions; second, the soul’s richness in inner visions; third, complete peace of mind. Whoever has the perseverance to train themselves in this way will experience a great, momentous moment—one perhaps after just a few months, another perhaps only after years. The spiritual senses will open to him, and he will exclaim: Oh, there is something entirely different in our world than I have known until now. Until now I saw only what my mind could conceive, but now I see that in the same world there are spiritual realities, spiritual beings, and that there are worlds which can be called hidden worlds.

[ 11 ] Von diesem erhabenen Moment an wird der Schüler zum Forscher in den geistigen Welten und er ist dann imstande, dasjenige, was in bezug auf das Wesen des Menschen hier skizziert werden soll, selbst zu erkennen. Wir werden heute von den folgenden Zuständen und Erlebnissen der Seele sprechen, welche jeden tief interessieren müssen und welche wir bezeichnen können mit dem Wechselzustande zwischen Wachen und Schlafen und dem, was man nennt: Leben und Tod. Auf den äußerlichen Zustand von Wachen und Schlafen haben wir schon hingedeutet und wollen nun auf den inneren näher eingehen. Es wäre widersinnig, wenn wir schon mit dem gewöhnlichen Verstande es als logisch hinstellen wollten, daß das eigentliche innere Wesen des Menschen beim Einschlafen, sobald die äußeren Eindrücke aufhören, verschwinde und am Morgen sozusagen neu erstehe. Das kann nimmermehr sein, und nur der, der sich absurden Ideen hingeben wollte, der könnte der Meinung sein, daß der innere Mensch abends vergehe und morgens neu erstehe.

[ 11 ] From this sublime moment onward, the student becomes an explorer of the spiritual worlds and is then able to recognize for himself what is to be outlined here regarding the nature of the human being. Today we will speak of the following states and experiences of the soul, which must be of deep interest to everyone and which we can describe as the transitional states between waking and sleeping and what is called life and death. We have already alluded to the external states of waking and sleeping and now wish to examine the inner ones more closely. It would be absurd if we were to present it as logical, even with ordinary reason, that the actual inner being of the human being disappears upon falling asleep, as soon as external impressions cease, and is, so to speak, reborn in the morning. That can never be the case, and only someone who were to indulge in absurd ideas could hold the opinion that the inner self perishes in the evening and is reborn in the morning.

[ 12 ] Ist jedoch das der innere eigentliche Mensch, was wir mit unseren physischen Augen als schlafenden Leib im Bette liegen sehen? Das wird wohl keiner behaupten wollen. Nun kann derjenige, der mit gewöhnlichem Bewußtsein den Übergang vom Wachen zum Schlafen verfolgt, freilich nichts anderes bemerken, als daß der physische Leib allmählich in einen bewegungslosen Zustand übergeht. Derjenige aber, der durch die eben charakterisierten Mittel sein geistiges Auge entwickelt hat, der nimmt wahr, wie aus dem physischen Leib heraus der innere, geistige, eigentliche Mensch emporsteigt. Ebenso wie der äußere Anblick des Einschlafenden für den Seher ein anderer ist als für den normalen Menschen, der nur mit dem physischen Auge wahrzunehmen imstande ist, so ist auch der Schlafzustand selbst bei beiden gründlich verschieden. Während der nicht hellsichtige Mensch in Bewußtlosigkeit verfällt, bleibt der Seher beim Einschlafen bewußt, denn er hat in seinem seelischen Körper, der da hinaufsteigt aus dem ruhenden Physischen, Sinnesorgane ausgebildet für das Wahrnehmen der geistigen Welt.

[ 12 ] But is the inner, true human being what we see with our physical eyes as a sleeping body lying in bed? Surely no one would claim that. Now, anyone who observes the transition from waking to sleeping with ordinary consciousness can, of course, perceive nothing other than that the physical body gradually passes into a motionless state. But the person who has developed their spiritual eye through the means just described perceives how the inner, spiritual, true human being rises up out of the physical body. Just as the outer appearance of the person falling asleep is different for the seer than for the ordinary person, who is capable of perceiving only with the physical eye, so too is the state of sleep itself fundamentally different for the two. While the non-clairvoyant person falls into unconsciousness, the seer remains conscious as he falls asleep, for he has developed in his soul body—which rises up from the resting physical body—sense organs for perceiving the spiritual world.

