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Reincarnation and Karma
GA 135

21 February 1912, Berlin

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Zweiter Vortrag

Examples of the working of karma between two incarnations

[ 1 ] Es waren gestern Fragen, die das menschliche Karma berührten, welche wir zur Sprache zu bringen hatten, und zwar wurde versucht, diese Fragen des menschlichen Karmas so zu behandeln, daß sie uns erscheinen in Anknüpfung an innere Vorgänge der menschlichen Seele; man möchte sagen, daß sie uns erscheinen in Anknüpfung an etwas Erreichbares. Denn es wurde darauf aufmerksam gemacht, daß man gewisse Dinge sozusagen probeweise in seinem Seelenleben einrichten könne und daß man dadurch in seinem Seelenleben gewisse innere Erfahrungen hervorrufen kann, welche zu einer ganz bestimmt ausgesprochenen Überzeugung von der Wahrheit des Karmagesetzes führen müssen. Wenn wir solche Fragen immer wieder und wieder in die Gesichtskreise unserer anthroposophischen Betrachtung rücken, so ist dies durchaus nichts irgendwie Willkürliches, sondern es hängt damit zusammen, daß ja immer mehr und mehr wird erkannt werden müssen, wie sich das, was wir Anthroposophie im wahren, echten Sinne des Wortes nennen, zum Leben und zu der ganzen menschlichen Entwickelung verhält. Man kann sich ja zweifellos eine wenigstens annähernd richtige Vorstellung davon bilden, wie alles menschliche Leben nach und nach verändert werden muß, wenn erst eine größere Anzahl von Personen die Überzeugung, die ja zugrunde liegt solch einer Betrachtung wie der gestrigen, zu der ihrigen machen wird. Das Leben muß sich dadurch, daß die Menschen sich durch die Durchdringung solcher Wahrheiten anders zum Leben stellen, in gewisser Weise ändern. Und wir kommen dadurch zu der außerordentlich wichtigen Frage, die eine Gewissensfrage sein müßte für diejenigen Persönlichkeiten, die sich der anthroposophischen Bewegung einfügen, wir kommen zu der Frage: Was macht eigentlich einen Menschen der Gegenwart zum Anthroposophen?

[ 1 ] The lecture yesterday dealt with questions of karma, and the endeavour was made to speak of them in such a way that they appear to us to be linked with inner processes in the soul, with something that is within our reach. It was said that certain tentative measures can be taken and that in this way a conviction of the truth of the law of karma may be awakened. If such questions are introduced again and again into our studies, this is because it is necessary to realise with increasing clarity how Anthroposophy, in the genuine sense of the word, is related to life itself and to the whole evolution of man. There is no doubt that at least an approximately adequate idea can be formed of the change that will gradually and inevitably take place in all human life if a considerable number of people are convinced of the truths upon which studies such as those of yesterday are based. By steeping themselves in such truths, men's attitude to life will be quite different and life itself will change in consequence. This brings us to the very important question—and it is a question of conscience for those who enter the Anthroposophical Movement: What is it, in reality, that makes a man of the modern age into an anthroposophist?

[ 2 ] Nun ist ja sehr leicht ein Mißverständnis möglich, wenn man diese Frage in einer entsprechenden Weise zu beantworten versucht, denn es verwechseln ja heute noch sehr viele Persönlichkeiten, auch solche Persönlichkeiten, die zu uns gehören, die anthroposophische Bewegung mit irgendeiner äußeren Organisation. Nichts soll gesagt werden gegen eine solche äußere Organisation, die ja in gewisser Beziehung da sein muß, damit auf dem physischen Plane die Pflege der Anthroposophie möglich sei; aber wichtig ist es, sich klar darüber zu werden, daß zu einer solchen äußeren Organisation im Grunde genommen alle diejenigen Menschen gehören können, die in ernster, aufrichtiger Weise ein tieferes Interesse haben an den Fragen des Geisteslebens und die ihre Weltanschauung im Sinne einer solchen Bewegung des Geisteslebens vertiefen wollen. Damit ist schon gesagt, daß keinerlei Dogma, keinerlei positives Bekenntnis gefordert werden muß von denjenigen, welche sich einer so charakterisierten Organisation anschließen. Aber ein anderes ist es, einmal klipp und klar hinzuweisen auf dasjenige, was den modernen Menschen, den Menschen unserer Gegenwart, eigentlich zum Anthroposophen macht.

[ 2 ] Misunderstanding may easily arise when endeavours are made to answer this question, for even to-day many people—including those who belong to us—still confuse the Anthroposophical Movement with some form of external organisation. There is nothing to be said against an external organisation, which from a certain point of view must exist in order to make it possible for Anthroposophy to be cultivated on the physical plane; but it is important to realise that all human beings whose interest in questions of the spiritual life is earnest and sincere and who wish to deepen their world-view in accordance with the principles of this spiritual Movement, can belong to such an organisation. From this it is obvious that no dogmatic, positive declaration of belief can be demanded from those who attach themselves to such an organisation. But it is a different matter to speak quite precisely of what makes a man of the present age into an anthroposophist.

[ 3 ] Die gewöhnliche Überzeugung, daß man es zu tun habe mit einer geistigen Welt, sie ist gewiß der Anfang der anthroposophischen Überzeugung, und sie muß immer da betont werden, wo man die Anthroposophie hinausträgt in die Öffentlichkeit und von ihren Aufgaben, ihren Zielen, ihrer gegenwärtigen Mission gegenüber der Öffentlichkeit spricht. Aber innerhalb der eigentlichen anthroposophischen Kreise muß man sich doch klar werden, daß etwas viel Bestimmteres, viel Ausgesprocheneres als nur die Überzeugung von einer geistigen Welt den Anthroposophen ausmacht. Denn schließlich hat man diese Überzeugung von einer geistigen Welt immer gehabt in denjenigen Kreisen, die nicht geradezu materialistisch waren. Das, was den gegenwärtigen Menschen zum Anthroposophen macht, was im Grunde genommen noch nicht in der Theosophie zum Beispiel des Jakob Böhme oder eines anderen Theosophen der Vorzeit enthalten war, ist etwas, worauf die Kultur unseres Abendlandes mit aller Gewalt hingearbeitet hat; auf der einen Seite so, daß geradezu dieses Hinarbeiten zu einer charakteristischen Eigenschaft des Strebens vieler Menschen geworden ist. Und auf der anderen Seite steht dem gegenüber die Tatsache, daß dieses, was so eigenartig den Anthroposophen als solchen charakterisiert, heute noch von der äußeren Kultur, der äußeren menschlichen Bildung am allermeisten angefochten wird, als etwas Törichtes angesehen wird.

