Makrokosmos und Mikrokosmos
Die große und die kleine Welt Seelenfragen, Lebensfragen, Geistesfragen
GA 119
19 März 1910, Wien
Der Kreislauf Des Menschen Durch Die Sinnen-, Seelen- Und Geisteswelt
öffentlicher vortrag
[ 1 ] Der Vortrag vom letzten Donnerstag war dazu bestimmt, die Wege zu charakterisieren, durch die der Mensch in die geistigen Welten hineingelangen kann, und es wurde versucht zu zeigen, wie schon eine gewöhnliche Beobachtung der aufeinanderfolgenden Erscheinungen unseres Lebenslaufes zwischen der Geburt und dem Tode Gesetze, große Gesetze zeigt, welche auf eine hinter der physischen Welt liegende geistige Welt weisen, und es wurde skizzenhaft charakterisiert, wie dann der Mensch selber in diese geistige Welt hineingelangen kann.
[ 2 ] Heute soll in großen Umrissen ein Kapitel aus jenen Erkenntnissen besprochen werden, welche der Geistesforscher auf dem vorgestern charakterisierten Wege erlangen kann. In noch höherem Grade natürlich als in dem vorgestrigen Vortrage könnte alles heute Gesagte wie eine Art Phantasterei betrachtet werden. Nach den Auseinandersetzungen von vorgestern darf aber wohl vorausgesetzt werden, daß? das heute einfach in Form einer schlichten Erzählung Vorzubringende als eine Summe von Forschungsresultaten angesehen werde, welche sich durch die Betrachtung der’ höheren Welten eben ergeben. Also einfach schlicht erzählt soll heute werden, was der Mensch an Erlebnissen hat, wenn er nach dem Tode durch die verschiedenen Welten fortschreitet, durch die er zu gehen bestimmt ist.
[ 3 ] Der Anfang soll gemacht werden an demjenigen Punkte der menschlichen Lebensentwickelung, an welchem der Mensch steht, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet, wenn er also in der Art, wie das gestern charakterisiert worden ist, seinen physischen Leib ablegt und in ein anderes, in ein geistiges Dasein aufsteigt. Dasjenige, was der Mensch zunächst erlebt unmittelbar beim Durchschreiten der Todespforte, nach dem Ablegen des physischen Körpers, das soll zunächst ins Auge gefaßt werden.
[ 4 ] Der erste Eindruck, den unser astralischer Leib und unser Ich haben, nachdem der Tod des Menschen eingetreten ist, ist dieser, daß der Mensch zurückblicken kann auf sein eben verflossenes Leben, das zwischen der Geburt und dem Tode abgelaufen ist, zurückblicken kann in einem umfassenden Erinnerungstableau. Die einzelnen Ereignisse des letzten Lebens, die längst dem geistigen Blick entschwunden sind, treten sozusagen mit allen Einzelheiten an diesem wichtigen Wendepunkte des Lebens vor die Seele hin. Und wenn wir uns fragen: Wie ist so etwas möglich? — dann können wir dasjenige, was sich dem hellsichtigen Auge darbietet, uns wenigstens dadurch begreiflich machen, daß wir hinweisen auf jene allbekannten Augenblicke des Lebens, von denen diejenigen erzählen, die einmal in Lebensgefahr waren, etwa bei einem Absturz in den Bergen oder wenn sie dem Ertrinken nahe waren. Sie erzählen, daß ihnen in einem solchen Augenblicke das ganze verflossene Leben wie in einem großen Gemälde vor Augen stand. Was so erzählt wird, kann von der Geisteswissenschaft durchaus bestätigt werden.
[ 5 ] Woher kommt es denn, daß dem Menschen in einem solchen Augenblicke das ganze verflossene Leben wie in einem großen Gemälde vor Augen steht? Das kommt davon her, daß dasjenige, was man vom Menschen mit physischen Augen sehen, mit physischen Händen greifen kann, was man also den physischen Leib des Menschen nennt, durchzogen und durchtränkt ist von dem Äther- oder Lebensleib. Es ist dies das zweite und zwar schon ein unsichtbares Glied der menschlichen Wesenheit, das den physischen Leib in der Zeit zwischen der Geburt und dem Tode daran hindert, den ihm eingepflanzten physischen, physikalischen und chemischen Kräften und Gesetzen zu folgen. Sozusagen unser treuer Kämpfer gegen den Zerfall des physischen Körpers ist dieser Äther- oder Lebensleib, dieser zweite Leib des Menschen.
[ 6 ] Nun kann es ja verständlich sein, daß für einen physischen Blick, daß für die physische Wissenschaft mit dem Eintritte des Todes auch die gesamte menschliche Wesenheit diesem Tode verfallen scheint; denn dasjenige, was durch die Pforte des Todes hindurchschreitet, das dann jene Eindrücke hat, die eben geschildert werden sollen, das ist nur für eine geistige Erkenntnis, nur für ein hellsichtiges Auge vorhanden. Alles dasjenige aber, was nur für die geistige Erkenntnis vorhanden ist, muß notwendigerweise dem physischen Blick als ein Nichts erscheinen.
Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne,
Den Schritt nicht hören, den du tust,
Nichts Festes finden, wo du ruhst!
[ 7 ] So sagt Mephistopheles im Goetheschen «Faust». Ewig wird es ja so sein. Diese Charakteristik zeigt in Mephistopheles den Vertreter einer Weltanschauung, die nur auf das äußere, physische Dasein geht und in allem, was jenseits dieses physischen Daseins durch gerstige Erkenntnis zu erreichen ist, ein Nichts erblickt. Ewig wird aber auch derjenige, der eine Ahnung und eine Erkenntnis davon hat, daß im Menschenwesen Kräfte schlummern, die so entwickelt werden können, daß geistige Welten in diese menschliche Seele hereinbrechen, wie Licht und Farbe in das operierte Auge des Blindgeborenen hereinbrechen, ewig wird diese menschliche Seele, die von solcher höherer Erkenntnis etwas ahnt, dem Materialismus die Worte erwidern, die Faust dem Mephistopheles erwidert:
In deinem Nichts hoff’ ich das All zu finden.
[ 8 ] Wie Faust im Nichts das All zu finden hofft, so müssen wir auch zu dem Nichts der materialistischen Gesinnung und Anschauung gehen, wenn wir dasjenige ergreifen wollen, was durch die Pforte des Todes hindurchgeht und dann seine Eindrücke hat, wenn keine physischen Werkzeuge, keine physischen Organe mehr da sind, durch die eine äußere Welt vermittelt werden kann. Dieses Nichts des Materialisten, dieses Grundwesen der menschlichen Natur für den spirituellen Blick, das hat jenes gewaltige Erinnerungstableau vor sich, in dem eingeschlossen sind alle einzelnen Erlebnisse des letzten Daseins, ebenso, ja in höherem Sinne eingeschlossen sind als nach jenem Schock, den ein Mensch erlebt, wenn er in Lebensgefahr schwebt, wenn er etwa dem Ertrinken nahe ist. Was ist denn eigentlich geschehen mit einem Menschen, der vor einer Lebensgefahr steht? Durch den Schock, den er erlitten hat, ist sein Äther- oder Lebensleib für eine kurze Weile gelockert worden aus seinem physischen Leibe heraus. Nun ist aber dieser Äther- oder Lebensleib beim Menschen — ausdrücklich sei es gesagt: beim Menschen — der Träger auch der Erinnerung, des Gedächtnisses, und im gewöhnlichen Leben, wenn dieser Äther- oder Lebensleib eingeschaltet ist dem physischen Leib, dann ist der physische Leib wie eine Art Hemmnis, wie eine Art Hindernis für das Herausheben aller einzelnen Erinnerungen, aller einzelnen Gedächtnisvorstellungen. Wenn aber der Äther- oder Lebensleib durch einen solchen Schock für eine kurze Weile aus dem physischen Leib herausgehoben ist, dann tritt das ganze Leben in einem Erinnerungsgemälde vor die Seele, und wir haben dann bei einem solchen Menschen in dem Momente des Ertrinkens durchaus eine Art von Analogon zu demjenigen, was unmittelbar nach dem Tode da ist, wenn der Äther- oder Lebensleib mit allen seinen Kräften frei geworden ist, da ja der physische Leib im Tode abgelegt ist.
