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Makrokosmos und Mikrokosmos
Die große und die kleine Welt Seelenfragen, Lebensfragen, Geistesfragen
GA 119

22 März 1910, Wien

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Im allgemeinen ist schon angedeutet worden, welches das Verhältnis ist zwischen dem Wachzustand und dem Schlafzustand des Menschen, und es ist gesagt worden, daß der Mensch aus dem Schlafzustand heraus sich die Kräfte holt, die er während des Wachzustandes braucht, um sein Seelenleben aufzubauen. Nun sind diese Dinge eigentlich viel komplizierter, als man gewöhnlich denkt, und wir werden heute einiges Genauere über den Unterschied zwischen dem menschlichen Wach- und dem Schlafzustand vom Gesichtspunkte der Geistesforschung aus zu sagen haben. Ich bemerke nur gleichsam nebenbei, wie in einer Art Parenthese, daß wir hier davon absehen können, all die mehr oder weniger interessanten Hypothesen zu berühren oder aufzuzählen, welche die Physiologie der Gegenwart aufgestellt hat, um den Unterschied zwischen Schlaf- und Wachzustand zu erklären. Das könnte ja sehr leicht geschehen, würde uns aber nur von der eigentlichen geisteswissenschaftlichen Betrachtung dieser Zustände ablenken. Es braucht höchstens gesagt zu werden, daß ja die gewöhnliche heutige Wissenschaft, wenn sie den Menschen im Schlafzustande vor sich hat, eigentlich nur das vom Menschen betrachtet, was in der physischen Welt zurückgeblieben ist, was wir gestern charakterisieren konnten als den physischen Leib und den Äther- oder Lebensleib des Menschen. Dieser physischen Wissenschaft ist ja das vollständig fremd — und man braucht sie deshalb nicht abzuurteilen, sie hat ein gewisses Recht, ihren Standpunkt in einseitiger Weise geltend zu machen —, was nur für die Geistesforschung, für den geöffneten Blick des Sehers, eine Wirklichkeit bedeuten kann, nämlich dasjenige, was sich im Einschlafen heraushebt aus dem Äther- oder Lebensleib und dem physischen Leib des Menschen, und was wir gestern charakterisieren konnten als das menschliche Ich und den astralischen Leib. Dieses menschliche Ich und der astralische Leib sind also, während der Mensch schläft, in einer geistigen Welt, während sie dann, wenn der Mensch wacht, in der physischen Welt sind, gleichsam untergetaucht in den physischen Leib und den Äther- oder Lebensleib.

[ 2 ] Nun wollen wir einmal diesen schlafenden Menschen betrachten. Es ist ja ganz natürlich, daß für das normale menschliche Bewußtsein der Schlafzustand etwas Einheitliches ist, das man nicht weiter untersucht. Man frägt ja im gewöhnlichen Leben nicht, ob nun, wenn der Mensch in der Nacht in einer geistigen Welt ist, dann mehrere Einflüsse, mehrere Kräfte sich auf seine leibbefreite Seele geltend machen oder nur eine einheitliche Kraft? Ist der Mensch, wenn er in der geistigen Welt ist, nur einer Kraft ausgesetzt, die die geistige Welt ganz durchdringt, oder können wir unterscheiden zwischen verschiedenen Kräften, denen der Mensch während des Schlafzustandes ausgesetzt ist? — Ja, wir können nun ganz genau verschiedene Einflüsse voneinander unterscheiden, die sich auf den Menschen geltend machen, während er schläft — wohlgemerkt, also jetzt nicht auf das geltend machen zunächst, was im Bette liegenbleibt, sondern auf dasjenige, was sich als das eigentlich Seelische des Menschen, als sein astralischer Leib und sein Ich, herausbegeben hat aus diesem äußeren Menschen, der im Bette liegenbleibt.

[ 3 ] Nun wollen wir uns einmal durch naheliegende Erfahrungen und Tatsachen hinführen auf die verschiedenen Einflüsse, die auf den schlafenden Menschen ausgeübt werden. Dasjenige, was der Mensch im Einschlafen erlebt, braucht er nur einmal genauer zu beobachten, dann kann er an sich bemerken, daß gleichsam jene innere Aktivität, jede Tätigkeit zu erlahmen beginnt, durch die er während des Tagwachens seine Glieder bewegt, durch die er alles dasjenige ausführt, was wir nennen können, mit Hilfe unserer Seele unseren Leib in Bewegung setzen. Wer ein wenig Selbstschau halten wird im Momente des Einschlafens, der wird merken, daß so etwas eintritt wie die Empfindung: Ich kann jetzt nicht mehr jene Herrschaft ausüben über meine eigenen Glieder. — Es beginnt sich der äußeren Tätigkeiten eine Art von Ohnmacht zu bemächtigen. Der Mensch wird zunächst sich unfähig fühlen, durch seinen Willen die Bewegung seiner Glieder zu lenken, und er wird im Momente des Einschlafens keine Herrschaft ausüben können über das, was wir die Sprache nennen. Das ist ja das erste, was der Mensch fühlt nach jenem wie ohnmächtigen Zustand, seine Glieder zu bewegen, daß er sich unfähig fühlt, die Herrschaft auszuüben über die Sprache. Dann fühlt der Mensch nach und nach auch, wie ihm die Möglichkeit entschwindet, mit der Außenwelt überhaupt in irgendeinen Zusammenhang zu treten. Alle die Eindrücke des Tages, sie schwinden dann nach und nach dahin. Dann hören nach und nach die Empfindungsfähigkeiten für den Geschmack und den Geruch und zuallerletzt die Fähigkeit des Hörens auf. In diesem allmählichen Ohnmächtigwerden der inneren Seelentätigkeit verspürt der Mensch das Heraustreten aus seiner leiblichen Hülle.

