Wege und Ziele des geistigen Menschen
Lebensfragen im Lichte der Geisteswissenschaft
GA 125
17 September 1910, Basel
7. Über Selbsterkenntnis
anknüpfend an das Rosenkreuzermysterium «Die Pforte der Einweihung»
[ 1 ] Die meisten der Anwesenden wissen, daß wir uns in München bemüht haben, außer der Wiederholung der vorjährigen Vorstellung des Dramas «Die Kinder des Lucifer» ein Rosenkreuzermysterium aufzuführen, das mancherlei von dem in der verschiedensten Weise sich darzustellen bemüht, was mit unserer Bewegung zusammenhängt. Dieses Rosenkreuzermysterium soll auf der einen Seite gewissermaßen davon eine Probe sein, wie in Kunst ausfließen kann das, was alles anthroposophische Leben bewegt. Auf der anderen Seite aber soll auch nicht vergessen werden, daß dieses Rosenkreuzermysterium vieles von unseren geisteswissenschaftlichen Lehren in einer solchen Weise enthält, wie man es vielleicht erst im Laufe der Jahre herausfinden wird. Und namentlich ist nicht mißzuverstehen, daß, wenn man sich einigermaßen Mühe geben würde, die Dinge zu lesen, die darin liegen — nicht zwischen den Zeilen, sie sind schon, wenn auch auf spirituelle Weise, in den Worten —, wenn man also sich Mühe geben würde, das Rosenkreuzermysterium so. aufzufassen, daß man diese Dinge in den nächsten Jahren aufsuchen würde, dann wäre es auf viele Jahre hinaus nicht nötig, daß ich irgendwelche Vorträge halten müßte. Es würde sich darin vieles von dem finden, was ich sonst über irgendein Thema vortrage. Es wird sich aber praktischer gestalten, wenn wir es gemeinsam heraussuchen, als wenn dies ein einzelner tut. In gewisser Weise ist es gut, daß auch in solcher Form vorhanden ist, was in der Geisteswissenschaft lebt.
[ 2 ] So möchte ich heute, anknüpfend an das Rosenkreuzermysterium, über gewisse Eigentümlichkeiten der menschlichen Selbsterkenntnis sprechen. Dazu ist aber nötig, daß wir uns daran — charakterisierend — erinnern, wie im Rosenkreuzermysterium die Individualität im Leibe des Johannes Thomasius wirkt. Daher möchte ich, daß dieser Vortrag, der über Selbsterkenntnis handeln soll, mit einer Rezitation derjenigen Partien aus dem Rosenkreuzermysterium beginnt, welche die Selbsterkenntnis des Johannes bedeuten.
Zweites Bild
Gegend im Freien, Felsen, Quellen; die ganze Umgebung ist in der Seele des Johannes Thomasius zu denken, das Folgende als Inhalt seiner Meditation; später Maria.
(Es tönt aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!)
Johannes:
So hör? ich sie seit Jahren schon,
Die inhaltschweren Worte.
Sie tönen mir aus Luft und Wasser,
Sie klingen aus dem Erdengrund herauf,
Und wie ins kleine Samenkorn geheimnisvoll
Der Rieseneiche Bau sich drängt,
So schließt zuletzt sich ein
n dieser Worte Kraft,
Was von der Elemente Wesen,
Von Seelen und von Geistern,
Von Zeitenlauf und Ewigkeit
Begreiflich meinem Denken ist.
Die Welt und meine Eigenheit,
Sie leben in dem Worte:
O Mensch, erkenne dich!
(Aus Quellen und Felsen tönt es: O Mensch, erkenne dich!)
Und jetzt! — es wird
Im Innern mir lebendig fürchterlich.
Es webt um mich das Dunkel,
Es gähnt in mir die Finsternis;
Es tönt aus Weltendunkel,
Es klingt aus Seelenfinsternis:
O Mensch, erkenne dich!
(Es tönt aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!)
Es raubt mich jetzt mir selbst.
Ich wechsle mit des Tages Stundenlauf
Und wandle mich in Nacht.
Der Erde folge ich in ihrer Weltenbahn.
Ich rolle in dem Donner,
Ich zucke in den Blitzen.
Ich bin. - O schon entschwunden
Dem eignen Wesen fühl’ ich mich.
Ich sehe meine Leibeshülle;
Sie ist ein fremdes Wesen außer mir,
Sie ist ganz fern von mir.
Da schwebt heran ein andrer Leib.
Ich muß mit seinem Munde sprechen:
«Er hat mir bittre Not gebracht;
Ich habe ihm so ganz vertraut.
Er ließ im Kummer mich allein,
Er raubte mir die Lebenswärme
Und stieß in kalte Erde mich.»
Die ich verließ, die Arme,
Ich war sie eben selbst.
Ich muß erleiden ihre Qual.
Erkenntnis hat mir Kraft verliehn,
Mein Selbst in andres Selbst zu tragen.
O grausam Wort!
Dein Licht verlöscht durch eigne Kraft.
O Mensch, erkenne dich!
(Es tönt aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!)
Du führst zurück mich wieder
In meines eignen Wesens Kreise.
Doch wie erkenne ich mich wieder!
Mir ist verloren Menschenform.
Ein wilder Wurm erschein’ ich mir,
Aus Lust und Gier geboren.
Und klar empfinde ich,
Wie eines Wahnes Nebelbild
Die eigne Schreckgestalt
Bisher verborgen mir gehalten hat.
Verschlingen muß mich eignen Wesens Wildheit.
Ich fühle als verzehrend Feuer
Durch meine Adern rinnen jene Worte,
Die mir so urgewaltig sonst
Der Sonnen und der Erden Wesen offenbarten.
Sie leben in den Pulsen,
Sie schlagen mir im Herzen;
Und selbst im eignen Denken fühle ich
Die fremden Welten schon als wilde Triebe lodern.
Das sind des Wortes Früchte:
O Mensch, erkenne dich!
(Es tönt aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!)
Da, aus dem finstern Abgrund, —
Welch Wesen glotzt mich an?
Ich fühle Fesseln,
Die mich an dich gefesselt halten.
So fest war nicht Prometheus
Geschmiedet an des Kaukasus Felsen,
ie ich an dich geschmiedet bin.
Wer bist du, schauervolles Wesen?
(Es tönt aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!)
Oh, ich erkenne dich.
Ich bin es selbst.
Erkenntnis schmiedet an dich verderblich Ungeheuer
(Maria tritt ein, wird von Johannes zunächst nicht bemerkt.)
Mich selbst verderblich Ungeheuer.
Entfliehen wollt’ ich dir.
Geblendet haben mich die Welten,
In welche meine Torheit floh,
Um von mir selber frei zu sein.
Geblendet bin ich wieder in der blinden Seele:
O Mensch, erkenne dich!
(Es tönt aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!)
Johannes:
(wie wenn er zu sich käme, erblickt Maria. Die Meditation geht in innere Realität über)
O Freundin, du bist hier!
Maria:
Ich suchte dich, mein Freund;
Obwohl bekannt mir ist,
Wie lieb dir Einsamkeit,
Nachdem so vieler Menschen Meinungen
Die Seele dir durchfluter.
Und weiß ich auch,
Daß ich durch meine Gegenwart dem Freund
In dieser Zeit nicht helfen kann,
So drängt ein dunkles Streben
In diesem Augenblick mich doch zu dir,
Da Benedictus’ Worte dir statt Licht
So schweres Leid
Aus deines Geistes Tiefen lockten.
Johannes:
Wie lieb mir Einsamkeit!
- - - - - - - - -
Ich habe sie so oft gesucht,
In ihr mich selbst zu finden,
Wenn in Gedankenlabyrinthe mich
Der Menschen Leid und Glück getrieben hatten.
O Freundin, das ist nun vorbei.
Was Benedictus’ Worte erst
Mir aus der Seele holten,
Was durch der Menschen Reden
Ich erleben mußte,
Gering nur scheint es mir,
Vergleich dem Sturm ich dies,
Den Einsamkeit mir dann gebracht
In dumpfem Brüten.
O diese Einsamkeit!
Sie hetzte mich in Weltenweiten.
Entrissen hat sie mich mir selbst.