[ 13 ] Wir wollen nun versuchen, diese geistige Welt, in welche der hellsehend gewordene Mensch aufsteigt, in kurzen Zügen zu charakterisieren. Die Wahrnehmungen, die er hat, beschränken sich anfangs auf die Zeit, in der sein physischer Leib schläft. Bei steter Übung jedoch wird er so weit kommen, in jedem Augenblicke des Tages, sobald er nur will, die physischen Sinne auszuschalten und, ohne seinen Leib zu verlassen, geistig zu schauen. Ein großer Unterschied macht sich sofort bemerkbar, wenn wir mit Seheraugen zum Beispiel diesen Rosenstrauß betrachten. Wir können dann plötzlich nicht mehr sagen: Der Rosenstrauß ist vor mir, ich bin hier und er ist dort -, wie wir es im normalen Tageswachzustande sagen können. In der geistigen Welt verliert der Raumunterschied, das Hier und Dort, völlig seinen Sinn, und wir sind mit unserem Bewußtsein nicht mehr vor dem Rosenstrauß, sondern in ihm drinnen. Das geistige Bewußtsein fühlt sich in jener Welt in der Wesenheit, in der Tatsache; es gießt sich der hellsehende Mensch in das Objekt aus, das er wahrnimmt. Sein inneres Wesen durchdringt gleichsam die Haut unseres physischen Leibes und wird eins mit alledem, was es in der geistigen Welt um sich erblickt. Was ist nun dasjenige, was sich da in die Umwelt nachts ergießt und was den Tag über sich gefesselt fühlt in den Schranken des physischen Körpers? Es ist das, was wir zusammenfassen in das kleine Wörtchen «Ich», von dem der Mensch im normalen Tagesbewußtsein sagt: Es lebt in meinem Leibe. - Dieses Ich fühlt das hellseherische Bewußtsein in die gesamte äußere Welt, die es erreichen kann, hinausgegossen. Wir können fragen: Wo ist es denn? — Hierauf gibt es nur eine Antwort: Das Ich des Sehers ist im Grunde genommen überall dort, wo es wahrnimmt.

[ 13 ] Let us now attempt to briefly describe this spiritual world into which the clairvoyant ascends. The perceptions he has are initially limited to the time when his physical body is asleep. With constant practice, however, he will reach the point where, at any moment of the day, as soon as he wishes, he can shut down his physical senses and see spiritually without leaving his body. A great difference becomes immediately apparent when we look at this bouquet of roses, for example, with the eyes of a seer. We can then suddenly no longer say: The bouquet of roses is in front of me, I am here and it is there—as we can say in the normal waking state. In the spiritual world, the spatial distinction, the here and there, completely loses its meaning, and we are no longer with our consciousness in front of the bouquet of roses, but inside it. Spiritual consciousness feels itself in that world in the essence, in the fact; the clairvoyant pours himself into the object he perceives. His inner being, as it were, penetrates the skin of our physical body and becomes one with all that it beholds around itself in the spiritual world. What, then, is that which pours out into the environment at night and feels bound during the day within the confines of the physical body? It is that which we summarize in the little word “I,” of which the human being says in normal daytime consciousness: It lives in my body. - Clairvoyant consciousness perceives this “I” as pouring out into the entire external world that it can reach. We may ask: Where is it, then? — There is only one answer to this: The seer’s “I” is, in essence, everywhere it perceives.

[ 14 ] Dieser Weg in die geistige Welt hinein ist derselbe, den auch jeder Nichthellsichtige beim Einschlafen macht, nur daß er dabei bewußtlos wird. So lebt ein jeder von uns abwechselnd wachend in den physischen Körper, den Miktokosmos eingezwängt, und schlafend ins Ungeheure ausgedehnt und vereint mit der großen Welt um uns, dem Makrokosmos.

[ 14 ] This path into the spiritual world is the same one that every non-clairvoyant takes when falling asleep, except that they lose consciousness in the process. Thus, each of us lives alternately awake in the physical body, confined within the microcosm, and asleep, expanded into the vastness and united with the great world around us, the macrocosm.

