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The Rudolf Steiner Archive

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Esoteric Christianity and the
Spiritual Guidance of Humanity
GA 130

29 January 1912, Kassel

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15. Die Morgenröte des neueren Okkultismus II

15. The Dawn of Modern Occultism II

[ 1 ] Heute wollen wir an die Betrachtung von vorgestern etwas anknüpfen, was uns zu tief persönlicher Auffassung theosophischen Lebens führen kann. Wenn wir unser Leben überblicken, wenn wir versuchen, uns in seinen Einzelheiten zurechtzufinden, so können wir durch eine solche Lebensbetrachtung viel gewinnen. Da werden wir sehen an manchen Dingen, die uns als unser Schicksal getroffen haben oder treffen, dass wir sie als gerecht anerkennen müssen, dass wir es so verdient haben. Sagen wir, ein Mensch ist in dieser Inkarnation etwas leichtsinnig gewesen und es trifft ihn später dann ein Schicksalsschlag, so kann man vielleicht nicht mehr äußerlich den Schicksalsschlag mit dem Leichtsinn zusammenbringen, aber man hat doch das Gefühl dafür, dass dieser Schlag uns in gerechter Weise zukommt. Andere Schicksalsschläge finden wir, weiterblickend, die uns wie Zufall dünken müssen, für die wir keine Erklärung finden. Diese zwei Kategorien von Erlebnissen finden wir, wenn wir zurückblicken auf unser Leben.

[ 1 ] Today we would like to build on the reflection from the day before yesterday, which can lead us to a deeply personal understanding of theosophical life. When we look back on our lives, when we try to make sense of their details, we can gain much from such a reflection on life. We will see, in some things that have befallen us or are befalling us as our fate, that we must acknowledge them as just, that we have deserved them. Let us say that a person has been somewhat reckless in this incarnation and is later struck by a stroke of fate; outwardly, one may no longer be able to connect the stroke of fate with the recklessness, but one still has the sense that this blow has come to us justly. Looking further ahead, we encounter other strokes of fate that seem like mere coincidence, for which we find no explanation. We find these two categories of experiences when we look back on our lives.

[ 2 ] Es handelt sich nun darum, dass wir recht sehr unterscheiden zwischen dem, was uns als Zufall erscheint, und demjenigen, was als Notwendigkeit wirkt. Wenn der Mensch sein Leben auf diese zwei Kategorien von Erlebnissen hin betrachtet, dann kann er eine höhere Entwicklung nicht durchmachen, ohne dass er versucht, auf alles zu schauen, was ihm als Zufall erscheint. Wir müssen besonders versuchen zu schauen auf die Dinge, die wir nicht gewollt haben, die dem entgegenstehen, was uns gefällt. Es gibt eine gewisse Möglichkeit der Seelenverfassung, sich auf einen hypothetischen Möglichkeitsstandpunkt zu stellen und sich zu sagen: Wie wäre es, wenn ich mir vorstellte, dass ich dasjenige, was ich nicht gewollt habe, was mir gar nicht angenehm ist, was mir nicht gefällt, gerade so recht gewollt hätte, das was mir damals gerade nicht gefiel, und was ich nicht wollte? Dies muss man sich intensiv vorstellen: Wir selbst hätten diese unsere Lage aufs Energischste gewollt.

[ 2 ] The point is that we must make a clear distinction between what appears to us as chance and what seems to be a necessity. If a person views their life through these two categories of experience, they cannot achieve higher development without attempting to examine everything that appears to them as chance. We must especially try to look at the things we did not want, the things that run counter to what we like. There is a certain capacity of the soul to adopt a hypothetical perspective of possibility and say to oneself: What if I were to imagine that I had actually wanted precisely that which I did not want, that which is not at all pleasant to me, that which I do not like—that very thing I did not like at the time and did not want? One must imagine this intensely: that we ourselves would have wanted this very situation of ours with the greatest intensity.

