Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Makrokosmos und Mikrokosmos
Die große und die kleine Welt Seelenfragen, Lebensfragen, Geistesfragen
GA 119

21 März 1910, Wien

Erster Vortrag

[ 1 ] In diesem Vortragszyklus soll ein Überblick gegeben werden über die geisteswissenschaftlichen Forschungen, welche uns in den Stand setzen, die wichtigsten Rätsel des menschlichen Lebens zu durchschauen, soweit das möglich ist nach Maßgabe derjenigen Bedingungen und Grenzen, die einem Begreifen der höheren Welten in unserer Zeit nun schon einmal gesetzt sind. Und zwar soll ein solcher Überblick dieses Mal so gegeben werden, daß von Näherliegendem ausgegangen und von diesem Näherliegenden aus der Aufstieg versucht wird in immer höhere Gebiete des Daseins und in immer verborgenere Rätsel des menschlichen Lebens. Nicht so sehr soll dieses Mal in der Darstellung von irgendwelchen feststehenden, wie Dogmen sich ausnehmenden Begriffen und Ideen ausgegangen werden, sondern es soll in möglichst einfacher Weise zuerst Bezug genommen werden auf dasjenige, was jeder Mensch als etwas auch dem gewöhnlichen Leben Naheliegendes empfinden muß. Geistesforschung, Geisteswissenschaft überhaupt beruht ja darauf, daß vorausgesetzt wird, derjenigen Welt, in der wir zunächst leben, die uns zunächst bekannt ist, liege eine andere, sagen wir, die geistige Welt zugrunde, und in dieser geistigen Welt, welche unserer sinnlichen und bis zu einem gewissen Grade auch unserer seelischen Welt zugrunde liegt, haben wir die eigentlichen Ursachen, die Bedingungen zu demjenigen zu suchen, was in der sinnlichen und in der seelischen Welt eigentlich vorgeht. Nun ist es ja wohl allen hier Anwesenden bekannt, und es ist berührt worden in den einleitenden öffentlichen Vorträgen, daß es bestimmte Methoden gibt, die der Mensch auf sein Seelenleben anwenden kann und durch die er gewisse Fähigkeiten seiner Seele, die im gewöhnlichen, normalen Leben schlummern, wachrufen kann, so daß er den Augenblick der Einweihung oder Initiation erlebt, durch den er eine neue Welt, eben die Welt der geistigen Ursachen, der geistigen Bedingungen für die sinnliche und seelische Welt so um sich herum hat, wie etwa der bis dahin Blinde nach der Operation die Welt der Farben und die Welt des Lichtes um sich herum hat. Von dieser Welt, die also eigentlich diejenige ist, die wir von Stunde zu Stunde in diesem Zyklus von Vorträgen immer mehr und mehr aufsuchen wollen, von dieser Welt geistiger Tatsachen und geistiger Wesenheiten ist ja der Mensch im heutigen normalen Leben getrennt. Und zwar ist der Mensch getrennt von dieser geistigen Welt nach zwei Seiten hin: nach derjenigen Seite hin, die wir die äußere nennen können, aber auch nach derjenigen Seite hin, die wir die innere nennen können.

[ 2 ] Wenn der Mensch den Blick in die Außenwelt richtet, so sieht er in dieser Außenwelt dasjenige, was sich zunächst seinen Sinnen darbietet. Er sieht Farben, Licht, er hört Töne, er nimmt Wärme und Kälte wahr, Gerüche, Geschmäcke und so weiter. Das ist diejenige Welt, die den Menschen zunächst umgibt. Stellen wir uns einmal diese um uns liegende Welt vor, wie sie sich ausbreitet vor unseren Sinne, so können wir sagen: an ihr haben wir zunächst eine Art von Grenze, denn durch unmittelbare Wahrnehmung, durch unmittelbares Erleben kann der Mensch nicht hinter diese Grenze schauen, die ihm gegeben ist durch die sich vor ihm ausbreitende Farben- und Lichtwelt, durch die Welt der Töne, Gerüche und so weiter. Er kann nicht hinter dieser Grenze wahrnehmen. Wir können es uns ja ganz, ich möchte sagen, trivial anschaulich machen, wie wir da nach außen hin eine Grenze haben. Wir sehen uns eine meinetwillen blau bestrichene Fläche an. Was zunächst hinter dieser blau bestrichenen Fläche sich befindet, das sieht der Mensch unter gewöhnlichen Verhältnissen nicht. Nun ja, gewiß! Ein Trivialling könnte einwenden, man brauche ja bloß dahinterzuschauen. Aber so verhält es sich ja nicht in bezug auf diejenige Welt, die um uns herum ausgebreitet ist. Gerade durch dasjenige, was wir wahrnehmen, deckt sich uns eine äußere geistige Welt zu, und wir können höchstens empfinden, daß wir in Farbe und Licht, in Tönen, in Wärme und Kälte und so weiter äußere Offenbarungen einer dahinterliegenden Welt haben. Aber in einem gegebenen Augenblick können wir nicht durch die Farben, durch die Lichter, durch die Töne hindurch wahrnehmen, hindurch erleben dasjenige, was hinter ihnen ist. Wir müssen die ganze geistige Außenwelt eben durch diese ihre Offenbarungen wahrnehmen. Denn Sie brauchen sich ja nur ein wenig zu überlegen, so werden Sie auch durch einfachste Logik sich sagen können: Wenn auch zum Beispiel unsere gegenwärtige Physik oder andere wissenschaftliche Bestrebungen hinter der Farbe bewegte Äthermaterie sehen, es kostet doch nur ein wenig Überlegung, um sich zu sagen, daß dasjenige, was da hinter der Farbe angenommen wird, nur etwas Hinzugedachtes, etwas nur durch Denken Geschlossenes ist. Niemand kann dasjenige, was zum Beispiel die Physik erläutert als Schwingungen, als Bewegungen, von denen die Farbe eine Wirkung sei, direkt wahrnehmen. Niemand kann zunächst sagen, ob dasjenige, was da hinter den sinnlichen Eindrücken sein soll, irgendeiner Wirklichkeit entspricht. Es ist zunächst etwas bloß Gedachtes. Wie ein Teppich breitet sich diese äußere sinnliche Welt aus, und wir haben dann die Empfindung, daß hinter diesem Teppich der äußeren Sinneswelt etwas ist, in das wir zunächst mit der äußeren Wahrnehmung nicht eindringen können.

[ 3 ] Da haben wir die eine Grenze. Die andere finden wir, wenn wir in uns selber hineinblicken. In uns selber finden wir eine Welt von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Leidenschaften, Trieben, Begierden und so weiter; wir finden in uns alles dasjenige, was wir mit einem anderen Worte unser Seelenleben nennen. Wir fassen dieses Seelenleben gewöhnlich so zusammen, daß wir sagen: Ich empfinde diese Lust, ich empfinde diesen Schmerz, ich habe diese Triebe, ich habe diese Leidenschaften. Aber wir haben wohl auch die Empfindung, daß hinter diesem Seelenleben sich irgend etwas verbirgt, daß dahinter irgend etwas steht, was ebenso durch unsere Seelenerlebnisse verdeckt wird, wie irgend etwas Äußeres verdeckt wird durch die sinnlichen Wahrnehmungen. Denn wer sollte sich darüber täuschen, daß Lust und Leid, Freude und Schmerz und all die anderen Seelenerlebnisse wie aus einem Unbekannten des Morgens beim Aufwachen aufsteigen, daß der Mensch ihnen in einer gewissen Weise hingegeben ist. Und wer könnte leugnen, wenn er in gewisser Selbstschau das alles vor sich hinstellt, daß da in ihm selber etwas Tieferes, etwas ihm zunächst Verborgenes sein muß, das wie aus sich herausströmen läßt unsere Lust und unser Leid, Freude und Schmerz und all unsere Seelenerlebnisse, die zunächst ebenso Offenbarungen sind eines Unbekannten, wie die äußeren sinnlichen Wahrnehmungen Offenbarungen eines Unbekannten sind.

