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Makrokosmos und Mikrokosmos
Die große und die kleine Welt Seelenfragen, Lebensfragen, Geistesfragen
GA 119

27 März 1910, Wien

Siebenter Vortrag

[ 1 ] Wir haben gestern versucht, ein wenig Einblick zu gewinnen in dasjenige, was man den Gang in den Makrokosmos nennen kann, in die große Welt, im Gegensatz zu den Darstellungen der früheren Tage, welche uns den tieferen mystischen Weg, den Gang in den Mikrokosmos, vor die Seele stellen sollten. Und wir haben gestern gezeigt, wie das Aufsteigen in den Makrokosmos, in die große Welt, den Aufsteigenden zunächst führt in dasjenige, was man gewöhnlich in der Geisteswissenschaft genannt hat die elementarische Welt, wie dann der Mensch durch die elementarische Welt aufsteigt in die sogenannte geistige Welt, dann in die Vernunftwelt und endlich in eine noch höhere Welt, welche wir gestern am Schluß des Vortrages charakterisieren konnten als die Urbilderwelt, wobei wir zugleich darauf hingewiesen haben, daß wir ein rechtes Ausdrucksmittel für diese Welten in unserer Sprache eigentlich nicht mehr haben, weil das frühere deutsche Wort Vernunft heute trivial geworden ist, weil es in unserer heutigen Zeit für etwas gebraucht wird, was nur in der Sinneswelt Bedeutung hat, und daher der alte Ausdruck Vernunft für diese höhere Welt, die noch über der sogenannten geistigen Welt liegt, leicht mißverstanden werden könnte.

[ 2 ] Natürlich könnte über diese Welten nicht nur stunden-, sondern wochenlang, viele Monate lang gesprochen werden. Wir können ja immer nur ganz skizzenhaft das eine oder das andere herausheben. Um nun ein wenig genauere Vorstellungen zu bekommen von diesen Welten, wollen wir noch das eine erwähnen. Wenn der Mensch sich in der gestern charakterisierten Art in die elementarische Welt einlebt und also eine wirkliche Anschauung von dem erhält, was man gewöhnlich die Elemente nennt, von Erde, Wasser, Luft und Feuer, so wird er dann auch gewahr, daß seine eigene Leiblichkeit wobei jetzt die volle Leiblichkeit gemeint ist, also auch dasjenige, was wir die höheren Glieder der menschlichen Natur nennen — herauserbaut ist auch aus dieser elementarischen Welt. Bei diesem Gewahrwerden erlangt aber der Mensch auch noch von etwas anderem Kenntnis. Er erlangt davon Kenntnis, daß die äußere Anschauung der elementarischen Welt sich etwas anders ausnimmt als die innere Wahrnehmung. Wenn wir in uns selbst hineinblicken, und zwar jetzt ohne hellseherischen Blick, sondern mit dem gewöhnlichen normalen Menschheitsbewußtsein, so finden wir gewisse Eigenschaften, die wir halb zu den seelischen, halb zu denjenigen der äußeren Leiblichkeit zählen, Eigenschaften, die wir die Eigenschaften unseres Temperamentes nennen. Diese Eigenschaften unseres Temperamentes gliedern wir so, daß wir sprechen von einem melancholischen Temperament, von einem phlegmatischen Temperament, von einem sanguinischen Temperament, von einem cholerischen Temperament.

[ 3 ] Nun haben wir gestern gesagt, der Mensch fühlt sich, wenn er in den Makrokosmos eintritt, nicht so, wie wenn er den Dingen gegenüberstünde, sondern er fühlt sich in einem jeglichen Ding der elementarischen Welt schon darinnen. Wenn wir irgendein physisches Ding anschauen, so sagen wir: Das Ding ist dort, wir sind hier. Und nur so lange sind wir in der physischen Welt vernünftige Menschen, solange wir uns ganz deutlich mit unserer eigenen Ichheit unterscheiden können von den Dingen und Wesenheiten. Sobald man sich hineinlebt in die elementarische Welt, wird diese Unterscheidung wesentlich schwieriger. Denn zunächst verwächst man mit den Dingen und Wesenheiten und Tatsachen der geistigen Welt. Gestern haben wir das noch im besonderen charakterisiert an dem, was man das Element des Feuers nennt. Wir haben gesagt, daß es nicht ein physisches Feuer ist, sondern etwas, was wir vergleichen können mit innerer Seelenwärme, Seelenfeuer. Wenn wir das Feuer der Elementarwelt wirklich gewahr werden, dann fühlen wir uns mit ihm vereinigt, wir fühlen uns in dem Wesen des Feuers darinnen, sozusagen mit ihm verschmolzen. Dieses Sichvereinigtfühlen kann nun aber auch eintreten für die andern Elemente. Nur das Element der Erde macht in gewisser Beziehung eine Ausnahme. Ich habe Ihnen gesagt, man nennt in der elementarischen Welt dasjenige Erde, an das man nicht heran kann, was einen eigentlich zurückstößt.

[ 4 ] Merkwürdigerweise steht nun in einer, man könnte sagen, geheimnisvollen Verwandtschaft mit den charakterisierten vier Elementen der elementarischen Welt dasjenige im Menschen, was man sein Temperament nennt, und zwar so, daß eine Verwandtschaft besteht zwischen dem melancholischen Temperament und dem Elemente der Erde, zwischen dem phlegmatischen Temperament und dem Elemente des Wassers, zwischen dem sanguinischen Temperament und dem Elemente der Luft, und zwischen dem cholerischen Temperament und dem Elemente des Feuers. Diese Verwandtschaft kommt im Erleben der elementarischen Welt so zum Ausdruck, daß in der Tat zum Beispiel der cholerische Mensch mehr Neigung hat, mit den im Feuer in der elementarischen Welt lebenden Wesenheiten zusammenzuwachsen als mit den in den anderen Elementen lebenden Wesenheiten. Der Sanguiniker hat wiederum mehr die Neigung, mit den im Element der Luft auftretenden Wesenheiten zusammenzuwachsen, der Phlegmatiker mit den im Wasser und der Melancholiker mit den in der Erde auftretenden Wesenheiten. So kommt man in eine verschiedene Art von Abhängigkeit in dem Augenblicke, in dem man durch wirkliches Erleben die elementarische Welt betritt. Und Sie können sich daraus leicht die Vorstellung bilden, daß die verschiedensten Menschen Ihnen das Verschiedenste erzählen können von der elementarischen Welt und daß eigentlich keiner so ganz unrecht zu haben braucht, wenn er seine eigenen Erlebnisse in dieser Welt anders schildert als die anderen.