[ 3 ] The conviction that a spiritual world must be taken into account is, of course, the starting-point of anthroposophical conviction, and this must always be stressed when Anthroposophy is introduced to the public and reference made to its tasks, aims and present mission in life. But in anthroposophical circles themselves it must be realised that what makes the anthroposophist is something much more definite, much more decisive than the mere conviction of the existence of a spiritual world. After all, this conviction has always been held in circles that were not utterly materialistic. What constitutes a modern anthroposophist and, fundamentally speaking, was not contained in the theosophy of Jacob Boehme, for example, or of other earlier theosophists, is something towards which the efforts of our Western culture are strenuously directed—so much so, on the one side, that such efforts have become characteristic of the strivings of many human beings. But on the other side there is the fact that what particularly characterises the anthroposophist is still vehemently attacked by external culture and education, is still regarded as nonsense.

[ 4 ] Gewiß, wir lernen vieles durch die Anthroposophie kennen. Wir lernen kennen die Entwickelung der Menschheit, wir lernen kennen selbst die Entwickelung unserer Erde und unseres Planetensystems. Alle diese Dinge gehören zu den Grundlagen des anthroposophisch Strebenden. Aber das hier Gemeinte, besonders Bedeutsame für den Anthroposophen der Gegenwart ist das Erringen einer Überzeugung in bezug auf die Fragen von Reinkarnation und Karma. Und die Art und Weise, wie die Menschen sich aneignen werden diese Überzeugung von Reinkarnation und Karma, wie sie die Möglichkeit finden werden, den Gedanken von Reinkarnation und Karma in das allgemeine Leben überzuführen, das wird eben dieses moderne Leben von der Gegenwart in die Zukunft hinein im wesentlichen umgestalten. Es wird ganz neue Lebensformen, ein ganz neues menschliches Zusammenleben schaffen; ein solches Zusammenleben aber, wie es notwendig ist, wenn die Kultur der Menschheit nicht dem Niedergang verfallen soll, sondern wirklich aufwärtssteigen, vorwärtsgehen soll. Solche Erwägungen, solche inneren Seelenerlebnisse, wie sie gestern hervorgehoben worden sind, kann im Grunde genommen jeder moderne Mensch schon machen; und wenn er nur genügend Energie und Tatkraft hat, so wird er schon zu einer inneren Überzeugung der Wahrheit von Reinkarnation und Karma kommen. Demjenigen aber, was wahre Anthroposophie eigentlich wollen soll, dem steht gegenüber, man möchte sagen, der ganze äußere Grundcharakter unserer gegenwärtigen Zeit.

[ 4 ] We do, of course, learn many things through Anthroposophy. We learn about the evolution of humanity, even about the evolution of our earth and planetary system. All these things belong to the fundamentals required by one who desires to become an anthroposophist. But what is of particular importance for the modern anthroposophist is the gaining of conviction with regard to reincarnation and karma. The way in which men gain this conviction, how they succeed in spreading the thought of reincarnation and karma—it is this that from now onwards will essentially transform modern life, will create new forms of life, an entirely new social life, of the kind that is necessary if human culture is not to decline but rise to a higher level. Experiences in the life of soul such as were described yesterday are, fundamentally speaking, within the reach of every modern man, and if only he has sufficient energy and tenacity of purpose he will certainly become inwardly convinced of the truth of reincarnation and karma. But the whole character of our present age is pitted against what must be the aim of true Anthroposophy.

[ 5 ] Dieser Grundcharakter unserer gegenwärtigen Zeit, er drückt sich vielleicht in keiner Tatsache so radikal charakteristisch aus als darin, daß man immerhin ein mehr oder weniger großes Interesse an den Zentralfragen finden kann, die sich auf religiöse Dinge beziehen, die sich beziehen auf die Entwickelung des Menschen und der Welt; auch auf Karma und Reinkarnation. Man wird mit solchen Fragen auch noch, wenn sie sich erstrecken auf dasjenige, was die einzelnen positiven Lehren der einzelnen Religionsbekenntnisse sind — sagen wir in bezug auf die Natur des Buddha oder des Christus —, man wird mit der Besprechung solcher Fragen heute immerhin noch ein weites Interesse finden. Aber dieses Interesse wird wesentlich schwächer, läßt nach; läßt auch bei denjenigen, die sich heute Anthroposophen nennen, recht sehr nach, wenn davon gesprochen wird im einzelnen Konkreten, wie sich Anthroposophie einleben soll in alle Einzelheiten des äußeren Lebens. Es ist das ja im wesentlichen sehr begreiflich. Der Mensch steht im äußeren Leben drinnen, der eine hat diese, der andere jene Position in der Welt. Man möchte sagen, daß so, wie die Welt sich darlebt mit ihren heutigen Ordnungen, es sich fast ausnimmt wie ein großes Etablissement; der einzelne Mensch ist darin wie ein Triebrad. So fühlt er sich in dieser Welt mit seiner Arbeit, seinen Sorgen, mit dem, was ihn beschäftigt vom Morgen bis zum Abend, und er weiß nichts anderes, als daß er sich dieser äußeren Weltordnung zu fügen hat.

[ 5 ] Perhaps this fundamental character of our present age nowhere expresses itself so radically and typically as in the fact that considerable interest is shown in the central questions of religion, in the evolution of the world and of man, and even in karma and reincarnation. When such questions extend to the specific tenets of religions—concerning, let us say, the nature of the Buddha or of Christ—when such questions are discussed to-day, evidence of widespread interest will be apparent. But this interest peters out the moment we speak in concrete detail about how Anthroposophy must penetrate into every domain of external life. That interest dwindles is, after all, very understandable. Men have their places in external life, they hold various positions in the world. With all its organisations and institutions the modern world appears not unlike a vast emporium with the individual human being working in it as a wheel, or something of the kind. This indeed is what he feels himself to be, with his labour, his anxieties, his occupation from morning till evening, and he knows nothing beyond the fact that he is obliged to fit into this outer world-order.