[ 4 ] Nun fragen wir uns einmal: Wenn zwei solche Grenzen da sind wenigstens zunächst vermutungsweise da sein können —, haben wir als Menschen nicht doch gewisse Möglichkeiten, diese Grenzen in irgendeiner Weise zu durchdringen? Gibt es für den Menschen irgend etwas in seinem Erleben, durch das er sozusagen den äußeren Teppich der Wahrnehmungen durchdringt, wie wenn er ein Häutchen durchdringen würde, das ihm etwas zudeckt, und gibt es etwas, was tiefer in das menschliche Innere hineinführt, hinter unsere Lust, hinter unseren Schmerz, hinter unsere Freude, hinter unsere Leidenschaft und so weiter? Können wir gleichsam einen Ruck weiter in die Außenwelt gehen, und können wir einen Ruck weiter in die Innenwelt gehen?

[ 5 ] Nun gibt es ja zwei Erlebnisse, durch die in der Tat so etwas bewirkt wird, daß der Mensch sozusagen die Haut nach außen und den Widerstand nach innen in einer gewissen Weise besiegen kann. Wodurch kann sich uns zeigen, daß so etwas wie das äußere Häutchen, wie der äußere Sinnesteppich von uns in einer gewissen Weise zerrissen wird und wir in eine Welt eindringen, die verdeckt ist durch diesen Schleier des äußeren Sinnesteppichs? Wie kann sich uns das zeigen? Das kann sich uns zeigen, wenn wir in gewissen Lebensvorgängen etwas haben, was wir als neue Erlebnisse bezeichnen müssen gegenüber den gewöhnlichen Erlebnissen des Tages. Wenn es so etwas gibt, was ganz neue Erlebnisse sind, was der Mensch gewöhnlich nicht wahrnehmen kann, und wenn der Mensch während solcher Erlebnisse auch das Gefühl haben kann, daß die äußeren Wahrnehmungen, die uns durch die Sinne zukommen, hinunterschwinden, daß also der äußere Sinnesteppich gleichsam zerrissen wird, wenn das irgendwie der Fall wäre, dann könnten wir sagen, wir dringen etwas in diese hinter unseren Sinneswahrnehmungen liegende Welt ein.

[ 6 ] Nun gibt es zunächst ein solches Erlebnis. Nur hat dieses Erlebnis einen ganz beträchtlichen Nachteil für das menschliche Gesamtleben. Dieses Erlebnis ist dasjenige, was man, und zwar sei jetzt der Ausdruck im eigentlichen Sinne des Wortes gemeint, gewöhnlich die Ekstase nennt, die einen Augenblick den Menschen, wenn wir so sagen dürfen, vergessen läßt, was um uns herum ist an Eindrücken der Sinnenwelt, die den Menschen so weit bringt, daß er für Augenblicke des Daseins nichts sieht von demjenigen, was an Farbe, Licht, an Tönen, Gerüchen und so weiter rings um ihn herum ist und unempfänglich wird für die gewöhnlichen sinnlichen Eindrücke. Dieses Erlebnis der Ekstase kann unter gewissen Umständen allerdings den Menschen so weit bringen, daß er neue Erlebnisse hat, Erlebnisse, die in das gewöhnliche Tageserleben nicht hereinfallen. Wohlgemerkt, es soll durchaus nicht diese Ekstase hier als etwas Erstrebenswertes hingestellt werden, sondern sie soll nur geschildert werden als etwas, was möglich ist. Man darf auch nicht jedes gewöhnliche Außer-sich-Sein als eine Ekstase bezeichnen. Denn es ist zweierlei möglich. Das eine ist, daß der Mensch, wenn er die Empfänglichkeit verliert für die äußeren sinnlichen Eindrücke, einfach in einer Art Ohnmachtszustand ist, in dem sich um ihn herum an Stelle der Sinneseindrücke schwarze Dunkelheit ausbreitet. Das ist sogar für den normalen Menschen im Grunde genommen zunächst das beste. Aber es gibt eine Ekstase, und wir werden im Laufe der Vorträge schon hören, welche Bedeutung solch eine Ekstase hat, durch welche nicht bloß schwarze Dunkelheit sich ausbreitet um den Menschen herum, sondern durch welche sich dieses Feld schwarzer Dunkelheit sozusagen bevölkert mit einer Welt, die der Mensch früher gar nicht gekannt hat. Sagen Sie nicht, das kann eine Welt der Illusion sein, eine Welt der Täuschung. Schön, es sei zunächst eine Welt der Illusion, eine Welt der Täuschung. Nennen Sie es meinetwillen eine Summe von Nebelbildungen oder sonstwie, darauf kommt es jetzt nicht an, sondern es kommt darauf an — seien es Illusionen, seien es Bilder, was immer —, daß es in der Tat eine Welt sein kann, die der Mensch bisher nicht gekannt hat. Der Mensch muß sich dann fragen: Bin ich denn imstande, nach alle dem, was ich mir an Fähigkeiten bisher angeeignet habe, mir aus meinem gewöhnlichen Bewußtsein heraus solche Dinge selber aufzubauen? — Wenn die Bilderwelt, die er da sieht, so ist, daß der Mensch sich sagen kann: Ich bin unfähig, nach meinen bisherigen Fähigkeiten, eine solche Welt aufzubauen — dann ist ihm klar, daß ihm diese Welt von irgendwoher gegeben sein muß. Ob ihm in ihr irgendein gewaltiger Weltenzauberer Blendwerk vorzaubert oder ob sie eine Realität ist, darüber sei hier noch nichts ausgemacht, darüber wollen wir später die Entscheidung fällen. Jetzt kommt es nur darauf an, daß es Zustände gibt, in denen der Mensch Welten sieht, die ihm bisher unbekannt waren.

[ 7 ] Nun ist aber dieser ekstatische Zustand mit einem ganz besonderen Nachteil für den normalen Menschen verbunden. Der Mensch kann nämlich auf natürliche Weise in diesen ekstatischen Zustand nicht anders kommen als dadurch, daß dasjenige, was er sonst sein Ich nennt, sein starkes inneres Selbst, wodurch er alle einzelnen Erlebnisse immer zusammenhält, wie ausgelöscht ist. Der Mensch, der in Ekstase ist, ist wirklich wie außer sich, sein Ich ist wie unterdrückt. Er ist wie ausgegossen und ausgeflossen in die neue Welt, mit der sich da die schwarze Finsternis bevölkert. So also haben wir zunächst das eine Erlebnis zu schildern, das ist ein Erlebnis, das unzählige Menschen schon gehabt haben und haben können; wie sie es haben können und gehabt haben, davon im Verlaufe der Vorträge Weiteres. Und wir haben ein Zweifaches in diesem Erlebnis der Ekstase vorliegen. Das eine ist: Es schwinden die Eindrücke der Sinne; alles, was der Mensch gewohnt ist, durch die Sinne wahrzunehmen, ist ausgelöscht; ausgelöscht sind die Erlebnisse, die der Mensch sonst hat gegenüber der Sinneswelt, wo er empfindet: Ich höre Töne, ich sehe Farben. — Ausgelöscht ist auch das Ich. Der Mensch erlebt sein Ich niemals im Zustande der Ekstase; er unterscheidet sich in der Ekstase nicht von den Gegenständen. Dadurch bleibt es auch zunächst noch unbestimmt, ob man es mit einer äußeren Wirklichkeit oder mit Blendwerk zu tun hat. Denn im Grunde genommen ist es nur das Ich, das die Entscheidung treffen kann, ob man es zu tun hat mit Gaukelei oder mit einer Realität.

