Eine okkulte Physiologie
GA 128
28 März 1911, Prague
Achter Vortrag
[ 1 ] Es wird heute in diesem letzten Vortrage meine Aufgabe sein, die Betrachtungen der letzten Tage über okkulte Physiologie, die manches, wenn auch zum Teil recht skizzenhaft, von den Vorgängen der menschlichen Organisation darzustellen versuchten, zu einer Art von Gesamtbild zu vereinigen, das ja wieder nur skizzenhaft sein kann, durch das wir in den Stand gesetzt werden können, eine Anschauung zu bekommen von dem lebendigen Leben und Weben des menschlichen Organismus. Wir werden dabei am besten tun, wieder von dem gröbsten auszugehen, von der Wechselbeziehung zwischen dem menschlichen Organismus und der äußeren Welt, unserer physischen Erde, in der Aufnahme der Nahrungsstoffe.
[ 2 ] Diese Nahrungsstoffe werden ja, nachdem sie aufgenommen sind, in der mannigfaltigsten Weise umgewandelt und stufenweise so umgeändert durch die verschiedenen Organwirkungen, daß sie hingeleitet werden können zu den einzelnen Gliedern des menschlichen Organismus, zu den einzelnen Systemen der menschlichen physischen Wesenheit. Es ist ja nicht schwer einzusehen, daß alles, was aus den Nahrungsstoffen im menschlichen Organismus wird, im Grunde genommen den Menschen, wie er vor uns steht in der physischen Welt, eigentlich erst zum physischen Menschen macht. Es liegt hier ja allerdings eine gewisse Schwierigkeit für das Verständnis vor. Allein, wenn wir Ernst machen mit den bisher eingehaltenen Prinzipien und die übersinnliche Erkenntnis wirklich auf die Betrachtung des Menschen anwenden, so müssen wir sagen, daß es nur die Nahrungsstoffe sind, die von der äußeren Welt substantiell in den menschlichen Organismus aufgenommen werden. .Alle übrigen auf den Menschen einwirkenden Einflüsse haben wir uns im Grund genommen zu denken als übersinnliche, unsichtbare Kräfte. Wenn sie sich für einen Moment alles wegdenken, was den menschlichen Organismus, von den Nahrungsstoffen herrührend, ausfüllt, so behalten Sie in physischer Beziehung noch weniger — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck -, viel weniger übrig als einen leeren Sack, nämlich gar nichts. Denn auch was an Haut, an Umhüllung des physischen Organismus vorhanden ist, ist nur dadurch vorhanden, weil entsprechend verarbeitete Ernährungsstoffe an die betreffenden Partien hingeführt worden sind. Rechnen Sie die Nahrungsstoffe und was aus ihnen wird, weg, so haben Sie dahinter den menschlichen Organismus nur als ein übersinnliches Kraftsystem zu denken, das die Verteilung der assimilierten Nahrungsstoffe nach allen Richtungen hin bewirkt. Wenn Sie diesen Gedanken, wie er jetzt ausgesprochen worden ist, sich so richtig vor die Seele stellen, so werden Sie sich sagen: Eines ist aber eigentlich die Voraussetzung, bevor irgend etwas, auch das kleinste, von den Nahrungsstoffen aufgenommen werden kann, denn diese Stoffe können nicht von der Außenwelt in jedes beliebige Wesen hineinbefördert werden, damit dasjenige in ihm vorgehe, was im menschlichen Organismus vorgeht. Es muß der Mensch schon bei der allerersten Nahrungsaufnahme den physischen Nahrungsstoffen eine innere Kraftwirkung entgegenstellen können, welche aus der übersinnlichen Welt stammt, und es muß in diesem inneren Kräftesystem der Mensch als solcher schon enthalten sein. Im Okkultismus nennen wir dasjenige, was so den eigentlichen physischen Ausfüllungsmaterialien vom Menschen zunächst entgegengehalten wird, was durchaus schon übersinnlich zu denken ist, das nennen wir im umfassendsten Sinne die menschliche Form. Wenn wir uns die allerunterste Grenze der menschlichen Organisation denken, so müssen wir uns vorstellen, daß sich gegenüberstehen die physische Materie und die übersinnliche Form, welche als ein aus den übersinnlichen Welten herausgeborenes Kraftsystem dazu bestimmt ist, die Materie aufzunehmen - nicht wie ein physischer Sack oder Balg, sondern wie ein Überphysisches, ein Übersinnliches - und dasjenige herauszubilden, was überhaupt den Menschen erst physisch-sinnlich erscheinen läßt. Erst dadurch, daß sich dieser übersinnlichen Form eingliedert das assimilierte Ernährungsmaterial, wird der sonst rein übersinnliche menschliche Organismus zu einem physisch-sinnlichen Organismus, den man mit Augen sehen und mit Händen greifen kann. Man nennt das, was so entgegengehalten wird der physischen Materie, aus dem Grunde «Form», weil eigentlich in aller Natur ein solches Gesetz wirkt, ein genau gleiches Gesetz, das überall «Formprinzip» genannt wird. Wenn wir die äußere Welt betrachten, so finden wir, daß bis zum Kristall hinunter überall das Formprinzip tätig ist. Die Substanzen, welche in den Kristall eintreten, müssen, um das zu werden, als was der Kristall sich darstellt, gleichsam eingefangen werden von dem Formprinzip, und dieses macht mit Hilfe der Substanzen den Kristall erst zu dem, was er ist. Nehmen Sie zum Beispiel das Kochsalz, Chlornatrium, so haben Sie als physische Substanzen miteinander verbunden Chlor und Natrium, ein Gas und ein Metall. Sie werden leicht einsehen, daß diese beiden Stoffe, so wie sie sind, bevor sie eingefangen werden durch eine formende Wesenheit und dadurch erst zu einer chemischen Verbindung in Würfeln kristallisiert erscheinen, jede für sich völlig andere Formen zeigt. Bevor sie eintreten in dieses Formprinzip, haben sie nichts Gemeinsames; aber sie werden eingespannt, aufgenommen von diesem Formprinzip, und dieses bildet den physischen Körper Kochsalz.
[ 3 ] So setzt auch alles, was als umgewandelte Nahrungsstoffe im menschlichen Organismus erscheint, die unterste übersinnliche Wesenheit, die übersinnliche Form voraus. Wenn nun neue Ernährungsstoffe in den menschlichen Organismus eintreten sollen, der durch das Wirken des Formprinzips bereits nach außen abgegrenzt ist, so müssen sie unter normalen Verhältnissen durch den Mund in den Ernährungskanal aufgenommen werden. Dabei machen sie gleich schon vom Munde ab die allererste Umwandlung durch. Durch den Ernährungskanal werden weitere Umwandlungen bewirkt. Diese Ummwandlungen kompliziertester Art könnten nicht bewirkt werden, wenn nicht dem menschlichen Organismus ein höheres Prinzip eingegliedert wäre, das wir Formprinzip genannt haben, durch dessen Wirksamkeit die Nahrungsstoffe — die zunächst, wenn sie aufgenommen werden, sich zueinander neutral, gleichgültig verhalten — modifiziert würden, so daß sie in die Lage kommen, lebendige Organe zu bilden. Wir können uns, obgleich es beim Menschen ein ganz anderer Prozeß ist, weil er auf einer anderen Stufe geschieht, diese Umwandlung der Nahrungsstoffe im menschlichen Verdauungskanal vergleichsweise so vorstellen, wie wenn die Pflanzen ihre Ernährungsstoffe aufnehmen aus dem mineralischen Boden und sie dergestalt umwandeln, daß sie sich zu der Form der betreffenden Pflanze aufbauen. Da ist nur möglich, weil bei der Pflanze der Ernährungsstrom von einem Lebensprozeß oder, wie wir im Okkultismus sagen, vom Ätherleib als dem ersten übersinnlichen Prinzip aufgenommen wird. So werden auch beim Menschen die in den Organismus eintretenden Nahrungsstoffe vom Ätherleibe bearbeitet, das heißt, der Ätherleib sorgt für ihre Umwandlung, für ihre Eingliederung in die inneren Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Organismus. So haben wir also dieses erste übersinnliche Glied des Menschen, den Ätherleib, anzusehen als den Erreger der ersten Umwandlung der Nahrungsstoffe. Wenn nun diese Nahrungsstoffe soweit umgewandelt sind, daß sie in den Lebensprozeß aufgenommen sind, dann müssen sie in dem Sinne, wie wir es in den vorhergehenden Vorträgen geschildert haben, weiter verarbeitet und dem menschlichen Organismus angepaßt werden. Sie müssen so verarbeitet werden, daß sie nach und nach denjenigen Organen im menschlichen Organismus dienen können, die ein Ausdruck der höheren übersinnlichen Prinzipien sind, des Astralleibes und des Ich. Kurz, wir müssen uns klar sein, daß die höheren Prinzipien, Astralleib und Ich, die eigentümliche Art ihrer Regsamkeit hinuntersenden müssen bis zu den Vorgängen in den Organen des Ernährungs- und Verdauungsapparates und daß sie bis in die verwandelten Nahrungsstoffe hinab wirken müssen.