[ 6 ] Daneben tritt dann die Frage auf, die für jede Seele da sein muß, die nur ein wenig aufzublicken vermag von dem, was der Alltag ihr gibt, die Frage nach dem Schicksal der Seele, nach dem Anfang und Ende des Seelenlebens, nach dem Zusammenhang mit den göttlich-geistigen Wesenheiten, nach den Kräften der Welt. Und zwischen dem, was dem Menschen der Alltag zu geben hat, worüber er Sorge hat und so weiter, und dem, was er auf dem Gebiete der Anthroposophie erhält, tritt ein tiefer Abgrund, eine weite Kluft auf. Und man möchte sagen: Für die meisten Menschen, und auch für die Anthroposophen der Gegenwart, ist dieses Zusammenstimmen ihrer anthroposophischen Überzeugung mit dem, was sie draußen im alltäglichen Leben tun und vorstellen, fast gar nicht vorhanden. Man braucht nur irgendeine konkrete Frage in der Öffentlichkeit aufzuwerfen und im geisteswissenschaftlichen, im anthroposophischen Sinn zu behandeln, so wird man gleich sehen, daß das Interesse, welches für die Behandlung allgemeiner religiöser und ähnlicher Fragen noch vorhanden war, für solche konkrete Fragen nicht da ist. Nun kann man ja nicht verlangen, daß Anthroposophie sich gleich unmittelbar einlebt, daß sie jeder schon in seinen Handgriffen zum Ausdruck bringt. Aber aufmerksam muß darauf gemacht werden, daß die anthroposophische Geisteswissenschaft die Mission hat, gerade alles dasjenige ins Leben einzuführen, dem Leben einzuverleiben, was aus einer Seele folgen muß, welche sich nach und nach die Überzeugung verschafft, daß die Ideen von Reinkarnation und Karma Realitäten sind. So könnte geradezu hingestellt werden als charakteristisches Kennzeichen des gegenwärtigen Anthroposophen, daß er auf dem Wege ist, sich eine begründete innere Überzeugung vom Walten der Idee von Reinkarnation und Karma anzueignen. Alles übrige, möchte man sagen, ergibt sich daraus dann schon von selber als unmittelbare Konsequenz, als Folgeerscheinung.

[ 6 ] Then, side by side with these conditions, arises the question that must exercise every soul who is able to look even a little beyond what everyday life offers: it is the question of the soul's destiny, of the beginning and end of the soul's life, its connection with divine-spiritual Beings and Powers holding sway in the universe. And between what everyday life with its cares and anxieties brings to man and what he receives in the domain of Anthroposophy yawns a deep abyss. It may be said that for most men of the present age there is almost no harmony between their convictions and what they do and think in their outer, everyday life. If some concrete question is raised in public and dealt with in the light of Spiritual Science or Anthroposophy, it will at once be evident that the interest which was still there in the case of general questions of religion and the like, no longer exists when it comes to matters of a really concrete kind. It cannot of course be expected that Anthroposophy will at once make its way into life, that everyone will immediately bring it to expression in whatever he is doing. But the world must be made to realise that it is the mission of Spiritual Science to introduce into life, to incorporate in life, everything that will emanate from a soul who has become convinced of the truth of the ideas of reincarnation and karma. And so the characteristic stamp of the modern anthroposophist may be said to be that he is on the way to acquiring a firmly based, inner conviction of the validity of the idea of reincarnation and karma. All the rest will then follow of itself.

[ 7 ] Das kann natürlich auch nicht so gehen, daß nun jeder etwa denkt, mit dem, was ich aus Reinkarnation und Karma gewinne, werde ich jetzt unmittelbar das äußere Leben anfassen. Das geht natürlich nicht, Aber Vorstellungen muß man davon gewinnen, wie Reinkarnation und Karma sich in das äußere Leben hineinfinden müssen, so daß sie zu dirigierenden Mächten des äußeren Lebens werden können.

[ 7 ] Naturally it will not do to think: Now, reinforced with the knowledge of reincarnation and karma, I shall at once be able to grapple with external life. That, of course, is not possible. The essential thing is to understand how the truths of reincarnation and karma can penetrate into external life in such a way that they become its guiding principles.

[ 8 ] Nehmen wir einmal die Idee des Karma, wie das Karma wirkt durch die verschiedenen Verkörperungen des Menschen hindurch. Da müssen wir, wenn ein Mensch hereintritt in die Welt, seine Fähigkeiten und Kräfte letzten Endes ansehen als das Ergebnis der Ursachen, die er selber in früheren Verkörperungen gelegthat. Wir müssen, wenn wir konsequent diese Idee durchführen, wirklich jeden Menschen als eine Art von innerem Rätsel behandeln, als etwas, aus dem sich herausarbeiten muß dasjenige, was in den dunklen Untergründen seiner früheren Inkarnationen schwebt. Nicht nur in der Erziehung, sondern im ganzen Leben wird ein ganz bedeutsamer Umschwung herbeigeführt, wenn Ernst gemacht wird mit einer solchen Idee vom Karma. Und es würde, wenn das eingesehen würde, dieIdee vom Karma aus einer bloß theoretischen Idee umgewandelt in etwas, was wirklich in das praktische Leben eingreifen muß, was wirklich eine praktische Sache des Lebens werden könnte.

[ 8 ] Now let us consider how karma works through the different incarnations. When a human being comes into the world, his powers and capacities must, after all, be regarded as the effects of causes he himself engendered in earlier incarnations. If this idea is led to its consistent conclusion, every human being must be treated as if he were a kind of enigma, as a being hovering in the dark foundations of his earlier incarnations. If this idea of karma is put earnestly into effect a significant change will be brought about, not in methods of education only but in the whole of life. If that were achieved, the idea of karma, instead of being merely an anthroposophical idea, would be transformed into something that takes hold of practical life itself, would become a really potent factor in life.

[ 9 ] Alles äußere Leben, so wie es sich uns heute darbietet, ist aber überall ein Bild eines solchen menschlichen Zusammenhanges, der geformt und gebildet worden ist mit Ausschluß, ja mit Verleugnung der Idee von Reinkarnation und Karma. Und gleichsam, als ob man verschütten wollte alle Möglichkeiten, daß die Menschen durch die eigene Seelenentwickelung darauf kommen könnten, daß es Reinkarnation und Karma gibt, so ist dieses äußere Leben heute eingerichtet. In der Tat, es gibt zum Beispiel nichts, was so sehr feindlich gesinnt ist einer wirklichen Überzeugung von Reinkarnation und Karma als der Grundsatz des Lebens, daß man für dasjenige, was man unmittelbar als Arbeit leistet, einen der Arbeit entsprechenden Lohn, der die Arbeit geradezu bezahlt, einheimsen müsse. Nicht wahr, eine solche Rede klingt sonderbar, recht sonderbar! Nun müssen Sie die Sache auch nicht so betrachten, als wenn die Anthroposophie nun gleich radikal die Grundsätze einer Lebenspraxis über den Haufen werfen und über Nacht eine neue Lebensordnung einführen wollte. Das kann nicht sein. Aber der Gedanke müßte den Menschen nahetreten, daß in der Tat in einer Weltordnung, in der man daran denkt, Lohn und Arbeit müßten sich unmittelbar entsprechen, in der man sozusagen durch seine Arbeit dasjenige verdienen muß, was zum Leben notwendig ist, niemals eine wirkliche Grundüberzeugung von Reinkarnation und Karma gedeihen kann. Selbstverständlich muß die bestehende Lebensordnung zunächst so bleiben, denn gerade der Anthroposoph muß einsehen, daß das, was besteht, wiederum durch die Karmaordnung hervorgerufen worden ist, und daß es in dieser Beziehung zu Recht und mit Notwendigkeit besteht. Aber er muß durchaus die Möglichkeit haben zu begreifen, daß sich wie ein neuer Keim innerhalb des Organismus unserer Weltordnung dasjenige entwickelt, was aus der Anerkennung der Idee von Reinkarnation und Karma folgen kann und muß.