[ 15 ] Warum müssen wir denn, so könnten wir weiter fragen, in Bewußtlosigkeit fallen? - Das hat seinen Grund darin, daß der heutige Mensch dazu noch nicht reif ist und sein Ich es nicht ertragen könnte, in das Weltenall bewußt hinauszuströmen. Wir können uns den Vorgang an einer bildlichen Vorstellung einigermaßen klarmachen: Denken wir uns ein großes Wasserbassin, in welches wir einen kleinen Tropfen einer farbigen Flüssigkeit fallen lassen. Da sehen wir, wie der Tropfen sich auflöst in dem ihn umgebenden Wasser, und wie er immer unsichtbarer wird, je weiter er sich ausbreitet. Ähnliches erlebt der Mensch in seinem Ich, welches wie ein Tröpfchen sich auszudehnen hat in die ganze geistige Welt. Der heutige Mensch könnte es nicht ertragen, bewußt sich so aufzulösen und muß diese Aufnahme in seine geistige Heimat mit der Bewußtlosigkeit bezahlen. Was würde mit ihm passieren, wenn er ohne okkulte Vorbereitung, in vollem Bewußtsein sich in die geistige Welt ausdehnen würde? Das können wir uns am besten vergegenwärtigen, wenn wir uns das Ich mit nur so viel Kraft ausgerüstet denken, als zur beschränkten Wahrnehmung auf dem physischen Plane erforderlich ist. Indem es über die körperlichen Grenzen sich ausdehnt, verliert es an Kraft, wie der Tropfen an Konsistenz, und seine Wahrnehmungen würden immer mehr verblassen, je mehr es sich ausdehnt, bis es schließlich das grauenhafte Gefühl haben würde, über einem bodenlosen Abgrund in tiefster Finsternis zu schweben. Das Ich haben wir uns nicht nur als Kraft, sondern als fühlendes und empfindendes Wesen zu denken und können uns daher eine schwache Vorstellung von dem Eindrucke des Verlorenseins im Nichts machen. Daher gehört es auch zu den wichtigsten Vorbereitungen für den, der zum hellsichtigen Bewußtsein vordringen will, daß er sich die Furchtlosigkeit aneignet, und es gehört durchaus zur Schulung des geistigen Forschers, daß für ihn viele Gelegenheiten herbeigeführt werden, durch die er seinen Gleichmut und seine Standhaftigkeit erproben kann. Derjenige Mensch, der nicht tausend und aber tausend Gelegenheiten gehabt hat, gegenüber denjenigen Ereignissen, die sonst den Menschen erschrecken und ihn erbleichen lassen, mit ruhiger Seele sich zu sagen: Ich stehe vor der schrecklichsten Gefahr, aber ich weiß, daß durch meine Furcht meine Lage nicht sicherer wird, wohl aber durch wackeres Zugreifen -, ist noch nicht genügend vorbereitet. In den alten Mysterien freilich geschah es, daß der Einzuweihende, selbst wenn sein Ich noch nicht völlige Stärke hatte, bewußt in den Makrokosmos hinausgeführt wurde, es mußte jedoch der Initiator stets bei ihm sein, um ihm rechtzeitig helfen zu können. Diese Art des Hellsehens, wie sie in den alten Geheimschulen Europas erzielt wurde, nennt man die Ekstase. Für unsere heutige Entwickelungsstufe ist diese Methode nicht mehr passend, und an ihre Stelle ist eine andere getreten, von der wir jetzt sprechen werden. Es ist die Rosenkreuzermethode.