[ 4 ] Da stellen sich nun dem Nahrungsstrom diejenigen Organe entgegen, welche uns schon bekannt sind, die wir bezeichnet haben als die sieben Organe des inneren Weltsystems. Wir zeichnen nochmals ganz schematisch das innere Weltsystem des Menschen:
[ 5 ] Die Nahrungsstoffe werden also aufgenommen und zunächst in der mannigfaltigsten Weise umgearbeitet im Verdauungskanal, dann stellen sich ihnen entgegen Leber, Galle, Milz, Herz, Lunge, Nieren und so weiter. Wenn wir uns nun darüber klar sind, daß diese Organe durch die ihnen entsprechenden Kraftsysteme dazu bestimmt sind, den Nahrungsstrom weiter umzuarbeiten, so können wir fragen: Welches ist der Sinn dieser weiteren Umwandlung? — Wenn der Nahrungsstrom nur so weit bearbeitet würde, wie es im Verdauungskanal geschieht, um der Lebensform dienen zu können, so würde der Mensch nur ein unbewußtes Pflanzendasein führen können, denn er hätte es nicht zur Ausbildung solcher Organe gebracht, die Werkzeuge sein können für seine höheren Fähigkeiten. Die sieben Organe wandeln den Ernährungsstrom aber weiter um, und wir wissen, daß diese Vorgänge durch das sympathische Nervensystem davon abgehalten werden, in das menschliche Bewußtsein einzutreten. Daher haben wir in dem sympathischen Nervensystem mit den sieben Organen zusammen dasjenige, was sich dem Nahrungsstrom entgegenstellt.
[ 6 ] Damit sind wir schon bis zu einem hohen Grade von außen in das Innere des menschlichen Organismus hineingedrungen. Aber das, was da drinnen vorgeht, man möchte sagen als die gegenseitige Angelegenheit der sieben Organe, da ist etwas, was nirgends in unserer Erdenwelt so vorgehen könnte wie da drinnen. Es kann nur dadurch so vorgehen, daß dieses Innere von der Außenwelt völlig abgeschlossen ist und für diese Tätigkeit des Innern die Stoffe vorbereitet sind durch den Verdauungskanal. Also wir stehen damit schon im Inneren des menschlichen Organismus darinnen.
[ 7 ] Nun haben wir das Eigentümliche zu verzeichnen, daß, indem wir so im Innern des Organismus darinnenstehen, der Organismus sich ja selbst innerlich organisieren, sich selbst innerlich differenzieren muß. Um allen diesen an ihn herantretenden Anforderungen zu genügen, muß der Organismus eine Vielheit zusammenwirkender Organe herausbilden. Für die mannigfaltigen inneren Verrichtungen ist gerade diese Vielheit der Organe notwendig. Was durch diese erreicht werden muß, werden wir im folgenden sehen. Wenn wir uns denken, daß nur der Nahrungsstrom umgewandelt würde durch die sieben Organe des inneren Weltsystems, da würde der Mensch nimmermehr . sein Wesen dem Bewußtsein aufschließen können. Er würde nicht einmal die dumpfeste Form des Bewußtseins haben können, weil ja alles, was da vorgeht, verhüllt wird, abgehalten wird vom Bewußtsein durch das sympathische Nervensystem. Es ist also eine Verbindung notwendig zwischen diesen sozusagen von außen her aufgebauten inneren Organsystemen und dem, was weiter im Inneren des menschlichen Organismus ist. Diese Verbindung wird dadurch hergestellt, daß in der Tat durch alles das, was der Ernährungsprozeß in seiner Ganzheit gibt, die gesamte Form des menschlichen Organismus durchzogen wird von dem, was wir im weitesten Sinne Gewebe nennen. Eine gewisse Art von Gewebe einfachster Organisation durchzieht alle einzelnen Glieder der menschlichen Wesenheit, das fähig ist, sich so umzuwandeln und auszugestalten, daß sich die verschiedensten Organe herausbilden können. Gewisse Arten des Gewebes zum Beispiel bilden sich so um, daß sie sich durch Einlagerung besonderer Zellen zu den Muskeln umgestalten; andere bilden sich so um, daß sie fest werden und sich die Knochenzellen einlagern, indem sie die entsprechenden Substanzen sich aneignen. So daß wir in den einzelnen Organen des menschlichen Organismus stets an das zu denken haben, was ihnen zugrundeliegt, nämlich das den Körper nach allen Richtungen durchziehende Gewebe, aus dem die einzelnen Organe sich herausbilden. Dieses bildungsfähige Gewebe würde aber, wenn es noch so sehr zu wachsen und die verschiedensten Organe aus sich herauszubilden imstande wäre, doch nichts anderes darstellen als im Grunde nur etwas Pflanzenhaftes; denn das ist ja das Wesentliche des Pflanzenhaften, daß die pflanzlichen Wesen wachsen, daß sie aus sich Organe hervortreiben und dergleichen. Indem sich aber der Mensch über das Pflanzenhafte hinaus erhebt, muß sich uns ein ganz neues Element darbieten, durch welches der Mensch in die Lage kommt, zu dem Pflanzenleben dasjenige hinzuzufügen, was ihn über das Pflanzenleben hinaushebt. Der Mensch muß hinzufügen das Bewußtsein, zunächst die einfachste Form des Bewußtseins, das dumpfe Bewußtsein, das ihn fähig macht, das eigene innere Leben wahrzunehmen. Solange nicht ein Wesen das eigene innere Leben bewußt miterlebt, solange es noch nicht in der Lage ist, sich innerlich gleichsam zu durchspiegeln, um dieses eigene innere Leben mitzuerleben, so lange können wir nicht sagen, daß es sich über die Pflanzenhaftigkeit hinauferhebt. Erst dadurch erhebt sich ein Wesen über die Pflanzenhaftigkeit hinauf, daß es nicht bloß in sich Leben hat, sondern dieses Leben bewußt erlebt, daß es zunächst diese inneren Vorgänge durchspiegelt und miterlebt.
[ 8 ] Wodurch kommt nun überhaupt Erleben zustande? Dafür haben wir uns schon den Begriff gebildet. Wir haben ja in den früheren Vorträgen schon gezeigt, daß Erleben zustande kommt durch Absonderungsprozesse. Deshalb werden wir als die Grundlagen des inneren Erlebens, des dumpfen, die inneren Lebensprozesse durchziehenden Bewußtseinserlebens, Absonderungsprozesse suchen müssen. Wir werden voraussetzen müssen, daß überall aus den Geweben heraus Absonderungsprozesse stattfinden; und in der Tat treten uns diese Absonderungsprozesse schon bei der äußeren Betrachtung des menschlichen Organismus entgegen, wenn wir sehen, wie fortwährend Stoffe aus allen Teilen des Gewebes aufgenommen werden durch das, was wir die Lymphgefäße nennen, die wie eine Art anderes System neben dem Blutsystem den ganzen Organismus durchziehen. In das Lymphgefäßsystem münden sozusagen von allen Bezirken des menschlichen Organismus diejenigen Absonderungsprozesse, welche das dumpfe innere Erleben vermitteln. Könnten wir uns einmal in abstracto das gesamte Blutsystem wegdenken und könnten wir uns das Gewebe so denken, daß es nichts mehr hat von blutartigem Charakter, so würden wir uns vorzustellen haben, daß im Blutsystem sich höhere Prozesse abspielen gegenüber den Prozessen des Lymphsystems. In diesen Absonderungen fühlt der Mensch gleichsam in einem dumpfen tierischen Bewußtsein seinen eigenen physischen Leib. Dumpf durchspiegelt er seine Organisation. Und ebenso wie auf der einen Seite durch das sympathische Nervensystem von dem Bewußtsein alles abgehalten wird, was vom Verdauungs- und Ernährungsprozeß und den sieben Organen heraufdringen will, so wird auf der anderen Seite gleichsam durch Rückstrahlung der Tätigkeit des sympathischen Nervensystems, durch Verbindung und Wechselwirkung mit den Lymphbahnen, ein für den heutigen Menschen allerdings vom hellen Tagesbewußtsein überstrahltes dumpfes Bewußtsein ausgebildet. Es wird überstrahlt vom hellen Tagesbewußtsein des Ich, wie ein schwaches Licht überstrahlt wird durch ein starkes. Dieses dumpfe Bewußtsein ist gleichsam die andere Seite jenes Bewußtseins, das sich des sympathischen Nervensystems als seines Werkzeuges bedient.
