Makrokosmos und Mikrokosmos
Die große und die kleine Welt Seelenfragen, Lebensfragen, Geistesfragen
GA 119
25 März 1910, Wien
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Wir stehen heute vor einer verhältnismäßig schwierigen Aufgabe. Die verehrten Zuhörer werden aber die heutigen etwas starken Zumutungen hinnehmen, wenn gleichzeitig gesagt wird, daß wir dann schon in den nächsten Tagen wiederum Terrain gewinnen werden, auf dem wir den Boden mehr unter den Füßen fühlen. Aber wenn man in der Geisteswissenschaft nicht stehenbleiben will bei bloßen Abstraktionen, wenn man sich zu den Wirklichkeiten durchringen will, dann müssen zuweilen schon auch Mitteilungen willig entgegengenommen werden, welche den höheren Gebieten des geistigen Erkennens angehören. Hinzugefügt werden kann noch, daß es sich bei den heutigen Ausführungen durchaus nicht handelt um irgendwelche Deduktionen, um irgendwelche bloß theoretische Ableitungen, sondern daß es sich um Dinge handelt, welche von denen immer gewußt worden sind, welche überhaupt tiefer in diese Dinge eingedrungen sind. Also um Mitteilung von Erkenntnissen bestimmter Menschen wird es sich handeln.
[ 2 ] Wir haben gestern gesehen, wie der Mensch sich zurechtfinden könnte innerhalb dessen, was man das Innere seines astralischen Leibes nennt, wenn er beim Aufwachen bewußt untertauchen könnte in diesen seinen astralischen Leib, und wir haben uns einen Begriff verschafft von dem, was es heißt, vorbeizukommen an dem sogenannten kleinen Hüter der Schwelle. Nun ist eigentlich das, was gestern auseinandergesetzt worden ist, ziemlich hypothetisch, denn im normalen Leben tritt ja dieser Moment im Grunde genommen niemals ein, daß der Mensch bewußt hineindringen würde in sein Inneres durch das bloße Aufwachen. Wir haben allerdings gesagt, daß der Mensch sich durch das, was man mystische Versenkung nennt, vorbereiten kann zu einem solchen bewußten Hineinsteigen in seine äußeren Leibeshüllen. Was das heißt, wird sich uns aber erst im Laufe der Vorträge zeigen, und worin diese Vorbereitung besteht, werden wir auch noch hören. Für das normale Bewußtsein liegt höchstens zuweilen das vor, daß der Mensch durch Verhältnisse, die in seinen vorhergehenden Verkörperungen liegen, solche Momente bewußten Aufwachens hat. Das kommt bei einzelnen Menschen vor. Sie wachen so auf, daß sie das Gefühl einer gewissen Beklemmung haben. Dieses Gefühl der Beklemmung rührt davon her, daß der innere Mensch, der während der Nacht im Makrokosmos ausgebreitet war und sich frei fühlte, sozusagen in das Gefängnis seines Leibes wieder zurückgeht. Dann kann auch ein anderes Gefühl beim Aufwachen da sein. Dieses Gefühl könnte man mehr so charakterisieren, daß man sagt, der Mensch fühlt sich, wenn solche abnormen Zustände eintreten, im Momente des Aufwachens besser, als er sich im Laufe des Tages fühlt. Er fühlt, daß in ihm etwas ist, was er seinen besseren Menschen nennen könnte. Das rührt davon her, daß der Mensch beim Aufwachen ein Nachgefühl da hat, daß ihm etwas zugeflossen ist aus Welten heraus, die höher sind als seine eigene Sinneswelt. Das sind solche Gefühle, die sich im normalen Bewußtsein einstellen können und in denen schon im natürlichen Leben eine gewisse Bestätigung des gestern Gesagten gesehen werden kann. Aber im vollen Umfange kann doch nur von dem echten, wahren Mystiker erlebt werden, was beschrieben worden ist.
[ 3 ] Es handelt sich nun aber darum, ob man auch weitergehen kann. Denn das, was man da erlebt, was gestern geschildert worden ist, das ist die Innenseite des geistigen Teiles des äußeren Menschen; es ist die Innenseite dessen, was man den astralischen Leib des Menschen nennt. Es fragt sich nun, ob man noch tiefer hinuntersteigen kann zu weniger geistigen Teilen, vielmehr zu solchen Teilen der Menschennatur, die sich im gewöhnlichen Leben weniger geistig darstellen. Sie können deshalb doch in ihren Grundlagen durchaus geistig sein, denn alles, was uns in der äußeren Welt entgegentritt, hat im tieferen Hintergrunde ein Geistiges. Es fragt sich, ob man noch weiter hinuntersteigen kann bis zu dem physischen Leib und ob zwischen dem astralischen Leib, der das zunächst Geistigste ist, und diesem physischen Leib noch etwas anderes liegt. Die anthroposophischen Bücher beschreiben ja dieses andere als den Äther- oder Lebensleib, so daß, wenn wir hinuntersteigen, wir antreffen müßten, nachdem wir uns mit dem astralischen Leib von innen bekannt gemacht haben, den Ätherleib und vielleicht auch irgendwelche Spur unseres physischen Leibes, den wir ja sonst nur von außen ansehen, den wir aber von innen durch ein solches bewußtes Hineintreten in unsere Leiblichkeit doch auch erkennen können.