[ 15 ] Why, we might ask, must we fall into unconsciousness?—The reason is that modern human beings are not yet ready for this, and their ego could not bear to consciously flow out into the universe. We can make the process somewhat clear to ourselves through a visual image: Let us imagine a large basin of water into which we drop a small drop of a colored liquid. There we see how the drop dissolves into the water surrounding it, and how it becomes increasingly invisible the further it spreads. Something similar happens to the human being in his ego, which, like a droplet, must expand into the entire spiritual world. Modern man could not bear to dissolve himself in this way consciously and must pay for this acceptance into his spiritual home with unconsciousness. What would happen to them if, without occult preparation, they were to expand into the spiritual world in full consciousness? We can best visualize this by imagining the ego equipped with only as much power as is necessary for limited perception on the physical plane. As it expands beyond the physical limits, it loses strength, just as a drop loses its consistency, and its perceptions would fade more and more the further it expands, until it would finally have the dreadful feeling of floating over a bottomless abyss in the deepest darkness. We must conceive of the ego not merely as a force, but as a feeling and sensing being, and can therefore form a faint idea of the impression of being lost in nothingness. Therefore, one of the most important preparations for those who wish to advance to clairvoyant consciousness is to cultivate fearlessness, and it is certainly part of the spiritual researcher’s training that many opportunities be created for them through which they can test their equanimity and steadfastness. The person who has not had a thousand and a thousand opportunities to say to himself with a calm soul, in the face of events that would otherwise terrify others and make them turn pale: “I am facing the most terrible danger, but I know that my fear does not make my situation any safer, whereas courageous action does”—such a person is not yet sufficiently prepared. In the ancient mysteries, of course, it happened that the initiate, even if his ego had not yet attained full strength, was consciously led out into the macrocosm; however, the initiator had to be with him at all times to be able to help him in time. This type of clairvoyance, as it was achieved in the ancient mystery schools of Europe, is called ecstasy. For our present stage of development, this method is no longer suitable, and another has taken its place, which we will now discuss. It is the Rosicrucian method.

[ 16 ] Wie eben gesagt wurde, war der Schüler in den alten Mysterien unter der Aufsicht seines Lehrers, welcher zu verhindern hatte, daß sich das heraustretende Ich völlig auflöste und in Ohnmacht fiel. Diese ekstatische Versenkung wurde erreicht durch die streng geregelte Pflege gewisser Gefühle, welche man auch im alltäglichen Leben hat. Die alte Methode war, diese Gefühle an solche anzuknüpfen, wie sie der Mensch auch heute noch, wenn auch in weit gesingerem Maße, bei dem Wechsel der Jahreszeiten hat. Wenn zum Beispiel der Schüler hinaustrat in die frische Frühlingslandschaft und er sah, wie aus der schmelzenden Schneedecke heraus das junge Gras und die ersten Blumen sprießen, wenn er rings um sich das Auferstehen aus dem Winterschlafe sah, wenn er unter seinen Füßen die starre Erde tauen fühlte und die dürren kahlen Bäume neue Knospen treiben sah unter der weckenden Berührung des warmen Sonnenlichtes, dann hatte er dieses auferstehende Leben in sich zu durchfühlen und sich in tiefster Meditation mit ganzer Seele ihm hinzugeben.

[ 16 ] As was just mentioned, in the ancient mysteries the initiate was under the supervision of his teacher, whose task was to prevent the emerging ego from completely dissolving and falling into a state of powerlessness. This ecstatic absorption was achieved through the strictly regulated cultivation of certain feelings that one also experiences in everyday life. The ancient method was to link these feelings to those that people still experience today—albeit to a far lesser degree—during the changing of the seasons. For example, when the student stepped out into the fresh spring landscape and saw the young grass and the first flowers sprouting from the melting snow, when he saw all around him the awakening from winter’s slumber, when he felt the frozen earth thawing beneath his feet and saw the dry, bare trees sprouting new buds under the awakening touch of the warm sunlight, then he had to feel this resurgent life within himself and surrender to it with his whole soul in the deepest meditation.

[ 17 ] Durch immerwährende Wiederholung hatte er dann dieses Gefühl zu ungeahnter Stärke anschwellen zu lassen. Du mußt - so sagte ihm der Initiator - so gewaltig und so lebendig diese Freude und diese Zuversicht und Lebensfrische in dir entfachen können, wie die Erde sie selbst fühlen würde, wenn sie Bewußtsein hätte.

[ 17 ] Through constant repetition, he was able to allow this feeling to swell to unimaginable strength. “You must,” the initiator told him, “be able to kindle this joy, this confidence, and this vitality within yourself so powerfully and so vividly that the earth itself would feel them if it had consciousness.”

[ 18 ] Ebenso mußte der Schüler im Herbste die Wehmut empfinden lernen, er mußte das Absterben rings in der Natur auf sich wirken lassen, er mußte fühlen, wie Wälder und Wiesen ihren Blätterschmuck verlieren und das Leben sich zurückzieht in den Schoß der Erde. Mit ihr mußte er um ihre Kinder trauern können. Ebenso hatte er die andern Jahreszeiten und besonders die Winter- und Sommersonnenwende in seinem Innern zu erleben.

