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The Rudolf Steiner Archive

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Das Ereignis der Christus-Erscheinung
in der ätherischen Welt
GA 118

18 April 1910, Palermo

10. Die Wiederkunft Christi

[ 1 ] Heute, da wir zum ersten Mal hier vereint sind, werden wir von intimen Angelegenheiten unserer Geisteswissenschaft sprechen. Zuerst werden wir über Allgemeines sprechen und das nächste Mal über Einzelheiten, die die Entwickelung der menschlichen Individualität betreffen. Denn man versteht das Leben einer einzelnen Individualität nur, wenn man auch die Epoche kennt, in der sie gelebt hat. Die menschliche Seele entwickelt sich durch die Zeiten, indem sie von einer Inkarnation zur andern schreitet. Die Fähigkeiten der Seele von heute sind nicht dieselben wie in früheren Zeiten. Die Fähigkeiten sind heute an den Punkt gekommen, daß der Mensch die Sinneswelt wahrnehmen und in sich verarbeiten kann. Vor dieser Epoche, als die menschliche Seele noch eine gewisse Hellsichtigkeit besaß, die, man kann sagen, traumhaft war, war dies ganz anders.

[ 2 ] In jener Epoche hätte der Mensch kein Selbstbewußtsein, kein IchBewußtsein entwickeln können. Das alte traumhafte Hellsehen mußte verschwinden, und der Mensch mußte auf die Welt der Sinne beschränkt werden, um - auf dem Weg des Unterscheidungsvermögens der physischen Erscheinungen - zum Bewußtsein seiner selbst zu gelangen. In Zukunft wird er das Hellsehen wieder gewinnen und wird gleichzeitig sein Selbstbewußtsein aufrechterhalten können.

[ 3 ] Wenn auch die Entwickelung langsam und fortschreitend gewesen ist, so kann man doch genau den Zeitpunkt angeben, in welchem der Bewußtseinszustand der physisch-sinnlichen Wahrnehmung begonnen hat. Dies war das Jahr 3101 vor dem Erscheinen Christi auf Erden. Bis dahin war ein natürliches Hellsehen vorhanden. Dann verschwand es allmählich, und von da ab beginnt das dunkle Zeitalter, das kleine Kali Yuga, so genannt, da die menschliche Seele in dieser Epoche nicht mehr die geistige Welt wahrnehmen konnte.

[ 4 ] Stellen wir uns nun die Lage der Seelen in den ersten Zeiten jener dunklen Epoche vor. Die menschliche Seele konnte in Erinnerung der vergangenen Epochen sagen: Ich konnte nach den geistigen Wesenheiten schauen, ich sah wenigstens einen Teil der Welt, in welcher die alten Rishis, der alte Zoroaster lehrten. Und ich konnte diesen großen Meistern, Führern lauschen, ich konnte diesen großen Fühern zuhören, die mir von der Weisheit sprachen, die aus der geistigen Welt entspringt. - Aber dieses Empfinden wurde immer schwächer in jenen Seelen.

[ 5 ] 3000 Jahre nach Beginn der dunkeln Epoche entstand die neue Möglichkeit der Verbindung des Menschen mit der geistigen Welt. Diese Möglichkeit bestand darin, daß der Mensch mit seinem Ich die Vereinigung mit der geistigen Welt erreichen konnte, das heißt, die Möglichkeit hatte, diese geistige Welt wahrzunehmen, trotzdem die menschliche Wahrnehmung auf die Sinne beschränkt war. Diese Möglichkeit entstand durch die Verkörperung des Christus. Alle andern großen Führerwesenheiten verkörperten sich so, daß ihre geistige Wesenheit mit dem Astralleib vereint war. Wenn wir uns bemühen, die Wesenheiten der Bodhisattvas zu verstehen, kommen wir dazu, daß ihr geistiger Teil, der auf der Erde wirkte, sich in die höheren Welten erhob und nur mit dem Astralleib vereint war. Nur beim Christus finden wir, daß sein göttlich-geistiges Wesen in direkter Verbindung mit einem physischen Leib ist, das heißt, das Ich des Jesus verläßt seine physische, ätherische und astralische Hülle und der Christus verkörpert sich als Ich da hinein, so daß das Ich eines jeden Menschen die Verbindung mit dem Christus haben kann. Infolgedessen sehen wir, daß in den ersten Epochen die großen Führer der Menschheit so wahrgenommen werden konnten, daß man nur durch Bilder an das Verständnis ihrer Verbundenheit mit der geistigen Welt herankommen konnte. Beim Christus dagegen setzt sich die ganze Biographie zusammen aus Tatsachen, die in der physischen Welt zum Ausdruck kommen können, das heißt, das Christus-Ereignis kann mit dem Intellekt, mit dem physischen Verstand begriffen werden.