[ 8 ] Diese zwei Erlebnisse gehen also in der Ekstase parallel, der Verlust oder wenigstens die Herabminderung des Ich-Gefühls, auf der einen Seite, und auf der andern Seite das Hinschwinden der äußeren Sinneswahrnehmung. Die Ekstase zeigt also wirklich, wie in der Tat der Teppich der Sinneswelt sich auflöst, abbröckelt, und unser Ich, das wir sonst fühlen, wie wenn es sich stößt an der Haut, an dem Teppich der äußeren Sinneswelt, nun durchfließt durch die sinnlichen Wahrnehmungen und in einer Welt von Bildern lebt, die ihm etwas Neues ist. Denn das ist das Charakteristische, daß in der Ekstase der Mensch Wesenheiten und Begebenheiten kennenlernt, die ihm früher unbekannt waren, die er nirgends finden würde, wie weit er auch mit seinem sinnlichen Anschauen und mit dem Kombinieren über die sinnlichen Tatsachen gehen würde; das ist das Wesentliche also, daß der Mensch Neues kennenlernt. In welchem Verhältnis das zur Realität steht, werden wir in den späteren Vorträgen noch kennenlernen.

[ 9 ] So sehen wir in der Ekstase etwas wie ein Durchbrechen der äußeren Grenze, die dem Menschen gegeben ist. Ob wir in der Ekstase in eine wahre Welt kommen, ob diese Welt diejenige ist, von der wir vermuten, daß sie als Geistiges zugrunde liegt unserer sinnlichen Welt, das wird sich noch zeigen.

[ 10 ] Nun fragen wir nach der andern Seite, ob wir auch hinter unsere innere Welt kommen können, hinter die Welt unserer Lust, unseres Leides, unserer Freude, unseres Schmerzes, unserer Leidenschaften, Triebe und Begierden. Auch da gibt es einen Weg. Es gibt wiederum Erlebnisse, welche hinausführen aus dem Bereich des Seelenlebens, wenn wir dieses immer mehr und mehr in sich selbst vertiefen. Der Weg, der da beschritten wird, ist derjenige, den Sie ja auch kennen, es ist der Weg der sogenannten Mystik, der Weg vieler Mystiker. Das mystische Vertiefen besteht darin, daß der Mensch zunächst ablenkt seine Aufmerksamkeit von den äußeren Eindrücken, daß er sich dafür aber um so mehr hingibt den eigenen inneren Seelenerlebnissen, daß er versucht, insbesondere aufzumerken auf dasjenige, was er in sich selber erlebt. Solche Mystiker, die die Kraft haben, nicht zu fragen nach den äußeren Veranlassungen ihres Interesses, ihrer Sympathie und Antipathie, nicht zu fragen nach den äußeren Veranlassungen ihres Schmerzes, ihrer Lust, sondern die lediglich auf dasjenige sehen, was da an Erlebnissen in der Seele auf und ab flutet, solche Mystiker dringen in der Tat auch tiefer in das Seelenleben ein. Sie haben dann ganz bestimmte Erlebnisse, welche sich unterscheiden von den gewöhnlichen seelischen Erlebnissen.

[ 11 ] Ich schildere nun wiederum etwas, was unzählige Menschen erfahren haben und noch erfahren können. Ich schildere zunächst nur die Erfahrungen, die der Mensch macht, wenn er nur ein wenig über das normale Erleben hinausschreitet. Solche Erfahrungen bestehen zum Beispiel darin, daß der Mystiker, der sich versenkt, gewisse Gefühle und Empfindungen in sich selber umprägt, zu ganz anderen macht. Sagen wir zum Beispiel, wenn der gewöhnliche, normale Mensch, der im Leben steht und der sehr weit entfernt ist von irgendwelchem mystischen Erleben, durch einen anderen Menschen einen Schlag erhält, der ihm weh tut, dann richtet sich gewöhnlich sein Gefühl gegen diesen andern Menschen. Das ist ja das Natürliche im Leben. Derjenige nun, der mystisch in sich selber sich versenkt, der bekommt durch sein Versenken selber ein anderes Gefühl bei einem solchen Schlag. Also wohlgemerkt, ich schildere eine Erfahrung; ich sage nicht, es soll so sein; ich schildere dasjenige, was gewisse Menschen, und es gibt deren viele, erleben. Sie bekommen das Gefühl in sich: Du hättest diesen Schlag auf keinen Fall erhalten, wenn du nicht selber irgendwann einmal durch eine Tat in deinem Leben ihn verschuldet hättest. Es würde einfach der Mensch dir nicht in den Weg gebracht worden sein, wenn du nicht irgend etwas getan hättest, was die Ursache zu diesem Schlage ist. Du kannst daher nicht berechtigterweise dein Gegengefühl gegen diesen Menschen richten, der eigentlich nur durch die Weltereignisse dir in den Weg geführt worden ist, damit du den Schlag verspüren kannst, den du verdient hast. — Solche Menschen bekommen dann, wenn sie alle ihre verschiedenen Seelenerlebnisse ganz außerordentlich vertiefen, auch ein gewisses Gesamtgefühl über das gesamte Seelenleben, und dieses Gesamtgefühl läßt sich etwa so charakterisieren. Sie sagen sich: Ich habe viel Leid, viel Schmerz in mir, aber die habe ich selber irgendwann einmal verursacht. Ich muß irgendwelche Dinge getan haben, ich muß mich irgendwie verhalten haben; wenn es mir nicht erinnerlich ist, daß ich es in diesem Leben getan habe, nun, so ist es ja ganz klar, daß es eben ein anderes Leben gegeben haben muß, wo ich die Dinge getan habe, die ich jetzt ausgleiche durch mein Leid, durch meine Schmerzen.

[ 12 ] Es ist also so, daß durch dieses Hinuntersteigen der Seele in sich selber die Seele ihre bisherigen Empfindungen ändert und daß sie sozusagen mehr nun auf sich selbst lädt, mehr in sich sucht, was sie früher in der Welt gesucht hat. Denn man sucht mehr in sich, wenn man sagt: Der Mensch, der mir den Schlag versetzt hat, ist mir in den Weg gebracht worden, weil ich selbst die Ursache dazu gegeben habe — als wenn man seine Empfindungen nach außen richtet. Und so kommt es, daß solche Menschen immer mehr und mehr in das eigene Innere abladen, gleichsam das innere Seelenleben immer mehr und mehr verdichten. Wie der Ekstatiker durch den Teppich der äußeren Sinneswelt hindurchdringt und in eine Welt hineinblickt von Wesenheiten und Tatsachen, die ihm bisher unbekannt waren, so dringt der Mystiker unter sein gewöhnliches Ich hinunter. Denn dieses gewöhnliche Ich wendet sich gegen den Schlag, der von außen kommt; der Mystiker aber dringt durch zu etwas, was diesem Schlag zugrunde liegt, zu dem, was die eigentliche Veranlassung gewesen ist zu dem Schlage. Damit gelangt der Mystiker allerdings dahin, daß er allmählich die Außenwelt ganz aus dem Auge verliert. Er verliert überhaupt den Begriff der Außenwelt nach und nach und es vergrößert sich ihm gleichsam wie zu einer ganzen Welt sein eigenes Ich, dasjenige, was in seinem Innern ist. Ebensowenig wie wir heute zunächst schon entscheiden wollen, ob die Welt des Ekstatikers eine Realität ist oder eine Phantasie, irgendein Blendwerk, ebensowenig wollen wir heute schon darüber entscheiden, ob dasjenige, was da der Mystiker in seiner Seele findet unter dem Schleier der gewöhnlichen Seelenerlebnisse, irgend etwas ist, was eine Realität ist oder nicht, ob er es selber ist, der verursacht hat, was ihm Schmerz bereitet. Vielleicht ist das auch nur eine Träumerei, aber es ist ein Erlebnis, das der Mensch tatsächlich haben kann. Darauf kommt es an. Jedenfalls dringt da der Mensch auf der andern Seite in eine Welt ein, die ihm bisher unbekannt war. Das ist das Wesentliche. So dringt der Mensch nach der einen und nach der anderen Seite in eine Welt ein, die ihm bisher unbekannt war, nach außen und nach innen.

