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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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Wonders of the World,
Trials of the Soul,
and Revelations of the Spirit
GA 129

28 August 1911, Munich

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Elfter Vortrag

Eleventh Lecture

Zum Geburtstag Goethes

In honor of Goethe's birthday

[ 1 ] Die Faust-Dichtung hat Goethe begleitet von seinen Jugendjahren an - man darf wohl im eigentlichsten Sinne des Wortes sagen - bis zu seinem Tode. Denn der zweite Teil des «Faust» war von Goethe eingesiegelt als sein literarisches Testament hinterlassen worden. Und die Fertigstellung einzelner wichtiger Partien dieses «Faust», des zweiten Teiles, gehört ja wirklich den letzten Lebensjahren dieses universellen Geistes an. Wer Gelegenheit hat, Goethe ein wenig zu verfolgen in seiner Geistesentwickelung, wie sie sich in dieser Lebensdichtung äußert, der wird manche höchst interessante Dinge erleben können, namentlich über die Art und Weise, wie Goethe, wenn er immer wieder und wieder an dieses Gedicht, sein Lebensgedicht, ging, stets zu anderen Ideen kam über die Art, wie es verlaufen sollte. So gibt es eine interessante Aufzeichnung über den Schluß des Goetheschen «Faust», wie er einmal nach den damaligen Anschauungen Goethes hätte werden sollen, die wir etwa in die letzten achtziger oder Anfang der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts zu verlegen haben. Da finden wir neben ein paar Aufzeichnungen - Disposition wäre nicht das richtige Wort dafür - über den ersten und zweiten Teil einen kurzen Satz, eine Andeutung über den Schluß. Und diese Andeutung enthält die Worte von Goethe mit Bleistift hingeschrieben: Epilog im Chaos auf dem Wege zur Hölle. - Daraus werden Sie ersehen, daß Goethe einmal daran dachte, seinem Faust am Schlusse nicht jene Art von Himmelfahrt angedeihen zu lassen, die jetzt dasteht in dem Gedicht, das er in höchstem Greisenalter vollendet hat, sondern daß er im Sinne jenes Ganges, der im Vorspiel angedeutet ist - vom Himmel durch die Welt zur Hölle -, «Faust» wollte schließen lassen mit einem «Epilog im Chaos auf dem Wege zur Hölle». Es waren damals Gedanken, die in Goethes Seele lebten und die dahin gingen, daß Erkenntnis, wenn sie gewisse Grenzen überschreitet, nur in ein Chaos hineinführen kann. Und wir dürfen in einer gewissen Weise die Stimmung, aus der diese Worte hervorgegangen sind, die ich Ihnen als Goethesche Worte anführen konnte, zusammenbringen mit dem, was gestern gesagt werden konnte über unsere Seelenprüfungen, wenn die Seele auf der einen Seite ins Nichts hinaus, auf der anderen Seite in die dichte innere Wesenheit des Menschen untertaucht und den Zusammenschluß noch nicht finden kann. Goethe ist eine Persönlichkeit, die sich in der Tat Schritt für Schritt alles erobern mußte, die alles persönlich durchmachen mußte. Daher wirkt alles das, was Goethe geschaffen hat, so aufrichtig und so ehrlich auf uns, freilich manchmal auch so groß, daß wir es nicht gleich verfolgen können, weil wir uns nicht immer sogleich in die individuelle Ausgestaltung der Persönlichkeit hineinfinden können, die bei Goethe in diesem oder jenem Zeitpunkte seines Lebens vorhanden war. Wir dürfen daher einen wirklich großen Fortschritt Goethes verzeichnen von dem Zeitpunkte, da er seinen «Faust» mit einem «Epilog im Chaos auf dem Wege zur Hölle» schließen lassen wollte, bis zu jenem Zeitpunkte, wo er ganz im Sinne des lapidaren Satzes schließt: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.» Denn als Goethe den gegenwärtig überall bekannten Schluß seines «Faust» niederschrieb, lebte in ihm jene Ahnung, von der gestern gesprochen worden ist, aber auch jene Energie, die uns die Sicherheit gibt, daß, wenn wir auch durch alle Seelenprüfungen hindurch müssen, wir endlich doch zu dem Zusammenschlusse kommen müssen, der gestern gekennzeichnet worden ist. Das sei gesagt, meine lieben Freunde, um ein wenig auf das hinzuweisen, ‚was der hervorstechendste Zug in Goethes Leben ist.

[ 1 ] The *Faust* cycle accompanied Goethe from his youth—one might well say, in the truest sense of the word—until his death. For the second part of *Faust* had been left by Goethe, sealed, as his literary testament. And the completion of individual important sections of this “Faust,” the second part, truly belongs to the final years of this universal spirit’s life. Anyone who has the opportunity to follow Goethe a little in his intellectual development, as it is expressed in this life’s work, will be able to discover many highly interesting things, particularly regarding the way in which Goethe, as he returned again and again to this poem—his life’s poem—always arrived at different ideas about how it should unfold. There is, for instance, an interesting note regarding the conclusion of Goethe’s *Faust*, as it was once intended to be according to Goethe’s views at the time—a period we can roughly place in the late 1780s or early 1790s. There, alongside a few notes—“disposition” would not be the right word for them—on the first and second parts, we find a short sentence, a hint about the ending. And this hint contains the words written by Goethe in pencil: “Epilogue in chaos on the way to hell.” - From this you will see that Goethe once considered not granting his Faust at the end that kind of ascension to heaven which now appears in the poem he completed in his very old age, but that he intended, in the spirit of that journey hinted at in the prologue—from heaven through the world to hell— wanted to conclude *Faust* with an “Epilogue in Chaos on the Way to Hell.” These were thoughts that lived in Goethe’s soul at the time and which suggested that knowledge, when it crosses certain boundaries, can only lead into chaos. And in a certain sense, we may connect the mood from which these words emerged—which I was able to cite to you as Goethe’s words—with what was said yesterday about our trials of the soul, when the soul, on the one hand, plunges out into nothingness, and on the other hand, into the dense inner essence of the human being, and cannot yet find the union. Goethe is a personality who indeed had to conquer everything step by step, who had to go through everything personally. That is why everything Goethe created strikes us as so sincere and so honest, though sometimes so vast that we cannot immediately grasp it, because we cannot always immediately find our way into the individual configuration of the personality that was present in Goethe at this or that point in his life. We can therefore note a truly great advancement in Goethe from the point when he wanted to conclude his “Faust” with an “Epilogue in Chaos on the Way to Hell” to the point where he concludes entirely in the spirit of the succinct sentence: “Whoever strives with effort, we can redeem.” For when Goethe wrote down the conclusion to his *Faust*—now known everywhere—that intuition we spoke of yesterday lived within him, but so did that energy which gives us the certainty that, even if we must pass through all trials of the soul, we must ultimately arrive at the conclusion that was outlined yesterday. Let this be said, my dear friends, to point out a little ‘what is the most striking feature of Goethe’s life.’

[ 2 ] Diejenigen Menschen, welche geradliniges Leben lieben, welche scheuen, sich in die Widersprüche hineinzufinden, die doch das Lebendige eines fortschreitenden Lebens bedeuten, werden Anstoß nehmen daran, daß, wenn man ernstlich nachgeht, man in der Tat manchen Widerspruch in Goethes Leben findet, daß Goethe über viele Dinge im Alter anders geurteilt hat als in seiner Jugend. Das rührt aber nur davon her, daß Goethe jede Lebenswahrheit sich erst erkämpfen mußte. Und gerade an der Persönlichkeit Goethes zeigt sich, wie dieses Leben unmittelbar am physischen Plane herausfordert die inneren Erlebnisse, wie notwendig dieses Leben in seinem sukzessiven Geschehen ist, um uns zum völligen Menschen zu machen. Denn was uns so grandios bei Goethe zutage tritt, wenn wir sein ganzes Leben überblicken und uns einlassen auf seine aufeinanderfolgenden Stadien: das ist die Universalität seines Geistes, das Umspannende, Allseitige dieses Geistes. Und es ist höchst wichtig, Goethe gerade von dieser Seite in seiner Zeit zu studieren und auch das, was er durch das Universelle seines Geistes war, an unserer Zeit zu messen und dann einmal zu fragen: Was kann Goethe gerade für unsere Zeit durch das Universelle seines Geistes sein?

[ 2 ] Those people who love a straightforward life, who shy away from grappling with the contradictions that are, after all, the very essence of a life in progress, will take offense at the fact that, if one looks closely, one does indeed find many contradictions in Goethe’s life—that Goethe judged many things differently in old age than he did in his youth. But this stems solely from the fact that Goethe first had to fight for every truth of life. And it is precisely in Goethe’s personality that we see how this life, directly on the physical plane, challenges our inner experiences, and how necessary this life, in its successive unfolding, is to make us fully human. For what appears so magnificently to us in Goethe when we survey his entire life and engage with its successive stages is the universality of his spirit, the all-encompassing, all-pervading nature of this spirit. And it is of the utmost importance to study Goethe from precisely this perspective in his own time, and also to measure what he was through the universality of his spirit against our own time, and then to ask: What can Goethe be for our time through the universality of his spirit?