[ 5 ] Derjenige, der mit den Dingen bekannt und vertraut ist, wird freilich wissen, daß ein Melancholiker, wenn er die elementarische Welt schildert, sie schildert als eine Welt, in der sehr viel ist, was ihn zurückstößt. Das ist ganz natürlich, denn seine Melancholie steht in geheimnisvoller Weise in Verwandtschaft zu allem Erdigen, und er übersieht sozusagen das andere. Der Choleriker wird Ihnen dafür erzählen, wie feurig sich alles in der elementarischen Welt ausnimmt, denn er übersieht alles übrige und erglüht sozusagen immer nur in dem Elemente des Feuers, wenn er sich in die elementarische Welt einlebt. Daher brauchen Sie sich gar nicht zu verwundern, wenn die Schilderungen gewisser niederer Hellseher in bezug auf die elementarische Welt sehr voneinander abweichend sind, denn beurteilen kann man diese Welt doch erst dann, wenn man eine genaue Erkenntnis von sich selber hat. Weiß man, in welchem Grade man selber zum Beispiel Choleriker oder Melancholiker ist, dann kennt man den Grund, warum einem sich dieses so oder so zeigt in der elementarischen Welt. Dann wird man gerade durch diese Selbsterkenntnis angespornt dazu, den Blick von dem abzuwenden, womit man durch seine natürliche Beschaffenheit am allerverwandtesten ist.

[ 6 ] Daraus haben Sie auch die Möglichkeit, höhere Begriffe gewinnen zu können von dem, was man in der Geisteswissenschaft Selbsterkenntnis nennt. Diese Selbsterkenntnis ist nicht so etwas ganz Leichtes, denn sie setzt voraus, daß wir wirklich in die Lage kommen, gleichsam aus uns herauszukriechen und auf unsere eigene Wesenheit zu schauen, wie wenn sie eine ganz fremde Wesenheit wäre. Stellen Sie sich das gar nicht so besonders leicht vor. Es ist verhältnismäßig leicht für den Menschen, über Seeleneigenschaften, die er sich im Leben angeeignet hat, Klarheit zu gewinnen. Aber viel schwerer ist es, über die ja bis in die Leiblichkeit hinunterwirkende Beschaffenheit des Temperamentes vollständige Klarheit zu gewinnen. Was den Menschen da an einer wirklichen Selbsterkenntnis hindert, das ist das, daß die meisten Menschen immer sich selber Recht geben. Es ist zwar ein allgemeiner egoistischer Hang, sich selbst in bezug auf alles, was man über die Welt urteilt, immer Recht zu geben. Man braucht das aber nicht scharf abzukanzeln und zu kritisieren, denn es ist eine ganz natürliche Eigenschaft des Menschen. Man kann sogar sagen: Wohin würde der Mensch im gewöhnlichen Leben kommen, wenn er nicht diese Sicherheit hätte, die natürlich eine einseitige Sicherheit sein muß, sich fest auf sich selber zu stellen? — Aber wenn er sich so fest auf sich selber stellt, dann nimmt er sich in diesen Standpunkt hinein alles mit, was in seinem Temperamente liegt. Das Loskommen von seinem Temperament ist etwas außerordentlich Schwieriges, und man muß alle Selbsterziehung aufwenden, um zu lernen, sich selbst objektiv gegenüberzustehen. Es wird Ihnen jeder wirkliche Geistesforscher sagen: Eigentlich besteht kein besonderer Grad der Reife darin, in die wirkliche Geisteswelt einzudringen, wenn man nicht imstande ist, den Grundsatz zu befolgen, daß nur der Mensch zur Wahrheit kommen kann, welcher der eigenen Meinung nicht achtet; der also die eigene Meinung als etwas ansieht, worüber er vielleicht so spricht: Ich will mir einmal diese oder jene Meinung so recht vor die Seele rücken, ich will mich einmal fragen, ob ich nicht entdecken kann, in welcher Lebenslage ich mir gerade diese Meinung angeeignet habe. — Nehmen wir an, jemand stünde in einer so oder so gearteten, nun meinetwillen politischen Richtung darinnen. Bevor er nun die Reife erlangt, in die geistige Welt einzutreten, müßte er sich in bezug darauf die Frage ganz objektiv vorlegen können: Wie hat mich das Leben dazu gebracht, gerade diese Denkungsweise, gerade diese Richtung zu haben? Wie anders würde ich denken, wenn mir das Karma vielleicht diesen oder jenen Platz im Leben angewiesen hätte? — Diese Frage muß man sich selber stellen können.

[ 7 ] Wenn man sich nicht bloß vorübergehend, sondern immer wieder und wiederum recht genau diese Frage stellt, was da an einem gearbeitet hat, um den gegenwärtigen Menschen, der man ist, hervorzubringen, dann gewinnt man die Möglichkeit, den ersten Schritt zu machen, um aus sich herauszukommen. In der großen Welt, im Makrokosmos, gibt es das leichte, einfache Mittel nicht, außer den Dingen zu sein, das wir in der physischen Welt haben. In der physischen Welt können wir leicht außerhalb des Rosenstrauches stehen, weil uns ihre natürliche Beschaffenheit diesen Platz anweist. In der elementarischen Welt tritt gerade das ein, daß wir in die Dinge hineinwachsen, daß wir uns mit ihnen identifizieren. Wenn wir jetzt kein Mittel haben, um uns, trotzdem wir darinnen sind, von ihnen zu unterscheiden, dann können wir überhaupt niemals zu einer Klarheit über die Dinge kommen. Unser cholerisches Temperament wächst in der elementarischen Welt ganz unbedingt mit dem Elemente des Feuers zusammen. Und wir können da nicht mehr unterscheiden, was von uns ausströmt oder was von den Dingen oder von anderen Wesenheiten in uns einströmt, wenn wir nicht auf besonderem Wege die Fähigkeit der Unterscheidung gelernt haben. Wir müssen also zuerst etwas lernen. Wir müssen lernen, in einer Wesenheit darin zu stehen und uns doch von ihr zu unterscheiden.