[ 9 ] Das ist das eine Erlebnis, nachdem der Mensch die Pforte des Todes durchschritten hat. Wir müssen es aber noch genauer charakterisieren. Dieses Erlebnis ist ganz eigentümlicher Art. Es ist nämlich diese Erinnerung nicht so, daß wir die Ereignisse des eben verflossenen Lebens genau in derselben Art erleben, wie wir sie im Leben durchgemacht haben. Im Leben machen auf uns die Ereignisse des Tages den Eindruck der Lust, den Eindruck der Freude, den Eindruck des Schmerzes, den Eindruck des Leides. In einer Weise treten sie an uns heran, daß wir mit ihnen Sympathie und Antipathie haben. Kurz, diese Ereignisse erregen unsere Gefühlswelt, spornen uns wohl auch an, unseren Willen, unsere Begierde in dieser oder jener Weise zu betätigen. Das alles, was Lust und Leid, Freude und Schmerz, was Sympathie und Antipathie ist, was Interesse an äußeren Erscheinungen des Daseins ist, alles das ist für jene Zeit, die eben jetzt besprochen worden ist, aus der menschlichen Seele wie ausgelöscht, und es steht das Erinnerungsbild da, wirklich wie ein Bild. Wenn wir ein Bild vor uns haben, eine Szene uns vorstellen, wo wir furchtbar leiden würden — wir ertragen sie objektiv, neutral, wenn sie uns im Bilde dargestellt wird. So aber tritt uns auch das Frinnerungsbild des ganzen Lebens vor die Seele: Wir erleben es ohne Teilnahme, die wir sonst im Leben gehabt haben.
[ 10 ] Das ist das eine. Das andere ist, daß der Mensch nunmehr etwas erlebt unmittelbar nach dem Durchschreiten der Todespforte, mit dem er zwischen der Geburt und dem Tode nur in sehr geringem Maße bekannt geworden ist, wenn er nicht selber ein Geistesforscher geworden ist. Im Leben sind wir immer außerhalb der Dinge, außerhalb der Wesenheiten, die um uns herum sind. Die Tische, die Stühle sind außerhalb unser, die über das Feld ausgebreitete Pflanzenflora ist außerhalb unser. Der Eindruck unmittelbar nach dem Tode ist der, als ob unser Wesen sich ergießen würde über alles das, was außerhalb unser ist. Wir tauchen gleichsam in die Dinge unter, wir fühlen uns eins mit ihnen. Das Gefühl des Ausbreitens und -dehnens und -weitens der Seele tritt auf, ein Verschmelzen mit den Dingen, die in der äußeren Umgebung sind als Bilder. Dieses Erlebnis dauert — so zeigt uns die Geistesforschung mit denjenigen Methoden, von denen wir gesprochen haben — verschieden lang; allein es ist im allgemeinen ein kurzes Erlebnis nach dem Tode. Wir können heute sogar schon davon sprechen, nachdem genauere hellseherische Forschungen über diese Sache vorliegen, wie lange die Zeitdauer für den einzelnen Menschen je nach seiner Individualität ist. Sie wissen, daß verschiedene Menschen im normalen Lebenszustande verschieden lang sich wach erhalten können, wenn es sein muß, ohne daß sie übermannt werden vom Schlafe. Der eine Mensch kann meinetwillen drei, vier, fünf Tage wachen, der andere kann es nur durch sechsunddreißig Stunden und so weiter. Solange der Mensch im allgemeinen im normalen Zustand des Lebens durchschnittlich sich hat wach erhalten können, ohne daß er vom Schlafe niedergezwungen wurde, so lange ungefähr dauert auch durchschnittlich dieses Erinnerungstableau. Also es ist nach Tagen zu berechnen und ist für die verschiedenen Menschen verschieden.
[ 11 ] Dann, wenn dieses Erinnerungstableau zu Ende gegangen ist, wenn es allmählich verblaßt ist, denn es zeigt ein Nach-und-nach Dunkelwerden, da fühlt der Mensch so etwas, wie wenn sich in ihm zurückzögen gewisse Kräfte und etwas, was bisher in seiner Natur war, ausgestoßen würde. Dasjenige, was da ausgestoßen wird, ist nun ein zweiter Leichnam des Menschen, ein unsichtbarer Leichnam; es ist dasjenige im Menschen, was er von seinem Äther- oder Lebensleib nicht mitnehmen kann durch die folgenden Erlebnisse in der seelischen Welt. Während also der physische Leichnam vorher schon abgestoßen und zu seinen physischen Stoffen und Kräften zurückgekehrt ist, wird jetzt ausgepreßt der Äther- oder Lebensleib, der sich verteilt in diejenige Welt, die wir die Ätherwelt nennen, die nun wiederum ein Nichts ist für denjenigen, der allein materialistisch sehen und denken kann, die aber alles durchwebt und durchlebt für denjenigen, dessen geistige Augen geöffnet sind. Nun bleibt aber aus diesem ausgepreßten Äther- oder Lebensleib etwas zurück, was man bezeichnen kann als eine Essenz, als einen Extrakt alles dessen, was erlebt worden ist. Gleichsam die in einen Keim zusammengedrängten Erlebnisse des letzten Daseins zwischen Geburt und Tod, die bleiben nunmehr mit demjenigen, was der Mensch ist, vereint. Also die Frucht des letzten Lebens, zusammengedrängt, die bleibt bestehen.
