Makrokosmos und Mikrokosmos
Die große und die kleine Welt Seelenfragen, Lebensfragen, Geistesfragen
GA 119
24 März 1910, Wien
Vierter Vortrag
[ 1 ] Es ist gestern mit dem Hinweis geschlossen worden auf die beiden Grenzen, innerhalb welcher der Mensch mit seinem normalen Bewußtsein eingeschlossen ist, und wir wollen heute damit beginnen, in einer gewissen Weise hinauszudeuten in die Gebiete, welche jenseits dieser Grenzen liegen, welche der Mensch findet, wenn er durch die schon angedeutete und später in diesen Vorträgen weiter auszuführende Entwickelung seiner Seele das eine oder das andere der Tore durchschreitet und hinwegkommt über das, was man den kleinen, und was man den großen Hüter der Schwelle nennt.
[ 2 ] Wir wollen heute zunächst einmal versuchen, damit zurechtzukommen, wie die Erlebnisse des Menschen sind, wenn er, vorbeikommend an dem kleinen Hüter der Schwelle, bewußt heruntersteigt in sein eigenes menschliches Innere. Wir wissen ja, daß dieses Heruntersteigen jeden Tag im gewöhnlichen Leben sich wiederholt, wenn wir aufwachen, und wir haben es schon hinlänglich betont, wie in diesem Moment des Aufwachens die Unmöglichkeit sich ergibt, wirklich dasjenige zu schauen, in was man sich da als in sein eigenes Inneres hineinlebt. Wenn man nun verstehen will, in was man sich da hineinlebt, dann ist es notwendig, daß man sich etwas genau vor die Seele stellt, was ja in den öffentlichen Vorträgen kurz schon angedeutet worden ist, was wir aber jetzt genau besprechen wollen. Es ist etwas, was mit der ganzen menschlichen Entwickelung zusammenhängt.
[ 3 ] Wir wissen, daß der Mensch im Laufe seines Lebens sich von Stufe zu Stufe entwickelt. Schon in dem Leben, das verläuft zwischen der Geburt und dem Tode, macht der Mensch eine Entwickelung durch, die ihn führt von den anfänglichen Lebenszuständen, in denen er geringe Fähigkeiten und Kräfte hat, zu immer weiterer und weiterer Entfaltung von Fähigkeiten, von Talenten, von Kräften. Wie geschieht diese Entwickelung im gewöhnlichen Leben eigentlich? Nun, sie geht ja so vor sich, daß, wie wir schon betont haben, Einschlafen und Aufwachen dabei eine wesentliche Rolle spielen. Wenn wir das betrachten, was der Mensch in seiner Jugend von Tag zu Tagan Erlebnissen des Erlernens durchmacht, und wenn wir uns vorstellen, wie sich diese Erlebnisse des Erlernens umwandeln in Fähigkeiten, in Können, dann müssen wir blicken auf den Schlafzustand, der es allein möglich macht, daß sich Erlebnisse umwandeln in der menschlichen Seele zu Fähigkeiten, zu Kräften. Wir nehmen ja jeden Abend, wenn wir einschlafen, wirklich aus dem Tagesleben etwas mit in unsere Seele hinein, und das, was wir da mitnehmen, was sich als die Früchte unserer Erlebnisse ergibt, das weben wir um während des Schlafes; wir formen es und bilden es um, so daß es gerinnt zu unseren Fähigkeiten und Kräften. Ein anschauliches Beispiel ergibt sich uns ja, wenn wir darauf hinblicken, wie wir in unserer Jugend von Tag zu Tag uns haben anstrengen müssen, sagen wir, um schreiben zu lernen. Da haben wir mancherlei Erlebnisse an unserer Seele vorüberziehen lassen. Alle diese Erlebnisse stehen uns keineswegs vor der Seele, wenn wir heute die Feder ansetzen und die Kunst des Schreibens ausüben, um unsere Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Was wir da erlebt haben an Versuchen, diese oder jene Buchstaben zu formen, ist gleichsam zusammengeronnen in die Fähigkeit des Schreibens. Und dasjenige, was uns alle diese von Tag zu Tag verlaufenden Erlebnisse umgewandelt hat in die Fähigkeit des Schreibens, das sitzt im Grunde in unserer Seele, kann aber nur wirken in der richtigen Weise, wenn wir sozusagen nicht dabei sind.
[ 4 ] Daraus können wir schon schließen, daß in unserer Seele etwas ist, was höher ist als all unser bewußstes Leben. Denn wenn wir unsere Erlebnisse bloß durch unsere eigenen Kräfte umwandeln wollten, dann würde etwas Schönes zutage gefördert werden. Es sind höhere Kräfte in uns, als diejenigen sind, die wir handhaben mit unserem bewußten Leben. Diese höheren Kräfte treten während des Schlaflebens in Tätigkeit, wenn wir in unbewußtem Zustand sind. In diesem Schlafleben werden Erlebnisse in Fähigkeiten umgewandelt, und die Seele wird immer reifer und reifer gemacht. So arbeitet ein tieferes Wesen in uns an unserer Fortentwickelung, und dieses Wesen empfängt beim Einschlafen die Erlebnisse des Tages und webt sie um, so daß sie uns dann zur Verfügung stehen als Fähigkeiten in einer späteren Lebensperiode. Wir bringen uns aber aus dem Schlafe noch viel mehr heraus als bloß das, was wir erst selbst hinein gebracht haben durch unsere bewußten Erlebnisse. Wir verbrauchen während des Tages vom Morgen bis zum Abend Kräfte, indem wir teilnehmen an Ereignissen, die sich um uns abspielen. Am Abend fühlen wir diese Kräfte verbraucht durch Ermüdung. Und was wir während des Tages an Kräften verbrauchen, wird während der Nacht wiederum erfrischt im Schlafesleben. Das fühlen wir am Morgen. Andere Kräfte fließen uns aus dem Schlafleben zu für die, die wir während der Tagesarbeit verbraucht haben. Also es fließt uns aus unserem Schlafleben heraus eine ganze Summe von Kräften zu, die wir brauchen für unser Tagesleben.