[ 13 ] Überlegen wir uns nun, was eben gesagt worden ist, daß der Mensch sein Ich verliert, wenn er ekstatisch wird, so werden wir uns sagen müssen: Dieser ekstatische Zustand ist somit nicht etwas, was für den gewöhnlichen Menschen etwas ganz Vorzügliches ist. Denn alle menschliche Orientierung in der Welt, alle Möglichkeit, in der Welt unsere Mission zu vollziehen, beruht darauf, daß wir in unserem Ich einen festen Mittelpunkt unseres Wesens haben. Wenn uns die Fkstase die Möglichkeit nimmt, dieses Ich zu fühlen, dieses Ich zu erleben, dann haben wir uns durch die Ekstase zunächst selber verloren. Wenn nun auf der anderen Seite der Mystiker alles hineinschiebt in das Ich, wenn er das Ich sozusagen zu dem Schuldigen für alles, was wir empfinden, macht, dann hat das einen anderen Nachteil. Dann hat das den Nachteil, daß wir alle Ursachen zu demjenigen, was geschieht in der Welt, zuletzt in uns suchen würden, und daß wir damit auch wiederum die gesunde Orientierung in der Welt verlieren würden. Denn würden wir das in Taten umsetzen, so würden wir niemals etwas anderes tun als uns selber beladen mit lauter Schuld und uns nicht in das richtige Verhältnis zur Außenwelt setzen können.

[ 14 ] So also verlieren wir nach beiden Richtungen hin, mit der gewöhnlichen Ekstase und als gewöhnliche Mystiker, die Fähigkeit der Orientierung in der Welt. Daher ist es gut, dürfen wir sagen, daß der Mensch sich sozusagen nach zwei Richtungen fortwährend stößt. Wenn er nach außen hin mit seinem Ich sich entfaltet, so stößt er sich an den Sinneswahrnehmungen, die lassen ihn nicht durch bis zu dem, was hinter dem Schleier des Sinnenteppichs liegt, und das ist zunächst gut für den Menschen, denn dadurch kann er im normalen Verhalten sein Ich aufrechterhalten. Und auf der anderen Seite lassen ihn auch die Seelenerlebnisse im normalen Verhalten nicht durch unter das Ich hinunter, unter jene Gefühle des Ich, die eben zum normalen Orientieren führen. Der Mensch ist eingeschlossen zwischen zwei Grenzen: er geht eine Weile hinaus in die Welt und wird da begrenzt; er geht hinein in das Seelenleben und erfährt, was wir Lust und Leid, Freude und Schmerz und so weiter nennen, aber er dringt im normalen Leben eben nicht weiter als bis zu demjenigen, was ihm eine Orientierung im Leben möglich macht.

[ 15 ] Nun ist das, was da geschildert worden ist, sozusagen der Vergleich des gewöhnlichen Zustandes mit den abnormen Zuständen, die eben in Ekstase oder in einer sich selbst verlierenden Mystik zu finden sind. Ekstase und Mystik sind abnorme Zustände. Aber es gibt im ganz gewöhnlichen Menschenleben etwas, wo wir diese Zustände viel, viel deutlicher beobachten können, und das sind die gewöhnlichen Wechselzustände, die wir durchmachen in vierundzwanzig Stunden, den Wechselzuständen zwischen Wachen und Schlafen.

[ 16 ] Was tun wir eigentlich im Schlaf? Nun, im Schlaf machen wir in der Tat genau dasselbe in einer gewissen Beziehung, was wir jetzt als einen abnormen Zustand geschildert haben in der Ekstase: wir gehen mit unserem eigentlichen inneren Leben nach außen; wir verbreiten den inneren Menschen in die Außenwelt. Das ist in der Tat der Fall. So wie wir unser Ich gleichsam ergießen nach außen in der Ekstase, wie wir in der Ekstase unser Ich verlieren, so verlieren wir im Schlafe unser Ich-Bewußtsein. Aber wir verlieren mehr im Schlafe, und das ist nun das Gute. In der Ekstase verlieren wir nur das Ich, aber wir behalten eine Welt um uns herum, eine Welt, die wir allerdings vorher nicht gekannt haben, eine Welt von meinetwillen bisher uns unbekannten Bildern, von geistigen Tatsachen und Wesenheiten. Im Schlafe fehlt uns auch diese Welt, im Schlafe ist auch diese Welt nicht vorhanden. Somit also unterscheidet sich der Schlaf von der Ekstase dadurch, daß der Mensch zum Auslöschen seines Ich auch noch dasjenige auslöscht, was man Wahrnehmungsfähigkeit nennt. Ob sie nun physisch oder geistig ist, im Schlafe löscht der Mensch die Fähigkeit, irgend etwas wahrzunehmen, überhaupt aus. Während er in der Ekstase bloß das Ich auslöscht, löscht er im Schlafe auch noch die Wahrnehmungsfähigkeit aus oder, wie wir mit Recht sagen, er löscht das Bewußtsein aus. Es ist das Bewußtsein aus seinem menschlichen Erleben herausgegangen. Er hat hinergossen in die Welt eben nicht bloß das Ich, sondern er hat dieser Welt auch übergeben sein Bewußtsein. Dasjenige also, was im Schlafe für den Menschen zurückbleibt, das ist etwas, aus dem das Bewußtsein und das Ich heraus sind. Somit haben wir im schlafenden Menschen, den wir im gewöhnlichen Leben vor uns haben, etwas vor uns, was sich entledigt hat seines Bewußtseins und seines Ich. Und wohin ist das Bewußtsein und ist das Ich gegangen? Wir können sogar auch diese Frage, nach der Schilderung der Ekstase, beantworten. Wenn bloß die Ekstase eintritt und nicht der Schlaf, dann ist um uns eine Welt von geistigen Wesenheiten und Tatsachen. Nehmen wir nun an, wir schälen auch noch unser Bewußtsein heraus zu dem Ich, wir geben auch unser Bewußtsein auf, in demselben Augenblick tritt schwarze Finsternis um uns herum ein — wir schlafen. So haben wir im Schlafe hingegeben unser Ich, wie in der Ekstase, und auch — und das charakterisiert den Schlaf — unser Bewußtsein. Daher können wir sagen: Der Schlaf des Menschen ist eine Art Ekstase, in der der Mensch nicht bloß mit seinem Ich außer seinem Leibe ist, sondern in der er auch mit seinem Bewußtsein außer seinem Leibe ist. Was wir Ich nennen, das haben wir in der Ekstase hingegeben. Das ist ein Glied der menschlichen Wesenheit. Im Schlaf geht nun noch ein anderes hinaus, der Träger unserer Bewußtseinserscheinungen, das ist der astralische Leib. Da haben Sie einen zunächst ganz aus dem gewöhnlichen Leben gewonnenen Begriff dessen, was man in der Geisteswissenschaft den astralischen Leib nennt. Das Ich ist dasjenige, was in dieser Ekstase aus dem physischen Leib herausgeht; wenn nun im Schlafe auch dasjenige herausgeht, was man astralischen Leib nennt, so ist dadurch ausgelöscht die Möglichkeit, ein Bewußtsein zu haben.

[ 17 ] So haben wir den schlafenden Menschen darzustellen zunächst als einen Zusammenhang von demjenigen, was im Bette liegen bleibt, das wollen wir jetzt nicht weiter untersuchen. Im Bette bleibt etwas liegen, das man äußerlich wahrnimmt. Aber etwas ist außer diesem schlafenden Menschen; etwas ist hingegeben an eine Welt, die zunächst eine Welt des Unbekannten ist. Hingegeben ist ein Glied der menschlichen Wesenheit, das auch in der Ekstase hingegeben ist: das ist das Ich. Hingegeben ist aber auch ein zweites Glied der menschlichen Wesenheit, das in der Ekstase noch nicht hingegeben ist, und das ist der astralische Leib des Menschen.