[ 9 ] But all external life as it presents itself to-day is the picture of a social condition which, in its development, has excluded, has indeed refuted, the idea of reincarnation and karma. External life to-day is organised almost as if there were a deliberate desire to quash any possibility of men being able, through their own inner development, to discover the reality of reincarnation and karma. In point of fact there is, for example, nothing more hostile to a real conviction of reincarnation and karma than the principle that a man must be remunerated, must receive wages corresponding to his actual labour. To speak like this seems utterly eccentric! Do not, however, take this example to imply that Anthroposophy would wish to throw to the winds the principles of an established practice and to introduce a new social order overnight! That cannot be. But men must become alive to the thought that no fundamental conviction of reincarnation can ever flourish in a world-order in which it is held that there must be a direct correspondence between wages and labour, in which man is obliged, through the labour he performs, to obtain the necessities of life. Naturally the prevailing conditions must remain, to begin with, for it will be clear, above all to anthroposophists, that what exists is in turn the outcome of karmic law and in this sense is justified and inevitable. But it is absolutely essential for men to be able to realise that what can, nay must, ensue from recognition of the idea of reincarnation and karma, unfolds as a new seed in the organism of our world-order.

[ 10 ] Vor allen Dingen folgt aus der Idee des Karma, daß wir nicht durch einen Zufall — das geht gerade aus der gestrigen Betrachtung hervor, wie ich glaube — uns hereingestellt fühlen sollen in die Weltordnung, nicht durch Zufall uns hingestellt fühlen sollen auf den Posten, auf dem wir uns befinden im Leben, sondern daß diesem Hingestelltsein gleichsam eine Art von unterbewußtem Willensentschluß zugrunde liegt; daß wir gewissermaßen, bevor wir in dieses irdische Dasein getreten sind, in das wir uns herausgearbeitet haben aus der geistigen Welt zwischen Tod und Geburt, als Ergebnis unserer früheren Inkarnationen in der geistigen Welt den Willensentschluß gefaßt haben — den wir nur wieder vergessen haben, als wir uns in den Körper einlebten —, uns hinzustellen an den Platz, an dem wir stehen. So daß das Ergebnis eines vorgeburtlichen, vorirdischen eigenen Willensentschlusses uns an unseren Lebensplatz hinstellt und uns ausstattet gerade mit der Neigung für diejenigen Schicksalsschläge, die uns treffen. Wenn der Mensch dann zu der Überzeugung kommt von der Wahrheit des Karmagesetzes, kann es nicht ausbleiben, daß er in gewisser Beziehung beginnt, Neigung, ja vielleicht sogar Liebe zu haben für den Posten der Welt, auf den er sich gestellt hat, welcher Art dieser Posten auch sein mag.

[ 10 ] Above all it follows from the idea of karma that we should not feel ourselves to have been placed by chance into the world-order, into the positions in which we find ourselves in life; on the contrary, we should feel that a kind of subconscious decision of the will underlies it, that as the result of our earlier incarnations, before we passed into this earthly existence out of the spiritual world between death and a new birth, we resolved in the spiritual world—a resolve we merely forgot when we incarnated in the body—to occupy the very position in which we now find ourselves. Consequently it is the outcome of a pre-natal, pre-earthly decision of the will that we are assigned to our particular place in life and have the actual inclination to steer towards the blows of destiny that befall us. If a man then becomes convinced of the truth of the law of karma, he will inevitably begin to incline towards, even possibly to love, the position in the world in which he has placed himself—no matter what it may be.

[ 11 ] Nun können Sie allerdings sagen: Ja, du sprichst ganz merkwürdige Worte, sonderbare, merkwürdige Worte! Bei Dichtern, Schriftstellern, bei anderen geistig wirkenden Menschen mag dies ja gehen. Da hast du dann, wenn du zu diesen sprichst, gut predigen, daß sie Freude, Liebe, Hingebung haben sollen für den Posten, auf dem sie im Leben stehen. Aber wie ist es denn mit all denjenigen Menschen, welche auf Lebensposten stehen, die wahrhaftig zunächst nicht geeignet sind, mit ihrem Inhalt, ihren Tätigkeiten auf den Menschen sonderlich sympathisch zu wirken, die geeignet sind, in den Menschenseelen die Empfindung hervorzurufen, daß man zu den vernachlässigten, den vom Leben unterjochten Persönlichkeiten gehört? — Wer möchte leugnen, daß ein grosser Teil der gegenwärtigen Kulturbestrebungen darauf hinausgeht, fortwährend Verbesserungen in unser Leben einzuführen, die sozusagen Abhilfe schaffen können jenem Unzufriedensein mit einem so unsympathischen Hineingestelltsein in das Leben. Wie vielgestaltige Parteiungen, wie viele sektiererische Bestrebungen gibt es, die sozusagen das Leben nach allen Richtungen so verbessern wollen, daß auch in äußerlicher Beziehung eintreten könnte eine Art von Erträglichkeit des gesamten Erdenlebens der Menschheit.

[ 11 ] You may say: You are telling us very strange things. They may be all very well for poets or writers, or others engaged in spiritual pursuits. To such people you do well to preach that they should love, delight in, be devoted to, their particular positions in life. But what of all those human beings whose situations, in their very nature and with the labours they involve, cannot possibly be particularly welcome but will inevitably evoke the feeling of belonging to the neglected or oppressed?—Who would deny that a large proportion of the efforts made in modern civilisation aim at introducing into life continuous improvements which may help to get rid of the discontent at having been placed in such unpleasant situations? How numerous are the different institutions and sectarian endeavours to better life in all directions in order that even from the external aspect the earthly life of mankind might be bearable!