[ 4 ] Damit haben wir aber schon einen ersten Einfluß charakterisiert, welcher auf den Menschen bewirkt wird während des Schlafzustandes, den Einfluß, der den Menschen gewissermaßen heraustreibt aus seinen Leibern. Es wird derjenige, der Selbstschau hält, verspüren, wie das eine Macht ist, die über ihn kommt, denn im gewöhnlichen normalen Zustand des Lebens befiehlt sich ja der Mensch nicht: Du sollst jetzt einschlafen, du sollst jetzt aufhören zu sprechen, zu schmecken, zu riechen, zu hören —, sondern das ist wie eine Macht, die sich im Menschen geltend macht. Das ist der erste Einfluß aus jener Welt, in der der Mensch des Abends untertaucht, das ist der Einfluß, der ihn sozusagen heraustreibt aus seinem physischen Leib und Äther- oder Lebensleib. Aber wenn dieser Einfluß allein sich geltend machen würde während des Schlafes, was würde dann mit dem Menschen geschehen? Dann würde beim Menschen normalerweise immer ein absolut ruhiger, durch nichts gestörter Schlaf eintreten. Aber wir wissen ja, daß im gewöhnlichen normalen Leben keineswegs nur dieser normale, durch nichts gestörte Schlaf vorhanden ist, sondern daß es eine zweifache Möglichkeit gibt, daß dieser Schlaf in einer anderen Form sich geltend macht. Wir kennen alle einen Zustand, den wir als den Traumzustand bezeichnen, wo sich mehr oder weniger chaotische oder mehr oder weniger deutliche Bilder, Traumbilder, hereindrängen in das Schlafleben. Würde nur der erste Einfluß geltend sein auf den menschlichen Schlaf, der den Menschen wie herausreißt aus seinem Bewußtsein in eine geistige Welt hinein, dann würde immer nur dasjenige vorhanden sein können, was wir einen durch keinen Traum gestörten Schlaf nennen. So daß wir unterscheiden können jenen Einfluß, weicher das Bewußtsein einfach auslöscht, indem er uns heraustreibt aus unserer äußeren Leibeshülle, und jenen Einfluß, der uns in dem leibfreien Zustande die Traumwelt vor die Seele gaukelt, der hineindrängt in unser Schlafleben die Welt des Traumes.

[ 5 ] Das ist aber nicht die einzige Art, wodurch der normale Schlaf beim Menschen eine andere Gestalt annehmen kann. Es gibt noch eine dritte Art. Diese dritte Art tritt allerdings nur bei einer geringen Anzahl von Menschen auf, aber ein jeder weiß, daß sie immerhin bei einer gewissen Anzahl von Menschen vorhanden ist: diese dritte Art ist die, wenn der Mensch anfängt, ohne ein Bewußtsein davon zu haben, aus dem Schlaf heraus zu sprechen oder gewisse Handlungen zu vollführen. Gewöhnlich weiß ja dann der Mensch am Tage nichts von den Antrieben, die ihn zu solchen Schlafhandlungen geführt haben. Es kann sich solches Handeln im Schlaf bis zu demjenigen steigern, was im gewöhnlichen Leben das Nachtwandeln genannt wird. In einzelnen Fällen hat der Mensch etwa auch, während er nachtwandelt, in seinen Schlafzustand gewisse Träume hereingerückt, aber in der Mehrzahl der Fälle ist das gar nicht der Fall, sondern da handelt und spricht der Schlafwandler, ohne daß er in seinem Seelenleben Träume hat. Er handelt dann in gewissem Sinne wie ein Automat, unter dunklen Antrieben, deren er sich nicht einmal traumhaft bewußt zu sein braucht. Diese Handlungen, wo der Mensch aus dem Schlafe heraus gewissermaßen mit der Außenwelt in Berührung tritt wie während des Tageslebens — nur ist es während des Tageslebens bewußt und während der Nacht unbewußt —, diese Handlungen unterliegen einem dritten Einfluß, welcher während des Schlafes auf den Menschen tätig ist.

[ 6 ] So können wir für den Schlafzustand drei deutlich zu unterscheidende Einflüsse auf den inneren Menschen, der von dem äußeren während des Schlafes getrennt ist, konstatieren. Diese drei Einflüsse, denen der Mensch ausgesetzt ist während des Schlafes, sind immer da, und die Geisteswissenschaft kann durch Mittel, die wir noch kennenlernen werden im Laufe der Vorträge, wirklich erforschen, daß sie bei jedem Menschen vorhanden sind. Nur überwiegt bei der weitaus größten Anzahl der Menschen der erste Einfluß so, daß sie doch den größten Teil ihrer Schlafenszeit in traumlosem ruhigem Schlaf verbringen. Dann tritt ja fast für alle Menschen der zweite Einfluß immerhin ab und zu ein, daß sich in ihr Schlafbewußtsein hereindrängt der Traumzustand. Aber diese beiden Zustände wirken für die weitaus meisten Menschen so stark, daß das Sprechen und Handeln aus dem Schlafe heraus zu den Seltenheiten gehört. Aber es ist auch der dritte Einfluß, der beim Nachtwandler auftritt, bei jedem Menschen vorhanden. Nur ist beim Schlafwandler der dritte Einfluß so stark, daß er die beiden anderen übertönt und die Herrschaft gewinnt über die beiden schwächeren Einflüsse, während bei den anderen Menschen eben die zwei anderen Einflüsse so stark sind, daß der dritte Einfluß gar nicht zur Geltung kommt und den Menschen nicht zu irgendwelchen Handlungen treibt. Aber vorhanden ist er bei jedem Menschen. Jeder Mensch ist dazu veranlagt, diesen drei Einflüssen zu unterliegen.

[ 7 ] Diese drei Einflüsse hat man nun immer in dem Forschen der Geisteswissenschaft voneinander unterschieden, und wir müssen innerhalb des Seelenlebens des Menschen drei Gebiete annehmen, welche so sind, daß das eine Gebiet mehr dem einen, das zweite Gebiet mehr dem zweiten und das dritte mehr dem dritten Einfluß unterliegen kann. Die Seele des Menschen ist also ein dreigeteiltes Wesen, denn sie kann dreierlei Einflüssen unterliegen. Nun bezeichnet man denjenigen Teil der menschlichen Seele, welcher dem ersten charakterisierten Einfluß unterliegt, der überhaupt die menschliche Seele heraustreibt aus den Leibeshüllen, in der Geisteswissenschaft als die Empfindungsseele. Denjenigen Teil der Seele, auf welchen sich der Einfluß geltend macht, der an zweiter Stelle charakterisiert worden ist, der die Traumbilder hereindrängt in das menschliche Seelenleben während der Nacht, den bezeichnet man als Verstandes- oder Gemütsseele. Und denjenigen Teil der menschlichen Seele, der also für die meisten Menschen überhaupt seine eigenartige Natur im Schlafesleben gar nicht kundgibt, weil die beiden anderen Einflüsse überwiegen, bezeichnet man als Bewußtseinsseele. So haben wir während der Schlafenszeit des Menschen drei Einflüsse zu unterscheiden, und die drei Glieder des Seelenlebens, die diesen drei Einflüssen unterliegen, unterscheiden wir als Empfindungsseele, als Verstandes- oder Gemütsseele und als Bewußtseinsseele. Wenn also der Mensch durch die eine Macht, die wir geschildert haben, in den traumlosen ruhigen Schlaf versetzt wird, dann geschieht aus der Welt heraus, in die er eintritt, ein Einfluß auf seine Empfindungsseele. Wenn der Mensch seinen Schlaf durchsetzt erhält mit den Bildern der Traumwelt, dann geschieht ein Einfluß auf seine Verstandesoder Gemütsseele, und wenn er gar anfängt, in der Nacht zu sprechen oder aus dem Schlafe heraus zu handeln, dann geschieht ein Einfluß auf seine Bewußtseinsseele.