[ 6 ] Gott mußte auf den physischen Plan herabsteigen, weil die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit sich nicht mehr über die Welt der physischen Sinne erheben konnte. Daher die große Prophezeiung von Johannes dem Täufer im Evangelium, daß die Seelenverfassung geändert werden muß, damit das Himmelreich uns nahekommen kann.

[ 7 ] Früher konnte man sich durch das menschliche Hellsehen den Reichen des Himmels bis zu einem gewissen Grade nähern. Jetzt mußte man sie im Christus selbst finden mittels der Sinne. Damit während der finsteren Epoche des Kali Yuga die Menschheit ihre Verbindung mit der geistigen Welt nicht verliere, mußte diese auf den physischen Plan herabsteigen.

[ 8 ] Das finstere Zeitalter erstreckte sich über 5000 Jahre. Wir leben daher in dem wichtigen Zeitpunkt des Endes des Kali Yuga. Seit 1899 ist die finstere Epoche, welche 3101 vor Christus begann, bereits abgelaufen, und seit diesem Zeitpunkt beginnen sich gewisse Fähigkeiten langsam zu entwickeln, die von der menschlichen Wissenschaft noch nicht erkannt worden sind. In unserem 20. Jahrhundert werden sich allmählich in einem Teil der Menschheit neue menschliche Seelenfähigkeiten entwickeln. Zum Beispiel wird es möglich sein, bevor das 20. Jahrhundert abgelaufen sein wird, den menschlichen Ätherleib wahrzunehmen. Eine andere Fähigkeit wird die sein, daß man, wenn man in sein Inneres schaut, wie im Traum das Bild, das Gegenbild einer Handlung wahrnimmt, die man vollziehen wird. Gewisse besonders dazu veranlagte Menschen werden noch eine andere Erfahrung machen. Was Paulus vor Damaskus erlebte und was für ihn eine persönliche Erfahrung war, das wird für eine gewisse Anzahl von Menschen allgemeine Erfahrung werden.

[ 9 ] Die Bedeutung, welche dieses Ereignis im 20. Jahrhundert haben wird, kann man aus dem folgenden erkennen. Paulus konnte von allem, was sich in Palästina ereignet hat, wissen, ohne daß dies aus einem Saulus einen Paulus machen konnte. Sein Seelenzustand war ein solcher, daß er nicht überzeugt werden konnte, daß in dem Nazarener der Christus lebe. Erst das Ereignis von Damaskus sagte seinem hellseherischen Bewußtsein: Der Christus ist vorhanden.

[ 10 ] Die Menschen, welche im 20. Jahrhundert das Ereignis von Damaskus erlebt haben werden, werden das direkte Wissen vom Christus bekommen, sie werden nicht notwendig haben, sich auf Dokumente zu stützen, um den Christus zu erkennen, sondern sie werden das direkte Wissen haben, wie es heute nur der Initiierte besitzt. Alle Fähigkeiten, die heute mittels der Initiation erworben werden, werden in Zukunft allgemeine Fähigkeiten der Menschheit sein. Dieser Zustand der Seele, dieses Seelenerleben, wird im Okkultismus die «Wiederkunft Christi» genannt. Der Christus wird nicht wieder in einem physischen Leib verkörpert sein, sondern er wird in einem ätherischen Leib erscheinen, wie auf der Straße nach Damaskus.

[ 11 ] Der Christus hat sich auf dem physischen Plan inkarniert, als die Menschheit auf ihren physischen Körper beschränkt war. Wir können heute die Worte des Johannes-Evangeliums wiederholen: Ändert euren Sinn, damit eure Fähigkeiten sich der geistigen Welt erschließen.Denn Menschen mit ätherischem Hellsehen werden den Christus im ätherischen Körper vor sich sehen.

