Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen
GA 129
27 August 1911, München
Zehnter Vortrag
[ 1 ] Wir haben im Verlaufe unserer Vorträge darauf hinweisen können, wie die Menschen zu den verschiedensten Zeiten sich Vorstellungen bildeten über das, was in den Weltenwesen und in den Weltenereignissen eigentlich darinnen steckt. So darinnen steckt, daß der Mensch dadurch, daß er sich gewisse Vorstellungen, gewisse Begriffe bildet, daß er sich bestimmte Empfindungen und Gefühle über die Ereignisse und Wesenheiten der Welt aneignet, zu etwas gelangt, was ihm Befriedigung gibt, von dem er sich sagen muß, daß es ihm einen notwendigen Zusammenhang mit den Dingen schafft, sei es, daß ihm dadurch eine Erklärung für die Weltengeheimnisse aufgeht oder sich ihm in irgendeiner anderen Weise eine Befriedigung ergibt. Dadurch zeigt der Mensch, daß er sich nicht einfach so, wie er ist, der Welt gegenüberstellt, sondern daß er zu dem, was seinen Sinnen und auch seinem hellseherischen Erkennen erscheint, ein Wissen über Tieferes erstreben will, über das, was sich zunächst verbirgt, damit er in der richtigen Harmonie zur Welt stehen könne. Der Mensch zeigt dadurch, daß er überhaupt eine Erklärung anstrebt über die Welt, daß ihm diese Welt Rätsel aufgibt, daß sein Verhältnis zur Welt nicht abgeschlossen ist mit der Art, wie er sich zunächst ihr gegenüberstellen muß. Man hat das in alten Zeiten dadurch ausgedrückt, daß man jenes Gefühl ins Auge faßte, welches die Menschen gerade den auffallendsten Wesenheiten und Tatsachen des Weltenwerdens gegenüber haben. Man hat gesagt, der Mensch hat zunächst das Gefühl der Verwunderung gegenüber den Dingen und Wesenheiten, und aus dem Gefühle der Verwunderung entspringe alle Philosophie, alles, was der Mensch als eine Erklärung über die Welt anstrebt. Nun aber dürfen wir aus den Erfahrungen heraus, die ein jeder machen kann, sagen: Die Menschenseele strebt aus dem Gefühle der Verwunderung heraus zu etwas, was diese Verwunderung dämpft, wegbringt. — Sie kann nicht bei der bloßen Verwunderung stehenbleiben, denn sonst würde ihr die ganze Welt nur aus Wundern bestehen. Die Menschenseele kann vor den Weltenwundern mit ihrer Verwunderung nicht stehenbleiben, sie muß die Verwunderung dämpfen, muß das, was als Weltenwunder erscheint, dadurch sozusagen sich aus dem Wege schaffen, daß sie durch sich selbst eine Art Erklärung, eine Antwort auf das Rätselvolle, das Wunderbare der Welterscheinungen und Weltenwesen findet.
[ 2 ] Wir haben gesehen, wie zum Beispiel die alte Griechenseele in der verschiedensten Art die Verwunderung weggeschafft hat, indem sie hindurchgeblickt hat auf das, was einem alten hellseherischen Bewußtsein zur Erklärung der Welt gegenwärtig war und was sie in ihren Göttergestalten ausgesprochen hat. Sobald der Grieche gewußt hat: in dieser oder jener Weltentatsache, in diesem oder jenem Weltendinge wirken Geistgestalten, welche durch die Formen und Wesenheiten der griechischen Mythologie repräsentiert werden, alsbald hat sich sein Gefühl der Verwunderung verwandelt in eine Art Harmonie zwischen der eigenen Seele und den Weltenwundern. In unserer heutigen, gegenüber der griechischen Welt materialistischen Welt denkt man anders. Unsere Zeit ist abgeneigt, da wo sie ein Dämpfen des Gefühls der Verwunderung für notwendig erachtet, durch bildhafte Gestaltungen sich Antwort zu geben auf Weltenrätsel. Unsere Zeit würde eine solche Antwort für etwas Phantastisches halten, wenn sie eine Erklärung abgeben sollte für die Dinge der Welt. Unsere Zeit strebt nach verstandesmäßiger Beantwortung der Weltenrätsel, nach einer Beantwortung der Weltenrätsel, die man als wissenschaftlich bezeichnen kann. Aus den verschiedensten Empfindungen aber, die hervorgerufen werden konnten im Verlaufe dieser und anderer Vorträge, können Sie entnehmen, daß die Art und Weise, welche heute üblich ist, die verstandesmäßige, trockene, nüchterne, wissenschaftliche Weise, nur eine Phase, eine Epoche ist in dem Bestreben, die Verwunderung über die Weltenwunder zu dämpfen. Denn wenn der heutige Mensch von seiner Art, die er wissenschaftlich nennt, auf die griechische Form der Weltenerklärung zurückblickt und diese kindlich nennt und so empfindet, wie wenn sie nur aus der Phantasie entsprungen wäre und nichts zu tun habe mit den Realitäten — wenn der Mensch glaubt, daß er heute das gefunden hat, was für alle Zeiten wissenschaftlich bleiben soll, dann muß ihm geantwortet werden, daß er sehr kurzsichtig ist. Denn gerade so, wie der Werdegang der Menschheit über die Form der griechischen Erklärung hinweggeschritten ist und in unserer Zeit zu einer entsprechenden nüchternen und intellektuellen Forderung vorgedrungen ist, ebenso wird über diese intellektualistische materialistische Gestaltung der Mensch hinausschreiten, und wenn man nicht bis dahin gescheiter sein wird, so wird man über das, was heute als echte Wissenschaft gilt, in der Zukunft ebenso denken, wie wir über das Griechentum denken. Die Keplerschen Gesetze, unsere biologischen Gesetze müßten unseren Nachkommen ebenso als Mythologie erscheinen wie uns die griechische Mythologie, wenn diese Nachkommen nicht durch einen erweiterten Weltenblick einsehen würden, daß eine jede Art der Erklärung gleichberechtigt nebeneinandersteht. Der unendliche Hochmut unserer Zeit, welcher sagt, daß die Mythologie eine Phantastik und unsere Wissenschaft endlich eine Erklärung sei, wird überwunden werden, und man wird einsehen, daß unsere Zeit ebenso nur eine Phase geben konnte, die überwunden werden muß, wie es in früheren Zeiten war. Gerade aber, wenn man ins Auge faßt unsere Art der nüchternen, verstandesmäßigen Erklärung der Welt, was man draußen die Wissenschaft nennt, dann muß man sagen: Unsere Erklärung der Welt mit ihren Verstandesformen und Verstandesideen ist es, die am wenigsten tief in die wirklichen Realitäten eingreifen kann.