[ 18 ] Nun zeigt uns also der Schlaf eine Art von Spaltung der menschlichen Wesenheit. Der eigentlich innere Mensch, das menschliche Bewußtsein und das menschliche Ich trennen sich von dem äußeren Menschen ab, und dasjenige, was im Schlafe eintritt, das ist das, daß der Mensch in einen Zustand kommt, in dem er nichts mehr weiß von all den Tageserlebnissen, in dem er nichts mehr in seinem Bewußtsein hat von demjenigen, was durch die äußeren Eindrücke in dieses Bewußtsein eintritt. Der Mensch ist im Schlafe als innerer Mensch an eine Welt hingegeben, von der er eben kein Bewußtsein hat; er ist in eine Welt ausgegossen, von der er nichts weiß. Nun bezeichnet man aus einem gewissen Grunde, den wir noch zur Genüge kennenlernen werden, diejenige Welt, in der der innere Mensch ist, diejenige Welt also, die sein Ich und seinen astralischen Leib aufgenommen hat, in der der Mensch so ist, daß er vergessen hat alle Eindrücke des Tages, als den Makrokosmos, als die große Welt. So daß wir also sagen, und das sei zunächst eine Andeutung, wir werden die Berechtigung dieses Ausdruckes noch kennenlernen: Der Mensch ist, während er schläft, an den Makrokosmos hingegeben, in den Makrokosmos ausgegossen, nur weiß er davon nichts.

[ 19 ] In diesen Makrokosmos ausgegossen ist der Mensch auch schon während der Ekstase; nur weiß er da etwas von diesem Zustand. Das ist das eigenartige der Ekstase, daß der Mensch etwas erlebt, seien es Bilder, seien es Wirklichkeiten, was ausgebreitet ist um ihn herum, etwas, was sozusagen einen gewaltigen großen Raum einnimmt und an das er sich wie hinverloren glaubt. Das erlebt er in der Ekstase. Er erlebt mit seinem Ich etwas wie ein Verlorensein dieses Ich, dafür aber ein Hingegossensein in ein Reich, das er bisher nicht gekannt hat. Dieses Hingegossensein in eine Welt, die sich unterscheidet von der gewöhnlichen Alltagswelt, wo man sich nur an seinen Körper hingegeben fühlt, dieses Hingegebensein an eine solche Welt berechtigt schon, von vornherein zu sprechen von einer großen Welt, von einem Makrokosmos, im Gegensatz zur kleinen Welt, in der wir mit unserem gewöhnlichen Tageserlebnis leben. Da fühlen wir uns in unsere Haut eingeschlossen. Das ist zunächst nur die oberflächlichste Charakteristik dieser Leibeswelt. Wir sind dann, wenn wir in Ekstase sind, wie hineingewachsen in die große Welt, in den Makrokosmos, wo auf Schritt und Tritt irgendwelche phantastische Gestalten vor uns aufsteigen — phantastische Gestalten, weil sie nicht ähnlich sind mit den Dingen in der physischen Welt. Wir können uns nicht von ihnen unterscheiden, wir wissen nicht, ob wir es nicht selber sind, was in diesen Gestalten lebt; wir fühlen uns ausgedehnt in eine große Welt, in den Makrokosmos. Und wenn wir so die Ekstase erfassen, dann können wir auch, wenigstens vergleichsweise, uns einen Begriff davon machen, warum wir unser Ich in der Ekstase verlieren.

[ 20 ] Denken Sie sich einmal dieses menschliche Ich verglichen mit einem Tropfen irgendeiner gefärbten Flüssigkeit. Nehmen wir nun an, wir haben ein ganz kleines Gefäß, gerade groß genug, daß es diesen Tropfen aufnehmen kann, so wird dieser gefärbte Tropfen zu sehen sein. Wenn wir nun diesen Tropfen nehmen und ihn vielleicht in ein großes Bassin verteilen, das ganz mit Wasser angefüllt sei, da ist dann derselbe Tropfen im Wasser, aber wahrzunehmen ist nichts mehr von ihm. Wenn Sie diesen Vergleich anwenden auf das Ich, das sich ausdehnt in die große Welt, in den Makrokosmos, sich einfach hinergießt in der Ekstase über den Makrokosmos, so können Sie sich vorstellen, daß es sich immer schwächer und schwächer fühlt, indem es immer größer und größer wird. Indem es sich hinergießt über den Makrokosmos, verliert es die Fähigkeit, sich selbst wahrzunehmen, wie der Tropfen sich verliert in dem großen Bassin. So begreifen wir, daß mit dem Übergehen des Menschen an eine große Welt das Ich sich verliert. Es ist ja da; es ist nur ausgegossen über diese große Welt, daher weiß es nichts von sich.

[ 21 ] Aber im Schlaf tritt noch etwas anderes Wichtiges für den Menschen ein. Das ist, daß der Mensch ja, solange er ein Bewußtsein hat, handelt. Nun hat er in der Ekstase ein Bewußtsein, aber nicht das sich orientierende Ich. Er handelt also außer seinem Ich. Er kontrolliert nicht seine Handlungen, er ist wie hingegeben an dasjenige, was die Eindrücke seines Bewußtseins sind. Das ist das Wesentliche der Ekstase, daß der Mensch zu irgendeinem Tun kommt und daß, wenn man einen solchen Menschen, der in der Ekstase handelt, von außen kontrolliert, man ihn wie ausgewechselt findet. Man findet, er ist nicht eigentlich er; er handelt wie unter lauter anderen Eindrücken, und weil dasjenige, was er da sieht, in der Regel eine Vielheit ist — denn in der Ekstase treten viele Ereignisse auf —, so ist er bald an diese, bald an jene Wesenheit hingegeben und macht den Eindruck einer zerrissenen Wesenheit. Das ist das Charakteristische des Ekstatikers, und das ist die Gefahr der Ekstase. In der Ekstase ist zwar der Mensch an eine geistige Welt hingegeben, aber an eine geistige Welt der Vielheit, die ihn in bezug auf seine innere Wesenheit zerreißt.

[ 22 ] Nun aber, wenn wir den Schlaf betrachten, so müssen wir doch wohl schon aus der Schilderung gemerkt haben — es soll nicht etwa alles angegeben werden, was wir an Gründen dafür anführen können —, daß diese Welt, in die wir da eintreten, doch eine gewisse Realität hat. Man kann eine Welt so lange leugnen, solange man keine Wirkungen von ihr verspürt. Sie können mit jemandem vor einer Wand stehen. Der Betreffende behauptet: Hinter der Wand steht einer. — Sie können das für sich so lange nicht glauben, solange der hinter der Wand nicht klopft; aber sobald der klopft, so operieren Sie nicht mit der gesunden Vernunft, wenn Sie ableugnen, daß einer hinter der Wand stehe. Sobald Sie Wirkungen von einer Welt wahrnehmen, so hört die Möglichkeit auf, diese Welt als bloße Phantasie anzusehen. Gibt es nun Wirkungen aus derjenigen Welt heraus, die wir in der Ekstase noch sehen, die im Schlaf aber für den gewöhnlichen, normalen Menschen ausgelöscht ist? Nun, von der Wirkung aus dieser Welt heraus kann sich jeder überzeugen, wenn er am Morgen aufwacht. Wenn man am Abend einschläft, ist man müde, man hat Kräfte sozusagen verbraucht. Diese müssen ersetzt werden. Mit Kräften, mit denen man abends nicht einschläft, wacht man des Morgens auf. Während welcher Zeit hat man sie sich also angeeignet? Nun, man hat sie sich angeeignet während derjenigen Zeit, die verflossen ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Also während man hingegeben ist im Schlaf mit astralischem Leib und Ich an diejenige Welt, die man in der Ekstase noch sieht, die im Schlafe aber für den gewöhnlichen, normalen Menschen ausgelöscht ist, saugt man aus dieser Welt selber heraus diejenigen Kräfte, die man braucht für das Tagesleben. Die kommen aus dieser Welt heraus. Man braucht den Schlaf; weil man aus dieser selben Welt, die man in der Ekstase sieht, im Schlafe aber nicht, diejenigen Kräfte heraussaugen muß, die man für das Tagesleben braucht. Was Sie sich für genauere Vorstellungen darüber machen, das ist für unseren heutigen Zweck zunächst gleichgültig; aber wichtig ist es, daß diese Welt, die wir sehen in der Ekstase, die aber für das gewöhnliche Bewußtsein im Schlafe ausgelöscht ist, sich darstellt als diejenige Welt, aus der die Kräfte herausströmen, mit der wir die Müdigkeit wegschaffen, die am Abend da ist. Das ist also gerade so wie bei dem Klopfenden in unserem Beispiel, der hinter der Wand steht, den wir zwar nicht sehen, von dem wir aber Wirkungen wahrnehmen. Wir nehmen an jedem Morgen wahr die Wirkungen derjenigen Welt, die wir in der Ekstase sehen und im Schlafe nicht sehen. Wo aber eine Welt ist, die Wirkungen zeigt, da können wir auch nicht mehr von ihrer Irrealität sprechen. Die Welt, die wir in der Ekstase sehen, die aber im Schlafe ausgelöscht ist für das gewöhnliche Bewußtsein, sie zeigt uns Wirkungen in das gewöhnliche Tagesleben herein. Also werden wir nicht mehr von ihrer Irrealität sprechen können.