[ 4 ] Nur ist es im allgemeinen nicht gut, es ist nicht gefahrlos, einen Schritt weiterzugehen in bezug auf mystische Vertiefung, als gestern angeführt worden ist. Alles, was gestern angeführt worden ist, kann nur sehr vorsichtig von dem Menschen gemacht werden, der sich eine Kenntnis von dem aneignet, was Sie finden in meiner Schrift: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in dem zweiten Teile meiner «Geheimwissenschaft», worüber Sie in den nächsten Vorträgen noch hören werden. Soweit kann sich also der Mensch zunächst selber helfen. Aber weiterzugehen auf diesem Wege in das menschliche Innere ist nicht gefahrlos, und in der Weise, wie der Mensch heute gerne seine geistigen Erkenntnisse erwirbt, läßt sich das auch gar nicht machen. Daher werden wir sehen, daß heute ein anderer Erkenntnisweg gewählt wird. Der Weg, tief in das menschliche Innere hinunterzusteigen, ohne sich um etwas anderes zu kümmern, der soll in unserer heutigen Kultur normalerweise nicht mehr beschritten werden. Unser heutiges Geistesleben ist so angelegt, daß der Mensch sich nur bis zu einem gewissen Grade gerne unterordnet, daß er in möglichster Freiheit auch seinen Erkenntnisweg gehen will. Wir werden sehen, daß es auch einen Weg in die geistigen Welten hinein gibt, welcher dieser Eigentümlichkeit der heutigen Menschennatur in vollem Umfange Rechnung trägt, und wir werden diesen Weg, den sogenannten rosenkreuzerischen Erkenntnisweg, als den wahren zeitgemäßen Erkenntnisweg kennenlernen. Aber dieser Erkenntnisweg ist ein Weg der neueren Zeiten. Er war in den Mysterien, das heißt in denjenigen Stätten, in denen der Mensch im Altertum in die tieferen Geheimnisse eingeführt wurde, noch nicht vorhanden. Da gab es solche Mysterien, welche den Menschen einfach vorbeiführten an dem kleinen Hüter der Schwelle und ihn hineinführten in sein eigenes Innere, und solche Mysterien, welche den Menschen hinausführten in die große Welt, so daß er eine Art Ekstase durchzumachen hatte. Diese beiden Wege sind diejenigen, welche vorzugsweise in den alten Zeiten beschritten und durchgemacht worden sind. Der Weg des Hineinsteigens in das eigene Innere wurde am besten, am intensivsten durchgemacht in denjenigen Einweihungsstätten, welche man die ägyptischen Mysterien, die Osiris- und Isismysterien nennt; und wir werden uns heute, um zu schildern, was der Mensch bei diesem Hineinsteigen in sein Inneres erleben kann, ein wenig anzulehnen haben an die Erfahrungen eines Schülers der Isis- und Osirismysterien. Man kann heute, wie wir in den folgenden Vorträgen sehen werden, durchaus jene Einweihung erlangen, die zur vollen Erkenntnis dieser Mysterien führt, aber nicht mehr auf demselben Weg wie im alten Ägypten. Im alten Ägypten war etwas notwendig, wogegen sich die heutige Menschennatur auflehnen würde. Es war nämlich notwendig, daß an dem Punkte, wo der Mensch hineinsteigen sollte in das eigene Innere — oder schon früher —, der Mensch nicht mehr unabhängig durch eigene Erkenntnispfade seine Fortschritte suchte, sondern daß er sich anvertraute dem, was man mit einem Ausdrucke der orientalischen Philosophie einen Guru nennt, einem großen eingeweihten Lehrer. Sonst war der Weg zu gefahrvoll für den Einzelnen. In der Regel war es so, daß schon die Schritte der mystischen Versenkung, welche gestern beschrieben worden sind, unter Anleitung des Guru, des großen eingeweihten Lehrers, gemacht worden sind.
[ 5 ] Was hat denn eigentlich die Leitung dieser großen eingeweihten Lehrer für einen Zweck? Wir haben in einem früheren Vortrag gehört, daß, wenn wir des Morgens untertauchen in unsere Leiblichkeit, unsere Seelen von drei Mächten in Empfang genommen werden, die wir bezeichnet haben mit Ausdrücken, die einer alten Terminologie entnommen sind, als Venusmacht, Merkurmacht, Mondmacht. Was man im allgemeinen unter Venusmacht versteht, das ist etwas, was der Mensch noch allein mit sich selber abmachen kann, wenn er in sein eigenes Innere hinuntersteigt. Er kann dadurch fertig werden mit der Venusmacht, daß er eine gewisse Erziehung erhält in Demut und Selbstlosigkeit. Bevor er einen solchen Gang in die unbekannten Welten seines eigenen Inneren unternimmt, muß er alle egoistischen Triebe, die Triebe der Eigenliebe unterdrücken und sich erziehen zur Selbstlosigkeit. Er muß sich zu einem Wesen machen, das Liebe und Mitleid empfindet, nicht nur für seine Mitmenschen, sondern für alles Dasein. Dann kann er sich allenfalls noch jener Macht überlassen, wenn er in seine Leiblichkeit hinuntersteigt, die wir mit dem Ausdruck Venusmächte bezeichnet haben. Aber gefährlicher würde die Sache schon werden, wenn der Mensch sich selber auch denjenigen Mächten überlassen wollte, die wir bezeichnet haben als Merkurmächte. Da wurde er bei den alten ägyptischen Einweihungen geleitet von dem großen Lehrer, welcher durch seine früheren Erlebnisse in einer ganz bewußten Weise diese Merkurmächte handhaben konnte. Von einem Hermes- oder Merkurpriester wurde der Mensch in sein eigenes Innere geführt. Das erforderte allerdings eine strenge Unterwerfung unter alles das, was dieser große Lehrer von dem Schüler forderte. Es erforderte einen solchen Grad von Unterwerfung, daß der Schüler sich entschließen mußte, sein eigenes Ich nunmehr ganz auszuschalten, nichts selber zu wollen, bis in seine Seele hinein nichts selber an eigenen Impulsen zu haben, sondern strenge nur das auszuführen, was ihm der Hermespriester auftrug. Diese Botmäßigkeit, welche dem heutigen Menschen widerstreben würde und der er sich auch nicht mehr zu unterwerfen braucht, mußte sich der Schüler der ägyptischen Mysterien durchaus aneignen. Er mußte durch viele Jahre dem Lehrer folgen nicht nur in bezug auf seine äußeren Taten, er mußte bis in seine Gedanken hinein, bis in seine Gefühlswelt hinein sich der Führung dieses Lehrers anvertrauen, damit er gefahrlos hinuntersteigen konnte in sein eigenes Innere. Jetzt kommen wir zu den Dingen, die viele Menschen erlebt haben, die also erzählt werden aus den Erlebnissen heraus, die der Mensch erlebte an der Hand seines großen Führers, und die man bezeichnen könnte, indem man sagt: Der Mensch lernte eine tiefere Schicht seines eigenen Inneren kennen.