In jenem Wesen, dem ich Leid gebracht,
Erstand ich als ein andrer.
Und leiden mußte ich den Schmerz,
Den ich erst selbst bewirkt.
Die grausam finstre Einsamkeit,
Sie gab mich dann mir selber wieder.
Doch nur, zu schrecken mich
Durch meines eignen Wesens Abgrund.
Mir ist des Menschen letzte Zuflucht,
Mir ist die Einsamkeit verloren.
Maria:
Ich muß das Wort dir wiederholen:
Nur Benedictus kann dir helfen.
Die Stützen, die uns fehlen,
Wir müssen beide sie von ihm erhalten.
Denn wisse, auch ich kann länger nicht
Ertragen meines Lebens Rätsel,
Wenn nicht durch seinen Wink
Die Lösung sich mir zeigt.
Die hohe Weisheit, daß stets über alles Leben
Nur Schein und Trug sich breitet,
Wenn unser Denken seine Oberfläche bloß ergreift,
Ich habe sie recht oft mir vorgehalten.
Und immer wieder sprach sie:
Du mußt erkennen, wie dich Wahn umfängt,
So oft es dir auch Wahrheit dünkt,
Es könnte schlimme Frucht erstehn,
Wenn du erwecken willst in andern Licht,
Das in dir selber lebt.
In meiner Seele bestem Teil ist mir bewußt,
Daß auch der schwere Druck,
Den dir, mein Freund,
Das Leben hat gebracht an meiner Seite,
Ein Teil des Dornenweges ist,
Der zu dem Licht der Wahrheit führt.
Erleben mußt du alle Schrecken,
Die aus dem Wahn erstehen können,
Bevor der Wahrheit Wesen sich dir offenbart.
So spricht dein Stern.
Doch auch erscheint mir durch dies Sternenwort,
Daß wir vereint die Geisteswege wandeln müssen.
Doch such’ ich diese Wege,
So breitet sich vor meinem Blicke finstre Nacht.
Und schwärzer wird die Nacht durch vieles noch,
Was ich erleben muß
Als Früchte meines Wesens.
Wir müssen beide Klarheit in dem Lichte suchen,
Das wohl dem Aug’ entschwinden,
Doch nie erlöschen kann.
Johannes:
Maria, ist dir denn bewußt,
Was meine Seele eben durchgerungen?
Ein schweres Los fürwahr
Ist dir geworden, edle Freundin.
Doch ferne liegt ja deinem Wesen jene Macht,
Die mich so ganz zerschmettert hat.
Du kannst in hellste Wahrheitshöhen steigen,
Du kannst die sichern Blicke
In Menschenwirrnis richten,
Du wirst in Licht und Finsternis
Dich selbst bewahren.
Mir aber kann ein jeder Augenblick
Mich selber rauben.
Ich mußte in die Menschen untertauchen,
Die sich vorhin in Worten offenbarten.
Ich folgt’ dem einen in die Klostereinsamkeit,
Ich hörte in des andern Seele
Felicias Märchen.
Ich war ein jeder,
Nur selbst erstarb ich mir.
Ich müßte glauben können,
Daß Nichts der Wesen Ursprung sei,
Wenn ich die Hoffnung hegen sollte,
Daß aus dem Nichts in mir
Ein Mensch je werden könne,
Mich führt aus Furcht in Finsternis
Und jagt durch Finsternis in Furcht
Der Weisheit Wesenswort:
O Mensch, erkenne dich!
(Aus Quellen und Felsen tönt es: O Mensch, erkenne dich!)
(Der Vorhang fällt)
Neuntes Bild
Dieselbe Gegend wie im zweiten Bild. Johannes, später Maria.
(Es tönt aus Felsen und Quellen: O Mensch, erlebe dich!)
Johannes:
O Mensch, erlebe dich!
Ich habe sie drei Jahre lang gesucht,
Die mutbeschwingte Seelenkraft,
Die Wahrheit gibt dem Worte,
Durch das der Mensch, sich selbst befreiend, siegen
Und sich besiegend, Freiheit finden kann:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen tönt: O Mensch, erlebe dich!)
Sie kündigt sich im Innern an,
Nur leise fühlbar meinem Geistgehör.
Sie birgt in sich die Hoffnung,
Daß wachsend sie den Menschengeist
Aus engem Sein in Weltenfernen führt,
So wie geheimnisvoll sich weitet
Das kleine Samenkorn
Zum stolzen Leib der Rieseneiche. — —
Es kann der Geist in sich beleben,
Was in der Luft und was im Wasser webt,
Und was den Erdengrund gefestigt.
Es kann der Mensch ergreifen,
Was in den Elementen,
In Seelen und in Geistern,
In Zeitenlauf und Ewigkeit
Des Daseins sich bemächtigt hat.
Es lebt das ganze Weltenwesen in dem Seelensein,
Wenn solche Kraft im Geiste wurzelt,
Die Wahrheit gibt dem Worte:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen tönt: O Mensch, erlebe dich!)
Ich fühle — wie es tönt in meiner Seele,
Sich regend kraftverleihend.
Es lebt in mir das Licht,
Es spricht um mich die Helligkeit,
Es keimt in mir das Seelenlicht,
Es schafft in mir die Weltenhelle:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen tönt: O Mensch, erlebe dich!)
Ich finde mich gesichert überall,
Wohin mir folgt des Wortes Kraft.
Sie wird mir leuchten in der Sinnesdunkelheit
Und mich erhalten in den Geisteshöhen.
Sie wird mich mit dem Seelensein erfüllen
Für alle Zeitenfolgen.
Ich fühle Weltensein in mir,
Und finden muß ich mich in allen Welten.
Ich schau’ mein Seelenwesen
Durch Eigenkraft belebt in mir.
Ich ruhe in mir selber.
Ich blicke nach den Felsen und den Quellen;
Sie sprechen meiner Seele eigne Sprache.
Ich finde mich in jenem Wesen wieder,
Das ich in bittre Not gebracht.
Heraus aus ihm ruf’ ich mir selber zu:
«Du mußt mich wieder finden
Und mir die Schmerzen lindern.»
Das Geisteslicht, es wird mir Stärke geben,
Das andre Selbst im eignen Selbst zu leben.
O hoffnungsvolles Wort,
Du strömst mir Kraft aus allen Welten zu:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen tönt: O Mensch, erlebe dich!)
Du läßt mich meine Schwachheit fühlen
Und stellst mich neben hohe Gottesziele;
Und selig fühle ich
Des hohen Zieles Schöpfermacht
In meinem schwachen Erdenmenschen.
Und offenbaren soll sich aus mir selbst,
Wozu der Keim in mir geborgen ist.
Ich will der Welt mich geben
Durch Leben meines eignen Wesens.
Empfinden will ich alle Macht des Wortes,
Das mir erst leise klingt;
Es soll mir wie belebend Feuer sein
In meinen Seelenkräften,
Auf meinen Geisteswegen.
Ich fühle, wie mein Denken dringt
In tief verborgne Weltengründe;
Und wie es leuchtend sie durchstrahlt.
So wirkt die Keimkraft dieses Wortes:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Quellen und Felsen: O Mensch, erlebe dich!)
Aus lichten Höhen leuchtet mir ein Wesen,
Ich fühle Schwingen,
Zu ihm mich zu erheben,
Ich will mich selbst befrei’n
Wie alle Wesen, die sich selbst besiegt.
(Aus Quellen und Felsen: O Mensch, erlebe dich!)
Ich schaue jenes Wesen,
Ich will ihm gleich in Zukunftzeiten werden.
Der Geist in mir wird sich befrei’n
Durch dich, erhabnes Ziel.
Ich will dir folgen.
(Maria kommt hinzu.)
Das Seelenauge haben mir erweckt
Die Geisteswesen, die mich aufgenommen.
Und sehend in den Geisteswelten
Erfühle ich in meinem Selbst die Kraft:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Quellen und Felsen: O Mensch, erlebe dich!)
O meine Freundin, du bist hier!
Maria:
Mich trieb meine Seele hierher.
Ich konnte deinen Stern erschauen.
Er strahlt in voller Kraft.
Johannes:
Erleben kann ich diese Kraft in mir.