[ 23 ] So also sprechen wir davon, daß wir aus derselben Welt, in die wir hineinschauen in der Ekstase und die für das gewöhnliche Bewußtsein ausgelöscht ist im Schlafe, die für das Tagesleben stärkenden Kräfte heraussaugen. Das aber machen wir unter ganz besonderen Umständen. Wir machen es unter den Umständen, daß wir uns selber, wenn wir uns so ausdrücken dürfen, bei diesem Heraussaugen der Kräfte, bei diesem Ergießen der Kräfte aus einer geistigen Welt, dabei nicht zuschauen. Das ist das Wesentliche des Schlafes, daß wir in dem Schlaf etwas vollbringen, und daß wir uns bei dieser Tätigkeit nicht zuschauen. Wenn wir uns zuschauen würden bei dieser Tätigkeit, so würden wir uns überzeugen, daß wir es viel schlechter machen würden als wir es machen, wenn wir mit unserem Bewußtsein nicht dabei sind. Es gibt ja schon im gewöhnlichen Alltagsleben Dinge, von denen man sagen muß: Finger weg davon! —, denn manche Menschen machen die Dinge nur schlechter, wenn sie sie anrühren. In derselben Lage ist der Mensch, wenn die Kräfte durch den nächtlichen Schlaf ersetzt werden müssen, die am Tage vorher verbraucht worden sind. Wäre der Mensch dabei, könnte er sich zuschauen bei jener schwierigen Operation, die da vollzogen wird, wenn die verbrauchten Kräfte wieder ersetzt werden, könnte er selber mittun, nun, da würde etwas Schönes herauskommen; da würde er die ganze Prozedur gründlich verderben, weil er eben heute noch nicht fähig ist dazu. So also tritt tatsächlich das Segensvolle ein, daß der Mensch in dem Augenblicke, wo er, wenn er selbst dabei wäre, an seiner Fortentwickelung etwas verderben könnte, das Bewußtsein entrissen bekommt, daß er sein eigenes Dasein vergißt.

[ 24 ] So also schreiten wir im Einschlafen, durch das Vergessen unseres eigenen Daseins in diese große Welt, in den Makrokosmos hinein. Der Mensch tritt jeden Abend beim Einschlafen aus seiner kleinen Welt, aus seinem Mikrokosmos in die große Welt, in den Makrokosmos hinaus und vereinigt sich, indem er seinen astralischen Leib und sein Ich ausgießt in den Makrokosmos, mit diesem Makrokosmos, mit der großen Welt. Aber weil er im heutigen Verlaufe seines Lebens nur fähig ist, in der Welt des Tageslebens zu wirken, so hört sein Bewußtsein auf in dem Momente, wo er den Makrokosmos betritt. Das drückte die Geheimwissenschaft immer dadurch aus, daß sie sagte: Zwischen dem Leben im Mikrokosmos und dem Leben im Makrokosmos liegt der Strom der Vergessenheit. Der Mensch dringt auf dem Strom der Vergessenheit in den Makrokosmos, in die große Welt, indem er mit dem Einschlafen aus dem Mikrokosmos in den Makrokosmos hinüberlebt. So können wir also sagen, daß der Mensch, wenn er des Abends einschläft, hinübertritt in eine andere Welt, in den Makrokosmos, in die große Welt, und daß dieses Hinübertreten sich so charakterisiert, daß der Mensch zwei Glieder seiner Wesenheit an diese große Welt, an den Makrokosmos, jede Nacht abgibt, den Astralleib und das Ich.

[ 25 ] Nun betrachten wir demgegenüber den Moment des Aufwachens. Dieser Moment des Aufwachens besteht darin, daß der Mensch wiederum anfängt zu erleben erstens seine Lust, sein Leid, seine Freude, seinen Schmerz, alles das, was er an Trieben und Begierden und so weiter in den verflossenen Tagen erlebt hat. Das erlebt er heute nach und nach wieder; das ist das erste. Das zweite aber, das ihm wiederersteht beim Aufwachen, das ist sein Ich-Bewußtsein. Aus dem unbestimmten Dunkel des menschlichen Erlebens während des Schlafens treten mit dem Aufwachen heraus die Seelenerlebnisse und das Ich. Nun haben wir, wenn der Mensch aufwacht, einmal uns zu sagen: Ja, hätte der Mensch nur dasjenige an sich, was in der Nacht im Bette liegen geblieben ist, während er schläft, dann würde der Mensch nicht Schmerz leiden, er würde nicht Freude und Lust und alles dasjenige, was seine Seelenerlebnisse sind, erleben können. Das könnte er nicht, der Mensch. Denn dasjenige, was da liegt im Bette, ist im wahren Sinn des Wortes wie eine Pflanze: es lebt wie eine Pflanze, es erlebt nicht solche Erlebnisse wie Freude und Schmerz und so weiter. Aber dasjenige, was der innere Mensch ist, das erlebt ja in der Nacht auch nicht solche Erlebnisse, und dennoch ist dieser innere Mensch der Träger der Seelenerlebnisse. Nicht dasjenige, was im Bette liegt, hat Leid und Schmerz, hat Lust und Freude, sondern dasjenige, das beim Einschlafen hinausgegangen ist in die große Welt, in den Makrokosmos. Daraus können wir ersehen, daß zu dem Erleben von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Trieben, Begierden, Leidenschaften, von Sympathie und Antipathie, außer dem astralischen Leib noch etwas anderes notwendig ist, nämlich, daß er untertauchen muß in dasjenige, was der äußere Mensch ist, was eben im Bette liegengeblieben ist. Wenn der Mensch nicht untertaucht in dasjenige, was im Bette liegengeblieben ist, so fühlt er nicht seine inneren Seelenerlebnisse. Wir können also sagen: Dasjenige, was wir ausgegossen haben in der Nacht in den Makrokosmos, in die große Welt, das wird uns im normalen menschlichen Leben dadurch erst wahrnehmbar, daß wir des Morgens untertauchen in das, was im Bette liegengeblieben ist.