[ 3 ] Von dem, was uns Zufall dünkt, müssen wir uns vorstellen: Wie wäre es, wenn wir den energischsten Willen angewendet hätten, um das alles zu wollen? Gleichsam meditierend muss der Mensch sich in diese Seelenstimmung versetzen gegenüber dem, was uns in unserem Leben als zufällige Ereignisse erscheint. Und jeder Mensch der Gegenwart kann dieses tun. Wenn wir so vorgehen, dann macht das nach und nach einen ganz besonderen Eindruck auf unsere Seele, wir fühlen, als ob sich etwas loslösen wollte von uns. Ich habe mir da einen zweiten, einen anderen Menschen vorgestellt, sagt sich die Seele, der ist nun da. Und man kann nicht mehr loskommen von dieser Vorstellung, sondern ein solcher ausgedachter Mensch wird nach und nach zu unserem Doppelgänger. Mit diesem ausgedachten Menschen hast du eigentlich etwas zu tun, sagt sich die Seele. Man steigt auf zu der Vorstellung: Dieser Mensch lebt eigentlich in dir. Und wenn man sich recht intensiv hineinlebt in diese Vorstellung, dann wird man gewahr, dass dieser ausgedachte Mensch nicht so ganz ohne Bedeutung ist. Die Überzeugung wird in uns wach: Das ist schon einmal dagewesen, und damals hast du die Willenskräfte zu den scheinbaren Zufälligkeiten von heute in dir gehabt. - Auf diese Weise verschaffen wir uns eine gründliche Überzeugung davon, dass wir schon einmal da waren, bevor wir in diese Leibeshülle untertauchten. Und jeder Mensch der Gegenwart kann diese Überzeugung sich verschaffen.

[ 3 ] When it comes to what we perceive as chance, we must ask ourselves: What if we had applied our most determined will to bring all of this about? As if in meditation, we must place ourselves in this state of mind when faced with what appears to us in our lives as random events. And every person of the present can do this. If we proceed in this way, it gradually makes a very special impression on our soul; we feel as if something were trying to detach itself from us. I have imagined a second, a different person there, the soul tells itself; that person is now here. And one can no longer shake off this image; rather, such an imagined person gradually becomes our doppelgänger. “You actually have something to do with this imagined person,” the soul tells itself. One rises to the idea: “This person actually lives within you.” And if one immerses oneself quite deeply into this idea, then one becomes aware that this imagined person is not entirely without significance. The conviction awakens within us: This has happened before, and back then you possessed within yourself the willpower behind today’s apparent coincidences. — In this way, we acquire a deep conviction that we were here before, before we entered this physical body. And every person of the present can acquire this conviction.

[ 4 ] Wir müssen nun ins Auge fassen, wie die aufeinanderfolgenden Inkarnationen des Menschen sind. Was reinkarniert sich denn eigentlich? Wie können wir das finden?

[ 4 ] We must now consider what the successive incarnations of human beings are like. What is it, exactly, that reincarnates? How can we find out?