[ 8 ] Nun haben wir aber damit nur die eine Seite des menschlichen Seelenlebens während des Schlafes geschildert. Wir müssen auch noch die andere Seite dieses Schlaflebens schildern, die nun in dem Entgegengesetzten besteht. Wir haben den einschlafenden Menschen geschildert, betrachten wir jetzt den aufwachenden Menschen, der aus dem Schlafesleben wiederum in die physische Welt zurückkehrt. Was geht denn da eigentlich vor mit dem Menschen, der am Morgen beim Aufwachen wiederum in die physische Welt zurückkehrt? Am Abend war es so, daß ihn eine gewisse Macht herausgetrieben hat aus seinem physischen Leib und seinem Äther- oder Lebensleib. Diese Macht ist am Abend dadurch befähigt zum Heraustreiben, weil der Mensch ihr zuerst unterliegt. Er unterliegt in späteren Stadien seines Schlafes den beiden anderen Einflüssen, den Einflüssen auf die Verstandes- oder Gemütsseele und auf die Bewußtseinsseele. Wenn aber diese Einflüsse stattgefunden haben, dann ist der Mensch etwas anderes, als er vorher war. Der Mensch verändert sich während des Schlaflebens, und die Veränderung zeigt sich einfach dadurch, daß der Mensch am Abend ermüdet ist und heraus muß aus seinen Leibeshüllen und daß er am Morgen nicht mehr ermüdet ist und die Fähigkeit hat zurückzukehren. Dasjenige, was mit ihm während des Schlafes geschehen ist, gibt ihm die Fähigkeit, wiederum zurückzukehren in sein Leibesleben. Derselbe Einfluß, der sich in gewissen abnormen Zuständen in unserer Traumwelt geltend macht, der wirkt auch während des ganzen Schlaflebens auf den Menschen, auch dann, wenn keine Träume vorhanden sind; und auch der dritte Einfluß ist immer vorhanden, der beim Nachtwandler zum Vorschein kommt und sich bei anderen Menschen nur nicht auslebt. Alle diese Einflüsse machen sich geltend während des Schlaflebens. Wenn sich letztere beiden Einflüsse, derjenige auf die Verstandes- oder Gemütsseele und der auf die Bewußtseinsseele, geltend gemacht haben, dann ist der Mensch gestärkt und gekräftigt, er hat aus der geistigen Welt heraus jene Kräfte gesogen und gezogen, welche er braucht im nächsten Tagesleben, um die äußere physische Welt wiederum zu erkennen und zu genießen. Es ist vorzugsweise der Einfluß auf die Verstandes- oder Gemütsseele und auf die Bewußtseinsseele, die den Menschen in der Nacht kräftigen. Dann aber, wenn er gekräftigt ist, ist es derselbe Einfluß, der den Menschen herausgetrieben hat aus dem Leibesleben, nur macht er sich jetzt in umgekehrter Weise geltend, welcher den Menschen am Morgen beim Aufwachen wieder zurückführt in seinen physischen und Ätherleib hinein. Dieselbe Macht, die den Menschen des Abends herausgetrieben hat, bringt ihn des Morgens wieder zurück, es ist der Einfluß auf die Empfindungsseele. Alles, was wir als den Inhalt der Empfindungsseele bezeichnen müssen, war am Abend ermattet, müde. Wie fühlen wir in unserer Empfindungsseele am Abend? Das können wir uns leicht vor die Seele stellen: Wenn wir frisch in das Tagesleben hineinleben, dann interessieren uns die Eindrücke der physischen Welt, die Eindrücke von Farbe, Licht, alle Gegenstände um uns herum, sie erfüllen uns mit Sympathie und Antipathie und bereiten uns Freude, Lust und Schmerz. Wir sind hingegeben an die äußere Welt. Was fühlt Freude, Schmerz, Leid, Lust, was nimmt Interesse in uns an den äußeren Gegenständen, was ist gleichsam in uns entzündet, wenn wir mit unseren Empfindungen hingegeben sind an die äußere Welt? Das ist eben die Empfindungsseele. Und diese lebendige Teilnahme an der äußeren Welt fühlen wir ermattet, wie gelähmt, wenn wir die Notwendigkeit des Einschlafens fühlen. Dasselbe, was wir am Abend gelähmt fühlen, fühlen wir am Morgen gestärkt, erfrischt. Wir wachsen hinein in den gewöhnlichen Tageszustand, wir fühlen, daß dieselben Erscheinungen der Empfindungsseele, die am Abend wie gelähmt waren, wiederum frisch auftreten, in erneuerter Gestalt sich geltend machen. Daraus erkennen wir, daß es dieselbe Macht ist, die uns am Abend herausgeführt hat und die am Morgen die erwachende Seele wiederum in den Leib hineinführt, denn was wir am Abend sozusagen ersterben fühlen, fühlen wir am Morgen wie neugeboren. Sie hat denselben Charakter, nur bewegt sie sich das eine Mal in der einen, das andere Mal in der entgegengesetzten Richtung.

[ 9 ] Wenn wir uns eine Zeichnung davon machen wollen, so können wir dies so machen. Ich bemerke ausdrücklich, daß das eine schematische Zeichnung sein soll. Ich will den Moment des Einschlafens, den Moment, wo der Mensch herausgetrieben wird in das Unbewußtsein hinein, dadurch bezeichnen, daß ich hier einen Punkt setze, und das Hineinbegeben in den Schlafzustand dadurch, daß ich eine Linie nach oben zeichne, und das Aufwachen am Morgen wie ein Zurückkommen aus dem Zustande, in dem der Mensch während : der Nacht ist. Den Gang des Lebens während des Tages würde ich dann mit dieser unteren Linie bezeichnen und das Hineingehen wiederum in den Schlafzustand mit dieser Linie, so daß wir mit dieser Schleifenlinie charakterisiert haben würden zunächst den Zustand des Wachens, dann den Zustand des Schlafens. Der obere Teil soll den Zustand des Schlafens bezeichnen, der untere den des Wachens. Dann können wir, wenn wir den Moment des Einschlafens ins Auge fassen, sagen, es wirkt aus der geistigen Welt heraus hier eine Kraft, die uns hineinzieht; die wollen wir bezeichnen mit dem ersten Drittel dieser Linie. Wenn wir in Träume verfallen, wollen wir den Einfluß, der dann auf unsere Verstandes- oder Gemütsseele ausgeübt wird, mit dem zweiten Drittel der Linie bezeichnen. Jenen Zustand, wo eine Kraft wirken würde auf die Bewußtseinsseele, diesen dritten Einfluß, den würden wir bezeichnen mit dem dritten Teile des Viertels der gesamten Linie. Wir würden dann gleichsam am Morgen dieselbe Kraft haben, die uns hier hineingezogen hat, wie eine uns aus dem Schlafleben herausstoßende und in das Tagesleben hineinführende Kraft. Das würde entsprechen derselben Kraft, die auf die Empfindungsseele wirkt. Und in derselben Weise würden wir hier haben jene Kraft, die auf die Verstandes- oder Gemütsseele wirkt. Und hier der ganze Raum, sowohl der erste wie der zweite Teil, würde den Einfluß auf die Bewußtseinsseele bedeuten. So daß der Mensch während der Nacht sozusagen eine Art von Kreislauf durchläuft. Indem er sich vom Einschlafen gleichsam in die Mitte jenes Zustandes bewegt, die zwischen Einschlafen und Aufwachen liegt, bewegt er sich jenem Einfluß zu, wo am stärksten wirkt die Kraft auf seine Bewußtseinsseele. Von jenem Punkt ab bewegt er sich wieder der Kraft entgegen, die wiederum auf seine Empfindungsseele wirkt und ihn in den Wachzustand zurückbringt.

