Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen
GA 129

28 August 1911, München

Elfter Vortrag

Zum Geburtstag Goethes

[ 1 ] Die Faust-Dichtung hat Goethe begleitet von seinen Jugendjahren an - man darf wohl im eigentlichsten Sinne des Wortes sagen - bis zu seinem Tode. Denn der zweite Teil des «Faust» war von Goethe eingesiegelt als sein literarisches Testament hinterlassen worden. Und die Fertigstellung einzelner wichtiger Partien dieses «Faust», des zweiten Teiles, gehört ja wirklich den letzten Lebensjahren dieses universellen Geistes an. Wer Gelegenheit hat, Goethe ein wenig zu verfolgen in seiner Geistesentwickelung, wie sie sich in dieser Lebensdichtung äußert, der wird manche höchst interessante Dinge erleben können, namentlich über die Art und Weise, wie Goethe, wenn er immer wieder und wieder an dieses Gedicht, sein Lebensgedicht, ging, stets zu anderen Ideen kam über die Art, wie es verlaufen sollte. So gibt es eine interessante Aufzeichnung über den Schluß des Goetheschen «Faust», wie er einmal nach den damaligen Anschauungen Goethes hätte werden sollen, die wir etwa in die letzten achtziger oder Anfang der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts zu verlegen haben. Da finden wir neben ein paar Aufzeichnungen - Disposition wäre nicht das richtige Wort dafür - über den ersten und zweiten Teil einen kurzen Satz, eine Andeutung über den Schluß. Und diese Andeutung enthält die Worte von Goethe mit Bleistift hingeschrieben: Epilog im Chaos auf dem Wege zur Hölle. - Daraus werden Sie ersehen, daß Goethe einmal daran dachte, seinem Faust am Schlusse nicht jene Art von Himmelfahrt angedeihen zu lassen, die jetzt dasteht in dem Gedicht, das er in höchstem Greisenalter vollendet hat, sondern daß er im Sinne jenes Ganges, der im Vorspiel angedeutet ist - vom Himmel durch die Welt zur Hölle -, «Faust» wollte schließen lassen mit einem «Epilog im Chaos auf dem Wege zur Hölle». Es waren damals Gedanken, die in Goethes Seele lebten und die dahin gingen, daß Erkenntnis, wenn sie gewisse Grenzen überschreitet, nur in ein Chaos hineinführen kann. Und wir dürfen in einer gewissen Weise die Stimmung, aus der diese Worte hervorgegangen sind, die ich Ihnen als Goethesche Worte anführen konnte, zusammenbringen mit dem, was gestern gesagt werden konnte über unsere Seelenprüfungen, wenn die Seele auf der einen Seite ins Nichts hinaus, auf der anderen Seite in die dichte innere Wesenheit des Menschen untertaucht und den Zusammenschluß noch nicht finden kann. Goethe ist eine Persönlichkeit, die sich in der Tat Schritt für Schritt alles erobern mußte, die alles persönlich durchmachen mußte. Daher wirkt alles das, was Goethe geschaffen hat, so aufrichtig und so ehrlich auf uns, freilich manchmal auch so groß, daß wir es nicht gleich verfolgen können, weil wir uns nicht immer sogleich in die individuelle Ausgestaltung der Persönlichkeit hineinfinden können, die bei Goethe in diesem oder jenem Zeitpunkte seines Lebens vorhanden war. Wir dürfen daher einen wirklich großen Fortschritt Goethes verzeichnen von dem Zeitpunkte, da er seinen «Faust» mit einem «Epilog im Chaos auf dem Wege zur Hölle» schließen lassen wollte, bis zu jenem Zeitpunkte, wo er ganz im Sinne des lapidaren Satzes schließt: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.» Denn als Goethe den gegenwärtig überall bekannten Schluß seines «Faust» niederschrieb, lebte in ihm jene Ahnung, von der gestern gesprochen worden ist, aber auch jene Energie, die uns die Sicherheit gibt, daß, wenn wir auch durch alle Seelenprüfungen hindurch müssen, wir endlich doch zu dem Zusammenschlusse kommen müssen, der gestern gekennzeichnet worden ist. Das sei gesagt, meine lieben Freunde, um ein wenig auf das hinzuweisen, ‚was der hervorstechendste Zug in Goethes Leben ist.

[ 2 ] Diejenigen Menschen, welche geradliniges Leben lieben, welche scheuen, sich in die Widersprüche hineinzufinden, die doch das Lebendige eines fortschreitenden Lebens bedeuten, werden Anstoß nehmen daran, daß, wenn man ernstlich nachgeht, man in der Tat manchen Widerspruch in Goethes Leben findet, daß Goethe über viele Dinge im Alter anders geurteilt hat als in seiner Jugend. Das rührt aber nur davon her, daß Goethe jede Lebenswahrheit sich erst erkämpfen mußte. Und gerade an der Persönlichkeit Goethes zeigt sich, wie dieses Leben unmittelbar am physischen Plane herausfordert die inneren Erlebnisse, wie notwendig dieses Leben in seinem sukzessiven Geschehen ist, um uns zum völligen Menschen zu machen. Denn was uns so grandios bei Goethe zutage tritt, wenn wir sein ganzes Leben überblicken und uns einlassen auf seine aufeinanderfolgenden Stadien: das ist die Universalität seines Geistes, das Umspannende, Allseitige dieses Geistes. Und es ist höchst wichtig, Goethe gerade von dieser Seite in seiner Zeit zu studieren und auch das, was er durch das Universelle seines Geistes war, an unserer Zeit zu messen und dann einmal zu fragen: Was kann Goethe gerade für unsere Zeit durch das Universelle seines Geistes sein?