[ 5 ] Im menschlichen Seelenleben haben wir vorzugsweise drei Arten von Seelenerlebnissen zu unterscheiden. Erstens unsere Vorstellungen, unsere Gedanken. Wenn wir uns etwas vorstellen, so kann das ja in ganz neutraler Weise geschehen. Wir brauchen das, was wir uns vorstellen, nicht zu lieben oder zu hassen, ihm weder sympathisch noch antipathisch gegenüberzutreten. An die Vorstellungen reiht sich das Leben in den Gemütsstimmungen, die dadurch entstehen, dass wir das eine gerne haben, lieben, das andere verabscheuen, hassen und so weiter. Eine dritte Art von Seelenerlebnissen bilden die Willensimpulse. Es gibt wohl Übergänge, aber im Großen und Ganzen sind es diese drei Kategorien von Seelenerlebnissen. Und es ist ein Grundzug eines gesunden Seelenlebens, diese drei Erlebnisarten gesondert haben zu können. Unser Vorstellungsleben entsteht dadurch, dass wir äußere Anregungen empfangen. Nun wird jeder leicht einsehen können, dass dieses Vorstellungsleben am engsten zusammenhängt mit der gegenwärtigen Inkarnation. Es wird schon daraus klar, wenn wir bedenken, dass uns die Sprache zum Ausdruck der Vorstellungen dient. Und die Sprache kann natürlich in jeder Inkarnation nur eine andere sein. Ebenso wenig wie wir die Sprache mitbringen, wenn wir eine neue Inkarnation beginnen, ebenso wenig bringen wir die Vorstellungen mit. Beides, sowohl die Sprache als auch die Vorstellungen, müssen wir in jeder Inkarnation neu erringen. Hebbel hat einmal in sein Tagebuch einen merkwürdigen Eintrag gemacht. Er meinte, wie drastisch etwa ein Stück wirken müsste, in dem der wiederverkörperte Plato am meisten kujoniert wird von seinem Lehrer wegen schlechten Plato-Verständnisses. — Also das Vorstellungsleben geht nicht hinüber von einer Inkarnation zur anderen, und vom Vorstellungsleben nimmt der Mensch am wenigsten mit in die nachtodliche Welt. Wir bilden uns keine Vorstellungen nach dem Tode, sondern nehmen die Dinge unmittelbar wahr, wie unser physisches Auge die Farbe wahrnimmt. Das, was wir als Begriffswelt kennen, sehen wir nach dem Tode wie ein Netz, das über die Welt ausgespannt ist. Das aber, was uns bleibt, wenn wir durch die Pforte des Todes geschritten sind, und was wir auch bei einer neuen Erdengeburt wieder mitbringen als seelische Anlagen, das sind unsere Gemütsbewegungen, unsere Gemütsstimmungen. Und wir werden bei einem Kinde zum Beispiel, das in Bezug auf sein Vorstellungsleben noch sehr wenig weit ist, bemerken können, wie dagegen sein Empfindungsleben schon ganz bestimmte Linien zeigt. Und weil unsere Willensimpulse an die Gemütsverfassung geknüpft sind, so gehen auch sie mit uns durch die Pforte des Todes. Wenn zum Beispiel der Mensch sich einem Irrtum hingibt, so bewirkt das in seinem Gemüt etwas anderes, als wenn er sich einer Wahrheit hingibt. An diesen Folgen falscher Vorstellungen leiden wir noch lange nach dem Tode. Daher müssen wir sagen, dass wir auf das sehen müssen, was unsere Gemütsstimmungen und Willensimpulse sind, wenn wir uns fragen, was denn eigentlich von Inkarnation zu Inkarnation geht.

[ 5 ] In the life of the human soul, we must distinguish primarily between three types of soul experiences. First, our ideas, our thoughts. When we imagine something, this can happen in a completely neutral way. We do not need to love or hate what we imagine, nor do we need to feel sympathy or antipathy toward it. Following these ideas are the moods that arise from the fact that we like or love one thing, while detesting or hating another, and so on. A third type of psychological experience consists of volitional impulses. There are certainly transitions, but on the whole, these are the three categories of soul experiences. And it is a fundamental feature of a healthy soul life to be able to distinguish these three types of experience. Our life of imagination arises from our receiving external stimuli. Now everyone can easily see that this life of imagination is most closely connected with the present incarnation. This becomes clear when we consider that language serves as the means of expressing our ideas. And language, of course, can only be different in every incarnation. Just as we do not bring language with us when we begin a new incarnation, neither do we bring our ideas. We must acquire both—language and ideas—anew in every incarnation. Hebbel once made a curious entry in his diary. He mused on how drastically a play might have to be staged in which the reincarnated Plato is most severely scolded by his teacher for his poor understanding of Plato. — So the life of the imagination does not pass over from one incarnation to the next, and of all aspects of life, it is the life of the imagination that a person takes least with them into the afterlife. We do not form concepts after death, but perceive things directly, just as our physical eye perceives color. What we know as the world of concepts, we see after death as a net stretched across the world. But what remains with us once we have passed through the gate of death, and what we bring with us again as soul dispositions even in a new earthly birth, are our emotional stirrings, our moods. And we can observe, for example, in a child who is still very limited in terms of their imaginative life, how their emotional life, by contrast, already exhibits quite distinct patterns. And because our volitional impulses are linked to our emotional state, they too pass through the gate of death with us. For example, when a person succumbs to an error, it affects their mind differently than when they embrace a truth. We suffer the consequences of false ideas long after death. Therefore, we must say that we must look to what our moods and volitional impulses are when we ask ourselves what actually passes from one incarnation to the next.