[ 6 ] Wir haben gestern anschaulich und konkret beschrieben, was es heißt, von innen seinen astralischen Leib kennenzulernen. Jetzt wollen wir einmal einiges von dem erzählen, was an der Hand seines Führers der Einzuweihende in den Isis- und Osirismysterien in bezug auf den Äther- oder Lebensleib des Menschen erlebte. Da wurde der Mensch durch die Ausschaltung seines Ich dazu veranlaßt, daß er mit den geistigen Augen seines Lehrers sah, daß er dachte mit den Gedanken seines Lehrers, daß er sich selber eine Art von Außending wurde und mit den Augen seines Lehrers sich selber ansah. Und da wurde er eingeführt in merkwürdige Erlebnisse, in Erlebnisse, bei denen er das Gefühl hatte, es ginge das Leben der Zeit nach zurück; und gleichzeitig hatte er das Gefühl, als ob sich sein ganzes Wesen, das er jetzt ansah durch die geistigen Augen des Hermespriesters, verbreiterte, wüchse. Er hatte das Gefühl, als ob er in sich selber sich verbreiterte, als ob er hinaufwüchse in Zeiten, die seinem jetzigen Leben vorangegangen sind, als ob er in der Zeitenfolge zurückginge. Und er bekam allmählich das Gefühl, daß er viele, viele Jahre zurückginge, eine Zeitenlänge, die weit länger, vielmal länger war als sein Leben, das er durchlebt hat von seiner Geburt an; also ein weites Zurückgehen in der Zeitenfolge erlebte der Schüler. Und während er dies erlebte, sah er, indem er mit den Augen des eingeweihten Lehrers sah, zunächst sich selber, dann aber sah er weiter hinauf in der Zeitenfolge viele Generationen, von denen er das Gefühl hatte, daß sie seine Vorfahren waren. Es hatte der Einzuweihende eine gewisse Zeit hindurch das Gefühl, daß er die Reihe seiner Vorfahren hinaufwandelte, aber nicht so, daß er etwa in diesen Vorfahren darin wäre, nicht so, als ob er identisch wäre mit seinen Vorfahren, sondern als ob er sozusagen über ihnen schwebte bis zu einem gewissen Punkt, bis zu einem uralten Ahnen hinauf. Dann verlor sich der Eindruck. Es war, als ob er Erdengestalten sähe, auf welche sich sein eigenes Dasein irgendwie bezog.
[ 7 ] Nun handelte es sich darum, daß der Führer dem Einzuweihenden klar machte, was er da eigentlich gesehen hatte. Wir können uns nur auf folgende Weise begreiflich machen, was er gesehen hatte. Wenn man durch die Geburt ins Dasein schreitet, also mit seinem geistigen Wesen, nachdem man durch die geistige Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt gegangen ist, da trägt man an sich nicht bloß die Eigentümlichkeiten, die man sich aus dem vorhergehenden Leben mitbringt, sondern da trägt man an sich — das weiß ja jeder, der das Leben betrachtet — alles, was man vererbte Eigenschaften nennt. Man wird in eine Familie, in ein Volk, in eine Rasse hineingeboren. Man trägt dadurch dasjenige in sich, was man vererbte Eigenschaften nennt; die Erbstücke seiner Ahnen trägt man in sich. Diese Erbstücke bringt man sich natürlich nicht aus seiner letzten Verkörperung mit, sondern die haben sich heruntervererbt von Generation zu Generation. Nun handelt es sich darum, zu erkennen: Was macht es denn, daß der Mensch mit seinem innersten Wesen sich gerade in einer bestimmten Familie, in einem bestimmten Volke, in einer bestimmten Rasse verkörpert? Was macht es denn, daß er bei seinem Herabsteigen durch die Geburt ganz bestimmte Vererbungsmerkmale aufsucht? — Er würde niemals diese bestimmten Merkmale aufsuchen, wenn er zu ihnen in gar keiner Beziehung stünde. Der Mensch steht in der Tat schon lange vor seiner Geburt in einer Verbindung zu diesen Eigenschaften. Wenn wir ausgehen von einem bestimmten Menschen und hinaufgehen zu seinem Vater, Großvater, Urgroßvater und so weiter, so würden sich, wenn man das wirklich innerlich verfolgen könnte, die Vererbungsmerkmale zeigen durch eine ganz bestimmte Anzahl von Generationen, bis zu einer gewissen Generation hin. Dann verlieren sich diese Vererbungsmerkmale. Das heißt, Sie können eine Reihe von Generationen verfolgen, und Sie werden finden, daß durch sie die Vererbungsmerkmale heruntergehen. Zuletzt sind sie in ihrem verdünntesten Zustande noch vorhanden, dann verlieren sie sich ganz.
[ 8 ] So wie wir die Vererbungsmerkmale durch die Generationen nach und nach verschwinden sehen, so können wir finden, wenn wir von einem Menschen ausgehen, wie das, was beim Sohn vorhanden ist, am ähnlichsten ist beim Vater, etwas weniger beim Großvater, beim Urgroßvater noch weniger und so weiter. Nun führte der einzuweihende Isis- und Osirispriester tatsächlich den Menschen so weit zurück, bis er zu jenem Ahnen aufstieg, welcher noch Merkmale in sich hatte, die die Kraft der Vererbung bis zu ihm hingebracht haben. Das zeigt uns, daß der Mensch gewisse Beziehungen hat zu dem, was wir seine Vererbungsmerkmale nennen. Es ist in der Tat so, daß wir auf geistige Weise in Beziehung getreten sind zu jenem Ahnen, von dem wir noch etwas ererbt haben, zu jenem Urururahnen, von dem wir noch irgendwelche, wenn auch noch so verdünnte Eigenschaften in uns haben. Ja, es ist in einer gewissen Weise so, daß der Mensch sich lange das vorbereitet, was zuletzt seine vererbten Merkmale sind. Er erbt sie nicht bloß, sondern er gibt sie in einem gewissen Sinne seinen Vorfahren, impft sie ihnen aus der geistigen Welt ein. Er arbeitet durch ganze Generationen hindurch so, daß zuletzt derjenige physische Leib geboren werden kann, zu dem er sich hingezogen fühlt. So sonderbar das klingt, es ist so, daß wir selber gearbeitet haben aus der geistigen Welt an den physischen Leibern unserer Vorfahren, um nach und nach aus der geistigen Welt heraus jene Eigenschaften zu gestalten, welche wir zuletzt als vererbte Merkmale bei der Geburt mitbekommen.
[ 9 ] Das ist es, was zunächst sich zeigt, wenn der Mensch in seinen eigenen Äther- oder Lebensleib hinuntergeführt wird. Es zeigt sich ihm, daß dieser Ätherleib, den er jetzt an sich trägt, in der Tat eine lange Geschichte hat, daß er lange von ihm vorbereitet worden ist. Lange, lange bevor er durch diese Geburt ins Dasein treten kann, war von ihm selber in der geistigen Welt gearbeitet worden an dem Äther- oder Lebensleib, den er jetzt trägt. Und er hat angefangen, an diesem Ätherleib zu arbeiten in dem Moment, wo der älteste Vorfahr die physische Erde betreten hat, von dem der Mensch noch vererbte Merkmale bekommen hat. Das ist wahres Erleben von einem Stück unseres Ätherleibes. Damit, daß man aufzählt, der Mensch besteht aus physischem Leib, Äther- oder Lebensleib, astralischem Leib und Ich — damit hat man nur gewisse Hinweise gegeben, gewisse Kernlehren. Wie sich das ausnimmt, was da als unser eigenes Innere hüllenhaft existiert, das kann man nur dadurch kennenlernen, daß man sich bekannt macht mit den Mitteilungen derjenigen, die in dieses menschliche Hüllenwerk selber hinuntergestiegen sind.