[ 3 ] Wir müssen uns einmal ernstlich die Frage beantworten: Woher kommt das? Wenn Sie den ganzen Geist der bisherigen Vorträge ins Auge fassen und manches andere, was im Laufe der Zeit zu Ihnen gesprochen worden ist, dann müssen Sie sich sagen, daß die Art und Weise, wie der Mensch die Welt anschaut, sich im Laufe der Zeiten mannigfaltig geändert hat. Der Mensch ist ein anderer geworden, und in den alten Zeiten des Hellsehertums sind viel stärkere, gewaltigere Kräfte aus der Gesamtheit der menschlichen Wesenheit in Anspruch genommen worden als heute. Mit der bloßen materialistischen Erklärung sondert gewissermaßen die Seele durch das Instrument des Gehirns die dünnsten, schattenhaftesten Gebilde als Verstandesideen von sich ab, um eine Welterklärung dadurch zu geben. Viel vollsaftiger, viel mehr von Realität erfüllt waren die alten Erklärungen der mehr oder weniger hellseherischen Zeiten. Wir haben ja gestern gesehen, wie unser Gehirn eine Art Apparat ist, der unseren Astralleib zum Stauen, zum Stehenbleiben bringt und die Gebilde dieses Astralleibes, weil sie von unserem Gehirn nicht durchgelassen werden, als unsere Weltgedanken zum Bewußtsein kommen läßt. In den Zeiten des alten hellseherischen Bewußtseins sind aber vom Menschen nicht nur diese Gebilde des Astralleibes aufgehalten worden, sondern auch noch die des Ätherleibes. Die Folge war, daß der Mensch viel mehr von seiner eigenen Wesenheit, von seinem eigenen Selbst, von seinem Seelenstoffe einfließen ließ in die Gebilde seiner Erkenntnis.
[ 4 ] Wir könnten etwa schematisch sagen: Das alte Hellsehen, auch noch das alte, viel mehr der Phantasie hingeneigte Schauen der Griechen war so, daß, wenn ein Gedanke an Zeus, an Dionysos, vor der Seele des alten Griechen stand, er vollsaftig dicht erfüllt von Realität war, die allerdings zunächst aus dem menschlichen Seelenstoffe selbst genommen war, aber weil dieser aus allen Tiefen der Welt herausgenommen war, so hatte eine solche Vorstellung der alten Griechen von ihren Göttern viel mehr Realität in sich als Gedankenbilder der neuen Zeit. Wenn ich den Gedanken des alten Griechen mit einem Kreise bezeichne, so müßte ich den Gedanken eines heutigen Menschen viel dünner mit Seelenstoff, mit Seelensubstanz erfüllt Ihnen hinzeichnen. (Es wurde die entsprechende Zeichnung entworfen.) Die menschliche Seele nimmt viel weniger und viel Dünneres als früher aus sich heraus, wenn sie die Gebilde der heutigen Ideen, Vorstellungen formt, so daß in dem Weltbilde, das sich die Seele mit dem heutigen Bewußtsein aneignen kann, viel weniger von Weltenrealität enthalten ist als in dem früheren Gebilde. So daß also die Wahrheit eine umgekehrte ist von der, die sich zumeist der heutige gelehrtenhafte philosophische Hochmut bildet, welcher meint, die Griechen hätten in ihren Göttern phantastische Gebilde gehabt, in denen keine Realität war, erst in den heutigen Naturgesetzen mit ihren Abstraktionen sei Realität. Nein, so ist es nicht. Viel dichter erfüllt von wirklicher Realität waren die Gebilde der griechischen Erkenntnis, und wie ausgepreßte Zitronen sind dafür diejenigen Erkenntnisse, die heute uns durch die Naturgesetze zukommen. Das ist etwas, was die Seele fühlen kann, wenn sie nicht voreingenommen ist durch den gelehrten und wissenschaftlichen Hochmut unserer Zeit, sondern wenn sie dürstet nach Erfüllung des Bewußtseins mit Realität. Wenn unsere Seele fühlt, daß sie nach Realität dürsten muß, dann hat sie gegenüber dem, was sich ihr insbesondere heute darbietet in dem, was man die strenge Wissenschaft nennt, das Gefühl, daß sie gerade da am meisten in die Illusion oder Maja verstrickt ist. Niemals gab es in der Welt solche Verstricktheit mit der Maja als in den Gebilden der heutigen Philosophie oder Wissenschaftlichkeit.
[ 5 ] Warum ist das so gekommen? Weil der Mensch im Laufe seines Erdenwerdens sein gegenwärtiges Ich-Bewußtsein entwickeln mußte! Dazu mußte er ganz allein selbständig mit sich, mit seinem Ich sein. Dazu mußte er abgezogen werden von jener Verbindung mit der Außenwelt. Jene starken substantiellen Inhalte, welche ihm die Möglichkeit gaben, viel Seelenstoff in seine Gestaltungen hineinzupressen wie bei den griechischen Göttergestalten, hätten dem Menschen unmöglich gemacht, weil er zu sehr ergossen gewesen wäre in die Welt, zu seinem Ich-Bewußtsein zu kommen. Damit der Mensch in bezug auf sein Ich-Bewußtsein stark werden konnte, mußte er losgerissen werden, isoliert werden von den Weltenrealitäten, so daß unsere Seele gegenüber den Weltenrealitäten schwach, unendlich schwach für objektive Welterkenntnis werden mußte. Als erkennende Seele, als bewußte Seele in bezug auf das Weltbewußtsein ist unsere Seele, die besonders dazu geeignet ist, das Ich-Bewußtsein auszubilden, am allerschwächsten gegenüber den Zuständen, die sie einst selbst durchgemacht hat. Wegen unserer Schwäche, zu der wir uns entwickeln mußten, müssen in unserem heutigen Bewußtsein jene dünneren, von geringer Realität erfüllten Ideen und solche verstandesmäßigen Naturgesetze auftreten.