[ 6 ] Nehmen wir nun einmal an, es habe uns vor zehn oder zwanzig Jahren ein schmerzliches Ereignis getroffen. Wir werden uns heute in unseren Vorstellungen noch ganz gut daran erinnern können, sogar an alle Einzelheiten. Aber wie verblasst ist der Schmerz, den wir damals empfunden haben, und wie wenig ist der Mensch imstande, die damaligen Gemütsbewegungen und Willensimpulse nachzuerleben. Denken wir einmal an Bismarck, von dem ja bekannt ist, unter wie außerordentlich schwierigen Verhältnissen er 1866 zum Kriege geschritten ist. Welche Gemütsbewegungen, welche ungeheure Fülle von Willensimpulsen hat sich da in Bismarcks Seele abgespielt! Aber wird Bismarck auch beim Schreiben seiner Lebenserinnerungen diese seelischen Erregungen und Willensentschlüsse wieder durchlebt haben in annähernd derselben Stärke? Gewiss nicht! Das menschliche Gedächtnis ist so beschaffen zwischen Geburt und Tod, dass es als Vorstellungsgedächtnis vorhanden ist. Natürlich kann es sein, dass auch noch nach zehn oder zwanzig Jahren uns Schmerz überkommt bei der Erinnerung an ein damals stattgehabtes, für uns schmerzliches Ereignis, aber im Allgemeinen wird der Schmerz stark verblasst sein im Laufe der Jahre, während sich in unserer Vorstellung die Erinnerung bis auf Einzelheiten erstrecken kann. Wenn wir uns nun vorstellen, wir hätten solche schmerzlichen Ereignisse gewollt, wir hätten sympathisch gefunden, was wir als junger Mensch vielleicht ganz unsympathisch gefunden haben, dann rüttelt die Schwierigkeit dieser Tätigkeit die Seele auf; sie wirkt hinüber in unser Gemüt. Wenn uns früher vielleicht ein Stein auf den Kopf gefallen ist, so versuchen wir jetzt mit aller Kraft, uns vorzustellen, dass wir das selbst so gewollt hätten. Durch solche Vorstellungen, dass wir den Zufall, der uns betroffen, selbst gewollt hätten, bekommen wir ein Gemütsgedächtnis für unsere früheren Inkarnationen. Auf diese Weise erhalten wir eine Vorstellung davon, wie wir hineingestellt sind in die geistige Welt. Unser Schicksal fangen wir an zu verstehen. Den Willen zu den Zufälligkeiten dieses Lebens haben wir aus unserer vorigen Inkarnation mitgebracht.

[ 6 ] Let us suppose that a painful event befell us ten or twenty years ago. Today, we can still recall it quite clearly in our minds, even down to the smallest details. But how much has the pain we felt back then faded, and how little is a person capable of reliving the emotional turmoil and impulses of will from that time. Let us consider Bismarck, of whom it is well known under what extraordinarily difficult circumstances he went to war in 1866. What emotional turmoil, what immense abundance of impulses of will must have played out in Bismarck’s soul! But did Bismarck, even when writing his memoirs, relive these emotional stirrings and resolves with anything approaching the same intensity? Certainly not! Human memory is such between birth and death that it exists as a memory of imagination. Of course, it may be that even after ten or twenty years, pain still overtakes us at the memory of an event that took place back then and was painful for us, but in general the pain will have faded greatly over the years, while in our imagination the memory can extend down to the details. If we now imagine that we had wanted such painful events, that we would have found appealing what we as young people might have found quite unappealing, then the difficulty of this activity stirs the soul; it affects our mind. If, for example, a stone once fell on our head, we now try with all our might to imagine that we ourselves had wanted it that way. Through such imaginings—that we ourselves had willed the chance events that affected us—we develop a spiritual memory of our past incarnations. In this way, we gain an understanding of how we are situated within the spiritual world. We begin to comprehend our destiny. The will behind the chance events of this life we have brought with us from our previous incarnation.