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[ 10 ] Wir haben also drei Kräfte, die auf den Menschen während des Schlafzustandes wirken. Diese drei Kräfte haben seit alten Zeiten in der Geisteswissenschaft ganz bestimmte Namen, und ich bitte Sie jetzt, bei diesen Namen nichts anderes zunächst zu denken, als was eben geschildert worden ist. Sie kennen diese Namen natürlich, aber ich bitte Sie, an gar nichts anderes zu denken als an Namen, die den betreffenden Kräften gegeben werden, die in der Nacht auf diese drei Teile der menschlichen Seele wirken. Denn in der Tat ist es so: Wenn Sie zurückgehen würden in alte Zeiten, so waren diese drei Namen diesen drei Kräften gegeben, und wenn diese jetzt gebraucht werden für andere Dinge, so sind sie nicht ursprünglich, sondern entlehnt. Ursprünglich sind diese Namen diesen drei Kräften gegeben. Diejenige Kraft, die auf die Empfindungsseele beim Einschlafen und Aufwachen wirkt, bezeichnete man mit einem Namen, welcher in alten Sprachen sich decken würde mit dem Worte Mars. (Während der folgenden Ausführungen werden der Zeichnung von Seite 69 die Namen Mars, Jupiter usw. hinzugefügt; siehe Zeichnung Seite 75.) Mars ist nichts anderes als ein Name für diejenige Kraft, die auf die Empfindungsseele wirkt, welche des Abends den Menschen heraustreibt aus seinen Leibeshüllen und des Morgens wiederum hineinschickt. Diejenige Kraft, welche wirkt auf die Verstandes- oder Gemütsseele, nach dem Einschlafen und vor dem Aufwachen, sie ist jene Kraft, welche die Welt der Träume hineintreibt in die Verstandes- oder Gemütsseele —, diese Kraft führt den Namen, der sich decken würde mit dem Worte Jupiter. Und diejenige Kraft, welche in besonderen Verhältnissen den Menschen zum Nachtwandler machen würde, die also während des Schlafzustandes auf des Menschen Bewußtseinsseele wirkt, die trägt im Sinne der alten Geisteswissenschaft den Namen Saturn. So daß man also im Sinne der Geisteswissenschaft redet, wenn man sagen würde, Mars hat den Menschen eingeschläfert, Jupiter hat dem Menschen Träume in seinen Schlaf geschickt, und der dunkle finstere Saturn ist die Ursache, die den Menschen, der seinem Einflusse nicht widerstehen kann, in seinem Schlafe aufrüttelt und zu unbewußten Handlungen treibt. Bei diesen Namen dürfen Sie also nicht an das denken, was sie im Sinne der gewöhnlichen Astronomie bedeuten. Vorläufig wollen wir ihre ursprünglichen Bedeutungen nehmen, welche Kräfte bezeichnen, die durchaus geistiger Art sind und die auf den Menschen wirken, wenn er außerhalb seines physischen Leibes und seines Äther- oder Lebensleibes in der geistigen Welt sich befindet, während er schläft.

[ 11 ] Nun, wenn der Mensch am Morgen aufgewacht ist — ich habe einen Punkt hingezeichnet zu diesem Aufwachen aus dem Grunde, weil ja der Mensch mit dem Aufwachen in der Tat in eine ganz andere Welt tritt —, was geschieht denn, wenn der Mensch aufwacht? Da wird er in eine Welt versetzt, die eigentlich der heutige normale Mensch allein als die seinige ansieht, in welcher ihm von außen entgegentreten die Eindrücke auf seine Sinne. Diese Eindrücke auf seine Sinne, die werden so bewirkt, daß er nicht hinter die sinnlichen Eindrücke hinschauen kann. Sie sind einfach da, sie treten, wenn er des Morgens aufwacht, vor seine Seele hin. Wenn der Mensch aufwacht, ist der ganze Teppich der Sinneswelt vor ihm ausgebreitet. Aber noch etwas anderes ist für den Menschen da, nämlich, daß er nicht nur mit seinen Sinnen wahrnimmt diese äußere Welt, sondern daß er dann, wenn er dieses oder jenes von dieser äußeren Welt wahrnimmt, immer etwas dabei empfindet. Wenn auch die freudige Empfindung bei der Wahrnehmung irgendeiner Farbe noch so gering ist, es ist ein innerer seelischer Vorgang, eine gewisse Empfindung da. Denn jeder wird sich klar sein, daß auf ihn die violette Farbe anders wirkt als die rote, und die blaue anders als die grüne. Alle äußeren Sinneseindrücke wirken so, daß sie innerliche Zustände hervorrufen. Alles dasjenige, was so die äußeren Sinneseindrücke an Empfindungen hervorrufen, das gehört der Empfindungsseele an, während wir die Ursache im Menschen, warum er die Sinneseindrücke empfangen kann, den Empfindungsleib nennen. Der Empfindungsleib verursacht, daß der Mensch Gelb oder Rot sieht. Die Empfindungsseele ist schuld daran, daß er über dieses Gelb oder Rot dieses oder jenes empfindet. Wir müssen haarscharf unterscheiden: Dasjenige, was uns von außen vor die Seele gezaubert wird, das verursacht der Empfindungsleib; dasjenige, was wir innerlich dabei erleben, Lust und Leid oder irgendeine Nuance von jenem Eindruck, den die Farbe auf uns macht, das gehört zur Empfindungsseele. Am Morgen beginnt die Empfindungsseele hingegeben zu sein an die Eindrücke des Empfindungsleibes, wir könnten auch sagen, an die Eindrücke der Außenwelt, die sie durch die Kräfte des Empfindungsleibes aufnimmt. Dasselbe also, was in der Nacht während des Schlafes dem Marseinfluß ausgesetzt war, die Empfindungsseele, das wird am Morgen beim Erwachen den Eindrücken der äußeren Welt ausgesetzt, das wird hingegeben der sinnlichen Welt. Nun bezeichnen wir die gesamte Sinneswelt, insofern sie in unserer Seele gewisse Empfindungen von Lust und Leid, Freude und Schmerz hervorruft, im Sinne der Geisteswissenschaft wiederum mit einem besonderen Namen, mit dem Namen Venus. Ich bitte wiederum, nichts anderes sich darunter zu denken als das, was eben charakterisiert wurde, also dasjenige, was auf unsere Empfindungsseele als Einfluß sich geltend macht aus dem äußeren Teppiche der Sinneswelt heraus, der uns nicht gleichgültig und kalt läßt, sondern uns mit gewissen Empfindungen erfüllt. Diesen Einfluß auf unsere Empfindungsseele, der sich vom Morgen an geltend macht, den bezeichnet man als die Kraft der Venus. So daß wir, ebenso wie wir den Einfluß auf die Empfindungsseele nach dem Einschlafen als Mars bezeichnet haben, diesen Einfluß nach dem Aufwachen als Venuskraft bezeichnen.