[ 6 ] Derjenige, der nun heute aus der Gelehrsamkeit oder aus dem sonstigen Autoritätsglauben unserer Zeit heraus zu der rein in Abstraktionen hausenden Naturwissenschaftlichkeit erzogen wird, wird allerdings nicht vordringen zu dem Gefühle der unendlichen Verarmung gegenüber der wahrhaften Realität. Wer aber den Durst nach einem Verwachsen mit der Weltenrealität in sich fühlt, der weiß, wie ihn in einem gewissen Zeitpunkte seines Lebens das Gefühl überkommt: Oh, wie fühlt man sich in allen heutigen Vorstellungen entfernt von der wahren Realität, wie fühlt man sich in bloßen äußeren Schemen, in Schattenbildern! - Das könnte man auch in äußeren wissenschaftlichen Formen ausdrücken, und Sie finden es so ausgedrückt in meinem kleinen, vor vielen Jahren erschienenen Werke «Wahrheit und Wissenschaft». Da wird gezeigt, daß der Mensch dadurch, daß er zum gewöhnlichen Verstandeswissen kommt, nur zu einem Teile des Wissens, der Wahrheit, gelangt und vorwärtsdringt zu einer anderen Gestalt der Welt, als die ist, die sich ihm darbietet. Das ist der wissenschaftliche Weg, der ganz gut gangbar ist, wenn er auch für die Philosophie der heutigen Zeit unverständlich klingt. Aber auf der anderen Seite entsteht das Streben, durch die esoterischen Wege hineinzudringen in eine vollsaftigere Wirklichkeit, als die bloßen abstrakten Verstandesgesetze es geben können. Und dann, wenn die Seele so fühlt, daß sie mit dem heutigen normalen Bewußtsein nur Ideen hervorbringen kann, die Maja sind gegenüber der vollsaftigen Realität, wenn diese Seele nicht eine ausgepreßte Zitrone ist, die bloß die gegenwärtigen Wissenschaften anerkennt, dann fühlt sie sich wie leer gegenüber der Weltenrealität. Dann fühlt sie zwar, daß sie mit ihren Ideen bis an das Ende der Welt kommen kann, bis an die Weltenfernen, aber sie berücksichtigt nicht den Ausspruch vom zweiten Drama «Die Prüfung der Seele»: «Bei Weltenfernen ende nicht.» Denn wer im Ernste bei Weltenfernen enden wollte, den müßte ein Gefühl überkommen, wie wenn er sich ausbreitete mit den Ideen, die an sich schon schwach sind, über einen unendlich weiten Raum. Da werden sie noch mehr verdünnt, und je weiter wir in die Weltenfernen kommen, desto dünner werden sie, und wir stehen vor dem unendlich leeren Abgrund mit unseren Ideen. Das muß als Seelenprüfung auftreten. Der nach Realität Dürstende, der im Sinne der abstrakten Wissenschaftlichkeit sich über die Rätsel und Wunder der Welt aufklären muß, steht zuletzt mit den sich völlig in spirituellen Dunst auflösenden Ideen vor der Weltenleere. Dann muß die Seele unendliche Furcht vor der Leere empfinden. Wer diese Furcht vor der Leere nicht empfinden kann, der ist einfach noch nicht so weit, daß er die Wahrheit fühlt über das gegenwärtige Bewußtsein.
[ 7 ] So steht uns, wenn wir das gegenwärtige Bewußtsein in die Weltenfernen ausdehnen wollen, als ein furchtbares Schreckgebilde die Furcht vor der Weltenleere in Aussicht, die niemandem erspart werden kann, der ernst nimmt, was gegenwärtiges normales Bewußstsein ist. Solche Prüfung muß die Seele durchmachen, wenn sie den Sinn und Geist unserer Zeit durchmachen will. Sie muß einmal an dem Abgrunde, der sich nach allen Seiten auftut, wenn wir mit unseren Ideen die Raumesweiten durchdringen wollen, diese unendliche Furcht vor der Leere empfinden, vor dem Sichverlieren in dem Weltenraume, in den Weltenweiten. Und wenn uns aus der Goetheschen Weltanschauung geläufig ist jenes Wort: Einswerden mit dem Weltall, sein Selbst zu einer Welt erweitern ... , so müssen wir sagen: Wenn mit den Mitteln der heutigen Erkenntnis bis in die Weltenfernen gegangen wird und man versucht, mit heutigen philosophischen Prinzipien, die ja immer abstrakt sein müssen, weil sie aus dem gegenwärtigen Bewußtsein genommen sind, die Welt zu begreifen, dann muß eine gesunde Seele die Prüfung durchmachen des Stehens vor dem Leeren, vor dem Abgrunde nach allen Seiten, die Furcht, mit dem besten Teile seines Wesens, mit dem, was das Bewußtsein ausmacht, sich aufzuzehren im endlosen Nichts. — Dieses Gefühl ist das allgemeine Gefühl, und alle sonstigen Gefühle der Seelenprüfungen sind nur Spezialgefühle von dieser Furcht vor der Leere, diesem horror vacui. Und ungesund wäre es bei dem engbegrenzten Seelenleben, wenn man nicht empfinden könnte, wie das gegenwärtige Bewußtsein zersprüht und zersplittert gegenüber dem unendlichen Weltenall, sobald es sich zu diesem Weltenall erweitern will. Das ist das Schicksal der Seele, wenn sie mit ihrem heutigen Bewußtsein hinausdringen will in die Weltenfernen, in die Weltenweiten.
[ 8 ] Es ist ein anderer Weg, den die Seele einschlagen kann. Das ist der, wenn sie in ihre eigenen Tiefen so hinuntersteigt, daß sie bei diesem Hinuntersteigen dasjenige erlebt, was ihre Organisation ist. Wie unsere Seele mit ihrem Bewußtsein im heutigen Leben ist, so erlebt sie ja nur wirklich das, was sie auf der Erde hinzugefügt hat zu ihrer Organisation. Was im alten Monde als Astralleib aufgenommen worden ist, das ist das Unterbewußtsein, welches im Ätherleib aufleuchtet, aber im normalen Bewußtsein nicht erlebt wird. Noch weniger erlebt der Mensch das, was während der Sonnenzeit erworben ist als Ätherleib, oder gar das, was im physischen Leibe durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit hindurch und in unserer Erdenzeit erworben worden ist. Das sind verschlossene Gebiete. Aber an diesen verschlossenen Gebieten haben unzählige Göttergenerationen, geistige Hierarchien gearbeitet. Freilich, wenn wir da hinuntersteigen durch die hellseherische Erkenntnis, durch die esoterische Schulung und wir hinter unser Ich-Bewußtsein in die eigene Wesenheit hineindringen und antreffen, was als Astralleib, Äther- und physischer Leib in uns ist, dann kommen wir nicht in eine Leere, dann kommen wir in eine viel mehr verdichtete Weltensubstantialität. Alles das, was unzählige geistige Hierarchien durch Jahrmillionen und Jahrmillionen in uns Menschen hineingearbeitet haben, das treffen wir da unten an. Aber wenn sich der Mensch einleben will durch eine ernsthafte Selbsterkenntnis, wie sie esoterische Schulung gibt, wenn er hinuntertauchen lernt in die Leistungen von unzähligen Göttergenerationen durch Jahrmillionen, dann trifft er nicht in reiner Form das, was die Götter geleistet haben. Denn in all das hat der Mensch hinuntergedrängt, was er selber dargelebt hat an Trieben, Begierden, Leidenschaften, Affekten, Instinkten durch die Generationen hindurch. Und was er so ausgebildet hat, das hat sich verbunden im Lauf der Erdeninkarnationen mit dem, was da unten im Astralleib, Ätherleib und physischen Leib ist. Das bildet eine dichte Masse; in die treten wir zunächst ein. Was wir selber erst hineingetrieben haben in diese göttliche Wesenheit, das verschleiert uns unsere eigene göttliche Wesenheit, so daß, wenn wir in uns selber hinuntertauchen, wir das Gegenteil von dem finden, was wir finden, wenn wir in die Weltenweiten hinausdringen.