[ 9 ] Würde der Mensch seinen Organismus nur entwickelt haben bis zur Bildung des Körpergewebes und der Organe, die für die inneren Verdauungsvorgänge und für die Absonderungen in die Lymphbahnen notwendig sind, so würde er nur ein dumpfes Bewußtsein seines Innenlebens vermittelt erhalten können. Er würde aber nicht eine Ausbildung des Ich-Bewußtseins erreichen können; das kann er nur erwerben, wenn er sich nicht bloß in seinem Inneren erlebt, sondern sich auch nach außen aufschließt. Hier haben wir wiederum ein Sichaufschließen nach außen zu verzeichnen. Wir haben ja schon früher davon gesprochen, wie es dem Menschen durch die Atmung möglich wird, unmittelbar mit der Außenwelt in Verbindung zu treten. Jetzt können wir weitergehen und sagen: Sofern wir den inneren Menschen betrachten, dürfen wir eigentlich nur bis zum Verdauungssystem gehen, denn wir können sagen: Insofern Ausläufer der Organe des inneren Weltsystems bis zum Verdauungskanal sich hinwenden, haben wir in diesem Anstoßen des inneren Weltsystems an den Verdauungskanal schon ein Sichaufschließen nach außen zu sehen, denn der Mensch ist gleichsam bereit, Nahrungsstoffe von außen aufzunehmen. Indem er mit aus der Umwelt entnommenen Nahrungsstoffen in enge Berührung tritt, ist er eigentlich schon nicht mehr nur innerlich. Ein weiteres Sichaufschließen nach außen haben wir kennengelernt in der Atmung, und in noch höherem Maße ist es zu erkennen in jenen Organen, die den seelischen Funktionen dienen.
[ 10 ] So also sehen wir, wie dem bewußten Leben des Menschen zugrundeliegt einerseits ein dumpfes Innenleben, andererseits die Fähigkeit, sich der Außenwelt aufzuschließen, mit der Außenwelt Verbindung zu haben. Dadurch erst kann der Mensch ein Ich-Wesen sein. Nur dadurch, daß er nicht nur die Widerstände in seinem eigenen Innern in seinen Absonderungsprozessen spürt, sondern auch die Widerstände, die die Außenwelt ihm entgegensetzt, kann der Mensch sein Ich-Bewußtsein entwickeln. So ist in der Tatsache, daß sich der Mensch auch wieder nach außen aufschließen kann, die Grundlage gegeben für die physische Ichheit des Menschen. Damit aber muß der Mensch auch die Möglichkeit haben, in der mannigfaltigsten Weise das Organ dieser Ichheit auszubilden. Und wir haben ja gesehen, wie in der Tat das Organ der Ichheit, das Blut, sich eingliedert in den Organismus und wie der Blutkreislauf alle Organe durchzieht, um ein Werkzeug zu sein für die Ichheit. So wie die Ichheit geistig-seelisch den gesamten Menschen durchlebt und durchwebt, so durchzieht physisch der Blutkreislauf den gesamten menschlichen Organismus und wendet sich dabei gleichsam nach zwei Seiten, nach dem Innenwesen des Menschen mit den sieben Organen und so weiter, und dann haben wir wieder ein Sichaufschließen nach außen, ein In-Verbindung-Treten mit der äußeren Welt. Wir können also im höchsten Sinne des Wortes von einem Kreislauf der Kräfte sprechen, welche hinter den physischen Erscheinungen stehen und welche durch das Ich einen Verbindungspunkt finden.
[ 11 ] Nun müssen wir uns einmal mit den einzelnen Phasen dieses Kreislaufes noch etwas beschäftigen. Da handelt es sich ja zunächst darum, daß wir noch einmal den Ernährungsprozeß verfolgen, das Aufnehmen der Nahrungsstoffe, welche dadurch, daß sie vom Ätherleibe oder vielmehr von der Kraft des Ätherleibes ergriffen werden, zu einem lebendigen Strom im menschlichen Organismus werden; dann stellt sich ihnen gegenüber das innere Weltsystem, die sieben Organe, und zwar deshalb, weil - wie wir schon gesehen haben — der Mensch sonst nicht hinauskommen würde über das pflanzenhafte Dasein. Auf einer weiteren, höheren Stufe ist es notwendig, daß sich entgegenstellen dem Nahrungsstrom die Funktionen dieser sieben Organe. So wirkt also das, was aus der eigentlichen astralischen Natur des Menschen kommt, dem belebten Nahrungsstrom entgegen; der Nahrungsstrom kommt von außen, und das, was die innere Menschennatur ist, wirkt dem entgegen. Zunächst begegnet dem Nahrungsstrom, also der aufgenommenen Außenwelt, der Ätherleib, der die Nahrungsstoffe umwandelt im Verdauungssystem; dann tritt ihm entgegen der Astralleib des Menschen, wandelt die Nahrungsstoffe weiter um und gliedert sie so ein, daß sie immer mehr und mehr der inneren Regsamkeit des Organismus angepaßt werden. In seinem weiteren Verlauf muß der Nahrungsstrom auch erfaßt werden von den Kräften des Ich, des Blutes selber. Das heißt, es muß das Werkzeug des Ich mit seinem Wirken herunterreichen bis dahin, wo der Ernährungsstrom aufgenommen wird. Tut dies das Blut? Bewahrheitet sich das, was wir aus der okkulten Anschauung heraus sagen müssen?
[ 12 ] Ja, das Blut wird heruntergetrieben in die Ernährungsorgane ebenso wie in alle anderen Organe. Es macht in den Ernährungsorganen einen Prozeß durch, durch den es erst das vollständige Werkzeug des menschlichen Ich in der physischen Welt sein kann. Wir wissen, daß das Blut als Werkzeug des menschlichen Ich den Übergang durchmachen muß von dem sogenannten roten in blaues Blut. Das Ich wirkt mit seinem Werkzeuge, dem Blut, bis herunter zu den Anfängen der Verdauungs- und Ernährungsprozesse. Da haben wir es nun auch wieder mit einem Widerstand zu tun. Wie geschieht das? Das geschieht, indem das Blut durch das Pfortadersystem in die Leber eintritt und dort aus sozusagen verändertem Blut die Galle bereitet wird und die Galle sich wiederum unmittelbar dem Nahrungsstrom entgegenstellt. Hier in der Galle haben wir eine wunderbare Verbindung der beiden Enden der inneren menschlichen Organisation. Auf der einen Seite stellt der vom Verdauungskanal aufgenommene Nahrungsstrom das äußerste Materielle dar, was in unseren physischen Organismus hineingelangt, auf der anderen Seite steht das Ich, das Edelste, was der Mensch innerhalb der Erdenwelt haben kann, mit seinem Werkzeug, dem Blut. Das Ich stellt eine unmittelbare Verbindung her mit dem äußersten Materiellen, indem es am Ende des Blutprozesses auf dem Umwege über die Leber die Galle bereitet, und in der Galle stemmt sich - in dem umgewandelten, veränderten Blut - dem Nahrungsstrom entgegen das Ich.
[ 13 ] Da sehen wir das Ich hinunterwirken bis in das gröbste Materielle und dann wieder hochorganisierte Stoffe wie die Galle aus sich heraussetzen. Und wer diese intimen Vorgänge zwischen Blut, Galle und Ernährungsprozeß verstehen will, der kann gerade in diesen Tatsachen etwas finden, was ihm viele Geheimnisse des menschlichen Organismus klarer erscheinen läßt; und er kann, wenn er diese Prozesse weiterverfolgt, zum Beispiel auch abnorme Prozesse, wie sie sich aus einer Rückstauung der Galle, einer Rückergießung der Galle ins Blut bei der sogenannten Gelbsucht ergeben, richtiger beurteilen und behandeln. Doch das würde heute zu weit führen, wenn wir solche Dinge auch noch ausführten.
[ 14 ] So sehen wir, wie in der Tat die sieben Organe sich bis in das Wirken des Ätherleibes hinuntererstrecken und die Einwirkungen des Ich von oben in sich aufgenommen haben. Wir haben also in der Galle etwas, das sich unter dem Einfluß des Ich dem Nahrungsstrom direkt entgegenstellt. Will die Galle auf den Nahrungsstrom wirken, der im Verdauungsprozeß schon ein Lebendiges geworden ist, so muß sie ihm auch als eine lebendige Substanz entgegentreten können. Das geschieht dadurch, daß sie eben aus einem Organ heraus gebildet wird, welches zu den sieben Gliedern des inneren Weltsystems gehört, die das innere des Menschen beleben, so daß damit die Galle als inneres Leben dem von außen kommenden begegnet.