[ 12 ] Was hat nun der Mensch an sich im weiteren Verlaufe seines nachtodlichen Lebens? Der Mensch behält dasjenige, was wir den Träger seines Ichs, was wir sein Ich überhaupt nennen; aber eingehüllt ist dieses Ich zunächst von demjenigen, was wir als das dritte Glied der menschlichen Wesenheit nach dem physischen und dem Äther- oder Lebensleib charakterisiert haben, eingehüllt ist dieses Ich von dem astralischen Leib. Wir könnten sagen, daß der astralische Leib des Menschen der Träger ist von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Trieben, Begierden und Leidenschaften. Von alle dem, was des Tags über also als Lust und Leid, als Triebe, Begierden und Leidenschaften durch unsere Seele zuckt, davon ist der astralische Leib-der Träger, und jede Nacht verlassen Ich und astralischer Leib den physischen und den Äther- oder Lebensleib des Menschen, die während des Schlafens im Bette liegen bleiben. Jetzt haben wir nach dem Tode vereint das Ich und den astralischen Leib mit jener Lebensessenz, von der wir eben sagen konnten, daß sie als Frucht oder Keim aus dem Äther- oder Lebensleib extrahiert worden ist. Mit diesen Gliedern seines Wesens tritt nun der Mensch weiter die Wanderung an durch die sogenannte seelische Welt. Wollen wir verstehen, was uns der geistige Blick des Menschen über diese Welt enthüllen kann, dann müssen wir zunächst uns klarmachen, daß dieser astralische Leib es ist, welcher der Träger ist von allem, was Genuß, was Lust, was Interesse an den Dingen um uns herum ist. Ja, der astralische Leib ist der Träger aller Genüsse, Begierden, aller Schmerzen und Leiden, auch der niedrigsten Begierden, der Begierden, die zum Beispiel mit unserer Ernährung verknüpft sind. Der physische Leib, er ist ein Gefüge von physischen und chemischen Kräften und Gesetzen. Der physische Leib ist es nicht, der Lust und Genuß empfindet gegenüber irgendwelchen Nahrungs- und Genufßmitteln, das ist der astralische Leib des Menschen. Der physische Leib gibt nur die Werkzeuge her, damit wir uns solche Genüsse, die im astralischen Leib sich abspielen, verschaffen können. Derjenige nun, der einen Begriff davon erhalten hat, daß dieser astralische Leib des Menschen etwas Reales, etwas Wirkliches ist, nicht bloß eine Funktion, ein Ergebnis des Zusammenwirkens der physischen und chemischen Vorgänge, der wird sich auch nicht wundern, wenn gesagt wird, daß in dem Augenblicke des Todes, wenn der physische Leib abgelegt ist, der astralische Leib nicht gleich die Sehnsucht nach den Genüssen verliert. Das tut er in der Tat nicht. Nehmen wir einen krassen Fall, meinetwillen einen Menschen, der im Leben ein Feinschmecker war, der Genuß gehabt hat an leckeren Speisen. Was ist mit dem Tode für ihn eingetreten? Die Möglichkeit hat er verloren — weil er die physischen Werkzeuge abgelegt hat —, sich die Genüsse in seinem astralischen Leib zu verschaffen. Aber die Begierde nach diesen Genüssen ist in seinem astralischen Leib verblieben. Die Folge davon ist, daß der Mensch nunmehr in bezug auf diese Genüsse in derselben Lage ist — wenn auch durch andere Gründe —, in der er etwa wäre, wenn er im physischen Leben in einer Gegend ist, wo er brennenden Durst leidet und weit und breit nichts ist, was diesen Durst löschen kann. Nach dem Tode leidet der astralische Leib einen brennenden Durst, weil die physischen Organe nicht da sind, durch die dieser Durst befriedigt werden kann. Die Werkzeuge sind abgelegt, aber die Begierde nach diesen Genüssen ist im astralischen Leib verblieben. Die Folge davon ist, daß der Mensch nunmehr in bezug auf diese Genüsse in derselben Lage ist, der astralische Leib leidet einen brennenden Durst. Im astralischen Leib sind noch alle jene Triebe, Begierden und Leidenschaften, die nur durch die physischen Werkzeuge befriedigt werden können. Daher ist begreiflich, einfach aus dieser logischen Erwägung heraus, was der Geistesforscher auf diesem Gebiet sagen muß: Der Mensch macht, nachdem er seinen Äther- oder Lebensleib abgelegt hat, eine Zeit durch, in der er sich in bezug auf sein innerstes Wesen abgewöhnen muß alle Sehnsuchten, alle Begierden, welche nur durch die physischen Werkzeuge des physischen Leibes befriedigt werden können. — Das ist die Zeit der Läuterung, der Reinigung, in der ausgerissen werden müssen aus dem astralischen Leib alle Sehnsuchten nach irgend etwas, was dem Menschen nur verschafft werden kann dadurch, daß er seine physischen Werkzeuge in Tätigkeit versetzt.
[ 13 ] Wir werden es begreiflich finden, daß wiederum, je nach der Individualität des Menschen, die Zeit verschieden sein wird, die durchgemacht werden muß behufs dieser Läuterung, behufs dieses Ausrerßens der Begierden, die nur nach der physischen Welt gehen. Der Mensch macht aber auch diese Zeit so durch, daß sie nicht etwa bloß nach Tagen zählt, sondern daß sie nach den Forschungen der Gersteswissenschaft ungefähr ein Drittel des Lebens in der physischen Welt in Anspruch nimmt, das zwischen Geburt und Tod verlaufen ist. Es ist das begreiflich für denjenigen, der tiefer hineinzublicken vermag, daß die Läuterungszeit ungefähr ein Drittel der Lebenszeit in Anspruch nimmt. Wenn man das menschliche Leben überblickt, so findet man, daß dieses menschliche Leben zwischen Geburt und Tod deutlich zerfällt in drei Drittel. Das erste Drittel des Lebens ist dazu da, daß sich die durch die Geburt ins Dasein tretenden Anlagen und Fähigkeiten des Menschen hindurcharbeiten durch die Hindernisse der physischen Welt. Eine Art aufsteigenden Lebens ist im ersten Drittel vorhanden. Der Mensch ergreift allmählich als geistiges Wesen Besitz von seinen physischen Organen. Dann kommt das nächste Lebensdrittel, das ungefähr dauert vom 21. bis zum 42. Lebensjahre durchschnittlich. Das erste dauert bis zum 21. Lebensjahr. Dieses zweite Lebensdrittel nimmt in Anspruch die Entwickelung all derjenigen Kräfte, die der Mensch dadurch entfalten kann, daß er mit seinem Innern, mit seinem Seelischen in Wechselwirkung tritt mit der Außenwelt. Da hat er bereits die Organe seines physischen und Äther- oder Lebensleibes plastisch gestaltet, da hat er an ihnen kein Hindernis mehr. Er ist ausgewachsen. Sein Seelisches tritt in unmittelbare Beziehung zur Außenwelt. Das dauert so lange, bis der Mensch beginnen muß, wiederum zu zehren von seinem physischen und Äther- oder Lebensleib, und das geschieht dann für die übrige Zeit seines Lebens. Da saugt der Mensch nach und nach wiederum auf dasjenige, was er plastisch gestaltet hat in seiner Jugend. Wir konnten darauf aufmerksam machen, welcher wunderbare Zusammenhang zwischen Jugend und Alter besteht. Wenn während derjenigen Zeit, während welcher das innere menschliche Wesen plastisch gestaltet an den Organen des Menschen, der Mensch gewisse Eigenschaften sich aneignet, wenn er in dieser Zeit in der Seele überwunden hat mancherlei Zornesregungen, wenn er durchgemacht hat dasjenige, was wir das Gefühl der Andacht nennen, so kommt das gerade im letzten Drittel des Lebens in seiner Wirkung zum Ausdruck. Es geht das im mittleren Drittel wie in einem verborgenen Strom dahin. Und dasjenige, was wir überwundenen Zorn nennen, kommt im Alter als gerechte Milde zum Vorschein, so daß im überwundenen Zorn die Ursache liegt zur Milde. Und aus der Stimmung der Andacht, die wir hegen in jungen Jahren, kommt am Ende des Lebens jene Eigenschaft, die wir erblicken an denjenigen Menschen, die in eine Gemeinschaft treten können, und ohne daß "sie viel sagen, wie segnend wirken.