[ 9 ] Wenn wir in die Weltenweiten hinausdringen, ist es die Gefahr, am Ende vor dem Nichts zu stehen. Wenn wir in uns selber eindringen, ist es die Gefahr, in immer dichtere und dichtere Regionen zu kommen, die wir durch unsere Triebe, Begierden und Leidenschaften verdichtet haben. So wie wir fühlen unseren Bewußtseinsstoff sich zersplittern und zerstören, wenn wir hinaus in die Weltenfernen gehen, so fühlen wir, wenn wir in die eigenen Seelentiefen tauchen, immer mehr und mehr, wie wir zurückgestoßen werden, gleich wie von einem Kautschukballe, der gedrückt wird, zurückgestoßen werden. Immer wieder werden wir von uns selber zurückgestoßen, wenn wir untertauchen wollen in unser eigenes Innere. Das können wir sehr wohl merken. Nicht nur, daß unsere Triebe, Begierden und Leidenschaften, die wir zuerst antreffen, wenn wir in uns selber hineingehen, uns grauenvoll erscheinen, wenn wir ihnen unmittelbar gegenüberstehen, sondern dazu kommt noch, daß sie uns so erscheinen, als ob sie uns mit jedem Augenblicke ergreifen wollten. Sie werden stark, werden mächtig, ihre Willensnatur kommt besonders heraus. Während wir, wenn wir im gewöhnlichen Bewußtseinsleben stehen, diesem oder jenem Triebe nicht folgen, entwickeln diese Triebe und Instinkte sogleich ihre ganze Gewalt, sobald wir ein wenig in uns untertauchen, und wir können nicht anders, als ihnen nachgeben. Fortwährend werden wir von einem in uns selbst entstehenden Willen niederer Natur erfaßt und als schlechter in uns selber zurückgeworfen, als wir vorher waren. Da stehen wir sozusagen vor der Dichtigkeit der Triebe und Instinkte, wenn wir in uns selber eintauchen. Das ist die andere Gefahr.
[ 10 ] So stehen wir vor gewaltigen Gefahren: wenn wir in die Weltenweiten hinausdringen, uns ganz in nichts aufzulösen mit unserem Bewußtsein, und wenn wir in uns selber untertauchen, alles Bewußtsein den Trieben und Instinkten, die in unserer Wesenheit sind, unterzuordnen und dem größtmöglichen Egoismus zu verfallen. Das sind die beiden Pole, zwischen denen alle Seelenprüfungen liegen: die Furcht vor dem Nichts, das Verfallen gegenüber dem Egoismus. Und alle anderen Seelenprüfungen sind Spezialerscheinungen gegenüber dem, was wir nennen können auf der einen Seite den Pol der Auflösung in das Nichts, und den anderen Pol, den Verfall in den Egoismus, in die Egoität. In dieser Beziehung ist sogar die höhere Erkenntnis gefährlich. Denn was lernen wir durch diese höhere Erkenntnis? Wir lernen, wie sich unzählige geistige Hierarchien beschäftigt haben mit uns, wie unsere physische, ätherische und astralische Leiblichkeit in allen ihren Teilen von den Hierarchien zusammengesetzt ist, wie die Geister der Welt gearbeitet haben, damit der Mensch endlich hat zustande kommen können. Da überkommt es den Menschen, daß, wenn er esoterisch in sein eigenes Innere untertaucht, er sich sagt: Du bist ja eigentlich das Ziel und der Zweck der Götter gewesen, nach dir haben sie hingearbeitet. - Da ist die große Gefahr vorhanden, daß der Mensch in ungeheuren Hochmut verfällt.
[ 11 ] Vor diesem Hochmut erschrickt Capesius, als er aus dem Munde des Felix Balde hört, wie die geistigen Hierarchien gearbeitet haben und das Ziel aller Götterleistung der Mensch ist. Dieser Sinn liegt in dem Erschrecken des Capesius vor. Und es gehört zu seiner Seelenprüfung, daß er es erfährt. Deshalb ist es so notwendig, daß der Mensch sich zu der Erkenntnis, daß er das Götterziel ist, durch Demut nähert und es in Demut durchschaut, sonst führt es zu Überhebung. Denn in der Welt ist, wenn wir den Menschen als Götterziel erkennen, alle Gelegenheit vorhanden, hochmütig, überhebend zu werden. In dem Makrokosmos ist alle Gelegenheit dazu, wenn wir fortwährend die Götter sich anstrengen sehen, um auszubilden, was menschliche Wesenheit ist. Gut ist es, wenn wir uns ein wenig konkretere Vorstellungen machen darüber, wie die Götter an der Formung und an der sonstigen Ausbildung des Menschen gearbeitet haben: die Throne durch die alte Saturnzeit mit den Geistern der Persönlichkeit zusammen; die Cherubim mit den Geistern der Weisheit, mit den Erzengeln während der alten Sonnenzeit zusammen, die Seraphim mit den Geistern der Bewegung, mit den Engeln zusammen während der alten Mondenzeit. Können wir denn jetzt auf der Erde noch etwas bemerken von diesem Arbeiten an der menschlichen Gestaltung von draußen herein? Da berühren wir wiederum eine eigentümliche Erscheinung unseres neuzeitlichen Geisteslebens, eine Erscheinung, die schon oft in diesen Vorträgen berührt werden mußte.
[ 12 ] Es gibt im Grunde genommen nichts, was so sehr Beweise exoterischer Art liefern könnte für alles das, was hier in der Geisteswissenschaft verkündet wird, als die Tatsachen der modernen Wissenschaft. Wie sich diese moderne Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten in ihren Tatsachen entwickelt hat, das liefert überall einen Beweis für alles, was hier verkündigt wird. Nur werden diese Tatsachen oftmals von denjenigen am wenigsten verstanden, die diese Tatsachen entdecken. Und die Erklärung dieser Tatsachen durch die äußere Philosophie und Wissenschaft ist wiederum das größte Hindernis für das Verständnis der Geisteswissenschaft. Die Tatsachen sind überall ein Beweis, aber die gegenwärtigen Erklärungen der Tatsachen sind überall ein Hindernis: das ist die eigentümliiche Erscheinung. — Auf einzelne solcher Tatsachen habe ich schon an verschiedenen Orten hingewiesen. Aus dem Geiste meiner Vorträge können Sie entnehmen, daß das Gehirn sozusagen das Letzte war, was am Menschen ausgearbeitet worden ist. Die andere Organisation ist früher hineingearbeitet worden von den Geistern der verschiedenen Hierarchien. Aber noch heute arbeitet das halb Unterbewußte an der Organisation des Gehirns fort, so daß man es beobachten kann, nur wird es nicht in der richtigen Weise interpretiert, was hier als so schöne, so wunderbare Tatsachen die moderne Wissenschaft gibt. Betrachten wir ein Beispiel.
