Die Mission der neuen Geistesoffenbarung
Das Christus-Ereignis
als Mittelpunktsgeschehen der Erdenevolution
GA 127
3 März 1911, Berlin
8. Ossian und die Fingalshöhle
Ansprache nach einer Aufführung der «Hebriden-Ouvertüre» von Mendelssohn
[ 1 ] Wir sind eben durch die Klänge dieser Ouvertüre geistig an Schottlands Küste herangeführt worden und haben damit in der Seele einen Zug vollzogen, einen Weg betreten, der im Laufe der Entwickelung der Menschheit von den Geheimnissen des Karma stark berührt wurde. Denn aus ganz anderen Gebieten unserer westlichen Erde wurden einstmals in die Nähe jener Gegenden, zu denen diese Töne uns hingeleitet haben, und in diese Gegenden selber, gewissermaßen wie durch einen karmischen Zug, Völker verpflanzt. Und geheimnisvolle Schicksale werden uns gemeldet. Gemeldet wird uns — sowohl durch das, was der Okkultismus enthüllt, wie auch durch äußere Dokumente der Geschichte - von dem, was diese Völker in weit zurückliegender Vorzeit auf diesem Boden erlebt haben.
[ 2 ] Eine Erinnerung an die geheimnisvollen Schicksale jener Menschen wurde, wie in neuer Erweckung, gleichsam wieder wach, als man um 1772 herum ansichtig wurde jener Höhle auf der Insel Staffa, die zu den Hebriden gehört: der Fingalshöhle. Erinnert wurde man an geheimnisvolle Schicksale der Vorzeit, als man sah, wie die Natur selber auferbaut zu haben scheint etwas, was geschildert wird wie ein wunderbarer Dom. In langen Reihen, aufgerichtet mit großer Regelmäßigkeit, hochaufragende, unzählige Säulen, darüber gewölbt aus demselben Steinwerk eine Decke, unten die Füße der Säulen umspült von dem hineinströmenden, brandenden Meere, das in donnerartiger Musik fortwährend innerhalb dieses Domes wogt und wallt. Von Steingebilden herabtropfend Wasser, das fortwährend auf die Tropfsteinstümpfe in melodischer, zauberischer Musik aufschlägt. So etwas ist dort vorhanden. Und es mußten jene, die — das auffindend - Sinn hatten für das Geheimnisvolle, das sich auf dem Boden dort einst abgespielt hat, erinnert werden an den Helden, der einstmals als eine der berühmten Individualitäten des Westens hier in ganz eindeutiger Weise Schicksale gelenkt hat, und dessen Taten besungen wurden von seinem Sohne, dem blinden Ossian, der wie ein westlicher Homer erscheint: ein blinder Sänger.
[ 3 ] Wenn wir zurückblicken auf den Eindruck, den die Kunde hievon auf die Menschen machte, können wir verstehen, daß die Wiederbelebung dieser Gesänge durch Macpherson im 18. Jahrhundert einen mächtigen Eindruck auf Europa machte. Nichts läßt sich mit diesem Eindruck vergleichen. Es horchten auf: Goethe, Herder, Napoleon, und alle glaubten, in diesen Klängen etwas zu vernehmen von dem Zauber uralter Tage. Man muß verstehen, daß eine in den Herzen aufsteigende Geisteswelt, wie sie damals noch vorhanden war, sich hingezogen fühlen konnte zu dem, was da herausklang! Was war es denn?