[ 14 ] Deutlich ist des Menschen Leben in drei Drittel geteilt. Im ersten Drittel arbeitet sich der Mensch hin zu seinem physischen Leib, im letzten Lebensdrittel zehrt er wiederum am physischen Leib; im mittleren Lebensdrittel ist sozusagen das Seelische sich selbst überlassen. Dieser mittleren Zeit nun muß auch, wie es begreiflich scheinen kann, die Läuterungszeit nach dem Tode entsprechen. Da ist ja die Seele frei vom physischen Leib und Äther- oder Lebensleib und steht zu ihrer geistigen Umgebung in einem ähnlichen Verhältnis wie im zweiten Lebensdtrittel.
[ 15 ] Was der Geistesforscher zu sehen vermag, das können wir uns logisch begreiflich machen, wenn wir einen Blick auf das gewöhnliche Leben werfen. Wir können verstehen, daß die angegebene Zeit eine Durchschnittszahl ist, bei dem einen Menschen die Zeit der Läuterung länger dauern wird, bei dem andern kürzer. Länger wird sie bei demjenigen dauern, der mit all seinen Leidenschaften hingegeben ist an das bloß sinnliche Dasein, der kaum etwas anderes kennt als die Befriedigung durch jene Genüsse, die an die physischen Organe des Leibes gebunden sind. Wer aber im gewöhnlichen Leben durch ein Eindringen in die Kunst, durch die Erkenntnis schon hindurchzuschauen vermag auf dasjenige, was durch den Schleier des Physischen hindurchdringt an geistigen Geheimnissen des Daseins, wer auch nur ahnend die Offenbarungen des Geistes durch den Schleier des Physischen ergreift, für den wird die Läuterungszeit kürzer dauern, denn er wird vorbereitet durch die Pforte des Todes gehen, vorbereitet für alles dasjenige, was eben nur aus der geistigen Welt an Befriedigung kommen kann.
[ 16 ] Hier haben wir also eine Zeit, die der Mensch durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, die sich wesentlich unterscheidet von der nach Tagen zählenden Zeit unmittelbar nach dem Tode. Während wir in dieser nach Tagen zählenden Zeit ein neutrales Erinnerungstableau haben, dem gegenüber all unser Interesse und unsere Teilnahme verstummen, haben wir gerade in der Läuterungszeit alles dasjenige in unserer Seele, was uns durch Sehnsucht nach Genuß, durch Sehnsucht nach Begierde hingezogen hat zu unseren Erlebnissen. Gerade das Gefühlsleben, das Empfindungsleben, das ist es, was da in der Seele abläuft während dieser Läuterungszeit.
[ 17 ] Nun zeigt uns aber allerdings die Geistesforschung eine merkwürdige Eigentümlichkeit dieser Läuterungszeit. So sonderbar es klingt, es ist doch wahr: Diese Läuterungszeit verläuft nämlich von rückwärts nach vorne, so daß wir den Eindruck haben, daß wir das letzte Jahr unseres physischen Lebens zuerst, dann das vorletzte, das drittletzte nachher durchleben. Und wir durchleben also, uns läuternd, uns reinigend, unser Leben wie in einem Spiegelbild, wir durchlaufen es so, daß es erscheint, als ob es von dem Tode bis zur Geburt gehen würde, und am Ende der Läuterungszeit stehen wir im Moment der Geburt. Zuerst das Alter, dann das mittlere Alter, bis zurück zur Kindheitszeit durchlaufen wir das Leben.
[ 18 ] Nun braucht sich niemand zu denken, daß dies durchaus nur eine schreckliche Zeit ist, nur eine solche Zeit, in der man brennenden Durst erlebt, in der man Sehnsuchten durchmacht. Das alles ist gewiß da; aber es ist nicht das einzige. Wir durchleben auch alles dasjenige, was wir zwischen der Geburt und dem Tode schon an Geistigem durchgemacht haben, wir durchleben auch die guten Ereignisse des Lebens so, daß wir sie gleichsam im Spiegelbild wiederum vor uns haben. Wie das ist, wird uns gleich vor die Seele treten, indem wir diese Zeit noch genauer betrachten. Nehmen wir an, ein Mensch wäre im 60. Lebensjahre gestorben. Dann durchlebt er zuerst das 59., dann das 58., das 57. Lebensjahr und so weiter; er durchlebt nur alles rückwärtslaufend in einer Art von Spiegelbild. Das bleibt nämlich, daß wir uns fühlen wie über die Dinge und Wesenheiten der Welt ergossen, wie in allen Wesenheiten und Dingen darinnen. Nehmen wir nun die Tatsache, daß wir in einem Leben, das also bis zum 60. Jahre gedauert hat, im 40. Jahre jemandem eine Beleidigung zugefügt hätten. Da durchleben wir also zwanzig Jahre mit einer dreifachen Geschwindigkeit zurück. Wenn wir beim 40. Jahre angekommen sind, dann durchleben wir jenen Schmerz, den wir dem andern zugefügt haben, aufs neue, aber wir erleben nicht dasjenige, was wir damals durchgemacht hatten, sondern dasjenige, was der andere durchgemacht hatte. Wenn wir aus einem Rachegefühl oder aus einer Zornesaufwallung heraus jemandem Schmerz zugefügt haben und wir dann nach dem Tode, rückwärtsschauend, zu diesem Momente kommen, dann fühlen wir nicht unsere Befriedigung, die wir durchgemacht haben, sondern dasjenige, was der andere erlebt hat. Wir sind im Geiste in ihn hineinversetzt. Und so ist es mit allem, was wir im Rückwärtswandern durchleben. Wir durchleben alles dasjenige, was wir an Wohltaten, was wir an Guttaten im Leben ausgestreut haben, in den wohltätigen Wirkungen, die es in unserer Umgebung verursacht hat.
[ 19 ] Dies durchleben wir mit jener Seele, die sich gleichsam ausgegossen fühlt in die ganze Umwelt. Das ist nicht ohne Wirkung, sondern der Mensch, indem er alles durchlebt, nimmt von all diesen Situationen des Durchlebens gewisse Marken, gewisse Eindrücke mit. Wir können dies etwa folgendermaßen charakterisieren. Aber ich bemerke ausdrücklich, daß man diese Dinge mit Worten eigentlich nur vergleichsweise charakterisieren kann, denn Sie können verstehen, daß unsere Worte geprägt sind für die physische Welt und eigentlich nur auf diese physische Welt im rechten Sinne anwendbar sind. Gebrauchen wir doch diese Worte — und wir könnten uns sonst ja nicht verständigen über all die geheimnisvollen Welten, die dem geistigen Auge sich erschließen —, dann müssen wir uns bewußt sein, daß diese Worte nur einen annähernden Sinn haben. Dasjenige, was da also durchlebt wird, kann nur so charakterisiert werden: Wenn der Mensch wahrnimmt den Schmerz, den er einem andern zugefügt hat, wenn er diesen Schmerz nach dem Tode nacherlebt, dann fühlt er ihn wie ein Entwickelungshemmnis. Er sagt sich etwa empfindend in seiner Seele: Was wäre ich geworden, wenn ich dem andern diesen Schmerz nicht zugefügt hätte? Dieser Schmerz ist etwas, was mein ganzes Wesen zurückhält von einem Grad von Vollkommenheit, den es sonst hätte erreichen können. — Und so sagt sich der Mensch bei allem, was er an Irrtum und Lüge, an Häßlichem verbreitet hat in seiner Umgebung: Das sind Entwickelungshindernisse, etwas, was ich mir selber in den Weg meiner Vervollkommnung gelegt habe. — Und daraus formt sich eine Kraft in der menschlichen Seele, die dahin geht, daß der Mensch in jenem Zustande, in dem er jetzt lebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aufnimmt die Sehnsucht, aufnimmt die Willensimpulse, diese Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Das heißt, Stück für Stück nehmen wir in der Rückwärtswanderung Impulse auf, im kommenden Leben das wieder gutzumachen, wiederum auszugleichen, was wir uns selber an Hindernissen in den Weg gelegt haben.