Maria:
So eng sind wir verbunden,
Daß deiner Seele Leben
Sein Licht in meiner Seele leuchten läßt.
Johannes:
O Maria, so ist dir bewußt,
Was sich mir eben offenbarte?
Mir ist des Menschen erste Zuversicht,
Mir ist die Wesenssicherheit gewonnen.
Ich fühle ja des Wortes Kraft,
Die überall mich leiten kann:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen: O Mensch, erlebe dich!)
(Vorhang fällt)
[ 3 ] In den beiden Bildern: «O Mensch, erkenne dich» und «O Mensch, erlebe dich» treten vor unsere Seele zwei Stadien, zwei Entwickelungsstufen der Entfaltung unserer Seele.
[ 4 ] Nun bitte ich Sie, es durchaus nicht sonderbar zu finden, wenn ich sage, daß ich eigentlich nichts dagegen habe, dieses Rosenkreuzermysterium so zu interpretieren, wie ich in unseren Kreisen auch schon bisweilen andere Dichtungen interpretiert habe. Denn in gewissem Sinne darf wohl gesagt werden, daß uns an diesem Rosenkreuzermysterium in lebendiger, unmittelbarer Weise vor die Seele treten kann, was ich öfters in Anknüpfung an andere Dichtungen gesagt habe, die ich interpretieren durfte. Ich habe niemals zurückgehalten zu sagen: So wenig die Pflanze, die Blume weiß, was derjenige, der die Blume betrachtet, darin findet, so ist dennoch das in der Blume enthalten, was er darin findet. — Ich führte aus, als ich die Dichtung des «Faust» interpretieren sollte, daß der Dichter beim Niederschreiben nicht notwendig unmittelbar alle Dinge selber gewußt, selber empfunden hat in Worten, die dann später darin gefunden worden sind. Ich kann die Versicherung geben, daß nichts von dem, was ich hinterher an dieses Mysterium anknüpfen werde, und von dem ich doch weiß, daß es darin ist, mir bewußt war, als die einzelnen Bilder gestaltet wurden. Die Bilder wuchsen so aus sich heraus wie die Blätter einer Pflanze. Man kann gar nicht solch eine Gestalt vorher dadurch hervorbringen, daß man zuerst die Idee hat und diese dann in die äußere Gestalt umsetzt. Es war mir immer recht interessant, wenn so Bild für Bild geworden ist, und Freunde, welche die einzelnen Szenen kennengelernt haben, sagten, es sei merkwürdig, daß es doch immer anders komme, als man es sich vorgestellt habe.
[ 5 ] So steht dieses Mysterium da wie ein Bild der Menschheitsevolution in der Entwickelung eines einzelnen Menschen. Ich betone: für das konkrete Gefühl ist es ausgeschlossen, in Abstraktionen sich zu hüllen, um Anthroposophie darzustellen, weil eine jede Menschenseele anders ist als die andere und im Grunde, da sie ihre Entwickelung selbst erlebt, auch anders sein muß. Bei alldem, was als allgemeine Lehre gegeben wird, können wir nur Richtlinien empfangen. Daher kann man die vollständige Wahrheit nur dann geben, wenn man an eine individuelle Seele anknüpft, an eine Seele, die ihre menschliche Individualität mit aller Eigentümlichkeit darstellt. Wenn daher jemand Johannes Thomasius so betrachtet, daß er das, was im Konkreten von ihm gesagt wird, umsetzen würde in Theorien der menschlichen Entwickelung, so würde er etwas ganz Falsches machen. Wenn er glaubte, er werde ganz genau dasselbe erleben, was Johannes 'Thomasius erlebt hat, so würde er sich sehr irren. Denn das, was Johannes Thomasius in großen Richtungslinien zu erleben hat, gilt für jeden Menschen, aber um es so in seiner ganzen Eigenart zu erleben, dazu muß man eben Johannes Thomasius sein. Und jeder ist in seiner Art ein «Johannes Thomasius».
[ 6 ] So ist alles in ganz individueller Weise dargestellt. Dadurch ist aber auch in Anknüpfung an die besondere Gestalt in so wahrer Weise wie nur möglich das gegeben, was die Entwickelung des Menschen in seiner Seele ist. Dazu mußte auch diese breite Basis geschaffen werden, daß Thomasius erst auf dem physischen Plan gezeigt wird, daß auf einzelne Seelenerlebnisse hingewiesen wird, so auf jenes, das bedeutsam sein muß, wo er in einer Zeit, die nicht zu fern ist, ein Wesen, das ihm in treuer Liebe ergeben war, verlassen hat. Das geschieht oft, aber dieses individuelle Ereignis wirkt anders auf den, der bestrebt ist, eine Entwickelung durchzumachen. Es ist eine tiefe Wahrheit, daß der, der eine Entwickelung durchmacht, Selbsterkenntnis nicht durch Hineinbrüten in sich selbst erlangt, sondern durch Untertauchen in einzelne Wesenheiten. Wir müssen durch Selbsterkenntnis erfahren, daß wir aus dem Kosmos herkommen. Nur dann können wir untertauchen, wenn wir uns in ein anderes Selbst verwandeln. Wir werden zuerst in das verwandelt, was uns im Leben einmal nahe war.
[ 7 ] Es ist ein Exempel des Erlebens des eigenen Selbstes im anderen, wenn Johannes zuerst, da er tiefer in sein Selbst gekommen ist, mit diesem in Selbsterkenntnis untertaucht in ein anderes Wesen, in das Wesen, dem er bitteren Schmerz gebracht hat. So sehen wir, wie in dieser Selbsterkenntnis Thomasius untertaucht. Theoretisch sagt man: Willst du die Blüte erkennen, so mußt du hinuntertauchen in die Blüte. - Aber am besten ist die Selbsterkenntnis zu erlangen, wenn wir in die Begebenheiten untertauchen, in denen wir auf andere Weise selber darin gestanden haben. Solange wir im eigenen Selbst sind, machen wir die äußeren Erlebnisse durch. Wahrer Selbsterkenntnis gegenüber wird das Abstraktion, was wir anderen Wesen nachdenken.
[ 8 ] Für Thomasius wird zunächst das, was andere Menschen erlebt haben, ein Eigenerlebnis. Da war einer, Capesius, der seine Erlebnisse geschildert hat. Diese Erlebnisse sind so, daß man erkennen kann, wie sie im Leben darin stehen. Aber Thomasius nimmt anderes auf. Er hört zu. Sein Zuhören aber ist — später wird es im achten Bild charakterisiert - ein anderes. Es ist so, wie wenn mit dem gewöhnlichen Selbst der Mensch gar nicht dabei wäre. Eine andere, tiefere Kraft zeigt sich da, wie wenn er selber es wäre, der in die Seele des Capesius hineinkriecht und das erlebt, was da vorgeht. Daher wird es so unendlich bedeutsam, daß er da sich selbst entfremdet wird. Es ist von Selbsterkenntnis nicht zu trennen, daß man sich losreißt von sich selbst und im anderen aufgeht. Deshalb ist es für 'Thomasius so bedeutsam, daß er, nachdem er diesen Reden [im ersten Bild] zugehört hat, sagen muß:
Ein Spiegelbild des vollen Lebens,
Das mich so klar mir selbst gezeigt.
Die hohe Geistesoffenbarung
Hat mich dazu geführt, zu fühlen,
Wie eine Seite nur des Menschen
So mancher in sich birgt,
Der ganz sich glaubt als Wesenheit.
Die vielen Seiten zu vereinen
In meinem eignen Selbst,
Betrat ich kühn den Weg,
Der hier gewiesen ist.
Er hat ein Nichts aus mir gemacht.