[ 5 ] So entwickeln wir uns von Stufe zu Stufe, aber wir wissen doch, daß diese Entwickelung eine bestimmte Grenze hat. Bei jedem Erwachen am Morgen finden wir ja denselben physischen Leib und Äther- oder Lebensleib vor, und wir wissen, daß wir im Grunde genommen auch wenig vermögen, durch unsere eigenen Kräfte, durch unsere eigenen Erwerbungen diesen physischen, diesen Ätherleib umzuwandeln, zu höheren Gestaltungen hinaufzubilden. Es weiß zwar jeder, der ein wenig das Leben kennt, daß ja bis zu einem gewissen Grade die Möglichkeit vorhanden ist, auch bis in seinen physischen Leib hinein sich umzuwandeln. Wenn wir einen Menschen beobachten, der zehn Jahre damit verbracht hat, tieferen Erkenntniserlebnissen sich hinzugeben, solchen Erkenntniserlebnissen, die nicht äußere Theorien bleiben, sondern in das ganze Seelenleben eingreifen, die den Menschen sozusagen zu etwas anderem machen, dann können wir, wenn wir nach zehn Jahren sein jetziges Aussehen mit dem früheren vergleichen, uns eine Vorstellung bilden, wie sich hineingearbeitet haben die errungenen Erkenntnisse in die Züge seines Antlitzes, wie diese anders geworden sind. Da sehen wir, wie das, was in der Seele sich entwickelt, plastisch gestaltet auch an der äußeren Leiblichkeit. Aber wir sehen auch, in wie engen Grenzen das eigentlich eingeschlossen ist, und es muß in engen Grenzen eingeschlossen sein, denn wir treffen ja an jedem Morgen im wesentlichen unseren physischen Leib und unseren Ätherleib in derselben Gestalt und mit denselben Anlagen an, die sie bei der Geburt mitbekommen haben. An diesen Anlagen können wir wenig ändern. Während wir verhältnismäßig viel an unserer Seele, an der intellektuellen, an der geistigen Kraft, auch an der Willenskraft unserer Seele entwickeln können, können wir an der Umgestaltung unserer äußeren Hüllen, unseres physischen und Ätherleibes im Leben zwischen der Geburt und dem Tode wenig ändern. Aber es müssen dennoch während des ganzen Lebens zwischen der Geburt und dem Tode innere Kräfte tätig sein, und diese Kräfte müssen fortwährend neu angefeuert werden, wenn das Leben fortgehen soll. Wir sehen ja im Moment des Todes, was aus dem physischen Menschenleib wird, wenn nicht an ihm fortwährend arbeitet der Äther- oder Lebensleib. Die eigentlichen physischen, die physikalischen und chemischen Kräfte des physischen Leibes machen sich geltend von dem Moment des Todes ab. Da wirken sie zersetzend und auflösend auf den physischen Leib. Daß dies, was sonst in dem Moment des Todes mit dem physischen Leib eintritt, zwischen der Geburt und dem Tode nicht stattfinden kann, daran ist der Äther- oder Lebensleib mit seinen inneren Kräften schuld. Der ist in der Zeit zwischen der Geburt und dem Tod ein treuer Kämpfer gegen den Zerfall des physischen Leibes. In jedem Momente wäre unser physischer Leib bereit zu zerfallen, wenn ihm nicht neue Kräfte aus dem Äther- oder Lebensleib heraus zugeführt würden. Dieser Äther- oder Lebensleib aber wiederum erhält dasjenige, was er braucht, aus noch tiefer liegenden inneren Kräften, aus dem, was wir den astralischen Leib nennen, den Träger von Lust und Leid, von Freude und Schmerz und so weiter, so daß immer an dem entsprechenden äußeren Leib arbeitet und baut der entsprechende innere Leib. Es wird also dasjenige, was äußerlich an uns sichtbar ist, fortwährend unterhalten von den inneren Kräften. Wie da der astralische Leib an dem Äther- oder Lebensleib arbeitet, wie wiederum der Ätherleib an dem physischen Leib arbeitet, das ist es ja gerade, was der Mensch sehen müßte, wenn er beim Aufwachen bewußt hinunterstiege in seine Leiblichkeit, und was sich ihm dadurch entzieht, daß sein Blick bei diesem Hineinsteigen abgelenkt wird auf die äußeren Dinge und Geschehnisse.
[ 6 ] Nun aber kann der Mensch dadurch, daß er seine Seele allmählich so entwickelt, daß er den Moment des Aufwachens, also das Hineinsteigen in seine Leiblichkeit, bewußt zu erleben vermag, sich in einer gewissen Weise Kenntnis davon verschaffen, was da in seinem Inneren wirkt und lebt, was da schafft und bildet. An dem innern Triebwerk unserer eigenen Menschlichkeit werden wir teilhaben, wenn wir uns — und jetzt sei das Wort im besten Sinne gemeint mystisch in unser eigenes Inneres zu versenken vermögen. Was müssen wir denn da erreichen — wie wir es erreichen, davon später —, wenn wir so bewußt hinuntersteigen wollen in unser eigenes Innere? Da müssen wir gerade das erreichen, daß uns beim Aufwachen die äußeren Eindrücke nicht stören. Wir müssen uns so vorbereiten, daß wir imstande wären aufzuwachen, ohne daß im Moment des Aufwachens an unsere Seele herantreten die Eindrücke der Augen, die Eindrücke der Ohren und so weiter. Wir müssen uns in die Möglichkeit versetzen, aus einem anderen Bewußtseinszustand, wie er im Schlaf gegeben ist, uns hineinzuleben in das Weltendasein, daß wir allen äußeren Eindrücken Stillstand gebieten. Wenn wir so allen äußeren Eindrücken Stillstand gebieten können, dann kommen wir vorbei an dem kleinen Hüter der Schwelle. Wie er sich ausnimmt, werden wir gleich nachher besprechen. Wir wollen jetzt für den Augenblick annehmen, wir wären an ihm vorbeigekommen, wir wären durch das Tor eingetreten, das in unser eigenes Innere führt. Da lernen wir als echte, wahre Mystiker etwas kennen, wovon wir uns vorher allerdings keinen Begriff gemacht haben. Die äußerlichen Beschreibungen, die in den meisten theosophischen Handbüchern gegeben werden von dem astralischen Leib, von dem Äther- oder Lebensleib und dem physischen Leib, wenn sie von innen gesehen werden, sind doch nicht viel mehr als ganz annähernde Beschreibungen, die zwar hindeuten können auf dasjenige, um was es sich handelt, aber eine wirkliche Erkenntnis dessen, in das wir hineinsteigen beim Aufwachen, ist doch erst möglich, wenn man geduldig lange Zeit von den verschiedensten Seiten den großen Wahrheiten des Daseins sich nähert. Und so wollen wir denn heute von einer ganz bestimmten Seite versuchen, in diese Geheimnisse einzudringen.
[ 7 ] Wenn der Mensch also zunächst dasjenige nicht zu sehen braucht, was von außen auf ihn wirken kann, so lernt er, sagen wir, gefühlsmäßig dasjenige kennen, was man gewöhnlich die Seele nennt, und das doch noch etwas ganz anderes ist, als was der gewöhnlichen Vorstellung von der Seele entspricht. Er lernt kennen, daß diese Menschenseele eigentlich etwas Kleines ist, daß sie aber vergleichbar ist mit etwas Grofßem, und daß die einzelnen Fähigkeiten, welche die menschliche Seele haben und innerhalb welcher sie sich entwickeln kann, gering sind gegenüber denjenigen Fähigkeiten, die jenes Große hat, dem die menschliche Seele sich ähnlich fühlen kann. Und man lernt erkennen, wenn man in den physischen und Ätherleib hineinsteigt, daß man wirklich aus einer Realität herausgekommen ist mit dem Aufwachen, daß man vom Einschlafen bis zum Aufwachen in einer anderen Welt war, in einer Welt, in welcher es Wesenhaftes gibt, das unserer Seele selber ähnlich ist, das aber alles viel gröBer, viel gewaltiger hat an Eigenschaften und Fähigkeiten, als unsere Seele selber. So recht klein fühlt sich diese Menschenseele im Moment des Aufwachens, wenn sie an dem Hüter der Schwelle vorbeigekommen ist. Da kann sie sich sagen: Ja, klein bin ich wahrhaftig, denn hätte ich jetzt in diesem Moment des Aufwachens nichts in mir, als was ich mir selber geben kann, wäre ich nicht ausgeflossen und ausgegossen gewesen in große, gewaltige Welten, welche ähnliche Fähigkeiten haben wie ich selber, nur ins Unendliche gesteigert, und hätten diese nicht in mich einströmen lassen dasjenige, was ich brauche, oh, ich würde mich jetzt ziemlich ratlos benehmen, wenn ich da meinem eigenen Inneren gegenübertreten sollte. — Die Seele merkt jetzt, daß sie dasjenige braucht, was die ganze Nacht hindurch in sie eingeströmt ist; sie merkt jetzt, daß in sie eingeströmt ist, was Ähnlichkeit hat mit ihren eigenen drei Grundkräften.