[ 3 ] Da ist es gut, wenn wir ein klein wenig die innere Beschaffenheit unserer Zeit, unserer Gegenwart, unserer Geisteskultur betrachten. Für den Anthroposophen hat es ja eine ganz besondere Wichtigkeit, den Geist unseres Zeitalters einmal ins Auge zu fassen. Es wird ja oft gesagt, unsere Zeit sei die Zeit des Spezialistentums, die Zeit, in welcher die strenge Wissenschaft regieren muß. Und oft und oft werden die Worte im Munde geführt, die ein großer Physiker, Helmholtz, gebraucht hat: daß es in unserer Zeit keinen die einzelnen Zweige des menschlichen Wissens — wie sie heute bestehen - umfassenden Geist geben kann. Es ist geradezu zum Schlagwort geworden, daß es einen Doctor universalis unserer Zeit nicht geben könne, daß man sich begnügen müsse mit dem Überblick über diese oder jene Spezialität. Wenn man beachtet, daß das Leben aber ein Einheitliches ist, daß alles im Leben zusammengreift und daß sich das Leben nicht danach richtet, ob wir mit unserer Seele umfassen können, was zum gesamten geistigen Lebensorganismus unserer Zeit gehört, so müssen wir sagen: Es wäre eigentlich schlimm für unser Zeitalter, wenn es nicht möglich wäre, wenigstens den Geist, der in allem Spezialistentum waltet, in gewisser Weise gewinnen zu können. Und man wird ihn am leichtesten gewinnen können, wenn man durch jene Zugänge vorzudringen versucht, welche gerade die Geisteswissenschaft eröffnen kann. Sie muß universell sein, sie muß die Spezialitäten der einzelnen Wissenschaften und der einzelnen Gebiete des ganzen Kulturlebens in gewisser Weise mit einem Blicke überschauen. Und wenigstens von einer Seite her wollen wir einmal heute einen Blick darauf werfen, wie sich im Lichte der Geisteswissenschaft gerade unser gegenwärtiges Geistesleben ausnimmt. Wir werden nicht sprechen, weil die Zeit nicht dazu ausreicht, von denjenigen wissenschaftlichen Gebieten, die mehr oder weniger für alle Zeiten gleichbleiben, wenigstens ihrem Sinn und Geist nach, trotzdem sie so gewaltige Bereicherungen in unserer Zeit erfahren haben. Wir wollen absehen von dem mathematischen Gebiete, obwohl wir auch da hinweisen könnten darauf, daß die Mathematik des 19. Jahrhunderts durch ihre ernsten Erwägungen in gewissen Zweigen sich geradezu das übersinnliche Gebiet erobert hat. Aber wir wollen darauf hinweisen, daß in den verschiedensten Zweigen moderner Wissenschaft im Laufe der letzten Jahrzehnte gewaltige große Entdeckungen gemacht worden sind, die, wenn man sie im richtigen Lichte schaut, überall uns zeigen, daß die geisteswissenschaftliche Auslegung genau zu ihnen stimmt, während alles das, was an Theorien bis in unsere Zeit herein beigebracht worden ist, durchaus nicht zu den Tatsachen stimmt, die mit so großem Fleiße und Energie im Laufe der letzten Jahrzehnte zusammengetragen worden sind. Da sehen wir schon an dem einen Beispiele der Physik und Chemie, wie merkwürdig der Gang der Entwickelung in den letzten Jahrzehnten war.

[ 4 ] Als wir jung waren - in den siebziger, achtziger Jahren oder vorher -, da gab es in der Physik und Chemie die sogenannten atomistischen Theorien, welche alle Erscheinungen auf gewisse Schwingungsformen zurückführten, sei es des Äthers, sei es irgendwelcher anderen materiellen Substanz. Und man möchte sagen: Dazumal war es Mode, alles, was uns in der Welt entgegentritt, letzterhand auf Bewegungen zurückzuführen. Dann, mehr gegen die neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts, zeigte es sich durch die Tatsachen, die allmählich zutage traten, daß die Bewegungslehre, die atomistische Theorie, nicht mehr gut ging, und es war in gewisser Beziehung eine bedeutungsvolle Tat, aber im allereingeschränktesten Sinne, als der vorzugsweise als Chemiker und Naturforscher bekannte Ostwald auf der Versammlung in Lübeck an Stelle jener atomistischen Theorie die sogenannte Energetik, die Energietheorie, aufstellte. Das war in gewisser Beziehung ein Fortschritt. Aber das, was später bis in unsere Zeiten herein sich auf dem Gebiete der Physik und Chemie gezeigt hat, hat endlich dazu geführt, daß eine gewisse Skepsis, ein gewisser Unglaube eingetreten ist gegenüber allem Theoretischen. Und nur zurückgebliebene Geister denken heute noch daran, die äußeren physikalischen Tatsachen wie die Lichterscheinungen oder sonstigen physikalischen oder chemischen Tatsachen auf die Bewegungen kleinster Teile oder auf bloße Äußerungen von Energien zurückzuführen. Dazu mußte ja insbesondere dasjenige beitragen, was in den letzten Jahren über die Stoffe bekannt wurde, die zur Radiumtheorie führten, und es ist schon die merkwürdige Tatsache eingetreten, daß große Physiker, wie zum Beispiel Thomson und andere, durch gewisse Verhältnisse, die nach und nach herausgekommen sind, sich gezwungen sahen, alle Theorie im Grunde genommen über Bord zu werfen, vor allem die Äthertheorie mit ihren kunstvollen Schwingungsformen, die man einst mit so großem Ernste betrieben und in so emsiger Arbeit mit Differentialen und Integralen berechnet hatte. Dieser Bewegungstheorie ist es also geschehen, daß die großen Physiker sie über Bord geworfen haben und in gewisser Weise zu einer Art von Wirbeltheorie zurückgelangt sind, die sich schon unter Cartesius herausgebildet hatte, man darf sagen auf Grund alter okkulter Traditionen. Aber selbst diese Theorien ließ man wieder fallen, und eine gewisse Skepsis gegenüber allem Theoretisieren ist gerade auf physikalischen und chemischen Gebieten eingetreten, nachdem man gesehen hat, daß einem die Materie sozusagen in der Hand zerfallen ist unter den modernen physikalischen Experimenten. Es ist so, daß gegenüber der heutigen Physik, wie sie sich bis in unsere Tage herein entwickelt hat, die atomistischen Bewegungstheorien und Energietheorien nicht mehr haltbar sind. Alles das, was vor fünf, sechs oder ein paar Jahren mehr noch hätte vertreten werden können, worauf so viele Hoffnungen gesetzt worden sind, als wir jung waren, wo man selbst die Schwerkraft zurückführte auf Bewegung, ist in den letzten Jahren für diejenigen, die die Tatsachen kennengelernt haben, in nichts zerfallen. Man erlebt aber natürlich immer wieder von denen, die zurückbleiben, die merkwürdigsten Tatsachen. Da möchte ich Sie auf etwas Interessantes hinweisen, da ich heute ja besprechen will, was die Zeit und Goethe charakterisieren soll.