[ 12 ] Die beschriebenen Fähigkeiten liegen jetzt als Samen in der Seele. In Zukunft werden sie entwickelt sein und man wird sagen können, daß das Schicksal des Menschen bis zu einem gewissen Sinn in seinen eigenen Händen liegt. Es wird notwendig sein, daß die Menschen, wenn diese Erscheinung auftritt, wissen, was diese Fähigkeiten bedeuten. Dann wird es für die Menschen unmöglich sein, wie jetzt, in den Materialismus zurückzufallen. Wenn diese Fähigkeiten in Erscheinung treten werden, wird man nicht gleich darauf achten. Die Menschen, welche diese Fähigkeiten besitzen, werden sogar als phantastisch und krank betrachtet werden. Die geisteswissenschaftliche Botschaft hat deshalb die Mission, die Menschen zum Verständnis solcher Fähigkeiten vorzubereiten. Es sind also die von der Geisteswissenschaft mitgeteilten Ideale nicht willkürlich, sondern ein notwendiges Mittel für die Entwickelung der Menschheit.

[ 13 ] Was wir gesagt haben, wird in den zukünftigen Jahren noch öfter wiederholt werden, aber es ist notwendig, daß es richtig verstanden wird. Es ist möglich, daß die materialistischen Tendenzen in die Theosophische Gesellschaft eindringen, bis zu dem Punkt, daß man glauben wird, der Christus werde einen materiellen Körper annehmen, wenn er wiederkehre. Damit würde man bestätigen, daß die Menschheit während der letzten 2000 Jahre keinen Fortschritt gemacht hat. Christus erschien vor 2000 Jahren in einem physischen Körper für die physische Wahrnehmung. Für das zukünftige Hellsehen wird er im Ätherleib erscheinen. Wir bereiten uns mittels der Geisteswissenschaft vor, die bedeutende Epoche, die vor uns steht, zu verstehen. Um Theosoph zu sein, genügt es nicht, theoretisch die Theosophie zu verstehen, sondern man muß sie in sich leben. Es wird notwendig sein, dieses große Ereignis ganz exakt zu betrachten.

[ 14 ] Es wird unternehmende Menschen geben, die aus der materialistischen Richtung der Theosophie versuchen werden, ihre Vorteile zu ziehen, und glauben zu machen, daß sie der Christus seien. Und sie werden Menschen finden, die ihnen Glauben schenken. Es wird eine Prüfung für die wirklichen Theosophen sein, sich gegen solche Versuchungen zu wappnen, und statt das menschliche Gefühl so zu erniedrigen, es emporzuheben zu den geistigen Welten. Die, welche in der richtigen Weise die Theosophie verstehen werden, sie werden diesen falschen Messiassen des 20. Jahrhunderts sagen: Ihr kündigt uns die Erscheinung des Christus auf dem physischen Plan an, aber wir wissen, daß der Christus sich nur als ätherische Erscheinung manifestieren wird. - Die wirklichen Theosophen werden das Erscheinen des Christus für die höheren Sinne erwarten. Der Mensch muß vor dem Tod die wahre Bedeutung der Wiederkehr Christi verstanden haben, dann wird dieses Verständnis ihm die geistigen Sinne durch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt öffnen. Diejenigen aber, die nicht die Fähigkeit haben werden, die Bedeutung der Wiederkehr Christi auf Erden zu verstehen, müssen eine neue Verkörperung abwarten, um dieses Verständnis auf dem physischen Plan erwerben zu können.

[ 15 ] Wir leben in einer sehr wichtigen Epoche. Wir müssen das Ereignis der Wiederkehr Christi, welche vom hellsehenden Menschen erlebt wird, charakterisieren. Wir können dieses Ereignis charakterisieren, indem wir unser Augenmerk nach dem Kosmos richten und indem wir hinweisen auf ein Ereignis, welches unseren Tagen nahesteht. Dieses Ereignis ist das Erscheinen des Halleyschen Kometen, welcher ebenfalls Objekt des Studiums der rosenkreuzerischen Theosophie ist. Das Erscheinen dieses Kometen hängt zusammen mit Ereignissen in der geistigen Welt. So wie die Bewegung der Planeten, die um die Sonne kreisen, regelmäßigen Ereignissen in der Evolution der Menschheit entsprechen, so entspricht das Erscheinen eines Kometen einem Einfluß, der hinzukommt zu den regelmäßigen Ereignissen. Die rosenkreuzerische Forschung hat erwiesen, daß jeder Komet einen besonderen Einfluß auf die menschliche Entwickelung ausübt. Der gegenwärtige Komet hat als besonderen Einfluß, daß er einen vertieften Impuls zum Materialismus ausübt. Jedesmal, wenn der Halleysche Komet erschienen ist, hat immer ein Impuls nach dem Materialismus hin stattgefunden. Sein Erscheinen 1759 entspricht der Epoche, als der Voltaireanismus auf seinem Höhepunkt war; das Erscheinen 1835 entspricht dem Materialismus des Moleschott, Büchner unter anderen. Jetzt wird man in derselben Weise einen neuen Impuls zum Materialismus hin haben, und das äußere Zeichen davon ist das Erscheinen des Kometen. Diejenigen Menschen, die sich von diesem Einfluß mitnehmen lassen, werden in den tiefsten Materialismus verfallen.