[ 10 ] So lernt also der Mensch, durch seine eigene Geburt hindurchschreitend, diejenigen Reiche betreten, die er durchwandelt hat, bevor er ins Dasein durch die Geburt getreten ist; so lernt er als Mystiker ein Stück seines Lebens vor der Geburt kennen, ein großes Stück, das Jahrhunderte umfaßt. Denn es sind Jahrhunderte, die er da durchschreitet, bis zu der Zeit, wo er in dem Leben zwischen dem letzten Tod und der jetzigen Geburt angefangen hat, das Urbild seines Ätherleibes zu formen. In dem Augenblick, wo er damit anfing, schoß in das Blut eines physischen Menschen der erste Keim der besonderen Merkmale, die sich immer mehr und mehr ausprägten, bis dieser Ätherleib so weit war, daß er die von ihm selber mitbewirkten Merkmale mit der Geburt übernehmen konnte. Das ist die eine Seite des Erlebten. Was man da erlebt, das ist sozusagen ein Nachkonstruieren alles desjenigen, was man, lange bevor man in dieser Inkarnation durch die Geburt ins Dasein getreten ist, selber in der geistigen Welt hat tun müssen. Was man da gebaut und dann gleichsam zusammengeschoben, zusammengepreßt hat in seinen jetzigen Ätherleib, was sich im Ätherleib kondensiert hat durch Jahrhunderte hindurch, das nannte man das «Obere», den himmlischen oder den geistigen Menschen. So daß der technische Ausdruck existierte: Der Mensch lernt durch das Hineinsteigen in den Äther- oder Lebensleib sein Oberes kennen. — Man nannte das den himmlischen oder den geistigen Menschen, weil der Mensch empfinden mußte, daß das, was von ihm heruntergestiegen ist, gebildet ist aus dem geistigen Lande heraus.
[ 11 ] Wenn der Mensch nun so weit geführt worden war durch den Hermeseingeweihten, dann lernte er etwas anderes kennen. Dann lernte er etwas kennen, was ihm zunächst vielleicht fremd war, was ihm aber durchaus von dem Lehrer erklärt wurde als etwas, was ihm doch nicht so ganz fremd sein durfte. Es wurde ihm gezeigt — und der Schüler lernte alsbald merken, daß das richtig ist —, daß ihm da etwas entgegentritt, was er selber einmal aus seinem eigenen Menschen zurückgelassen hatte, was von ihm hinterblieben war, was mit ihm in innigster Verwandtschaft stand, was ihm aber jetzt wie ein Äußerliches, wie ein Fremdes gegenübertrat. Was ist dies, mit dem sich da der Mensch in einer ganz merkwürdigen Art verband? Wir werden es am besten verstehen, wenn wir von einer Beschreibung des Momentes des Todes ausgehen.
[ 12 ] Die Geistesforschung zeigt uns ja, daß im Moment des Todes der Mensch seinen physischen Leib ablegt. Dann bleibt von ihm dasjenige vorhanden, was wir kennengelernt haben als Ich und Astralleib, die jede Nacht während des Schlafzustandes herausgehen, und es bleibt zunächst vorhanden der Äther- oder Lebensleib. Der Mensch lebt nun nach dem Tode einige Zeit, die sich allerdings nur nach Tagen beläuft, in diesen drei Gliedern seiner Wesenheit: in seinem Ich, in seinem astralischen Leib und in seinem Ätherleib. Dann aber geht der wesentlichste Teil seines Ätherleibes wie ein zweiter Leichnam von ihm fort. Es wird immer gesagt — es wurde auch von mir, wie ich glaube, mit Recht angedeutet —, daß dasjenige, was da als zweiter Leichnam abgeht, sich zerstreut in der allgemeinen Ätherwelt, sich auflöst, und der Mensch nur eine Essenz, einen Extrakt, einen Samen mitnimmt in das Leben, das er nun zwischen dem Tod und einer neuen Geburt antritt. So wird dieser Vorgang gewöhnlich dargestellt, aber er ist in Wirklichkeit beträchtlich komplizierter. Was sich da auflöst, was da nach und nach wie ein zweiter Leichnam in die allgemeine Ätherwelt übergeht, das braucht zu seiner völligen Auflösung ziemlich lange, und die letzten Spuren dieses sich auflösenden Ätherleibes seines letzten Lebens sind es, die der Einzuweihende jetzt wie ein Fremdes findet, wenn er bei seiner Rückwanderung sich bis zu dem Punkte der Zeitenfolge hinaufentwickelt hat, wo der Mensch angekommen ist bei seinem letzten Ahnen, von dem er noch etwas ererbt hat. Da trifft er zusammen mit den letzten Überbleibseln seines letzten Ätherleibes. Und jetzt, wenn er seine Einweihung fortsetzt, muß der Mensch gleichsam eindringen in diesen seinen letzten Ätherleib, den er zurückgelassen hat, und dann lebt er wiederum rückwärts, fast, aber nicht ganz solange Zeit, wie er früher durchlebt hat bis zu seinem letzten Ahnen hinauf. Die Zeit bis zum ältesten Ahnen verhält sich zu der Zeit, die er jetzt zu durchleben hat, wie sieben zu fünf. Jetzt durchlebt der Mensch eine Zeit, in der er sozusagen immer mehr und mehr verdichtet findet, was er angetroffen hat als die letzten Überbleibsel seines früheren Lebens. Immer ähnlicher und ähnlicher wird das, indem es sich zusammenzieht für sein Wahrnehmen, seinem letzten Äther- oder Lebensleib, bis er zuletzt ankommt bei der Gestalt, die sein Ätherleib gehabt hat in dem Moment, wo er durch seinen letzten Tod gegangen ist. Und jetzt, nachdem die Gestalt sich immer mehr und mehr zusammengezogen hat, steht er vor seinem letzten Tode. In diesem Augenblicke gibt es für den Menschen, der eingeweiht ist, keinen Zweifel mehr, daß die Reinkarnation eine Wahrheit ist, denn er ist zurückgeschritten bis zu seinem letzten Tode. Damit haben wir das Stück kennengelernt, das der Mensch vorfindet als Überbleibsel seines letzten Erdenlebens.