[ 15 ] Wie die Galle mit der Leber in Verbindung steht, so finden wir die Leber wiederum in Verbindung mit der Milz. Wenn wir diese Organe Leber, Galle, Milz ins Auge fassen, so müssen wir sagen, diese Organe sind es, welche sich dem Ernährungsstrom unmittelbar entgegensetzen und ihn so umwandeln, daß er fähig wird, zu höheren Stufen der menschlichen Organisation aufzusteigen. Sie haben aber auch diejenigen Organe zu versorgen, die sich nach außen aufschließen, und das tun das Herz, die Lungen, auch schon der Verdauungskanal selber, vor allen Dingen aber die Organe des Kopfes, die Sinnesorgane.
[ 16 ] Nun haben wir uns schon früher klar gemacht, daß alles innere Erleben mit Absonderungsprozessen eng verbunden ist. Deswegen haben wir auch diese Absonderungsprozesse besonders betrachtet. Leber, Galle und Milz haben im Sinne jener Vorgänge in der Gesamtorganisation zunächst nichts unmittelbar mit Absonderungsprozessen zu tun, sie sondern zwar Stoffe ab, aber das hat mit der Ernährung zu tun. Sie vermitteln das aufsteigende Leben, das von den niedersten Lebensformen sich hinwendet zum Organ der Bewußtheit, zum Bewußtsein selbst. Indem aber diesen Organen als ein viertes Organ das Herz sich angliedert und das Herz durch den Blutumlauf sich auch nach außen aufschließt, erlangt der Mensch sein IchBewußtsein. Er würde aber nicht in der Lage sein, dieses Ich als das zu erleben, was der Außenwelt gegenübersteht, wenn er nicht dieses nach außen schauende Ich in Beziehung bringen würde zu dem, was er als dumpfes Bewußtsein seines inneren Leibeslebens schon besitzt. Er muß zu den Absonderungsprozessen des inneren Organismus noch einen anderen hinzufügen, welcher ihm auch ein Erleben seines Inneren vermittelt mit dem Ich, das im Blute sein Werkzeug hat.
[ 17 ] Zunächst erlebt der Mensch durch die Absonderung der Lymphe sein Innenleben nur in dumpfem Bewußtsein. Dann aber muß auch aus dem Blute abgesondert werden können, und in dieser Absonderung wird der Mensch gewahr, daß er als Eigenwesenheit der Außenwelt gegenübersteht, als inneres Ich. Der Mensch würde aber in seinem Erleben der Außenwelt so gegenüberstehen, daß er sich selbst innerlich verlöre, würde er nicht wissen, daß das dasjenige, was da die Luft atmet und die Ernährungsstoffe von außen aufnimmt und verarbeitet, dasselbe Wesen ist wie das, welches er im Inneren erlebt. Daß der Mensch sich nicht verliert, daß er mit seinem Eigenwesen der Außenwelt gegenübersteht, das ist dadurch möglich, daß er durch die Lungen aus dem umgewandelten Blut absondert die Kohlensäure und durch die Nieren die umgewandelten Stoffe absondert, die aus dem Blut heraus kommen.
[ 18 ] Damit sind in ihrer Funktion sowohl die Organe gekennzeichnet, die einen aufsteigenden Prozeß vermitteln, Leber, Galle, Milz, wie auch diejenigen Organe, die einen absteigenden Prozeß vermitteln, Lungen und Nieren. Wir dürfen da aber nicht schematisieren — das geht bei theosophischen Betrachtungen überhaupt nicht —, wir müssen sehen, daß die Lungen, indem sie sich nach außen aufschließen, auch einen aufsteigenden Prozeß vermitteln. Wir sehen also, wie diese sieben wichtigsten Glieder des inneren menschlichen Weltsystems zusammenhängen mit dem inneren Erleben des Menschen und mit dem Sichaufschließen nach außen. Diese sieben Glieder verwandeln auf der einen Seite die Eigenregsamkeit der Nahrungsstoffe in innere Regsamkeit des Organismus und versorgen mit diesen umgewandelten Stoffen den menschlichen Organismus. Sie machen es möglich, daß der Mensch sich wieder nach außen aufschließt. Sie machen es aber auch möglich, daß das, was der Mensch als eine zu starke innere Regsamkeit entwickelt, abgestoßen wird nach außen durch die Absonderungsprozesse der Lungen und Nieren. Durch die Arbeit der Lungen und Nieren haben wir also eine regelmäßige Regulierung der Regsamkeit der menschlichen Organsysteme. Dieses ganze Verhältnis, in dem die menschlichen Organsysteme zueinander stehen, das drückt sich so aus, daß man im Okkultismus in der Tat kein besseres Bild dafür geben konnte, als daß man sagte: Das Herz als Sonne steht im Mittelpunkt und beeinflußt die drei Organe des inneren Weltsystems, die die aufsteigenden Prozesse besorgen, Leber, Galle, Milz. So wie im Makrokosmos die Sonne im Planetensystem steht zu den äußeren Planeten Jupiter, Mars, Saturn, so steht im Mikrokosmos, im menschlichen Organismus, die innere Sonne, das Herz, zu Leber-Jupiter, Galle-Mars, Milz-Saturn. Ich müßte nun nicht wochenlang, sondern monatelang reden, wenn ich Ihnen alle die Gründe auseinandersetzen wollte, warum vor einem genauen und intimen okkulten Beobachten das Verhältnis der Sonne zu den äußeren Planeten unseres Planetensystems wirklich in Parallele gesetzt werden darf zu dem Verhältnis, das im menschlichen Organismus das Herz hat zu dem inneren Weltsystem, zu Leber, Galle und Milz. Es ist in der Tat das äußere Verhältnis absolut so hereingenommen, daß in der Wechselwirkung dieser Organe sich das widerspiegelt, was in der großen Welt des Makrokosmos, in unserem Sonnensystem vor sich geht. Und ebenso ist es berechtigt, davon zu sprechen, daß die Vorgänge, die sich abspielen zwischen der Sonne und den inneren Planeten bis zu unserer Erde herunter, sich widerspiegeln in dem Verhältnis des Herzens zu den Lungen und zu den Nieren. So haben wir in diesem inneren Weltsystem des Menschen etwas, was das äußere Weltsystem widerspiegelt.
[ 19 ] Wir haben im Verlaufe der Vorträge auch schon angedeutet, wie in der Tat, wenn wir hellseherisch hinuntertauchen in das eigene Innere, wir aufhören, unsere inneren Organe nur so wahrzunehmen, wie sie sich dem äußeren Anblick des physischen Auges darbieten. Wir müssen hinauskommen über das Phantasiebild, das sich die äußere Anatomie von unseren Organen macht, indem wir aufsteigen zur Betrachtung der wirklichen Gestalt, die diese Organe haben, wenn wir berücksichtigen, daß diese Organe ja Kraftsysteme sind. Durch die äußere Anatomie kann gar nicht das wirkliche Sein dieser Organe ergründet werden, denn sie sieht ja in ihnen nur die hineingestopften umgewandelten Nahrungsstoffe. Und gerade dadurch, daß die äußere Wissenschaft nur diese Anschauung gelten lassen will, kann sie nicht die inneren Kraftsysteme, welche den Organen zugrundeliegen, erkennen. Für denjenigen aber, der in der Lage ist, das, was diesen Organen als Kraftsysteme zugrundeliegt, durch hellseherische Beobachtung zu schauen, der sieht, wie berechtigt es ist, die Organe mit den Namen der Planeten zu benennen, weil er erkennt, wie das Verhältnis zwischen den Planeten unseres äußeren Weltsystems sich wiederholt in unserem inneren Organsystem.
[ 20 ] Nun haben wir gestern gesagt, daß die Organe eine zu starke innere Regsamkeit entwickeln können. Jedes einzelne der Organe kann eine zu starke Regsamkeit entwickeln, und diese Unregelmäßigkeit kann sich so ausdrücken, daß sie sich auf den ganzen Organismus auswirkt. Nun habe ich schon gestern darauf hingedeutet, daß wenn durch solche zu starken inneren Regsamkeiten etwas wie ein eigensinniges Eigenleben in den inneren Organen auftritt, es notwendig ist, dasjenige entgegenzusetzen, was diese inneren Regsamkeiten dämpft. Das heißt, wenn die inneren Organe zu stark umsetzen, zu stark umwandeln die äußeren Regsamkeiten der Nahrungsstoffe, wenn sie ein zu starkes inneres Verwandlungsprodukt liefern, dann müssen wir ihnen etwas von außen entgegensetzen, das sie eindämmt, das die übermäßige innere Regsamkeit dämpft.