[ 9 ] Warum hat er ein Nichts aus ihm gemacht? Weil er durch Selbsterkenntnis untergetaucht ist in diese anderen Wesen. Das Brüten ins eigene Innere macht den Menschen stolz, hochmütig. Wahre Selbsterkenntnis führt zunächst dadurch, daß wir untertauchen in fremdes Selbst, zu dem Leid. Johannes folgt [im ersten Bild] den Menschen so, daß er dem Capesius zuhört und in dieser anderen Seele die Worte der Felicia erfährt. Dem Strader folgt er in seine Klostereinsamkeit. Das ist die Abstraktion zunächst. Da ist er noch nicht dahin gekommen, wozu er jetzt [im zweiten Bild] durch den Schmerz geführt wird. Die Selbsterkenntnis vertieft sich in der Meditation im inneren Selbst. Und das, was im ersten Bild gezeigt worden ist, zeigt die vertiefte Selbsterkenntnis [im zweiten Bild], die aus der Abstraktion das Konkrete vorstellt. Und die gewöhnlichen Worte, die wir durch Jahrhunderte als Merkworte des Delphischen Orakels ertönen hören, gewinnen ein neues Leben für den Menschen, aber zunächst ein Leben der Entfremdung von sich selbst.
[ 10 ] Johannes geht als Sich-selbst-Erkennender in allen äußeren Wesen unter. Er lebt in Luft und Wasser, in Felsen und Quellen, aber nicht in sich selber. All die Worte, die man nur von außen tönen lassen kann, sind eigentlich Worte der Meditation. Und schon wenn der Vorhang aufgeht, haben wir uns die Worte vorzustellen, die bei jeder Selbsterkenntnis viel lauter ertönen, als man es auf der Bühne darzustellen in der Lage ist. Dann taucht der Selbsterkennende unter in die verschiedenen anderen Wesen; dadurch lernt er die Dinge kennen, in die er untertaucht. Und dann tritt ihm dasselbe Erlebnis, das er schon früher gehabt hat, in furchtbarer Weise vor Augen.
[ 11 ] Das ist durchaus tiefe Wahrheit, daß diese Selbsterkenntnis, wenn sie in dieser Weise verläuft, wie es eben charakterisiert worden ist, dazu führt, uns ganz anders anzuschauen, als wir uns vorher angesehen haben. Sie führt uns dazu, daß wir sozusagen unser Ich als fremdes Wesen empfinden lernen.
[ 12 ] Für den Menschen ist eigentlich seine äußere Hülle das Nächste. Mit dieser wird der Mensch in unserer Zeit sich viel mehr verbunden fühlen, wenn er sich in den Finger schneidet, als wenn etwa ein falsches Urteil des Nebenmenschen ihm wehe tut. Wieviel mehr tut es dem heutigen Menschen weh, wenn er sich in den Finger schneidet, als wenn er ein falsches Urteil hört! Und dennoch schneidet es nur in seine Leibeshülle. Daß wir aber das fühlen, daß wir unseren Leib fühlen wie ein Werkzeug, das ergibt sich erst in Selbsterkenntnis.
[ 13 ] Der Mensch kann seine Hand schon annähernd als Werkzeug fühlen, wenn er einen Gegenstand ergreift. Aber dasselbe lernt man fühlen mit diesem oder jenem Teil des Gehirns. Dieses innerliche Fühlen des Gehirns als Instrument stellt sich ein auf einer gewissen Stufe der Selbsterkenntnis. Da lokalisiert sich das einzelne. Wenn wir einen Nagel einschlagen, wissen wir, daß wir das mit einem Werkzeug tun. Wir wissen aber auch, daß wir diese oder jene Gehirnpartie dazu benützen. Dadurch, daß die Dinge uns objektiv fremd werden, lernen wir unser Gehirn als etwas von uns Abgesondertes kennen. Selbsterkenntnis fördert diese Objektivität unserer Hülle, und dann ist uns zuletzt unsere Hülle so fremd, wie uns unsere äußeren Werkzeuge fremd sind. Dadurch beginnen wir wirklich in der Außenwelt zu leben, wenn wir anfangen, unser Leibliches als ein Objektives zu fühlen.
[ 14 ] Weil der Mensch nur seine Leibeshülle fühlt, ist er sich nicht klar darüber, daß eine Grenze ist zwischen der Luft da draußen und der Luft in seiner Lunge. Trotzdem sagt er, da drinnen sei dieselbe Luft wie draußen. Wenn wir den Stoff der Luft nehmen, dann ist er drinnen und draußen. So ist es mit allem, mit dem Blut, mit allem, was leiblich ist. Leiblich kann er aber nicht innen oder außen sein, das ist nur Maja. Gerade dadurch, daß das leibliche Innere ein Äußeres wird, setzt es sich wahrheitsgemäß in die übrige Welt und den Kosmos fort.
[ 15 ] Der Schmerz des Sich-fremd-Fühlens sollte dargestellt werden in der ersten heute rezitierten Szene. Schmerz des Sich-fremd-Werdens dadurch, daß man sich findet in allem Äußeren. Die eigene Leibeshülle des Johannes Thomasius ist wie ein Wesen, das außer ihm ist. Dafür aber, daß er den eigenen Leib draußen fühlt, sieht er herankommen den anderen Leib, den Leib des Wesens, das er verlassen hat. Das kommt an ihn heran, und er hat gelernt, mit den eigenen Worten dieses Wesens zu sprechen. Es sagt zu ihm - sein Selbst hat sich zu ihm erweitert —:
Er hat mir bittre Not gebracht;
Ich habe ihm so ganz vertraut.
Er ließ im Kummer mich allein,
Er raubte mir die Lebenswärme
Und stieß in kalte Erde mich.
[ 16 ] Dann aber erst kommt der Vorwurf lebendig in die Seele, wenn das fremde Leid, mit dem wir unser eigenes Selbst verknüpft haben, ausgesprochen werden muß, weil das eigene Selbst in ein anderes Selbst untergetaucht ist. Das ist eine Vertiefung. Da ist Johannes wirklich in dem Leid, weil er es verursacht hat. Er fühlt sich darin ausgeflossen und wieder aufgewacht. Was erlebt er da eigentlich?
[ 17 ] Wenn wir alles zusammennehmen, finden wir, daß der gewöhnliche, normale Mensch ein ähnliches nur erlebt in dem Zustand, den wir Kamaloka nennen. Der Einzuweihende muß das, was der normale Mensch in der geistigen Welt erlebt, schon in dieser Welt erleben. Er muß das, was Kamaloka-Erlebnisse sind, was sonst außerhalb des physischen Leibes erlebt wird, innerhalb des physischen Leibes erleben. Daher sind alle Eigenschaften, die man als Kamaloka-Eigenschaften aufnehmen kann, als Erlebnisse der Initiation da. So wie Johannes untertaucht in die Seele, der er Leid gebracht hat, so muß der normale Mensch im Kamaloka in die Seelen untertauchen, denen er Schmerz gebracht hat. Wie wenn ihm eine Ohrfeige zurückgegeben wird, so muß er Schmerz empfinden. Diese Dinge sind nur mit dem Unterschied behaftet, daß der Initiierte sie im physischen Leib erlebt, der andere Mensch nach dem Tode. Wer sie hier erlebt, lebt in ganz anderer Weise dann im Kamaloka. Aber auch das, was der Mensch im Kamaloka erleben kann, kann so erlebt werden, daß er sozusagen noch nicht wirklich frei geworden ist. Und das ist eine schwierige Aufgabe, völlig frei zu werden. Der Mensch fühlt sich wie gefesselt an die physischen Verhältnisse.
[ 18 ] In unserer Zeit gehört es zu den wichtigsten Entwickelungserlebnissen — in der griechisch-lateinischen Zeit war es noch nicht so, es ist erst jetzt besonders wichtig geworden —, daß der Mensch erleben kann, wie unendlich schwierig es ist, von sich loszukommen. Daher ist ein wichtiges Initiationserlebnis ausgedrückt in den Worten, wo sich Johannes an den eigenen niederen Leib gefesselt fühlt, wo sein eigenes Wesen ihm erscheint wie ein Wesen, an das er angeschmiedet ist:
Ich fühle Fesseln,
Die mich an dich gefesselt halten.
So fest war nicht Prometheus
Geschmiedet an des Kaukasus Felsen,
Wie ich an dich geschmiedet bin.
[ 19 ] Das ist etwas, was mit Selbsterkenntnis verbunden ist, ein Geheimnis der Selbsterkenntnis. Wir müssen es nur im richtigen Sinn auffassen.