[ 4 ] Wir müssen einen Blick werfen auf die Zeiten, die zusammenfallen mit den ersten Impulsen des Christentums und dem ersten Jahrhunderte nachher. Was geschah da oben in den Hebriden herum, in Irland, Schottland, im alten Erin, das alle die benachbarten Inseln zwischen Irland und Schottland und die nördlichen Teile Schottlands umfaßte? Da haben wir den Kern jener Völker keltischer Abstammung zu suchen, die am meisten altes atlantisches Hellsehen in voller Ursprünglichkeit bewahrt hatten. Die anderen, die nach Osten gewandert waren, hatten sich weiter entwickelt, waren nicht mehr in dem Zusammenhang mit den alten Göttern. Ganz in Persönlichkeit, in Individualität getaucht, haben sich die Möglichkeit des alten Sehertums jene Menschen bewahrt. Menschen, die wie zu einer besonderen Mission nach diesem Boden gelenkt wurden, wo ihnen ein Gebilde entgegentrat — spiegelnd ihr eigenes musikalisches Innere und ganz aus der geistigen Welt selber architektonisch geformt, das, was ich mit einigen Worten eben zu charakterisieren versuchte, die Fingalshöhle. Richtig stellt man sich den Vorgang vor, wenn man sich denkt, daß die Höhle gleich einem Zentrum wirkte, widerspiegelnd, was in den Seelen dieser Menschen lebte, die durch ihr Karma hierher getrieben waren wie zu einem Tempel, von den Göttern selber aufgebaut. Hier wurden die Menschen vorbereitet, welche den Christus-Impuls mit voller Menschlichkeit erst später empfangen sollten, und die hier als Vorbereitung etwas höchst Eigentümliches durchmachen sollten. Das können wir uns vorstellen, wenn wir bedenken, daß hier gerade jene alte Institution der Völker bewahrt war, durch welche die Stämme geteilt wurden in kleine, familienhafte Zusammenhänge. Was blutsverwandt war, fühlte sich zusammengehörend, alles andere wurde als fremd, als einem anderen Gruppen-Ich angehörend empfunden. Und wie ein Harmonisierendes ergoß sich über diese einzelnen Gruppen das, was — als der Völkerzug aus der Atlantis nach Osten stattfand — im Westen zurückgebliebene Druidenpriester den Menschen geben konnten. Was sie geben konnten, lebte noch in den Barden. Aber was durch diese Barden wirkte, stellen wir uns nur richtig vor, wenn wir uns klarmachen, daß elementarste Leidenschaften zusammentrafen mit der alten Kraft des Hineinschauens in die geistige Welt, und daß die Menschen, welche als Vertreter ihrer Gruppen gegen andere Gruppen lebensstark, zuweilen wütend und leidenschaftlich kämpften, sahen, wie aus der geistigen Welt heraus Impulse wirkten, die sie in den Kämpfen leiteten. So etwas Zusammenwirkendes von Physischem und Seelischem ist heute gar nicht mehr vorzustellen. Wenn der Held sein Schwert erhob, glaubte er, daß ein Geist aus den Lüften ihn lenke, und in diesem Geist sah er einen Ahnen, der früher schon auf diesem Felde gekämpft hatte und hinaufgegangen war, um von dort aus nun mitzuwirken. In ihren Schlachtreihen fühlten sie ihre Ahnen wirken, ihre Ahnen von beiden Seiten, und fühlten sie nicht nur, hörten sie auch hellhörend! Das war eine wunderbare Vorstellung, die in diesen Völkern lebte: daß die Helden zu kämpfen hatten auf dem Schlachtfelde, ihr Blut zu vergießen hatten, daß sie aber nach dem Tode hinaufsteigen in die geistige Welt, und daß dann ihr Geist als Ton dahinvibriert, die Luft als Geistiges durchtönt.
[ 5 ] Und jene dann, die zwar vertraut waren mit den Kämpfen, aber vorzugsweise sich dahin entwickelten, hinzuhören auf das, was aus den Lüften heraustönte als die Stimme der Vorzeit, die blind wurden für die physische Welt, die nicht mehr sehen konnten das Blitzen der Schwerter, blind waren für den physischen Plan: sie wurden hoch verehrt. Und einer von diesen war eben Ossian. Und indem die Helden ihre Schwerter schwangen, waren sie sich bewußt, daß ihre Taten fortklingen werden in der geistigen Welt, und daß sich Barden finden werden, die das in ihren Liedern bewahren werden. Das war lebensvolle Anschauung bei jenen Völkern.
[ 6 ] Das gibt aber auch eine ganz andere Anschauung vom Menschentum überhaupt. Das gibt die Anschauung, daß der Mensch verbunden ist mit den geistigen Mächten, die aus der ganzen Natur heraus tönen. Man kann nicht einen Sturm oder den Blitz sehen, kann nicht den Donner hören, das Tosen des Meeres, ohne zu ahnen, daß aus allem Naturwirken heraus Geister wirken, die im Bunde sind mit den Seelen der Vorzeit, mit den Seelen der eigenen Ahnen. Da wird das, was Naturwirken ist, noch etwas ganz anderes. Daher waren eben jene Klänge so bedeutsam, die nun wieder herübertönten und, früher nur in Überlieferung lebend, aufgefrischt wurden durch den Schotten Macpherson, so daß sie ein Bewußtsein geben von dem Zusammenhang der Menschen mit den Seelen der Ahnen und mit den Naturerscheinungen.
[ 7 ] Man kann verstehen, daß jener Schotte doch in gewisser Weise kongenialempfunden hat, wenn er schildert, wie dahinstürmt eineSchlachtreihe, Finsternis vor sich hertreibend, gleich den Geistern, die in die Schlacht ziehen. Es ist in der Tat etwas, was einen großen Eindruck auf das geistige Europa machen konnte. Und die ganze Art der Darstellung, wenn auch in etwas freier Dichtung gegeben, weckt in uns das Gefühl für die Anschauung, die in jenen alten Völkern lebte. In ihnen lebte ein lebendiges Wissen, eine lebendige Weisheit von dem Zusammenhang mit der Geisterwelt und der natürlichen Welt, in welcher die Geisterwelt wirkt.