[ 7 ] Wenn wir uns solchen Gedanken in der Meditation hingeben und sie weiter ausbilden, so kann das von außerordentlicher Wichtigkeit sein. Auch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt geschieht etwas, ja unendlich reich ist diese Zeit an Erlebnissen, die jedoch rein geistiger Art sind. Daher bringen wir auch Gemütsstimmungen und Willensimpulse mit aus der Zeit zwischen dem letzten Tod und der letzten Geburt, also aus der rein geistigen Welt. Darauf beruht eine Tatsache der neueren Zeit, die außerordentlich wichtig ist, die aber im Ganzen wenig beachtet wird. Eine Tatsache, die im Leben vieler Menschen da ist heute, nur die meisten merken es nicht. Aber unsere theosophische Geistesströmung hat die Aufgabe, hinzuweisen auf diese Tatsache und ihre Bedeutung. Lassen Sie mich an einem Beispiel anschaulich machen, um was es sich handelt.

[ 7 ] If we allow ourselves to indulge in such thoughts during meditation and develop them further, this can be of extraordinary importance. Something also happens between death and a new birth; indeed, this time is infinitely rich in experiences, though they are of a purely spiritual nature. Therefore, we also bring with us moods and impulses of will from the time between our last death and our last birth—that is, from the purely spiritual world. This is the basis for a fact of recent times that is extraordinarily important, yet generally receives little attention. A fact that is present in the lives of many people today, though most do not realize it. But our theosophical spiritual movement has the task of pointing out this fact and its significance. Let me illustrate what this is all about with an example.

[ 8 ] Ein Mensch, sagen wir, hat Veranlassung, irgendwohin zu gehen, und dieser Weg bringt es mit sich, dass er der Spur eines anderen Menschen folgt, eines Kindes vielleicht. Da sieht der Mensch plötzlich, dass am Rand des Weges, den das Kind geht, ein Abgrund gähnt. Unfehlbar wird das Kind hinabstürzen, wenn es noch einige Schritte weiter tut. Er läuft dem Kinde nach, um es zu retten, läuft und läuft und vergisst dabei ganz den Abgrund. Da plötzlich hört der Betreffende von irgendwoher eine Stimme kommen, die ihm zuruft: Bleibe stehen! - Wie angenagelt steht er still. In dem Moment fasst das Kind einen Baum und bleibt auch stehen, sodass nichts Übles passiert. Wäre die Stimme nicht in diesem Augenblick gekommen, der Mensch wäre unfehlbar in den Abgrund gestürzt. Der Mensch fragt sich nun: Woher kam die Stimme? Er findet niemanden, der gerufen haben könnte. Aber er hat ein Bewusstsein, dass er unfehlbar verloren gewesen wäre, wenn er nicht diese Stimme gehört hätte. Er kann nicht entdecken, dass irgendein physisches Wesen ihn gerufen hat, so genau er auch forscht.

[ 8 ] Let’s say a person has a reason to go somewhere, and this path involves following in the footsteps of another person—a child, perhaps. Suddenly, the person sees that a precipice yawns at the edge of the path the child is walking. The child will inevitably fall into it if they take just a few more steps. He runs after the child to save them, running and running, completely forgetting about the abyss. Suddenly, he hears a voice coming from somewhere, calling out to him: “Stop!”—He stands still, as if nailed to the spot. At that moment, the child grabs hold of a tree and also stops, so that nothing bad happens. Had the voice not come at that very moment, the man would undoubtedly have plunged into the abyss. The man now asks himself: Where did the voice come from? He finds no one who could have called out. But he is aware that he would undoubtedly have been lost had he not heard that voice. No matter how closely he searches, he cannot discover that any physical being called out to him.