[ 5 ] Es ist ein Büchelchen erschienen, das sich ungefähr auch auf den Standpunkt stellt, daß es keine Schwerkraft gibt, das heißt, daß die Materie und die Weltenkörper nicht einander anziehen. Das war ja immer eine Schwierigkeit für die Wissenschaft, diese sogenannte Anziehung vertreten zu können, weil man sich sagt: Wie kann die Sonne die Erde anziehen, wenn sie nicht irgend etwas ausstreckt in den Raum hinein? Da kam in den letzten Tagen diese Schrift, welche die Anziehung zurückführt auf Stoßwirkungen, so daß, wenn wir zum Beispiel einen Körper haben, einen Weltenkörper oder auch nur Moleküle, fortwährend von allen Seiten durch die anderen Weltenkörper und Moleküle Stöße ausgeübt werden. Wieso kommt es, daß diese Körper von allen Seiten stoßen? Denn natürlich stoßen sie auch innen, das eine geht hin, das andere her und so weiter. Das Wesentlichste würde jetzt sein, wenn Sie die Menge von Stößen, die außen und innen ausgeübt werden, und dann die Stöße, die dazwischen ausgeübt werden, ins Auge fassen, daß sich da eine Differenz ergibt. Die Stöße, die dazwischen ausgeübt werden, sind weniger und üben kleinere Kräfte aus als die äußeren. Die Folge ist, daß durch die äußeren Stöße die beiden - seien es Moleküle, seien es Weltenkörper — zusammengetrieben werden. So wird zurückgeführt auf die Stöße der Materie das, was wir als Anziehungskraft sonst bezeichnen. Niedlich ist, wenn man heute so etwas wie einen neuen Gedanken findet, aber für diejenigen, die den Sachen nachgehen, ist es eben nur niedlich. Aus dem einfachen Grunde zum Beispiel ist es niedlich, weil, als ich noch ein ganz junger Knabe war, diese Theorie mit allen mathematischen Schikanen von einem gewissen Heinrich Schramm in einem Buche ausgeführt worden ist, das allerdings heute vergriffen ist: «Die allgemeine Bewegung der Materie als Grundursache aller Naturerscheinungen.» Dort ist das viel gründlicher gemacht. Solche Dinge treten immer wieder auf bei denen, welche die Entwickelung des Geisteslebens nicht ins Auge fassen. Da kann man die merkwürdigsten Dinge erleben, wie vom einseitigen Standpunkte her immer wieder und wieder dieselben Irrtümer gemacht werden. Ich möchte geradezu betonen, wie durch das, was Physik und Chemie in den letzten Jahren geleistet haben, lauter Beweise dafür geliefert worden sind, daß dasjenige, was man Materie nennt, nur eine Vorstellung der Menschen ist und unter dem Experimente zerfällt und daß über alle Bewegung, über alle Energie hinweg Physik und Chemie direkt auf den Punkt hinsteuern, wo die Materie einläuft in den ihr zugrunde liegenden Geist. Eine spirituelle Grundlage fordert heute schon die Tatsachenwelt der Physik und Chemie heraus.

[ 6 ] In einem ganz ähnlichen Falle ist die Geologie oder die Paläontologie. Da gab es noch bis in die sechziger und siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts gewisse umfassendere Theorien, die große Kraftkomplexe ins Auge faßten. Heute sehen wir überall Skepsis, und bei denjenigen, die unsere besten Geologen oder Paläontologen sind, sehen wir ein Sichbeschränken darauf, rein die Tatsachen zu registrieren, weil man es nicht wagt, sie durch Gedanken zusammenzufassen. Es gehört ja ein gewisser Mut dazu, Gedanken zu entfalten, welche die entsprechenden Tatsachenreihen zusammenfassen. Man fürchtet sich aber heute, den Schritt zu machen, den auch die Geologie und Paläontologie fordert: von dem Materiellen in das Geistige hinein, den Schritt, der auch über die KantLaplacesche Theorie hinausführen würde. Man wagt es nicht, anzuerkennen, daß das, was ein erträumter Weltennebel ist, zuletzt einläuft in das Geistige, in die Gesamtheit der Hierarchien, von denen nur ein äußeres Kleid alles das ist, was man die äußere physikalische oder meinetwillen astrophysische Theorie nennen könnte.

[ 7 ] Anders liegen nun die Dinge, wenn wir mehr zu jenen Wissenschaften heraufkommen, die sich dem Leben oder mehr der Seele nähern. Da finden wir zunächst die Biologie. Nun, Sie wissen, welch gewaltige Hoffnungen an die Fortschritte der Biologie, der Lebenslehre, geknüpft worden sind, als das große Werk von Darwin erschien über «Die Entstehung der Arten». Sie wissen vielleicht auch, daß in den sechziger Jahren Ernst Haeckel mit einer seltenen Kühnheit auf der Naturforscherversammlung in Stettin 1863 das, was Darwin scheinbar bis dahin nur auf das Tierreich ausgedehnt hatte, auf den Menschen ausdehnte. Und dann sehen wir eine merkwürdige Entwickelung in bezug auf diese Lebenslehre oder Biologie. Wir sehen die vorsichtigeren Geister, die sich mehr auf das Registrieren der Tatsachen beschränken, aber auch andere, die da vorwärtsstürmen und kühne Theorien aufbauen auf das, was sich durch die Untersuchungen der Verwandtschaft der Formen der einzelnen Lebewesen ergibt. Insbesondere Haeckel sehen wir in kühner Weise auftreten und Stammbäume konstruieren, wie aus den einfachen Lebewesen die kompliziertesten durch immer neue und neue Abzweigungen entstanden sein sollen.

[ 8 ] Aber neben diesen, man möchte sagen, schroffer ins Auge fallenden Richtungen findet sich eine Forschungsströmung, die auch wichtig zu berücksichtigen ist und die ich charakterisieren möchte durch den Namen des Anatomen Carl Gegenbaur. Gegenbaur war in seinem Wesen der Anschauung, daß man zunächst nicht fragen soll, wie sich das alles verhält, diese Verwandtschaft der einzelnen Lebewesen. Aber er betrachtet die Darwinistische Theorie so, daß, wenn man sie als ein regulatives Forschungsprinzip zugrunde legt, man dann nachgeht gewissen Tatsachen in der äußeren Formen- oder Lebewelt. Sagen wir, die Stimmung eines solchen Forschers könnte man ausdrücken mit den Worten: Ich will nicht gleich sagen, daß meinetwillen die höheren Tiere von den Vögeln oder Fischen abstammen, aber ich will das Prinzip zugrunde legen, daß eine Verwandtschaft besteht, und will die Kiemen und Flossen daraufhin untersuchen, will untersuchen, wie sich immer feinere und feinere Verwandtschaften ergeben. — Und da haben sich allerdings, indem man so wie ein Leitmotiv des Aufsuchens die Darwinistische Arbeit betrachtet hat, wichtige und immer wichtigere Forschungstatsachen ergeben. Diese haben sich aber auch da ergeben, wo diese Forschung - angeregt durch den Darwinistischen Impuls - darauf aus war, die Abstammung des Menschen zu untersuchen, nachzugehen all den Zeugnissen der Paläontologie, der Geologie.