[ 18 ] Likewise, in the fall, the student had to learn to feel melancholy; he had to let the dying off of nature all around him take its toll on him; he had to feel how forests and meadows lose their leafy adornment and how life withdraws into the bosom of the earth. Together with her, he had to be able to mourn for her children. Likewise, he had to experience the other seasons, and especially the winter and summer solstices, within himself.

[ 19 ] Es hat dieses den Anschein, als ob es nur Verstecktes aus dem Alltagsleben wäre, und doch ist es nicht so, denn der Esoteriker der alten wie der heutigen Zeit hat diese Gefühle bei völliger Seelenstille unter Ausschaltung aller äußeren Eindrücke in seinem tiefsten Inneren zu schaffen. Wer so fühlen gelernt hatte, der erlebte nach längerer Übung - und das ist heute noch der Fall - das, was man in den alten Mysterien nannte: Das Schauen der Sonne um Mitternacht. - Die Erde wurde durchsichtig und durch die erblassende physische Form hindurch sah man das Geistige, was ihr zugrunde lag; statt der physischen Sonne erblickte man die große geistige Sonne, jene urgewaltige Wesenheit, von welcher die physische Sonne nur der stoffliche Leib war.

[ 19 ] It may seem as though this is merely something hidden within everyday life, and yet this is not the case, for the esotericist of both ancient and modern times must create these feelings within his innermost being through complete stillness of the soul, while shutting out all external impressions. Those who had learned to feel in this way experienced, after prolonged practice—and this is still the case today—what was called in the ancient mysteries: the vision of the sun at midnight. - The Earth became transparent, and through its fading physical form one saw the spiritual reality underlying it; instead of the physical sun, one beheld the great spiritual sun, that primal, powerful Being of which the physical sun was merely the material body.

[ 20 ] Bei diesem überwältigenden Anblick lief jedoch das Ich des sehendgewordenen Schülers Gefahr, in Ohnmacht zu versinken, und es mußte sein Guru, sein Lehrer, ihm hilfsbereit zur Seite stehen. Heute könnte der Guru nicht mehr die Macht auf den Schüler ausüben wie damals, da das Verhältnis von Lehrer zu Schüler ein anderes geworden ist und die heutige menschliche Natur infolge anderer Bildung trotz aller guten Absichten und williger Unterwerfung nicht imstande wäre, die in ihr lebenden rebellischen Kräfte zu unterdrücken.

[ 20 ] Faced with this overwhelming sight, however, the ego of the disciple, who had just regained his sight, was in danger of sinking into a state of helplessness, and his guru, his teacher, had to stand by his side to help him. Today, the guru could no longer exert the same power over the disciple as in the past, since the relationship between teacher and disciple has changed, and modern human nature—due to a different upbringing—would be incapable, despite all good intentions and willing submission, of suppressing the rebellious forces within it.

[ 21 ] Außer diesem Wege der Ekstase gab es noch den sogenannten mystischen Weg zur Einweihung. Er bestand darin, daß der Meditant sich immer mehr in sein eigenes Inneres hineinlebte. In sich erlebte er dann, was der Ekstatiker beim Heraustreten erlebte. Doch auch dieser Weg hatte seine großen Gefahren. Während dem Ekstatiker die Ohnmacht des sich auflösenden Ichs drohte, zog das Ich des Mystikers sich in sich selbst zusammen zu ungeahnter Stärke, und der Egoismus schwoll in ihm ins Ungeheuerliche. Ich will alles sein, ich will alles haben -, war der unbezähmbare Wunsch, von dem das Ich besessen war.

[ 21 ] In addition to this path of ecstasy, there was also the so-called mystical path to initiation. It consisted of the meditator delving ever deeper into his own inner self. Within himself, he then experienced what the ecstatic individual experienced upon stepping outside. But this path, too, had its great dangers. While the ecstatic was threatened by the powerlessness of the dissolving ego, the mystic’s ego contracted within itself into unimagined strength, and egoism swelled within him to monstrous proportions. “I want to be everything, I want to have everything”—this was the unbridled desire that possessed the ego.