[ 3 ] Da ist es gut, wenn wir ein klein wenig die innere Beschaffenheit unserer Zeit, unserer Gegenwart, unserer Geisteskultur betrachten. Für den Anthroposophen hat es ja eine ganz besondere Wichtigkeit, den Geist unseres Zeitalters einmal ins Auge zu fassen. Es wird ja oft gesagt, unsere Zeit sei die Zeit des Spezialistentums, die Zeit, in welcher die strenge Wissenschaft regieren muß. Und oft und oft werden die Worte im Munde geführt, die ein großer Physiker, Helmholtz, gebraucht hat: daß es in unserer Zeit keinen die einzelnen Zweige des menschlichen Wissens — wie sie heute bestehen - umfassenden Geist geben kann. Es ist geradezu zum Schlagwort geworden, daß es einen Doctor universalis unserer Zeit nicht geben könne, daß man sich begnügen müsse mit dem Überblick über diese oder jene Spezialität. Wenn man beachtet, daß das Leben aber ein Einheitliches ist, daß alles im Leben zusammengreift und daß sich das Leben nicht danach richtet, ob wir mit unserer Seele umfassen können, was zum gesamten geistigen Lebensorganismus unserer Zeit gehört, so müssen wir sagen: Es wäre eigentlich schlimm für unser Zeitalter, wenn es nicht möglich wäre, wenigstens den Geist, der in allem Spezialistentum waltet, in gewisser Weise gewinnen zu können. Und man wird ihn am leichtesten gewinnen können, wenn man durch jene Zugänge vorzudringen versucht, welche gerade die Geisteswissenschaft eröffnen kann. Sie muß universell sein, sie muß die Spezialitäten der einzelnen Wissenschaften und der einzelnen Gebiete des ganzen Kulturlebens in gewisser Weise mit einem Blicke überschauen. Und wenigstens von einer Seite her wollen wir einmal heute einen Blick darauf werfen, wie sich im Lichte der Geisteswissenschaft gerade unser gegenwärtiges Geistesleben ausnimmt. Wir werden nicht sprechen, weil die Zeit nicht dazu ausreicht, von denjenigen wissenschaftlichen Gebieten, die mehr oder weniger für alle Zeiten gleichbleiben, wenigstens ihrem Sinn und Geist nach, trotzdem sie so gewaltige Bereicherungen in unserer Zeit erfahren haben. Wir wollen absehen von dem mathematischen Gebiete, obwohl wir auch da hinweisen könnten darauf, daß die Mathematik des 19. Jahrhunderts durch ihre ernsten Erwägungen in gewissen Zweigen sich geradezu das übersinnliche Gebiet erobert hat. Aber wir wollen darauf hinweisen, daß in den verschiedensten Zweigen moderner Wissenschaft im Laufe der letzten Jahrzehnte gewaltige große Entdeckungen gemacht worden sind, die, wenn man sie im richtigen Lichte schaut, überall uns zeigen, daß die geisteswissenschaftliche Auslegung genau zu ihnen stimmt, während alles das, was an Theorien bis in unsere Zeit herein beigebracht worden ist, durchaus nicht zu den Tatsachen stimmt, die mit so großem Fleiße und Energie im Laufe der letzten Jahrzehnte zusammengetragen worden sind. Da sehen wir schon an dem einen Beispiele der Physik und Chemie, wie merkwürdig der Gang der Entwickelung in den letzten Jahrzehnten war.

[ 3 ] It is therefore beneficial for us to take a brief look at the inner nature of our time, our present, and our spiritual culture. For the anthroposophist, it is of particular importance to take a close look at the spirit of our age. It is often said that our time is the age of specialization, the age in which rigorous science must reign. And time and again, people quote the words of the great physicist Helmholtz: that in our time there can be no mind capable of comprehending the individual branches of human knowledge—as they exist today. It has practically become a catchphrase that there can be no Doctor universalis in our time, that one must be content with an overview of this or that specialty. But when we consider that life is a unified whole, that everything in life is interconnected, and that life does not depend on whether we can grasp with our soul what belongs to the entire spiritual organism of our time, we must say: It would actually be a tragedy for our age if it were not possible to gain, at least in some way, the spirit that reigns in all specialization. And one will be able to grasp it most easily by attempting to penetrate through those approaches that spiritual science alone can open up. It must be universal; it must, in a certain sense, survey the specialties of the individual sciences and the individual fields of the entire cultural life at a glance. And let us at least take a look today from one perspective at how our present spiritual life appears in the light of spiritual science. We will not speak—because there is not enough time—of those scientific fields that remain more or less the same for all time, at least in their meaning and spirit, even though they have undergone such tremendous enrichment in our time. We shall leave aside the field of mathematics, although we could also point out there that 19th-century mathematics, through its serious considerations in certain branches, has virtually conquered the supersensible realm. But we wish to point out that in the most diverse branches of modern science, over the course of the last few decades, tremendous discoveries have been made which, when viewed in the proper light, show us everywhere that the spiritual-scientific interpretation corresponds exactly to them, whereas all the theories that have been taught up to our time do not at all correspond to the facts that have been gathered with such diligence and energy over the course of the last few decades. We can already see from the single example of physics and chemistry how remarkable the course of development has been in recent decades.

[ 4 ] Als wir jung waren - in den siebziger, achtziger Jahren oder vorher -, da gab es in der Physik und Chemie die sogenannten atomistischen Theorien, welche alle Erscheinungen auf gewisse Schwingungsformen zurückführten, sei es des Äthers, sei es irgendwelcher anderen materiellen Substanz. Und man möchte sagen: Dazumal war es Mode, alles, was uns in der Welt entgegentritt, letzterhand auf Bewegungen zurückzuführen. Dann, mehr gegen die neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts, zeigte es sich durch die Tatsachen, die allmählich zutage traten, daß die Bewegungslehre, die atomistische Theorie, nicht mehr gut ging, und es war in gewisser Beziehung eine bedeutungsvolle Tat, aber im allereingeschränktesten Sinne, als der vorzugsweise als Chemiker und Naturforscher bekannte Ostwald auf der Versammlung in Lübeck an Stelle jener atomistischen Theorie die sogenannte Energetik, die Energietheorie, aufstellte. Das war in gewisser Beziehung ein Fortschritt. Aber das, was später bis in unsere Zeiten herein sich auf dem Gebiete der Physik und Chemie gezeigt hat, hat endlich dazu geführt, daß eine gewisse Skepsis, ein gewisser Unglaube eingetreten ist gegenüber allem Theoretischen. Und nur zurückgebliebene Geister denken heute noch daran, die äußeren physikalischen Tatsachen wie die Lichterscheinungen oder sonstigen physikalischen oder chemischen Tatsachen auf die Bewegungen kleinster Teile oder auf bloße Äußerungen von Energien zurückzuführen. Dazu mußte ja insbesondere dasjenige beitragen, was in den letzten Jahren über die Stoffe bekannt wurde, die zur Radiumtheorie führten, und es ist schon die merkwürdige Tatsache eingetreten, daß große Physiker, wie zum Beispiel Thomson und andere, durch gewisse Verhältnisse, die nach und nach herausgekommen sind, sich gezwungen sahen, alle Theorie im Grunde genommen über Bord zu werfen, vor allem die Äthertheorie mit ihren kunstvollen Schwingungsformen, die man einst mit so großem Ernste betrieben und in so emsiger Arbeit mit Differentialen und Integralen berechnet hatte. Dieser Bewegungstheorie ist es also geschehen, daß die großen Physiker sie über Bord geworfen haben und in gewisser Weise zu einer Art von Wirbeltheorie zurückgelangt sind, die sich schon unter Cartesius herausgebildet hatte, man darf sagen auf Grund alter okkulter Traditionen. Aber selbst diese Theorien ließ man wieder fallen, und eine gewisse Skepsis gegenüber allem Theoretisieren ist gerade auf physikalischen und chemischen Gebieten eingetreten, nachdem man gesehen hat, daß einem die Materie sozusagen in der Hand zerfallen ist unter den modernen physikalischen Experimenten. Es ist so, daß gegenüber der heutigen Physik, wie sie sich bis in unsere Tage herein entwickelt hat, die atomistischen Bewegungstheorien und Energietheorien nicht mehr haltbar sind. Alles das, was vor fünf, sechs oder ein paar Jahren mehr noch hätte vertreten werden können, worauf so viele Hoffnungen gesetzt worden sind, als wir jung waren, wo man selbst die Schwerkraft zurückführte auf Bewegung, ist in den letzten Jahren für diejenigen, die die Tatsachen kennengelernt haben, in nichts zerfallen. Man erlebt aber natürlich immer wieder von denen, die zurückbleiben, die merkwürdigsten Tatsachen. Da möchte ich Sie auf etwas Interessantes hinweisen, da ich heute ja besprechen will, was die Zeit und Goethe charakterisieren soll.

[ 4 ] When we were young—in the 1970s, 1980s, or earlier—there were so-called atomistic theories in physics and chemistry that attributed all phenomena to certain forms of vibration, whether of the ether or some other material substance. And one might say: Back then, it was fashionable to ultimately attribute everything we encounter in the world to movements. Then, toward the 1890s, it became apparent from the facts that were gradually coming to light that the theory of motion, the atomistic theory, no longer held up, and it was, in a certain sense, a significant act—though in the most limited sense—when Ostwald, known primarily as a chemist and natural scientist, proposed the so-called energetics, the energy theory, at the Lübeck conference in place of that atomistic theory. That was, in a certain sense, a step forward. But what has subsequently become apparent in the fields of physics and chemistry right up to our own time has ultimately led to a certain skepticism, a certain disbelief, arising toward all that is theoretical. And only backward-thinking minds still believe today that external physical phenomena, such as light phenomena or other physical or chemical phenomena, can be attributed to the movements of minute particles or to mere manifestations of energy. This was undoubtedly influenced in particular by what has become known in recent years about the substances that led to the theory of radium, and the remarkable fact has already emerged that great physicists, such as Thomson and others, were forced by certain circumstances that gradually came to light to essentially throw all theory overboard, above all the ether theory with its elaborate forms of oscillation, which had once been pursued with such great seriousness and calculated with such diligent work involving differentials and integrals. It has thus come to pass with this theory of motion that the great physicists have cast it aside and, in a certain sense, have returned to a kind of vortex theory that had already taken shape under Descartes, one might say on the basis of ancient occult traditions. But even these theories were abandoned, and a certain skepticism toward all theorizing has set in, particularly in the fields of physics and chemistry, after it was observed that matter, so to speak, has crumbled in our hands under modern physical experiments. The fact is that, in the face of contemporary physics as it has developed up to the present day, the atomistic theories of motion and energy are no longer tenable. Everything that could still have been defended five, six, or even a few years ago—on which so many hopes were pinned when we were young, when even gravity was attributed to motion—has crumbled to nothing in recent years for those who have come to know the facts. But of course, one repeatedly encounters the strangest phenomena among those who lag behind. I would like to point out something interesting to you, since today I intend to discuss what characterizes our time and Goethe.