[ 21 ] Wie kann das geschehen? Wenn wir ein Organ des inneren Systems treffen wollen, das eine zu starke innere Regsamkeit entwickelt, so müssen wir in der Außenwelt dasjenige suchen, welches die entgegengesetzte Regsamkeit hat, und dies dem Organismus zuführen, um dadurch die zu starke Regsamkeit des Organs bekämpfen zu können. Das heißt, wir müssen versuchen, jene äußeren Regsamkeiten aufzufinden, welche den Regsamkeiten der einzelnen Organe entsprechen. Im Mittelalter haben die Menschen noch vieles davon gewußt, wie die Stoffe der Umwelt, also äußere Substanzen, der übertriebenen Regsamkeit der Organe entgegenwirken können. Für den heutigen Menschen, dem solche Dinge oft nur aus verballhornten Schriften des Mittelalters entgegentreten, in denen er nichts als bunten Aberglauben sehen kann, hört sich das ganz sonderbar an. Aber von der okkulten Wissenschaft ist das Entsprechen der Organe des inneren Weltsystems mit gewissen äußeren Substanzen durch Jahrtausende sorgfältig, tief und gründlich untersucht worden, und unzählige Beobachtungen, die mit dem hellsichtigen Auge gemacht worden sind, haben erwiesen, daß zum Beispiel dem übermäßig tätigen inneren Jupiter, der Leber, Einhalt geboten werden kann durch die Metallsubstanz des Zinns. Die übermäßige innere Regsamkeit der Galle bekämpfen wir durch dasjenige, was in der Metallsubstanz des Eisens zum Ausdruck kommt. Das ist gar nicht zu verwundern, denn Eisen ist das einzige Metall, das wir in unserem Blut haben müssen als wesentlichen Bestandteil für das Werkzeug des Ich, und wir haben ja gesehen, daß in der Galle gerade dasjenige Organ vorliegt, welches vermittelt die Verbindung von dem Ich mit dem dichtesten Materiellen, das dem Menschen eingelagert wird, dem Nahrungsstrom. Ebenso können wir sagen, daß die Milz ihre äußere Entsprechung hat in dem Metall Blei. Dem Herzen - Sonne - entspricht das Gold. Den Lungen — Merkur -, das sagt der Name selbst, entspricht das Quecksilber und den Nieren das Metall Kupfer, also die Venus. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
[ 22 ] Saturn Milz Blei
Jupiter Leber Zinn
Mars Galle Eisen
Sonne Herz Gold
Merkur Lungen Quecksilber
Venus Nieren Kupfer
[ 23 ] Nun müssen wir, wenn wir mit den Regsamkeiten, die in diesen Metallen sich finden, die überhandnehmenden Regsamkeiten des inneren Organismus bekämpfen wollen, uns darüber klar sein, daß alles im Organismus mehr oder weniger zusammenhängt und daß ja die einzelnen Organsysteme parallel miteinander gebildet werden, daß also nicht etwa der Mensch zuerst als kopfloses Wesen entstanden ist; sondern es bilden sich natürlich diejenigen Organe, welche in Zusammenhang stehen mit dem oberen Blutkreislauf, das GehirnRückenmarksystem, gleichzeitig mit den Organen des inneren Weltsystems.
[ 24 ] Wie wir gesehen haben, daß es einen nach oben gehenden und einen nach unten gehenden Blutkreislauf gibt, so haben wir auch ein Hinaufwirken des Lymphprozesses, dem wir ein dumpfes Bewußtsein zuerkannt haben, zu den oberen Partien des menschlichen Organismus. Und es besteht nun die Tatsache, daß das, was dem Blutstrom oben eingegliedert ist, in gewisser Weise demjenigen entspricht, was dem unteren Blutstrom eingegliedert ist, und wir können sehen, daß die vorher genannten Metalle auch eine Verwandtschaft haben zu dem oberen Organsystem des Menschen. Sie wissen, daß die Lunge sich aufschließt nach außen zum Kehlkopf, der ein Organ des oberen menschlichen Organismus ist. Wie wir für die Galle im unteren Organsystem einen Zusammenhang zu sehen haben mit dem Eisen, so können wir das Eisen im oberen Organsystem in Verbindung bringen mit dem Kehlkopf. Diese Dinge sind natürlich schwierig, aber ich möchte doch einiges davon andeuten. So wie wir einen Zusammenhang vermerkt haben zwischen Galle und Kehlkopf in bezug auf das Eisen, so gibt es auch in bezug auf das Zinn — Jupiter — eine gewisse Entsprechung zwischen den oberen Teiles unseres Kopfes mit allem, was als Vorderhaupt und als Gehirnbildung dazugehört, und der Leber; und in bezug auf das Blei — Saturn - eine Entsprechung zwischen Hinterhaupt und Milz.
[ 25 ] Auf diese Weise haben wir unsere Betrachtungen erstrecken können auf alles das, was dem menschlichen Blutkreislauf eingegliedert ist in den sieben Gliedern des inneren Weltsystems, und darauf, wie es in Zusammenhang steht mit der äußeren Welt. Für das normale wie für das abnorme Leben können wir diese Entsprechungen in Betracht ziehen. In diesen Entsprechungen der Metalle zu den inneren Organen haben wir eine höchst interessante Tatsache. Und wenn einmal nicht in chaotischer Weise, sondern systematisch dasjenige untersucht und zusammengestellt würde, was unsere therapeutischen Bücher an vielfachen Angaben enthalten, dann würden diese Entsprechungen sich schon ganz von selbst nachweisen lassen aus den äußeren Tatsachen. Und wenn heute solche Ausführungen noch als Phantasiegebilde betrachtet werden, so kann sich der Okkultist dazu ganz ruhig verhalten, denn er weiß, daß die Zeit kommen muß, wo die äußeren Tatsachen seine Behauptungen bestätigen werden.
[ 26 ] Nun dürfen wir nicht denken, daß wir zum Beispiel bei einer Nierenkrankheit ohne weiteres gewöhnliches Kupfer geben müßten; das wäre natürlich ein Fehler. Wenn wir dem Organismus metallische Substanzen zuführen wollen, so müssen wir sie erhitzen, so daß sie in eine Art Metalldampf übergehen. Dabei entwickelt sich etwas wie dampfförmige Körperchen, und in dieser Form kann die Metallität auf die inneren Organe wirken. Nehmen wir jetzt das Blutsystem, so wäre bei Erkrankungen mit Metallen nichts geholfen. Wir haben schon darauf hingewiesen, daß im Blutsystem eine Art Salzablagerung vor sich geht. Und geradeso nun, wie auf die inneren Organe das Metallische wirkt, so wirkt auf das Blutsystem das Salzartige. Will man nun das Blutsystem durch äußere Mittel beeinflussen, so muß man ihm Salzartiges zuführen. Dies kann geschehen durch Einatmen von salzhaltiger Luft, durch Salzbäder oder dergleichen. Wir können aber auch von der anderen Seite, durch den Verdauungsprozeß, Salze oder Salzbildendes zuführen, so daß wir in der Lage sind, von zwei Seiten her den Prozeß der Salzbildung, der Salzeinlagerung hervorzurufen.
[ 27 ] Wenn Sie sich erinnern an das, was ich gestern ausgeführt habe über die physischen Wirkungen der inneren geistig-seelischen Prozesse, so werden Sie sich leicht denken können, daß alles dasjenige, was im Gegensatz zu den im Metallischen wirkenden Vorgängen steht, die physische Wirkung der Gefühlsprozesse ist, denn diese Gefühlsprozesse stehen in engstem Zusammenhang mit den Quellungsprozessen im Blut, die aber aufgehalten werden können durch Zuführung äußerer metallischer Stoffe, welche die entgegengesetzte Regsamkeit zeigen. Wenn zum Beispiel die Verdauungstätigkeit überhand nimmt und dort, wo der Ernährungsstrom vom Ätherleib ergriffen wird, eine eigene Regsamkeit entwickelt, so können wir dieser entgegenwirken durch geeignete Salzzuführung; denn, übertreibt der Ätherleib diesen Prozeß des Ergreifens des Ernährungsstromes, so bedeutet das ein zu starkes Aufnehmen des Salzes. Er muß abgedämpft werden durch die Zufuhr der äußeren Regsamkeit eines Salzes.