[ 13 ] Es hätte im April dieses Jahres das fünfzigjährige Jubiläum für eine höchst bedeutsame Entdeckung der modernen Wissenschaft gefeiert werden können, welche, wenn sie richtig verstanden wird, ein voller Beleg für die geisteswissenschaftliche Evolutionslehre ist, ein Zeugnis dafür. Gefunden werden können die geisteswissenschaftlichen Ergebnisse nur durch Hellsehen, bestätigt werden können sie durch die Tatsachen, welche die äußere Wissenschaft zutage fördert. Das fünfzigjährige Jubiläum jener bedeutungsvollen Rede hätte gefeiert werden können, die Broca, der große Arzt und Philosoph, in der Pariser anthropologischen Gesellschaft im April des Jahres 1861 gehalten hat über das Sprachzentrum. Denn was Broca geleistet hat, ist ein voller Beweis davon, daß in den inneren Gesetzen des physischen Gehirns die Anlagen liegen für jene Konfiguration, für jene Formung eines bestimmten Teils des Gehirns, die zu dem Bewußtsein der Sprachkunst und auch zum Verständnis der Sprachlaute führt. Als Broca im April 1861 gefunden hatte, daß das Werkzeug des Sprechens in der dritten Stirnwindung des Großhirns liegt und daß dieses Werkzeug in der Ordnung sein muß, wenn der Mensch die Sprachlaute verstehen will, und ebenso ein anderer Teil, wenn er sie aussprechen soll, war ein wichtiger Fortschritt getan, der geisteswissenschaftlich verwertet werden kann und ein Beleg für die geisteswissenschaftlichen Tatsachen ist. Warum? Weil sich gerade daran, wie dieses Sprachzentrum sich ausbildet, zeigt, daß die äußeren Bewegungen des Menschen, die Bewegungen seiner Hände, also das, was der Mensch halb unbewußt im Leben vollzieht, mitwirkt an der Konfiguration dieses Sprachzentrums. Warum ist dieses Sprachzentrum bei den Menschen auf der linken Seite besonders ausgebildet? Weil der Mensch nach den bisherigen Kulturbedingungen die rechte Hand besonders gebrauchte. So ist es der ätherische und astralische Leib, der aus dem Unterbewußtsein die Gesten der Hände ausführt, der hineinwirkt in das Gehirn und dieses formt. Anschaulich lehren heute die Anthropologen, daß von außen herein durch makrokosmische Welttätigkeit das Gehirn geformt wird. Wenn dieser Teil verletzt oder gelähmt wird, dann gibt es keine Sprachfähigkeit. Wenn darauf gesehen wird, daß, wenn die eine Seite des Gehirns, die gewöhnlich durch unsere Rechtshändigkeit stark ausgebildet ist, von der linken Seite aus entfesselt wird, was zum Beispiel in der Kindheit noch möglich ist und in der späteren Zeit nicht mehr, dann zeigt sich, daß wirklich von außen durch systematisierte Tätigkeit das Gehirn so geformt werden kann, daß es ein Sprachzentrum erhält in der dritten entsprechenden Hirnwindung dann auf der rechten Seite. Müssen wir da nicht sagen: Es ist das Irrtümlichste, was wir uns vorstellen können, wenn wir denken, daß die Sprachfähigkeit durch Gehirnanlage gebildet wird? — Nein, die Gehirnanlagen machen sie nicht, sondern der Mensch in seiner Tätigkeit, die er entwickelt. Aus dem Makrokosmos heraus bildet sich die Sprachfähigkeit im Gehirn. Das Sprachorgan kommt von der Sprache, nicht die Sprache von dem Sprachorgan. Das ist es, was durch diese bedeutsame physiologische Tatsache des Broca gefunden worden ist. Dadurch, daß die Götter oder Geister der Hierarchien den Menschen verholfen haben, solche Tätigkeiten auszuführen, welche ihm seine Sprachzentren schaffen, ist von außen das Sprachzentrum gebildet worden. Aus der Sprache entsteht das Sprachzentrum, nicht umgekehrt.
[ 14 ] Richtig verstanden, sind alle solchen modernen Entdeckungen ein voller Beleg für die Geisteswissenschaft, und es ist schade, daß ich solche Sachen immer nur kurz andeuten kann. Würde man ausführlich sprechen können über charakteristische Dinge dieser Art, so würden Sie sehen, wie kurzsichtig die Menschen sind, die da sagen, die Geisteswissenschaft widerspreche der modernen Wissenschaft. Im Gegenteil! Sie widerspricht nur den Erklärungen, welche heute die moderne Gelehrsamkeit abgibt, widerspricht aber nicht dem, was die Wissenschaft als Tatsachen gibt. So, wie wir während unseres Erdendaseins aus unserer makrokosmischen Gestaltung als Menschen sind, ist es die Tätigkeit der Hierarchien, die von außen herein uns geformt hat. Wir sind wirklich ein Ergebnis des Makrokosmos. So sind wir heute ein Ergebnis unserer Bewegungen der Gliedmaßen, unserer Gesten, die eine stumme Sprache führen und die sich abdrücken im Gehirn, das vorher nicht die Anlage zum Sprechen hat. Der Urmensch hat durch sich selbst zu nichts die Anlage, sondern alles wurde ihm aus der makrokosmischen Tätigkeit der geistigen Hierarchien geformt, gebildet, gegeben.
[ 15 ] Daraus ersehen wir, daß wir in der Tat mit unserem gegenwärtigen Bewußtsein schwache Menschen sind. Wollen wir hinaus in die Welt, so stehen wir vor der Leere, wollen wir in uns hinunter, da fangen wir uns in der Falle unserer Willensnatur. Und dadurch kommen die schweren Seelenprüfungen, die eintreten müssen, wenn der Mensch von dem gegenwärtigen Standpunkt seines Bewußtseins sich nach der einen oder anderen Richtung den Geheimnissen der Welt nähern will, über die er sich zunächst verwundern muß, weil sie ihm als Weltenwunder entgegentreten.