[ 8 ] Es gibt nur eine Wesenheit, an der wir das lernen können, das sind wir selber. Wir sind eine Wesenheit, in der wir darinnenstehen und bei der wir beginnen können zu lernen, uns von ihr zu unterscheiden. Wenn wir dahin gelangen, uns selber nach und nach so zu beurteilen, wie wir im gewöhnlichen Leben einen anderen Menschen beurteilen, dann lernen wir, uns von uns selber zu unterscheiden. Es braucht sich jeder nur einmal an die eigene Brust zu schlagen und zu fragen, wie sich sein Urteil über sich selber unterscheidet von dem Urteil über einen anderen Menschen. Gewöhnlich gibt man sich selber Recht, und dem andern gibt man Unrecht, wenn er anderer Meinung ist als man selbst. So ist es im täglichen Leben. Aber es gibt nichts Nützlicheres, damit anzufangen sich selber zu erziehen, als sich die Frage vorzulegen: Ich habe diese Meinung, ein anderer hat eine andere Meinung; ich will mich auf den Standpunkt stellen, daß die Meinung des anderen geradesoviel Wert hat wie die meine. — Diese Selbsterziehung im gewöhnlichen Leben ist notwendig, damit wir beim Eintreten in die elementarische Welt uns selbst von den Dingen unterscheiden können, obgleich wir in ihnen darinnenstehen.

[ 9 ] Sie sehen also, daß es auf gewisse Feinheiten ankommt im Erleben, wenn wir bewußt in die höheren Welten hinaufsteigen wollen. Aber auch an diesem Beispiel werden Sie erkennen, wie stark das Berechtigung hat, was gestern gesagt worden ist, daß der Mensch immer Gefahr läuft, wenn er sich in den Makrokosmos erhebt, sein Ich zu verlieren. Denn im gewöhnlichen Leben ist unser Ich eigentlich nichts anderes als ein Zusammenfluß unserer Meinungen, Empfindungen und Gewohnheiten, und die meisten Menschen werden finden, daß es außerordentlich schwierig ist, überhaupt noch etwas zu denken und zu empfinden und zu wollen, wenn sie Abschied nehmen von dem, was das Leben aus ihnen gemacht hat. Deshalb ist es so außerordentlich wichtig, daß man, bevor man sich überhaupt einläßt auf ein Hineinsteigen in die geistigen Welten, sich vorher bekanntmacht mit dem, was schon erforscht ist, was die Geistesforschung schon zutage gebracht hat. Es wird daher immer und immer wieder betont, daß kein Erkennender auf diesem Gebiet die Hand dazu biieten wird, jemandem die Möglichkeit zu geben, selbst hineinzugehen in die geistige Welt, bevor er durch seine Vernunft, durch sein gewöhnliches Urteil begriffen hat, daß das keine Phantasterei ist, keine Torheit ist, was die geistige Forschung behauptet. Es ist durchaus möglich, daß man sich ein gewisses Urteil erwirbt über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit des von der Geisteswissenschaft Mitgereilten. Obwohl man nicht in der geistigen Welt forschen kann, ohne die geöffneten Augen des Sehers zu haben, so läßt sich doch an die Mitteilungen, die durch den Geistesforscher gegeben werden, der Maßstab des gewöhnlichen menschlichen Urteils anlegen. Danach läßt sich das Leben betrachten, ob einem das Leben erklärlich wird durch das, was der Geistesforscher sagt. Die so gebildeten Urteile werden die Eigentümlichkeit haben, daß sie über das gewöhnliche menschliche Meinen hinausgehen. In bezug auf alles, was wir uns sonst an Meinungen aneignen, spricht das menschliche Empfinden mit. Wenn wir uns aber mit unbefangenem Urteil dem hingeben, wie hier über die höheren Welten gesprochen wird, dann hören die Sympathien und Antipathien unseres gewöhnlichen Lebens auf, dann werden wir finden, daß wir mit den entgegengesetztesten Menschen der gleichen Meinung sein können über diese Dinge. So gewinnen wir in der Geisteswissenschaft selber etwas, was über die gewöhnlichen persönlichen Meinungen hinausgeht und was wir dann noch haben, wenn wir in die geistige Welt eintreten. Es ist also wichtig, sich sozusagen einen Fonds von geisteswissenschaftlichen Wahrheiten anzueignen, denn das bewahrt uns davor, unser Ich sogleich zu verlieren beim Eintreten in die geistige Welt.