[ 20 ] Die Frage nach diesem Geheimnis könnte auch so geschildert werden: Sind wir eigentlich dadurch, daß wir Erdenmenschen geworden sind, daß wir in unsere Erdenhüllen untergetaucht sind, bessere Menschen geworden, oder wären wir bessere Menschen, wenn wir allein in unserem Inneren sein könnten, wenn wir einfach die Hüllen abwerfen könnten? Die Triviallinge, die dem geistigen Leben gegenübertreten, können leicht fragen: Wozu erst untertauchen in den Erdenleib? Das einfachste wäre, man bliebe oben, dann würde man nicht die ganze Misere haben, unterzutauchen.
[ 21 ] Wozu haben uns die weisen Mächte des Schicksals untergetaucht? Empfindungsgemäß kann man da wenig erklären, wenn man sagt, an diesem Erdenleib haben göttlich-geistige Kräfte durch Jahrmillionen und Jahrmillionen gearbeitet. Wir sollten gerade dadurch, daß es so ist, mehr aus uns machen, als wir Kräfte haben. Unsere inneren Kräfte reichen nicht hin. Wir können nicht jetzt schon so viel sein, wie die Götter gemacht haben, wenn wir bloß das sein wollen, was wir in unserem Inneren sind, wenn wir nicht korrigiert werden durch unsere Hüllen. Das Leben stellt sich so dar: Hier auf Erden ist der Mensch versetzt in seine Leibeshüllen; diese sind von Wesen durch drei Welten zubereitet. Der Mensch soll erst das Innere heranbilden. Zwischen Geburt und Tod ist er ein böses, im Devachan ist er wieder ein besseres Wesen, aufgenommen von göttlich-geistigen Wesen, die ihn mit ihren eigenen Kräften durchgießen. Später, in der Vulkanzeit, wird er dann ein vollkommenes Wesen sein. Jetzt auf Erden ist er ein Wesen, das dieser oder jener Lust frönt. Das Herz zum Beispiel ist so weise eingerichtet, daß es Jahrzehnte standhält gegen die Anstürme, die der Mensch gegen es richtet mit seinen Exzessen, zum Beispiel mit dem Kaffee. So, wie der Mensch heute durch eigene Kraft sein kann, zieht er nun durch Kamaloka. Da soll er kennenlernen, was er durch eigene Kraft sein kann. Und das ist wahrhaft nichts Gutes. Der Mensch kann, wenn er sich selbst bezeichnen soll, sich nicht bezeichnen mit dem Prädikat der Schönheit. Da muß er sich schon so bezeichnen, wie dies Johannes [im zweiten Bild] tut:
Doch wie erkenne ich mich wieder!
Mir ist verloren Menschenform.
Ein wilder Wurm erschein’ ich mir,
Aus Lust und Gier geboren.
Und klar empfinde ich,
Wie eines Wahnes Nebelbild
Die eigne Schreckgestalt
Bisher verborgen mir gehalten hat.
[ 22 ] Unser Inneres wird wie elastisch ausgespannt in unsere Leibeshüllen und verbirgt sich uns. Wir lernen uns tatsächlich kennen wie eine Art wilder Wurm, wenn wir die Initiation kennenlernen. Und daher sind diese Worte nun aus tiefster Empfindung heraus geschöpft, die Worte der Selbsterkenntnis, nicht der Selbstbebrütung sind:
Ich bin es selbst.
Erkenntnis schmiedet an dich verderblich Ungeheuer
Mich selbst verderblich Ungeheuer.
[ 23 ] Im Grunde genommen sind beide dasselbe, einmal als Objekt, das andere Mal als Subjekt.
Entfliehen wollt’ ich dir.
[ 24 ] Aber dieses Entfliehen führt den Menschen gerade nur zu sich selbst.
[ 25 ] Und dann kommt jene Gesellschaft, die da auftaucht, in der wir darinnen sind, wenn wir wirklich in uns hineinblicken. Diese Gesellschaft, die wir in uns finden, sind unsere eigenen Begierden und Leidenschaften, das, was früher nicht bemerkt wurde, weil jedesmal, wenn wir in uns hineinblicken wollten, der Blick abgelenkt wurde auf unsere Umgebung. Denn im Vergleich zu dem, in das wir so hineinblicken wollten, ist die Welt eine wunderschöne Welt. Da, in der Illusion, der Maja des Lebens, hört man auf, in sich hineinzusehen. Wenn aber die Menschen allerlei dummes Zeug um uns herum reden, und wenn es uns zuviel geworden ist, dann fliehen wir in die Einsamkeit. Und dies ist für gewisse Stufen der Entwickelung sehr wichtig. Da kann und soll man sich sammeln. Das ist ein gutes Mittel der Selbsterkenntnis. Aber es gibt dennoch Erlebnisse, daß wir in Gesellschaften kommen, daß wir nicht mehr einsam sein können, daß gerade da jene Wesen auftreten — in uns oder außer uns, das ist einerlei —, die uns nicht einsam sein lassen. Dann kommt jenes Erlebnis, das man haben soll. Diese Einsamkeit bringt eben die schlimmste Gesellschaft:
Mir ist des Menschen letzte Zuflucht,
Mir ist die Einsamkeit verloren.
[ 26 ] Das sind wirkliche Erlebnisse. Aber lassen Sie sich die Intensität, die Stärke dieser Erlebnisse nicht selber eine Anfechtung sein. Glauben Sie nicht, wenn solche Erlebnisse in starker Intensität vorgeführt werden, daß man Angst und Furcht haben soll. Glauben Sie nicht, daß das beitragen soll, jemanden abzulenken, selbst unterzutauchen in diese Fluten. Man erlebt sie nicht gleich in dieser Stärke wie Johannes, weil er es zu bestimmtem Ziele so erleben sollte, in gewisser Weise sogar verfrüht. Die reguläre Selbstentwickelung geht einen anderen Gang. Deshalb ist das als individuell aufzufassen, was bei Johannes tumultuarisch eintritt. Weil er diese Individualität ist, die Schiffbruch erlitten hat, kann bei ihm, da er diese Gesetze durchmacht, alles viel tumultuarischer erfolgen. Er lernt sie so kennen, daß sie ihn tief aus dem Gleichgewicht bringen. Aber dadurch, daß es hier für Johannes geschildert ist, sollte eines erweckt werden, nämlich das Gefühl, daß mit irgendwelchen trivialen Phrasen wahre Selbsterkenntnis nichts zu tun hat, daß wahre Selbsterkenntnis nicht anders kann, als zuerst durch Schmerz und Leid zu führen.
[ 27 ] Dinge, die vorher eine Erquickung für Menschen sind, gewinnen ein anderes Antlitz, wenn sie auf dem Felde der Selbsterkenntnis auftreten. Einsamkeit können wir uns erflehen, gewiß, wenn wir auch schon Selbsterkenntnis gefunden haben. Aber in gewissen Momenten der Selbsterkenntnis kann Einsamkeit das sein, was wir verlieren, wenn wir sie in unserer vorher bekannten Weise suchen, in Momenten, wo wir dann ausfließen in die objektive Welt, wo der Einsame gerade die schwersten Schmerzen erleidet.
[ 28 ] Dieses Sich-Hinausergießen in andere Wesenheiten müssen wir in richtiger Weise empfinden lernen, wenn wir das, was in das Drama gelegt ist, fühlen wollen. Es ist ein gewisses ästhetisches Gefühl durchgeführt, alles darin ist spirituell-realistisch. Wer realistisch denkt - ein echt ästhetisch fühlender Realist -, empfindet gewisse Schmerzen bei einer unrealistischen Darstellung. Auch das, was auf einer gewissen Stufe große Befriedigung geben kann, kann auf anderer Stufe eine Quelle des Schmerzes sein. Das hängt von dem Weg der Selbsterkenntnis ab. Ein Shakespeare-Drama zum Beispiel, etwas also, was schon eine große Leistung der Außenwelt ist, kann ein Quell der ästhetischen Befriedigung sein. Aber ein gewisser Moment der Entwickelung kann eintreten, wo man nicht mehr davon befriedigt sein kann, weil man sein Inneres zerrissen fühlt, wenn man von Szene zu Szene geht, weil man keine Notwendigkeit mehr sieht, daß eine Szene an die andere gereiht ist. Man kann dies als unnatürlich empfinden, daß eine Szene neben die andere gestellt ist. Warum unnatürlich? Weil nichts zwei Szenen zusammenhält als der Schreiber Shakespeare und der Zuschauer. In der Szenenfolge ist ein abstraktes Prinzip der Kausalität, nicht ein konkret Wesenhaftes. Das ist das Charakteristische der Dramen Shakespeares, daß nichts angedeutet ist, was sie karmisch durchwirkt und zusammenhält.