[ 12 ] Aber alle diese Bestrebungen rechnen nicht mit dem einen, damit nämlich, daß die Art von Unbefriedigtsein, die für viele Menschen gerade heute aus dem Leben fließen muß, in vielfacher Beziehung zusammenhängt mit dem ganzen Gang der Menschheitsentwickelung, daß im Grunde genommen durch die Art und Weise, wie sich die Menschen in der Vorzeit entwickelt haben, sie zu einem solchen Karma gekommen sind, und daß aus dem Zusammenwirken dieser verschiedenen Karmen der heutige Zustand der menschlichen Kulturentwickelung mit Notwendigkeit hervorgegangen ist. Und wenn wir diesen Zustand der Kultur charakterisieren wollen, müssen wir sagen, er erweist sich im höchsten Grade als kompliziert. Wir müssen auch sagen, daß das, was der Mensch tut, was er ausführt, immer weniger zusammenhängt mit dem, was der Mensch liebt. Und wenn man heute die Menschen abzählen würde, die eine von ihnen ungeliebte Betätigung in ihrer äußeren Lebensposition vollbringen müssen, ihre Zahl würde wahrhaftig weit größer sein als die Zahl derjenigen, die sich dazu bekennen: Ich kann nicht anders sagen, als daß ich meine äußere Betätigung liebe, daß sie mich glücklich und zufrieden macht!

[ 12 ] None of these endeavours reckon with the fact that the kind of discontent inevitably brought by life to numbers of people to-day is connected in many respects with the whole course taken by the evolution of humanity, that fundamentally speaking, the way in which men developed in past ages led to karma of this kind, and that out of the combined working of these different karmas the present state of human civilisation has proceeded. In characterising this state of civilisation we can only say that it is complex in the highest degree. It must also be said that the connection between what man does, what he carries out, and what he loves, is weakening all the time. And if we were to count those people who in their positions in external life to-day are obliged to engage in some activity that goes much against the grain, their number would by far exceed the number of those who affirm: I can only say that I love my external occupation, that it brings me happiness and contentment.

[ 13 ] Erst vor kurzem hörte ich, wie ein Mensch zu einer befreundeten Persönlichkeit merkwürdige Worte sprach. Er meinte: Überblicke ich mein Leben mit allen Einzelheiten, so muß ich sagen, wenn ich dieses Leben im gegenwärtigen Augenblicke wiederum von Kindheit an beginnen sollte und es gerade so durchleben könnte, wie ich es haben möchte, ich würde das gleiche wiederum tun, was ich bis jetzt getan habe. — Da antwortete die befreundete Persönlichkeit: Dann gehören Sie zu den Menschen, die in der Gegenwart am wenigsten zu finden sind. — Wahrscheinlich hat diese Persönlichkeit in bezug auf die meisten Menschen der Gegenwart recht. Es gibt nicht viele Zeitgenossen, die den Ausspruch fällen, sie würden, wenn es auf sie ankäme, das Leben mit all dem, was es an Freude, an Schmerz, an Schicksalsschlägen, an Hemmnissen gebracht hat, sogleich wiederum beginnen und wären ganz zufrieden, wenn es ihnen wiederum genau dasselbe bieten würde. Man kann nicht sagen, daß diese Tatsache, die angeführt worden ist, nämlich daß es so wenig Menschen gibt in der Gegenwart, die sozusagen ihr gegenwärtiges Karma wiederum aufnehmen würden mit allen Einzelheiten, nicht zusammenhänge mit alledem, was der heutige Kulturzustand der Menschheit gebracht hat. Unser Leben ist komplizierter geworden, aber es ist so geworden, wie es ist, durch die verschiedenartigen Karmen der einzelnen heute auf der Erde lebenden Persönlichkeiten. Das ist ganz zweifellos. Für denjenigen, der nur ein wenig hineinsieht in den Gang der Menschheitsentwickelung, liegt die Sache gar nicht so, daß wir etwa in der Zukunft einem Leben entgegengehen könnten, das weniger kompliziert wäre. Im Gegenteil, das Leben wird immer komplizierter und komplizierter werden! Das äußere Leben wird immer komplizierter, und wenn in Zukunft noch so viele Tätigkeiten dem Menschen abgenommen werden durch die Maschinen: Leben, welche die Menschen in dieser physischen Inkarnation beseligen, wird es in sehr geringem Umfang geben können, wenn nicht ganz andere Verhältnisse eintreten als jene, die sich wirksam erweisen in unserer Kultur. Und diese anderen Verhältnisse müssen die sein, die sich ergeben aus dem Durchdrungensein der Menschenseele mit der Wahrheit von Reinkarnation und Karma.

[ 13 ] Only recently I heard of a strange statement made by someone to a friend. He said: ‘When I look back over my life in all its details I confess that if I had to live through it again from childhood to the present moment, I should do exactly the same things I have done up to now.’—The friend replied: ‘Then you are one of those most rarely to be found at the present time!’—The friend was probably right, as far as most men of the modern age are concerned. Not many of our contemporaries would assert that, if it depended on them, they would without hesitation begin life all over again, together with everything it has brought in the way of happiness, sorrow, blows of fate, obstacles, and would be quite content if everything were exactly the same again. It cannot be said that the fact just mentioned—namely that there are so few people nowadays who would be willing to recapitulate the karma of their present life together with all its details—it cannot be said that this is unconnected with what the prevailing cultural state of humanity has brought in its train. Our life has become more complex but it has been made so by the different karmas of the personalities living on the earth to-day. Of that there can be no doubt at all. Nor will those who have the slightest insight into the course taken by human evolution be able to speak of any possibility of a less complicated life in the future. On the contrary, the complexity of external life will steadily increase and however many activities are taken over from man in the future by machines, there can be very few lives of happiness in this present incarnation unless conditions quite different from those now prevailing are brought about. And these different conditions must be the result of the human soul being convinced of the truth of reincarnation and karma.

[ 14 ] Durch diese Wahrheit wird man erkennen, daß mit der Komplikation der äußeren Kultur etwas noch ganz anderes parallel gehen wird. Was wird notwendig sein, damit die Menschen immer mehr und mehr durchdrungen werden von der Wahrheit von Reinkarnation und Karma? Was wird notwendig sein, damit der Begriff von Reinkarnation und Karma, wie es durchaus sein muß, wenn unsere Kultur nicht einen Niedergang erfahren soll, in verhältnismäßig ganz kurzer Zeit so in unsere Schulbildung hineinwirkt, daß er die Menschen schon in ihrer Kindheit ergreift, wie heute die Überzeugung von der Richtigkeit des kopernikanischen Weltsystems schon das Kind ergreift?