[ 9 ] Man ist überall, wo man vorsichtiger war, so vorgegangen: Man will die Verwandtschaften aufsuchen, will zugrunde legen einfach wie ein leitendes Prinzip die Darwinistische Theorie. Und da hat sich das Merkwürdige ergeben, daß die Darwinistische Theorie als solch leitendes Prinzip sich in den letzten Jahren als etwas ungemein Fruchtbares erwiesen hat und daß durch die Tatsachen, zu denen sie bis zu unserer heutigen Zeit herein geführt hat, sie sich selbst widerlegt, sich selber aufgehoben hat! So daß wir heute die merkwürdige Tatsache vor uns sehen, daß kaum auf irgendeinem Gebiete so wie auf dem des Darwinismus unter den Forschern über alle Punkte Uneinigkeit herrscht. Da gibt es heute noch solche - es sind die allerzurückgebliebensten -, welche den Menschen direkt auf die heute noch lebenden oder vielleicht nur ein wenig umgestalteten menschenähnlichen Affentiere zurückführen. Da gibt es insbesondere unter denjenigen, die die moderne Blutforschung verfolgen, die Verwandtschaft der einzelnen Blutsubstanzen - solche, welche diese ältere Form der Darwinistischen Theorie wiederaufgenommen haben, da gibt es solche, wie Klaatsch, welche sagen: Es ist ganz unmöglich nach den Tatsachen, welche sich ergeben haben, den Menschen auf irgendeine Tierform zurückzuführen, die heute besteht. Alle Nuancen sind vorhanden von denjenigen, die den Menschen noch auf den Affen, wie er heute ist, zurückführen wollen, bis zu solchen hinein, welche ihn nicht auf diesen zurückführen, aber auch nicht auf die Vorfahren dieser Affen oder anderer Säugetierwesen. Man muß hinaufgehen zu Tieren, von denen man keine Vorstellung haben kann und von denen auf der einen Seite der Mensch abstammt und von denen sich auf der anderen Seite abgespaltet haben die Säugetiere, so daß die Affen den Menschen ganz fernstehen. - Und das Eigentümliche ist, daß, wenn solche Forscher dann versuchen, die gegenwärtigen Formengestaltungen, die sich uns darbieten, zu benützen, um eine Vorstellung hervorzurufen von jenen wahren Vormenschen, sich alle physisch bestehenden Formen in allerlei nebuloses Zeug auflösen. Es kommt nichts dabei heraus. Warum nicht? Weil wir wiederum eine Stelle in der Biologie haben, wo die äußere physische Forschung der ehrlich erforschten Tatsachen dazu führt, daß man sich die Vorfahren der Menschen nicht physisch vorzustellen hat, da alles physische Vorstellen versagt. Man kommt zur geistigen Urform des Menschen, zu dem, was das Ergebnis war der früheren planetarischen Entwickelung, zu dem geistigen Urmenschen, von dem wir in der Geisteswissenschaft sprechen.

[ 10 ] So sind vollgültige Zeugnisse gerade die erforschten Tatsachen des 19. und 20. Jahrhunderts, und die Uneinigkeit der Forscher wird eigentlich dadurch nur verdeckt, daß die Studierenden nur bei einem Professor hören und nicht prüfen, was die anderen sagen. Wenn sie vergleichen würden, was der eine und der andere Gelehrte sagt, dann würden sie heute eine merkwürdige Entdeckung machen. Man würde dann zum Beispiel in Büchern des einen Naturforschers eine Stelle recht deutlich unterstrichen finden, wo er sagt: Wenn bei mir einer, der das Doktorexamen machen will, diese Behauptung aufstellen wollte, die da bei dem anderen gemacht wird, so würde ich ihn ohne weiteres durchfallen lassen. — Diese Behauptung ist aber keine andere als die, die irgendein Kollege an einer anderen Universität macht. Und diese Uneinigkeit ist das Hervorstechendste auf dem Gebiete der Biologie, während es auf dem Gebiet der Physik und Chemie die Resignation überhaupt gegenüber den Theorien ist. Noch interessanter ist es allerdings, wenn man in die Physiologie heraufkommt.

[ 11 ] Wir sehen, wie diese Physiologie überall in höchst merkwürdige, phantastische Lehren einmündet. Da sehen wir, wie das rein Äußerliche der Physiologie heute auch bei den materialistisch denkenden Menschen, die es nicht sein wollen, es aber doch ihrer ganzen Denkrichtung nach sind, überall schon beeinflußt wird von allerlei Dingen, die unterhalb oder innerhalb des Physischen sind. Ich könnte da auf Hunderte von Dingen hinweisen, wie zum Beispiel in der neueren Zeit die sonderbaren Theorien, die unter dem Einflusse einer Wiener Schule, der sogenannten Freudschen Schule, aufgekommen sind: Theorien darüber, wie das unterbewußte Leben des Menschen, insofern es sich im Traumleben oder anderen Lebenserscheinungen äußert, in das Physiologische hineinspielt. Ich will auf solche Tatsachen, an die ich nur tippen kann, nur aus dem Grunde hinweisen, weil man daran sieht, daß sich tatsächlich überall die Nötigung zeigt, die auch sonst theoretisch hervortritt, einmünden zu lassen das empirische, das äußere, sinnliche Tatsachenmaterial in das Geistige. Daneben allerdings sehen wir, daß in dem Augenblicke, wo sich eine Art Gesamterfassung, eine Art Gesamtanschauung dessen, was der gesamtwissenschaftliche Eindruck der Gegenwart sein muß, geltend macht, eine gewisse Resignation eintritt.

[ 12 ] Auch auf philosophischem Gebiete sehen wir diese Resignation. So ist Ihnen vielleicht bekannt, daß unter dem Einfluß von William James in Amerika, von F. C. Schiller in England, von anderen Forschern auf philosophischem Gebiete eine merkwürdige Theorie sich ausgebildet hat, die eigentlich in Wahrheit geboren ist aus jenem Hinstreben der Tatsachen zum Geist und sich doch nicht eingestehen will, daß man zum Geist hin muß. Es ist der sogenannte Pragmatismus, der da besagt, man müsse die verschiedenen Erscheinungen des Lebens so betrachten, daß wir Theorien über sie erfinden, als wenn sie eben zusammenfaßbar wären, aber alles, was wir aussinnen, ist nur da zur Ökonomie des Geistes, hat keinen innerlichen, konstitutiven, keinen wirklichen Wert. Das ist die letzte Schlacke der ausgebranntesten Geister der Gegenwart. Das ist der völlige Unglaube an den Geist, der nur an die schwachen Theorien appellieren will und diese erfunden sein läßt zum Zusammenhalten der Tatsachen, der aber nicht glaubt, daß der lebendige Geist erst die Gedanken in die Dinge gelegt hat, welche wir zuletzt in ihnen finden.