[ 28 ] Dann haben wir Prozesse, welche sich äußerlich abspielen als Verbrennungs- oder Oxydationsprozesse; das sind solche Prozesse, wo sich etwas mit dem Sauerstoff der Luft verbindet. Alle diejenigen Stoffe, die sich leicht mit dem Sauerstoff der Luft verbinden, durchstrahlen, wenn sie in den Organismus aufgenommen werden, mit ihrer Regsamkeit den Organismus am weitesten. Während Salze, wenn wir sie dem Organismus zuführen, nur bis zu einem mäßigen Grade auf den Organismus wirken, kann die Metallität bis in das innere Weltsystem hinein wirken. Und in der Luft, also in den Stoffen, die sich leicht mit dem Sauerstoff der Luft verbinden, haben wir etwas, was, wenn es in den Körper aufgenommen wird, den ganzen Organismus durchstrahlt bis in das Blutsystem hinein. So werden wir es begreiflich finden können, daß wir durch solche Vorgänge, die eine zu starke innere Regsamkeit in der Wärmeentwickelung bilden, die ja der äußere Ausdruck der Willensimpulse ist, in unserem ganzen Organismus uns beeinflußt fühlen. Bei den organischen Rückwirkungen des Denkerischen ist das nicht so; wenn wir auf diese unser Augenmerk richten, fühlen wir, daß diese Wirkungen nur in gewissen Organen sich abspielen. Sie sehen daraus, wie außerordentlich kompliziert der ganze Apparat des menschlichen Organismus ist und wie kompliziert sein Verhältnis zur Außenwelt ist.
[ 29 ] So haben wir jetzt gezeigt, wie dem menschlichen Organismus mit seiner eigenen inneren Regsamkeit entgegengesetzt werden kann die äußere unorganische, unbelebte Natur, und wie durch Salze und durch verdampfte Metallität auf den Organismus eingewirkt werden kann. Aber wir haben auch die Möglichkeit, aus anderen Bereichen der Natur auf den Menschen einzuwirken. Wir können dem menschlichen Organismus ebenso das entgegensetzen, was die regsamen Kräfte in der Pflanzenwelt sind. Wenn wir ein pflanzliches Heilmittel einfach als Nahrung aufnehmen, so würden wir dadurch nicht viel erreichen, weil, wie wir gesehen haben, die inneren Organe dafür sorgen, daß den eingenommenen Stoffen ihre eigene Regsamkeit genommen wird. Soll also die Pflanze in den menschlichen Organismus so aufgenommen werden, daß sie auch in ihrer Eigenschaft als Pflanze weiterwirkt, so kann das nicht geschehen, wenn wir sie als Nahrung zu uns nehmen. Dieses Pflanzliche kann auf das Ich nicht einwirken, denn die Pflanze hat als höchstes Glied nur einen Ätherleib. Das Pflanzliche wird also einfach aufgenommen, da wo der Nahrungsstrom eingefangen wird vom Ätherleib, so daß das Pflanzliche als Heilmittel noch nicht im Verdauungskanal in Betracht kommen kann, sondern erst in jenen Organen, in die neben dem Ätherleib auch schon der astralische Leib des Menschen hineinwirkt. Aus diesem Grunde beginnt das Pflanzliche erst zu wirken auf das innere Weltsysteem und auf das sympathische Nervensystem und das Lymphsystem. Nicht mehr erstreckt sich die Wirkung des Pflanzlichen dahin, wo der Mensch durch das Blut sich wiederum aufschließt der äußeren Welt. Die Pflanze ist zugeordnet dem mittleren Teil des menschlichen Organismus, so daß alles, was in dem Pflanzlichen gesucht werden kann an Regsamkeit, nur wirken kann auf alles das, was zu dem inneren Weltsystem gehört und auf die entsprechenden Organe des Kopfes und des oberen Teiles des Organismus. Wenn die Tätigkeiten, die Funktionen dieser Organe gestört sind, wenn sie in einer abnormen Weise wirken, dann kommt zur Bekämpfung die Einwirkung des Pflanzenhaften in Betracht.
[ 30 ] Wir haben also gesprochen über die Wirkungen von Metallen, Salzen und Pflanzen. Es ist nun nicht angezeigt, in unseren Betrachtungen noch auf weitere Arten der Bekämpfung von Unregelmäßigkeiten oder Störungen im menschlichen Organismus einzugehen, nicht so sehr deshalb, weil die Zeit zu kurz ist, sondern in der Hauptsache, weil sich Theosophen am besten fernhalten von all den Gebieten, die heute in den Streit der Parteien hineingezogen werden. Das, was bis jetzt aufgezählt worden ist, gehört nicht dem Streit der Parteien an; man kann es einfach aufnehmen, und dann wird man schon die Richtigkeit einsehen; oder aber die Menschen halten es eben für reinen Unsinn, für Phantasterei. Das macht nichts. Denn da müßte man als Theosoph überhaupt schweigen, wenn man alle Dinge nicht sagen wollte, die von den Menschen als Unsinn angesehen werden. Wenn wir aber die Einwirkungen tierischer Substanzen auf den Menschen untersuchen wollten, so würden wir in den Streit der Parteien hineinkommen und man könnte dann meinen, Theosophie wolle sich einmischen in diesen Streit, der sich abspielt zwischen den Vorkämpfern und den Bekämpfern der Heilmethoden auf dem Gebiete des Tierischen. Und es kann niemals Aufgabe des Theosophen sein, sich in solche fanatischen Streitigkeiten zu mischen, denn dann würden wir Gefahr laufen, den objektiven allgemein-menschlichen Standpunkt zu verlassen.
[ 31 ] Das eine aber haben wir gesehen, wenn auch die Andeutungen alle nur skizzenhaft waren, daß dieser menschliche Organismus ein kompliziertes System ist von einzelnen Organen, die auf verschiedenen Stufen der Entwickelung stehen und die in der mannigfaltigsten Weise unter sich und mit dem Gesamtorganismus zusammenhängen. Was als physischer Organismus des Menschen sichtbar ist, was wir mit Augen sehen, mit Händen greifen können, ist nur ein Teil der menschlichen Organisation; das Übersinnliche aber, das da hineinwirkt, das nehmen wir nicht in solcher Weise sinnlich wahr, das erschließt sich erst dem geistigen Auge des Sehers. Wir dürfen also nicht sagen, daß alle Organe sich gleichmäßig ausgebildet haben, sondern es hat sich gezeigt, daß wir den menschlichen Organismus so anzusehen haben, daß darin Älteres und Jüngeres zu erkennen ist. Wir haben ja schon hervorgehoben, daß wir zum Beispiel das Gehirn als ein älteres, höher entwickeltes Organ anzusehen haben als das Rückenmark und daß das Gehirn früher gewissermaßen auf der Stufe des Rückenmarks gewesen ist. In analoger Weise können wir das Verdauungs- und das Blutsystem betrachten gegenüber dem Lymphsystem. Hier haben wir das Lymphsystem vergleichsweise auf die Stufe des Rückenmarks zu stellen, es ist also das jüngere, während das komplizierte Verdauungsund das Blutsystem bereits in vielfacher Weise umgewandelt und älter sind als das Lymphsystem, das sich nicht nach außen aufschließt und seine Stoffproduktion nur nach innen in die Gewebe absondert. Das ist ein sehr wichtiger Gesichtspunkt. Wir haben also unser heutiges Lymphsystem anzusehen als etwas, das, wenn es nicht eingelagert wäre den anderen Systemen, bei fortschreitender Entwickelung zu einem Verdauungs- und Blutsystem würde.
[ 32 ] Ein einfacheres Vermittlungssystem des Bewußtseins haben wir im Lymphsystem; das, was komplizierter ist, haben wir im VerdauungsBlutsystem. Wir haben also im menschlichen Organismus Organe zu suchen, welche aus Organsystemen hervorgegangen sind, die früher andere Aufgaben hatten. Die Mitteilungen, die hier darüber gemacht worden sind, würden auch für die äußere Wissenschaft sehr klar nachzuweisen sein, wenn man sich damit vertraut machen wollte. Alles, was über die Umwandlung der Organe gesagt worden ist, läßt sich nachweisen durch embryologische Untersuchungen. Bei einem jeglichen Lebewesen ist es so, daß dasjenige, was im Laufe der Entwickelung später erscheint, in der Keimanlage bereits vorgebildet ist. Wenn wir vom ausgebildeten Menschenorganismus bis zum befruchteten Keim zurückgehen, so könnten wir mit geeigneten Methoden die komplizierten Organsysteme in ihrer allerersten Anlage bereits angedeutet finden, und zwar so, daß sie selbst in der allerersten Anlage schon zeigen, wie sie eigentlich zueinander stehen.