[ 8 ] Welches sind diese drei Grundkräfte der Seele? Erstens dasjenige, was man den Willen nennt; alles, was willensartig ist, ist die eine Grundkraft der Seele, diejenige, welche uns anleitet, dieses oder jenes zu wollen im Leben. Die zweite Grundkraft der Seele ist das Gefühl; es ist die Kraft, die es zuwege bringt, daß unsere Seele von dem einen angezogen, von dem anderen abgestoßen wird, über das eine Freude, über das andere Schmerz empfindet. Und die dritte Grundkraft ist das Denken, die Möglichkeit, zu Vorstellungen über die Dinge zu gelangen. Das sind die drei Grundkräfte der menschlichen Seele. Und wir wissen ja auch, daß diese drei Grundkräfte das eigentlich Wertvolle sind, dasjenige, was wir im Leben zwischen der Geburt und dem Tode ausbilden können. Wenn wir unseren Willen immer mehr und mehr ausbilden, immer stärker und stärker machen, dann werden wir Menschen, welche kraftvoll ins Leben einzugreifen vermögen. Wenn wir unsere Gefühle immer mehr und mehr ausbilden, dann werden wir Menschen, die mit immer größerer und größerer Sicherheit zu beurteilen vermögen, was in der Welt richtig oder unrichtig ist, indem wir das Richtige, das Gerechte mit Lust empfinden, das Unrichtige, das Ungerechte aber mit Schmerz. Und wenn wir unser Denken ausbilden, so werden wir immer mehr und mehr fähig, das zu entwickeln, was wir nennen ein weisheitsvolles Verstehen der Welt, wodurch wir uns mit Weisheit hineinfinden in die Erscheinungen der Welt. Unser ganzes Leben hindurch zwischen der Geburt und dem Tode arbeiten wir an diesen drei Grundkräften der Seele.
[ 9 ] Wenn wir nun aber des Morgens in jenem Zustand aufwachen, der beschrieben worden ist, wo wir an dem Hüter der Schwelle vorbeigekommen sind, dann merken wir, daß alles dasjenige, was wir in unserem Leben an Willen, an Gefühl, an Denken in uns entwickeln können, eine Kleinigkeit ist gegenüber der Kraft der Gedanken, der Kraft des Fühlens und der Kraft des Wollens, die in der geistigen Welt ausgebreitet sind, aus der wir am Morgen herauskommen im Moment des Aufwachens; und wir merken, daß wir das brauchen, was wir in der Nacht eingesogen haben, denn wir würden nicht weit kommen, wenn wir nur dasjenige an Gedanken und Gefühlen und an Wollen entwickelten, was wir durch das Tagesleben entwickeln können. Da muß uns wie eine Gabe aus geistigen Welten, aus den höheren Kräften des Weltendenkens, des Weltenfühlens, des Weltenwollens die ganze Nacht über zuströmen dasjenige, was nun mit uns in unser eigenes Innere hinuntersteigt. Wenn wir uns zuerst bewußt geworden sind, daß wir eingesogen haben in unsere Seele Weltenwollen, Weltenfühlen, Weltendenken, dann merken wir, daß diese drei Grundkräfte nicht dasjenige sind, was wir uns selber aus dem Leben angeeignet haben an Denken, Fühlen und Wollen, sondern etwas, was ohne unser Zutun uns zuströmt vom Einschlafen bis zum Aufwachen.
[ 10 ] Indem wir mit unserer Seele, die sich gleichsam vollgesogen hat mit diesen Eigenschaften, untertauchen in unsere eigene Leiblichkeit, merken wir, daß sich diese Grundkräfte verwandeln und ein anderes Gesicht bekommen. Und zwar merken wir, daß sich dasjenige, was wir in einem schwachen Abbilde als Willen unserer Seele kennen, was wir uns aber mitbringen aus einem unendlich viel größeren Maß von Weltenwillen, daß sich das im Einströmen verwandelt in etwas, was uns die Möglichkeit gibt, bewegliche Wesen zu sein, die aus ihrem Inneren heraus die Fähigkeit haben, die Glieder zu bewegen, im kleinen und im großen. Es strömt in uns ein die Möglichkeit und die Fähigkeit, die wir äußerlich zutage treten sehen, wenn wir einen Menschen sehen, der die Arbeit des Tages mit seinen Bewegungen verrichtet. Was da in uns hineinströmt, was wir aus dem Weltenwillen herausnehmen, das wird äußerlich sichtbar in der Bewegung unserer Glieder, in unserer gesamten Beweglichkeit. Es kommt dasjenige, was Weltenwille ist, in uns als Kraft, als innere, uns erfüllende Kraft zum Vorschein. Wir sehen jetzt, wie tatsächlich die uns durchsetzende Kraft, die wir sonst nur seelenhaft verspüren, uns aus dem Weltenwillen heraus zuströmt. Jetzt wird es für uns eine Wahrheit, daß Wille die Welt durchströmt, daß der Wille der Welt uns durchströmt, und daß wir nur dadurch bewegliche Menschen sind, Menschen, die ihre Glieder bewegen können, Menschen, die Selbsttätigkeit haben, daß? uns am Morgen zufließt Weltenwille, den wir eingesogen haben in unsere Seele im Schlafzustand. Diesen Weltenwillen, der in uns einströmt am Morgen, verbrauchen wir während des Tages. Dieses Einströmen fühlen wir nicht im gewöhnlichen normalen Leben. Aber wenn wir an dem Hüter der Schwelle vorbeigekommen sind, dann fühlen wir fortwirken in uns selber den ganzen Willen des Makrokosmos, da fühlen wir uns einheitlich mit dem Weltenwillen zusammengewachsen. Es ist ein unendlich bedeutsames Gefühl, das wir da durchmachen. Wie verbunden, wie eingeschaltet in den gesamten Weltenwillen fühlen wir uns in diesem Momente.
[ 11 ] Dasjenige aber, was wir im gewöhnlichen Seelenleben kennen als die Kraft des Fühlens, das haben wir aus einem gleichsam unendlichen Reservoir von Weltenfühlen herausgesogen, und das strömt jetzt in uns ein. Und das verwandelt sich so, daß es für den, welcher so weit entwickelt ist, innerlich so sichtbar wird, wie wenn ihn in diesem Weltengefühl etwas durchströmte, was sich, wenn man es vergleichen will mit etwas im Leben, nur vergleichen läßt mit dem Licht. Wie wenn wir innerlich durchleuchtet würden, so ist es, wenn man hinblickt auf das, was in uns einströmt als die Wirkung des im Schlafe aufgenommenen Weltengefühls. Das einströmende Weltengefühl wird Licht in uns, inneres Licht; äußerlich ist es nicht sichtbar, aber der hellseherisch gewordene Mensch sieht, wenn er an dem kleinen Hüter der Schwelle vorbeigekommen ist, daß tatsächlich das Licht, das er braucht zu seinem inneren Erleben, das nichts anderes ist als ein Ergebnis dessen, was er in der Nacht eingesogen hat als Weltengefühl. Damit sehen wir schon, wie der Mensch, wenn er hingegeben ist seinem eigenen Inneren, über seine Seele etwas ganz Neues erfährt. Er erfährt, was aus dem Makrokosmos ihm zuströmt und was daraus in seinem Inneren wird. Und man hat dasjenige, was astralischer Leib ist, wahrhaftig und wesenhaft vor sich, wenn man die Kräfte und Fähigkeiten der äußeren Weltenwesenheiten in sich einströmen fühlt.