[ 26 ] Nun ist das wiederum ein Zweifaches, in das wir da untertauchen. Das eine, in das wir da untertauchen, wenn wir des Morgens aufwachen, ist dasjenige, was wir sozusagen nur erleben als inneres Leben. Wir erleben während des Tages die auf- und abwogenden Empfindungen und Gefühle, die Interessen, die Sympathien und Antipathien, wir erleben die Seelenerlebnisse. Wir können sie während der Nacht nicht erleben, sondern wir können sie nur erleben, wenn wir uns gleichsam stoßen, wenn wir eintauchen in dasjenige, was im Bette liegengeblieben ist während des Schlafes.

[ 27 ] Aber wenn wir da hineintauchen, dann erleben wir nicht nur unsere Seelenerlebnisse, sondern wir erleben auch die äußere Welt der Sinneseindrücke. Wir erleben nicht nur die Freude zum Beispiel an der Rose, wir erleben auch das Rot der Rose. Die Freude an der Rose ist ein inneres Erlebnis; die rote Farbe der Rose ist etwas, was draußen ist. So ist es mit allem, was wir erleben während des gewöhnlichen Tagwachens. Überall erleben wir ein Zweifaches: Wir tauchen unter in unsere Leiblichkeit, und indem wir untertauchen, spiegeln sich uns entgegen, kommen uns entgegen wie ein Echo unsere inneren Seelenerlebnisse; aber auch eine äußere Welt tritt auf, wenn wir beim Aufwachen untertauchen in das, was im Bette während des Schlafes liegengeblieben ist. Daher muß dasjenige, was im Bette liegt im Schlafe, aus zwei Gliedern bestehen: ein Glied muß gleichsam spiegeln dasjenige, was wir innerlich erleben, und ein Glied muß uns möglich machen, gleichsam uns selbst zu durchdringen und in die Außenwelt hinaus als eine wirkliche zu sehen. Also es kann keine Einheit sein, was im Bette liegengeblieben ist während des Schlafes; es muß ein Zweifaches sein. Wäre nur eines da, so würden wir, wenn wir hineinschlüpfen beim Aufwachen, nur eine innere Welt erleben, oder wir würden nur eine äußere Welt erleben. Es würde nur ein Panorama vor uns ausgebreitet sein, oder aber wir würden nur innerlich auf- und absteigen haben Lust und Leid, Freude und Schmerz und so weiter. Wir haben aber beides, nicht nur das eine oder das andere. Wir tauchen da ein in den äußeren Menschen, der im Bette liegenbleibt während des Schlafes, und zwar tauchen wir so ein, daß wir eine innere Welt vor uns hingezaubert finden und eine äußere Welt. Wir tauchen also nicht in eine Einheit, sondern in eine Zweiheit ein. So wie es eine Zweiheit war, was wir ausgegossen haben in den Makrokosmos mit dem Einschlafen, so dringen wir beim Aufwachen in den Mikrokosmos ein, und dieser ist ebenfalls eine Zweiheit. Was uns befähigt, ein inneres Seelenleben zu erleben, das nennen wir den Äther- oder Lebensleib; und dasjenige, was uns befähigt, ein äußeres Tableau der Sinneswelt zu haben, das ist der physische Leib. So ist dasjenige, was im Bette liegt während des Schlafes, aus zwei Gliedern bestehend, aus dem physischen Leib und dem Äther- oder Lebensleib. Würden wir nur in den physischen Leib eindringen, wenn wir des Morgens aufwachen, so würden wir einem äußeren Tableau gegenüberstehen, aber wir wären innerlich leer und öde, wir hätten keine Lust, keinen Schmerz, kein Interesse an all dem, was da um uns ist und vorgeht, wir stünden kalt und seelenlos dem Tableau der Sinneswelt gegenüber. So wäre es, wenn wir bloß in unseren physischen Leib einzögen. Wenn wir bloß in unseren Äther- oder Lebensleib einzögen, dann würden wir keine Außenwelt vor uns haben, sondern wir würden eine Welt von Lust und Leid, von Freude und Schmerz und so weiter haben, die auf- und absteigen würde; wir würden es keiner Außenwelt zuschreiben können, wir hätten einfach eine Gefühlswelt, die auf- und absprudelte.

[ 28 ] Daraus sehen wir, daß wir dann, wenn wir des Morgens beim Aufwachen untertauchen in unseren äußeren Menschen, in ein Zweigliedriges untertauchen, untertauchen in ein solches, das wir bezeichnen als einen Spiegeler unserer Innenwelt, den Äther- oder Lebensleib, und untertauchen in dasjenige, was wir bezeichnen als den Verursacher des äußeren Sinnenteppichs, des äußeren Tableaus, das ist der physische Leib.

[ 29 ] Damit haben wir gezeigt aus wirklich vorhandenen Erlebnissen heraus, daß wir ein gewisses Recht haben, beim Menschen zu sprechen von einer viergliedrigen Wesenheit, von vier Gliedern der menschlichen Wesenheit, von denen zwei Glieder im Schlafe dem Makrokosmos, der großen Welt, angehören, das Ich und der astralische Leib. Im Wachen gehören diese zwei Glieder der menschlichen Wesenheit, das Ich und der astralische Leib, dem Mikrokosmos an, der kleinen Welt, die in die menschliche Haut eingeschlossen ist. So verläuft das menschliche Leben so, daß der Mensch wechselweise lebt im Mikrokosmos und im Makrokosmos. Jeden Morgen tritt er in den Mikrokosmos ein. Diese kleine Welt, der Mikrokosmos, ist die Ursache unserer täglichen Erlebnisse vom Morgen, wenn wir aufwachen, bis zum Abend, wenn wir einschlafen. Und die Tatsache, daß wir im Schlafe mit unserem astralischen Leibe und dem Ich ausgegossen sind in die ganze große Welt, in den Makrokosmos, wie ein Tropfen ausgegossen ist in den Inhalt eines großen Bassins, das ist die Ursache, daß wir im Momente, wo wir hinaustreten aus dem Mikrokosmos, aus der kleinen Welt, durchgehen müssen durch den Strom der Vergessenheit.