[ 16 ] Heute existiert jedoch nicht nur dieser Impuls, sondern es gibt auch einen andern Einfluß, der die Menschheit zu geistigen Höhen erheben sollte. Das ist von denen, welche die Zeichen der Zeit verstehen, beobachtet worden. Im Makrokosmos ist das Zeichen für diesen Einfluß, daß die Sonne bei der Tagundnachtgleiche im Frühjahr eintritt in das Zeichen der Fische. Zur Zeit, als Christus erschien, trat die Sonne bei der Frühlings-Tagundnachtgleiche in das Zeichen des Widders. Ungefähr 800 Jahre vor Christus begann die Sonne in dieses Zeichen einzutreten und zur Zeit des Ereignisses von Golgatha war sie schon ein Stück eingetreten. Jetzt ist die Sonne schon seit Jahrhunderten ins Zeichen der Fische eingetreten. In nächster Zeit wird sie in diesem Zeichen so weit fortgeschritten sein, daß es das äußere Anzeichen für das Erscheinen des Christus im Ätherleib sein wird. Sie sehen also, daß die Anthroposophie nicht wie irgendeine theoretische Lehre der Welt verkündigt wird, sondern daß die Zeichen der Zeit uns die Aufgabe geben, Anthroposophie zu lehren. Diese Verkündigung ist im Westen schon seit vielen Jahrhunderten von denen, die sich Rosenkreuzer nennen, vorbereitet worden. Unter den Rosenkreuzern wurde neben den vier Evangelien ein fünftes gelehrt. Durch dieses geistige Evangelium können die andern vier verstanden werden und es wird einem Teil der Menschheit des 20. Jahrhunderts gegeben werden, ebenso wie jene, die anläßlich des Erscheinens des Christus gegeben worden sind. Die Anhänger der rosenkreuzerischen Bewegung, welche ein klares Bewußtsein haben werden, werden die Bedeutung dieses Evangeliums für die Menschheit verstehen.

[ 17 ] Wenn Sie der rosenkreuzerischen Theosophie immer mehr Aufmerksamkeit zuwenden, wird Ihr Streben sich einleben können in den Fortschritt der Menschheit, damit sie fähig sein wird, zu verstehen den Christus, der in der neuen Form erscheint. Es wird die Zeit kommen, in der wir den Christus direkt erkennen werden können, auch wenn, was fast unmöglich ist, alle Dokumente der Evangelien verlorengegangen sein sollten.

[ 18 ] Über diese Dinge kann man nur in einem Kreis sprechen, wo eine Vorbereitung vorhanden ist, die man nicht nur durch theoretisches Lernen erwirbt, sondern durch ein fortwährendes Atmen der Luft unserer Gruppen, während man in den öffentlichen Vorträgen gewisse Grenzen beachten muß. Aber da in dieser Gruppe eine solche Luft geatmet wird, konnte man heute abend von diesen großen Wahrheiten sprechen. Unsere Seele darf sich nicht nur begnügen mit dem Aussprechen solcher Wahrheiten in Worten, sondern muß in ihnen eine Kraft gewinnen für die tägliche Arbeit, ein Licht, das täglich ins gewöhnliche Leben ausstrahlt, und eine Kraft für die Zukunft.

[ 19 ] Man muß weiser werden durch die Wahrheit, aber man muß auch immer mutiger von ihr sprechen, wie von einem geistigen Blut, von dem wir unser Gefühl und unsern Willen durchdringen lassen wollen.

[ 20 ] Im nächsten internen Vortrag wird auf Dinge von besonderer Wichtigkeit hingewiesen werden.