[ 14 ] From this it will be realised that something quite different must run parallel with the complexity of external civilisation. What is it that will be necessary to ensure that men become more and more deeply permeated with the truth of reincarnation and karma? What will be necessary in order that the concept of reincarnation and karma may comparatively soon instil itself into our education, take hold of human beings even in childhood, in the way that children now are convinced of the truth of the Copernican theory of the universe?

[ 15 ] Was war notwendig, damit das kopernikanische Weltsystem die Seelen ergriffen hat? — Mit diesem kopernikanischen Weltsystem ist es eine ganz eigentümliche Sache. Ich will nicht über das kopernikanische Weltsystem sprechen, sondern nur über sein In-die-Welt-Treten. Bedenken Sie doch nur einmal, daß dieses kopernikanische Weltsystem ausgedacht worden ist von einem christlichen Domherrn, und daß Kopernikus so über dieses Weltsystem denken konnte, daß er sein Werk, in dem er dieses Weltsystem ausgebaut hatte, dem Papst gewidmet hat. Er konnte glauben, daß es ganz im Sinne des Christentums sei, was er ausgedacht hatte. Gab es damals einen Beweis für den Kopernikanismus? Konnte jemand das beweisen, was Kopernikus ausgedacht hatte? Niemand konnte den Kopernikanismus beweisen. Und dennoch, bedenken Sie die Schnelligkeit, mit der er eingezogen ist in die Menschheit! Seit wann kann man ihn erst beweisen? Einigermaßen sicher erst, soweit er richtig ist, seit den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, erst seit dem Foucaultschen Pendelversuch. Es gab früher keinen Beweis dafür, daß die Erde sich dreht. Es ist ein Unsinn, wenn behauptet wird, daß Kopernikus alles das, was er als Hypothese aufgestellt und eingesehen hat, auch hat beweisen können; das gilt auch hinsichtlich der Behauptung, daß die Erde sich um ihre Achse dreht.

[ 15 ] What was it that enabled the Copernican theory of the universe to lay hold of men's minds? This Copernican world-system has had a peculiar destiny. I am not going to speak about the theory itself but only about its entry into the world. Remember that this world-system was thought out by a Christian dignitary and that Copernicus's own conception of it was such that he felt it permissible to dedicate to the pope the work in which he elaborated his hypothesis. He believed that his conclusions were entirely in keeping with Christianity.1Nicholas Copernicus (1473–1543) became a Church dignitary in Frauenburg. His celebrated astronomical work, De revolutionibus orbiurn coelestium, had been dedicated to Pope Paul III, but was not printed until 1543, in Nurnberg. Although protected, to begin with, by the dedication to the Pope, in 1615 it was put on the Index of books forbidden to Catholics, remaining there until 1822, when the ban was officially lifted by the Vatican on works dealing with the earth's motion and the fixed position of the sun. Was any proof of the truth of Copernicanism available at that time? Could anyone have demonstrated the truth of its conclusions? Nobody could have done so. Yet think of the rapidity with which it made its way into humanity. Since when has proof been available? To the extent to which it is correct, only since the fifties of the 19th century, only since Foucault's experiment with the pendulum.2In 1851, at the Pantheon in Paris, Leon Foucault demonstrated the diurnal motion of the earth by the rotation of the plane of oscillation of a freely suspended, long and heavy pendulum, and again the following year by means of his invention the gyroscope. Before then there was no proof that the earth rotates. It is nonsense to state that Copernicus was also able to prove what he had presented and investigated as an hypothesis; this also holds good of the statement that the earth rotates on its axis.

[ 16 ] Erst seit man darauf gekommen ist, daß das schwingende Polpendel das Bestreben hat, seine Schwingungsebene auch gegenüber der Umdrehung der Erde beizubehalten, und daß, wenn man ein langes Pendel schwingen läßt, sich dessen Schwingungsrichtung in bezug auf die Erdoberfläche dreht, konnte man den Schluß ziehen: es muß sich die Erde unter dem Pendel weggedreht haben. Dieser Versuch, der eigentlich erst ein wirklicher Beweis dafür ist, daß die Erde sich bewegt, der wurde erst im 19. Jahrhundert gemacht. Früher gab es keine Möglichkeit, den Kopernikanismus als etwas anderes denn als eine Hypothese anzusehen. Dennoch hat er so gewirkt auf die Natur der menschlichen Seele der neueren Zeit, daß, während Kopernikus zwar geglaubt hat, daß er sein Werk dem Papst widmen dürfe, es bis zum Jahre 1822 auf dem Index stand. Erst im Jahre 1822 wurde das Werk, auf dem der Kopernikanismus aufgebaut ist, abgesetzt vom Index. Es wurde also abgesetzt, bevor es einen richtigen Beweis für die Anschauung des Kopernikus gab. Die Kraft des Impulses, mit dem sich das kopernikanische Weltsystem in die menschliche Seele einlebte, dieser Kopernikanismus selbst zwang die Kirche, ihn als etwas anzuerkennen, was nicht etwas Ketzerisches ist.

[ 16 ] Only since it was discovered that a swinging pendulum has the tendency to maintain the plane of its oscillation even in opposition to the rotation of the earth and that if a long pendulum is allowed to swing, then the direction of oscillation rotates in relation to the earth's surface, could the conclusion be drawn: it is the earth beneath the pendulum which must have rotated. This experiment, which afforded the first actual proof that the earth moves, was not made until the 19th century. Earlier than that there was no wholly satisfactory possibility of regarding Copernicanism as being anything more than an hypothesis. Nevertheless its effect upon the human mind in the modern age was so great that until the year 1822 his book was on the Index, in spite of the fact that Copernicus had believed it permissible to dedicate it to the Pope. Not until the year 1822 was the book on which Copernicanism was based, removed from the Index—before, therefore, any real proof of its correctness was available. The power of the impulse with which the Copernican theory of the universe instilled itself into the human mind finally compelled the Church to recognise it as non-heretical.

[ 17 ] Es ist mir immer im tiefsten Sinne charakteristisch erschienen, daß mir diese Erkenntnis von der Erdbewegung, als ich ein kleiner Bub war, in der Schule zuerst von einem Pfarrer, nicht von einem Lehrer vorgetragen worden ist. Und wer will daran zweifeln, daß der Kopernikanismus sich eingenistet hat, daß er sich bis in das Kindergemüt eingenistet hat? — Wir wollen aber jetzt nicht von seinen Wahrheiten und seinen Irrtümern sprechen.

[ 17 ] I have always considered it deeply symptomatic that this knowledge of the earth's motion was first imparted to me as a boy at school, not by an ordinary teacher, but by a priest.3This was Franz Maraz, the priest at Neudorll, near Wiener Neustadt. Maraz was a Hungarian, later Canon at Oedenburg, and held high offices.
In his autobiography, The Course of my Life, Rudolf Steiner says of him: “The image of this man was deeply engraved in my soul and throughout my life he has come again and again into my memory.”
—Who can possibly doubt that Copernicanism has taken firm root, even in the minds of children?—I am not speaking now of its truths and its errors.