[ 13 ] Am merkwürdigsten allerdings geht es in dieser Beziehung der Seelenwissenschaft selber. Da gibt es gewisse Seelenforscher, die können nicht so recht bis zu einem lebendigen Geist vordringen, in dem sich die Seele findet als auferstehend in den Dingen. Aber sie können doch wieder nicht ableugnen, daß, wenn man überhaupt eine Art von Harmonie zwischen der Seele und den Dingen herstellen will, man dann von der Seele etwas in die Dinge hineintragen muß. Das, was man in der Seele erlebt, muß etwas zu tun haben mit den Dingen. Und da ist denn ein kurioses Wort entstanden, das heute herumspukt in den deutschen Psychologien, ein Wort, das wirklich jedem philologischen Denken geradezu ins Gesicht schlägt, das Wort «einfühlen». Man kann sich kein stärkeres Verlegenheitswort denken gegenüber allem gründlichen Denken als das Wort «einfühlen». Als ob es darauf ankäme, daß wir etwas in die Dinge hineinfühlen können, wenn wir nicht den sachlichen, realen Zusammenhang zu dem, was wir in die Dinge hineinschauen, aus den Dingen selber finden können. Es ist die Geistverlassenheit der Seelenwissenschaft oder Psychologie, die sich mit solchen Verlegenheitsworten aushelfen will.

[ 14 ] Und so könnten wir viele ähnliche Kunststückchen finden, die solche nicht ernsthaft zu nehmenden Psychologien in unserer Gegenwart zutage fördern. Andere Psychologien beschränken sich ganz darauf, die äußeren Werkzeuge des Seelenlebens zu beschreiben, das Gehirn oder sonstige Werkzeuge, und es ist schon so weit gekommen, daß Psychologen ernst genommen werden, welche experimentell nachweisen wollen, daß nichts verlorengeht an Kräften, an Energien, die wir durch Essen und Trinken und so weiter in uns aufnehmen, die wir dadurch in uns hineinpressen. Damit soll dann nachgewiesen werden, daß das Gesetz der Erhaltung der Kraft auch tonangebend sein muß für die Psychologie und daß da drinnen nicht etwa ein reines besonderes Seelenwesen arbeitet durch die Werkzeuge des Leibes. Solch ein Schluß ist nun wirklich aller Logik bar. Denn derjenige, der so schließt, der überhaupt in die Verlegenheit kommt, solch einen Gedanken aufzustellen, müßte auch zugeben, daß es vernünftig ist, sich vor ein Bankgebäude zu stellen, abzuzählen, wieviel Geld hineingetragen wird, nachzuzählen, wieviel Geld herausgetragen wird, abzuzählen, wieviel Geld in der Kasse bleibt, und dann daraus zu schließen, daß da drinnen in der Bank keine Menschen sind, die sich dort beschäftigen. Solche Schlüsse werden heute gemacht, und sie gelten als wissenschaftliche Schlüsse. Das sind die Theorien, die auf den Tatsachen der gegenwärtigen Forschung aufgebaut werden und die wie ein Nebel den wirklichen Bestand der Tatsachen verdunkeln.

[ 15 ] Wie es um die Psychologie wirklich steht, können wir an einer höchst interessanten Erscheinung beobachten, an einem wirklich bedeutenden Menschen, der in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Psychologie geschrieben hat, an Franz Brentano. Er hat den ersten Band einer mehrbändigen Psychologie geschrieben. Wer einzugehen vermag auf das, was in diesem ersten Band einer mehrbändigen Psychologie steht, wer einzugehen weiß von dem wirklichen Gesichtspunkt der psychologischen Tatsachen aus, der kann sich sagen: Nach dem, was da als Ansätze genommen ist bei Franz Brentano, müßte, wenn man überhaupt weiter könnte auf Grundlage dieser Ansätze, alles einmünden in die Geisteswissenschaft. Man kann gar nicht anders vorwärts. - Und wenn einer nicht in die Geisteswissenschaft einmünden wollte und solche, wenn auch schwachen Anfänge macht, um in vernünftiger Weise das Seelenleben zu begreifen, da müßte man voraussetzen, er könnte nicht weiter. Und hier haben wir die interessante Tatsache, daß dieser erste Band der mehrbändigen Psychologie in der Tat keine weiteren Bände erfahren hat. Es ist bei dem ersten Band geblieben, und in kleineren Werken hat Brentano Ansätze gemacht, dieses oder jenes zu begreifen; er hat aber nirgends den Zugang, das Tor zur Geisteswissenschaft gefunden und daher überhaupt nicht den weiteren Fortschritt der Psychologie für sich ermöglichen können. An einer solch signifikanten Tatsache können Sie sehen, wie auch das Negative, das uns in unserer Gegenwart entgegentritt, überall das Einmünden der Geister - die auf den Tatsachen fußen, die so wunderbar in den letzten Jahrzehnten hervorgetreten sind - in die Geisteswissenschaft fordert. Allerdings ist dieses Einmünden manchem heute noch zu schwer, für manchen sprechen andere Gründe dagegen. Wir wollen uns auf die Gründe aber jetzt nicht einlassen, sondern nur zeigen, daß überall, wo wir nach den wahren Kräften suchen, die im wirklichen Bestand der heutigen Wissenschaftlichkeit vorhanden sind, wo wir ehrlich und aufrichtig und umfassend und energisch vorgehen wollen, das Einmünden in die Geisteswissenschaft notwendig erfolgen muß.

[ 16 ] Am weitesten entfernt ist allerdings die Historie, die Geschichte, wie sie heute getrieben wird, von diesem Einmünden in die Geisteswissenschaft. Da kommen diejenigen Geschichtsschreiber scheinbar schon am weitesten, welche nicht bloß in den Tatsachen der Geschichte ein zufälliges Spiel der aufeinanderfolgenden Triebe und Leidenschaften der Menschen und sonstiger Tatsachen des physischen Planes sehen, sondern welche von waltenden Gedanken sprechen. Als ob abstrakte Gedanken wirken könnten! Wenn man ihnen nicht einen Willen zuschreibt, sind sie keine Geistwesen, können sie nicht wirken. Daher ist es eine Sinnlosigkeit, von wesenlosen Ideen in der Geschichte zu sprechen. Erst dann, wenn man das lebendige Leben in die Geschichte einführt, wenn man das spirituelle Lebensprinzip durch die Seelen hindurchziehend denkt, wie es sich von Seele zu Seele immer erhöhter auslebt, wenn man Geschichte auffaßt, wie sie aufgefaßt ist in «Les grands Inities», in den «Großen Eingeweihten», hat man den Punkt erreicht, wo Geschichte auch einmündet in Geisteswissenschaft.