[ 12 ] Das, was die Kraft des Denkens ist, das nimmt sich dann so aus, daß es in uns wie ein Ordner, wie ein Regulator wirkt zwischen dem, was uns als Kraft der Bewegung, und dem, was uns als inneres Licht zuströmt. Zwischen diesen beiden muß eine Art Gleichgewicht geschaffen werden, daß niemals ein unrichtiges Verhältnis entsteht zwischen dem, was als inneres Gefühl und was als Tätigkeitsdrang entsteht. Würde nicht das richtige Verhältnis geschaffen sein zwischen innerem Licht und Tätigkeitsdrang, so würde die menschliche Leiblichkeit nicht in der richtigen Weise von innen heraus versorgt werden. Wenn das eine oder das andere im Überfluß vorhanden wäre, dann müßte der Mensch zugrunde gehen. Nur beim richtigen Gleichgewicht kann der Mensch seine inneren Kräfte so entfalten, daß sie seiner äußeren Existenz in der richtigen Weise dienen.
[ 13 ] So sehen wir diese drei Kräfte am Menschen im Schlafzustande arbeiten, und sie wirken so in uns fort, daß sie unseren äußeren Menschen vom Morgen bis zum Abend so anfeuern, daß er vollbringen kann, was er vollbringen soll. Wenn wir dies ins Auge fassen, dann können wir uns sagen, es ist in der Tat unsere Seele recht klein gegenüber dem, was da in der großen Welt ist, in die wir ausgegossen waren während des Schlafzustandes; aber es ist unsere Seele dem doch ähnlich. So wie in unserer Seele sich nach und nach zu immer höherer und höherer Stufe entwickeln Denken, Fühlen und Wollen, so ist draußen in der unsichtbaren, übersinnlichen Welt das ausgegossen, was Weltenfühlen, Weltendenken, Weltenwollen ist.
[ 14 ] Und dann macht man noch eine andere Erfahrung, die sich als unmittelbares Erlebnis ergibt. Wenn auch diese Seele heute klein ist gegenüber der großen Weltenseele, sie ist doch auf dem Wege, so zu werden wie diese. Ihre Fähigkeit zu denken, ihre Fähigkeit zu wollen, ihre Fähigkeit zu fühlen ist heute zwar noch klein, aber sie ist auf dem Wege, so zu werden, wie dieses große Weltenfühlen, Weltendenken und Weltenwollen ist. — Das ist das eine, das man erlebt. Das andere ist, daß man ganz genau weiß: Was einem da erscheint als ein ganz mächtiger Makrokosmos, als Weltenfühlen, Weltendenken, Weltenwollen, das ist einstmals auch so wie unsere Seele gewesen; das hat sich aus solch kleinen Anfängen zu solch gewaltiger Größe entwickeln müssen.
[ 15 ] Wenn man diese zwei Gefühle hat, dann lädt sich etwas ab wie eine Frucht auf die Seele des Mystikers, und diese besteht darin, daß er sich sagt: Wie wäre es gekommen, wenn jene Wesen, die das geschaffen haben, was heute ausgebreitet ist in der Welt und uns das gibt, was wir zu unserem Leben brauchen, wenn die nichts getan hätten zu ihrer Entwickelung? In unendlicher Ferne der Vergangenheit waren sie ebenso schwach an Gefühlskräften, an Kräften des Denkens, an Kräften des Wollens wie wir. Einstmals waren sie so schwach wie unsere Seele, und heute sind sie so stark, daß sie nicht mehr darauf angewiesen sind zu empfangen, sondern sie geben nur. Was wäre aus uns geworden, wenn sie sich nicht weiter entwickelt hätten? Nichts hätte aus uns selber werden können! Nicht da sein könnten wir! Das ist das lebendige Gefühl, das sich auf unsere Seele legt, ein Gefühl unendlichen Dankes. Wenn wir den Wert unseres Daseins zu schätzen wissen, dann überströmt uns ein Gefühl unendlicher Dankbarkeit. Dieses Gefühl des Dankes ist eine Realität für jeden echten, wahren Mystiker, ist nicht etwas, was sich auch nur im geringsten vergleichen läßt mit dem, was der Mensch im gewöhnlichen Leben als Dankgefühl hat. Das ist ein Gefühl, das wie beseligend und durchseligend in unserem Inneren sich ergibt und das einmal da sein muß, denn es gehört zu den wichtigsten Erlebnissen des Mystikers. Was die Außenwelt heute Mystik nennt, ist gewöhnlich nichts anderes als eine Summe von Phrasen. Der echte, wahre Mystiker kennt dieses Dankgefühl, mit dem er hinblickt auf die große Welt und sich sagt: Was wärest du, wenn nicht diese Wesen, die vor dir waren, nicht alles getan hätten, um zu dieser Höhe emporzusteigen, die es möglich macht, dir jede Nacht zu geben, was du brauchst, und es einströmen zu lassen in deine Leiblichkeit? — Wer dieses Gefühl des Dankes gegenüber dem Makrokosmos nicht im tiefsten Grunde des Herzens empfunden hat, der ist kein wahrer Mystiker.
[ 16 ] Und an dieses Gefühl des Dankes schließt sich ein anderes Gefühl an, ein Gefühl, das zu charakterisieren ist mit folgenden Worten: Wenn wir heute am Anfange stehen, wie jene Wesen einstmals am Anfange gestanden haben, müssen wir da nicht an uns arbeiten, damit wir unser Ziel im Weltendasein erreichen, müssen wir da nicht alles tun, um aus unserem kleinen Denken, Fühlen und Wollen herauszukommen, damit wir dereinst nicht bloß zu nehmen brauchen, sondern auch geben können, damit wir in ähnlicher Weise etwas ausgießen, ausströmen lassen können, wie sich etwas in uns ergießt, wenn wir im Schlafzustande dem Makrokosmos hingegeben sind? Dieses Gefühl gestaltet sich zu einer Riesenverpflichtung für die Entwickelung unserer Seele. Wir sagen uns dann als echter, wahrer Mystiker: Du versäumst deine Pflicht, wenn du nicht alles tust, um die Kräfte deiner Seele, die heute noch in geringem Maße vorhanden sind, zu der Höhe hin zu entwickeln, zu der sie kommen können und die sich dir im Vorbild zeigt, wenn du bewußt emporblickst zu dem Makrokosmos, aus dem du deine Kräfte saugst. Entwickelst du dich nicht, erbost du dich und setzest du deiner eigenen Entwickelung Widerstand entgegen, dann wirst du dazu beitragen, daß einstmals nicht in ähnlicher Weise Wesen sich werden entwickeln können, wie du dich heute entwickelst. Dann trägst du statt zum Fortschritt, zur Neugestaltung, zur Schöpfung der Welt, zu ihrer Vernichtung bei. — Das ist das andere Gefühl, das sich für den Mystiker ergibt, und wir sehen, daß sich dasjenige, was man sonst erlebt in der Seele, die Summe von Begierden, Trieben und Leidenschaften und so weiter in einer merkwürdigen Weise umgestaltet. Was wir sonst als Dankgefühl kennen, wird zu einem unermeßlichen Dankgefühl gegenüber dem Makrokosmos, und was wir im Leben als Pflicht fühlen, wächst zu einer unermeßlichen Verpflichtung zur eigenen bewußten Entwickelung.