[ 12 ] Ebenso findet aber aus der physischen Welt heraus ein Einfluß statt auf unsere Verstandes- oder Gemütsseele, während sie während des Tages untergetaucht ist in den leiblichen Hüllen, das ist derjenige Einfluß, durch den wir uns den äußeren Eindrücken der Sinneswelt entziehen und diese verarbeiten können. Merken Sie, daß ein Unterschied ist zwischen dem Erleben in der Empfindungsseele und dem Erleben in der Verstandes- oder Gemütsseele; die Empfindungsseele erlebt nur so lange etwas, solange der Mensch der Außenwelt hingegeben ist; sie empfindet eben die Eindrücke der Außenwelt. Wenn aber der Mensch während des Tagwachens einmal eine Weile gar nicht achtgibt auf die Eindrücke der Außenwelt, sondern die äußeren Eindrücke nachklingen läßt und sie verarbeitet in seiner Seele, dann ist der Mensch seiner Verstandesseele hingegeben. Diese ist also etwas mehr selbständig gegenüber der Empfindungsseele. Diejenigen Einflüsse nun, die es möglich machen, daß der Mensch während des Tageslebens nicht nur sozusagen immer dasteht, seine Augen offen und anglotzt den äußeren Sinnesteppich, sondern daß er seine Aufmerksamkeit abwenden kann von alle dem und Gedanken formen kann, durch die er die Eindrücke der Außenwelt kombiniert und sich selbständig machen kann gegenüber der Außenwelt, diese Einflüsse bezeichnen wir als die Kraft des Merkur. So daß wir also sagen können: Wie in der Nacht auf unsere Verstandes- oder Gemütsseele die Jupitereinflüsse sich geltend machen, so machen sich während des Tages die Merkureinflüsse geltend auf unsere Verstandes- oder Gemütsseele. — Merken Sie, daß eine gewisse Korrespondenz besteht zwischen den Einflüssen des Jupiter und des Merkur. Die Einflüsse des Jupiter sind beim heutigen normalen Menschen so, daß sie als Traumbilder in sein Seelenleben hereindrängen, die entsprechenden Einflüsse während des Tages, die Merkureinflüsse, wirken als seine Gedanken, als seine inneren Erlebnisse. Doch bei den Jupitereinflüssen im Traume weiß der Mensch nicht, woher die Dinge eigentlich kommen, während des Tagesbewußtseins, bei den Merkureinflüssen, weiß er es aber. Es sind auch innerliche Vorgänge, die in der Seele ablaufen als innere Bilder. Das ist die Korrespondenz zwischen den Einflüssen des Jupiter und des Merkur.

[ 13 ] Nun gibt es aber auch solche Einflüsse, die während des Tages auf die Bewußtseinsseele wirken. Was ist denn eigentlich für ein Unterschied zwischen Empfindungsseele und Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele? Nun, die Empfindungsseele macht sich geltend, wenn wir die Dinge der Außenwelt einfach anglotzen. Entziehen wir uns für eine Weile den Eindrücken der Außenwelt, geben wir nicht acht auf sie und verarbeiten wir sie, dann sind wir hingegeben unserer Verstandes- oder Gemütsseele. Wenn wir jetzt das Verarbeitete nehmen und uns wiederum der Außenwelt zuwenden und zu ihr in Beziehung setzen, indem wir übergehen zu Taten, dann sind wir hingegeben unserer Bewußtseinsseele. Wenn Ihnen zum Beispiel hier der Blumenstrauß vor Augen steht: Solange Sie ihn bloß anschauen und das Weiß der Rose in Ihnen Gefühle auslöst, so lange sind Sie hingegeben Ihrer Empfindungsseele. Wenn ich nun aber das Auge abwende und gar nicht mehr den Blumenstrauß sehe, sondern darüber nachdenke, dann bin ich hingegeben meiner Verstandes- oder Gemütsseele; da verarbeite ich die Eindrücke, die ich erhalten habe, durch Kombination. Wenn ich jetzt deshalb, weil mir der Blumenstrauß gefallen hat und ich die Eindrücke, die er auf mich gemacht hat, verarbeitet habe, mir sage, ich möchte jemandem eine Freude damit machen, wenn ich ihn dann nehme und also zur Tat übergehe, dann gehe ich aus der Verstandes- oder Gemütsseele heraus, dann trete ich über in die Bewußtseinsseele, da trete ich wiederum mit der Außenwelt in Beziehung. Und das ist eine dritte Kraft, die im Menschen sich geltend macht, die ihn befähigt, nicht nur in sich zu verarbeiten die Eindrücke der Außenwelt, sondern wieder mit der Außenwelt in Beziehung zu treten.

[ 14 ] Merken Sie, daß wiederum eine Beziehung besteht zwischen dem Wirken der Bewußtseinsseele im Wachen und dem Wirken der Bewußstseinsseele im Schlafen. Wir haben gesagt, wenn ein solcher Einfluß im Schlafzustand vorhanden ist, dann geht der Mensch über in das Nachtwandeln, er spricht und handelt im Schlafe. Nur, wenn er im Schlafe nachtwandelt, wird er durch die Kraft des dunklen Saturn getrieben, bei Tage ist er mit seinem Ich dabei, er handelt bewußt. Dasjenige, was während des Tageslebens auf die menschliche Bewußtseinsseele wirkt, damit sie aus dem gewöhnlichen Leben heraus zur Selbständigkeit kommen kann, bezeichnen wir als die Kraft des Mondes. Vergessen Sie wiederum, was Sie bisher unter diesem Worte sich vorgestellt haben, Sie werden schon noch verstehen, warum diese Dinge gerade so sind, vorläufig wollen wir diese Namen als Benennungen behalten.