[ 29 ] Das Rosenkreuzerdrama ist realistisch geworden, spirituell-realistisch. Es stellt große Anforderungen an Johannes Thomasius. Ohne daß er in irgendeiner wichtigen Eigenschaft aktiv mittut, ist er auf der Szene. Er ist es, in dessen Seele sich alles abspielt, und was da geschildert wird, ist die Entwickelung der Seele, das reale Erlebnis dessen, was in der Entwickelung der Seele erlebt wird.
[ 30 ] Die Seele des Johannes spinnt realistisch das eine Bild aus dem anderen Bild heraus. Da sehen wir, daß realistisch und spirituell einander nicht widersprechen. Materialistisches und Spirituelles brauchen sich nicht, aber können sich widersprechen. Aber es braucht sich auch Realistisches und Spirituelles nicht zu widersprechen, und es kann etwas spirituell Realistisches von einem Materialisten ganz bewundert werden. Die Dramen Shakespeares können in bezug auf ein ästhetisches Prinzip durchaus realistisch gedacht werden. Aber Sie können auch begreifen, daß eine Kunst, die Hand in Hand geht mit Geisteswissenschaft, zuletzt dahin führt, daß für den, der sein Selbst im Kosmos erlebt, der ganze Kosmos zu einer Ich-Wesenheit wird. Dann können wir es auch nicht ertragen, daß ihm irgend etwas entgegentritt im Kosmos, was nicht in Beziehung steht zur Ich-Wesenheit. Die Kunst wird in dieser Beziehung etwas lernen, was sie zum Ich-Prinzip kommen läßt, weil der Christus uns zuerst einmal das Ich gebracht hat. Auf den verschiedensten Gebieten wird sich dieses Ich ausleben.
[ 31 ] Aber noch in anderer Weise zeigt sich dieses konkrete Menschliche in der Seele und das Wiederum-Verteiltsein draußen. Wenn einen damals jemand gefragt hat: Welche Person ist Atma, welche ist Buddhi, welche Manas? - Es wäre eine gräßliche Kunst, eine fürchterliche Kunst, wenn man die Darstellung so interpretieren müßte: Diese Gestalt ist eine Personifikation von Manas. — Es gibt theosophische Unarten, die sich bemühen, alles in dieser Richtung auszulegen. Von dem Kunstwerk, das sich so interpretieren lassen müßte, könnte man sagen: Armes Kunstwerk! — Gegenüber Shakespeares Dramen jedenfalls wäre dies grundfalsch und lächerlich.
[ 32 ] Solche Dinge sind Kinderkrankheiten der theosophischen Entwickelung. Man wird sie sich schon abgewöhnen. Aber es ist doch notwendig, daß auf diese Dinge auch einmal aufmerksam gemacht wird. Es könnte sogar vorkommen, daß sich jemand daran macht, die neun Glieder der menschlichen Natur in der Neunten Symphonie Beethovens aufzusuchen.
[ 33 ] Und dennoch ist es in gewisser Weise richtig, daß das, was einheitliche menschliche Natur ist, sich wiederum verteilt auf verschiedene Menschen. Ein Mensch hat diese besondere Seelenfärbung, ein anderer jene. So können wir Menschen vor uns sehen, die verschiedene Seiten der menschlichen Gesamtnatur darstellen. Aber das muß realistisch gedacht sein, muß aus der Natur des Menschen heraus kommen. Wie uns Menschen in der Welt entgegentreten, darin stellen sie die verschiedenen Seiten der menschlichen Natur dar. Und indem wir uns durchentwickeln von Inkarnation zu Inkarnation, werden wir eine Totalität. Wenn das betreffende Faktum, das zugrunde liegt, dargestellt werden soll, dann muß das ganze Leben aufgelöst werden.
[ 34 ] So ist im Rosenkreuzermysterium das, was in gewisser Weise Maria darstellen soll, aufgelöst in den anderen Figuren, die als Begleiter um sie herum sind, die mit ihr eine Ichheit ausmachen. Man kann insbesondere Eigenschaften der Empfindungsseele in der Philia sehen, Eigenschaften der Verstandes- oder Gemütsseele in Astrid, Eigenschaften der Bewußtseinsseele in Luna. Daraufhin sind schon die Namen geprägt. Alle Namen sind so, daß sie für die einzelnen Wesenheiten ganz wesenhaft geprägt sind. Nicht nur in den Worten, sondern in der Art, wie die Worte gesetzt sind, namentlich wo wirken soll das Spirituelle im Devachan, im siebenten Bild, da ist das, was die drei Gestalten der Philia, Astrid und Luna charakterisieren soll, genau abgestuft. Das, womit da das siebente Bild beginnt, ist eine bessere Charakteristik von Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewußtseinsseele, als man sonst in Worten geben kann. Da kann man den Menschen zeigen, was Empfindungsseele, was Verstandesseele, was Bewußtseinsseele ist. In der Kunst kann man die Stufen zeigen in der Art, wie diese drei Gestalten dastehen. In der menschlichen Wesenheit fließen sie ineinander. Werden sie voneinander gelöst, dann stellen sie sich so dar, wie Philia sich hineinstellt in das Weltenall, wie Astrid sich hineinstellt in die Elemente, wie Luna ausfließt in Selbsttat und Selbsterkenntnis. Und weil sie sich da so hineinstellen, ist in der Devachanszene alles enthalten, was im wahren Sinne Alchimie ist. Die ganze Alchimie ist darin. Man muß sie nur nach und nach herausfinden.
[ 35 ] Sie ist aber nicht nur in dem abstrakten Inhalt gegeben, sondern in dem Weben und Wesen der Worte. Deshalb sollen Sie nicht nur hören, was gesagt wird, und namentlich nicht bloß, was der einzelne spricht, sondern wie die Seelenkräfte im Verhältnis zueinander sprechen. Die Empfindungsseele schiebt sich hinein in den Astralleib, wir haben es mit webender Astralität zu tun. Die Verstandesseele schiebt sich hinein in den Ätherleib, wir haben es also mit webender Atherwesenheit zu tun. Wir sehen, wie sich wie mit innerer Festigkeit die Bewußtseinsseele in den physischen Leib hineinergießt. So ist das, was seelenhaft wirkt wie Licht in der Seele, in den Worten der Philia gegeben; was ätherisch objektiv wirkt, so daß man den wahren Dingen gegenübersteht, das ist in Astrid gegeben; was innere Festigkeit gibt, so daß es mit dem physischen Leib verbunden ist, das ist in Luna gegeben. Das müssen wir erfühlen. Hören wir die Seelenkräfte im siebenten Bild:
Philia: (Empfindungsseele)
Ich will erfüllen mich
Mit klarstem Lichtessein
Aus Weltenweiten,
Ich will eratmen mir
Belebenden Klangesstoff
Aus Ätherfernen,
Daß dir, geliebte Schwester,
Das Werk gelingen kann.
Astrid: (Verstandesseele)
Ich will verweben
Erstrahlend Licht
Mit dämpfender Finsternis,
Ich will verdichten
Das Klangesleben.
Es soll erglitzernd klingen,
Es soll erklingend glitzern,
Daß du, geliebte Schwester,
Die Seelenstrahlen lenken kannst.
Luna: (Bewußtseinsseele)
Ich will erwärmen Seelenstoff
Und will erhärten Lebensäther.
Sie sollen sich verdichten,
Sie sollen sich erfühlen,
Und in sich selber seiend
Sich schaffend halten,
Daß du, geliebte Schwester
Der suchenden Menschenseele
Des Wissens Sicherheit erzeugen kannst.