[ 17 ] Das sind zwei Gefühle und Impulse, die unsere Seele durchströmen, wenn wir an dem Hüter der Schwelle vorbeiziehen. Und diese zwei Gefühle machen dann das aus, was es uns möglich macht, den astralischen Leib des Menschen wirklich in seiner Wesenhaftigkeit zu erkennen. Wenn diese Gefühle in einem Menschen so leben, wie sie geschildert worden sind, und der Mensch sich diesen Gefühlen immer mehr und mehr hingibt, dem Gefühle des Dankes gegenüber dem Makrokosmos und den Gefühlen der Pflicht gegenüber dem Weltenwerden, wenn er seine Seele ganz von ihnen durchströmen und durchpulsen läßt, dann geht ihm das Seherauge auf; dann steht nach und nach vor seinem Auge ihm sein eigener astralischer Leib, die nächste Hülle, von der er umgeben ist und die er im gewöhnlichen Bewußtsein nicht sieht, die er aber wahrnehmen kann, wenn er die Geduld hat, lange genug diese Gefühle auf seine Seele wirken zu lassen. Dann steht vor uns die wahre Gestalt unseres astralischen Leibes, jenes Leibes, der herausgeboren ist aus dem Makrokosmos. Allerdings, wenn wir diesen astralischen Leib sehen und in der genügenden Stärke als eine Wahrheit empfinden wollen, daß allem Sinnlichen der Geist zugrunde liegt, dann müssen wir eben an dem Hüter der Schwelle vorbeigehen. Wir müssen auch noch die Kehrseite dessen betrachten, was eben als die Lichtseite beschrieben worden ist.
[ 18 ] Wir haben gesehen, daß alles dasjenige, was Weltenwille ist, uns durchströmt mit Kraft zur Tätigkeit, daß alles das, was Weltenfühlen ist, uns durchströmt mit Licht, und das Weltendenken durchströmt uns als ordnende Kraft. Das sind die Elemente, die wir brauchen, ohne diese könnten wir nicht leben, und würden uns diese nicht zugeführt, so würden wir als Menschen nicht da sein können. Nun vergleichen wir das, was in uns arbeitet mit dem, was schon unser eigen ist. Da tritt uns sehr deutlich vor Augen, was die Seele sich bis dahin erarbeitet hat an Kräften des Denkens, an Kräften des Fühlens und an Kräften des Willens. Namentlich tritt uns ganz deutlich vor Augen, wieviel wir unterlassen haben uns anzueignen in bezug auf die Stärke des Willens, in bezug auf die Intelligenz des Denkens und auf richtiges und angemessenes Fühlen. Es zeigt sich nun, daß alles, was wir getan haben, um uns Intelligenz anzueignen, sich vereinigen kann mit dem, was uns aus dem Weltenfühlen mit Licht durchströmt, und daß alles das, was wir unterlassen haben in der Entwickelung unserer Intelligenz, sich wie ein Hemmschuh ausnimmt. In dem Maße fließt uns weniger aus dem Lichte des Weltenfühlens heraus zu, als wir selber es unterlassen haben, an der Entwickelung unserer Intelligenz, unserer eigenen Denkkraft zu arbeiten. Unser Denken muß, wenn wir fortschreiten wollen im Weltendasein, im richtigen Verhältnis stehen zu dem, was wir in uns hineinsaugen aus dem Weltenfühlen.
[ 19 ] Wer diese Dinge nur kombinieren wollte, der könnte leicht versucht sein zu glauben, daß das, was wir aus den Denkkräften heraus an menschlicher Intelligenz uns erwerben, sich summieren und verbinden müßte mit dem, was aus dem Weltendenken uns zuströmt. Das wäre aber eine äußerliche Kombination, eine bloße Theorie und entspricht nicht der Wirklichkeit. In Wahrheit summiert sich Menschendenken mit Weltenfühlen. Es wird oftmals der Fehler gemacht, daß aus den gegebenen Andeutungen etwas Falsches kombiniert wird, zum Beispiel Gleiches mit Gleichem oder Ähnliches mit Ähnlichem. Aber die Dinge sind nicht so, daß man mit dem menschlichen kombinierenden Denken zurechtkommt. Also Weltenfühlen, wie wir es im Schlafe hereinsaugen, summiert sich mit menschlicher Intelligenz. Je mehr Intelligenz man hat, desto mehr erhellt sie dasjenige, was uns das Weltenfühlen als inneres Licht gibt. Gleichsam aber sehen wir in dieses Licht, in dieses Weltenfühlen einströmen sich widersetzende Dunkelheit, Finsternis, wenn wir unterlassen, etwas an der Entwickelung unseres Denkens, unserer Intelligenz zu tun. Alle Unterlassungssünden, die der Mensch dadurch begeht, daß er zu bequem ist, seine Denkkräfte auszubilden, rächen sich dadurch, daß der Mensch seinem inneren Licht etwas entzieht, daß er diesem inneren Licht von sich aus Finsternis, Dunkelheit zusetzt. So sehen wir den Geist weben an unserem eigenen Innern.
[ 20 ] Nun könnte jemand sagen: Das hat für mich eigentlich etwas höchst Unbehagliches, wenn ich daran denken soll, daß es in der Welt eine sonderbare Strömung wie die geisteswissenschaftliche Strömung gibt, welche jetzt gar damit anfängt, die Menschen auf solche Dinge aufmerksam zu machen. Haben denn die Menschen bisher nicht auch gelebt und ganz glücklich damit gelebt, daß sie sozusagen in die beiden Grenzen sich eingeschlossen haben, daß sie hübsch drinnengeblieben sind in der Spanne des Lebens, welche sich ausdehnt zwischen dem kleinen und dem großen Hüter der Schwelle? Da haben die geistigen Mächte für ihr Fortkommen gesorgt, von denen sie sich bis jetzt keine Vorstellung gemacht haben; könnte das nicht so weiter gehen? — Wenn sie es auch nicht so aussprechen, die Menschen von heute, so denken sie doch: Ach, was schert uns heute diese Weltenströmung! Wir wollen lieber bei dem Leben bleiben, wie es bisher verflossen ist. Da würde man am Ende gar dazu verführt, gewahr zu werden, wie sich Licht und Finsternis in uns selber vermischen. Bisher haben die geistigen Mächte dafür gesorgt, daß die Geschichte nicht in Unordnung kam; jetzt könnten wir selber etwas darüber erfahren, und wir könnten die Geschichte in Unordnung bringen. Unterlassen wir es lieber! — Es könnte jemand zu dieser Stimmung kommen, und es sind heute noch sehr viele in dieser Stimmung, daß sie sich sagen: Wir wollen essen und trinken, die nötige Kraft im Äußeren entwickeln, aber darüber hinaus wollen wir nicht gehen, dafür lassen wir die Götter sorgen, die bisher gesorgt haben.