[ 20 ] Daher dürfen wir uns auch nicht dem Glauben hingeben, daß dasjenige, was wir da durchmachen, bloß Leiden sei. Leid und Entbehrung ist es gewiß, und schmerzlich ist es, wenn wir all das auf unsere eigene Seele geladen sehen, was wir selber verursacht haben; aber wir erleben es doch so, daß wir froh sind, es erleben zu dürfen, weil wir nur dadurch jene Kraft aufnehmen können, die uns befähigt, jene Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Und so addieren sich zusammen alle diese Impulse, die wir während der Läuterungszeit aufnehmen, und wenn wir zurückgekommen sind bis zum Anfang unseres letzten Lebens, dann ist eine mächtige Summe da, die in uns als ein ungeheurer Drang lebt, in einem neuen Leben, in den folgenden Daseinsstufen alles dasjenige auszugleichen, was auszugleichen ist in dem charakterisierten Sinne. Mit der Kraft also, unseren Willen künftighin so zu entfalten, daß für alles Unrechte, Häßliche, Schlimme, das wir getan haben, der Ausgleich geschaffen wird, mit dieser Kraft sind wir ausgerüstet am Ende der Läuterungszeit. Das ist eine Kraft, von der der Mensch etwa eine Ahnung bekommen kann, wenn er sich durch eine weise Selbsterkenntnis damit bekanntmacht, welche Gewissensbisse es ihm verursacht, wenn er zurückdenkt an das, was er diesem oder jenem angetan hat. Aber alles das bleibt im Leben bloß Gedanke. Ein mächtiger Schaffensdrang wird es in der Läuterungszeit zwischen Tod und einer neuen Geburt. Und mit diesem Schaffensdrang ausgestattet geht der Mensch jetzt in ein neues Leben ein: in das eigentlich geistige Leben.
[ 21 ] Wenn wir dieses geistige Leben, das der Mensch nach der Läuterungszeit betritt, verstehen wollen, dann können wir das auf die folgende Art. Es ist schwer, die ganz andersartigen Erlebnisse, welche der Geistesforscher hat, wenn er prüft das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, die ganz andersartigen wesenhaften Eindrücke, die sich mit nichts vergleichen lassen, was das Auge in der Sinnenwelt sehen und der an das Gehirn gebundene Verstand denken kann, einzufangen in die Worte unserer Sprache; aber man kann sich auf folgende Weise etwa eine Vorstellung von demjenigen verschaffen, was wie eine neue Welt dem Geistesforscher durch seinen Einblick in die geistige Welt aufgehen kann. Wenn Sie um sich sehen und begreifen wollen die Welt, wenn Sie verstehen wollen dasjenige, was um Sie herum ist, dann tun Sie das dadurch, daß Sie denken, daß Sie sich Vorstellungen bilden von den Dingen, die um Sie herum sind. Es wäre nun eine logisch absurde Vorstellung, wenn jemand denken würde, man könne Wasser aus einem Glas herausschöpfen, in dem keines drinnen ist. Genau so wäre es, wenn Sie sich vorstellen würden, daß Sie aus einer Welt Gedanken, Gesetze herausholen, herausschöpfen könnten, in der keine Gedanken, keine Gesetze darin sind. Alles menschliche Wissen, alle menschliche Erkenntnis wäre eitel Träumerei, wäre nichts anderes als eine Phantastik, wenn die Gedanken, die wir zuletzt in unserem Geist ausformen, nicht als Gedanken den Dingen schon zugrunde lägen, daß also die Dinge aus Gedanken herausgesprossen sind. Alle diejenigen, welche da glauben, daß die Gedanken nur etwas sind, was der menschliche Geist bildet, was nicht den Dingen zugrunde liegt als eigentliche Wirkens- und Schaffenskräfte der Dinge, die sollten nur gleich überhaupt alles Denken aufgeben; denn die Gedanken, die so gebildet würden, ohne daß sie einer äußeren Gedankenwelt entsprechen, die wären eitel Hirngespinste. Einzig und allein derjenige denkt real, der weiß, daß sein Denken der äußeren Gedankenwelt entspricht und wie in einem Spiegel in unserem Innern die äußere Gedankenwelt wiederum auferweckt; er weiß, daß aus dieser Gedankenwelt alle Dinge ursprünglich hervorgesprossen sind.
[ 22 ] So also ist zwar für uns Menschen der Gedanke das letzte, das wir ergreifen von den Dingen, den Dingen aber liegt er als ihr erstes zugrunde. Der schöpferische Gedanke liegt den Dingen zugrunde, aber die Gedanken der Menschen, durch die der Mensch zuletzt erkennt, unterscheiden sich doch in einer gewissen, sehr bedeutungsvollen Beziehung von den schöpferischen Gedanken draußen. Wenn Sie in die menschliche Seele hineinzublicken versuchen, dann werden Sie sich sagen: Wie auch dieses menschliche Denken herumschweifen mag in dem Horizont der Gedanken und Vorstellungen, solange der Mensch denkt, solange er durch seine Gedanken die Geheimnisse der Dinge zu ergründen versucht, so lange nehmen sie sich aus wie etwas, dem ferne liegt alles Schöpferische. — Das ist das Figenartige der menschlichen Gedanken, daß sie das produktive, das schöpferische Element, das in den Gedanken, die die Welt draußen durchweben und durchleben, enthalten ist, verloren haben. Diejenigen Gedanken, die die Welt draußen durchsetzen, werden durchzogen mit dem Element, das im menschlichen Inneren erst heraufsprießßt wie ein geheimnisvoller Untergrund unseres Daseins. Das wissen Sie ja, daß Ihre Vorstellungen, wenn sie umgegossen sein sollen in den Willen, dann untertauchen müssen in die Untergründe des menschlichen Wesens, daß der Gedanke selber noch nicht durchzogen ist von dem Willen. Der Gedanke aber, der draußen in der Welt wirkt, der ist durchzogen und durchwebt vom Willen. Und das eben ist das eigenartige des Geistes, der objektiv draußen die Dinge durchwirkt, daß er schöpferisch ist. Dadurch ist er aber nicht mehr nur Gedanke, dadurch ist er Geist. Der Gedanke der menschlichen Natur ist dadurch zustande gekommen, daß der Wille aus dem Geist herausgepreßt ist und daß dieser wie ein Reflex erst aus dem Menschen heraus erscheint. Für den geistigen Blick zeigt er sich draußen nirgends von dem Schöpferischen getrennt.