[ 36 ] Ich mache darauf aufmerksam, daß wir haben bei der Philia: «Daß dir, geliebte Schwester... .», daß wir bei Astrid in das Dumpfere, in das Dichtere hineinkommen: «Daß du, geliebte Schwester .. .», «Daß dir...», «Daß du...». Und jetzt haben wir es bei Luna verwoben mit dem noch schwerer Wiegenden: «Der suchenden Menschenseele». Da ist das U so verwoben mit den benachbarten Konsonanten, daß es noch festere Dichtigkeit erlangt.
[ 37 ] Das sind die Dinge, die man tatsächlich charakterisieren kann. Auf das Wie kommt es an, das muß festgehalten werden. Vergleichen wir die Worte, die Philia weiter spricht:
Ich will erbitten von Weltengeistern,
Daß ihres Wesens Licht
Entzücke Seelensinn,
Und ihrer Worte Klang
Beglücke Geistgehör
mit den ganz anders gearteten, die Astrid spricht:
Ich will die Liebesströme,
Die Welt erwarmenden,
Zu Herzen leiten
Dem Geweihten
[ 38 ] so ist gerade da, wo diese Worte durchgeführt sind, das innere Weben und Wesen des devachanischen Weltelementes durchgeführt.
[ 39 ] Wir müssen uns klarmachen an solchen Dingen, und deshalb erwähne ich es, daß, wenn Selbsterkenntnis anfängt aufzugehen in äußerem Weltenweben und Weltenwesen, es darauf ankommt, alle Einseitigkeit aufzugeben, und daß wir fühlen lernen, wie wir sonst nur in Philisterart erleben können, was in jedem Punkte des Daseins vorhanden ist. Das macht uns Menschen zu starren Wesen, daß wir an den Punkt im Raume gebannt sind und glauben, mit Worten Wahrheiten aussprechen zu können. Aber Worte sind das, was weniger gut die Wahrheit aussprechen kann, weil es an den physischen Klang gebunden ist. Wir müssen, ich möchte sagen, den Ausdruck mitfühlen. Daher kommt es darauf an, daß ein solcher wichtiger Vorgang wie der Selbsterkenntnisvorgang des Johannes Thomasius nur so richtig erlebt werden kann, wenn er dann die Selbsterkenntnis mutvoll erringt und ergreift. Das ist der nächste Akt, nachdem die Selbsterkenntnis uns niedergeschmettert hat, daß wir anfangen, das, was wir draußen gelernt haben, indem wir den Kosmos als uns verwandt begriffen haben, nachdem wir das Wesen der Wesen erkannt haben, in uns jetzt hereinzunehmen, daß wir uns mutvoll erkühnen, das zu leben, was wir erkannt haben. Nur die Hälfte der Sache ist es, daß wir untertauchen wie Johannes in ein Wesen, dem wir Leid gebracht haben, das wir in die kalte Erde hinuntergestoßen haben. Denn wir empfinden jetzt anders. Wir fassen Mut, den Schmerz auszugleichen. Dann tauchen wir unter in dieses Leben und sprechen im eigenen Wesen anders. Das wird zunächst dasjenige, was uns im neunten Bild entgegentritt. Während im zweiten Bild das Wesen dem Johannes zurief:
Er hat mir bittre Not gebracht;
Ich habe ihm so ganz vertraut.
Er ließ im Kummer mich allein,
Er raubte mir die Lebenswärme
Und stieß in kalte Erde mich
[ 40 ] rief dasselbe Wesen im neunten Bild, nachdem Johannes sich da erlebt hatte, wohin jede Selbsterkenntnis drängt, ihm zu:
Du mußt mich wieder finden
Und mir die Schmerzen lindern.
[ 41 ] Das ist die andere Seite: erst das Niederschmetternde, dann das Ausgleichende des Erlebens. Da ruft ihm das andere Wesen zu:
Du mußt mich wieder finden.
[ 42 ] Es könnte das anders nicht dargestellt werden, dieses Heraufheben des Erlebens der Welt, dieses Sich-Ausfüllen mit dem Erleben der Welt. Wahre Selbsterkenntnis im Auftauchen innerhalb des Kosmos könnte nicht geschildert werden, wenn nicht mit den Worten, mit denen Johannes aufwacht. Selbstverständlich muß sie so beginnen, im zweiten Bild:
So hör’ ich sie seit Jahren schon,
Die inhaltschweren Worte.
[ 43 ] Dann, nachdem er untergetaucht ist in den Erdengrund, nachdem er mit dem Erdengrund vereinigt ist, entsteht in der Seele die Kraft, die Worte so entstehen zu lassen. Das ist das Wesentliche im neunten Bild:
Ich habe sie drei Jahre lang gesucht,
Die mutbeschwingte Seelenkraft,
Die Wahrheit gibt dem Worte,
Durch das der Mensch, sich selbst befreiend, siegen
Und sich besiegend, Freiheit finden kann.
[ 44 ] Das sind die Worte: «O Mensch, erlebe dich!» im Gegensatz zu den Worten im zweiten Bild: «O Mensch, erkenne dich!» So tritt uns immer wiederum dasselbe Bild entgegen. Während das eine Mal das Bild hinunterführt:
Die Welt und meine Eigenheit,
Sie leben in dem Worte:
O Mensch, erkenne dich!
[ 45 ] ist es dann umgekehrt. Das wechselt. Das Bild gibt den Seelenvorgang wieder.
[ 46 ] So haben Sie auch gehört das furchtbar niederschmetternde Wort:
Maria, ist dir denn bewußt,
Was meine Seele eben durchgerungen?
- - - - - - - - - -
Mir ist des Menschen letzte Zuflucht,
Mir ist die Einsamkeit verloren.
[ 47 ] Dann wird im neunten Bild gezeigt, wie das Wesen erst Zuversicht und dann Sicherheit gewinnt. Das ist die Kongruenz. Nicht Konstruktionen, sondern selbstverständliche Erlebnisse müssen es sein. Dadurch sollen wir fühlen, wie in einer solchen Seele, wie der des Johannes 'Thomasius, Selbsterkenntnis sich abklärt zum Selbsterleben. Wir sollen auch fühlen, wie sich verteilt dieses Erlebnis des Johannes Thomasius auf einzelne Menschen und damit seine eigene Erkenntnis über die gesamten Menschen, in denen sich in den einzelnen Inkarnationen ein Teil seiner Wesenheit ausprägt. Zuletzt steht da im Sonnentempel eine ganze Gesellschaft, alle wie ein Tableau, und alle zusammen sind ein einzelner Mensch. Auf alle sind Eigenschaften eines einzigen Menschen verteilt; es ist im Grunde genommen ein einzelner Mensch. Aber ein pedantischer Mensch müßte sagen: Es sind ja zu viele Teile, es müßten neun statt zwölf sein. — So schafft aber die Wirklichkeit nicht, daß sie im Einklang steht mit den Theorien. Und dennoch steht sie mehr im Einklang mit der Wahrheit, als wenn man in regulärer Weise die einzelnen Glieder der menschlichen Wesenheit aufmarschieren ließe.
[ 48 ] Versetzen wir uns jetzt in diesen Sonnentempel. Da sind die einzelnen Menschen, die so hineingestellt worden sind, wie sie wirklich karmisch zusammengehören, wie Karma sie im Leben zusammengestellt hat. Aber wenn wir uns jetzt den Johannes hier denken und uns eines jeden einzelnen Charakter so gespiegelt denken in der Seele des Johannes und jeden Menschen als Seeleneigenschaft des Johannes - was ist denn dann, wenn wir das als Realität fassen, geschehen? Da hat Karma tatsächlich wie in einem Knotenpunkt diese Menschen zusammengebracht. Nichts ist absichtslos, zwecklos, ziellos, sondern was einzelne Menschen getan haben, bedeutet nicht nur ein Einzelereignis, es bedeutet jeder ein Seelenerlebnis des Johannes 'Thomasius. Es spielt sich alles zweimal ab: im Makrokosmos und im Mikrokosmos der Seele des Johannes. Das ist seine Initiation. Wie Maria zum Beispiel zu ihm selber steht, so steht ein wichtiges Glied seiner Seele zu einem anderen Glied der Seele. Das sind absolute Kongruenzen, streng durchgeführt. Was äußerliche Handlung ist, ist in Johannes innerlicher Entwickelungsvorgang. Es will da geschehen, was der Hierophant ausdrückt im dritten Bild:
Es formt sich hier in diesem Kreise
Ein Knoten aus den Fäden,
Die Karma spinnt im Weltenwerden.