[ 22 ] Wie bewirkte man nun diese Vertiefung in sich selbst? Denken wir an das Aufwachen. Was geschieht da? Das Ich, welches draußen im Makrokosmos weit ausgedehnt war, zieht sich zusammen und senkt sich in die physischen Hüllen hinein. Wäre nun die Außenwelt nicht, die mit ihren Eindrücken dem Zusammenschrumpfen eine Grenze setzt, so würde man tatsächlich in sein Inneres hineinsteigen. Was ist also zu lernen? Man hat zu lernen, aufzuwachen, ohne die äußeren Eindrücke auf sich einwirken zu lassen. Das Ich kann infolgedessen unbehindert sich im Innersten des menschlichen Wesens konzentrieren. Die Erlebnisse, die es dann bei den ins Grenzenlose sich steigernden egoistischen Wünschen hat, sind das, was alle Mystiker mit der «Versuchung» bezeichnen. Um dieser Gefahr nicht zu erliegen, müssen daher Tugend und Liebe, Demut und Andacht in hohem Grade vorher entwickelt werden. So gewappnet, kann der Meditant diesen Weg ruhig betreten. Bei den großen Mystikern konnte das Ich gar nicht mehr selbst wollen, sie konnten überhaupt nicht mehr sie selber sein, sie waren imstande, sich dem Christus rückhaltlos hinzugeben und ihn in ihrem Innern denken, fühlen, handeln und wollen zu lassen. Paulus sagt daher: Nicht ich bin es, Christus in mir ist es, der da will.

[ 22 ] How, then, did one bring about this deepening within oneself? Let us consider the process of waking up. What happens then? The “I,” which was previously spread out widely in the macrocosm, contracts and sinks into the physical body. If the external world did not exist—setting a limit to this contraction with its impressions—one would indeed descend into one’s inner self. What, then, is there to learn? One must learn to wake up without allowing external impressions to affect one. As a result, the “I” can concentrate unhindered within the innermost core of the human being. The experiences one then has amidst egoistic desires escalating into the boundless are what all mystics refer to as “temptation.” To avoid succumbing to this danger, virtue and love, humility and devotion must therefore be developed to a high degree beforehand. Thus equipped, the meditator can calmly embark on this path. For the great mystics, the ego could no longer will of its own accord; they could no longer be themselves at all; they were able to surrender themselves unreservedly to Christ and allow him to think, feel, act, and will within them. Paul therefore says: “It is not I who do it, but Christ in me who wills.”

[ 23 ] ‚Auch in andern alten Mysterien, zum Beispiel den ägyptischen, finden wir diese Methode, es war jedoch bei der Einweihung stets der Guru zugegen, welcher von außen den Aspiranten vor den egoistischen Kräften schützte.

[ 23 ] "We also find this method in other ancient mysteries, such as the Egyptian ones; however, during the initiation, the guru was always present to protect the aspirant from egoistic forces from the outside.

[ 24 ] Die veränderten Verhältnisse unserer heutigen Epoche machen einen neuen Weg notwendig. Der Mensch ist selbständiger geworden und es müssen ihm die nötigen Mittel geboten werden, ohne direktes Eingreifen des Lehrers den Pfad zu den inneren und höheren Welten zu betreten. Die Rosenkreuzereinweihung, wie sie heute ausgeübt wird, faßt beide Methoden zusammen, und diese Schulung, welche zum Hellsehen in den geistigen Welten führt, beseitigt die vorhin erwähnten Gefahren, denen der alte Ekstatiker und Mystiker ausgesetzt war.

[ 24 ] The changed circumstances of our present age necessitate a new approach. Human beings have become more independent, and they must be provided with the necessary means to enter the path to the inner and higher worlds without the direct intervention of a teacher. The Rosicrucian initiation, as it is practiced today, combines both methods, and this training, which leads to clairvoyance in the spiritual worlds, eliminates the dangers mentioned earlier to which the ancient ecstatics and mystics were exposed.

[ 25 ] Morgen werden wir näher hierauf eingehen und beschreiben, wie der Rosenkreuzerschüler geistige Wahrnehmungsorgane zur Erforschung des geistigen Untergrundes des Weltenalls in seinen seelischen Leib hineinbaut.

[ 25 ] Tomorrow we will go into this in more detail and describe how the Rosicrucian student develops spiritual organs of perception within his soul body in order to explore the spiritual foundations of the universe.