[ 21 ] Es wäre das im Grunde genommen kein unvernünftiger Einwand, denn in der Tat war es bisher so, daß die Menschen bis zu ihrer gegenwärtigen Entwickelungsstufe genügend Kräfte aus dem Schlafe haben heraussaugen können, daß die Kräfte des Makrokosmos da waren, von denen sich die Seele vollgesogen hatte, daß der Seele das zugeführt worden ist, was diese großen geistigen Wesenheiten aufgespeichert haben. Bisher war es so. Aber man darf nicht bei Abstraktionen bleiben, sondern man muß sich gerade auf diesem Felde an die Wirklichkeit halten. Und diese Wirklichkeit sieht so aus, daß sich auch die geistigen Grundbedingungen unseres Weltenlebens von Epoche zu Epoche ändern. Jene Weltenmächte, denen wir jede Nacht hingegeben sind, haben vom Anfange an, da es ein Menschenwesen gab, das sich entwickelte, auf dieses Menschenwesen gerechnet; sie haben damit gerechnet, daß auch von den Menschen herauf Licht nach oben strömt. Sie haben nicht ein unversiegliches Lichtreservoir, sondern ein solches, welches allmählich abnimmt, welches allmählich immer geringere und geringere Kräfte ausströmen würde, wenn nicht aus dem Menschenleben selber durch die Arbeit am menschlichen Denken, Fühlen und Wollen und an dem Hinaufarbeiten in die höheren Welten neue Kraft, neues Licht zufließen würde dem allgemeinen Weltenfühlen und Weltenlicht. Und in der Zeit, in der es notwendig ist, daß wirklich die Menschen sich bewußt werden, daß sie sich nun nicht bloß überlassen dürfen demjenigen, was ihnen zuströmt, sondern daß sie ihrerseits mitarbeiten müssen an dem Weltenwerden, in der Zeit leben wir jetzt. Es ist keineswegs irgendein gewöhnliches Ideal, das sich die Geisteswissenschaft setzt. Sie arbeitet wahrhaftig nicht so wie andere Geistesströmungen und Weltanschauungen, die sich bloß begeistern für dieses oder jenes Ideal und gar nicht anders können, als den anderen Menschen davon zu predigen. Ein solcher Impuls liegt bei denen, welche Geisteswissenschaft heute aus der wirklichen Weltenmission heraus verkünden, nicht vor. Sondern es liegt die Erkenntnis vor, daß gewisse Kräfte, welche im Makrokosmos sind, anfangen erschöpft zu werden, und daß wir einer Zukunft entgegengehen, in der, wenn der Mensch nicht arbeiten würde an der Entwickelung seiner eigenen Seele, zuwenig herunterfließen würde aus diesen höheren Welten, weil das Maß der herunterfließenden Kräfte anfängt, nach und nach erschöpft zu werden. In dieser Zeit leben wir. Deshalb muß Geisteswissenschaft in die Welt treten. Nicht aus einem willkürlichen Impuls heraus, sondern aus der Notwendigkeit unserer Zeit heraus muß Geisteswissenschaft ins Dasein treten, damit sie die Menschen dazu bringen kann, das wieder zu ersetzen, was erschöpft ist an herunterströmenden Kräften. Aus dieser Erkenntnis heraus zieht die Geisteswissenschaft ihre Impulse aus der Gegenwart, und sie würde heute noch nicht wirken, wenn nicht diese Tatsache vorläge, sondern sie würde ruhig wie bisher die Menschheitsentwickelung sich selber überlassen. Aber sie sieht voraus, daß, wenn sich nicht in den nächsten Jahrhunderten eine genügend große Anzahl von Menschen findet, die sich hinaufarbeiten in die geistigen Welten, dann das Menschengeschlecht immer weniger und weniger Kräfte herunterführen würde aus diesen geistigen Welten, und die Folge würde davon sein ein Verarmen der Menschen an geistiger Kraft, eine allgemeine Verödung des menschlichen Lebens. Die Menschen würden schwach werden in bezug auf dasjenige, was sie in der Welt zu tun haben. Es würde ein Verdorren des Menschenlebens stattfinden, wie bei einem Baum, der verholzt, wenn er keine Lebenssäfte mehr erhält. Bis jetzt sind dem Menschengeschlecht von außen die Kräfte zugeführt worden, und diejenigen, die nur das äußsere Leben betrachten, welche gedankenlos hinleben und glauben, daß nur die äußere sinnliche Welt existiert, die wissen eben nichts von den Veränderungen, die hinter dieser sinnlichen Welt sich abspielen. Und zu diesen wichtigen Veränderungen gehört das Versiegen der geistigen Kräfte und die Notwendigkeit, daß durch die Menschen selber solche Kräfte erzeugt werden. Wenn die Weiterentwickelung der Menschheit den oberflächlichen Menschen überlassen bliebe, die sich nur an die äußere physische Welt halten, dann träte ein Verdorren, ein Veröden des ganzen Menschengeschlechtes auf der Erde ein.
[ 22 ] Hier haben wir den tiefsten Punkt berührt, aus dem heraus der Geisteswissenschafter das Bewußtsein erhält, daß Geisteswissenschaft verkündet werden muß, damit die Menschen ihre eigene Entscheidung treffen, ob sie mitwirken wollen an dieser notwendigen Arbeit oder ob sie nicht mitwirken wollen. Wir werden über diesen Wendepunkt in der Entwickelung der Menschheit in den folgenden Vorträgen noch zu sprechen haben. Jetzt aber wollen wir noch einmal den geistigen Blick zurückwenden auf das, was wir eben berührt haben. Wir wollen den Blick auf alles das wenden, was in unserer Seele an Unterlassungssünden ist, was sich in unserer Seele zeigt als Hemmung derjenigen Kräfte, die uns von oben zufließen. Alle Unterlassungssünden des Denkens bohren sich gleichsam wie Finsternis in das aus dem Weltenfühlen einströmende Licht. Und in ähnlicher Weise bohren sich unsere Unterlassungssünden in bezug auf das Fühlen hinein in die Kräfte unserer Bewegungen, und unsere Unterlassungssünden in bezug auf das Wollen hemmen die ordnende Tätigkeit des Weltendenkens. Es tritt uns lebendig vor Augen, was unsere Seele durch ihre bisherige Entwickelung unterlassen hat und was sich wie ein mächtiger Hemmschuh hineinstellt in den ganzen Fortschritt des Lebens. Was uns höhere Mächte geben, was da an uns arbeitet, was Kraft entwickelt aus dem Weltenwillen, was Licht entwickelt aus dem Weltenfühlen, was Ordnung und Harmonie entwickelt aus dem Weltendenken, in das stellt sich hinein dasjenige, was wir selber in unserer ganzen Ohnmacht sind dadurch, daß wir uns eben bisher nur in dem Maße entwickelt haben, wie wir uns entwickelt haben. Da stehen wir vor der rechten Selbsterkenntnis. Und wie vor einem leuchtenden Bild erscheint als Finsternis, als finstere Silhouette, dasjenige, was wir geworden sind durch unsere Unterlassungssünden, das, was wir auszubessern haben an uns, dadurch, daß wir unsere Seelenkräfte in der richtigen Weise entwickeln. Dasjenige, was wir nicht geworden sind, das stellt sich uns vor die Seele und zeigt sich uns sehr deutlich, indem es seine Strahlen nach drei Seiten aussendet. Nach drei Seiten sendet das, was wir nicht geworden sind, seine Strahlen aus. Da zeigt sich uns zuerst, welche Hemmnisse wir dem Weltenwerden bieten dadurch, daß wir Unterlassungssünden begangen haben in bezug auf unseren Willen. Dann zeigt sich, welche Hemmnisse wir bereitet haben dem Weltenwerden dadurch, daß wir Unterlassungssünden in bezug auf unser Denken und zuletzt in bezug auf unser Fühlen begangen haben. Nach diesen drei Richtungen strahlt die Unvollkommenbheit unseres Wesens aus. Jede sagt uns etwas ganz Bestimmtes.