[ 23 ] In diesen Geist, der in sich zusammengeschlossen enthält Willen und Gedanken, tritt der Mensch wie in eine neue Welt ein, wenn er nach dem Tode seine Läuterungszeit durchgemacht har. Und so, wie wir hier in dieser Welt, die wir durchlaufen zwischen Geburt und Tod, leben umgeben von den Eindrücken unserer Sinne, umgeben von alle dem, was unser Verstand denken kann, wie wir hier also von der physischen Welt umgeben und umschlossen sind, so ist der Mensch nach der Läuterungszeit überall umschlossen von der schöpferischen, geistigen Welt. Und er ist innerhalb dieser schöpferischen, geistigen Welt, er steckt darinnen und gehört dazu. Das ist auch dasjenige, was als ein erstes Erlebnis auftritt, wenn die Läuterungszeit durchlaufen ist: Der Mensch fühlt sich nicht in einer Welt, die ihn umstellt mit einem Horizont von Dingen, die er wahrnehmen kann, sondern er fühlt sich in einer Welt drinnen, wo er durch und durch schöpferisch ist. — Alles dasjenige nun, was der Mensch im letzten Leben und auch schon in den früheren Leben, soweit es noch nicht verarbeitet ist, in sich aufgenommen hat, was insbesondere in dem geschilderten Extrakt seines Äther- oder Lebensleibes ist, was zurückgeblieben in seinem astralischen Leib, als jener gewaltige Impuls, der ausgleichen will die Hindernisse, die bemerkt worden sind, alles dasjenige, was so im Menschen ist, das fühlt er in sich jetzt produktiv, das fühlt er jetzt schöpferisch.
[ 24 ] Nun ist das Leben innerhalb der Produktivität etwas, was am besten bezeichnet wird mit dem Ausdruck Seligkeit oder Beseligung. Sie können schon im gewöhnlichen Leben vergleichsweise das beseligende Gefühl auf einer niedrigeren Stufe beobachten, wenn Sie das Huhn sitzen sehen auf dem Ei, es ausbrütend. In der Produktion selber liegt die wärmende Beseligung. In einem höheren Sinne kann man diese Beseligung der Produktion wahrnehmen, wenn der Künstler dasjenige, was in seiner Seele reif geworden ist, umsetzen kann in die materielle Außenwelt, wenn er produzieren kann. Von diesem Gefühl der Beseligung, von dem man auf diese Weise annähernd eine Vorstellung gewinnen kann, ist das ganze menschliche Wesen jetzt durchdrungen beim Durchgang durch die geistige Welt.
[ 25 ] Was arbeitet da der Mensch hinein in die geistige Welt? Er arbeitet hinein in die geistige Welt alles dasjenige, was er an Früchten, an Extrakt aus dem letzten und anderen vorangegangenen Leben gewonnen hat, wovon wir vorgestern sagen konnten, daß es zwar als Erlebnis an unsere Seele herangetreten ist, daß es der Mensch aber in dem Leben zwischen Geburt und Tod, weil er an dem physischen und Äther- oder Lebensleib eine Grenze hat, zunächst in sich behalten muß und nicht in seine Gesamtwesenheit hineinarbeiten kann. Jetzt ist der physische und der Äther- oder Lebensleib nicht mehr da, jetzt arbeitet er in rein geistiger Substantialität, jetzt prägt er ihr alles das ein, was er in dem letzten Leben zwar erlebt hat, was er aber wegen der Begrenztheit seines physischen und Äther- oder Lebensleibes nicht in sich selber hineinarbeiten konnte.
[ 26 ] Wenn wir uns nunmehr um die Länge der Zeit bekümmern, in der der Mensch also produktiv dasjenige, was er im letzten Leben gewonnen hat, ins Geistige hineinarbeitet, dann müssen wir uns vor allen Dingen fragen: Hat denn dieses Gesetz der wiederholten Erdenleben, auf das wir hingedeutet haben, einen gewissen Sinn? — Ja, das hat einen Sinn, und dieser zeigt sich dadurch, daß der Mensch, wenn er eine Verkörperung durchgemacht hat, in einem neuen Leben nicht etwa dann erscheint, wenn er dieselben Erlebnisse wieder durchmachen kann, sondern er erscheint erst dann wieder, wenn sich die irdische Außenwelt mittlerweile so verändert hat, daß er völlig neue Erlebnisse durchmachen kann. Derjenige, der nun ein wenig nachdenkt über die Entwickelung, wird finden, daß schon in bezug auf das Physische die Erdenphysiognomie von Jahrtausend zu Jahrtausend sich beträchtlich ändert. Denken Sie einmal nach, wie es etwa ausgesehen haben mag hier, wo jetzt diese Stadt liegt, zur Zeit Christi, wie es da ganz anders war, und wie dieser Erdenfleck sich seit dieser Zeit verändert hat; und denken Sie daran, wie sich erst dasjenige, was wir moralische, intellektuelle und sonstige geistige Entwickelung der Menschheit nennen, im Laufe weniger Jahrhunderte ändert. Denken wir daran, was die Kinder etwa vor wenigen Jahrhunderten in den ersten Lebensjahren in sich aufgenommen haben, und denken wir daran, was sie heute in den ersten Lebensjahren verarbeiten. Die Erde ändert ihre Physiognomie, und nach einer bestimmten Zeit kann der Mensch die Erde wieder betreten und da ist alles so verändert, daß er nun Neues erleben kann. Erst wenn der Mensch Neues erleben kann, dann erst betritt er diese Welt von neuem.
[ 27 ] Die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ist dadurch bestimmt, daß der Mensch, wenn er, sagen wir, in irgendeinem Jahrhundert sich verkörpert hatte, hineinwuchs durch die Geburt in ganz bestimmte Vererbungsverhältnisse. Wir wissen ja, daß wir uns den menschlichen Wesenskern, das Geistig-Seelische des Menschen nicht so vorstellen dürfen, als ob es zusammenaddiert wäre aus demjenigen, was die Eigenschaften der Eltern, Voreltern, Urgroßeltern und so weiter sind. Wir haben betont, daß ebensowenig wie der Regenwurm aus dem Schlamm herauswächst, die menschliche Seele aus dem Physischen entsteht. Seelisches entsteht aus Seelischem, wie Lebendiges aus Lebendigem. Wir haben betont, daß uns diese menschliche Seele zurück weist auf ein früheres Leben und daß sie durch die Geburt so ins Dasein tritt, daß sie die Vererbungseigenschaften zusammenzieht. Indem wir aber das vor die Seele rücken, müssen wir uns auch klar sein, daß, wenn wir auf ein früheres Leben zurückblicken, wir aus diesem früheren menschlichen Leben hereintragen durch die Geburt diejenigen Eigenschaften, welche sich im Verlaufe zwischen dem Tode und einer neuen Geburt nach und nach entfalten. Wir nehmen dann durch die Pforte des Todes dasjenige mit, was wir zwischen der Geburt und dem Tod neu gewonnen haben, was wir aus einem früheren Leben noch nicht haben schöpfen können. So daß wir — das ist ja auch schon hervorgehoben worden — durch die Pforte des Todes nunmehr tragen alles dasjenige, was im letzten Leben Stück für Stück gewonnen worden ist. Das können wir nun, wenn wir das Leben im Geiste durchmachen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, nur dadurch wiederum in einem neuen Verhältnis entfalten, daß wir nicht darauf angewiesen sind in diesem neuen Dasein, die vererbten Verhältnisse wiederzufinden, die wir im früheren Dasein hatten. Im früheren Dasein hatten wir in unsere Seele hereingezogen gewisse Eigenschaften der Ahnen. Wir würden nichts Neues in einem neuen Dasein antreffen, wenn wir die Eigenschaften der Ahnen in derselben Weise vorfinden würden. Haben wir uns also in einem bestimmten Jahrhundert verkörpert, dann müssen wir, damit wir auch nach dieser Richtung in einem neuen Dasein uns ausleben können, so lange durch die geistige Welt durchschreiten, bis sich alle jene vererbten Eigenschaften verloren haben, zu denen wir uns früher hingezogen fühlten, und zu denen wir uns so lange hingezogen fühlen würden, solange sie da sind. Es hängt unsere Wiederverkörperung davon ab, daß diejenigen Eigenschaften, welche durch die Geschlechter sich hindurchgezogen haben, verschwunden sind. Blicken wir also hinauf zu unseren Ahnen, dann finden wir bei unseren Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und so weiter gewisse Eigenschaften, die sind heruntergetragen durch Vererbung bis zu unserem jetzigen Dasein. Wir treten nun nach dem Tode in die geistige Welt. Da verbleiben wir, bis verschwunden sind in der Vererbungslinie all die Eigenschaften, zu denen wir uns in dieser Verkörperung hingezogen fühlten. Das dauert aber viele Jahrhunderte, und zwar zeigt die Geistesforschung, daß die Zeit so viele Jahrhunderte dauert, daß wir etwa sagen können, es vererben sich gewisse Eigenschaften, die sich von Generation zu Generation ziehen. Ungefähr siebenhundert Jahre dauert es, dann sind die Eigenschaften, die sich von Generation zu Generation ziehen, so weit verschwunden, daß wir sagen können: Was wir damals bei den Ahnen fanden, das hat sich verflüchtigt. — Jetzt aber müssen sich Eigenschaften so weit ausbilden, daß sie neuerdings siebenhundert Jahre durchlaufen. Und wir kommen dahin, zweimal siebenhundert Jahre als die Zeit angeben zu können — sie ist natürlich nur eine Durchschnittszahl, sie zeigt sich aber der Geistesforschung als diejenige Zeit, die da verläuft zwischen dem Tod und einer neuen Geburt —, bis die Seele durch eine neue Geburt wiederum ins Dasein tritt.