[ 49 ] Er hat sich geformt. Und dieser so recht geschürzte Knoten zeigt, wozu alles führt. Auf der einen Seite absolute Realität, wie Karma spinnt, aber nicht ein zweckloses Spinnen. Wir haben den: Knoten als den Initiationsvorgang in der Seele des Johannes, und wir haben das Ganze so, daß doch noch eine menschliche Individualität steht über all diesen Menschen: der Hierophant, der eingreift, der die Fäden lenkt. Wir brauchen nur an den Hierophanten und sein Verhältnis zu Maria zu denken.
[ 50 ] Aber gerade daran können wir ersehen, daß dieser Vorgang etwas ist, was Selbsterkenntnis erleuchten kann, an dieser Stelle im dritten Bild. Ein Spaß ist dieses Heraussteigen aus dem Selbst nicht. Ein ganz realer Vorgang ist es, ein Verlassenwerden der menschlichen Hüllen von der inneren Kraft. Dann bleiben diese menschlichen Hüllen übrig und werden ein Kampfplatz für untergeordnete Mächte. Wo Maria den Strahl der Liebe zum Hierophanten herunterschickt, das kann nicht anders dargestellt werden als: Da unten der Leib, der ergriffen wird von der Macht des Widersachers und das Gegenteil sagt von dem, was da oben vorgeht. Da oben strahlt ein Strahl der Liebe herunter, da unten entsteht ein Fluch. Das sind die kontrastierenden Szenen: Im Devachan, wo Maria schildert, was sie wirklich getan hat, und im dritten Bild, wo sich unten beim Verlassen des Leibes das Fluchen der dämonischen Mächte gegen den Hierophanten abspielt. Da haben wir zwei sich ergänzende Bilder. Es würde wirklich ganz schlimm werden, wenn man sie erst so konstruieren müßte.
[ 51 ] So habe ich dem heutigen Vortrag eine Seite dieses Mysteriendramas zugrunde gelegt, und ich hoffe, daß wir gerade daran einige besondere Charakteristika anknüpfen konnten, wie sie der Initiation zugrunde liegen.
[ 52 ] Es darf der Umstand, daß manches scharf betont werden mußte, wenn wirkliche Vorgänge der Einweihung dargestellt werden sollen, Sie nicht mutlos, kleinmütig machen gegenüber dem Streben nach der geistigen Welt. Die Schilderung der Gefahren hat nur den Zweck, den Menschen zu stählen gegenüber den Gewalten. Die Gefahren sind da, die Schmerzen und Leiden stehen uns bevor. Es wäre wahrhaftig ein schlechtes Streben, wenn wir nur sozusagen in der bequemsten Weise hinaufrücken wollten in die höheren Welten. So bequem, wie in modernen Eisenbahnzügen sich hinrollen zu lassen, wie die äußere materielle Kultur es in bezug auf das äußere Leben macht, läßt es sich noch nicht machen in bezug auf das Erreichen der geistigen Welten. Nicht mutlos machen soll das hier Geschilderte, sondern gerade durch das Sich-Bekanntmachen in gewisser Weise mit den Gefahren der Initiation soll der Mut gestählt werden.
[ 53 ] Gerade wie bei Johannes 'Thomasius, den seine Neigung unfähig gemacht hat, den Pinsel zu führen, sich das umsetzt in Schmerz, dann aber Schmerz in Erkenntnis, so wird alles, was Leid und Schmerz erregt, sich in Erkenntnis umsetzen. Wir müssen diesen Weg aber ernsthaft suchen. Dies können wir nur, wenn wir einmal versuchen, uns vor Augen zu führen, daß doch die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten nicht so einfach sind. So tiefe Lebenswahrheiten sind das, daß man niemals fertig werden kann damit, sie. genau. zu fassen. Gerade das Beispiel im Leben gestattet uns, die Welt zu erfassen, und noch viel genauer kann man sprechen über die Bedingungen der Entwickelung, wenn man die Entwickelung des Johannes darstellt, als wenn man überhaupt die Entwickelung eines Menschen darstellt. In dem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ist die Entwickelung dargestellt, wie sie bei jedem Menschen sein kann, also einzig die Möglichkeit, wie sie real sein kann. Wenn man Johannes 'Thomasius darstellt, schildert man einen einzelnen Menschen. Aber dadurch beraubt man sich der Möglichkeit, die Entwickelung im allgemeinen zu schildern.
[ 54 ] Ich hoffe, Sie werden möglichst Veranlassung nehmen, zu sagen, daß ich im Grunde genommen die Wahrheit doch noch nicht gesagt habe. Wir haben zwei Extreme und müssen die Abstufungen zwischen beiden finden. Ich kann immer nur einige Anregungen geben. Diese müssen dann weiterleben in den Herzen und Seelen.
[ 55 ] In den Anregungen, die ich über das Matthäus-Evangelium gab, habe ich gesagt: Suchen Sie sich nicht zu erinnern an den Wortlaut, sondern suchen Sie, wenn Sie hinausgetreten sind in die Welt, in Herz und Seele zu schauen, was da die Worte geworden sind. Suchen Sie nicht nur zu lesen in Zyklen, sondern auch wirklich ernstlich in Ihrer Seele zu lesen.
[ 56 ] Dazu muß aber erst etwas von außen gegeben werden, muß erst etwas hineingegangen sein. Das andere wäre ein Selbstbetrug der Seele. Verstehen Sie das in der Seele zu lesen, und Sie werden sehen, daß, was von außen geklungen hat, in viel anderer Weise noch innen klingen wird. Das würde erst das richtige anthroposophische Bestreben sein, wenn jedesmal das, was gesprochen wird, auf so viele Arten verstanden würde, als Zuhörer da sind.
[ 57 ] Niemals kann derjenige, der über Geisteswissenschaft sprechen will, versuchen, nur auf eine Art verstanden zu sein. Er möchte auf so viele Arten verstanden sein, als Seelen da sind. Anthroposophie verträgt dies schon. Aber eines ist notwendig. Ich sage das nicht, um etwas Nebensächliches zu sagen. Eines ist nötig, daß jede einzelne Art des Verstehens richtig und wahr ist. Individuell kann sie sein, aber wahr muß sie sein. Manchmal besteht das Individuelle der Auffassung darin, daß das Gegenteil dessen, was gesagt wird, aufgefaßt wird.
[ 58 ] So müssen wir uns, wenn wir von Selbsterkenntnis sprechen, auch das vor Augen führen, daß es nützlicher ist, so zu sprechen, daß wir die Fehler in uns und das Wahre außer uns suchen.
[ 59 ] Es wird nicht gesagt: Suche in dir selbst das Wahre! - Das Wahre findet man in der Tat draußen. Man findet, daß es ausgegossen ist in die Welt. Wir müssen durch Selbsterkenntnis von uns frei werden, müssen durch solche Seelenstadien durchgehen. Einsamkeit kann ein ganz schlechter Gesellschafter sein. Aber wir können auch unsere ganze Schwäche fühlen, wenn wir die Größe des Kosmos, aus dem wir geboren sind, in unserer Seele nachfühlen. Dann aber fassen wir Mut. Erkühnen wir uns, das, was wir erkennen, zu erleben.
[ 60 ] Dann werden wir finden, daß in der Tat aus dem Verlust der letzten Zuversicht unseres Lebens heraussprießen wird des Lebens erste und letzte Zuversicht, jene Zuversicht, die uns, indem wir uns im Kosmos wiederfinden, uns selbst überwinden und uns aufs neue finden läßt:
O Mensch, erlebe die Welt in dir!
Dann hast du dich,
Über dich selbst hinausschreitend,
Erst recht in deinem wahren Selbst gefunden.
[ 61 ] Fühlen wir diese Worte als Erlebnisse, dann werden sie uns Etappen der Entwickelung.