[ 8 ] Aus einer solchen Weisheit heraus wurden die besten Söhne der verschiedenen Stämme — das heißt jene, die am meisten den Zusammenhang hatten mit den Geistern der Vorzeit, die am meisten die Geister der Vorzeit in ihren Taten leben ließen — auserwählt zu einer auserlesenen Schar. Und wer die stärksten hellseherischen Kräfte hatte, wurde an die Spitze gestellt. Diese Schar hatte das Kernvolk der Kelten gegen die Völker der Umwelt zu verteidigen. Einer von diesen Anführern war der hellseherische Held, dessen Kunde zu uns gekommen ist unter dem Namen des Fingal. Wie dieser Fingal in der Verteidigung der alten Götter wirkte gegen die, die sie gefährden wollten, das haben alte Lieder, wie sie aus der geistigen Welt heraus gehört wurden, alte Lieder des Barden Ossian, seines Sohnes, weitererklingen lassen, so daß das lebendig blieb bis ins 16., 17. Jahrhundert hinein. Was Fingal vollbracht hat, was sein Sohn Ossian gehört hat, als Fingal aufgestiegen war in das Geisterreich, was dann die Nachgeborenen aus den Tönen Ossians heraus immer zu ihren Taten beseelen sollte, das war es, was so mächtig noch im 18. Jahrhundert wirkte. Und wir bekommen eine Vorstellung davon, wenn wir vernehmen, wie Ossian in seinen Gesängen seines Vaters Fingal Stimme erschallen läßt. In schwieriger Lage befinden sich die Helden, sie sind fast geschlagen — da kommt neues Leben in die Scharen.
[ 9 ] «Der König stand bei dem Stein von Lubar; dreimal erhob er seine schreckliche Stimme, Der Hirsch schrak auf von’ den Quellen von Cromla, die Felsen erbebten auf all ihren Bergen. Gleich dem Tosen von hundert Bergströmen, welche hervorbrechen und brausen und schäumen, gleich den Wolken, welche sich sammeln zu einem Gewitter auf dem blauen Antlitz des Himmels, so traf die Söhne der Wildnis rings umher die schreckliche Stimme Fingals. Angenehm war die Stimme des Königs von Morven den Kriegern seines Landes. Oft hatte er sie geführt zur Schlacht, oft kehrte er zurück mit der Beute des Feindes. Kommt zur Schlachv, sagte der König, «ihr Kinder des hallenden Selma! Kommt zu dem Tode der Tausend! Konnals Sohn will sehen den Kampf! Mein Schwert soll wogen auf dem Hügel zur Verteidigung meines Volkes im Kriege — aber nimmer möget ihr dessen bedürfen, Krieger, während der Sohn Mornis kämpft, der Häuptling gewaltiger Männer. Er soll leiten meine Schlacht, damit sein Ruhm möge steigen im Sang! O ihr Geister verstorbener Helden, ihr Reiter des Sturmes von Cromla, nehmt mein fallendes Volk mit Freude auf. Bringt sie zu euren Hügeln, und möge der Hauch von Lena sie über dem Meere tragen, und mögen sie kommen in meine schweigenden Träume und erfreuen meine Seele im Schlaf!»
[ 10 ] Jetzt, gleich einer düstern stürmischen Wolke, eingefaßt.rings von den roten Blitzen des Himmels, westwärts fliehend vor dem Strahl des Morgens, entfernte sich der König von Selma. Schrecklich ist der Glanz seiner Rüstung. Zwei Speere waren in seiner Hand, sein graues Haar flatterte im Winde. Er blickt oft zurück in die Schlacht. Drei Barden begleiten den Sohn des Ruhmes, zu tragen seine Worte zu den Häuptlingen. Hoch an Cromlas Abhang er saß, winkend mit dem Blitze seines Schwertes. Und wie er winkte, setzten wir uns in Bewegung...
[ 11 ] Fingal plötzlich erhob sich in Waffen. Dreimal erscholl seine schreckliche Stimme, Cromla antwortete ringsum. Die Söhne der Wildnis standen still; sie beugten ihre erregten Gesichter zur Erde, beschämt durch die Gegenwart des Königs. Er kam gleich einer Wolke des Regens an dem Tag der Sonne, wenn sie niedrig über den Hügel zieht und die Felder erwarten den Schauer. Stille begleitete ihren langsamen Gang, aber der Sturm ist bereit, sich zu erheben. Swaran sah den schrecklichen König von Morven. Er hielt in der Mitte seines Laufes. Finster lehnte er sich an seinen Speer, rollend sein rotes Auge ringsumher. Schweigend und hoch glich er einer Eiche auf dem Ufer von Lübar, die ihre Äste hat verbrannt vor Alters durch den Blitz des Himmels; sie beugt sich über den Strom, das graue Moos flüstert im Winde. So stand der König. Dann wandte er sich langsam zurück zu der ansteigenden Heide von Lena, Seine Tausende ergossen sich um den Helden. Dunkelheit sammelt sich auf dem Hügel.