[ 5 ] Es ist ein Büchelchen erschienen, das sich ungefähr auch auf den Standpunkt stellt, daß es keine Schwerkraft gibt, das heißt, daß die Materie und die Weltenkörper nicht einander anziehen. Das war ja immer eine Schwierigkeit für die Wissenschaft, diese sogenannte Anziehung vertreten zu können, weil man sich sagt: Wie kann die Sonne die Erde anziehen, wenn sie nicht irgend etwas ausstreckt in den Raum hinein? Da kam in den letzten Tagen diese Schrift, welche die Anziehung zurückführt auf Stoßwirkungen, so daß, wenn wir zum Beispiel einen Körper haben, einen Weltenkörper oder auch nur Moleküle, fortwährend von allen Seiten durch die anderen Weltenkörper und Moleküle Stöße ausgeübt werden. Wieso kommt es, daß diese Körper von allen Seiten stoßen? Denn natürlich stoßen sie auch innen, das eine geht hin, das andere her und so weiter. Das Wesentlichste würde jetzt sein, wenn Sie die Menge von Stößen, die außen und innen ausgeübt werden, und dann die Stöße, die dazwischen ausgeübt werden, ins Auge fassen, daß sich da eine Differenz ergibt. Die Stöße, die dazwischen ausgeübt werden, sind weniger und üben kleinere Kräfte aus als die äußeren. Die Folge ist, daß durch die äußeren Stöße die beiden - seien es Moleküle, seien es Weltenkörper — zusammengetrieben werden. So wird zurückgeführt auf die Stöße der Materie das, was wir als Anziehungskraft sonst bezeichnen. Niedlich ist, wenn man heute so etwas wie einen neuen Gedanken findet, aber für diejenigen, die den Sachen nachgehen, ist es eben nur niedlich. Aus dem einfachen Grunde zum Beispiel ist es niedlich, weil, als ich noch ein ganz junger Knabe war, diese Theorie mit allen mathematischen Schikanen von einem gewissen Heinrich Schramm in einem Buche ausgeführt worden ist, das allerdings heute vergriffen ist: «Die allgemeine Bewegung der Materie als Grundursache aller Naturerscheinungen.» Dort ist das viel gründlicher gemacht. Solche Dinge treten immer wieder auf bei denen, welche die Entwickelung des Geisteslebens nicht ins Auge fassen. Da kann man die merkwürdigsten Dinge erleben, wie vom einseitigen Standpunkte her immer wieder und wieder dieselben Irrtümer gemacht werden. Ich möchte geradezu betonen, wie durch das, was Physik und Chemie in den letzten Jahren geleistet haben, lauter Beweise dafür geliefert worden sind, daß dasjenige, was man Materie nennt, nur eine Vorstellung der Menschen ist und unter dem Experimente zerfällt und daß über alle Bewegung, über alle Energie hinweg Physik und Chemie direkt auf den Punkt hinsteuern, wo die Materie einläuft in den ihr zugrunde liegenden Geist. Eine spirituelle Grundlage fordert heute schon die Tatsachenwelt der Physik und Chemie heraus.

[ 5 ] A small book has been published that more or less takes the position that gravity does not exist—that is, that matter and celestial bodies do not attract one another. This has always been a difficulty for science: how to account for this so-called attraction, because one asks oneself: How can the sun attract the Earth if it does not extend anything out into space? Then, in recent days, this treatise appeared, which attributes attraction to impact forces, so that, for example, if we have a body—a celestial body or even just molecules—impacts are constantly being exerted on it from all sides by other celestial bodies and molecules. Why is it that these bodies collide from all sides? For naturally they also collide internally—one goes this way, the other that way, and so on. The most essential point now would be, if you consider the total number of collisions exerted externally and internally, and then the collisions exerted in between, that a difference arises. The impacts exerted in between are fewer and exert smaller forces than the external ones. The result is that the external impacts drive the two—be they molecules or celestial bodies—together. Thus, what we otherwise call a force of attraction is traced back to the impacts of matter. It’s cute when one finds something like a new idea today, but for those who investigate the matters, it is simply just cute. For the simple reason, for example, that it is cute because, when I was still a very young boy, this theory was expounded with all its mathematical intricacies by a certain Heinrich Schramm in a book that is, admittedly, out of print today: “The General Motion of Matter as the Fundamental Cause of All Natural Phenomena.” It is treated much more thoroughly there. Such things occur time and again among those who do not take the development of spiritual life into account. One can witness the strangest things there, such as how, from a one-sided point of view, the same errors are made over and over again. I would like to emphasize how the achievements of physics and chemistry in recent years have provided ample evidence that what is called matter is merely a human concept that disintegrates under experimentation, and that, beyond all motion and all energy, physics and chemistry are heading directly toward the point where matter converges with the spirit underlying it. The factual world of physics and chemistry is already challenging the need for a spiritual foundation today.

[ 6 ] In einem ganz ähnlichen Falle ist die Geologie oder die Paläontologie. Da gab es noch bis in die sechziger und siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts gewisse umfassendere Theorien, die große Kraftkomplexe ins Auge faßten. Heute sehen wir überall Skepsis, und bei denjenigen, die unsere besten Geologen oder Paläontologen sind, sehen wir ein Sichbeschränken darauf, rein die Tatsachen zu registrieren, weil man es nicht wagt, sie durch Gedanken zusammenzufassen. Es gehört ja ein gewisser Mut dazu, Gedanken zu entfalten, welche die entsprechenden Tatsachenreihen zusammenfassen. Man fürchtet sich aber heute, den Schritt zu machen, den auch die Geologie und Paläontologie fordert: von dem Materiellen in das Geistige hinein, den Schritt, der auch über die KantLaplacesche Theorie hinausführen würde. Man wagt es nicht, anzuerkennen, daß das, was ein erträumter Weltennebel ist, zuletzt einläuft in das Geistige, in die Gesamtheit der Hierarchien, von denen nur ein äußeres Kleid alles das ist, was man die äußere physikalische oder meinetwillen astrophysische Theorie nennen könnte.

[ 6 ] Geology and paleontology present a very similar case. Until the 1860s and 1870s, there were still certain more comprehensive theories that took into account large-scale forces. Today we see skepticism everywhere, and among those who are our best geologists or paleontologists, we see a tendency to limit themselves to merely recording the facts, because they do not dare to synthesize them through thought. It does, after all, take a certain courage to develop thoughts that synthesize the corresponding series of facts. But today people are afraid to take the step that geology and paleontology also demand: from the material into the spiritual, the step that would also lead beyond the Kant-Laplacean theory. One does not dare to acknowledge that what is a dreamt-of cosmic nebula ultimately flows into the spiritual, into the totality of hierarchies, of which only an outer garment is all that one might call the external physical—or, for my part, astrophysical—theory.

[ 7 ] Anders liegen nun die Dinge, wenn wir mehr zu jenen Wissenschaften heraufkommen, die sich dem Leben oder mehr der Seele nähern. Da finden wir zunächst die Biologie. Nun, Sie wissen, welch gewaltige Hoffnungen an die Fortschritte der Biologie, der Lebenslehre, geknüpft worden sind, als das große Werk von Darwin erschien über «Die Entstehung der Arten». Sie wissen vielleicht auch, daß in den sechziger Jahren Ernst Haeckel mit einer seltenen Kühnheit auf der Naturforscherversammlung in Stettin 1863 das, was Darwin scheinbar bis dahin nur auf das Tierreich ausgedehnt hatte, auf den Menschen ausdehnte. Und dann sehen wir eine merkwürdige Entwickelung in bezug auf diese Lebenslehre oder Biologie. Wir sehen die vorsichtigeren Geister, die sich mehr auf das Registrieren der Tatsachen beschränken, aber auch andere, die da vorwärtsstürmen und kühne Theorien aufbauen auf das, was sich durch die Untersuchungen der Verwandtschaft der Formen der einzelnen Lebewesen ergibt. Insbesondere Haeckel sehen wir in kühner Weise auftreten und Stammbäume konstruieren, wie aus den einfachen Lebewesen die kompliziertesten durch immer neue und neue Abzweigungen entstanden sein sollen.

[ 7 ] The situation is different, however, when we turn to those sciences that deal more closely with life—or, rather, with the soul. First among these is biology. Well, you know what tremendous hopes were pinned on the progress of biology, the study of life, when Darwin’s great work *On the Origin of Species* was published. You may also know that in the 1860s, Ernst Haeckel, with rare boldness, extended at the naturalists’ congress in Stettin in 1863 what Darwin had apparently until then applied only to the animal kingdom to human beings as well. And then we see a curious development with regard to this science of life, or biology. We see the more cautious minds, who limit themselves more to recording the facts, but also others who rush forward and construct bold theories based on what emerges from investigations into the relationships among the forms of individual living beings. Haeckel, in particular, we see boldly stepping forward and constructing family trees, showing how the most complex organisms are said to have arisen from simple ones through ever-new branches.

[ 8 ] Aber neben diesen, man möchte sagen, schroffer ins Auge fallenden Richtungen findet sich eine Forschungsströmung, die auch wichtig zu berücksichtigen ist und die ich charakterisieren möchte durch den Namen des Anatomen Carl Gegenbaur. Gegenbaur war in seinem Wesen der Anschauung, daß man zunächst nicht fragen soll, wie sich das alles verhält, diese Verwandtschaft der einzelnen Lebewesen. Aber er betrachtet die Darwinistische Theorie so, daß, wenn man sie als ein regulatives Forschungsprinzip zugrunde legt, man dann nachgeht gewissen Tatsachen in der äußeren Formen- oder Lebewelt. Sagen wir, die Stimmung eines solchen Forschers könnte man ausdrücken mit den Worten: Ich will nicht gleich sagen, daß meinetwillen die höheren Tiere von den Vögeln oder Fischen abstammen, aber ich will das Prinzip zugrunde legen, daß eine Verwandtschaft besteht, und will die Kiemen und Flossen daraufhin untersuchen, will untersuchen, wie sich immer feinere und feinere Verwandtschaften ergeben. — Und da haben sich allerdings, indem man so wie ein Leitmotiv des Aufsuchens die Darwinistische Arbeit betrachtet hat, wichtige und immer wichtigere Forschungstatsachen ergeben. Diese haben sich aber auch da ergeben, wo diese Forschung - angeregt durch den Darwinistischen Impuls - darauf aus war, die Abstammung des Menschen zu untersuchen, nachzugehen all den Zeugnissen der Paläontologie, der Geologie.

[ 8 ] But alongside these, one might say, more strikingly obvious lines of thought, there is a school of research that is also important to consider, and which I would like to characterize by the name of the anatomist Carl Gegenbaur. Gegenbaur essentially held the view that one should not initially ask how all this relates—this kinship among individual living beings. But he regards the Darwinian theory in such a way that, if one takes it as a guiding principle of research, one then investigates certain facts in the external world of forms or living beings. Let’s say the attitude of such a researcher could be expressed with the words: I don’t want to say right away that, as far as I’m concerned, higher animals are descended from birds or fish, but I want to take as my starting point the principle that a relationship exists, and I want to examine the gills and fins in light of that, I want to investigate how ever finer and finer relationships emerge. — And indeed, by viewing Darwinian work as a kind of guiding principle for inquiry, important and increasingly significant research findings have emerged. These have also emerged where this research—inspired by the Darwinian impulse—sought to investigate human descent, to trace all the evidence of paleontology and geology.