[ 9 ] Ein ähnliches Erlebnis könnten viele Menschen der Gegenwart in ihrem Leben finden bei intimer Selbstbetrachtung. Man beachtet solche Dinge heute nur zu wenig. Entweder wird nun ein solches Erlebnis spurlos an dem betreffenden Menschen vorübergehen, dann verwischt sich der Eindruck, er hält dieses Erlebnis nicht für wichtig. Aber nehmen wir an, der Mensch wird aufmerksam, er hält dieses Erlebnis nicht für bedeutungslos. Dann kommt er vielleicht zu dem Gedanken: Eigentlich standest du da vor einer Krisis, einer karmischen Krisis, eigentlich sollte dein Leben enden in diesem Augenblick, du hattest dein Leben verwirkt. Nur durch etwas Zufallähnliches bist du gerettet, und es ist seit jener Stunde gleichsam ein zweites Leben auf das erste draufgepflanzt. Dieses zweite Leben musst du als dir geschenkt betrachten, und demgemäß hast du dich auch zu benehmen. - Wenn ein solches Erlebnis in einem Menschen diese innere Stimmung auslöst, dass er sein Leben von jener Stunde an als Geschenk betrachtet, so macht dies heute diesen Menschen zu einem Bekenner des Christian Rosenkreutz. Denn so ist seine Art, die Seelen zu sich zu rufen. Und derjenige, der sich zurückerinnern kann an ein solches Erlebnis - und alle, die hier sitzen, können etwas derartiges in ihrem Leben finden bei genügend intimer Betrachtung -, ein solcher kann sich sagen: Christian Rosenkreutz hat mir einen Wink gegeben aus der spirituellen Welt, dass ich seiner Strömung angehöre. Christian Rosenkreutz hat zu meinem Karma hinzugefügt die Möglichkeit eines solchen Erlebnisses. Das ist die Art, wie Christian Rosenkreutz die Wahl seiner Schüler trifft. So wählt er seine Gemeinde. Wer solches bewusst erlebt, der sagt sich: Da ist mir ein Weg gewiesen; ich muss dem nachgehen und sehen, inwiefern ich meine Kräfte in den Dienst des Rosenkreuzertums stellen kann. Die aber, die den Wink nicht verstanden haben, werden später dazu kommen, denn an wen der Wink einmal ergangen ist, der wird auch nicht wieder davon loskommen.

[ 9 ] Many people today might have a similar experience in their lives if they engage in intimate self-reflection. People pay far too little attention to such things these days. Either such an experience will pass the person in question by without a trace—in which case the impression fades, and they do not consider the experience important— But let us suppose that the person becomes attentive; they do not consider this experience meaningless. Then they might come to the realization: You were actually standing there facing a crisis, a karmic crisis; your life was actually supposed to end at that very moment—you had forfeited your life. It is only through something akin to chance that you were saved, and since that hour, a second life has been grafted onto the first, as it were. You must regard this second life as a gift to you, and you must behave accordingly. — If such an experience triggers in a person this inner disposition that they regard their life from that hour onward as a gift, this makes that person today a follower of Christian Rosenkreutz. For this is his way of calling souls to himself. And the one who can recall such an experience—and all who sit here can find something of this kind in their lives upon sufficiently intimate reflection—such a person can say to themselves: Christian Rosenkreutz has given me a sign from the spiritual world that I belong to his current. Christian Rosenkreutz has added to my karma the possibility of such an experience. This is the way Christian Rosenkreutz chooses his disciples. Thus he chooses his community. Whoever consciously experiences this says to himself: A path has been shown to me; I must follow it and see to what extent I can place my powers in the service of Rosicrucianism. But those who have not understood the sign will come to it later, for once the sign has been given to someone, they will never be able to shake it off.