[ 17 ] So können wir geradezu sagen: Einem unbefangenen Blick gegenüber zeigt sich, wie alle Wissenschaftlichkeit die geisteswissenschaftliche Betrachtung herausfordert. - Geister allerdings, die tiefer eingehen in das geistige Leben, so daß sie mit ihrer ganzen Seele auf den Erkenntniswegen wirklich wandeln wollen, die nicht bloß Theorien treiben, sondern deren Herzblut an der Erkenntnis hängt, oh, solche Geister zeigen auch in ihrem Leben, wie es überall in die Geisteswissenschaft hineingeführt wird. Da gab es einen Menschen, der ja der Außenwelt eine Reihe von Jahren als berühmter Dichter bekannt war, der durch Jahrzehnte hindurch auf seinem Krankenlager lag und in den letzten Jahren seines Lebens das, was er ersonnen, was sich ihm ergeben hat auf dem Erkenntnispfade, noch aufgeschrieben hat, um es der Nachwelt zu übergeben: ein Dichter, den die Philosophen natürlich nicht philosophisch ernst genommen haben. Ich meine Robert Hamerling. Aber Robert Hamerling - der vielleicht nur von Vincenz Knauer ernst genug genommen worden ist, der auch Vorträge über ihn gehalten hat —- war eben nicht ein theoretischer Philosoph, sondern ein solcher, der auf die Erkenntniswege mit seinem Herzblut sich begab, der, soweit es ihm zugänglich war, das chemische, das physikalische, das philosophische, das physiologische, das biologische, das historische Wissen unserer Zeit zusammennahm und es befruchtete mit der dichterischen Intuition. Robert Hamerling, der die Gedanken über die Welt befruchten konnte durch das, was ihm die dichterische Intuition gegeben, hat in seiner «Atomistik des Willens» alles das niedergelegt, was er auf seinem Erkenntnisweg gefunden hat, und dieser Erkenntnisweg war nicht ein solcher, wie ihn heute so viele gehen aus der bloßen Theorie, aus der Schulung, sondern aus dem unmittelbaren Leben heraus. Er hat in dieser «Atomistik des Willens» verschiedenes niedergelegt, das für denjenigen von Beachtung ist, der sich interessiert für das Einmünden der äußeren Wissenschaftlichkeit und der Intellektualität in die Spiritualität. Eine Stelle der «Atomistik des Willens» sei hier vorgelesen, um zu zeigen, was in diesem Buche von 1891 steht von seinen einsamen Gedanken, die er gesammelt hat für sich auf dem Pfade der Erkenntnis, wie er ihn eingeschlagen hat. «Es ließe sich», sagt Hamerling auf Seite 145 des zweiten Bandes seiner «Atomistik des Willens», «immerhin die Möglichkeit von lebenden Wesen denken, deren Leiblichkeit dünner wäre als die atmosphärische Luft. Für andere Weltenkörper wenigstens hat die Annahme solcher Wesen nichts gegen sich. Wesen von so geringer Dichte der Leiblichkeiten würden für uns als unsichtbar ganz dem entsprechen, was wir «Geister zu nennen pflegen. Desgleichen dem, was man als seelenhafte, nach dem Tode des Individuums noch fortlebende «Ätherleiber bezeichnet.» Und so geht es weiter. Hier haben Sie mitten in einem Werke, das aus dem Geistesleben der Gegenwart heraus geschrieben ist, auf den Ätherleib hingewiesen. Denken Sie nun, meine lieben Freunde, wenn überall Wahrheit und Aufrichtigkeit herrschen würde und gründliches Streben, sich bekannt zu machen mit dem, was als Gedanke in den Menschen wirklich lebt, wenn man überall ehrlich eingehen würde auf das Vorhandene, wenn - mit anderen Worten — die Menschen nicht so viele Bücher schreiben würden, bevor sie gelernt haben, was schon in anderen Büchern steht: dann gäbe es ein ganz anderes Arbeiten in unserer Zeit, dann gäbe es eine Kontinuität, dann würde man aber auch sagen müssen, daß in unseren letzten Jahrzehnten überall aus wahrer, ernster Wissenschaft spirituelles Leben hervorspringt, Hinblicke zu spirituellen Zielen und Perspektiven. Denn solche Fälle wie Robert Hamerling sind in großer Anzahl vorhanden.

[ 18 ] So schließen sich die Spezialitäten der einzelnen Wissenschaften zusammen und fordern heraus, was heute einzig und allein ein umfassendes Weltbild geben kann, wie es zum Beispiel versucht worden ist in der «Geheimwissenschaft», die ich skizzenhaft schreiben durfte vor kurzer Zeit und in die hineingearbeitet sind, ohne daß man es bemerkt, die Ergebnisse der sämtlichen Wissenschaften von heute neben der spirituellen Forschung. Wenn wir das ins Auge fassen, dann müssen wir sagen: Eigentlich fehlt es gar nicht überall an geöffneten Toren zu der Spiritualität, nur beachtet man sie nicht. — Wer die Wissenschaft der Gegenwart kennt, findet überall, daß sie in ihren Tatsachen, nicht in ihren Theorien, die Spiritualität fordert. Wird man sich einmal emanzipieren können in bezug auf äußere Wissenschaft von allen Theorien, von atomistischen und Bewegungstheorien, von Energetik und allem, was in ähnlicher Einseitigkeit immer wieder mit ein paar hingepfahlten Begriffen die Welt umfassen will, wird man die große Summe der Tatsachen, welche die heutige Wissenschaft zutage fördert, allein sprechen lassen, dann wird man keinen Widerspruch mehr finden zwischen dem, was hier getrieben wird als Geisteswissenschaft, und den wahren wissenschaftlichen Ergebnissen der gegenwärtigen Forschung.

[ 19 ] Auf einem solchen Wege kann nun Goethe ein großer Helfer sein, der in einer grandiosen Weise alle Bedingungen eines universellen Geistes erfüllte. Schon in äußerlicher Art; denn wer den Briefwechsel Goethes kennt, weiß, daß in der Zeit Goethes unzählige Naturforscher auf allen Gebieten über die wichtigsten Fragen mit Goethe korrespondiert haben. Überallhin gingen von Goethes Schreibstube, von seinen physikalischen und sonstigen Kabinetten aus die Fäden zu den einzelnen Verzweigungen der Wissenschaft. Mit Botanikern, Optikern, Zoologen, Anthropologen, Geologen, Mineralogen, Historikern, ja, ich müßte alle Wissenschaften aufzählen, mit allen hat Goethe korrespondiert. Und er hat neben dem, daß ihn die zurückgebliebenen Geister allerdings nicht anerkennen wollten, weil er mit seinen Forschungen weit über sie hinausging, solche Geister gefunden, die ihn im höchsten Grade ernst genommen und auf sein Urteil hingehört haben, wenn es sich darum handelte, diese oder jene auch Spezialfrage auszumachen. Das ist freilich nur eine Äußerlichkeit, aber wir können auch sehen, wie Goethe zusammenarbeitete in Gedanken und auch den Tatsachen nach mit den bedeutsamsten Philosophen seiner Zeit, wie Schelling, Hegel, und eine Anzahl von Philosophen befruchtet wurden durch Goethe, wie Goethesche Gedanken in ihren Werken in anderer oder gleicher Form wiederkehrten. Wir können endlich sehen, wie Goethe im Laufe seines Lebens ernsthaft sich befaßt hat mit Botanik, Zoologie, Osteologie speziell, mit Anthropologie in weiterem Sinne, wie er sich mit Optik und Physik im weiteren Sinne befaßte. Heute lassen ja einzelne Wissenschafter auf biologischem Gebiete Goethe ein wenig gelten. Man muß es dagegen den Physikern ganz ernsthaft glauben und vom Standpunkt der Farbenlehre verstehen, daß sie sich bei Goethes Farbenlehre nichts denken können, daß sie nichts davon verstehen, weil man diese Farbenlehre erst in späterer Zeit verstehen wird - falls man sich nicht früher schon durch Geisteswissenschaft damit bekannt gemacht hat -, vielleicht erst in der zweiten Hälfte des 20. oder ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Die Physik von heute kann diese Farbenlehre Goethes nur als Unsinn anschauen. Das liegt aber nicht an der Farbenlehre, sondern an den heutigen Formen der Wissenschaft. Und wenn Sie lesen, was gemeint ist in meinem Buche über «Goethes Weltanschauung» wie auch in der Vorrede zu Goethes Naturwissenschaftlichen Werken, herausgegeben von Kürschner, dann können Sie sehen, daß darin eine Anschauung über die Farbenlehre steckt, die im tiefsten Sinne wissenschaftlich ist, der gegenüber alle physikalischen Theorien der Gegenwart dilettantisch sind.