[ 9 ] Man ist überall, wo man vorsichtiger war, so vorgegangen: Man will die Verwandtschaften aufsuchen, will zugrunde legen einfach wie ein leitendes Prinzip die Darwinistische Theorie. Und da hat sich das Merkwürdige ergeben, daß die Darwinistische Theorie als solch leitendes Prinzip sich in den letzten Jahren als etwas ungemein Fruchtbares erwiesen hat und daß durch die Tatsachen, zu denen sie bis zu unserer heutigen Zeit herein geführt hat, sie sich selbst widerlegt, sich selber aufgehoben hat! So daß wir heute die merkwürdige Tatsache vor uns sehen, daß kaum auf irgendeinem Gebiete so wie auf dem des Darwinismus unter den Forschern über alle Punkte Uneinigkeit herrscht. Da gibt es heute noch solche - es sind die allerzurückgebliebensten -, welche den Menschen direkt auf die heute noch lebenden oder vielleicht nur ein wenig umgestalteten menschenähnlichen Affentiere zurückführen. Da gibt es insbesondere unter denjenigen, die die moderne Blutforschung verfolgen, die Verwandtschaft der einzelnen Blutsubstanzen - solche, welche diese ältere Form der Darwinistischen Theorie wiederaufgenommen haben, da gibt es solche, wie Klaatsch, welche sagen: Es ist ganz unmöglich nach den Tatsachen, welche sich ergeben haben, den Menschen auf irgendeine Tierform zurückzuführen, die heute besteht. Alle Nuancen sind vorhanden von denjenigen, die den Menschen noch auf den Affen, wie er heute ist, zurückführen wollen, bis zu solchen hinein, welche ihn nicht auf diesen zurückführen, aber auch nicht auf die Vorfahren dieser Affen oder anderer Säugetierwesen. Man muß hinaufgehen zu Tieren, von denen man keine Vorstellung haben kann und von denen auf der einen Seite der Mensch abstammt und von denen sich auf der anderen Seite abgespaltet haben die Säugetiere, so daß die Affen den Menschen ganz fernstehen. - Und das Eigentümliche ist, daß, wenn solche Forscher dann versuchen, die gegenwärtigen Formengestaltungen, die sich uns darbieten, zu benützen, um eine Vorstellung hervorzurufen von jenen wahren Vormenschen, sich alle physisch bestehenden Formen in allerlei nebuloses Zeug auflösen. Es kommt nichts dabei heraus. Warum nicht? Weil wir wiederum eine Stelle in der Biologie haben, wo die äußere physische Forschung der ehrlich erforschten Tatsachen dazu führt, daß man sich die Vorfahren der Menschen nicht physisch vorzustellen hat, da alles physische Vorstellen versagt. Man kommt zur geistigen Urform des Menschen, zu dem, was das Ergebnis war der früheren planetarischen Entwickelung, zu dem geistigen Urmenschen, von dem wir in der Geisteswissenschaft sprechen.

[ 9 ] Wherever greater caution has been exercised, this is the approach that has been taken: one seeks to identify relationships, using the Darwinian theory simply as a guiding principle. And this has led to the curious result that the Darwinian theory, as such a guiding principle, has proven to be immensely fruitful in recent years, and that through the facts to which it has led us up to the present day, it has refuted itself, it has negated itself! So that today we are faced with the curious fact that in hardly any field is there as much disagreement among researchers on every point as there is in the field of Darwinism. There are still those today—they are the most backward of all—who trace human beings directly back to the human-like apes that are still alive today or perhaps only slightly modified. There are, in particular among those who follow modern blood research, those who have taken up this older form of Darwinist theory—those who study the kinship of individual blood substances—and there are those, such as Klaatsch, who say: It is quite impossible, based on the facts that have emerged, to trace human beings back to any animal form that exists today. All shades of opinion exist, ranging from those who still wish to trace humans back to the ape as it is today, to those who do not trace them back to this ape, nor to the ancestors of these apes or other mammals. One must go back to animals of which one cannot form a conception and from which, on the one hand, humans are descended and from which, on the other hand, mammals have diverged, so that apes are quite distant from humans. - And the peculiar thing is that when such researchers then attempt to use the present forms that present themselves to us to evoke an image of those true pre-humans, all physically existing forms dissolve into all sorts of nebulous stuff. Nothing comes of it. Why not? Because we have, once again, a point in biology where external physical research into honestly investigated facts leads to the conclusion that one must not imagine the ancestors of humans in physical terms, since all physical imagination fails. One arrives at the spiritual archetype of the human being, at that which was the result of earlier planetary development, at the spiritual proto-human of whom we speak in spiritual science.

[ 10 ] So sind vollgültige Zeugnisse gerade die erforschten Tatsachen des 19. und 20. Jahrhunderts, und die Uneinigkeit der Forscher wird eigentlich dadurch nur verdeckt, daß die Studierenden nur bei einem Professor hören und nicht prüfen, was die anderen sagen. Wenn sie vergleichen würden, was der eine und der andere Gelehrte sagt, dann würden sie heute eine merkwürdige Entdeckung machen. Man würde dann zum Beispiel in Büchern des einen Naturforschers eine Stelle recht deutlich unterstrichen finden, wo er sagt: Wenn bei mir einer, der das Doktorexamen machen will, diese Behauptung aufstellen wollte, die da bei dem anderen gemacht wird, so würde ich ihn ohne weiteres durchfallen lassen. — Diese Behauptung ist aber keine andere als die, die irgendein Kollege an einer anderen Universität macht. Und diese Uneinigkeit ist das Hervorstechendste auf dem Gebiete der Biologie, während es auf dem Gebiet der Physik und Chemie die Resignation überhaupt gegenüber den Theorien ist. Noch interessanter ist es allerdings, wenn man in die Physiologie heraufkommt.

[ 10 ] Thus, the fully valid evidence consists precisely of the facts researched in the 19th and 20th centuries, and the disagreement among researchers is actually only masked by the fact that students listen to only one professor and do not examine what the others say. If they were to compare what one scholar says with what another says, they would make a curious discovery today. For example, one might find a passage quite clearly underlined in the books of one naturalist where he says: If someone studying under me who wants to take the doctoral exam were to put forward this claim that is made by the other scholar, I would fail him without hesitation. — But this assertion is none other than the one made by some colleague at another university. And this disagreement is the most striking feature in the field of biology, whereas in the fields of physics and chemistry it is a general resignation regarding theories. It is even more interesting, however, when one moves into physiology.

[ 11 ] Wir sehen, wie diese Physiologie überall in höchst merkwürdige, phantastische Lehren einmündet. Da sehen wir, wie das rein Äußerliche der Physiologie heute auch bei den materialistisch denkenden Menschen, die es nicht sein wollen, es aber doch ihrer ganzen Denkrichtung nach sind, überall schon beeinflußt wird von allerlei Dingen, die unterhalb oder innerhalb des Physischen sind. Ich könnte da auf Hunderte von Dingen hinweisen, wie zum Beispiel in der neueren Zeit die sonderbaren Theorien, die unter dem Einflusse einer Wiener Schule, der sogenannten Freudschen Schule, aufgekommen sind: Theorien darüber, wie das unterbewußte Leben des Menschen, insofern es sich im Traumleben oder anderen Lebenserscheinungen äußert, in das Physiologische hineinspielt. Ich will auf solche Tatsachen, an die ich nur tippen kann, nur aus dem Grunde hinweisen, weil man daran sieht, daß sich tatsächlich überall die Nötigung zeigt, die auch sonst theoretisch hervortritt, einmünden zu lassen das empirische, das äußere, sinnliche Tatsachenmaterial in das Geistige. Daneben allerdings sehen wir, daß in dem Augenblicke, wo sich eine Art Gesamterfassung, eine Art Gesamtanschauung dessen, was der gesamtwissenschaftliche Eindruck der Gegenwart sein muß, geltend macht, eine gewisse Resignation eintritt.

[ 11 ] We see how this physiology leads everywhere to highly peculiar, fantastical doctrines. We see how the purely external aspects of physiology today are already being influenced everywhere—even among materialistically minded people who do not wish to be so but are, in fact, materialists in their entire way of thinking—by all manner of things that lie beneath or within the physical realm. I could point to hundreds of examples here, such as the strange theories that have emerged in recent times under the influence of a Viennese school, the so-called Freudian school: theories about how the subconscious life of human beings, insofar as it expresses itself in dream life or other life phenomena, plays a role in the physiological realm. I wish to point to such facts, which I can only touch upon, for the sole reason that they demonstrate how the compulsion—which also emerges theoretically in other contexts—to channel empirical, external, sensory factual material into the spiritual realm is indeed evident everywhere. At the same time, however, we see that the moment a kind of comprehensive grasp, a kind of overall view of what the scientific impression of the present must be, asserts itself, a certain resignation sets in.

[ 12 ] Auch auf philosophischem Gebiete sehen wir diese Resignation. So ist Ihnen vielleicht bekannt, daß unter dem Einfluß von William James in Amerika, von F. C. Schiller in England, von anderen Forschern auf philosophischem Gebiete eine merkwürdige Theorie sich ausgebildet hat, die eigentlich in Wahrheit geboren ist aus jenem Hinstreben der Tatsachen zum Geist und sich doch nicht eingestehen will, daß man zum Geist hin muß. Es ist der sogenannte Pragmatismus, der da besagt, man müsse die verschiedenen Erscheinungen des Lebens so betrachten, daß wir Theorien über sie erfinden, als wenn sie eben zusammenfaßbar wären, aber alles, was wir aussinnen, ist nur da zur Ökonomie des Geistes, hat keinen innerlichen, konstitutiven, keinen wirklichen Wert. Das ist die letzte Schlacke der ausgebranntesten Geister der Gegenwart. Das ist der völlige Unglaube an den Geist, der nur an die schwachen Theorien appellieren will und diese erfunden sein läßt zum Zusammenhalten der Tatsachen, der aber nicht glaubt, daß der lebendige Geist erst die Gedanken in die Dinge gelegt hat, welche wir zuletzt in ihnen finden.

[ 12 ] We see this resignation in the realm of philosophy as well. You may be aware that, under the influence of William James in America, F. C. Schiller in England, and other researchers in the field of philosophy, a curious theory has developed which, in truth, is born of that striving of facts toward the spirit, yet refuses to admit that one must turn toward the spirit. It is so-called pragmatism, which holds that one must view the various phenomena of life in such a way that we invent theories about them as if they were indeed summarizable, but everything we devise is there only for the economy of the mind, having no inner, constitutive, or real value. This is the final dross of the most burnt-out minds of the present. This is a complete disbelief in the spirit, which seeks only to appeal to feeble theories and allows them to be invented to hold the facts together, but which does not believe that the living spirit first placed the thoughts within the things that we ultimately find in them.

[ 13 ] Am merkwürdigsten allerdings geht es in dieser Beziehung der Seelenwissenschaft selber. Da gibt es gewisse Seelenforscher, die können nicht so recht bis zu einem lebendigen Geist vordringen, in dem sich die Seele findet als auferstehend in den Dingen. Aber sie können doch wieder nicht ableugnen, daß, wenn man überhaupt eine Art von Harmonie zwischen der Seele und den Dingen herstellen will, man dann von der Seele etwas in die Dinge hineintragen muß. Das, was man in der Seele erlebt, muß etwas zu tun haben mit den Dingen. Und da ist denn ein kurioses Wort entstanden, das heute herumspukt in den deutschen Psychologien, ein Wort, das wirklich jedem philologischen Denken geradezu ins Gesicht schlägt, das Wort «einfühlen». Man kann sich kein stärkeres Verlegenheitswort denken gegenüber allem gründlichen Denken als das Wort «einfühlen». Als ob es darauf ankäme, daß wir etwas in die Dinge hineinfühlen können, wenn wir nicht den sachlichen, realen Zusammenhang zu dem, was wir in die Dinge hineinschauen, aus den Dingen selber finden können. Es ist die Geistverlassenheit der Seelenwissenschaft oder Psychologie, die sich mit solchen Verlegenheitsworten aushelfen will.