[ 10 ] Der Verlust des Ich beim Eintreten in die geistige Welt hätte aber für manche Menschen noch andere Folgen. Diese Folgen zeigen sich für den Erkennenden oftmals schon im gewöhnlichen Leben. Wir kommen da zu etwas, was wir doch noch kurz besprechen müssen. Es ist wichtig, wenn wir dann die Wege beschreiben werden, die man betreten kann, um selber in die geistigen Welten hinaufzukommen. Vor allen Dingen darf der Geistesforscher in keinem Sinne ein Phantast, ein Träumer sein. Er muß sich mit einer Sicherheit und inneren Kraft in der geistigen Welt bewegen können, wie sich ein vernünftiger Mensch in der physischen Welt bewegt. Alles Nebulose, alle Unklarheit wäre von Übel, wäre sogar gefährlich, wenn wir Eintritt halten in die geistigen Welten. Daher ist es so notwendig und von einer so großen Bedeutung, daß wir schon über das gewöhnliche Leben ein gesundes Urteil gewinnen. Besonders in der heutigen Zeit zeigt sich ja schon bei manchen Menschen im gewöhnlichen Leben etwas, was hinderlich sein könnte beim Eintritt in die geistige Welt, wenn nicht darauf Rücksicht genommen würde. Wenn Sie über Ihr Leben nachdenken und sich alles zurückrufen, was von Ihrer Geburt an auf Ihr Leben Einfluß gehabt hat, so erinnern Sie sich selbst bei einem oberflächlichen Rückblick noch an manches, von vielem anderen aber werden Sie sich sagen müssen, daß Sie es vergessen haben. Von vielem, das Ihr Leben mitbeeinflußt hat, das Sie miterzogen hat, haben Sie kein deutliches, klares Bewußtsein; darüber hat sich Vergessenheit gebreitet. Doch werden wir nicht zugeben, daß wir etwas nicht erlebt haben, nur weil es jetzt nicht da ist in unserem Bewußtsein. Warum vergessen wir denn solche Einflüsse auf unser Leben? Aus dem Grunde vergessen wir sie, weil mit jedem neuen Tag das Leben uns Neues in den Weg hereinbringt. Und wir würden schließlich dem Leben nicht mehr gewachsen sein, wenn wir alles das zusammenhalten müßten, was wir erlebt haben. Das, was wir jeden Tag erleben, das wandelt sich um zu Fähigkeiten. Wir haben ja schon darüber gesprochen, daß unsere Erlebnisse gleichsam zusammenrinnen zu Fähigkeiten. Wie wäre es, wenn wir bei jedem Ansatz der Feder uns erinnern müßten an die Erlebnisse, die wir gehabt haben, um schreiben zu lernen! Eine Unsumme von Erlebnissen ist zusammengeronnen zu der Fähigkeit des Schreibens. Diese Erlebnisse, die an uns gearbeitet haben, haben wir mit Recht vergessen. Es ist gut für uns, daß wir sie mit Vergessenheit bedeckt haben. So ist das Wort «Vergessen» etwas, was im menschlichen Leben eine gewisse Rolle spielt. Es gibt Gebiete des Menschenlebens, wo es durchaus wohltätig ist, daß etwas, was der Mensch durchgemacht hat, dem Bewußtsein wiederum entschwinden kann. Es gibt zahllose Eindrücke, namentlich aus der Zeit der allerersten Kindheit, über die sich vollständiges Vergessen breitet, die nicht in unserem Bewußtsein da sind, weil das Leben sie uns eben hat vergessen lassen. Das ist gut, weil wir sonst dem Leben nicht gewachsen wären, wenn wir alles das mitschleppen müßten. Aber es ist noch keine unmittelbare Folge des Vergessens, daß diese Eindrücke auch ausgelöscht werden in bezug auf ihre Wirksamkeit. Es können Eindrücke im Leben auf uns gemacht werden, die zwar aus unserem Gedächtnis entschwunden sind, die aber, trotzdem wir nichts mehr von ihnen wissen, trotzdem wir sie vergessen haben, wirksame treibende Kräfte in unserem Seelenleben sind. Solche Eindrücke können es dahin bringen, daß das Seelenleben sogar in einer ungünstigen Weise beeinflußt wird. Wenn diese vergessenen Eindrücke solche sind, daß sie gewissermaßen einem gesunden Seelenleben widerstreben, können sie es dahin bringen, daß unser Seelenleben sozusagen in Teile zergliedert wird, auseinandergetrieben wird, und ein solches Auseinandertreiben des Seelenlebens kann in ungünstiger Weise auf unsere gesamte Verfassung einwirken, kann bis in unsere Leiblichkeit hinunter allerlei Zustände erzeugen, welche man mit verschiedensten Namen bezeichnet, meinetwillen als Nervosität, Hysterie, die aber im Grunde genommen nur vollständig begriffen werden können, wenn man weiß, daß der Umfang des bewußten Lebens sich nicht deckt mit dem Umfange des gesamten Seelenlebens. Der Menschenkenner kann manchmal jemanden, der zu ihm kommt und klagt über allerlei, was ihm das Leben schwer macht, leicht auf dieses oder jenes aufmerksam machen, was er vergessen hat, was er nicht mehr weiß, was aber deswegen in seinem Seelenleben nicht minder eine Kraft ist. Es gibt in der menschlichen Seele eine Art von Inseln, die dastehen, ich möchte sagen, in entgegengesetzter Art wie andere Inseln. Wenn man im Meer ist, so kann man sagen, man faßt festen Fuß auf einer Insel. Das Seelenleben des Menschen kann, wenn es auf solche unterbewußten Einschlüsse stößt, von denen es kein deutliches Bewußtsein hat, allerlei Gefährdungen erleben. Diese Inseln können im gewöhnlichen Leben am leichtesten dadurch umgangen werden, daß der Mensch versucht, von einem späteren Standpunkt seines Lebens aus zu begreifen, was da auf ihn gewirkt hat. Es wirkt ungeheuer gesundend für den Menschen, wenn man ihm eine Art von Weltauffassung geben kann, durch die er in die Lage kommt, diese Seeleninsel zu begreifen, sie zu ertragen. Würde man ohne weiteres eine menschliche Seele hinführen zu diesen Klippen, so würde sie erst recht beirrt werden. Gibt man dem Menschen aber die Möglichkeit, diese Dinge zu verstehen, sich selbst mit gewissem Verständnis aufzufassen, dann kommt er leichter darüber hinweg, wenn er diese Dinge einzureihen vermag in sein gesamtes Seelenleben. Je mehr wir also verständnisvoll hereingliedern können in unser bewußtes Leben, desto besser ist es schon im gewöhnlichen normalen Menschenleben.

[ 11 ] Solche unbewußte Seeleninseln hat der Mensch nicht nur im gewöhnlichen Leben, sondern viel mehr Dinge von dieser Art treten vor den Menschen geistig hin, wenn er den Makrokosmos betritt. Wir haben ja gesehen, daß der Mensch jede Nacht beim Einschlafen den Makrokosmos betritt, daß aber auch jede Nacht beim Einschlafen sich volle Vergessenheit breitet über das, was der Mensch da erleben kann. Unter dem vielen, was der Mensch erleben würde, wenn er bewußt im Moment des Einschlafens den Makrokosmos beträte, wäre er selber; der Mensch würde selber darinnen sein in diesem Makrokosmos. Wir haben ja gestern beschrieben, daß der Mensch geistige Wesenheiten und geistige Tatsachen um sich herum hat im Makrokosmos. Gewiß, das ist richtig, aber unter alle dem, was da der Mensch vor sich hat, ist auch ein objektiver Anblick von sich selber. Jetzt kann der Mensch vergleichen, wie unvollkommen er ist im Verhältnis zu dem, was da in der makrokosmischen Welt enthalten ist, wie viele Eigenschaften er hat, durch die er nicht gewachsen ist dieser makrokosmischen Welt. Da ist reichlich Gelegenheit, daß der Mensch sein Selbstvertrauen, seine Selbstsicherheit verliert. Was den Menschen bewahren kann vor diesem Verlieren seines Selbstvertrauens, seiner Selbstsicherheit, ist eine dem Eintritt in die geistige Welt vorangehende Selbsterziehung zu einem reifen Urteile darüber, daß er zwar so, wie er jetzt ist, unvollkommen ist, daß aber immer die Möglichkeit vorhanden ist, sich Fähigkeiten zu erwerben, um hineinzuwachsen in diese geistige Welt. Der Mensch muß die Möglichkeit erringen, seine Unvollkommenheiten zu ertragen, und er muß auch den Anblick ertragen lernen, was er einstmals werden kann, wenn er seine Unvollkommenheiten überwunden und sich die ihm heute noch fehlenden Eigenschaften erworben hat. Das ist ein Gefühl, das beim bewußten Überschreiten der Schwelle nach dem Makrokosmos in die menschliche Seele kommen muß. Der Mensch muß lernen, sich selber als etwas Unvollkommenes zu sehen auf seinem heutigen Standpunkt. Er muß es ertragen lernen, sich zu sagen: Wenn ich zurückblicke in mein jetziges Leben und in die Leben der früheren Inkarnationen, so haben diese das aus mir gemacht, was ich bin. — Aber er muß auch die Möglichkeit haben, neben dieser seiner eigenen Gestalt zu empfinden, zu fühlen eine andere Gestalt, die ihm sagt: Wenn du nun an dir arbeitest, wenn du alles tust, um das, was an Anlagen in deiner tiefsten Wesenheit ist, zu entwickeln, dann kannst du einstmals ein Wesen werden wie diese Wesenheit, die wie ein reales Ideal neben dir steht. Blicke hin ohne Scheu und Entmutigung. — Ohne Scheu und Entmutigung kann man aber auf das, was sich da neben die eigene Unvollkommenheit stellt, nur dann hinblicken, wenn man sich erzogen hat zu einer Kraft der Überwindung von Lebensschwierigkeiten. Hat man dafür gesorgt, bevor man seinen Eintritt hält in die geistige Welt, daß man schon in der physischen Welt seelische Stärke erlangt hat, um Schmerz, Leid, um Widerstände des Lebens zu überwinden, hat man sich darin gestählt, Widerständen Trotz zu bieten, dann kann man in dem Moment, wo man dieses Gefühl hat, in sich den Impuls empfinden: Was auch geschehen mag mit dir, was dir auch begegnen mag in dieser geistigen Welt des Makrokosmos, du wirst durchkommen; denn du wirst immer stärker und stärker die Eigenschaften noch weiter ausbilden, die du dir schon angeeignet hast als Kräfte der Überwindung von Hindernissen und Hemmnissen.