[ 12 ] Fingal, gleich einem Strahl vom Himmel, schien in der Mitte seines Volkes. Seine Helden versammelten sich um ihn. Er entsandte die Stimme seiner Macht. ‹Hebt meine Fahnen in die Höhe, breitet sie aus in Lenas Wind gleich den Flammen von hundert Hügeln! Laßt sie rauschen in Erins Winden und uns an den Kampf erinnern. Ihr Söhne der brausenden Ströme, die sich ergießen von tausend Bergen, seid nah dem König von Morven! Horcht auf die Worte seiner Macht! Oskar, stärkster Arm des Todes, o Fillan, du Renner der künftigen Schlachten, Dermid, schwarzlockiger Jäger der springenden Rehe, Kothmar, Sohn der hallenden Schilde von Mora, Ossian, König der Gesänge, seid nahe dem Arm eures Vaters!› — Wir erhoben den Sonnenstrahl der Schlacht, die Fahne des Königs. Jeder Held frohlockte in Freude, als sie wogend im Winde flatterte: sie war oben mit Gold verziert, wie die weite blaue Schale des nächtlichen Himmels. Jeder Held hatte seine eigene Fahne dazu, und jeder seine düsteren Mannen.»
[ 13 ] So stürmte Fingal in die Schlacht, so wird er geschildert von seinem Sohne Ossian. Kein Wunder, daß dieses Leben, dieses Bewußtsein von dem Zusammenhang mit der geistigen Welt, das sich hineinsenkt in die Seelen dieser Leute, in die Seelen der alten Kelten, die beste Vorbereitung ist, das persönliche göttliche Element dann in ihrer Art von ihrem Boden aus über das Abendland zu verbreiten. Denn das, was sie in Leidenschaft erlebt hatten, was sie gehört haben, ausklingend in Melodien der geistigen Welt, bereitete sie vor für jene Zeit, da sie Söhne hervorbrachten, welche später jene Leidenschaften geläutert und gemildert in der Seele zeigten, so daß wir sagen können: Es ist uns, als wenn Erins beste Söhne wieder vernehmen würden die Klänge ihrer alten Barden, die diese einstmals aus der geistigen Welt heraus als die Taten der Vorfahren gehört haben, aber wie wenn sich in Erins besten Söhnen die alten Schlachtklänge nun auch geformt und geklärt hätten und geworden wären zum Worte, welches ausdrücken sollte der Menschheit größten Impuls.
[ 14 ] Das klang aus alten Zeiten in Gesängen heraus von den Taten der alten Kelten, die in gewaltigen Schlachten so manches ausgekämpft hatten, um sich vorzubereiten für weitere Taten des geistigen Lebens, wie wir sie wieder erkennen in dem, was des Abendlandes beste Söhne geleistet haben. Das waren die Impulse, die dann in die Seelen der Menschen des 18. Jahrhunderts hineinflossen, als jene alten Gesänge erneuert wurden. Das war es, woran sich diejenigen erinnerten, die das wunderbare Münster wieder sahen, das wie von der Natur selber gebaut war und sie sagen ließ: Hier ist eine Stätte vom Karma gewirkt, damit das, was die Barden zu singen hatten von den Taten der Ahnen, von dem, was die Helden zu tun hatten zur Stählung ihrer Kräfte, in einem Echo ihnen widerklinge aus dem Dome, den sie nicht selbst zu bauen brauchten, aus ihrem heiligen Tempel, der ihnen hingebaut wurde von den Geistern der Natur, und der ein Mittel der Begeisterung sein konnte für jene, die ihn sahen.
[ 15 ] So können uns die Klänge der Ouvertüre eine Veranlassung geben, auch in unserer Weise wenigstens etwas ahnen zu lassen von den tiefen geheimnisvollen Zusammenhängen, welche denn doch walten in der Geschichte der Menschen, die unserer Zeit vorausgegangen sind fast auf demselben Boden, auf dem wir weiterleben. Und da wir uns vertiefen müssen in das, was in uns lebt, und da das, was in uns lebt, nur ein Fortklingen ist dessen, was in der Vorzeit da war, ist jene Ahnung von dem, was einst war und weiter wirkt in der Menschheit, von größter Bedeutung für das okkulte Leben.