[ 13 ] Man hat das, was da der Mensch erlebt als ihm entgegenkommend von seinem letzten Erdenleben, in der Geisteswissenschaft immer bezeichnet als den Erdenmenschen oder als das «Untere». So daß also der Mensch fast in der Mitte seiner Einweihungserlebnisse die Verbindung des Oberen mit dem Unteren durchmachte und dann das Untere so weit zurück verfolgte, daß er bis zu seinem letzten Leben herunterstieg. Damit hat der Mensch während seiner Einweihung einen Kreislauf durchgemacht, indem er, in seinen jetzigen Ätherleib eindringend, bis zu dem Ätherleib seines letzten Lebens kam und dann wiederum zurück bis zu seinem gegenwärtigen Leben. Er hat sich im geistigen Anschauen vereinigt mit dem, was er in einer früheren Inkarnation gewesen ist. So etwas nannte man in der Geisteswissenschaft immer einen Kreislauf und drückte dies durch das Symbolum der sich ringelnden und sich selbst erfassenden Schlange aus. Die Schlange ist ein Symbolum für vieles, auch für die Erlebnisse des in die Isis- und Osirismysterien Einzuweihenden, die eben geschildert worden sind.
[ 14 ] So sehen wir, daß allerdings mit den Worten «Der Mensch hat einen Ätherleib» die Natur dieses Ätherleibes nicht erschöpft ist. Man lernt seine Natur erst kennen, wenn man in ihn hineinsteigt. Dann lernt man die zwei Menschen kennen, die in jedem Menschen vereinigt sind, man lernt das Karma sozusagen an der Arbeit kennen. Man kann sich dann erklären, wie es kommt, daß man in einer ganz bestimmten Weise durch die Geburt ins Dasein schreitet. Man mußte warten von seinem letzten Tod bis zur neuen Geburt, bis der alte Äther- oder Lebensleib aufgelöst war, und erst dann konnte der Anfang damit gemacht werden, den neuen Ätherleib zu bilden. Aber was ich eben erzählt habe, das zeigt Ihnen, daß der Mensch tatsächlich dasjenige nicht vollständig überwunden hat, was sich als sein alter Ätherleib aufgelöst hat, denn er findet es noch, wenn er in sein eigenes Innere hinuntersteigt. Warum kann er es wiederfinden ? Nun, weil er davon ja eine Essenz, einen Extrakt zurückbehalten hat. Hätte er diesen Extrakt nicht zurückbehalten, dann könnte er auch das Stück seines Äther- oder Lebensleibes, das sich aufgelöst hat, nicht wiederfinden.
[ 15 ] So sehen Sie, wie tiefbegründet das ist, was man ja nur nach und nach in geisteswissenschaftlichen Vorträgen erzählen kann. Wenn sonst, auch in exoterischen Vorträgen, gesagt wurde, daß der Mensch nach dem Tode eine Essenz seines Ätherleibes mitnimmt, so ist das keine Abstraktion. Wir stehen jetzt an dem Punkt, wo Sie erkennen können, wo die Geistesforschung das her hat. Alles, was darüber mitgeteilt wird, beruht auf den denkbar tiefsten Gründen, das beruht alles auf geistiger Forschung. Hier haben Sie ein Stück dieser Forschung, hier haben Sie die Beschreibung, wie gesucht werden diese Stücke, die dann in der äußeren Geisteswissenschaft mitgeteilt werden.
[ 16 ] So also ist der Mensch angekommen bei seinem letzten Tod, und wir haben damit einige Eigenschaften kennengelernt, die der noch tiefer in sich hineingehende Mystiker kennenlernt durch seine Einweihung an der Hand seines Führers. Haben wir gestern astralische Eigenschaften kennengelernt, die sich uns ergeben als unendlich gesteigertes Gefühl des Dankes auf der einen Seite und als unendlich gesteigertes Gefühl der Verantwortung auf der anderen Seite, als das, was der Mystiker in seinem astralischen Leibe findet, so haben wir heute das kennengelernt, was der Mystiker findet, wenn er in seinen ätherischen oder Lebensleib hineinsteigt: das «Obere» und das «Untere».
[ 17 ] Die weiteren Schritte der Einweihung führen den Menschen dann dahin, daß er, nachdem er in seiner geistigen Rückschau bei seinem letzten Tode angekommen ist, weitergehen und sein letztes Leben kennenlernen kann. Aber dieses letzte Leben kennenzulernen, das ist nicht besonders einfach. Da handelt es sich darum, daß jetzt in der Tat der Mensch unter der Anleitung seines Führers nochmals darauf hingewiesen wird, wie er nicht weiterschreiten soll, ohne erst vollständig sich selber aufzugeben, ohne in völliges Selbstvergessen zu verfallen, denn man kann nicht weiterschreiten, wenn man auch nur noch etwas von dem hat, was persönliches Selbstbewußtsein dieser jetzigen Verkörperung, dieses Lebens zwischen der Geburt und dem Tode ist. Solange man noch irgend etwas sein eigen nennt, so lange kann man das nicht kennenlernen, was ja eine andere Persönlichkeit ist: die vorhergehende Inkarnation. Man muß fähig werden, sich für einen anderen halten zu können — das ist das Wichtige —, und muß doch sich nicht verlieren. Verwandlungsfähig muß man also werden bis zu dem Grade, daß man fühlen kann: Man schlüpft in eine ganz andere Leibeshülle hinein. — Dann erst, wenn man es bis zu diesem Grade der Selbstlosigkeit gebracht hat, die ein vollständiges Vergessen ist alles dessen, was in dieser Inkarnation erlebt werden kann, wenn man in dem denkbar stärksten Grade aufgegangen ist in seinem Führer, dann kann man weiterschreiten in die letzte Inkarnation, von dem letzten Tode bis zur vorletzten Geburt. Dann — und das ist jetzt wichtig — erlebt man nicht etwa das, was man in der vorhergehenden Inkarnation in der Welt draußen sinnlich gesehen hat, sondern man erlebt jetzt alles das, was man in der letzten Inkarnation an sich selber gearbeitet hat, was man in der letzten Inkarnation aus sich selber gemacht hat. Was das Auge gesehen, das Ohr gehört hat, was uns überhaupt in der Außenwelt entgegengetreten ist, das erlebt man auf andere Weise. Das aber erlebt man, was man bei seiner letzten Inkarnation bis zu dem letzten Tod aus sich gemacht hat. Man erlebt alle seine Anstrengungen, die man durchgemacht hat, um sich in dieser verflossenen Inkarnation um ein Stück weiterzubringen.