[ 20 ] So können wir sehen, wie Goethe auf allen Gebieten wirklich gearbeitet hat. Wir können sehen, wie überall sein Streben nach Erkenntnis der Naturgesetze befruchtet ist von dem, was Goethe als dichterische Kräfte in sich hatte. Bei ihm ist überhaupt nichts getrennt, alles spielt in seiner Seele ineinander. Da aber stört nicht eines das andere, und da ist uns Goethe ein lebendiger Beweis dafür, daß es in der Tat ein Unding, eine Absurdität ist, wenn man glauben sollte, daß der lebendige Betrieb meinetwillen eines intellektuellen Geisteszweiges die Intuition stören könnte. Wenn beide Triebe nur in ihrer Kraft und Ursprünglichkeit vorhanden sind, dann stört das eine das andere nicht. Wir können uns eine Vorstellung von dem lebendigen Zusammenarbeiten der menschlichen Seelenkräfte machen, wie sie sich in den einzelnen Wissenschaften und in der gesamten Persönlichkeit des Menschen äußern, wir können aus der Notwendigkeit des Lebens eine solche Vorstellung uns bilden, und wir haben noch die Hilfe, daß ein solcher moderner Geist vorhanden ist, in dem unmittelbar lebendig war dieses Zusammenwirken der einzelnen Seelenkräfte der gesamten Persönlichkeit. Daher ist Goethe eine so vorbildliche Persönlichkeit, die man anschauen muß, um dieses lebendige Zusammenwirken der Seelenkräfte studieren zu können. Und da er ein Mensch ist, an dem man tatsächlich verfolgen kann, wie er von Jahr zu Jahr steigt in bezug auf die Vertiefung des eigenen Seelenlebens, des Weltverständnisses, haben wir in ihm ein Beispiel dafür, wie der Mensch streben muß, um zu einer Vertiefung seines Seelenlebens zu gelangen. Nicht etwa bloß die Betrachtung Goethes, nicht das Nachsprechen seiner Sätze, nicht das Hinnehmen seiner Werke, sondern das Grandiose, das von seiner ganzen Erscheinung ausgeht, vorbildlich für unsere Gegenwart zu betrachten, das ist es, was uns vielleicht ganz besonders an einem Tage vor die Seele treten darf, der wie der heutige als Kalendertag im engeren Sinne an Goethes Leben erinnert. Und insbesondere der heutige wissenschaftliche Geist könnte viel von Goethe lernen. Weit ist ja dieser wissenschaftliche Geist in bezug auf die Erfassung des geistigen Lebens nicht gediehen, aber gerade von dieser Seite her wird und muß Goethe eine Auferstehung feiern, wird und muß Goethe allmählich mehr und mehr begriffen werden, denn vieles von dem, was man nennen kann eine gesunde Durchleuchtung unseres Fortschrittes in die geistigen Welten, unserer Geisteswissenschaft überhaupt, kann ausgehen von einer Betrachtung Goethes, weil bei Goethe alles gesund ist. Goethe ist in allen Dingen zuverlässig, und wo er sich widerspricht, sind es nicht logische Widersprüche, die sich ergeben, sondern weil das Leben selbst sich widerspricht und sich widersprechen muß, damit es lebendig ist.

[ 21 ] Das war ein Gedanke, den ich gerne heute am Geburtstag Goethes in Ihnen noch anregen wollte, um zu zeigen, wie notwendig es ist, daß wir uns noch in ganz anderer Art in Dinge vertiefen, die offen vor uns liegen. Goethe kann uns unendlich vieles geben. Er wird uns am meisten geben, wenn wir vieles von dem vergessen, was in unzähligen Werken über Goethe geschrieben worden ist, denn das ist eher dazu geeignet, uns einen Schleier über den wirklichen Goethe zu breiten, als ihn kennenzulernen. Aber Goethe hat eine geheime Anziehungskraft, Goethe hat etwas, was durch sich selbst wirkt, und wenn Sie sich auf Goethe einlassen, dann werden Sie schon sehen, daß Sie einen Geburtstag Goethes in sich selber erleben können, daß Sie etwas von dem erleben, was ewig jung und frisch in Goethe ist, von dem man sagen kann: Goethe kann in einer von Geisteswissenschaft durchdrungenen Seele wieder erstehen. Unsere materialistische Zeit hat, wenn sie noch so oft den Namen Goethe nennt, noch so viele von Goethes Werken anführt, doch herzlich wenig Verständnis für ihn.