[ 13 ] The most curious aspect in this regard, however, concerns the science of the soul itself. There are certain psychologists who cannot quite penetrate to a living spirit in which the soul is found as rising up in things. Yet they cannot deny that, if one is to establish any kind of harmony between the soul and things at all, one must then carry something from the soul into things. What one experiences in the soul must have something to do with things. And so a curious word has emerged that haunts German psychology today, a word that truly flies in the face of any philological thinking: the word “empathize.” One cannot imagine a word more embarrassing in the face of all thorough thinking than the word “empathize.” As if it depended on our ability to feel something into things when we cannot find the objective, real connection to what we see in things from the things themselves. It is the spiritual desolation of the science of the soul, or psychology, that seeks to help itself with such words of embarrassment.

[ 14 ] Und so könnten wir viele ähnliche Kunststückchen finden, die solche nicht ernsthaft zu nehmenden Psychologien in unserer Gegenwart zutage fördern. Andere Psychologien beschränken sich ganz darauf, die äußeren Werkzeuge des Seelenlebens zu beschreiben, das Gehirn oder sonstige Werkzeuge, und es ist schon so weit gekommen, daß Psychologen ernst genommen werden, welche experimentell nachweisen wollen, daß nichts verlorengeht an Kräften, an Energien, die wir durch Essen und Trinken und so weiter in uns aufnehmen, die wir dadurch in uns hineinpressen. Damit soll dann nachgewiesen werden, daß das Gesetz der Erhaltung der Kraft auch tonangebend sein muß für die Psychologie und daß da drinnen nicht etwa ein reines besonderes Seelenwesen arbeitet durch die Werkzeuge des Leibes. Solch ein Schluß ist nun wirklich aller Logik bar. Denn derjenige, der so schließt, der überhaupt in die Verlegenheit kommt, solch einen Gedanken aufzustellen, müßte auch zugeben, daß es vernünftig ist, sich vor ein Bankgebäude zu stellen, abzuzählen, wieviel Geld hineingetragen wird, nachzuzählen, wieviel Geld herausgetragen wird, abzuzählen, wieviel Geld in der Kasse bleibt, und dann daraus zu schließen, daß da drinnen in der Bank keine Menschen sind, die sich dort beschäftigen. Solche Schlüsse werden heute gemacht, und sie gelten als wissenschaftliche Schlüsse. Das sind die Theorien, die auf den Tatsachen der gegenwärtigen Forschung aufgebaut werden und die wie ein Nebel den wirklichen Bestand der Tatsachen verdunkeln.

[ 14 ] And so we could find many similar tricks that such unserious psychologies bring to light in our time. Other schools of psychology limit themselves entirely to describing the external instruments of the soul’s life—the brain or other such instruments—and things have already reached the point where psychologists are taken seriously who seek to prove experimentally that nothing is lost of the forces and energies we take into ourselves through eating and drinking and so on, which we thereby force into ourselves. This is then supposed to prove that the law of conservation of energy must also be the guiding principle for psychology, and that there is not, as it were, a purely distinct soul-being at work within the body through its instruments. Such a conclusion is truly devoid of all logic. For anyone who draws such a conclusion—who even finds themselves in the predicament of conceiving such a thought—would also have to admit that it is reasonable to stand in front of a bank building, count how much money is carried in, recount how much money is carried out, count how much money remains in the cash register, and then to conclude from this that there are no people inside the bank who are working there. Such conclusions are drawn today, and they are regarded as scientific conclusions. These are the theories that are built upon the facts of current research and that, like a fog, obscure the true state of the facts.

[ 15 ] Wie es um die Psychologie wirklich steht, können wir an einer höchst interessanten Erscheinung beobachten, an einem wirklich bedeutenden Menschen, der in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Psychologie geschrieben hat, an Franz Brentano. Er hat den ersten Band einer mehrbändigen Psychologie geschrieben. Wer einzugehen vermag auf das, was in diesem ersten Band einer mehrbändigen Psychologie steht, wer einzugehen weiß von dem wirklichen Gesichtspunkt der psychologischen Tatsachen aus, der kann sich sagen: Nach dem, was da als Ansätze genommen ist bei Franz Brentano, müßte, wenn man überhaupt weiter könnte auf Grundlage dieser Ansätze, alles einmünden in die Geisteswissenschaft. Man kann gar nicht anders vorwärts. - Und wenn einer nicht in die Geisteswissenschaft einmünden wollte und solche, wenn auch schwachen Anfänge macht, um in vernünftiger Weise das Seelenleben zu begreifen, da müßte man voraussetzen, er könnte nicht weiter. Und hier haben wir die interessante Tatsache, daß dieser erste Band der mehrbändigen Psychologie in der Tat keine weiteren Bände erfahren hat. Es ist bei dem ersten Band geblieben, und in kleineren Werken hat Brentano Ansätze gemacht, dieses oder jenes zu begreifen; er hat aber nirgends den Zugang, das Tor zur Geisteswissenschaft gefunden und daher überhaupt nicht den weiteren Fortschritt der Psychologie für sich ermöglichen können. An einer solch signifikanten Tatsache können Sie sehen, wie auch das Negative, das uns in unserer Gegenwart entgegentritt, überall das Einmünden der Geister - die auf den Tatsachen fußen, die so wunderbar in den letzten Jahrzehnten hervorgetreten sind - in die Geisteswissenschaft fordert. Allerdings ist dieses Einmünden manchem heute noch zu schwer, für manchen sprechen andere Gründe dagegen. Wir wollen uns auf die Gründe aber jetzt nicht einlassen, sondern nur zeigen, daß überall, wo wir nach den wahren Kräften suchen, die im wirklichen Bestand der heutigen Wissenschaftlichkeit vorhanden sind, wo wir ehrlich und aufrichtig und umfassend und energisch vorgehen wollen, das Einmünden in die Geisteswissenschaft notwendig erfolgen muß.

[ 15 ] We can observe the true state of psychology through a highly interesting phenomenon: a truly significant figure who wrote a work on psychology in the 1870s, Franz Brentano. He wrote the first volume of a multi-volume work on psychology. Anyone who is able to engage with what is written in this first volume of a multi-volume work on psychology, anyone who knows how to approach it from the true perspective of psychological facts, can say to themselves: Based on the starting points taken by Franz Brentano—assuming one could proceed further on the basis of these starting points at all—everything would have to lead into spiritual science. There is simply no other way forward. - And if one did not wish to lead into spiritual science and were to make such—albeit weak—beginnings in order to understand the life of the soul in a reasonable way, one would have to assume that one could go no further. And here we have the interesting fact that this first volume of the multi-volume work on psychology has indeed not been followed by any further volumes. It remained at the first volume, and in smaller works Brentano made attempts to understand this or that; but he found nowhere the access, the gateway to spiritual science, and therefore could not at all enable the further progress of psychology for himself. From such a significant fact, you can see how even the negative aspects we encounter in our present day everywhere call for the convergence of minds—minds grounded in the facts that have emerged so wonderfully in recent decades—into spiritual science. Admittedly, this convergence is still too difficult for some today; for others, different reasons stand in the way. We do not wish to delve into these reasons now, but only to show that wherever we seek the true forces present in the actual substance of today’s scientific culture, wherever we wish to proceed honestly, sincerely, comprehensively, and energetically, the convergence with spiritual science must necessarily take place.

[ 16 ] Am weitesten entfernt ist allerdings die Historie, die Geschichte, wie sie heute getrieben wird, von diesem Einmünden in die Geisteswissenschaft. Da kommen diejenigen Geschichtsschreiber scheinbar schon am weitesten, welche nicht bloß in den Tatsachen der Geschichte ein zufälliges Spiel der aufeinanderfolgenden Triebe und Leidenschaften der Menschen und sonstiger Tatsachen des physischen Planes sehen, sondern welche von waltenden Gedanken sprechen. Als ob abstrakte Gedanken wirken könnten! Wenn man ihnen nicht einen Willen zuschreibt, sind sie keine Geistwesen, können sie nicht wirken. Daher ist es eine Sinnlosigkeit, von wesenlosen Ideen in der Geschichte zu sprechen. Erst dann, wenn man das lebendige Leben in die Geschichte einführt, wenn man das spirituelle Lebensprinzip durch die Seelen hindurchziehend denkt, wie es sich von Seele zu Seele immer erhöhter auslebt, wenn man Geschichte auffaßt, wie sie aufgefaßt ist in «Les grands Inities», in den «Großen Eingeweihten», hat man den Punkt erreicht, wo Geschichte auch einmündet in Geisteswissenschaft.

[ 16 ] However, history—as it is practiced today—is the furthest removed from this convergence with the humanities. It seems that those historians come closest to this who do not merely see in the facts of history a random interplay of successive human impulses and passions and other facts of the physical plane, but who speak of ruling thoughts. As if abstract thoughts could have an effect! Unless one attributes a will to them, they are not spiritual beings; they cannot act. Therefore, it is meaningless to speak of insubstantial ideas in history. Only when one introduces living life into history, when one conceives of the spiritual life-principle as flowing through the souls, living itself out ever more highly from soul to soul, when one understands history as it is understood in *Les grands Initiés*, in *The Great Initiates*, has one reached the point where history also flows into spiritual science.