[ 18 ] Wenn man dies durchgemacht hat, wenn man diese Arbeit an sich selber durchlebt hat, dann wird man von dem Führer wiederum zurückgeführt zu seiner jetzigen Inkarnation, zu seiner jetzigen Verkörperung. Also der Schritt geht jetzt rasch von der vorhergehenden Inkarnation zur jetzigen Inkarnation, und dann erst findet man sich wiederum. Und jetzt hat man ein eigentümliches Gefühl, das Gefühl, daß man eigentlich aus zwei Persönlichkeiten besteht, daß man sich die eine Persönlichkeit mitgebracht hat, und daß man mit dieser Persönlichkeit in seine jetzige Persönlichkeit hineingefahren ist. Das gibt das Gefühl, in seinem physischen Leib drinnen zu sein. Man kann sich in seinem physischen Leib nicht anders erleben, als durch das Gefühl, daß man sich mit seiner vorhergehenden Inkarnation hineingelebt hat.
[ 19 ] Ich habe ja schon wiederholt angedeutet, im gewöhnlichen normalen Leben sieht man den physischen Leib von außen. Jetzt erhält man zuerst einen Begriff, was es heißt, den physischen Leib von innen zu sehen. Man kann nur auf diese Weise in sich selber hineingelangen, daß man auf dem Umweg durch die vorherige Inkarnation geht. Dann steckt man darin und kann seinen eigenen physischen Leib anschauen mit den Augen und Erfahrungen der letzten Inkarnation. Aber das ist noch nicht genug, denn da merkt man noch ganz wenig von seinem jetzigen physischen Leib. Wenn nämlich der Führer den Menschen so weit gebracht hat, daß er einmal das Gefühl gehabt hat, bewußt in sich selber drinnenzustehen mit seiner vorherigen Persönlichkeit, dann muß der Führer den Menschen den ganzen Weg nochmals zurück machen lassen. Jetzt macht er in derselben Weise, wie es beschrieben worden ist, den Weg von der vorletzten Geburt bis zu dem vorletzten Tod durch; er erlebt da wiederum, was er in der Zwischenzeit in der geistigen Welt als oberer und als unterer Mensch durchgemacht hat, und lebt bis zu seiner vorletzten Inkarnation hinauf, erreicht also durch seinen vorletzten Tod seine vorletzte Inkarnation. Wohlgemerkt, man kann durch einen einmaligen Kreislauf nur bis zu seiner vorhergehenden Inkarnation kommen; dann muß man wieder in seinen Leib hinein und kann jetzt einen zweiten Kreislauf machen. Dann kommt man zur vorletzten Inkarnation. Mit dieser kehrt man wiederum zurück in den gegenwärtigen Leib. Jetzt hat man das Gefühl, daß man als drei Persönlichkeiten in seiner jetzigen Persönlichkeit drinnensteckt.
[ 20 ] Der Kreislauf kann so oft vollzogen werden, bis sich der Mensch hinaufhebt zu einem Zeitpunkt, der weit zurückliegt in der Erdenentwickelung. Da findet der Mensch, daß er in einer früheren Persönlichkeit verkörpert war in dem vorhergehenden Kulturzeitalter, im griechisch-lateinischen, daß er in einer noch früheren Kultur verkörpert war in der ägyptischen Zeit, in einer noch früheren in der urpersischen Kultur und in einer noch früheren in der altindischen Zeit. Dann lebt er sich weiter hinauf in das, was Sie beschrieben finden als die atlantische Zeit, und noch weiter hinauf bis zur sogenannten lemurischen Zeit. Da hört die Möglichkeit auf, solche Erfahrungen zu machen, wie sie eben beschrieben worden sind. So hat der Mensch tatsächlich die Möglichkeit, sich selbst innerlich so weit zu verfolgen durch alle möglichen Kulturen und Rassen hinauf bis zu dem Beginne seines Erdenwerdens, bis zu seiner ersten irdischen Verkörperung. In dem, was wir das Innere unseres physischen Leibes nennen, stecken eigentlich darin als Kräfte alle unsere früheren Verkörperungen. Was wir heute äußerlich als physischer Leib sind, das hat in sich als Kräfte alle früheren Verkörperungen. Sie sehen, wenn man exoterisch sagt, der Mensch besteht aus einem physischen Leib, aus einem ätherischen oder Lebensleib, aus einem astralischen Leib, so heißt das, der Mensch besteht zunächst aus etwas, was sich von innen gesehen ausnimmt wie ineinandergeschachtelte Verkörperungen. Tatsächlich sind alle unsere Verkörperungen im Inneren unseres physischen Leibes vereinigt am Werke. Und wenn wir sprechen von dem Äther- oder Lebensleib, dann müssen wir eingedenk sein, daß er, von innen angesehen, als ein Kreislauf erscheint, der verfließt, rückwärts laufend, von unserer gegenwärtigen Geburt bis zum letzten Tode. Da zeigen sich die Eigenschaften unserer Hüllen, dessen, was wir an uns haben, in das wir mystisch untertauchen, in das wir hineinsteigen können.
[ 21 ] Dann aber, wenn der Mensch so weit zurückgegangen ist, wenn er angekommen ist als Einzuweihender an der Hand des HermesEingeweihten bei seiner ersten Inkarnation, dann erfährt er viel mehr; er erfährt an diesem Punkte seiner Rückwärtswanderung, daß er in einer gewissen Zeit unseres Erdenwerdens, unserer Erdenentwickelung ein ganz anderer war, als er jetzt ist, und daß auch die Umgebung eine ganz andere war, als sie jetzt ist. Die Erde war dazumal ganz anders in der Zeit, in der der Mensch gelebt hat in seiner ersten Inkarnation, in seiner ersten Verkörperung. Wenn wir Jetzt in die Welt hinausschauen, treten uns drei Naturreiche entgegen: das Tierreich, das Pflanzenreich, das Mineralreich. Wir haben im Grunde genommen alle diese drei Reiche in uns, wir haben das tierische, das pflanzliche, das mineralische Reich in uns. Das tierische Reich haben wir dadurch in uns, daß wir einen astralischen Leib haben, der unsern äußeren Leib kraftvoll durchsetzt; das pflanzliche Reich dadurch, daß wir einen ätherischen oder Lebensleib haben, der ein Ähnliches tut. Das mineralische Reich haben wir in uns dadurch, daß wir die Stoffe, die äußerlich im mineralischen Reiche sind, mit uns selbst vereinigen, in uns aufnehmen, sie durch uns durchgehen lassen. Ja, wenn wir so weit hinaufschreiten im Geistigen, daß wir bei dem Erleben des Inneren unseres physischen Leibes bei unserer ersten Inkarnation angekommen sind, dann merken wir, daß die Erde in diesem Zeitpunkt gerade in der Epoche ihrer Entwickelung angekommen war, wo das Mineralreich eben erst entstanden ist in seiner heutigen Form. Daher konnten wir auch unsere erste physische Verkörperung damals bilden, weil wir da zuerst, indem sich das Mineralreich bildete, etwas von diesem Mineralreich in uns aufnehmen konnten. Wir gelangen damit zugleich an den Beginn des mineralischen Reiches auf unserer Erde.