[ 12 ] Wenn man sich in einer solchen Weise vorbereitet hat, dann erlebt man gerade beim Eintritt in die elementarische Welt etwas ganz Besonderes. Wir werden verstehen, was man da erlebt, wenn wir nochmal zurückblicken auf das, was vorhin gesagt wurde, daß unser cholerisches Temperament verwandt ist mit dem Elemente des Feuers, das sanguinische mit dem Element der Luft, das phlegmatische mit dem Element des Wassers, das melancholische mit dem Element der Erde. Wenn man mit seinem Temperamente sich hinauslebt in die elementarische Welt, dann treten einem die Wesenheiten der elementarischen Welt so entgegen, wie man selber ist. Cholerische Eigenschaften treten einem entgegen wie im Feuerelement erglühend, sanguinische Eigenschaften wie im Luftelement verfliegend, die phlegmatischen wie im Wasserelement, die melancholischen wie im Erdelement. Da wird sich zeigen, wie das, was man sich durch Selbsterziehung an Seelenstärke angeeignet hat, dazu führt, daß man sich sagen kann: Du wirst die Kraft haben, um alle Hindernisse zu überwinden! — Was der Mensch in sich hat, das ist demjenigen verwandt, was ihm in der geistigen Welt entgegentritt, es ist verwandt dem, was — gleichsam zusammenfließend aus allen Elementen — dem Menschen so entgegentritt, daß er sich selber erblickt wie eine außenstehende Wesenheit. Hat der Mensch sich entschlossen, durch Selbsterziehung alle seine Unvollkommenheiten zu überwinden, abzulegen, dann wirkt dieser Impuls der Seele so, daß dieser unvollkommene Mensch vor ihm steht, ohne daß sein Anblick ihn niederschmettert. Ohne den genügenden Reifegrad würde der Mensch immer ein niederschmetterndes Gefühl haben, wenn er seinen Doppelgänger erblickt. Davor schützt ihn im normalen Leben das Aufhören des Bewußstseins; denn er würde jede Nacht beim Einschlafen seinen unvollkommenen Menschen vor sich haben und von ihm niedergeschmettert sein, wenn er bewußt einschlafen würde. Ebenso würde jene andere Wesenheit vor dem Menschen stehen, die ihn aufmerksam machen würde darauf, wie er werden kann. Darum wird beim Einschlafen das Bewußtsein ausgelöscht. Wenn der Mensch aber immer mehr und mehr die Reife in sich erzeugt, die ihm sagt: Du wirst die Hindernisse überwinden! — dann lüftet sich allmählich das, was im normalen Leben wie ein Schleier vor die menschliche Seele sich hinstellt, wenn der Mensch einschläft. Dieser Schleier wird immer dünner und dünner, und zuletzt steht da, so daß der Mensch es ertragen kann, die Gestalt, die ein Ebenbild von ihm selber ist, so wie er gegenwärtig ist; und daneben wird er gewahr die andere Gestalt, die ihm zeigt, wie er werden kann, wenn er weiter an sich arbeitet. Sie zeigt sich ihm in Pracht und Herrlichkeit und Glorie. Der Mensch weiß in diesem Augenblick, daß die Gestalt nur deshalb so niederschmetternd wirkt, weil er nicht so ist und doch so sein könnte, und er weiß, daß er die richtige Seelenverfassung nur gewinnen kann, wenn er diesen Anblick ertragen kann. Dieses Erlebnis haben heißt: vorüberschreiten vor dem großen Hüter der Schwelle. Dieser große Hüter der Schwelle löscht im gewöhnlichen Einschlafen das menschliche Bewußtsein aus, so daß sich Vergessenheit breitet über dieses Bewußtsein. Dieser große Hüter der Schwelle zeigt uns, was uns fehlt, wenn wir in die große Welt eintreten wollen, und was wir erst aus uns machen müssen, damit wir nach und nach in diese große Welt hineinwachsen.

[ 13 ] Unsere heutige Zeit hat es so nötig, sich einen Begriff zu machen von solchen Dingen, verabscheut es aber so sehr, das zu tun. Ja, unsere heutige Zeit ist in einem sonderbaren Übergang begriffen. Mancher wird zwar theoretisch zugeben, daß er ein unvollkommener Mensch ist, aber über die Theorie geht es gewöhnlich nicht hinaus. Das zeigt sich uns am besten, wenn wir Umschau halten in unserem geistigen Leben. Machen Sie selber die Prüfung darauf! Nehmen Sie die Literatur in die Hand, die von der geistigen Welt im heutigen Stile handelt. Sie werden überall einen Ton angeschlagen finden, der dem Ton, der jetzt gerade charakterisiert worden ist, ganz entgegengesetzt ist. Überall werden Sie hören und lesen können, wenn der oder jener seine Meinung über die geistige Welt sagt: das kann man wissen, das kann man nicht wissen. — Versuchen Sie, wie oft Sie dieses kleine Wörtchen «man» entdecken in heutigen Schriftwerken, dies: Das kann man wissen, das kann man nicht wissen. — Mit diesem Wörtchen «man» setzt der Mensch eine Grenze für die Erkenntnis fest, die er nicht überschreiten zu können glaubt. Jedesmal, wenn ein Mensch das Wörtchen «man» in dieser Weise ausspricht, steht er auf einem dem geisteswissenschaftlichen entgegengesetzten Standpunkt. Denn wir dürfen in keinem Augenblick des Lebens sagen: das kann «man» erkennen, oder das kann «man» nicht erkennen, sondern wir müssen sagen: Wir können so viel erkennen, als unserem gegenwärtigen Reifegrad und unseren Fähigkeiten entspricht, und wenn wir uns zu einem höheren Standpunkt hinaufentwickelt haben werden, werden wir mehr erkennen können. Dieses «man kann nicht» gibt es gar nicht. Wer so spricht, zeigt sich von vornherein als ein Mensch, der nicht in der Lage ist, überhaupt den Begriff Selbsterkenntnis zu fassen. Denn wir wissen, daß der Mensch ein entwickelungsfähiges Wesen ist und daß wir nur davon sprechen können, wieviel jeder erkennen kann nach Maßgabe der augenblicklichen Entwickelung seiner Fähigkeiten.