[ 33 ] Wenn Sie sich einmal das anschauen, was wir als äußere Umhüllung, als Begrenzung des Menschen vor uns haben in seiner Haut, und dann weiterhin das, was zu den ihr eingelagerten Sinnesorganen führt, so werden Sie sich sagen können, daß alles das, was da in dieser äußersten Begrenzung des Menschen vorhanden ist, schon umgewandelt sein muß aus einem Anderen. Denn es ist schon ein sehr kompliziertes System, dem auch ein Gehirn angehört; und ein Gehirn ohne langwierige Vorbereitung sich zu denken ist unmöglich. Wir müssen uns also denken, daß die äußere Umhüllung des Menschen ein Umwandlungsprodukt ist, ähnlich wie wir ja das Gehirn als ein umgewandeltes Rückenmark bezeichnet haben und das Ernährungsund Blutsystem als ein Umwandlungsprodukt des Lymphsystems. Während nun das Rückenmark und das Lymphsystem auf früheren Stufen eine aufsteigende Tendenz zeigten, müssen wir von dem heutigen Rückenmark- und Lymphsystem sagen, daß sie in absteigender Entwickelung begriffen sind. Man würde auch zeigen können, daß das Blut in seiner heutigen Konfiguration ein doppeltes Umwandlungsprodukt ist. Dadurch, daß sich das Verdauungs- und Blutsystem nach außen aufschließt, wird es zu einem umgewandelten Lymphsystem. Wäre das Verdauungssystem mit seinen Bewegungen nur nach innen hin entwickelt, wäre es ganz nach innen abgeschlossen, hätten wir in ihm eine ähnliche Tätigkeit wie in der heutigen Lymphtätigkeit. Bei ihr wird nur dasjenige aufgenommen, was über die Gewebe zugeführt wird.
[ 34 ] So ist auf der einen Seite in der äußeren Umgrenzung des Menschen, im Hautsystem, ein Umgewandeltes zu sehen aus einem anderen System, dem Blutsystem, das ich hier so zeichnen will, und auch in dem Verdauungssystem haben wir die Umwandlung aus einem anderen System zu sehen, das heute in absteigender Entwickelung ist. Wir müssen nun festzustellen suchen, ob wir diese auf- und absteigende Natur von Organsystemen schon angedeutet finden in der Keimanlage. Und in der Tat zeigt sich, daß wir den Gesamtorganismus in der Keimanlage angedeutet finden - ich will es schematisch zeichnen - in den vier übereinanderliegenden Keimblättern, die man nennt: das äußere Keimblatt — Ektoderm -, das innere Keimblatt — Entoderm — und das Mesoderm - das äußere und das innere mittlere Keimblatt.
[ 35 ] Dabei haben wir im Sinne unserer Anschauung über die Entwickelung das äußere Keimblatt, das Ektoderm, das man in der heutigen Anatomie auch das Hautsinnesblatt nennt, anzusehen als ein Umwandlungsprodukt, das seine erste Anlage zeigt in dem äußeren Mittelblatt, dem äußeren Mesoderm. In diesem haben wir dasjenige als Keimanlage vor uns, was auf einer höheren Stufe in dem Hautsinnesblatt uns vor Augen tritt. Und in dem inneren Mittelblatt, dem inneren Mesoderm, haben wir die jüngere Bildung dessen vor uns, was sich später im Entoderm, im Darmdrüsenblatt, zeigt.
[ 36 ] Wenn wir den menschlichen Keim in seiner Entwickelung betrachten, so haben wir die erste Anlage des Menschen in den beiden mittleren Keimblättern angedeutet, in den Mesodermen; die beiden anderen Keimblätter, Ektoderm und Entoderm, sind bereits umgewandelt. Die beiden Mittelblätter sind also die, welche den ursprünglichen Zustand darstellen, während Ektoderm und Entoderm die höhere Entwickelung zeigen.
[ 37 ] Nun wissen wir, daß die entwickelungsfähige Keimanlage des Menschen zusammenfließt aus zwei Anlagen, aus der weiblichen und der männlichen Keimanlage, und daß eine Neuentwickelung nur entstehen kann durch das lebendige Zusammenwirken dieser beiden Anlagen. In den beiden Keimanlagen müssen also getrennt enthalten sein alle die Prozesse, die nur vereint die Keimanlage für den menschlichen Organismus bilden.
[ 38 ] Was zeigt uns nun der Okkultismus in bezug auf die hierbei obwaltenden Verhältnisse? Er zeigt uns, daß unter den heutigen physischen Bedingungen der weibliche Keim [Entoderm] nur imstande ist, eine solche menschliche Körperanlage zu produzieren, die, wenn sie sich einzeln entwickeln wollte, nicht das entwickeln könnte, was wir das Formprinzip nennen, das zuletzt zur Einlagerung des Knochensystems führt, das dem Menschen seine Festigkeit gibt; und auch das Hauptsinnessystem würde nicht durch den weiblichen Keim geliefert werden können. Es ist der weibliche Keim so angelegt, daß man fast sagen könnte, das, was da entsteht, würde zu gut sein für die Welt, so wie sie heute besteht, denn es sind nicht alle Prozesse in der äußeren physischen Welt vorhanden, welche einem solchen Organismus notwendig wären. Dieser weibliche Menschenorganismus könnte sozusagen nicht bis zu jener «Vererdigung» fortschreiten, wie sie in dem eingelagerten Knochensystem zum Ausdruck kommt, und er hätte nicht die Möglichkeit, verbunden zu sein mit der Außenwelt durch die Sinne. Er müßte in den äußeren Bedingungen eine Stütze finden, um sein weicheres inneres Material, das er anstelle des festen Knochengerüstes hätte, auszugleichen; er könnte sich nicht nach außen aufschließen, sondern würde in seinem inneren Leben abgeschlossen bleiben. Das ist der weibliche Anteil an der Keimanlage; er würde über das Ziel dessen hinausschießen, was heute in unserem irdischen Dasein möglich ist, einfach weil in den heutigen physischen Erdenverhältnissen nicht die Bedingungen gegeben sind, welche ein solcher verfeinerter Organismus nötig hätte, der so wenig zur Vererdigung und zum Aufschließen nach außen angelegt ist. Ein solcher Organismus wäre unter den heutigen irdischen Verhältnissen von vornherein zum Tode bestimmt. So ist wirklich der menschlichen Keimanlage, gerade durch die Tendenz, daß der Mensch in seiner Fortentwickelung zu weit kommen könnte, schon die Ursache dafür eingeprägt, daß der Mensch zum Tode bestimmt ist.
[ 39 ] Der andere Anteil der Keimanlage, der männliche [Ektoderm], ist in der genau umgekehrten Lage. Wenn die männliche Keimanlage allein sich entwickeln würde, so würde dies zu mächtiger Entfaltung dessen führen, was sich kundgibt in dem Sichaufschließen nach außen im Hautsinnessystem, und dessen, was zur Verfestigung im Knochensystem führt, also nach der anderen Seite über das Ziel hinausschießen. Eine solche Einseitigkeit würde ebensowenig eine lebensfähige Keimanlage hervorbringen können wie der weibliche Keim für sich, denn der Organismus, den die männliche Keimanlage entwickeln würde, würde so starke Kräfte entfalten, daß er sich selbst zerstören und zugrunde gehen müßte unter den Verhältnissen, wie sie heute auf der Erde vorhanden sind, das heißt, er würde unter diesen heutigen Verhältnissen auf der Erde als Organismus nicht bestehen können. Der männliche Keim kann daher nur dann zu einem lebensfähigen Ausdruck kommen, wenn er mit der weiblichen Keimanlage zusammenwirkt. Nur dadurch, daß die beiden Keimanlagen sich ausgleichen, daß dasjenige, was in der weiblichen Keimanlage zum Tode bestimmt ist, sich ausgleicht mit dem der männlichen Keimanlage durch den Befruchtungsprozeß, ist eine lebendige Gesamtanlage des Menschen möglich. Was an Kräften zusammengedrängt vorhanden ist in der männlichen Keimanlage, das würde, wenn es für sich allein auswachsen würde, unendlich unter das Irdische hinunterführen, es würde zu einer viel größeren Verhärtung des Knochensystems führen, zu einem weit größeren Sichaufschließen und Aufgehen in der Außenwelt. Diese beiden organischen Keime müssen sich schon in ihrer allerersten Entstehung zu weiterer Entwickelung zusammenfinden, denn einzeln ist jede von ihnen zum Tode bestimmt. Nur die lebendige Wechselwirkung dessen, was nach beiden Seiten hin das Überhandnehmen des einen über das andere verhindert, ergibt die für das Erdendasein des Menschen mögliche Keimanlage.