[ 22 ] Nun können Sie sagen: Ja, aber war denn dieses mineralische Reich auf unserer Erde nicht eigentlich früher dagewesen als das Pflanzen- und Tierreich? — Wer sozusagen nur so weit denken würde, als seine Nase reicht, der kann das ja glauben. Wer aber ein klein wenig nach Gleichnissen denkt, der wird sich sagen: Ich habe ja schon in der gewöhnlichen Steinkohle etwas, was aus der Pflanze entstand und dann erst mineralisch geworden ist, nachdem es vorher pflanzlich war. — Unter anderen Verhältnissen als den heutigen konnte das Pflanzenreich vor dem mineralischen Reich bestehen. Das mineralische Reich ist erst eine spätere Bildung als das Pflanzenreich. Das Pflanzenreich ist dem mineralischen vorausgegangen. Nicht das Pflanzenreich folgt dem Mineralreich, sondern das Pflanzenreich hat unter anderen Bedingungen schon vorher existiert. Als Verhärtungsprodukt des Pflanzenreiches ist das Mineralreich entstanden. Und in dem Augenblick, wo auf unserer Erde das mineralische Reich sich bildete, in diesem Augenblicke trat der Mensch in seine erste Erdeninkarnation ein. Das Mineralreich hat sich entwickelt durch gewisse lange Zeiträume hindurch. Seit der Entwickelung dieses Mineralreiches machen wir unsere Erdeninkarnationen durch. Dieses Mineralreich haben wir uns also dazumal erst angeeignet. Vorher waren wir in einer anderen Weise als Wesen substantiell, vorher hatten wir noch nicht die Stoffe des Mineralreiches uns eingegliedert, wie wir sie heute als physisch verkörperte Menschen in uns haben. — Deshalb sagte man auch in der Geisteswissenschaft zu allen Zeiten: Unsere Erde ist fortgeschritten in ihrer Entwickelung bis zur Bildung des Mineralreiches, und damit hat sich zugleich der Mensch dieses Mineralreich angeeignet.
[ 23 ] Nun sehen wir daraus wiederum, wie der Mensch, indem er in sich selber hinuntersteigt bis zu der Erkenntnis seines physischen Leibes, an einen Punkt kommt, wo er aus sich selber hinaustritt. Wie sollten wir es denn anders erwarten? Wir wissen, durch unseren Astralleib sind wir den Tieren verwandt, durch unseren Ätherleib den Pflanzen, durch unseren physischen Leib den Mineralien. Kein Wunder, daß, wenn wir bis zum physischen Leib hinuntersteigen, wir an dieser Grenze das Mineralreich als das Äußere antreffen. Wir gehen gleichsam in uns selber hinein und kommen merkwürdigerweise an einen Punkt, wo wir aus uns hinauskommen, in das Mineralreich hinein. Allerdings nicht in jenes Mineralreich, das wir heute um uns herum haben, sondern in dasjenige, wie es war in dem Momente seiner Entstehung auf der Erde in der lemurischen Zeit. Wir unterscheiden unsere jetzige Erdenzeit, welche zurückführt bis zu der Zeit der großen atlantischen Katastrophe, und die noch davorliegende, die lemurische Zeit. Vor der atlantischen Katastrophe war das Antlitz der Erde ganz anders als heute. Es war ein großer Kontinent, auf dem wir lebten, zwischen dem heutigen Europa und Afrika einerseits und Amerika andererseits, der atlantische Kontinent. In einer noch früheren Erdenzeit, da war das Antlitz der Erde wieder anders. Da lebten die Menschen, das heißt wir selber in unserer früheren Inkarnation, auf einem Kontinent, den wir heute auf der Erde suchen müßten zwischen Australien, Afrika und Asien, im alten Lemurien, wie es die heutige Naturwissenschaft ja auch nennt. Dazumal machte der Mensch seine erste Inkarnation durch, und damals entstand das mineralische Reich. Das war auch der Moment, wo sich der Mond, den wir heute im Himmelsraume haben, aus der Erde herausgesondert hat. Früher war unser Mond mit unserer Erde verknüpft. Das sei nur nebenbei gesagt. Wie das erforscht wird, davon werden wir noch in den nächsten Tagen reden.
[ 24 ] Damit haben wir gesehen, daß, wenn wir in uns selber hineinsteigen und uns wirklich kennenlernen, wenn wir an der Hand des Führers durch wahrhaft mystisches Erleben uns in uns vertiefen, wir aus uns selber herauskommen. Es führt uns unser Weg aus dem Menschen zur mineralischen Erde hin, zu jener mineralischen Erde, aus der wir uns unsere Erdenstoffe, unsere physische Substanz angeeignet haben.
[ 25 ] Das ist der eine Weg, welchen ich Ihnen schildern wollte als den Weg, der durchgemacht werden konnte und durchgemacht worden ist von vielen in den alten Isis- und Osirismysterien. Wie gesagt, er konnte nur durchgemacht werden an der Hand eines Führers, dem man sich im strengsten Sinne unterwarf. Wenn der Mensch sich dazumal nicht mit seinem ganzen Ich dem Führer unterworfen hätte, dann hätte er niemals diese Wege gehen können, die jetzt beschrieben worden sind, sondern er wäre in sein Inneres hineingestiegen und hätte die allerschlimmsten Seiten seines Inneren kennengelernt. Er hätte das kennengelernt, was er durch sein selbstsüchtiges Ich aus sich gemacht hat. Es wird uns obliegen, in den nächsten Tagen den anderen Weg zu schildern, den Weg der nordischen Mysterien, der den Menschen nicht in sich hinein-, sondern aus sich herausführte in die Himmelswelt. Und nachdem wir dann diese zwei Wege kennengelernt haben, welche beide heute nicht gangbar sind wegen der fortgeschrittenen Menschennatur, die frei sein will von einer absoluten Botmäßigkeit, werden wir den Weg kennenlernen, der für die heutige Menschennatur der gangbare, der richtige ist, den sogenannten rosenkreuzerischen Weg.