[ 28 ] Nun müssen wir uns vor allen Dingen darüber unterrichten, daß hinaufragt in diese geistige Welt alles dasjenige, was hier auf der Erde schon geistig ist. Wir haben ja gerade hervorgehoben, daß dasjenige, was wir in unseren Geist hereinnehmen, draußen in der geistigen Welt schöpferisch ist. Wir haben gesehen, daß wir selber in einer gewissen Weise in dieser schöpferischen Welt mit unserem Schöpferischen drinnen sind. Diese geistige Welt, die draußen schöpferisch ist, sie spiegelt sich in einer gewissen Weise in unserer eigenen Seele. Insofern unsere eigene Seele Geistiges erlebt, ein geistiges Leben durchläuft, sind auch die geistig-seelischen Erlebnisse unseres Innern Bürger der geistigen Welt. Wie die geistige Welt in die physische herunterragt, so ragt unser Geistiges hinauf in die allgemeine geistige Welt. Dadurch aber ist uns erklärlich, was die Geistesforschung behaupter: Was am Menschen ist in bezug auf seine verschiedenen Wesensglieder, das legt die äußeren Hüllen ab, und es bleibt das Geistige und wächst hinauf in die produktive geistige Welt; es ist uns auch erklärlich, daß auch die geistigen Verhältnisse, alles Seelische, was sich hier in der physischen Welt abspielt, die äußeren Hüllen ablegt und in die geistige Welt hinauflebt. Nehmen wir die Liebe, die die Mutter hat zu ihrem Kinde. Diese wächst aus der physischen Welt heraus. Sie trägt zunächst einen animaliischen Charakter. Es sind Sympathien, welche Mutter und Kind verbinden, welche eine Art von physischer Kraftwirkung sind. Dann aber läutert sich dasjenige, was aus der physischen Welt herauswächst, es veredelt sich die Liebe der beiden Wesenheiten; immer mehr und mehr seelisch-geistig wird diese Liebe. Alles, was der physischen Welt entspringt, wird ebenso abgeworfen im Tode wie die äußeren Hüllen. Dafür bleibt aber auch alles dasjenige bestehen, was in dieser physisch-menschlichen Hülle an Seelischem, an Geistigem in dieser Liebe aufgebaut wird, ebenso wie das menschliche Innere selbst in die geistige Welt hineinlebt, so daß die Liebe zwischen Mutter und Kind fortlebt in der geistigen Welt. Da finden sie sich wiederum, Jetzt nicht mehr begrenzt durch die Schranken der physischen Welt, sondern in jener geistigen Umgebung, wo wir nicht die Dinge außer uns haben, sondern wo wir in den Dingen leben und weben und sind. Daher muß man sich dasjenige, was da herrscht in der geistigen Welt, als das Resultat der in der physischen Welt begründeten Liebe und Freundschaftsverhältnisse vorstellen; man muß sie sich so vorstellen, daß viel inniger verbunden sind diejenigen, die in der geistigen Welt sich verbunden haben, als die Bande der Liebe, der Freundschaft, die geschlungen werden in der physischen Welt. Und unsinnig ist es, zu fragen, ob wir diejenigen, mit denen wir in Liebe und Freundschaft zusammenleben in der physischen Welt, nach dem Tode wieder erblicken. Wir erblicken sie nicht nur, sondern wir leben in ihnen; wir sind sozusagen über sie ergossen. Und alles, was innerhalb der Schranken der Sinnenwelt gewoben wird, das erhält erst seinen rechten Sinn, seine rechte Bedeutung, wenn wir mit dem geistigen Teil davon in die geistige Welt hinaufwachsen.
[ 29 ] So sehen wir die Vergeistigung nicht nur des Menschen, sondern der Menschheit in ihren edelsten Beziehungen in dem geistigen Lande, das der Mensch durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Da bilden sich aber auch all die Impulse, die der Mensch hineingetragen hat in die geistige Welt, in lebendige Urbilder um. Wir sahen ja, daß der Mensch hineinging in die geistige Welt mit einer Essenz des Äther- oder Lebensleibes, das heißt mit einer Essenz all der Erlebnisse, die er gehabt hat zwischen der Geburt und dem Tode. Wir sehen den Menschen eintreten in die Geisteswelt mit jenem mächtigen Impulse, der ihn ausgleichen läßt, was er Unrechtes getan hat. Das webt der Mensch zusammen zu einem geistigen Urbild. Und die Zeit, die er verbringt in der geistigen Welt, die verläuft so, daß dieses Urbild immer mehr und mehr gewoben wird so, daß es die Früchte aus dem vorhergehenden Leben und den Drang, den Willen zur Ausgleichung seines Unrechtes, des Häßlichen, das er getan hat, immer mehr und mehr einverwoben erhält. Und so ist der Mensch in jener Zeit fähig, einerseits alles das, was er in früheren Leben an Fähigkeiten sich erworben hat, jetzt in den Leib, der ihm bei der Wiederverkörperung zur Verfügung gestellt wird, plastisch hineinzugestalten, andererseits wird der Mensch dadurch, daß er in sein Urbild hineinverwoben hat den Drang, den Impuls, auszugleichen, was er Unrechtes, Häßliches, Böses getan hat, angezogen von Verhältnissen, die ihm gestatten, dieses Unrecht, dieses Häßliche, das er getan hat, wiederum auszugleichen. Wir treten durch die Geburt ins Dasein mit dem Willen, in solche Verhältnisse hineinzukommen, die uns gestatten, Unvollkommenheiten unseres früheren Lebens auszugleichen. So suchen wir durch einen verborgenen Willen in entsprechenden Fällen den Schmerz auf, wenn wir aus unserem vorgeburtlichen Drang heraus die unbewußte Erkenntnis haben, daß nur die Überwindung dieses Schmerzes uns gewisse Hindernisse, die wir uns früher in den Weg gelegt haben, hinwegräumen kann.