[ 23 ] Da haben wir zuerst dasjenige, was hemmend von uns selber, von unserem eigenen Willen hineinstrahlt in das, was uns durchfließt aus dem Weltenwillen. Hemmend, zurückstauend stellt sich dar, was an Unterlassungssünden an unserer eigenen Willensnatur haftet. Das sagt uns: Mit alledem, was du da unterlassen hast, wirst du gefesselt sein an die untergehenden Kräfte der Erde; das wird dich fesseln wie mit ehernen Banden an alles das, was die Erde in ihre Zerstörung hineintreibt. — Was wir an Unterlassungssünden haben in bezug auf unser Denken, das sagt uns: Weil du diese Unterlassungssünden hast in bezug auf dein Denken, wirst du nicht die Möglichkeit finden, eine Harmonie herzustellen zwischen deinem Willen und deinem Fühlen. — Und was wir in bezug auf unser Fühlen unterlassen haben, das sagt uns: Es wird das Weltenwerden über dich hinwegschreiten. Du hast nichts getan, um von dir selber aus dem Weltenwerden etwas hineinzufügen; daher wird dasjenige, was dir das Weltenwerden gegeben hat, von diesem Weltenwerden genommen werden, und dieses Weltenwerden wird so über dich hinwegschreiten, wie wenn du überhaupt nicht dagewesen wärest. — So sehen wir getrennt vor uns stehen alle die Kräfte, mit denen wir an die Erde gefesselt sind, und wir sehen das Weltenwerden über uns hinwegschreiten, weil wir selber nichts getan haben durch unsere eigene Arbeit. Dann fühlen wir an dieser Grenze, wie die Kräfte, die uns an die Erde fesseln, und die Kräfte, die über uns hinwegschreiten, dasjenige, was unser eigenes wahres Wesen ist, auseinanderreißßen. Was wir selber in unserer Seele unterlassen haben, wird zu seelenzerstörenden Kräften. Wir fühlen unsere Unterlassungssünden in diesem Momente des Vorbeischreitens an dem kleinen Hüter der Schwelle als die Zerstörer an unserem Seelendasein.
[ 24 ] Nur eines kann uns in diesem furchtbaren Momente fähig machen zu bestehen, und das ist, wenn wir uns selber das Gelöbnis geben, in der Zukunft nichts mehr zu unterlassen. Wir haben ja Anhaltspunkte erlangt, die deutlich genug sind. Diese sagen uns im Momente unseres Vorbeischreitens vor dem kleinen Hüter der Schwelle: Diese Kräfte ziehen dich hinunter, also mußt du an deinem Willen, an deinem Denken und an deinem Fühlen arbeiten. Wir können selbst noch dem grauenvollen Anblick, der uns da wird, dankbar sein, denn er macht uns dieses Gelöbnis möglich, das wir uns selber ablegen können.
[ 25 ] Das ist etwas weiteres, was zu den mystischen Erlebnissen gehört. Wenn wir erst das Dank- und das Pflichtgefühl als notwendig charakterisieren konnten, so müssen wir jetzt auch noch das «mystische Gelöbnis» nennen, das im Grunde genommen ein jeder gegenüber dem Anblicke der eigenen Unzulänglichkeiten selbstverständlich ablegt, das Gelöbnis, in der Zukunft soviel als nur möglich ist, an seiner Seele zu arbeiten, um auszubessern, was durch seine Unterlassungen geschehen ist. Dann erhält das Leben durch dieses Gelöbnis einen neuen besonderen Inhalt, einen Inhalt, der erst der wahren Selbsterkenntnis, der tätigen Selbsterkenntnis entspricht, die nicht nur in sich hineinbrütet, sondern die arbeitet an dem eigenen Selbst. Dieses Erlebnis kann man in einer zweifachen Weise haben. Man hat es in einer anfänglichen Weise dadurch, daß man alles verspürt, was bis jetzt beschrieben worden ist. Solange man es nur als Dankgefühl und als Pflichtgefühl erlebt, hat man das Gefühl: Es fehlt dir etwas, es fesselt dich noch etwas an das Dasein der Vergänglichkeit, es gibt noch Grund, daß das Weltenwerden über dich hinwegschreitet. Wenn man das fühlt, dann hat man es in seinem astralischen Leib erlebt. Aber wenn man Dank- und Pflichtgefühl immer wieder und wiederum fühlt, dann verwandelt es sich schließlich in eine ganz bestimmte Anschauung, die jetzt ein inneres Erlebnis wird, das dadurch entsteht, daß wir so viel innere Kraft gesammelt haben durch unser mystisches Denken, Fühlen und Wollen, daß unser astralisches Erleben sich spiegelt an unserem Äther- oder Lebensleib und uns zurückgeworfen wird. Da haben wir jetzt wie eine äußere Wirklichkeit unser eigenes Gegenbild vor uns, das gleichsam von einem Hintergrund sich abhebt. Der Hintergrund zeigt uns, wie die äußeren Weltenmächte, in die wir ausgegossen sind während des Schlafes, Licht und Kraft hineinarbeiten in unsere Hüllen. Von diesem Hintergrund hebt sich ab, was wir selber aus uns gemacht haben. Wie uns sonst in der äußeren Wirklichkeit Tiere, Pflanzen, Mineralien entgegentreten, so tritt uns Jetzt unser eigenes Selbst in einer realen Gestalt entgegen. Es wird uns unser Inneres anschaulich in der Außenwelt. Vorher ist unser Blick, als wir untertauchten in die äußeren Hüllen, abgelenkt worden auf die Außenwelt. Die äußeren Eindrücke der Sinneswelt flossen auf uns ein, damit wir nicht sehen konnten, was wir aber jetzt sehen sollen und müssen, wenn wir uns entschließen, an dem Fortschritt der Menschheitsentwickelung mitzuarbeiten. Ganz ähnlich wie wir sonst die Außenwelt sehen, sehen wir jetzt unser eigenes Innere. Es ist gleichsam abgemalt auf einem Hintergrund. Alles dasjenige, was uns an die Erde fesselt, was uns mit dem Vergänglichen verbindet, so daß wir es selber als Vergängliches zurücklassen müssen, das zeigt sich uns da in einem ganz bestimmten Bilde, in dem Bilde eines verzerrten Stieres. Wir können dieses Bild, das da das astralische Anschauen hat, mit nichts anderem vergleichen als mit dem Bilde eines verzerrten, uns hinunterziehenden Stieres. Alles dasjenige, was sonst Einklang schafft zwischen unserem Willen und unserem Fühlen in unserer Seele, zeigt sich uns in bezug auf Unterlassungssünden in dem Bilde eines verzerrten Löwen. Und alles dasjenige, was über uns hinwegschreitet, wenn wir Unterlassungssünden in unserem Denken haben, das zeigt sich uns in dem Bilde eines verzerrten Adlers. Diese drei Bilder sind durchsetzt mit unserem eigenen verzerrten Ebenbild. Da zeigt sich im Bilde, was wir aus uns gemacht haben und was wir auszubessern haben in der Zukunft, damit wir hinzufügen dem Weltenwerden alles dasjenige, was notwendig ist. Drei Zerrbilder von Tieren und ein Zerrbild von uns selber. Aus der Art, wie diese Bilder miteinander im Verhältnis stehen, ergibt sich das Maß dessen, was wir noch an uns zu arbeiten haben.