[ 14 ] Dieses «man kann nicht wissen», so schlimm es schon ist, es wäre noch nicht einmal das Schlimmste, denn es ist ja schließlich nur eine Ausdrucksform, über die man sich hinwegsetzen könnte. Der Geisteswissenschaftler wird sich darüber hinwegsetzen; er wird sich angewöhnen, die heutige Literatur unter dem Gesichtspunkt zu lesen, daß er sich sagt: Wenn der Betreffende «man» sagt, dann bedeutet das «er». Da kann man sich dann zurechtfinden, wenn man es von diesem Gesichtspunkte aus liest. Es verrät ja damit der Betreffende, was gerade er weiß. Wäre das nur eine Sache der Formulierung, so wäre es nicht so schlimm. Die Sache fängt aber dann an bedenklicher zu werden, wenn der Betreffende weitergeht und tatsächlich Praxis daraus macht. Denn Theorien sind überhaupt nicht gefährlich, sondern erst dann, wenn sie zur Lebenspraxis gemacht werden. Gefährlich wird es, wenn der Betreffende anfängt zu sagen: Ich weiß, was der Mensch wissen und erkennen kann, also brauche ich gar nichts zu tun —; dann legt er sich selber Hindernisse in den Weg, dann verweigert er sich selber die Entwickelung. Im Grunde genommen gibt es heute viele Menschen, die sich selber ihre Entwickelung versperren, so daß man vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus ihnen nur wünschen kann, daß sie immer recht gut und recht tief schlafen, damit ihnen ja niemals irgendwie durch ein kleines Lüften des Schleiers zum Bewußtsein kommen kann, wie unvollkommen sie sind im Vergleich zu dem, was sie werden könnten. So liegt es in den Denkgewohnheiten, in der ganzen Empfindungsweise unserer Zeit, daß die Menschen sogar den Schleier gerne immer dichter und dichter machen vor der Welt, in die wir nicht eintreten können, wenn wir nicht an dem großen Hüter der Schwelle vorüberkommen, an jener mächtigen Gestalt, die uns immer den Einlaß verwehrt, wenn wir vor ihr nicht ein heiliges Gelöbnis ablegen. Ohne dieses heilige Gelöbnis geht es nicht ab, und dieses heilige Gelöbnis besteht darin, daß wir sagen: Wir wissen zwar jetzt, wie unvollkommen wir sind, aber wir werden niemals aufhören zu streben, immer vollkommener und vollkommener zu werden. — Mit diesem Impuls allein darf jemand hineingehen in den Makrokosmos. Wer diesen starken Willen nicht hat, immer mehr und immer mehr an sich zu arbeiten, der sollte eben erst diesen starken Willen sich anerziehen, wenn er hineinschreiten will in den Makrokosmos.

[ 15 ] Das ist das notwendige Gegenstück zu unserer Selbsterkenntnis, die wir gewinnen müssen, wenn wir unterscheiden lernen wollen in der höheren Welt. Selbsterkenntnis muß uns werden; diese Selbsterkenntnis bliebe aber totes Produkt, wenn sie nicht verknüpft wäre mit dem Willen zur Selbstvervollkommnung. Es tönt durch der Zeiten Wende der alte apollinische Spruch: Erkenne dich selbst! — Er ist richtig, es läßt sich gar nichts gegen ihn einwenden, aber es kommt auch bei ihm das in Betracht, was gestern gesagt worden ist in bezug auf Wahrheiten: Nicht diejenigen Vorstellungen, die eigentlich irrtümliche sind, sind die schlimmsten für den Menschen, sondern die einseitigen Vorstellungen, die halbe Wahrheiten sind, die stellen sich viel hindernder in unser Leben hinein. Und die Aufforderung: Erkenne dich selbst — wäre einseitig, wenn wir nicht auch ihre Kehrseite ansehen würden, die sich erweist als Aufforderung zur stetigen Selbstvervollkommnung. Wenn wir dieses Gelöbnis uns selber, unserem höheren Menschen, der wir werden sollen, abgeben, dann können wir uns getrost und ohne Gefahr hineinwagen in den Makrokosmos; denn dann werden wir in dem Labyrinth, in das wir da hinein müssen, uns nach und nach zurechtzufinden wissen.

[ 16 ] Nun haben wir gesehen, wie sich unsere eigene Natur verwandt erweist mit dem, was wir die elementarische Welt nennen, und wir haben das, was uns in der elementarischen Welt entgegentritt, verwandt gefunden mit dem, was unsere Temperamente sind. Wir würden auch noch anderes, das uns entgegentritt, verwandt fühlen mit unserer eigenen Wesenheit, wenn wir auf andere Seeleneigenschaften blicken würden. In uns ist immer auch das, was außer uns ist, denn wir sind aus der Umwelt genommen. Aber wir können nicht nur von dem aus, was wir in der physischen Welt wahrnehmen können, hineinblicken in die elementarische Welt, zum Beispiel von unserem cholerischen Temperament zum elementarischen Feuer, sondern wir können auch zur geistigen Welt und in noch höhere Welten hinaufsteigen. Auch diesen Punkt wollen wir heute noch kurz besprechen.