[ 30 ] Nun können wir uns noch die Frage vorlegen: Wodurch kann denn der Mensch, wenn er mystisch sich vertieft, in einer gewissen Weise, jenen Zustand herbeiführen, welchen wir am Anfang unseres Vortrags charakterisiert haben? — Wir haben die Ekstase verstanden dadurch, daß da das Ich ausgegossen ist in den Makrokosmos und der astralische Leib im Mikrokosmos im physischen Leib darinnengeblieben ist. Wenn wir so die Sache fassen, so verstehen wir die Ekstase. Die Ekstase ist einfach ein Ergossensein des Ich in den Makrokosmos, während der astralische Leib im Mikrokosmos drinnengeblieben ist. Worin besteht denn nun dasjenige, was wir im Anfang der heutigen Betrachtung als einen mystischen Zustand geschildert haben? Dieser mystische Zustand besteht in folgendem: Unser Leben in dem physischen und in dem Äther- oder Lebensleib, im Mikrokosmos, in der kleinen Welt, vom Morgen beim Aufwachen bis zum Abend beim Einschlafen, ist ein höchst Eigentümliches. Wir gehen nicht etwa in unseren Äther- oder Lebensleib und in unseren physischen Leib so hinunter des Morgens beim Aufwachen, daß wir den Ätherleib und den physischen Leib wahrnehmen würden; wir nehmen nicht das Innere unseres physischen und unseres Ätherleibes wahr, trotzdem wir hineinsteigen. Unser physischer und unser Ätherleib machen möglich unser Seelenleben und unser äußeres Wahrnehmen; das ermöglichen uns diese beiden Glieder der menschlichen Wesenheit. Warum nehmen wir denn unser Seelenleben wahr, wenn wir des Morgens aufwachen? Gerade aus dem Grunde nehmen wir unser Seelenleben wahr, weil uns der Äther- oder Lebensleib nicht gestattet, wirklich sein Inneres wahrzunehmen. Geradesowenig wie uns der Spiegel gestattet, dasjenige zu sehen, was hinter ihm ist und uns gerade deshalb ermöglicht, uns selber darin zu sehen, so ist es mit unserem Äther- oder Lebensleib. Unser Ätherleib spiegelt unser Seelenleben zurück. Er läßt uns nicht dasjenige, was in ihm drinnen ist, wahrnehmen, sondern er spiegelt uns unser Seelenleben zurück. Weil er es uns zurückspiegelt, so erscheint er uns als der eigentliche Verursacher unseres Seelenlebens. Er erweist sich für uns als undurchdringlich, wir durchblicken sein Inneres nicht. Das ist gerade das eigenartige des menschlichen Äther- oder Lebensleibes, daß wir nicht in ihn hineindringen, sondern daß er uns unser eigenes Seelenleben zurückwirft. Das aber ist beim Mystiker der Fall durch jene starke Ausbildung des Seelenlebens. Durch dasjenige, was er an innerer Versenkung erlebt, gelingt es ihm bis zu einem gewissen Grade, in diesen Äther- oder Lebensleib hineinzudringen, nicht bloß das Spiegelbild zu sehen, sondern sich tatsächlich einzubohren in den Mikrokosmos. Dadurch, daß er sich in diese kleine Welt, in diesen Mikrokosmos, einbohrt, erlebt er in sich selber dasjenige, was sonst der Mensch im normalen Zustande im Äußeren erlebt, was sonst über die Außenwelt ergossen ist. Er erlebt, während sonst der Mensch zum Beispiel einen Schlag abwehrt, daß er sich gleichsam in sich hineinbohrt und die Ursache zu dem Schlage in sich selber sucht. Der Mystiker also bohrt sich bis zu einem gewissen Grade in seinen Ätherleib hinein, er dringt durch jene Schwelle durch, durch welche sonst das Seelenleben gespiegelt wird und dringt in das Innere seines Äther- oder Lebensleibes hinein. Und das sind Vorgänge in seinem eigenen Ätherleib, welche der Mystiker erlebt, wenn er jene Schwelle durchschreitet, durch welche sonst das Seelenleben gespiegelt wird. Dann aber, wenn er diese Schwelle überschreitet, erlebt der Mystiker in der Tat etwas, was in gewissem Sinne ähnlich ist dem Verlust des Ich durch die Ekstase. Das Ich ist gleichsam verdünnt worden, indem der Mensch es bei der Ekstase hinausergossen hat in den Makrokosmos, in die ganze große Welt. Jetzt, bei der mystischen Versenkung, bohrt der Mensch sein eigenes Innere in den Ätherleib hinein. Dadurch verdichtet das Ich sich jetzt. Und in der Tat erlebt der Mensch diese Verdichtung seines Ich dadurch, daß dasjenige aufhört, was beim gewöhnlichen Ich das Herrschende ist, nämlich das Orientierungsvermögen durch den an das Gehirn gebundenen Verstand und die Sinne, und daß er durch gewisse innere Gefühle die Impulse erhält zu seinem Handeln. Beim Mystiker ist alles, was aufsteigt, tiefstes inneres Erlebnis, weil die Dinge direkt aus seinem Äther- oder Lebensleib herauskommen, die andere Menschen nur durch den Ätherleib gespiegelt erhalten. Das sind die Gründe, warum der Mystiker solch starke innere Frlebnisse hat, weil er sich einbohrt in das Innere seines Äther- oder Lebensleibes.

[ 31 ] Während also der Ekstatiker sich verbreitet über den Makrokosmos, verengt sich der Mystiker mit seiner inneren Wesenheit in den Mikrokosmos hinein. Und nun zeigt sich etwas höchst Merkwürdiges. Beide Erlebnisse, das des Ekstatikers, wenn er gewisse Ereignisse und Wesenheiten draußen sieht, und das des Mystikers, wenn er gewisse Gefühle innerlich erlebt, die man sonst nicht erleben kann, stehen in einem gewissen Verhältnis, das man in folgender Weise charakterisieren kann: Unsere Welt, die wir sehen mit unseren Augen und die wir hören mit unseren Ohren, erregt in uns gewisse Gefühle von Lust und Schmerz und so weiter —, das fühlen wir, daß das im normalen Leben zusammengehört. Der eine Mensch kann sich mehr freuen über die Dinge und Geschehnisse der Außenwelt, der andere weniger; aber das sind nur Gradunterschiede, das sind keine solchen Unterschiede wie die in dem furchtbaren, vehementen Schmerz und wiederum in den Verzückungen des Mystikers gegenüber dem gewöhnlichen Erleben. Da sind allerdings gewaltige Unterschiede vorhanden zwischen dem, was der gewöhnliche Mensch erleben kann, und dem, was der Mystiker erlebt an inneren Seligkeiten und an inneren Verzückungen und Qualen. Das ist ein gewaltiger Unterschied in der Qualität. Ebenso ist ein gewaltiger Unterschied zwischen dem, was der gewöhnliche Mensch mit seinen Augen sehen und mit seinen Ohren hören kann, und dem, was der Ekstatiker wahrnimmt, wenn er einer Welt hingegeben ist, die nicht ähnlich ist der Sinnenwelt. Wenn man den Ekstatiker aber beschreiben lassen würde seine Welt und dann den Mystiker anhörte und ihn beschreiben lassen würde seine Seligkeiten und Verzückungen und Qualen, dann würde man sagen können: Ja, durch solche Wesenheiten und Tatsachen, wie sie der Ekstatiker sieht, kann dasjenige hervorgerufen werden, was der Mystiker erlebt. Wenn man auf der anderen Seite den Mystiker hören würde, dann würde man sagen: So etwas wäre auch möglich, wenn man die Erlebnisse des Ekstatikers hat; man könnte glauben, der Ekstatiker beschreibe diese Welt.

[ 32 ] So wie die Welt des Mystikers real, subjektiv real ist, das heißt so, daß er sie wirklich sieht, so sind es auch die Wesenheiten des Ekstatikers. Ob sie nun objektiv real sind oder nicht, das lassen wir heute dahingestellt sein. Das eine aber können wir heute sagen: Illusion oder Wirklichkeit, gleichgültig, der Ekstatiker sieht eine Welt, eine Welt, die anders ist, als dasjenige ist, was man in der sinnlichen Welt wahrnehmen kann, und der Mystiker erlebt Gefühle, Seligkeiten, Verzückungen und Qualen, die sich mit nichts vergleichen lassen, was der gewöhnliche Mensch erlebt. Beide Welten sind nur für gewisse Menschen da. Nur sieht der Mystiker nicht die Welt des Ekstatikers und der Ekstatiker erlebt nicht die Welt des Mystikers. Beide Welten sind unabhängig voneinander. Ein Dritter aber kann die eine der beiden Welten durch die andere begreifen. Das ist ein höchst sonderbares Verhältnis, daß sich eine Welt durch die andere erklärt, daß die beiden Welten zusammenstimmen.

[ 33 ] Damit haben wir auf einen gewissen Zusammenhang hingewiesen zwischen der Welt des Mystikers und der des Ekstatikers und haben gezeigt, wie der Mensch sozusagen stößt an die Welt des Geistes nach außen und stößt an die Welt des Geistes nach innen.

[ 34 ] Das, was wir heute nur beschrieben haben, wird für Sie noch in der Luft hängen. Es wird nun unsere Aufgabe sein, die Fragen zu beantworten: Inwieweit können wir überhaupt in eine reale Welt hineingelangen, wenn wir den Teppich der äußeren Sinneswelt durchdringen? Inwieweit ist es möglich, über die Welt des Ekstatikers hinauszukommen, um in eine wirkliche geistige Welt nach außen hineinzudringen? Und inwieweit ist es möglich, unter die innere Welt des Mystikers hinunterzudringen und dort eine wahre geistige Welt zu finden? — Die Wege, die in die geistige Welt hineinführen durch Makrokosmos und Mikrokosmos, die werden wir in den nächsten Tagen immer genauer und genauer zu beschreiben haben.