[ 16 ] Woher kommt denn das, was jetzt eben gesagt worden ist? Nun, das kommt daher, weil, wenn wir hinausdringen in die Weltenweiten, wir in eine Region hineinkommen, die wir in den letzten zwei Vorträgen genau bezeichnet haben als die Region der oberen Götter oder Geister, die nur die Vorstellungen der realen Götter oder Geister sind. Wir geraten also in eine Welt hinein, die keine Selbständigkeit hat. Kein Wunder, daß das, was uns diese Welt geben kann, uns zuletzt ins Leere führt. Wie auch der Mensch zur Erkenntnis vorzudringen strebt, wenn er da hinaufdringt, wohin sein Denken, seine Vorstellungen zunächst dringen können, da gelangt er selber nur zu Vorstellungen, zu Vorstellungen der Götter, und kann nicht in eine wirkliche Realität hineinkommen. Dringt der Mensch aber in sich hinunter, in das, was durch Jahrmillionen und aber Jahrmillionen in ihm gebildet worden ist, dann gelangt er zu den Taten, den Ergebnissen der anderen göttlich-geistigen Welten, die wir im Verlaufe der letzten Vorträge die unterirdischen, die wahren Götter nannten. Aber um zu ihnen hindurchzudringen, müssen wir erst durch unsere eigenen Triebe, Begierden und Leidenschaften hindurch, durch alles das, was uns da fängt, uns aufnimmt und uns verändert, so daß wir ihm folgen müssen. Und das führt uns in die Egoität, in den Egoismus und schließt uns ab von diesen unteren Göttern. So haben wir den anderen Pol der Seelenprüfungen. Wollen wir uns den oberen Göttern nähern, dann gelangen wir ins Leere, in die bloße Vorstellungswelt. Wollen wir uns den unteren Göttern nähern, so verläßt uns alles Vorstellen, weil wir von den blindwütenden Trieben in unserem eigenen Innern erfaßt werden und uns in ihnen selber verbrennen. Deshalb sind die Seelenprüfungen so schwierig. Eines aber gibt es, das uns zunächst eine rein theoretische Aussicht eröffnet. Wir müssen uns doch sagen: Wie dünn auch die Ideen sind, wie dünn auch alles das ist, was uns die Egoität, der Egoismus geben kann, es ist eben doch aus dem Weltenganzen heraus. Und wenn wir nur in der richtigen Weise uns in dieses unser Bewußtsein hineinfinden können, daß wir es in seiner Selbständigkeit betrachten, so betrachten, wie es in sich selber ist, und wenn es dann immer stärker und stärker wird, dann vielleicht dringen wir auf dem einen oder anderen Weg vor, so daß die Seelenprüfung bestanden werden kann. Es soll nur hier gekennzeichnet werden, wie wir vordringen können in anderer Art als mit dem gewöhnlichen normalen Bewußtsein.
[ 17 ] Nehmen wir an, wir durchdringen uns mit dem, was wir jetzt schon in der verschiedensten Weise genannt haben den ChristusImpuls, wir lernen verstehen in seiner tiefsten Bedeutung das Paulinische Wort: Nicht ich, sondern der Christus in mir. - Dann stehen wir mit unserem normalen Bewußtsein zunächst da und sagen uns: Wir wollen dieses normale Bewußtsein nicht allein wirken lassen, wir wollen nicht allein in dieser unserer Persönlichkeit bleiben, sondern wir wollen uns mit der Substantialität durchdringen, die ja seit dem Mysterium von Golgatha in der Erdenatmosphäre enthalten ist, mit der Christus-Substanz. Wenn wir uns so mit ihr durchdringen, dann nehmen wir nicht bloß unsere dünnen Ideen hinaus in die Weltenweiten, sondern dann nehmen wir - und wenn wir noch so weit gehen in die Raumesweiten — die Substantialität des Christus mit. Alle unsere Ideen sind dann durchdrungen von der Substanz des Christus, und dabei stellt sich etwas höchst Merkwürdiges heraus, was ich Ihnen klarmachen möchte an der wissenschaftlichen Entwickelung der neueren Zeit.
[ 18 ] Da ist man zunächst ausgegangen von den äußeren Naturerscheinungen und hat diese auf allerlei Kräfte und dergleichen zurückgeführt. Dann kam man dazu, das, was sich in der Außenwelt abspielt, Licht und Töne und so weiter, auf Schwingungen bewegter Ätherteile oder bewegter, selbst wägbarer Stoffteile zurückzuführen, und war froh, daß man sich die ganze Welt auf eine Welt bewegter, schwingender Atome des Äthers und dergleichen zurückführen konnte. Jetzt ist diese Art und Weise, weil sie ja doch zu nichts führt, wie die Leute gesehen haben, doch schon zum großen Teil verlassen worden, aber rückständig ist in dieser Beziehung noch das allgemeine öffentliche Bewußtsein, das bleibt immer einige Schritte hinter dem wissenschaftlichen Fortschreiten zurück. Da ist noch vielfach die Sehnsucht vorhanden, die ganze Welt zu erklären durch die Abstraktion von schwingenden Atomen, als wenn der Raum ausgefüllt wäre von lauter Schwingungen, von lauter Oszillationen. Ja, sehen Sie, wenn man mit unseren Ideen und mit den empirischen Erfahrungen, die man über die Realitäten machen kann, zu solchen Ergebnissen kommt, dann fühlt man wirklich in dem Augenblick, wo man an die sogenannte atomistische Welt herankommt, sogleich diese Leere, denn jene Atome, die ausgedacht werden, gibt es nämlich gar nicht. Atome kann es geben, sofern sie empirische Realität haben, soweit das Mikroskop geht, soweit die Stofflichkeit geht, solange diese mit Licht und Wärme ausgestattet wird, aber um Licht und Wärme selber zu erklären, darf man keine Atome oder Schwingungen der Atome zu Hilfe nehmen, denn dann denkt man in der Welt ein Weltensystem aus, und ein ausgedachtes Weltensystem führt zu etwas, das gar keinen realen Inhalt mehr hat. Daher hat diese alte atomistische Theorie eben gar keinen Inhalt mehr. Man denkt sie aus, fühlt aber, daß sie nirgends eingreift in die Realität.
[ 19 ] Anders ist es, wenn wir unsere Ideen, wenn wir unsere abstrakten Gesetze überall mit dem durchdringen, was in Wahrheit der Christus-Impuls ist, von dem Sie ja alle wissen, daß nicht irgend etwas damit gemeint ist, was ein orthodoxes Bekenntnis im Auge hat, sondern der große makrokosmische Christus-Impuls. Mit dem müssen wir uns durchdringen im Paulinischen Sinn. Nicht unsere abstrakten Ideen und Begriffe, sondern das, was sie sind als unsere gegenwärtige Bewußtseinsform, durchdrungen von dem Christus-Impuls, das tragen wir hinaus in die Welt. Und hier liefert die Erfahrung etwas ganz Eigenartiges. Wie wir immer leerer und ärmer werden und unser Bewußtsein zuletzt zersprüht und zerstiebt in die Weltenleere, wenn wir mit dem Christus-losen Bewußtsein hinausdringen —- sobald wir den Christus-Impuls aufgenommen haben, je weiter wir auch kommen in die Weltenfernen, in die Raumesweiten, desto reicher, voller wird unser Bewußtsein. Und wenn wir bis zur Hellsichtigkeit vordringen, dann haben wir durch die Christus-erfüllte Seele reichlichen Seelenstoff, so daß mächtig und grandios die wirklichen Ursachen der Realität als übersinnliche Realitäten zuletzt vor uns stehen. Während unser Christus-loses Bewußtsein uns vor die Leere in den Weltenweiten bringt, bringt uns das Christus-erfüllte Bewußtsein vor die wahren Ursachen der Welterscheinungen und Weltenwunder. Daher durfte ich in dem kleinen Büchelchen «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» sagen: So töricht das heute erscheint, es werden in der Zukunft Chemie und Physik und Physiologie und Biologie durchdrungen sein von dem Christus-Impuls, und wahre Wissenschaft wird in manchem, wovon man es sich heute nicht träumen läßt, von dem Christus-Impuls durchdrungen sein. Derjenige, der das nicht glauben will, soll nur einmal die Geschichte durchblättern und sich überzeugen, wie die Vernunft der kommenden Zeiten oftmals die Torheit der früheren Zeiten war. Möge er sich trösten darüber, wenn er uns etwa bedauern wollte, weil wir annehmen, daß das, was für Torheit in unserer Zeit gehalten wird, die Vernunft der kommenden Zeit ist! So töricht es der heutigen Menschheit erscheinen mag, an eine christliche Chemie zu denken, so vernünftig wird es der Nachwelt erscheinen. Wenn wir den Christus hinaustragen in unsere Weltanschauung, wird er uns Fülle geben statt der Leerheit.