[ 18 ] So muß sich einnisten — aber dazu hat die Menschheit nicht so lange Zeit wie zur Aufnahme des Kopernikanismus —, wenn nicht die Menschheitskultur einen Niedergang erfahren will, die Wahrheit von Reinkarnation und Karma. Und jene, die sich heute Anthroposophen nennen, sind dazu berufen, das ihrige zu tun, daß die Wahrheit von Reinkarnation und Karma sich bis in das Kindergemüt hinein ergießt. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß jetzt jene Anthroposophen, die Kinder haben, nun ihren Kindern dieses als ein Dogma beibringen. Einsicht in diese Dinge muß man haben.

[ 18 ] If culture is not to fall into decline, the truths of reincarnation and karma must take equally firm root—but the time that humanity has at its disposal for this is not as long as it was in the case of Copernicanism. And it is incumbent upon those who call themselves anthroposophists to-day to play their part in ensuring that the truths of reincarnation and karma shall flow even into the minds of the young. This of course does not mean that anthroposophists who have children should inculcate this into them as a dogma. Insight is what is needed.

[ 19 ] Ich habe nicht umsonst den Kopernikanismus angeführt. An dem, was dem Kopernikanismus seinen Erfolg gebracht hat, können wir lernen, was dem Reinkarnations- und dem Karmagedanken seine Kulturerfolge bringen kann. Was gehörte denn dazu, daß der Kopernikanismus sich so schnell verbreitete? — Ich werde jetzt etwas furchtbar Ketzerisches aussprechen, etwas geradezu Greuliches für den modernen Menschen. Aber es handelt sich eben darum, daß Anthroposophie von den Anthroposophen ebenso ernst und bedeutsam aufgefaßt werde, wie einmal das Christentum bei seinem ersten Entstehen von den ersten Christen aufgefaßt worden ist, die sich auch in Gegensatz gebracht haben zu dem, was da war. Wenn Anthroposophie nicht so ernst genommen wird von ihren Bekennern, so kann sie nicht für die Menschheit leisten, was geleistet werden muß.

[ 19 ] I have not spoken of Copernicanism without reason. From the success of Copernicanism we can learn what will ensure the spread of the ideas of reincarnation and karma. What, then, were the factors responsible for the rapid spread of Copernicanism?—I shall now be saying something terribly heretical, something that will seem quite atrocious to the modern mind. But what matters is that Anthroposophy shall be taken as earnestly and as profoundly as Christianity was taken by the first Christians, who also arrayed themselves against the conditions then prevailing. If Anthroposophy is not taken with equal seriousness by those who profess to be its adherents, it cannot achieve for humanity what must be achieved.

[ 20 ] Also ich muß etwas Greuliches sagen, und das besteht darin: Der Kopernikanismus, dasjenige, was die Menschen heute lernen als kopernikanisches Weltsystem, dem wahrhaftig nicht sein großes Verdienst und damit seine Bedeutung als Kulturtatsache allerersten Ranges abgesprochen werden soll, konnte sich einnisten in die menschliche Seele dadurch, daß man ein oberflächlicher Mensch sein konnte, um ein Anhänger dieses Systems zu sein. Oberflächlichkeit und Äußerlichkeit gehörten dazu, um sich vom Kopernikanismus schneller zu überzeugen. Damit ist nicht gesagt, daß die Bedeutung des Kopernikus für die Menschheit herabgemindert werden soll. Nein; aber gesagt kann werden, daß man kein sehr tiefer Mensch sein muß, daß man sich nicht verinnerlichen, sondern geradezu sich veräußerlichen muß, um Anhänger des Kopernikanismus zu sein. Und wahrhaftig, es hat ein hoher Grad von Veräußerlichung des menschlichen Gemüts dazu gehört, daß die Menschen solche Sätze finden konnten wie die trivialen, die man in modernen, monistischen Büchern findet, wo man mit einer gewissen Begeisterung sagt: Die Erde, so wie die Menschen sie bewohnen, ist ein Staubkorn im Weltenall den anderen Welten gegenüber. — Das ist eine triviale Tirade, aus dem einfachen Grunde, weil dieses Staubkorn mit allen Einzelheiten die Menschen auf der Erde angeht, und die anderen Dinge, die im Weltall ausgebreitet sind und mit denen die Erde verglichen werden soll, gehen den Menschen wenig an. Ganz veräußerlichen mußte sich die Menschheitsentwickelung, um sozusagen schnell tähig zu werden, den Kopernikanismus anzunehmen.

[ 20 ] I have now to say something quite atrocious, and it is this.—Copernicanism, what men learn to-day as the Copernican theory of the universe—the great merits of which and therewith its significance as a cultural factor of the very first order are truly not disputed—this theory was able to take root in the human soul because to be a believer in this world-system it is possible to be a superficial thinker. Superficiality and externality contribute to a more rapid conviction of Copernicanism. This is not to minimise its significance for humanity. But it can truly be said that a man need not be very profound, need not deepen himself inwardly, before accepting Copernicanism; he must far rather externalise his thinking. And indeed a high degree of externalisation has been responsible for trivial utterances such as those to be found in modern monistic books, where it is said, actually with a touch of fervour: Compared with other worlds, the earth, as man's habitation, is a speck of dust in the universe.4cp. Herbert Spencer (1820–1903). 66 This is a futile statement for the simple reason that this ‘speck of dust,’ with all that belongs to it, is a vital concern of man in terrestrial existence, and the other worlds in the universe with which the earth is compared are of less importance to him. The evolution of humanity was obliged to become completely externalised to be quickly capable of accepting Copernicanism.

[ 21 ] Was aber muß die Menschheit tun, um sich die Lehre von Reinkarnation und Karma anzueignen? — Erfolg muß diese Lehre viel schneller haben, wenn die Menschheit nicht ihrem Niedergang entgegengehen soll. Aber was ist notwendig, damit sie sich einnistet in das Kindergemüt?

[ 21 ] But what must men do in order to assimilate the teaching of reincarnation and karma?—This teaching must meet with far more rapid success if humanity is not to fall into decline. What is it that is necessary to enable it to take footing, even in the minds of children?