[ 10 ] Dass der Mensch ein Erlebnis der geschilderten Art haben kann, das rührt daher, dass dieser Mensch in der Zeit zwischen seinem letzten Tode und seiner letzten Geburt zusammengertroffen ist in der geistigen Welt mit Christian Rosenkreutz. Damals hat uns Christian Rosenkreutz erwählt. Er hat einen Willensimpuls in uns hineingelegt, der uns nun zu solchen Erlebnissen führt. Das ist die Art, wie geistige Zusammenhänge herbeigeführt werden. Für eine materialistische Auffassung gilt dieses natürlich alles als Halluzination, wie ja auch das Erlebnis des Paulus vor Damaskus als eine Halluzination angesehen wird. Die Konsequenz davon würde natürlich sein, dass das ganze Christentum auf einer Halluzination, also auf einem Irrtum beruht. Denn die Theologen wissen ganz gut, dass eigentlich für das ganze spätere Christentum das Ereignis von Damaskus die Grundlage bildet. Und wenn diese Grundlage auf einer Täuschung beruht, so müsste man natürlich, wenn man konsequent weiterdächte, auch alles, was sich darauf aufbaut, als falsch betrachten.

[ 10 ] The reason a person can have an experience of the kind described is that, in the time between their last death and their last birth, that person encountered Christian Rosenkreutz in the spiritual world. At that time, Christian Rosenkreutz chose us. He implanted a volitional impulse within us that now leads us to such experiences. This is the way in which spiritual connections are brought about. From a materialistic perspective, of course, all of this is regarded as a hallucination, just as Paul’s experience on the road to Damascus is viewed as a hallucination. The consequence of this would, of course, be that the whole of Christianity is based on a hallucination, that is, on an error. For theologians know full well that the event at Damascus actually forms the foundation for the entire later Christian tradition. And if this foundation is based on a delusion, then, if one were to think this through consistently, one would naturally have to regard everything built upon it as false.

[ 11 ] So ist heute versucht worden, klarzulegen, wie gewisse Dinge, die uns im Leben etwas angehen, wie gewisse Erlebnisse uns zeigen können, wie wir in die geistigen Zusammenhänge der Welt hineingehören. Wenn wir unser Gemütsgedächtnis ausbilden, wie das heute geschildert wurde, dann leben wir uns ein in das, was als spirituelles Leben die Welt durchströmt und durchpulst. Daher ist noch nicht der ein wahrer Theosoph, der theoretisch die Lehren kennt, sondern erst der, der sein Leben und das der anderen Menschen zu deuten weiß in dem Sinne, wie heute angegeben worden ist. Dann wird Theosophie eine Grundkraft, welche unser Seelenleben umgestaltet. Und das muss ja auch das Ziel der Arbeit in unseren Zweigen sein: dass unsere inneren Seelenerlebnisse andere werden, dass wir das Unsterbliche empfinden lernen durch allmähliche Entwicklung unseres Gemütsgedächtnisses. Der Theosoph muss den Glauben haben: Wenn du nur willst, wenn du nur deine starken inneren Kräfte anwendest, dann kannst du deinen Charakter umgestalten. Man muss fühlen, empfinden lernen, dass in uns selber und in allem anderen ein Unsterbliches waltet. Der Theosoph wird dadurch ein Theosoph, dass er sein ganzes Leben lang aufnahmefähig bleibt, auch mit grauen Haaren. Und dieses Bewusstsein, dass man immer und immer fortschreiten kann, das wird unser ganzes jetziges Geistesleben umgestalten.

[ 11 ] Today we have attempted to clarify how certain things that concern us in life, and certain experiences, can show us how we fit into the spiritual fabric of the world. If we cultivate our emotional memory, as described today, then we attune ourselves to what flows and pulses through the world as spiritual life. Therefore, the true theosophist is not yet the one who knows the teachings theoretically, but rather the one who knows how to interpret their own life and that of others in the sense indicated today. Then Theosophy becomes a fundamental force that transforms our inner life. And this must indeed be the goal of the work in our branches: that our inner spiritual experiences may be transformed, that we may learn to perceive the immortal through the gradual development of our spiritual memory. The theosophist must have faith: if you only will it, if you only apply your strong inner powers, then you can transform your character. One must learn to feel and sense that an immortal force reigns within ourselves and in everything else. The theosophist becomes a theosophist by remaining receptive throughout his entire life, even with gray hair. And this awareness that one can always and forever progress will transform our entire present spiritual life.