[ 17 ] So können wir geradezu sagen: Einem unbefangenen Blick gegenüber zeigt sich, wie alle Wissenschaftlichkeit die geisteswissenschaftliche Betrachtung herausfordert. - Geister allerdings, die tiefer eingehen in das geistige Leben, so daß sie mit ihrer ganzen Seele auf den Erkenntniswegen wirklich wandeln wollen, die nicht bloß Theorien treiben, sondern deren Herzblut an der Erkenntnis hängt, oh, solche Geister zeigen auch in ihrem Leben, wie es überall in die Geisteswissenschaft hineingeführt wird. Da gab es einen Menschen, der ja der Außenwelt eine Reihe von Jahren als berühmter Dichter bekannt war, der durch Jahrzehnte hindurch auf seinem Krankenlager lag und in den letzten Jahren seines Lebens das, was er ersonnen, was sich ihm ergeben hat auf dem Erkenntnispfade, noch aufgeschrieben hat, um es der Nachwelt zu übergeben: ein Dichter, den die Philosophen natürlich nicht philosophisch ernst genommen haben. Ich meine Robert Hamerling. Aber Robert Hamerling - der vielleicht nur von Vincenz Knauer ernst genug genommen worden ist, der auch Vorträge über ihn gehalten hat —- war eben nicht ein theoretischer Philosoph, sondern ein solcher, der auf die Erkenntniswege mit seinem Herzblut sich begab, der, soweit es ihm zugänglich war, das chemische, das physikalische, das philosophische, das physiologische, das biologische, das historische Wissen unserer Zeit zusammennahm und es befruchtete mit der dichterischen Intuition. Robert Hamerling, der die Gedanken über die Welt befruchten konnte durch das, was ihm die dichterische Intuition gegeben, hat in seiner «Atomistik des Willens» alles das niedergelegt, was er auf seinem Erkenntnisweg gefunden hat, und dieser Erkenntnisweg war nicht ein solcher, wie ihn heute so viele gehen aus der bloßen Theorie, aus der Schulung, sondern aus dem unmittelbaren Leben heraus. Er hat in dieser «Atomistik des Willens» verschiedenes niedergelegt, das für denjenigen von Beachtung ist, der sich interessiert für das Einmünden der äußeren Wissenschaftlichkeit und der Intellektualität in die Spiritualität. Eine Stelle der «Atomistik des Willens» sei hier vorgelesen, um zu zeigen, was in diesem Buche von 1891 steht von seinen einsamen Gedanken, die er gesammelt hat für sich auf dem Pfade der Erkenntnis, wie er ihn eingeschlagen hat. «Es ließe sich», sagt Hamerling auf Seite 145 des zweiten Bandes seiner «Atomistik des Willens», «immerhin die Möglichkeit von lebenden Wesen denken, deren Leiblichkeit dünner wäre als die atmosphärische Luft. Für andere Weltenkörper wenigstens hat die Annahme solcher Wesen nichts gegen sich. Wesen von so geringer Dichte der Leiblichkeiten würden für uns als unsichtbar ganz dem entsprechen, was wir «Geister zu nennen pflegen. Desgleichen dem, was man als seelenhafte, nach dem Tode des Individuums noch fortlebende «Ätherleiber bezeichnet.» Und so geht es weiter. Hier haben Sie mitten in einem Werke, das aus dem Geistesleben der Gegenwart heraus geschrieben ist, auf den Ätherleib hingewiesen. Denken Sie nun, meine lieben Freunde, wenn überall Wahrheit und Aufrichtigkeit herrschen würde und gründliches Streben, sich bekannt zu machen mit dem, was als Gedanke in den Menschen wirklich lebt, wenn man überall ehrlich eingehen würde auf das Vorhandene, wenn - mit anderen Worten — die Menschen nicht so viele Bücher schreiben würden, bevor sie gelernt haben, was schon in anderen Büchern steht: dann gäbe es ein ganz anderes Arbeiten in unserer Zeit, dann gäbe es eine Kontinuität, dann würde man aber auch sagen müssen, daß in unseren letzten Jahrzehnten überall aus wahrer, ernster Wissenschaft spirituelles Leben hervorspringt, Hinblicke zu spirituellen Zielen und Perspektiven. Denn solche Fälle wie Robert Hamerling sind in großer Anzahl vorhanden.

[ 17 ] We can thus say quite plainly: To an unbiased observer, it becomes clear how all scientific inquiry challenges the spiritual-scientific perspective. - But those spirits who delve more deeply into spiritual life, who truly wish to walk the paths of knowledge with their whole soul—who do not merely pursue theories, but whose very lifeblood is devoted to knowledge—oh, such spirits also demonstrate in their lives how everything is led into spiritual science. There was a man who, for a number of years, was known to the outside world as a famous poet, who lay on his sickbed for decades and, in the last years of his life, wrote down what he had conceived, what had come to him on the path of knowledge, in order to pass it on to posterity: a poet whom the philosophers, of course, did not take seriously philosophically. I am referring to Robert Hamerling. But Robert Hamerling—who was perhaps taken seriously enough only by Vincenz Knauer, who also gave lectures on him —- was not a theoretical philosopher, but one who embarked on the paths of knowledge with his heart and soul, who, to the extent it was accessible to him, brought together the chemical, physical, philosophical, physiological, biological, and historical knowledge of our time and enriched it with poetic intuition. Robert Hamerling, who was able to enrich thoughts about the world through what his poetic intuition gave him, set down in his *Atomistik des Willens* everything he found on his path of knowledge, and this path of knowledge was not one that so many today follow—based on mere theory or academic training—but one that sprang directly from life itself. In this *Atomistik des Willens*, he recorded various insights that are of interest to those concerned with the convergence of external scientific inquiry and intellectuality with spirituality. Let us read a passage from *Atomistics of the Will* here to show what this 1891 book contains of his solitary thoughts, which he gathered for himself on the path of knowledge as he had embarked upon it. “One could,” says Hamerling on page 145 of the second volume of his *Atomistics of the Will*, “at least conceive of the possibility of living beings whose physicality is thinner than atmospheric air. At least for other celestial bodies, the assumption of such beings is not unreasonable. Beings of such low physical density would, being invisible to us, correspond entirely to what we “customarily call spirits.” Likewise, to what is referred to as “etheric bodies,” which are said to survive the death of the individual.” And so it goes on. Here, in the midst of a work written from the spiritual life of the present, you have referred to the etheric body. Now consider, my dear friends, if truth and sincerity were to prevail everywhere, along with a thorough striving to acquaint oneself with what truly lives as thought within human beings; if one were to engage honestly with what already exists; if—in other words—people did not write so many books before they have learned what is already written in other books: then there would be a very different kind of work in our time, then there would be continuity, but then one would also have to say that in our last few decades, spiritual life has sprung forth everywhere from true, serious science, offering glimpses of spiritual goals and perspectives. For there are a great many cases like that of Robert Hamerling.

[ 18 ] So schließen sich die Spezialitäten der einzelnen Wissenschaften zusammen und fordern heraus, was heute einzig und allein ein umfassendes Weltbild geben kann, wie es zum Beispiel versucht worden ist in der «Geheimwissenschaft», die ich skizzenhaft schreiben durfte vor kurzer Zeit und in die hineingearbeitet sind, ohne daß man es bemerkt, die Ergebnisse der sämtlichen Wissenschaften von heute neben der spirituellen Forschung. Wenn wir das ins Auge fassen, dann müssen wir sagen: Eigentlich fehlt es gar nicht überall an geöffneten Toren zu der Spiritualität, nur beachtet man sie nicht. — Wer die Wissenschaft der Gegenwart kennt, findet überall, daß sie in ihren Tatsachen, nicht in ihren Theorien, die Spiritualität fordert. Wird man sich einmal emanzipieren können in bezug auf äußere Wissenschaft von allen Theorien, von atomistischen und Bewegungstheorien, von Energetik und allem, was in ähnlicher Einseitigkeit immer wieder mit ein paar hingepfahlten Begriffen die Welt umfassen will, wird man die große Summe der Tatsachen, welche die heutige Wissenschaft zutage fördert, allein sprechen lassen, dann wird man keinen Widerspruch mehr finden zwischen dem, was hier getrieben wird als Geisteswissenschaft, und den wahren wissenschaftlichen Ergebnissen der gegenwärtigen Forschung.

[ 18 ] Thus the specialties of the individual sciences come together and call for what today can be provided solely by a comprehensive worldview, as has been attempted, for example, in “The Secret Science,” which I was recently able to outline and into which, without one noticing it, the findings of all of today’s sciences have been woven alongside spiritual research. When we consider this, we must say: In truth, there is no lack of open doors to spirituality anywhere; it is simply that they are not noticed. — Anyone familiar with contemporary science will find everywhere that it calls for spirituality in its facts, not in its theories. Once we are able to emancipate ourselves, in relation to external science, from all theories—from atomistic and kinetic theories, from energetics, and from everything that, with similar one-sidedness, repeatedly seeks to encompass the world with a few fixed concepts—we will let the vast sum of facts that modern science brings to light speak for themselves, then one will find no further contradiction between what is pursued here as spiritual science and the true scientific results of contemporary research.

[ 19 ] Auf einem solchen Wege kann nun Goethe ein großer Helfer sein, der in einer grandiosen Weise alle Bedingungen eines universellen Geistes erfüllte. Schon in äußerlicher Art; denn wer den Briefwechsel Goethes kennt, weiß, daß in der Zeit Goethes unzählige Naturforscher auf allen Gebieten über die wichtigsten Fragen mit Goethe korrespondiert haben. Überallhin gingen von Goethes Schreibstube, von seinen physikalischen und sonstigen Kabinetten aus die Fäden zu den einzelnen Verzweigungen der Wissenschaft. Mit Botanikern, Optikern, Zoologen, Anthropologen, Geologen, Mineralogen, Historikern, ja, ich müßte alle Wissenschaften aufzählen, mit allen hat Goethe korrespondiert. Und er hat neben dem, daß ihn die zurückgebliebenen Geister allerdings nicht anerkennen wollten, weil er mit seinen Forschungen weit über sie hinausging, solche Geister gefunden, die ihn im höchsten Grade ernst genommen und auf sein Urteil hingehört haben, wenn es sich darum handelte, diese oder jene auch Spezialfrage auszumachen. Das ist freilich nur eine Äußerlichkeit, aber wir können auch sehen, wie Goethe zusammenarbeitete in Gedanken und auch den Tatsachen nach mit den bedeutsamsten Philosophen seiner Zeit, wie Schelling, Hegel, und eine Anzahl von Philosophen befruchtet wurden durch Goethe, wie Goethesche Gedanken in ihren Werken in anderer oder gleicher Form wiederkehrten. Wir können endlich sehen, wie Goethe im Laufe seines Lebens ernsthaft sich befaßt hat mit Botanik, Zoologie, Osteologie speziell, mit Anthropologie in weiterem Sinne, wie er sich mit Optik und Physik im weiteren Sinne befaßte. Heute lassen ja einzelne Wissenschafter auf biologischem Gebiete Goethe ein wenig gelten. Man muß es dagegen den Physikern ganz ernsthaft glauben und vom Standpunkt der Farbenlehre verstehen, daß sie sich bei Goethes Farbenlehre nichts denken können, daß sie nichts davon verstehen, weil man diese Farbenlehre erst in späterer Zeit verstehen wird - falls man sich nicht früher schon durch Geisteswissenschaft damit bekannt gemacht hat -, vielleicht erst in der zweiten Hälfte des 20. oder ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Die Physik von heute kann diese Farbenlehre Goethes nur als Unsinn anschauen. Das liegt aber nicht an der Farbenlehre, sondern an den heutigen Formen der Wissenschaft. Und wenn Sie lesen, was gemeint ist in meinem Buche über «Goethes Weltanschauung» wie auch in der Vorrede zu Goethes Naturwissenschaftlichen Werken, herausgegeben von Kürschner, dann können Sie sehen, daß darin eine Anschauung über die Farbenlehre steckt, die im tiefsten Sinne wissenschaftlich ist, der gegenüber alle physikalischen Theorien der Gegenwart dilettantisch sind.