[ 15 ] So haben wir also das menschliche Seelenleben verfolgt durch den Schlaf- und durch den Wachzustand. Wir haben gefunden, daß es in drei voneinander getrennte Glieder zerfällt, daß es dreierlei Einflüssen unterliegt. Wenn der Mensch in der Nacht hingegeben ist derjenigen Welt, die wir bezeichnen müssen als die geistige Welt, dann ist er hingegeben den Kräften, die in der Geisteswissenschaft bezeichnet werden als Mars-, Jupiter- und Saturnkräfte. Wenn er während des Tagwachens sein Seelenleben entfaltet durch die Empfindungsseele, durch die Verstandes- oder Gemütsseele und durch die Bewußtseinsseele, dann ist er hingegeben an diejenigen Kräfte, die bezeichnet werden in der Geisteswissenschaft als Venus-, Merkur und Mondkräfte.

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[ 16 ] Damit haben wir des Menschen täglichen Weg bezeichnet, den Weg, den er innerhalb von vierundzwanzig Stunden durchmißt. Nun wollen wir, ohne uns vorläufig etwas Besonderes dabei zu denken, heute schon eine andere Reihe von Erscheinungen danebenstellen, eine Reihe von Erscheinungen, welche gewöhnlich nicht unter dem Gesichtspunkte betrachtet wird, welchen wir heute einnehmen wollen. Aber ich bitte ja, diesen Zyklus so zu betrachten, daß seine einzelnen Vorträge zusammengehören und daß im Anfang manches gesagt wird, was erst später seine richtige Beleuchtung finden muß. Ich werde also jetzt etwas neben diese Erscheinungsreihe hinzustellen haben, was einem ganz anderen Gebiete angehört und was wir aus gewissen Gründen neben diese Erscheinungsreihe hinstellen. Wir stellen es hin aus Gründen, die sich im Laufe der Vorträge schon ergeben werden.

[ 17 ] Sie kennen alle den Gang der Erde um die Sonne aus der gewöhnlichen astronomischen Wissenschaft, und wir wollen jetzt einmal, nur so ganz annähernd im allgemeinen, den Gang der Erde um die Sonne betrachten und das, was dazugehört. Wenn wir diesen Gang der Erde um die Sonne und auch dazu den Gang der anderen Planeten, die zur Sonne gehören, so betrachten, wie sie gewöhnlich in der gebräuchlichen heutigen Wissenschaft betrachtet werden, dann ist diese Betrachtung für die Geisteswissenschaft nur der allerallererste Anfang. Für die Geisteswissenschaft ist nämlich dasjenige, was sich in der äußeren physischen Welt vollzieht, ein Gleichnis, ein äußeres Bild für innere geistige Vorgänge, und dasjenige, was wir lernen aus der gewöhnlichen elementaren Astronomie, was wir gewohnt worden sind, von Kindheit auf zu lernen über unser Planetensystem, das läßt sich vergleichen mit Bezug auf dasjenige, was ihm in Wirklichkeit zugrunde liegt, mit dem, was ein Kind lernt, wenn es den Gang der Uhr kennenlernt. Wenn Sie diesen Gang der Uhr dem Kinde verständlich machen wollen, so machen Sie ihm klar, daß da auf dem Zifferblatte zwölf Ziffern und zwei Zeiger sind, daß der eine von diesen langsam geht und der andere schneller. Sie machen dem Kinde klar, was konventionell die zwölf Ziffern und die zwei Zeiger bedeuten, und Sie machen ihm klar, was da konventionell festgestellt ist, damit das Kind lernt, Ihnen zu sagen, daß, wenn der eine Zeiger über dieser Ziffer steht und der andere über jener, es meinetwillen /210 Uhr ist. Es würde das aber noch nicht viel bedeuten, wenn das Kind nur wüßte, die Uhr so zu beschreiben. Das Kind muß mehr lernen; das Kind muß lernen, zum Beispiel, wenn des Morgens der eine Zeiger über 6 und der andere Zeiger über 12 steht, daß das für eine gewisse Zeit des Jahres bedeutet, daß die Sonne aufgeht. Es muß dasjenige, was sich auf dem Zifferblatt der Uhr ausdrückt, auf andere große Ereignisse beziehen lernen. Das heißt, das Kind muß lernen, die Verhältnisse der Welt anzusehen als das, worauf es ankommt, und in demjenigen, was die Uhr ausdrückt, gleichsam nur ein Gleichnis, ein Bild für die Verhältnisse der Welt. So lernt der Mensch, wenn er der großen Welt gegenüber ein Kind ist, daß sich in der Mitte unseres Sonnensystems die Sonne befindet, daß dann herumgeht zuerst dasjenige, was man als den Planeten Merkur bezeichnet, dann, was man als Venus bezeichnet; daß dann herumgehen Erde mit dem Monde, dann Mars, Jupiter und Saturn. Die anderen wollen wir jetzt unberücksichtigt lassen. Also dasjenige, was man so lernt in der äußeren Astronomie, was Sie zum Beispiel da weiter im Kalender lesen können — wenn Sie einen solchen haben, der die einzelnen Himmelserscheinungen angibt —, daß in gewissen Monaten der Saturn oder der Mars und so weiter da und dort zu finden sind. Wenn Sie diesen Gang der einzelnen Planeten kennen, und Sie kennen die gegenseitige Stellung derselben in bestimmten Jahreszeiten, dann haben Sie so viel gelernt über den Himmelsraum, wie ein Kind gelernt hat, das weiß, wenn die Zeiger der Uhr an bestimmten Ziffern stehen, dann ist es ½10 Uhr.

[ 18 ] Nun kann man zu alle dem noch etwas hinzulernen. So wie das Kind hinzulernen kann, auf welche Verhältnisse des Lebens sich die Verhältnisse des Zifferblattes beziehen, so kann man nun lernen, diejenigen Weltenkräfte, die als unsichtbare von den Mächten des Makrokosmos in unseren Raum hereinwirken, als das hinter der großen Weltenuhr Stehende zu betrachten; und unser Sonnensystem mit den verschiedenen Stellungen der Planeten zueinander, das drückt — in ähnlicher Weise — dasjenige aus, was man zuschreiben könnte einer mächtigen Weltenuhr. Von dieser Uhr unseres Planetensystems kann man übergehen zu den großen geistigen Weltenverhältnissen. Dann wird einem ein jeder Stand der Planeten in unserem Sonnensystem der Ausdruck werden für etwas, was man als dahinterstehend annehmen kann. Man wird sagen können: Also gibt es Gründe, warum zum Beispiel Venus einmal in einem solchen Verhältnis zu Jupiter steht und ein anderes Mal in einem andern. Es gibt Gründe, zu sagen: Diese Dinge sind hingestellt durch dahinterliegende göttlich-geistige Mächte, geradeso wie es Gründe gibt, warum die Uhr in einer bestimmten Weise konstruiert ist. — Da erweitert sich uns der Gedanke von den Bewegungen der Planeten im Sonnensystem zu einem sinnvollen Ganzen. Das Planetensystem wird für uns zu einer Art Weltenuhr. Wenn nichts hinter dem Planetensystem stünde, dann wäre das vergleichsweise so, als ob jemand eine Uhr nur zum Spaß gebaut hätte, ohne Sinn. Wir können also sagen, das Planetensystem wird für uns zu einer Art von Weltenuhr, zu einem Ausdrucksmittel für dasjenige, was hinter den betreffenden Bewegungen und einzelnen Körpern unseres Sonnensystems wirklich steht.