[ 40 ] So sehen wir, wenn es auch nur in skizzenhafter Art gezeigt werden konnte, daß wir die geistigen Tatsachen bis dahin zurückverfolgen können, wo der Mensch seinesgleichen hervorbringt. Wir würden dies natürlich noch viel ausführlicher darstellen können, aber in einem kurzen Zyklus läßt sich natürlich nicht alles sagen. Wenn wir noch tiefer hineinleuchten würden, so würden wir sehen, wie sich bewahrheitet, daß auch das Minuziöseste auf geistige Tatsachen zurückgeht, bis hin zu dem, was hier über die übersinnlichen Kraftsysteme gesagt worden ist, die ihren äußeren Ausdruck finden in den Organsystemen, die der Mensch entwickelt, damit sein Geschlecht über die Erde hin lebt.
[ 41 ] Wir haben gesehen, daß die Erde als Ergebnis des dichtesten «Vererdigungsprozesses» in uns hervorgebracht hat das Knochensystem, und als das am wenigsten verdichtete, als das regsamste, das Blutsystem. Und es soll nur noch kurz hinzugefügt werden, daß alles, was vorgeht im irdisch-physischen Menschenorganismus, hinaufdringt bis zu den Vorgängen, die sich im Blute abspielen; das sind die Erwärmungsvorgänge. Wir haben in diesen Erwärmungsvorgängen des Blutes den unmittelbaren Ausdruck des Ich und damit das oberste Niveau zu sehen, und darunter sich abspielend die anderen Prozesse des menschlichen Organismus. Der Erwärmungsprozeß ist also das Höchste, in diesen greift unsere Ich-Seelentätigkeit unmittelbar ein. Deshalb fühlen wir auch etwas wie eine Verwandlung unserer Ich-Seelentätigkeit in ein inneres Warmwerden, das bis zum physischen Warmwerden im Blutprozeß gehen kann. Wir sehen also, wie das Geistig-Seelische von oben nach unten gehend durch den Erwärmungsprozeß eingreift in das Organische, das Physiologische, und wir könnten noch an vielen anderen Tatsachen zeigen, wie das Geistig-Seelische sich in Erwärmungsprozessen berührt mit dem Organischen. Erwärmungsprozesse haben wir auch durch die Vorgänge in den Ernährungsorganen. Durch die Tätigkeit der komplizierten Apparate des Ernährungssystems finden die mannigfaltigsten Verwandlungen statt, durch die es im physischen Organismus zu Erwärmungsprozessen kommt. Diese erstrecken sich von unten nach oben. Es reicht also im Erwärmungsprozeß der physische Organismus des Menschen bis hinauf ins Geistig-Seelische. Hören damit die Umwandlungen auf? Oder gehen sie weiter? Was dann folgt, kann nur angedeutet werden; es muß zunächst dem weiteren Nachdenken und namentlich Nachfühlen eines jeden Zuhörers überlassen werden. Wenn wir diese Umwandlungen mit Gefühlen wirklicher Ehrfurcht für den menschlichen Organismus betrachten können, so lernen wir einsehen, daß Physiologie nicht eine trockene Wissenschaft zu sein braucht, sondern eine Quelle höchster menschlicher Erkenntnis sein kann.
[ 42 ] Was der Organismus produziert an innerer Wärme in unserem Blut, an Wärme, die er uns durch die gesamten inneren Prozesse zuleitet, das zeigt, daß wir in den Erwärmungsvorgängen etwas zu sehen haben wie eine Blüte aller anderen Prozesse im Organismus. Die innere Wärme des Organismus dringt bis hinauf in das GeistigSeelische und kann sich bis in Geistig-Seelisches hinein verwandeln. Das ist das Höchste, das Schönste, das durch die Kraft des Menschenleibes Physisches umgewandelt werden kann in Geistig-Seelisches. Wenn alles, was im menschlichen irdischen Organismus veranlagt ist, zu Wärme geworden ist und die Wärme vom Menschen in der rechten Weise umgewandelt wird, dann entsteht aus der inneren Wärme Mitgefühl und Interesse für andere Wesen. Wenn wir durch alle Prozesse des menschlichen Organismus hindurch aufsteigen bis zum obersten Niveau, den Erwärmungsprozessen, so schreiten wir gleichsam durch das Tor des menschlichen Organismus, das gebildet wird durch die Wärmeprozesse, hinauf bis dahin, wo die Wärme des Blutes verwertet wird durch das, was die Seele daraus macht. Durch lebendiges Interesse für alle Wesen, durch Mitgefühl für alles, was um uns herum ist, erweitern wir, indem unser physisches Leben uns bis zur Wärme hinaufführt, unser Geistig-Seelisches über das gesamte irdische Dasein, und wir machen uns eins mit dem gesamten Dasein. Es ist eine wunderbare Tatsache, daß die Weltwesenheit den Umweg gemacht hat durch unseren physischen Organismus, um uns zuletzt die innere Wärme zu geben, die wir Menschen in der Erdenmission berufen sind umzuwandeln durch unser Ich in lebendiges Mitfühlen mit allen Wesen.
[ 43 ] Wärme wird in Mitgefühl umgewandelt in der Erdenmission!
[ 44 ] Die Tätigkeit des menschlichen Organismus benützen wir sozusagen als Heizwärme für den Geist. Das ist der Sinn der Erdenmission, daß der Mensch als physischer Organismus dem Erdenorganismus so eingelagert ist, daß alle physischen Prozesse zuletzt ihre Vollendung, ihre Krone in der Blutwärme finden, und daß der Mensch als Mikrokosmos in Erfüllung seiner Bestimmung diese innere Wärme wiederum umwandelt, um sie auszuströmen als lebendiges Mitgefühl und Liebe für alles, was uns umgibt. Durch alles, was wir aus lebendigem Interesse in unsere Seele aufnehmen, wird unser Seelenleben erweitert. Und wenn wir dann durch viele Inkarnationen gegangen sind, in denen wir alle Wärme, die uns gegeben worden ist, verwertet haben, dann wird die Erde ihr Ziel, das innerhalb der Erdenmission zu erfüllen war, erreicht haben, dann wird sie als Erdenleichnam hinuntersinken und dem Verfall überliefert sein. Und aufsteigen wird die Gesamtheit aller jener Menschenseelen, die die physische Wärme umgewandelt haben in Herzenswärme. Wie die einzelne Seele, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, aufsteigt zu einer geistigen Welt, nachdem der physische Leichnam den Erdenkräften übergeben wurde, so wird einstmals der Erdenleichnam den Weltenkräften übergeben werden, und die einzelnen Menschenseelen werden zu neuen Daseinsstufen fortschreiten. Nichts in der Welt geht verloren. Was die Menschenseelen als Früchte auf der Erde errungen haben, das wird durch die Menschenseelen in Ewigkeiten hinübergetragen.
[ 45 ] So gestattet uns die Geisteswissenschaft, auch die physiologischen Prozesse im menschlichen Organismus anzuknüpfen an unsere Ewigkeitsbestimmung. Wenn uns die Geisteswissenschaft (Theosophie) nicht bloße Theorie, nicht bloß abstrakte Erkenntnis ist, sondern wenn wir sie so betrachten, daß sie uns zeigt: wir stehen als Menschen nicht nur auf der Erde, sondern wir gehören zum gesamten Weltensystem —, und wenn wir lernen, so über die Bestimmung des Menschen zu denken, daß er die Kräfte von der Erde nimmt, um in die Ewigkeit hineinzuwirken, dann nehmen wir durch Geisteswissenschaft (I'heosophie) das auf, was durch sie errungen werden muß. Und wenn die Menschen, die dieses hohe Ideal ahnen oder erkennen, sich brüderlich zusammenfinden und übereinstimmen in ihrem Streben, das heißt, wenn wir erkennen, daß in uns selbst die Keime zur Weiterentwickelung enthalten sind, die fruchtbar werden können für die weitere Erden- und Menschheitsentwickelung, dann können wir in aller Bescheidenheit das Gefühl haben, daß wir als Theosophen (Anthroposophen) durch die Entwickelung unserer eigenen Kräfte mitwirken können an der Erfüllung der Erdenmission.
[ 46 ] Wir sind hier zusammengekommen und werden nun wieder hinausgehen, um draußen zu leben und vielleicht manches von dem, was ja nur skizzenhaft hier als Anregung hat gegeben werden können, mit hinaus zu nehmen und weiter zur Entfaltung zu bringen. Aber auch wenn wir in der Welt zerstreut sind, so wollen wir in lebendigen Gedanken und Empfindungen und mit unserem ganzen Wollen miteinander harmonisch zusammenwirken. In diesem Geiste wollen wir voneinander scheiden, in diesem Geiste wollen wir uns auch wiederfinden, wenn dazu Gelegenheit sein wird.