[ 19 ] In this way, Goethe can be of great assistance, as he fulfilled all the criteria of a universal mind in a magnificent way. Even in a superficial sense; for anyone familiar with Goethe’s correspondence knows that, during his lifetime, countless natural scientists from all fields corresponded with him on the most important questions. From Goethe’s study, from his physics and other cabinets, threads extended in every direction to the various branches of science. With botanists, opticians, zoologists, anthropologists, geologists, mineralogists, historians—indeed, I would have to list all the sciences—Goethe corresponded with them all. And while the narrow-minded minds of his time certainly refused to acknowledge him—because his research far surpassed their own—he found minds that took him most seriously and heeded his judgment when it came to resolving this or that specific question. This is, of course, merely a superficial aspect, but we can also see how Goethe collaborated in thought and in fact with the most significant philosophers of his time, such as Schelling and Hegel, and how a number of philosophers were inspired by Goethe, as Goethean ideas recurred in their works in different or similar forms. Finally, we can see how, throughout his life, Goethe seriously engaged with botany, zoology, osteology in particular, and anthropology in a broader sense, and how he engaged with optics and physics in a broader sense. Today, some scientists in the biological field do give Goethe some credit. One must, however, take the physicists quite seriously and understand from the standpoint of color theory that they cannot make sense of Goethe’s color theory, that they do not understand it, because this color theory will only be understood in later times—unless one has already become acquainted with it through spiritual science—perhaps not until the second half of the 20th or the first half of the 21st century. Today’s physics can only view Goethe’s theory of colors as nonsense. But this is not due to the theory of colors itself, but to the current forms of science. And if you read what is meant in my book on “Goethe’s Worldview” as well as in the preface to Goethe’s Scientific Works, edited by Kürschner, then you can see that it contains a view of color theory that is scientific in the deepest sense, compared to which all contemporary physical theories are amateurish.

[ 20 ] So können wir sehen, wie Goethe auf allen Gebieten wirklich gearbeitet hat. Wir können sehen, wie überall sein Streben nach Erkenntnis der Naturgesetze befruchtet ist von dem, was Goethe als dichterische Kräfte in sich hatte. Bei ihm ist überhaupt nichts getrennt, alles spielt in seiner Seele ineinander. Da aber stört nicht eines das andere, und da ist uns Goethe ein lebendiger Beweis dafür, daß es in der Tat ein Unding, eine Absurdität ist, wenn man glauben sollte, daß der lebendige Betrieb meinetwillen eines intellektuellen Geisteszweiges die Intuition stören könnte. Wenn beide Triebe nur in ihrer Kraft und Ursprünglichkeit vorhanden sind, dann stört das eine das andere nicht. Wir können uns eine Vorstellung von dem lebendigen Zusammenarbeiten der menschlichen Seelenkräfte machen, wie sie sich in den einzelnen Wissenschaften und in der gesamten Persönlichkeit des Menschen äußern, wir können aus der Notwendigkeit des Lebens eine solche Vorstellung uns bilden, und wir haben noch die Hilfe, daß ein solcher moderner Geist vorhanden ist, in dem unmittelbar lebendig war dieses Zusammenwirken der einzelnen Seelenkräfte der gesamten Persönlichkeit. Daher ist Goethe eine so vorbildliche Persönlichkeit, die man anschauen muß, um dieses lebendige Zusammenwirken der Seelenkräfte studieren zu können. Und da er ein Mensch ist, an dem man tatsächlich verfolgen kann, wie er von Jahr zu Jahr steigt in bezug auf die Vertiefung des eigenen Seelenlebens, des Weltverständnisses, haben wir in ihm ein Beispiel dafür, wie der Mensch streben muß, um zu einer Vertiefung seines Seelenlebens zu gelangen. Nicht etwa bloß die Betrachtung Goethes, nicht das Nachsprechen seiner Sätze, nicht das Hinnehmen seiner Werke, sondern das Grandiose, das von seiner ganzen Erscheinung ausgeht, vorbildlich für unsere Gegenwart zu betrachten, das ist es, was uns vielleicht ganz besonders an einem Tage vor die Seele treten darf, der wie der heutige als Kalendertag im engeren Sinne an Goethes Leben erinnert. Und insbesondere der heutige wissenschaftliche Geist könnte viel von Goethe lernen. Weit ist ja dieser wissenschaftliche Geist in bezug auf die Erfassung des geistigen Lebens nicht gediehen, aber gerade von dieser Seite her wird und muß Goethe eine Auferstehung feiern, wird und muß Goethe allmählich mehr und mehr begriffen werden, denn vieles von dem, was man nennen kann eine gesunde Durchleuchtung unseres Fortschrittes in die geistigen Welten, unserer Geisteswissenschaft überhaupt, kann ausgehen von einer Betrachtung Goethes, weil bei Goethe alles gesund ist. Goethe ist in allen Dingen zuverlässig, und wo er sich widerspricht, sind es nicht logische Widersprüche, die sich ergeben, sondern weil das Leben selbst sich widerspricht und sich widersprechen muß, damit es lebendig ist.

[ 20 ] Thus we can see how Goethe truly worked in all fields. We can see how, everywhere, his quest to understand the laws of nature is enriched by what Goethe possessed within himself as poetic powers. With him, nothing is separate at all; everything intertwines within his soul. Yet one does not interfere with the other, and in this Goethe is living proof to us that it is indeed a folly, an absurdity, to believe that the active work of one branch of the intellectual mind could interfere with intuition. If both impulses are present only in their full strength and originality, then one does not interfere with the other. We can form a conception of the living interplay of the human soul’s powers as they manifest in the individual sciences and in the whole personality of the human being; we can form such a conception out of the necessity of life, and we have the further aid of the fact that there exists such a modern spirit in whom this interplay of the individual soul powers of the whole personality was immediately alive. That is why Goethe is such an exemplary figure, whom one must observe in order to study this living interplay of the soul forces. And since he is a person in whom one can actually trace how he grows from year to year in terms of the deepening of his own soul life and his understanding of the world, we have in him an example of how a person must strive to achieve a deepening of their soul life. Not merely the contemplation of Goethe, not the parroting of his sentences, not the acceptance of his works, but rather the grandeur that emanates from his entire being—to regard this as an exemplar for our present time—that is what may perhaps come to the forefront of our souls on a day like today, which, as a calendar date in the narrower sense, commemorates Goethe’s life. And today’s scientific spirit, in particular, could learn much from Goethe. True, this scientific spirit has not advanced far in terms of grasping spiritual life, but it is precisely from this perspective that Goethe will and must celebrate a resurrection; it is precisely from this perspective that Goethe will and must gradually be understood more and more, for much of what can be called a healthy examination of our progress into the spiritual worlds—of our spiritual science in general—can stem from a consideration of Goethe, because in Goethe everything is healthy. Goethe is reliable in all things, and where he contradicts himself, it is not logical contradictions that arise, but because life itself contradicts itself and must contradict itself in order to be alive.

[ 21 ] Das war ein Gedanke, den ich gerne heute am Geburtstag Goethes in Ihnen noch anregen wollte, um zu zeigen, wie notwendig es ist, daß wir uns noch in ganz anderer Art in Dinge vertiefen, die offen vor uns liegen. Goethe kann uns unendlich vieles geben. Er wird uns am meisten geben, wenn wir vieles von dem vergessen, was in unzähligen Werken über Goethe geschrieben worden ist, denn das ist eher dazu geeignet, uns einen Schleier über den wirklichen Goethe zu breiten, als ihn kennenzulernen. Aber Goethe hat eine geheime Anziehungskraft, Goethe hat etwas, was durch sich selbst wirkt, und wenn Sie sich auf Goethe einlassen, dann werden Sie schon sehen, daß Sie einen Geburtstag Goethes in sich selber erleben können, daß Sie etwas von dem erleben, was ewig jung und frisch in Goethe ist, von dem man sagen kann: Goethe kann in einer von Geisteswissenschaft durchdrungenen Seele wieder erstehen. Unsere materialistische Zeit hat, wenn sie noch so oft den Namen Goethe nennt, noch so viele von Goethes Werken anführt, doch herzlich wenig Verständnis für ihn.

[ 21 ] That was a thought I wanted to share with you today, on Goethe’s birthday, to show how necessary it is that we delve into the things that lie before us in a completely different way. Goethe has so much to offer us. He will give us the most if we forget much of what has been written about him in countless works, for that tends to cast a veil over the real Goethe rather than help us get to know him. But Goethe possesses a secret power of attraction; Goethe has something that works through itself, and if you open yourselves to Goethe, you will see that you can experience a Goethe’s birthday within yourselves, that you can experience something of what is eternally young and fresh in Goethe—something of which one can say: Goethe can be reborn in a soul imbued with spiritual science. Our materialistic age, no matter how often it mentions the name Goethe or cites so many of Goethe’s works, has very little understanding of him.

[ 22 ] Es gab Zeiten, wo man mit der ganzen Seele wirklich von Goethe fasziniert werden konnte, selbst wenn ernsthaft über Goethe gesprochen wurde - nicht in unserem Sinn literarisch-historisch, was ja nicht ernsthaft ist, wenn ernsthaft gesprochen wurde - da fanden sich die Menschen, die durch ein solches Sprechen hingerissen wurden durch den innersten, spirituellen Nerv, der in Goethe immer liegt. Und da darf stets wieder daran erinnert werden, wie Rosenkranz, der Hegelianer, in einer Zeit der dreißiger, vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, wie der alte Karl Rosenkranz, der auf der Höhe der Bildung seiner Zeit stand, das Wagnis unternahm, an der Universität in Königsberg Vorträge über Goethe anzukündigen. Er wollte einmal frank und frei aussprechen, was ein Philosoph über Goethe zu sagen hat. Da hat er sich denn diese Vorträge zurecht gelegt und da ging er mit dem Gedanken aus seiner Gelehrtenstube heraus: Nun, ein paar Zuhörer wirst du vielleicht doch haben. - Aber dieser Gedanke wollte ihm fast schwinden, als er hinaustrat und ein so furchtbares Schneegestöber draußen war, daß man denken konnte, es wagt sich niemand auf die Straße und demgemäß niemand auch in die Hörsäle zu einem Kolleg, das man ja nicht zum Brotstudium brauchte. Da ging er doch hin, und siehe da, die Bedingungen, unter denen er vorzutragen hatte, waren die denkbar ungünstigsten. Es war ein Raum, der nicht geheizt werden konnte, der keinen ordentlichen Fußboden hatte und an dessen Wänden überall das Wasser in Strömen herunterrann. Der Name Goethe hatte aber gezogen, und es war schon eine stattliche Anzahl von Menschen am ersten Vortragsabend, und es kamen immer mehr und mehr. Und trotzdem sich die Verhältnisse immer ungünstiger gestalteten, immer unbehaglicher wurden in diesem Saal, so waren zuletzt doch so viele bei Karl Rosenkranz’ Vorlesungen, daß der Saal sie fast nicht fassen konnte.