[ 17 ] Wenn wir als menschliche Wesen dastehen, so wissen wir, daß wir von Inkarnation zu Inkarnation gehen. Wenn wir in dieser Inkarnation gerade ein melancholischer Mensch sind, so werden wir uns sagen können: Nun ja, in dieser Inkarnation sind wir ein melancholischer Mensch, in einer anderen, entweder vorangehenden oder folgenden Verkörperung, können wir sanguinisch oder phlegmatisch gewesen sein oder werden, das heißt, es wird sich das Einseitige ausgleichen. Damit haben wir einen Begriff davon gewonnen, daß wir, auch wenn wir in einem Leben Melancholiker sind, doch als Wesen mehr sind als bloß Melancholiker. Wir können mit demselben Wesen, mit dem wir in diesem Leben ein Melancholiker sind, in einem vorhergehenden Leben meinetwegen ein Choleriker gewesen sein oder können in einem folgenden Leben ein Sanguiniker werden. Unser Wesen also geht nicht auf in diesen Temperamentsanlagen, es ist noch etwas anderes, das darüber steht. Wenn also der hellsichtige Mensch jemanden in der elementarischen Welt beobachtet und ihn als melancholischen Menschen sieht, dann muß er sich sagen: So wie er sich jetzt darstellt als Melancholiker in dem Elemente der Erde, das ist eine vorübergehende Erscheinung, es ist bloß die Erscheinung einer Inkarnation. In einer anderen Inkarnation kann sich ein Mensch, der sozusagen erdig erscheint in seiner gegenwärtigen Verkörperung, luftig oder feurig darstellen. — So stellt sich in der Tat innerhalb der elementarischen Welt der Mensch für das hellsichtige Bewußtsein dar. Melancholiker, die gerne in sich selber brüten, die nicht mit sich selber fertig werden, erscheinen, wenn man sie vom Gesichtspunkt der elementarischen Welt aus betrachtet, so, daß sie einen gleichsam zurückstoßen. Choleriker erscheinen tatsächlich in der elementarischen Welt so, wie wenn sie Feuerflammen verbreiten würden. Allerdings müssen wir das seelische Element des Feuers ins Auge fassen und es nicht verwechseln mit dem gewöhnlichen physischen Feuer. Damit wir uns nicht mißverstehen, möchte ich erwähnen, daß Sie in theosophischen Handbüchern dasjenige, was wir hier elementarische Welt genannt haben, bezeichnet finden als astralische Welt oder Astralplan. Was wir hier die geistige Welt genannt haben, finden Sie dort bezeichnet als Mentalplan oder als Devachanwelt, aber die mehr unteren Teile derselben. Die höheren Teile des Devachan, die dort auch als Arupa-Devachan bezeichnet werden, das ist die Welt, die wir hier als Vernunftwelt charakterisiert haben.

[ 18 ] Wenn wir aus der geistigen Welt in die Vernunftwelt eintreten, begegnet uns etwas ähnliches, wie es uns begegnet in der elementarischen Welt, wenn wir als Wesenheiten uns so erscheinen, daß wir das Element in unserem Temperament immer mehr und mehr überwinden, uns ausgleichen von Leben zu Leben. Etwas ähnliches begegnet uns, wenn wir an die Grenze der geistigen Welt gelangen. Wir haben gestern charakterisiert, daß wir in der geistigen Welt geistige Tatsachen finden, die sich durch die Bewegung der Planeten ausdrücken wie in einer Weltenuhr. Wir haben gesagt, daß die Wesenheiten sich ausdrücken als äußeres Gleichnis in den Bildern des Tierkreises, ihre Taten in den Planeten. Und wir haben darauf hingedeutet, daß man mit diesen Gleichnissen noch nichts Besonderes gewonnen hat, daß man übergehen muß zu den Wesenheiten selber. Wir haben die Summe dieser Wesenheiten bezeichnet als Hierarchien, so daß wir also in der geistigen Welt zu jenen Wesenheiten kommen, die bezeichnet werden als Seraphim, Cherubim, Throne und so weiter. Nun würden wir uns aber nicht einen Begriff verschaffen können von den noch höheren Welten, wenn wir nicht von den Bezeichnungen, die wir gestern gewählt haben für vorübergehende Äußerungen dieser Wesenheiten, übergingen zu den Wesenheiten selber. Wir haben gesagt, daß ein Mensch uns in einer Inkarnation entgegentreten kann als Melancholiker oder als Sanguiniker; seine wirkliche Wesenheit ist aber mehr als das Temperament, weil er sich darüber hinaus entwickelt in einer anderen Inkarnation. Die Wesenheit durchbricht also das, was uns als ein Ausdruck ihres Wesens charakterisiert worden ist. Erst wenn wir uns klarmachen, daß die höheren Wesenheiten, die bezeichnet werden als Seraphim, Cherubim, Throne, als Geister des Willens und so weiter, und die sich im physischen Raum in den Tierkreisbildern ausdrücken, als Wesenheiten mehr sind als diese Namen bezeichnen, dann bekommen wir einen Begriff von dieser oberen Grenze des Makrokosmos. Ein solches Wesen, das uns entgegentritt, sagen wir, als Seraph oder als Geist der Weisheit, bleibt nicht immer so, daß wir es so bezeichnen können. Denn geradeso, wie sich der Mensch entwickelt und die verschiedensten Eigenschaften annimmt, so entwickeln sich die Wesenheiten, die wir da an der oberen Grenze der geistigen Welt finden, durch verschiedene Zustände hindurch, so daß wir sie das eine Mal mit diesem, das andere Mal mit jenem Namen bezeichnen können. Die Wesenherten wachsen durch diese Namensbezeichnungen hindurch. Trivial gesprochen könnte man diese Namen Amtsbezeichnungen nennen. Es veranschaulicht die Sache. Wenn man von Geistern der Weisheit, von Geistern des Willens spricht, so ist das etwa so, wie wenn man meinetwillen spricht von Regierungsrat und Geheimem Regierungsrat; das kann derselbe Mensch sein, der nach und nach verschiedene Amtsbezeichnungen hat. So kann es dieselbe hierarchische Wesenheit sein, die einmal ein Geist der Weisheit, ein anderes Mal ein Geist des Willens ist, weil sich die Wesenheiten durch die verschiedenen Rangstufen hindurch entwickeln. Solange man in der geistigen Welt bleibt, zeigen sich diese Wesenheiten in der einen oder anderen Namensbezeichnung, als Seraphim oder als Cherubim und so weiter. Im Augenblick, wo man aber von dieser Amtsbezeichnung vorrückt dazu, die Wesenheit selbst ins Auge zu fassen, wo man sozusagen Bekanntschaft schließt mit der geistig sich entwickelnden Wesenheit, ist man aufgestiegen in ein höheres Reich, in das Vernunftreich, das wir dadurch charakterisierten, daß wir zeigten, an welchem Glied der Menschennatur dieses Vernunftreich arbeitet.