[ 30 ] So sehen wir, wie der Mensch durch die geistige Welt schreitet, in der er schon vor der neuen Geburt seinen physischen Leib plastisch ausgestalten kann. Und jetzt sehen wir auch, wie dasjenige, was wir hineingewoben haben in unser Urbild, sich erst nach und nach mit unserem Leben nach der Geburt vereinigt. Denn der kennt das Leben nicht, der da glaubt, daß im Kinde schon alles im Innern liegt, was sich an Fähigkeiten, an Seelenvermögen im Leben ausbildet. Wer das Leben richtig betrachten kann, sieht den Menschen durch die Geburt ins Dasein treten und sieht, wie der Mensch sich selber erst nach und nach im Leben findet, wie der Mensch in den ersten Jahren keineswegs schon vollständig im Innern das hat, was er werden kann. Wir können das Leben viel besser verstehen, wenn wir sagen: Der Mensch vereinigt sich erst nach und nach mit demjenigen, was er als ein geistiges Urbild in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt gewoben hat, nach und nach wächst er damit zusammen, bis er im freien Wechselspiel der Außenwelt gegenübertritt. — Wer das Leben ohne Vorurteile betrachtet, der kann sehen, wie der Mensch als Kind noch von der geistigen Atmosphäre umschwebt wird, die er sich gewoben hat zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und wie er sich nach und nach an sein eigenes Urbild anpaßt, das er noch nicht verwoben hat mit seiner Körperlichkeit, die er bei der Geburt mitbringt. Während das Tier schon von der Geburt an verwoben ist mit seinem Urbild, sehen wir den Menschen individuell und bestimmt erst hineinwachsen in das Urbild, das er sich durch die wiederholten Erdenleben bis zu diesem letzten herauf selber gewoben hat. Und wir verstehen dann das Physisch-Sinnliche des Menschenlebens am besten, wenn wir es so auffassen, daß wir sagen: es ist uns wirklich wie die Schale eines Tieres, einer Auster, die wir am Wege finden. Solange wir sie begreifen wollen als bloß zusammengebaut, meinetwegen aus Schlamm, so lange wird uns diese Schale nicht begreiflich werden können. Wenn wir aber voraussetzen, daß dasjenige, was an der Schale Schicht für Schicht sich abgelagert zeigt, ausgeschieden ist von dem Innern eines Tieres, das diese Schale verlassen hat, dann verstehen wir das Gebilde.
[ 31 ] Das Leben des Menschen zwischen der Geburt und dem Tode, wir verstehen es nicht, wenn wir es bloß aus sich selber begreifen wollen, wenn wir es so begreifen wollen, daß wir bloß dasjenige, was in der unmittelbaren Umgebung ist, zusammenziehen. Da können wir lange sagen, daß der Mensch sich anpaßt an Umgebung, Volk, Familie. Ebensowenig wie uns die Austernschale ohne Auster begreiflich wird, wird uns das menschliche Leben begreiflich sein, wenn wir es nur als aus seiner unmittelbaren Umgebung herausgebildet betrachten. Hell und klar wird es aber, wenn wir voraussetzen können, daß der Mensch aus einer geistigen und seelischen Welt kommt und daß er in dieser geistigen und seelischen Welt die Errungenschaften, den Extrakt, die Früchte früherer Leben verarbeitet hat, und daß er sein neues Dasein mit Hilfe dieser Verarbeitung neugestaltet. So wird uns das Leben selbst erst begreiflich durch dasjenige, was über dem Leben liegt, so wird uns die physische Welt erst durch die geistige und seelische Welt begreiflich.
[ 32 ] Dies ist der Kreislauf des Menschen durch die Sinnen-, Seelen- und Geisteswelt. Erblicken wir den Menschen so, dann haben wir in seinem physisch-sinnlichen Leben gleichsam nur einen Teil seines vollständigen Lebenskreislaufes. Und unsere Erkenntnis ist dann, wenn wir sie so im rechten Sinne betreiben, nicht bloß eine theoretische Erkenntnis, die uns dieses oder jenes sagt wie die äußere Wissenschaft, sondern sie ist eine Erkenntnis, die uns zu gleicher Zeit objektiv zeigt, wie das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt Sinn und Bedeutung erhält, indem dasjenige, was wir hier einsammeln, in einer höheren Welt seine Verarbeitung findet. Aus solcher Erkenntnis ersprießt uns Wissen und Willenskraft für das Leben, sprießt uns Sinn und Bedeutung, Zuversicht und Hoffnung für das Leben. Wir brauchen einer solchen Erkenntnis nicht etwa bloß zuzuschreiben, daß wir trostlos blicken in vergangene Leben, von denen wir etwa sagen: Nun, da wird behauptet, daß wir unseren Schmerz uns selber zubereitet haben. Zu dem Schmerz wird noch diese Trostlosigkeit hinzugefügt! — Nein, wir können uns sagen: Dieses Gesetz ist nicht bloß ein solches, das auf die Vergangenheit weist, sondern auch ein solches, das in die Zukunft weist, das uns zeigt, daß überwundener Schmerz Kraftzuwachs ist, den wir verwerten im neuen Leben, und je mehr wir arbeiten, je mehr wir Schmerz überwunden haben, desto stärker wird unsere Kraft sein. Im Glück kann man im höheren Sinn nur leiden, es ist eine Erfüllung aus früheren Leben. Im Schmerz kann man Kräfte ausbilden, und die durch die Überwindung des Schmerzes ausgebildeten Kräfte bedeuten eine Steigerung für das zukünftige Leben. Und wir schreiten getrost durch die Pforte des Todes, wenn wir wissen, daß der Tod ins Leben hereingebracht sein muß, damit sich dieses Leben von Stufe zu Stufe steigern kann. Damit erscheint es wohl gerechtfertigt, wenn gesagt wird: Geisteswissenschaft in diesem Sinne ist nicht allein eine Theorie, sie ist Saft und Kraft für das Leben, indem dasjenige, was unmittelbar in unser ganzes seelisches Dasein einfließt, dieses gesund und kräftig und stark macht. — Geisteswissenschaft ist dasjenige, was bewahrheitet die Worte, die einem jeden Geistesforscher und wohl jedem Menschen, der etwas erahnt von der geistigen Welt, in der Seele leben müssen als Wahrworte, als Leitworte für sein sich steigerndes, gesundes und kraftvolles Leben, das selbst in der Überwindung des Schmerzes Kraftsteigerung erblickt, bewahrheitet die Worte:
Rätsel an Rätsel stellt sich im Raum,
Rätsel an Rätsel läuft in der Zeit;
Lösung bringt der Geist nur,
Der sich ergreift
Jenseits von Raumesgrenzen
Und jenseits vom Zeitenlauf.