[ 26 ] So ist unser Denken, Fühlen und Wollen, wenn wir an dem kleinen Hüter der Schwelle vorbeigehen, in drei Zerrbilder gespalten. Da haben wir wahre Selbsterkenntnis, denn was wir geworden sind, steht in Bildlichkeit vor uns. Es ist eine Selbsterkenntnis, die anspornend ist für unser ganzes zukünftiges Leben. Vor dieser Selbsterkenntnis könnte man leicht zurückschrecken. Man wird aber nur dann zurückschrecken, wenn man glaubt, daß dasjenige, was man nicht sieht, nicht da ist. Es kann ja solche Menschen geben. Sie gleichen einem Menschen, der vor einem herunterfallenden Ziegelstein die Augen zumacht, anstatt ihm auszuweichen. Dadurch, daß der Mensch den Anblick nicht hat, ändert sich nichts an der Sache; höchstens daß der Mensch diesen Zerstörer, weil er ihn nicht gewahr wird, wirklich seinen Zerstörer sein läßt. Das wollen diese Menschen nicht sehen. Die einzige Hilfe, auf diesem Punkte weiterzukommen, ist Selbsterkenntnis. Bisher haben die Weltenkräfte ausgereicht, um die äußerste Verzerrung unseres Menschenbildes hintanzuhalten. In der Zukunft reichen diese Kräfte nicht mehr aus. Wir selbst müssen an uns arbeiten. Wir selbst sind der Hüter der Schwelle. Wir selbst im Zerrbilde erscheinen uns als der kleine Hüter der Schwelle. Wir selbst sind es, welche verhindern, daß wir in uns hineinsteigen können. Einzig und allein diese Erkenntnis macht es möglich, daß in der Zukunft, wo uns nicht mehr die nötige Kraft von oben zufließen wird, die Menschheit nicht erlahmt in ihren Kräften, nicht immer schwächer und schwächer wird, das heißt, ihre Mission auf der Erde nicht erfüllt.
[ 27 ] Damit sind wir von einer gewissen Seite her durch die Region gekommen, welche wir die Region unseres eigenen Empfindungsleibes nennen können, in dem wir beim Aufwachen untertauchen. Aber im gewöhnlichen Leben werden wir uns dessen nicht bewußt, weil unser Bewußtsein dadurch abgelenkt wird, daß die Eindrücke der Außenwelt auf uns eindringen. Jetzt aber haben wir gesehen, was wir in uns selber erleben können, wenn wir beim Aufwachen die Eindrücke der Außenwelt nicht hereinlassen. Wir haben ein Stück unseres Astralleibes, ein Stück unseres menschlichen Wesens, den Empfindungsleib, von innen aus charakterisiert, so charakterisiert, daß wir uns jetzt eine Vorstellung machen können, wie wir sind. Wir sind gekommen bis zu der Grenze, wo unser Empfindungsleib an den Ätherleib stößt. Da hat sich uns etwas wie ein Spiegelbild gezeigt. Die verzerrte Gestalt, die sich uns zeigt, ist nur ein Bild, aber mehr brauchen wir nicht, um zu wissen, wie wir wirklich sind. Wenn der Mensch wissen will, wie sein Gesicht aussieht, dann hat die Diskussion darüber gar keinen besonderen Wert, ob das Bild, das er im Spiegel sieht, eine Täuschung ist oder eine Realität. Demjenigen, der sein Gesicht sehen will, genügt das Bild vollständig, es dient seinem Zweck, es hat einen realen Wert. Wenn ein Philosoph kommen und sagen würde: Was du uns da erzählst von dem dreiköpfigen Tier mit dem Menschen in der Mitte, das wissen wir, daß es nur eine Einbildung ist, — dann würden wir sagen: Es ist in demselben Sinne nur ein Spiegelbild, das von dem Äther- oder Lebensleib hergeworfen wird, wie das Bild, das der äußere Spiegel zurückwirft, aber es dient uns zur Selbsterkenntnis, und darin liegt seine Realität. Die Gründe, die eine äußere Philosophie vorbringen kann gegen die Wirklichkeit dessen, was das hellsichtige Bewußtsein erlebt, die weiß der Hellseher schon selber. Der Irrtum würde erst beginnen, wenn der Hellseher glauben würde, daß das Spiegelbild eine Wirklichkeit wäre, wenn er nicht wüßte, daß dieses Bild sein eigenes Inneres zeigt, sondern glauben würde, da komme wirklich ein vierköpfiges Wesen auf ihn zu. Wenn der Hellseher glauben würde, daß das Bild den Raum geradeso ausfüllt wie ein physisches Wesen, dann würde er einem Menschen gleichen, der seine Nase im Spiegel sieht, und weil sie ihm nicht gefällt, nun losschlägt auf das Spiegelbild und glaubt, er treffe etwas Wirkliches.
[ 28 ] Das ist es, was man sich aneignen muß, wenn man in die höheren Welten hinaufsteigen will: die Dinge nicht als etwas anderes zu nehmen, als sie wirklich sind. Sobald man das Spiegelbild als etwas den Raum Erfüllendes ansieht und nicht als das betrachtet, was es ist, verfällt man der Illusion. Man ist aber wahrhaftig kein Mensch, der sich Halluzinationen hingibt, wenn man weiß, daß einem das eigene Selbst in einem solchen Spiegelbilde entgegentritt. Daher ist es so wichtig, daß der Mensch, bevor er anfängt, durch Schauen in die geistige Welt einzudringen, sich die Möglichkeit verschafft, die Dinge durch Vernünftigkeit in ihrem wahren Wert zu erkennen und zu verstehen. Man soll daher niemanden hellsichtig machen, der etwas für eine Realität des physischen Raumes nimmt, was nur eine Spiegelung ist, der verwechseln könnte Spiegelbilder der Seele und geistige Wesenheiten. Daher wird großer Wert daraufgelegt, daß in eine wahre echte Geistesschulung niemand anders eintreten soll, als wer ein vernünftiges Denken hat, damit er immer die Bedeutung dessen, was er sieht, abzuschätzen in der Lage ist. Nicht das Schauen allein ist es, worauf es ankommt, sondern das Abschätzenlernen dessen, was man sieht, so daß man dasjenige, was man sieht, unterscheiden kann.
[ 29 ] Wir werden auch zu Wesenheiten kommen, die wirklich außer uns sind, aber das, was wir heute geschildert haben — darüber müssen wir uns klar sein — sind Erlebnisse unseres eigenen Inneren, die uns als Spiegelbilder erscheinen; das heißt, unser eigenes Inneres erscheint uns wie eine Außenwelt. Der Weg der Selbsterkenntnis und mystischen Vertiefung führt zu realen Erlebnissen; diese werden aber Halluzinationen, sobald der Mensch, der mystische Versenkung sucht, sich einbildet, die ihm erscheinenden Gestalten seien außerhalb seiner selbst im Raume und nicht sieht, daß es Spiegelbilder seines eigenen Inneren sind. Wesenheiten, welche wahrhaftig raumerfüllend und außer uns sind, begegnet der Mensch erst, wenn er bis in seinen Äther- oder Lebensleib hinuntersteigt, auf dem Wege, der am großen Hüter der Schwelle vorbeiführt. Darüber werden wir morgen sprechen.
[ 30 ] So sind wir also heute nur zu einem Ausmessen des Stromes gekommen, der sich hineinstellt in unser Erleben im Moment des Aufwachens. Was der Mystiker in seiner Seele erfahren kann, wenn er beim Aufwachen alle Aufmerksamkeit ablenkt vom äußeren Sinnesteppich und hinuntersteigt in das eigene Innere, das wollten wir heute schildern.