[ 26 ] Erwähnt soll nur noch werden, daß sich gewisse neuere Mystiker zu helfen suchten, wenn sie nicht einen Guru hatten, dem sie sich so streng unterwarfen. Dann wußsten sie sich in einer anderen Weise zu helfen, und es ist interessant zu sehen, wie auch der Weg solcher Mystiker erklärlich wird, wenn man jene Geheimnisse kennt, die eben beschrieben worden sind. Nehmen wir zum Beispiel den Meister Eckhart. Das war ein Mystiker des Mittelalters, welcher einen Führer in dem Sinne, wie es die alten Einzuweihenden der Isis- und Osirismysterien hatten, nicht hatte, sondern sozusagen auf eigene Hand in sein Inneres hinunterstieg. Es wäre für ihn sehr gefährlich geworden, wenn er über den gewissen Punkt hinaus nach seiner eigenen, sich ihm wie natürlich ergebenden inneren Versenkung einfach fortgefahren wäre. Da wäre er kaum davor bewahrt geblieben, daß nicht doch an einem gewissen Punkt aufgetreten wäre der Anspruch des eigenen Ich. Denn das ist gerade die Gefahr bei diesem Versenken in sein eigenes Innere, daß das eigene Ich in selbstsüchtiger Weise sich geltend macht. Man kann natürlich in langen Tiraden davon reden, daß der Mensch in sich selber hinuntersteigen soll und daß er sich so in sich vertiefen kann, daß er den Gottmenschen in sich findet. Aber die, die so reden, sind in der Regel nicht sehr weit gekommen. Wenn sie weit gekommen wären, so würden sie auch gefunden haben, daß, wenn sie sich selbst überlassen bleiben, sich das selbstsüchtige Ich in einer furchtbaren Weise geltend macht. Man konnte es an solchen Mystikern erleben, daß sie, solange sie geleitet waren durch das äußere konventionelle Leben, ganz leidlich anständige Menschen waren; in dem Augenblicke aber, in dem sie sich in ihr Inneres versenken, wo sie also das verlassen, was von außen auf sie wirkt, wo sie ihren inneren Menschen aufsuchen, da kommt dieser innere Mensch auch zur Geltung. Während diese Menschen vorher durch äußere Erziehung veranlaßt worden sind, die Wahrheit zu sagen, kann es vorkommen, daß sie dann, wenn das selbstsüchtige Ich sich geltend macht, anfangen zu lügen, daß sie unaufrichtige Menschen werden, daß sie stärker selbstsüchtige Figenschaften bekommen als andere Menschen im gewöhnlichen Leben. Solche Erfahrungen kann der machen, der übelgeleitete Mystiker beobachtet, die gerne davon reden, daß man sich in sein eigenes Innere versenken solle, um den höheren Menschen zu finden. Man findet gewöhnlich nicht diesen höheren Menschen, sondern man findet seinen allergewöhnlichsten Menschen, der in der Regel dann schlechter ist als der konventionelle Mensch. Vor diesem Anspruch des selbstsüchtigen Ich muß man sich hüten.
[ 27 ] Bei den ägyptischen Mysterien wurde der Einzuweihende durch den Hermespriester davor bewahrt, der für ihn die Führung übernommen hat, so daß der Schüler nicht mehr seinem eigenen Ich folgte. Der Meister Eckhart hatte einen solchen Lehrer nicht. Tauler bekam ihn von einem gewissen Zeitpunkt an, aber Eckhart hatte einen solchen Führer nicht. Wodurch schützte er sich aber vor dem eigensüchtigen Anspruch des Ich? Solch eine gesunde Natur, wie Meister Eckhart es war — ebenso wie fast alle die christlichen Mystiker des Mittelalters, welche einen solchen Guru nicht hatten —, schützte sich dadurch, daß er sich ganz durchdrang mit dem Gefühl: Jetzt bist du nicht mehr du selber, jetzt bist du ein anderer geworden; jetzt spricht, fühlt, will nicht mehr das, was du sprichst, fühlst, willst; jetzt lasse dich ganz erfüllen mit dem Christus. — Er machte das Paulinische Wort wahr: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Dann machte er diese Verwandlung durch. Er entselbstete sich sozusagen. Er gab sein Ich auf und ließ sich erfüllen von einem anderen Ich. «Entwerdenm», der Gegensatz von «werden», ist ein schönes Wort der christlichen Mystiker des Mittelalters. Wie man ein selbständiges Ich «wird», so suchten diese Mystiker zu «entwerden», das heißt ihr Ich ganz aufzugeben und sich ganz zu erfüllen mit einem anderen Ich. Das waren die Mittel gegen die selbstsüchtigen Ansprüche des Ich, zu welchen Mystiker griffen wie Meister Eckhart oder der Mystiker, der der Schreiber der sogenannten «Theologia Deutsch» ist, daß sie nicht aus sich selber sprechen wollten, sondern daß sie einen höheren Menschen, einen Menschen, der den jetzigen Menschen innerlich beleben und inspirieren kann, in sich sprechen lassen konnten. Daher das immer wiederkehrende Betonen dieser Mystiker, daß sie ihr Selbst ganz hingeben wollten dem, was sie innerlich erlebten. So also sehen wir, als die neueren Zeiten herannahten, wie die christlichen Mystiker des Mittelalters, die schon entgegenlebten den Zeiten der modernen Menschheit, den äußeren Guru ersetzten durch einen inneren Guru, durch den Christus. Was nun zu tun ist, damit der Mensch, der im heutigen Geistesleben darinnensteht, seine Wege findet in die geistigen Welten hinein unter Aufrechterhaltung der heutigen Geistes- und Seelenverfassung, das wird sich uns morgen zeigen, wenn wir vorher noch den Weg besprochen haben, der in den nordischen Mysterien unternommen worden ist, um den Makrokosmos kennenzulernen, in den der Mensch hineintritt beim Einschlafen. Wir werden von einer Schilderung des Einschlafens ausgehen und weiter schildern, in welche makrokosmische Sphären die Menschen sich hineinlebten, und dann den Übergang finden zu den neueren Methoden des Erkenntnispfades in die höheren Welten.