[ 22 ] There were times when one could truly be captivated by Goethe with one’s whole soul, even when speaking seriously about Goethe—not in our sense of literary-historical terms, which is not serious when speaking seriously—for there were people who, through such discourse, were entranced by the innermost, spiritual nerve that always lies within Goethe. And here we may always recall how Rosenkranz, the Hegelian, in the 1830s and 1840s, how old Karl Rosenkranz, who stood at the pinnacle of the scholarship of his time, took the risk of announcing lectures on Goethe at the University of Königsberg. He wanted to speak frankly and freely about what a philosopher has to say about Goethe. So he prepared these lectures and left his study with the thought: Well, you might have a few listeners after all. - But that thought nearly vanished as he stepped outside and found such a terrible snowstorm raging that one might have thought no one would dare venture out onto the street—and consequently, no one would come to the lecture halls for a course that wasn’t required for one’s bread-and-butter studies. So he went there anyway, and lo and behold, the conditions under which he had to lecture were the most unfavorable imaginable. It was a room that could not be heated, that had no proper floor, and on whose walls water was streaming down everywhere. But the name Goethe had drawn a crowd, and there was already a sizeable number of people on the first evening of lectures, and more and more kept coming. And even though conditions grew increasingly unfavorable and the hall became ever more uncomfortable, in the end there were so many people attending Karl Rosenkranz’s lectures that the hall could barely hold them all.

[ 23 ] Goethe gerade ist zu denjenigen Geistern zu zählen, die uns anthroposophisch am meisten anregen können, und wir werden, wenn wir uns sagen, daß in dem fleischlichen Leibe des Goethe ein großer Geist war, den wir allerdings erst studieren müssen, in einer gesünderen Weise zu einer anthroposophischen Betrachtung kommen, als wenn wir uns einen fleischlichen Leib vorführen lassen würden, in dem ein großer Geist ist, den wir auf Autorität hin anerkennen sollen. Es gibt wahrhaftig gesunde Wege in die Anthroposophie hinein. Man braucht sie nur zu gehen, man braucht nur die Mühe nicht zu scheuen. Daher schrecke ich auch niemals davor zurück, wenn auch viele Zuhörer bei solch einem Vortragszyklus sind, unter Umständen in recht unbequemer Weise in diese oder jene Seitenwege der geistigen Betrachtung hineinzuleuchten, dieses oder jenes Gewagte zu sagen, dieses oder jenes schwer Verständliche zu sagen. Niemals werde ich davor zurückschrecken, weil ich weiß, daß nur auf diesem Wege ein gesunder Fortschritt für die Anthroposophie, ein wirkliches Einleben der Geisteswissenschaft in das moderne Kulturleben möglich ist. Und mir scheint, daß man in die höchsten geistigen Regionen hinaufsteigen kann und dabei das Herz nicht zu erkälten braucht. Mir scheint, daß all diejenigen, die hier versammelt sind, doch etwas davon verspüren können, daß Anthroposophie hier mit den Mitteln des modernsten Geisteslebens interpretiert wird und daß es eine sehr große Verirrung ist, wenn irgendwo, auch auf anthroposophischem Gebiet, das sonderbare Urteil figuriert, als ob hier etwas Mittelalterliches, nicht der modernen Wissenschaft Entsprechendes den Leuten aufgewärmt würde. Weil das gesagt wird von manchem, auch auf anthroposophischem Gebiete, muß darauf aufmerksam gemacht werden: Derjenige, der mit Verständnis folgen kann, wird wissen, daß nichts Mittelalterliches, daß objektiv Wissenschaftliches im Bunde mit wahrhaftem modernem Geistesstreben angestrebt wird. Wie weit es erreicht wird, das zu beurteilen steht mir nicht zu. Daß aber nichts Mittelalterliches, nichts irgendwie mit den Traditionen bloß Zusammenhängendes, sondern etwas Objektives, der modernen Wissenschaft Ebenbürtiges angestrebt wird, das sollte man wenigstens einsehen. Und daß unsere Herzen ergriffen werden können von den Lebensbedingungen, die von dieser anthroposophischen Betrachtung ausgehen, das darf auch als etwas Sicheres erscheinen. Das scheint mir das Wichtigste zu sein, was wir aus einer solchen Betrachtung für unsere Herzen mitnehmen und in die Welt hinaustragen. Was wir in der Breite der Begriffe, der Worte erfaßt haben, das zieht sich zusammen in unseren Herzen, das leben wir in unseren Gefühlen und Empfindungen, in unserem Mitleid, das leben wir in unseren Taten aus — und leben dann die Anthroposophie. Und wie die Flüsse nur hinausströmen können über die Lande, wenn sie von den Quellen ihr Wasser beziehen, so kann das Leben der Anthroposophie nur hinausströmen in die Welt, wenn es seine Kräfte bezieht aus den Weisheitsquellen, die uns heute eröffnet werden durch jene spirituellen Mächte, die wir nennen die Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen. Und wir haben Geisteswissenschaft im wahren Sinne des Wortes erfaßt, wenn sie in den Formen des neuzeitlichen Geisteslebens zu uns spricht, wenn sie aber zugleich unsere Herzen, unsere Seelen nicht kalt läßt, sondern wärmt, so daß diese Wärme sich überall in der Welt auch den anderen mitteilen kann. So viel Sie von dem, was hier gesagt wird, hinaustragen in die Welt, hinaustragen nicht nur durch Gedanken, sondern durch Ihre Gefühle und Willensimpulse und Taten, so viel haben diese Vorträge genützt. Und das ist das Bestreben dieser Vorträge.

[ 23 ] Goethe, in particular, is one of those minds who can inspire us most from an anthroposophical perspective, and if we tell ourselves that within Goethe’s physical body there was a great spirit—one we must, of course, first study—we will arrive at an anthroposophical perspective in a healthier way than if we were presented with a physical body in which there is a great spirit that we are expected to acknowledge on authority. There are truly healthy paths into anthroposophy. One need only walk them; one need only not shy away from the effort. That is why I never shy away from shedding light—even if it may be quite uncomfortable—on this or that side path of spiritual contemplation, from saying this or that daring thing, from saying this or that difficult-to-understand thing, even when there are many listeners in such a lecture series. I will never shy away from this, because I know that only in this way is healthy progress for anthroposophy possible—a true integration of spiritual science into modern cultural life. And it seems to me that one can ascend to the highest spiritual realms without allowing one’s heart to grow cold. It seems to me that all those gathered here can sense something of the fact that anthroposophy is being interpreted here with the means of the most modern spiritual life, and that it is a very great error when, anywhere—even in the anthroposophical sphere—the strange judgment appears that something medieval, something not corresponding to modern science, is being rehashed for people. Because this is said by some, even within the anthroposophical sphere, it must be pointed out: Those who can follow with understanding will know that nothing medieval, but rather something objectively scientific in union with a truly modern spiritual striving, is being pursued. It is not for me to judge to what extent this is achieved. But one should at least recognize that what is being sought is not something medieval, nor anything merely connected to traditions, but rather something objective, on a par with modern science. And that our hearts can be moved by the conditions of life that arise from this anthroposophical perspective—that, too, may be regarded as certain. That seems to me to be the most important thing we take away from such a perspective for our hearts and carry out into the world. What we have grasped in the breadth of concepts and words is condensed in our hearts; we live it out in our feelings and sensations, in our compassion; we live it out in our actions—and thus live out anthroposophy. And just as rivers can only flow out across the land when they draw their water from the springs, so the life of anthroposophy can only flow out into the world when it draws its strength from the sources of wisdom that are opened to us today through those spiritual powers we call the Masters of Wisdom and of the Harmony of Feelings. And we have grasped spiritual science in the true sense of the word when it speaks to us in the forms of modern spiritual life, but at the same time does not leave our hearts and souls cold, but warms them, so that this warmth can also be communicated to others throughout the world. To the extent that you carry out into the world what is said here—carrying it out not only through thoughts, but through your feelings, impulses of will, and deeds—to that extent have these lectures been of benefit. And that is the aim of these lectures.

[ 24 ] Mit diesem Wunsche, meine lieben Freunde, begrüße ich Sie im Herzen immer, wenn Sie hierher kommen, mit diesen Wünschen grüße ich Sie am heutigen Tage, wo wir diesen Vortragszyklus abschließen und wo ich Ihnen sage: Seien wir im spirituellen und geistigen Sinn beieinander, wenn wir auch im Raum der eine da, der andere dort leben müssen. Und nehmen wir von der Zeit, wo wir auch enger im Raum nebeneinander sein können, das als die schönste gegenseitige Begrüßung, als das schönste gegenseitige Abschiedswort mit, daß wir im Geiste beisammen sind, auch wenn wir uns räumlich zerstreut haben. In diesem Sinne sage ich Ihnen heute, da wir am Geburtstag Goethes am Ende unseres Zyklus stehen, den Gruß am Ende dieser Vortragsreihe. Denken wir an das, was uns vereint hat, recht oft und lassen wir es dadurch auch für das persönliche Band, das sich von dem einen zum andern in Liebe immer schlingen kann, fruchtbar sein. Seien wir in diesem Sinn beieinander, auch wenn wir uns getrennt haben, und lassen wir uns durch diesen Sinn immer wieder aufs neue zusammenführen, um uns zu den Höhen des Geistes, des übersinnlichen Lebens zu erheben.

[ 24 ] With this wish, my dear friends, I always welcome you in my heart whenever you come here; with these wishes I greet you today, as we conclude this lecture series and as I say to you: Let us be together in a spiritual and intellectual sense, even if we must live in physical space—one here, the other there. And let us take from the times when we can be closer together in space the most beautiful mutual greeting, the most beautiful mutual farewell, knowing that we are together in spirit, even when we are physically scattered. In this spirit, I offer you today, as we stand at the end of our series on Goethe’s birthday, this farewell at the conclusion of this lecture series. Let us think often of what has united us, and let this also bear fruit for the personal bond that can always entwine itself from one to another in love. Let us be together in this spirit, even when we have parted ways, and let this spirit bring us together again and again anew, so that we may rise to the heights of the spirit, of the supersensible life.