[ 12 ] Durch den Materialismus werden die Menschen vorzeitig alt. Vor dreißig Jahren zum Beispiel, ja da haben die Kinder anders ausgeschaut als heute. Heute sieht man schon zehn-, zwölfjährige alte Leute, Kinder, die geradezu einen greisenhaften Eindruck machen, gibt es heute. Die Menschen sind so altklug geworden und ganz besonders die Erwachsenen. Sie sagen: Wir wollen unsere Kinder nicht mehr anlügen, zum Beispiel damit, dass der Storch die Kinder bringe. Die Kinder müssen aufgeklärt werden. Aber so lügen sie die Kinder in Wahrheit an. Unsere Nachkommen werden wieder wissen, dass tatsächlich unsere Kinderseelen als vogelartige geistige Gebilde herunterschweben aus den höheren Welten. Es ist außerordentlich wichtig, dass man eine imaginative Vorstellung hat für manche Dinge, die noch nicht begreiflich sind. Es ist allerdings wohl möglich für die Tatsache, um die es sich handelt, eine bessere Imagination zu finden als die Storchgeschichte. Darauf kommt es an, dass spirituelle Kräfte spielen zwischen Kind und Eltern oder Erzieher, etwas wie ein geheimer Magnetismus muss da sein. Man muss selbst an die Imagination glauben, die man den Kindern gibt. Wenn man den Kindern den Tod erklären will, so muss man hinweisen auf ein anderes Naturereignis. Man kann sagen: Sich dir den Schmetterling an, wie er aus der Puppe herausfliegt: also ist es auch mit der Menschenseele nach dem Tode. - Aber erst muss man selbst glauben, die Welt sei so angeordnet, dass die Mächte in dem Schmetterling, der aus der Puppe herausfliegt, uns ein Bild für den Vorgang des Hervorgehens der Seele aus dem Körper hingezeichnet haben. Der Weltengeist hat uns aufmerksam machen wollen, wie das geschieht, deshalb hat er uns ein solches Bild in die Natur eingezeichnet. Das ist ungeheuer wichtig, dass wir immer lernen können, immer jung bleiben können, unabhängig von unserem physischen Leibe. Und das ist die ungeheuer wichtige Aufgabe der Theosophie: der Welt die Verjüngung zu bringen, die sie braucht. Wir müssen hinauskommen über das banal Sinnliche. Seelisches und Geistiges in der Praxis anzuerkennen, das muss das Ziel unseres Zweiglebens sein. Die Erkenntnis muss uns immer mehr durchdringen, dass wir von der Seele aus Herrscher werden können über das Äußere.

[ 12 ] Materialism is causing people to age prematurely. Thirty years ago, for example, children looked different than they do today. Today, you see ten- and twelve-year-olds who look like old people; there are children today who give the impression of being elderly. People have become so precocious, especially the adults. They say: We no longer want to lie to our children, for example, by telling them that the stork brings the babies. Children must be enlightened. But in truth, this is how they lie to the children. Our descendants will once again know that our children’s souls actually float down from the higher worlds as bird-like spiritual beings. It is extremely important to have an imaginative conception of certain things that are not yet comprehensible. It is, however, quite possible to find a better image for the reality in question than the stork story. What matters is that spiritual forces are at work between child and parent or educator; there must be something like a secret magnetism there. One must believe in the imagery one presents to the children. If one wants to explain death to children, one must point to another natural phenomenon. One can say: Look at the butterfly as it flies out of the chrysalis: so it is also with the human soul after death. — But first one must believe oneself that the world is arranged in such a way that the forces in the butterfly flying out of the chrysalis have drawn for us an image of the process of the soul emerging from the body. The World Spirit has sought to draw our attention to how this happens; that is why it has inscribed such an image in nature. It is immensely important that we may always learn, that we may always remain young, independent of our physical body. And that is the immensely important task of Theosophy: to bring the world the rejuvenation it needs. We must rise above the mundane and sensory. To recognize the soul and the spirit in practice—that must be the goal of our branch life. The realization must increasingly permeate us that we can become masters of the external world through the soul.