[ 19 ] Nun betrachten wir einmal zunächst diese Weltenuhr für sich, betrachten wir sie, damit uns nicht gar zu sehr Vorwürfe gemacht werden von der äußeren Wissenschaft, so — wir könnten sie auch anders betrachten —, wie man es in der äußeren elementaren Wissenschaft gewohnt ist.

[ 20 ] Vorher will ich noch sagen, daß der Gedanke, als ob sich dieses Planetensystem selbst aufgebaut hätte, sehr leicht zu widerlegen ist. Sie haben ja alle erlebt, daß Ihnen in der Schule die Entstehung des Planetensystems dargestellt worden ist. Es ist Ihnen da etwa gesagt worden: Da war einmal ein riesiger Weltennebel ins Rotieren gekommen, und dann hat sich abgespalten in der Mitte die Sonne und rings herum die Planeten. — Wie könnte auch jemandem ein Zweifel daran kommen, daß die Geschichte so entstanden ist, wie es gelehrt wird in den Schulen, da man die Sache experimentell zeigt. Man zeigt so hübsch, nicht wahr, wie man ein kleines Tröpfchen von irgendeiner Substanz nimmt; man schneidet ein kleines Blatt, das durchgelegt werden kann durch die Äquatorebene des Tropfens, steckt dann von oben eine Stecknadel hinein und bringt das Ganze in eine Flüssigkeit, in der es schwimmt, und versetzt es durch die Stecknadel ins Rotieren. Da kann man sogar zeigen, wie durch das Rotieren die äußeren Tröpfchen sich abspalten, wie in der Mitte ein größerer Tropfen bleibt und wie die kleineren um diesen herumrotieren. Da kann man natürlich sehr leicht zeigen: Nun ja, da haben wir ja die Sache ganz im kleinen; wir haben ein Planetensystem dargestellt! — Wie sollte jemand zweifeln daran, daß das im großen so geschehen ist? Derjenige allerdings, der gewissermaßen ein Spitzbube wäre, der würde sagen: Aber verehrter Herr Lehrer, Sie haben eines vergessen, Sie haben ja etwas vergessen, was ja sonst sehr schön ist zu vergessen, aber in dem Falle geht es halt nicht, Sie haben sich selber vergessen. Schön, Sie haben ja da oben gedreht! — Man dürfte logischerweise nicht das Allerwichtigste vergessen. Man müßte mindestens voraussetzen, daß ein riesiger Herr Lehrer im Weltenraume säße und das ganze Sonnensystem zum Rotieren gebracht hätte. Denn man wird logischerweise bei der Anwendung des Vergleiches nicht etwas weglassen dürfen, was wesentlich ist zum Zustandekommen der Sache. Das ist ganz klar. Also weist das Experiment hin auf etwas, das außer der Sache liegt. Daraus können wir also schon schließen, daß hinter demjenigen, was da rotiert im Weltenraume draußen, was da geschieht für das äußerliche Auge, etwas steht. Geradeso wie der Herr Lehrer hinter dem rotierenden Öltropfen steht beim Experimente, so stehen eben Kräfte und Mächte hinter dem ganzen Weltengebäude, das wir da in unserem Sonnensystem vor uns haben.

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[ 21 ] Und nun wollen wir dieses Sonnensystem einmal sozusagen äußerlich betrachten. Da brauchen wir uns nur einmal in der Mitte die Sonne aufzuzeichnen. Wir lassen zunächst die Erde herumrotieren. Von Einzelheiten will ich absehen. Wir wissen, daß die Erde im Laufe eines Jahres also um die Sonne diese Bewegung ausführt. Wir wissen nun aber auch, daß unsere Erde zu einer bestimmten Zeit des Jahres zum Beispiel hier steht und zu einer bestimmten Zeit hier. Wir wissen dann, daß um die Erde herum rotiert der Mond. Also ich werde hier den Mond zeichnen. Wir wissen ferner, daß näher der Sonne herumrotiert derjenige Körper, den man gewöhnlich als Merkur bezeichnet, dann derjenige, den man als Venus bezeichnet. Wir wissen dann, daß ferner außerhalb unserer Erde herumrotieren die Körper, die man bezeichnet als Mars — die Verhältnisse sind natürlich nicht richtig, darauf kommt es aber hier nicht an —, als Jupiter, als Saturn (siehe Zeichnung). Die anderen Planeten wollen wir heute einstweilen unberücksichtigt lassen. Und jetzt nehmen wir einmal den Stand der Erde so, wie das natürlich sehr selten der Fall sein wird, daß die Erde bei ihrem Gang um die Sonne so liegt, daß die Sonne hier ist und die Erde hier, daß dann weiter von der Erde und von der Sonne entfernt sich befinden Mars, Jupiter und Saturn. Wenn wir nun annehmen, daß unsere Erde gerade so steht, daß sie zwischen Mars und Sonne zu stehen kommt, dann haben wir uns zu denken, daß in dem Raum zwischen Erde und Sonne enthalten sind dasjenige, was man gewöhnlich nennt Venus, und dasjenige, was man nennt Merkur. Ich möchte ausdrücklich hervorheben, daß in bezug auf die Bezeichnung dieser beiden Planeten im Laufe der Zeit eine Umänderung stattgefunden hat. Was man heute Merkur nennt, wurde früher Venus genannt, und was man heute Venus nennt, wurde früher Merkur genannt. Daher müssen Sie sich diese Bezeichnungen also umgekehrt denken, so daß das den heutigen Bezeichnungen nicht mehr entspricht. Man muß dasjenige, was der Sonne näher liegt, als Venus bezeichnen, was ihr ferner liegt, als Merkur. Dann kommt der Mond. Wenn Sie sich aber jetzt denken würden die andere Stellung, so daß die Erde auf die andere Seite der Sonne zu liegen kommt (Stellung der Erde wie auf Zeichnung D), so würden Sie, wenn Sie von der Erde zur Sonne gehen, zunächst den Mond bekommen, dann dasjenige, was nach der alten Bezeichnung Merkur ist, dann — nach der alten Bezeichnung — Venus, dann weiter jenseits der Sonne Mars, Jupiter und Saturn. Und Sie würden nun, wenn Sie diese Aufeinanderfolge betrachten und die Erde weglassen, von der Sonne ausgehend nach der einen Seite Venus, Merkur, Mond, nach der anderen Seite Mars, Jupiter, Saturn haben. Sie können nun, wenn Sie diese verschiedenen Körper verbinden, so daß die Sonne den Kreuzungspunkt bezeichnet, dieselbe Schleifenlinie bekommen, die ich früher als die schematische Linie für die Tageserlebnisse des Menschen bezeichnet habe. Das heißt, es gibt eine mögliche Stellung im Sonnensystem, wo die verschiedenen Planeten so angeordnet sind, daß sie eine Raumanordnung angeben, die genau entspricht dem Schema des Tageslaufes des Menschen, wenn man den Moment des Aufwachens und des Einschlafens als den Kreuzungspunkt bezeichnet.