[ 22 ] Es gab Zeiten, wo man mit der ganzen Seele wirklich von Goethe fasziniert werden konnte, selbst wenn ernsthaft über Goethe gesprochen wurde - nicht in unserem Sinn literarisch-historisch, was ja nicht ernsthaft ist, wenn ernsthaft gesprochen wurde - da fanden sich die Menschen, die durch ein solches Sprechen hingerissen wurden durch den innersten, spirituellen Nerv, der in Goethe immer liegt. Und da darf stets wieder daran erinnert werden, wie Rosenkranz, der Hegelianer, in einer Zeit der dreißiger, vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, wie der alte Karl Rosenkranz, der auf der Höhe der Bildung seiner Zeit stand, das Wagnis unternahm, an der Universität in Königsberg Vorträge über Goethe anzukündigen. Er wollte einmal frank und frei aussprechen, was ein Philosoph über Goethe zu sagen hat. Da hat er sich denn diese Vorträge zurecht gelegt und da ging er mit dem Gedanken aus seiner Gelehrtenstube heraus: Nun, ein paar Zuhörer wirst du vielleicht doch haben. - Aber dieser Gedanke wollte ihm fast schwinden, als er hinaustrat und ein so furchtbares Schneegestöber draußen war, daß man denken konnte, es wagt sich niemand auf die Straße und demgemäß niemand auch in die Hörsäle zu einem Kolleg, das man ja nicht zum Brotstudium brauchte. Da ging er doch hin, und siehe da, die Bedingungen, unter denen er vorzutragen hatte, waren die denkbar ungünstigsten. Es war ein Raum, der nicht geheizt werden konnte, der keinen ordentlichen Fußboden hatte und an dessen Wänden überall das Wasser in Strömen herunterrann. Der Name Goethe hatte aber gezogen, und es war schon eine stattliche Anzahl von Menschen am ersten Vortragsabend, und es kamen immer mehr und mehr. Und trotzdem sich die Verhältnisse immer ungünstiger gestalteten, immer unbehaglicher wurden in diesem Saal, so waren zuletzt doch so viele bei Karl Rosenkranz’ Vorlesungen, daß der Saal sie fast nicht fassen konnte.

[ 23 ] Goethe gerade ist zu denjenigen Geistern zu zählen, die uns anthroposophisch am meisten anregen können, und wir werden, wenn wir uns sagen, daß in dem fleischlichen Leibe des Goethe ein großer Geist war, den wir allerdings erst studieren müssen, in einer gesünderen Weise zu einer anthroposophischen Betrachtung kommen, als wenn wir uns einen fleischlichen Leib vorführen lassen würden, in dem ein großer Geist ist, den wir auf Autorität hin anerkennen sollen. Es gibt wahrhaftig gesunde Wege in die Anthroposophie hinein. Man braucht sie nur zu gehen, man braucht nur die Mühe nicht zu scheuen. Daher schrecke ich auch niemals davor zurück, wenn auch viele Zuhörer bei solch einem Vortragszyklus sind, unter Umständen in recht unbequemer Weise in diese oder jene Seitenwege der geistigen Betrachtung hineinzuleuchten, dieses oder jenes Gewagte zu sagen, dieses oder jenes schwer Verständliche zu sagen. Niemals werde ich davor zurückschrecken, weil ich weiß, daß nur auf diesem Wege ein gesunder Fortschritt für die Anthroposophie, ein wirkliches Einleben der Geisteswissenschaft in das moderne Kulturleben möglich ist. Und mir scheint, daß man in die höchsten geistigen Regionen hinaufsteigen kann und dabei das Herz nicht zu erkälten braucht. Mir scheint, daß all diejenigen, die hier versammelt sind, doch etwas davon verspüren können, daß Anthroposophie hier mit den Mitteln des modernsten Geisteslebens interpretiert wird und daß es eine sehr große Verirrung ist, wenn irgendwo, auch auf anthroposophischem Gebiet, das sonderbare Urteil figuriert, als ob hier etwas Mittelalterliches, nicht der modernen Wissenschaft Entsprechendes den Leuten aufgewärmt würde. Weil das gesagt wird von manchem, auch auf anthroposophischem Gebiete, muß darauf aufmerksam gemacht werden: Derjenige, der mit Verständnis folgen kann, wird wissen, daß nichts Mittelalterliches, daß objektiv Wissenschaftliches im Bunde mit wahrhaftem modernem Geistesstreben angestrebt wird. Wie weit es erreicht wird, das zu beurteilen steht mir nicht zu. Daß aber nichts Mittelalterliches, nichts irgendwie mit den Traditionen bloß Zusammenhängendes, sondern etwas Objektives, der modernen Wissenschaft Ebenbürtiges angestrebt wird, das sollte man wenigstens einsehen. Und daß unsere Herzen ergriffen werden können von den Lebensbedingungen, die von dieser anthroposophischen Betrachtung ausgehen, das darf auch als etwas Sicheres erscheinen. Das scheint mir das Wichtigste zu sein, was wir aus einer solchen Betrachtung für unsere Herzen mitnehmen und in die Welt hinaustragen. Was wir in der Breite der Begriffe, der Worte erfaßt haben, das zieht sich zusammen in unseren Herzen, das leben wir in unseren Gefühlen und Empfindungen, in unserem Mitleid, das leben wir in unseren Taten aus — und leben dann die Anthroposophie. Und wie die Flüsse nur hinausströmen können über die Lande, wenn sie von den Quellen ihr Wasser beziehen, so kann das Leben der Anthroposophie nur hinausströmen in die Welt, wenn es seine Kräfte bezieht aus den Weisheitsquellen, die uns heute eröffnet werden durch jene spirituellen Mächte, die wir nennen die Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen. Und wir haben Geisteswissenschaft im wahren Sinne des Wortes erfaßt, wenn sie in den Formen des neuzeitlichen Geisteslebens zu uns spricht, wenn sie aber zugleich unsere Herzen, unsere Seelen nicht kalt läßt, sondern wärmt, so daß diese Wärme sich überall in der Welt auch den anderen mitteilen kann. So viel Sie von dem, was hier gesagt wird, hinaustragen in die Welt, hinaustragen nicht nur durch Gedanken, sondern durch Ihre Gefühle und Willensimpulse und Taten, so viel haben diese Vorträge genützt. Und das ist das Bestreben dieser Vorträge.

[ 24 ] Mit diesem Wunsche, meine lieben Freunde, begrüße ich Sie im Herzen immer, wenn Sie hierher kommen, mit diesen Wünschen grüße ich Sie am heutigen Tage, wo wir diesen Vortragszyklus abschließen und wo ich Ihnen sage: Seien wir im spirituellen und geistigen Sinn beieinander, wenn wir auch im Raum der eine da, der andere dort leben müssen. Und nehmen wir von der Zeit, wo wir auch enger im Raum nebeneinander sein können, das als die schönste gegenseitige Begrüßung, als das schönste gegenseitige Abschiedswort mit, daß wir im Geiste beisammen sind, auch wenn wir uns räumlich zerstreut haben. In diesem Sinne sage ich Ihnen heute, da wir am Geburtstag Goethes am Ende unseres Zyklus stehen, den Gruß am Ende dieser Vortragsreihe. Denken wir an das, was uns vereint hat, recht oft und lassen wir es dadurch auch für das persönliche Band, das sich von dem einen zum andern in Liebe immer schlingen kann, fruchtbar sein. Seien wir in diesem Sinn beieinander, auch wenn wir uns getrennt haben, und lassen wir uns durch diesen Sinn immer wieder aufs neue zusammenführen, um uns zu den Höhen des Geistes, des übersinnlichen Lebens zu erheben.