[ 20 ] Und wenn wir den anderen Weg gehen, wenn wir im Paulinischen Sinne nach dem Geiste dessen, was bisher hier gesagt werden durfte, unsere Seele erfüllen mit dem Christus-Impuls und dann in uns selber eintauchen, was geschieht dann? Der Christus-Impuls hat die Eigentümlichkeit, daß er auf unsere Egoität, auf unseren Egoismus wie auflösend, wie zerstörend wirkt. Merkwürdig: je weiter wir hinuntersteigen mit dem Christus-Impuls in uns selber, desto weniger kann uns der Egoismus anhaben. Wir dringen dann immer mehr und mehr in uns selber ein, und wir lernen, indem wir mit dem Christus-Impuls durch unsere egoistischen Triebe und Leidenschaften dringen, die Menschenwesenheit erkennen, lernen die ganzen Geheimnisse des Weltenwunders des Menschen kennen. Ja, dieser Christus-Impuls läßt uns noch viel weiter gehen. Während wir sonst wie ein Kautschukball zurückgeworfen werden und nicht in uns selber, in das Gebiet unserer eigenen Menschheitsorganisation hinunterkommen, dringen wir durch Christus immer tiefer und tiefer in uns, durchdringen uns selber, kommen sozusagen wieder heraus aus uns selber nach der anderen Seite. So daß, wenn wir nach der einen Seite hinausdringen in die Weltenweiten und überall in den Raumesfernen das Christus-Prinzip finden, wir auf der anderen Seite, wenn wir hinunterdringen, im Gebiete der unterirdischen Welten auch alles Unpersönliche, von uns Freie finden. Nach beiden Seiten finden wir das, was über uns hinausgeht. In den Weltenweiten zerstieben, zersprühen wir nicht, wir finden die Welt der oberen Götter; nach unten dringen wir in die Welt der wahren Götter ein.
[ 21 ] Und dasjenige, was uns in uns selbst führt und uns in die Weltenweiten führt, wir könnten es zeichnen als einen Kreis und kämen selber zuletzt außerhalb von uns selbst zusammen. Das, was Willensnatur ist, in das wir sonst untertauchen wie in ein Gebiet, in dem wir verbrennen, und das, was Raumesweiten sind, darinnen wir zerstieben wie in ein Nichts: das kommt zusammen. — Und unsere Gedanken über die Welt vereinigen sich mit dem Willen, der uns aus der Welt entgegentritt, wenn wir hinuntersteigen. Willenserfüllte Gedanken, wollende Gedanken! Wir stehen durch einen solchen Prozeß nicht mehr vor abstrakten Gedanken, sondern vor den Weltengedanken, die in sich selber schaffend sind, die wollen können. Wollende Gedanken: das heißt aber Götterwesen, geistige Wesenheiten, denn willenserfüllte Gedanken sind geistige Wesenheiten. So schließt sich der Kreis. So dringen wir durch die Seelenprüfungen, die uns begegnen, während wir sonst ins Nichts durch die Schwäche der eigenen Seele gehen würden. So dringen wir, wenn wir in uns selber hinuntersteigen durch die übergroße Egoität — das heißt durch die in der Egoität, im Egoismus starke Seele nach beiden Seiten zu dem, was uns zu Seelenprüfungen zwar führen kann, was uns aber nimmermehr etwas über die Welt sagen kann.
[ 22 ] Wir müssen beide Wege wandeln, müssen beide Widerstände empfinden, sowohl die Furcht vor der Leere wie auch den Widerstand der eigenen Egoität. Und so durch uns hindurchdringend nach der anderen Seite der Willensnatur, der Welt uns nähernd, werden wir ergriffen, sobald wir auf diese Weise aus uns selber herauskommen, von dem unendlichen Mitfühlen, von dem unendlichen Mitleiden mit allen Wesenheiten. Und dieses Mitfühlen, dieses Mitleiden, das ist es, was sich verbindet, wenn der Kreislauf geschlossen ist, mit den Weltengedanken, die sich sonst verflüchtigen und nun substantiellen Gehalt empfangen. Der ChristusImpuls führt uns nach und nach zum Schließen des Kreises, führt uns dazu, zu erkennen, was in den Raumesweiten als willenserfüllte, das heißt wesenhafte Gedanken weset und lebt. Dann aber, wenn uns die Seelenprüfungen in dieser Art weitergeführt haben, sind wir geläutert in unserer Seele, durchgedrungen durch den Läuterungsprozeß, den wir durchmachen mußten. Indem wir nach unten durch alles dringen müssen, was uns der Hüter der Schwelle zeigt als die Veranlassung zum Egoismus, sind wir auch gefeit vor alledem, was uns Veranlassung gibt, zu zerstieben in den Raumesweiten und die Furcht vor der Leere zu empfinden.