[ 19 ] Man muß überhaupt, wenn man zu einer gewissen Stufe der Erkenntnis kommen will, unterscheiden zwischen den fortschreitenden Wesenheiten selbst und dem, was sie auf einer bestimmten Entwickelungsstufe sind. So müssen wir es machen mit solchen Wesenheiten, die auch als fortgeschrittene Wesenheiten noch auf der Erde auftreten, und auch mit den Wesenheiten, die uns nur in der geistigen Welt begegnen. Als Beispiel sei hier der Buddha erwähnt. Die Menschen kennen den Buddha, wie er gelebt hat etwa fünf- bis sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung. Derjenige, der geistig in diesen Stoff eingedrungen ist, muß aber unterscheiden lernen zwischen der Wesenheit selber, die man in ihrer damaligen Inkarnation Buddha genannt hat, und der «Amtsbezeichnung» Buddha. Diejenige Wesenheit, die etwa fünf- bis sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung gelebt hat, ist erst in jener Inkarnation zur Würde eines Buddha aufgestiegen. Sie war vorher etwas anderes. Sie war vorher ein Bodhisattva und als solcher schon Jahrtausende mit der Erde verbunden. Aber dieselbe Wesenheit, die in früheren Jahrtausenden ein Bodhisattva war, ist dann in dem Gautama-Buddha aufgetreten und in dieser Inkarnation zum Buddha aufgestiegen. Diese Wesenheit hat sich aber auch wiederum weiter fortentwickelt, so daß sie — aus gewissen Gründen heraus, die wir vielleicht auch noch werden berühren können — nach dem Buddha-Dasein nicht mehr zu einem fleischlichen Leibe herunterzusteigen braucht, nicht mehr sich als ein fleischlicher Mensch zu inkarnieren braucht. Sie lebt in anderer Form weiter. So kann man sagen: Der Buddha war als Bodhisattva durch viele Jahrtausende mit der Erdentwickelung vereint. Er ist dann zum «Buddha» aufgestiegen und war damit in dieser Inkarnation so weit gekommen, daß er nicht mehr zu einer fleischlichen Inkarnation herunterzusteigen braucht. Er ist jetzt zu einem höheren Wesen aufgestiegen, das man vorfindet in der geistigen Welt. — Es muß also das geöffnete Auge des Sehers da sein, um den Buddha heute in seiner Entwickelung zu finden. Wenn Sie das als eine Art von Vergleich nehmen, so sehen Sie schon, daß man unterscheiden muß zwischen der Bezeichnung «Buddha» und der Wesenheit, die sozusagen durch das Amt des Buddha hindurchgeht. So muß man auch in den höheren Welten unterscheiden zwischen den Bezeichnungen, die wir den Hierarchien geben, und den Wesenheiten, die sich durch diese Rangstufe hindurch entwickeln, die meinetwillen aufsteigen von der Stufe der Throne zu der Stufe der Cherubim und Seraphim.

[ 20 ] So also sehen wir an der Grenze der geistigen Welt, daß gewisse Wesenheiten die Grenze dieser Welt berühren von oben herunter und gewisse Eigenschaften annehmen, durch die sie uns erscheinen mit dieser oder jener Funktion, die wir ihnen beilegen müssen, damit sie durch ihre Taten wirken können. Wenn wir aber in noch höhere Welten hinaufsteigen, dann erscheinen uns diese Wesenheiten selbst in ihrer lebendigen Entwickelung. Sie stellt sich in den höheren Welten so dar wie für den Menschen der Verlauf seiner Inkarnationen, seiner Verkörperungen in der physischen Welt. Und wie wir im Grunde genommen einen Menschen nur kennenlernen, wenn wir nicht nur Rücksicht nehmen auf seine gegenwärtige Inkarnation, sondern das verfolgen, was sich von Verkörperung zu Verkörperung bewegt, so lernen wir auch diese hohen geistigen Wesenheiten nur kennen, wenn wir hinaufzuschauen vermögen von dem, was uns ihre Taten ausdrücken, zu diesen Wesenheiten selber. In der Vernunftwelt leben, heißt mit geistigen Wesenheiten umgehen und teilnehmen an ihrer Entwickelung.

[ 21 ] Nun haben wir schon gestern darauf hingewiesen, daß es eine noch höhere Welt gibt, die noch über der Vernunftwelt liegt, und daß da aus dieser Welt die Kräfte kommen, welche uns befähigen, aus dem gewöhnlichen, normalen Bewußtsein einzutreten in das hellseherische Bewußtsein, in das Bewußtsein, das begabt ist mit geistigen Augen und geistigen Ohren. Wir kommen also in eine noch höhere Welt als diejenige Welt, zu der wir blicken müssen, wenn wir uns unsere eigene physische Welt erklären wollen. Und wie wäre es denn weiter wunderbar, daß wir diese Eigenschaften des Menschen erklären müssen aus Welten, die höher sind als die geistige Welt und auch die Vernunftwelt, da doch die Fähigkeiten, durch die der Mensch in die höheren Welten hineinwächst, für die äußere physische Welt unwahrnehmbar sind! Der Mensch wird Teilnehmer an den geistigen Welten, wenn das hellsichtige Bewußtsein in ihm erwacht. Was Wunder also, daß die Kräfte zur Erweckung dieses hellseherischen Bewußtseins herauskommen müssen aus einer Welt, aus der höhere Wesenheiten selber ihre Kräfte schöpfen! Wir schöpfen unsere Verstandeskräfte aus der Vernunftwelt. Wollen wir über diese hinausgehen, dann müssen wir die Kräfte dazu aus noch höheren Welten schöpfen. Da kommen wir zur imaginativen Welt. Es wird unsere Aufgabe sein, diese imaginative Welt zu charakterisieren, die als erste sich dem Menschen öffnet, wenn das hellsichtige Bewußtsein erwacht. Wir werden zu zeigen haben, was der Mensch für Organe braucht, um in die imaginative Welt hineinzuschauen, und wie aus der Welt der ewigen Urbilder diejenigen Kräfte herauskommen, die die Organe für das imaginative Bewußtsein bilden, so wie aus der Vernunftwelt die Kräfte kommen, die den Menschen zu einem geistig urteilenden Wesen machen. Es wird dann unsere nächste Aufgabe sein, den Zusammenhang der ersten Stufe der höheren Erkenntnis mit der geistigen Welt der Urbilder zu erkennen, und dann werden wir weiterzuschreiten haben zu der Beschreibung der inspirierten und der intuitiven Welt. Wir werden zeigen, wie der Mensch ganz im Sinne unserer heutigen Zeitbildung hineinwachsen kann in die höheren Welten, ein Bürger dieser Welten werden kann, in denen er das niederste Wesen ist, wo er hinaufblickt zu höheren Wesen, die über ihm stehen, so wie er in der physischen Welt hinunterblickt zu den Reichen der Minerale, Pflanzen und Tiere, die ihn umgeben. Das wird sich uns ergeben, wenn wir das Erreichen höherer Fähigkeiten besprechen, durch die der Mensch neue Wesenheiten und Tatsachen kennenlernt, wenn er weiterschreitet den Weg in den Makrokosmos.