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[ 22 ] So also können wir merkwürdigerweise in unser Planetensystem dieselben Verhältnisse einzeichnen, welche wir schematisch einzeichnen könnten in den Tageslauf des Menschen. Und da können Sie jetzt vorläufig eine Perspektive gewinnen, daß der Anordnung unseres Planetensystems gewaltige Kräfte zugrunde liegen können wir sagen heute vorläufig: können —, welche das ganze große System, diese große Weltenuhr, so regeln im Raum, wie sich in der Zeit im Verlaufe von vierundzwanzig Stunden unser persönliches Leben regelt. Und es wird Ihnen dann der Gedanke nicht mehr absurd erscheinen, daß im Makrokosmos gewaltige, große Kräfte wirklich analog sind den Kräften, die uns einschlafen und aufwachen machen, die uns während des Tages und der Nacht leiten. Und aus einem solchen Gedanken heraus ist in der alten Wissenschaft entstanden die ähnliche Benennung der Planeten mit den Kräften, die auf uns selber wirken, indem man sagte: Die Kraft, die da draußen im Makrokosmos, in der großen Welt den Mars herumtreibt um die Sonne, hat Ähnlichkeit, ist von verwandtem Charakter mit derjenigen Kraft, die uns einschlafen macht. Die Kraft, welche den Jupiter herumtreibt, ist ähnlich der Kraft, welche in die Verstandesseele die Träume sendet. Diejenige Kraft, welche draußen im Makrokosmos die Venus herumtreibt, ist verwandt mit der Kraft, welche unsere Empfindungsseele während des Tages regelt. Der weit entfernte, daher schwach hereinwirkende Saturn, er nimmt sich aus in seiner Wirkung im Raume des Sonnensystems ähnlich wie jene schwache Kraft, die nur in besonderen Fällen zur Auswirkung kommt auf die Bewußtseinsseele, die nur wirkt bei dem Nachtwandler. Und der der Erde ganz nahe stehende Mond, er wird von einer Kraft herumgetrieben um unsere Erde, welche ähnlich ist der Kraft, die uns selber regelt bei unseren bewußsten Taten des Tageslebens, die eigentlich diejenigen sind, welche uns am allernächsten liegen. Da haben Sie schon äußerliche Anhaltspunkte, daß die Raumesentfernungen etwas bedeuten, was sich ausdrückt in unserem eigenen zeitlichen Menschenleben wie stärkere und schwächere Wirkungen. Wir werden in viel tiefere Verhältnisse in bezug auf diese Dinge eindringen, heute sollte nur die Aufmerksamkeit darauf hingelenkt werden. Wenn Sie aber nur oberflächlich in Betracht ziehen, daß der Saturn der am weitesten entfernte Planet ist, der die geringste Wirkung auf unsere Erde hat, so können Sie das damit vergleichen, wie die dunklen Saturnkräfte nur schwach wirken auf den schlafenden Menschen. Und dasjenige, was Kraft ist, die den Jupiter herumtreibt um die Sonne, das ist etwas, was in bezug auf die Entfernung von der Sonne sich auch vergleichen läßt mit demjenigen, was ja auch verhältnismäßig selten in unser Leben hereintritt, die Traumeswelt. Da haben Sie ein merkwürdiges Entsprechen desjenigen, was Menschenleben ist, was Tagesmenschenleben ist, zu demjenigen, was sich draußen im Raume abspielt in der großen Weltenuhr, was als Kraft wirkt in dem Umtreiben der einzelnen Planeten um ihre Sonne. Wir haben ein Entsprechen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos.

[ 23 ] Sie sehen daraus, daß in der Tat die Welt viel komplizierter ist, als man gewöhnlich glaubt, und daß wir, wenn wir in uns blicken als Menschen, tatsächlich nur dann zurechtkommen, nur dann unsere Menschlichkeit begreifen können, wenn wir alles dasjenige, was in unserer Menschlichkeit mit der großen Welt verwandt ist, in Betracht ziehen. Und aus dem Grunde, weil sie das gewußt haben, haben die Geistesforscher aller Zeiten die entsprechenden Benennungen gewählt für die Erscheinungen und für die einzelnen Dinge der großen Welt und für dasjenige, was in uns selber, in unserer scheinbar so kleinen Welt, in der in die Haut eingeschlossenen Leiblichkeit des Menschen vorgeht.

[ 24 ] Ich konnte Ihnen heute sozusagen nur von ferne hindeuten auf ein gewisses Entsprechen des Mikrokosmos, des Menschen, mit dem Makrokosmos, nämlich mit unserem Sonnensystem. Ich konnte Ihnen an einer schematischen Linie, die sich einzeichnen läßt in das Tagesleben des Menschen ebenso wie in das Sonnensystem, anschaulich machen, daß es da eine solche Entsprechung gibt. Wir haben gleichsam nur ganz von ferne hingedeutet auf Wesenheiten, die unseren Raum durchwirken und die aus ihren Kräften heraus in einer ähnlichen Weise die Bewegungen des Weltensystems regeln uhrmäßig, wie geregelt ist der Gang der Zeiger unserer gewöhnlichen Taschen- oder Wanduhr. Wir haben einen Blick bis an die Grenzen jener Gebiete geworfen, wo wir hoffen können, daß sich uns erschließen werden ganze Geisteswelten. Wir werden die Aufgaben haben, in den kommenden Vorträgen die Planeten gleichsam als die Weltenzeiger der großen Weltenuhr kennenzulernen, und wir werden Gelegenheit haben, auf die Wesenheiten selber hinzudeuten, welche den ganzen Gang des Sonnensystems in Bewegung gebracht haben, welche die Planeten um die Sonne bewegen und welche verwandt sich zeigen mit demjenigen, was im Menschen selber vorgeht. Und so werden wir begreifen, wie der Mensch als Mikrokosmos, als kleine Welt herausgeboren ist aus dem Makrokosmos, aus der großen Welt.