[ 23 ] Solch eine Weisheit, die uns im Grunde genommen auf das tiefste Mysterium der Seelenprüfungen führt, herrschte in den alten griechischen Mysterien. Deshalb wurden die griechischen Mysten, die Schüler dieser Mysterien, auf der einen Seite geführt zu der Furcht vor dem unendlichen Abgrund und zur Erkenntnis, auf der anderen Seite zu der Versuchung durch die Egoität und zur Überwindung der Egoität in dem unendlichen Mitleid und Mitgefühl mit allen Wesenheiten. Und in der Ehe, in der Vereinigung des Mitgefühls, des Mitleidens mit den Gedanken, erlebten sie die Läuterung von allen Seelenprüfungen. Ein schwaches, ein ganz schwaches Abbild hat die Urtragödie, das Urdrama in Griechenland geschaffen. Die ersten Dramen des Äschylos und auch noch - wenn auch ganz wenig nur - des Sophokles lassen uns erkennen, wozu sie da waren. Sie waren da, um in der Art und Weise, wie eine Handlung fortlaufend auf der Bühne dargestellt ist, Furcht und Mitleid zu erregen und zur Läuterung, zur Katharsis von Furcht und Mitleid zu führen. Aristoteles, der die Überlieferung davon gehabt hat, daß das griechische Drama im kleinen abgespiegelt hat die kolossale, grandiose Empfindung von Furcht und Egoität, von der Überwindung der Furcht durch Furchtlosigkeit, der Egoität im Mitleiden, im unendlichen Mitleiden - Aristoteles, der es wußte, daß das Drama das Erziehungsmittel war im kleinen, hat die Tragödie so definiert, daß sie sein sollte eine Darstellung zusammenhängender Ereignisse, welche geeignet sind, Furcht und Mitleid in der Menschenseele zu erregen und sie zu läutern in bezug auf diese Eigenschaften.
[ 24 ] Diese grandiosen Wahrheiten sind im Laufe der Zeit den menschlichen Seelen verlorengegangen, vergessen worden. Und als man angefangen hat, vom 18. ins 19. Jahrhundert herauf, den Aristoteles wieder zu studieren, hat man eine ganze Bibliothek angehäuft mit Erklärungen, was eigentlich Aristoteles damit gemeint hat. Was er gemeint hat, wird man erst begreifen, wenn man das Hervorgehen des Dramas aus den alten Mysterien wiederum begreifen wird. So kann Gelehrsamkeit an die alleräußerste Oberfläche tippen, denn aus der Erklärung des Begriffs Drama ist durch alle Arbeit in diesen Bibliotheken nicht viel gewonnen worden für die Aristotelische Definition von Furcht und Mitleid. So aber sehen wir, wie aus dem Welt- und Menschheitswerden entspringen müssen die Seelenprüfungen. Wir sehen aber auch, wie diese Seelenprüfungen dadurch entstehen, daß unsere Seele sich veranlaßt fühlt, zwei Wege zu gehen, den einen Weg in die Weltenfernen, den anderen in die eigenen Wesenstiefen; daß sie Prüfungen bestehen muß, weil sie nach beiden Seiten hin den Ausblick nicht haben kann, daß sie aber hoffen kann, den Kreis zu schließen, den Willen von der einen Seite, die Gedanken von der anderen Seite zu finden und dadurch die wahren Realitäten, das, wodurch sich die Welt offenbart als wollender Geist, als geistiges Wollen.
[ 25 ] Wohin wir zuletzt gelangen, ist, daß sich uns die ganze Welt in Geist auflöst, daß wir überall Geist erblicken und daß wir alles, was Stofflich-Materielles ist, nur als die äußere Manifestation des Geistes zu erkennen haben, als das Trugbild des Geistes. Weil wir nicht im Geiste uns wissen, wohl aber im Geiste leben, müssen wir solche Prüfungen durchmachen. Denn wir leben zwar im Geiste, wissen es aber nicht. Wir sehen den Geist in einer trügerischen Form und müssen aus dem Truge, der wir selber sind, aus dem Traum, als welchen wir uns selber träumen, zur Realität vordringen, müssen abstreifen alles das, was noch an Materielles oder an Gesetze von Materiellem erinnert. Das ist ein Weg, dessen Ende wir ahnen können, aber aus solchen Ahnungen entsprießt uns die Stärke, die uns sagt: Wir werden endlich den Kreis schließen können und in der Geistesoffenbarung die Lösungen der Weltenwunder, die Befriedigungen für die Seelenprüfungen finden können.
[ 26 ] So muß uns eine wirkliche Betrachtung der Geisteswissenschaft niemals mutlos machen. Und wenn uns auch gezeigt werden muß, wie schwer die Seelenprüfungen sind, wie sie immer wieder von neuem auftreten müssen, so müssen wir uns dennoch sagen: Kennenlernen müssen wir sie, ja, auch durchmachen müssen wir sie, denn daß wir sie abstrakt wissen, das hilft uns nichts. Aber wir müssen auch das Vertrauen haben, daß wir über die Seelenprüfungen zu den Geistesoffenbarungen vorschreiten werden. Derjenige freilich, der sich beruhigen würde dabei, daß die geistigen Offenbarungen doch einmal kommen müssen, daß man daher nicht die Seelenprüfungen aufsuchen soll, der wird erst recht in Seelenprüfungen verfallen. Wer zum Beispiel sagen würde: Da hast du uns das erste Rosenkreuzer-Drama vorgeführt, in welchem wir eine Entwickelung der Seele finden, die uns zu zeigen schien, daß der Johannes Thomasius schon eine bestimmte Höhe erreicht hat. Nun, wenn wir uns darauf verlassen, dann können wir Abstand von dem zweiten Rosenkreuzer-Drama, «Die Prüfung der Seele», nehmen, können einfach hoffen, daß schon einmal die Geistesoffenbarung folgen werde. Wozu brauchen wir uns auf die Seelenprüfungen einzulassen? - Wer so denken würde, würde sich gerade hineinwerfen in die schlimmsten Seelenprüfungen, denn wir können nicht durch unser normales Bewußtsein, durch unsere Intellektualität dem entkommen, was als Seelenprüfung auf uns abgelagert werden muß. Daher ist es besser, wenn wir uns alles vor die Seele führen, was diese Seele an Prüfungen erleben kann, wenn wir alle Prüfungen der Menschenseelen kennenlernen und nicht erlahmen, um zu begreifen, daß auch ein Mensch wie Johannes Thomasius in Irrtum und Wahn verfallen kann und weiterkommen muß auf ganz anderen Wegen, als man sich zunächst vorstellt. Niemals aber dürfen wir das Vertrauen verlieren, daß die Menschenseele dazu bestimmt ist, ihr göttliches Selbst zu den Geistesoffenbarungen emporzutragen. Daher ist der Gang der Menschenseele der, daß sie der Welt gegenübersteht, diese Welt als Maja oder große Illusion sieht, fühlt, daß innerhalb dieser Maja oder großen Illusion die Weltenwunder verborgen sind, daß die Verwunderung als die erste Seelenprüfung eintritt, daß dann die Prüfungen immer schwerer und schwerer werden, aber daß die Seele ihre Stärke behalten kann, so daß sie zum Schließen des Kreises kommt und endlich in der Geistesoffenbarung die Auflösung der Weltenwunder, die Läuterung der Seelenprüfungen findet. Das ist der Gang, den die Menschenseele macht — und nicht allein die Menschenseele -, den alle göttlichen Hierarchien anstreben und in der Menschenseele machen.
[ 27 ] Damit haben wir skizziert, was wir uns als Aufgabe für den diesjährigen Zyklus im wesentlichen gesetzt haben: eine Vorstellung hervorzurufen von dem Zusammenhang zwischen Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen.