[ 22 ] Veräußerlichung war für den Kopernikanismus notwendig, Verinnerlichung ist notwendig, um sich einzuleben in die Wahrheiten von Reinkarnation und Karma; ein Ernst-nehmen-Können solcher Dinge, wie wir sie gestern besprochen haben, ein Eingehen-Können auf innerliche Seelenerfahrungen, auf Intimitäten des Gemütes, auf solche Dinge, die jede Seele in den tiefen inneren Untergründen des eigenen Wesenskernes erleben muß. Was aus dem Kopernikanismus für die gegenwärtige Kultur erfolgt ist, wird heute überall, in allen populären Mitteilungen dargelegt, und man sieht einen ganz besonderen Erfolg darin, daß man dieses alles auch im Bilde, womöglich in kinematographischen Aufnahmen, den Menschen darbieten kann. Schon das charakterisiert die ungeheure Veräußerlichung dieser Kultur.

[ 22 ] Externalisation was necessary for the acceptance of Copernicanism; inner deepening is necessary for realising the truths of reincarnation and karma, the capacity to take in earnest such things as were spoken of yesterday, to penetrate into intimate matters of the life of soul, into things that every soul must experience in the deep foundations of its own core of being. The results and consequences of Copernicanism in present-day culture are paraded everywhere nowadays, in every popular publication, and the fact that all these things can be presented in pictures, even, whenever possible, in cinematographs, is regarded as a very special triumph. This already characterises the tremendous externalisation of our cultural life.

[ 23 ] Man wird wenig zeigen können in Bildern, wird wenig mitteilen können über die Intimitäten jener Wahrheiten, die sich zusammenfassen in den Worten Reinkarnation und Karma. In der Ausbildung und Verinnerlichung solcher Dinge, wie sie gestern ausgesprochen worden sind, liegt es, wie die Menschen darauf kommen werden, daß die Überzeugung von Reinkarnation und Karma begründet ist. So wird der Gegenpol notwendig sein, damit sich die Ideen von Reinkarnation und Karma einleben in die Menschheit, das Gegenteil von dem, was geradezu gang und gäbe ist in der gegenwärtigen äußeren Kultur. Daher muß so darauf gedrungen werden, daß diese Verinnerlichung auch wirklich auf anthroposophischem Felde stattfindet. Wenn es auch zwar nicht geleugnet werden soll, daß gewisse schematische Darstellungen für die Erfassung von Grundwahrheiten durch den Verstand nützlich sein können, so muß doch gesagt werden: Das Wichtigste auf anthroposophischem Felde ist die Hinlenkung auf die in der Tiefe der Seele wirksamen Gesetze, auf dasjenige, was unter den Kräften der Seele in ähnlicher Art innerlich wirkt, wie die äußeren physischen Gesetze draußen in Zeit- und Raumeswelten wirken.

[ 23 ] Little can be shown in pictures, little can be actually communicated about the intimacies of the truths embraced in the words ‘reincarnation’ and ‘karma.’ To realise that the conviction of reincarnation and karma is well-founded depends upon a deepened understanding of such things as were said in the lecture yesterday. And so the very opposite of what is habitual in the external culture of to-day is necessary if the idea of reincarnation and karma is to take root in humanity. That is why such insistence is laid upon this deepening—in the domain of Anthroposophy too. Although it cannot be denied that certain schematic presentations may be useful for an intellectual grasp of fundamental truths, it must nevertheless be realised that what is of primary importance in Anthroposophy is to turn our attention to the laws operating in the depths of the soul, to what is at work inwardly, beneath the forces of the soul, as the outer, physical laws are at work in the worlds of time and space.

[ 24 ] Aber auch von diesen einzelnen Karmagesetzen verstehen die Menschen im Grunde genommen heute noch sehr wenig. Das können wir sozusagen ablesen an Dingen, welche heute immer und immer wiederum von der äußeren Kultur wiederholt werden. Wer würde heute nicht als ein in der äußeren Kultur aufgeklärter Mensch denken, die Menschheit sei hinausgekommen über das Kindheitsstadium, in dem sie geglaubt hat, und die Menschheit sei eingetreten in das Mannesalter, wo sie wissen kann. Solche Reden werden immer wieder und wiederum vordeklamiert, und vieles geht von solchem aus, was die Menschen draußen betört, was aber die Anthroposophen nimmermehr betören sollte, Redensarten wie jene, daß das Wissen den Glauben ablösen müsse.

[ 24 ] There is very little understanding to-day of the laws of karma. Is there anyone who as an enlightened man in the sense of modern culture, would not maintain that humanity has outgrown the stage of childhood, the stage of faith and has reached the stage of manhood where knowledge can take the place of faith? Such utterances are to be heard perpetually and give rise to a great deal that deludes people in the outside world but should never delude anthroposophists—utterances to the effect that faith must be replaced by knowledge.

[ 25 ] Aber alle diese Tiraden von Glauben und Wissen rechnen nicht mit solchen Dingen, die man karmische Zusammenhänge nennen kann im Leben. Wenn derjenige, der imstande ist, okkulte Forschungen anzustellen bei besonders gläubigen, hingebungsvoll gläubigen Naturen der Gegenwart, wenn der Umschau hält und sich fragt: Warum ist dieser oder jener Mensch eine besonders gläubige Persönlichkeit? Warum ist die Inbrunst des Glaubens, der Enthusiasmus, warum ist in diesem oder jenem Menschen geradezu ein Genie für religiöse Andacht, für Hinordnung der Gedanken nach der übersinnlichen Welt? — wenn man sich diese Fragen stellt, dann bekommt man eine merkwürdige Antwort. Geht man zurück bei solchen gläubigen Naturen, bei denen vielleicht der Glaube als wichtige Tatsache ihres Lebens sogar erst im späteren Lebensalter auftritt, zu früheren Inkarnationen, so findet man die merkwürdige Tatsache, daß dies Individualitäten sind, die in früheren, in vorhergehenden Inkarnationen Wissende waren. Das Wissen ihrer vorhergehenden Inkarnation, das rationelle Element der Vernunft der früheren Inkarnation hat sich gerade in das Glaubenselement der gegenwärtigen Inkarnation verwandelt. Da haben wir eine jener merkwürdigen karmischen Tatsachen, die sich neben eine andere Tatsache so sonderbar hinstellt: Wenn man nun herantritt an Menschen, die als besonders materialistische Menschen nicht mehr glauben, sondern nur wissen wollen — verzeihen Sie, wenn ich etwas sage, was zwar keinen der Hiersitzenden, wohl aber manchen der Draußenstehenden schokkieren würde, die nur auf das schwören, nur das anzunehmen erklären, was die Sinne und der an das Gehirn beschränkte Verstand darbieten —, so findet man — es ist eine ganze Rätseltatsache — Stumpfsinn in der vorhergehenden Inkarnation. So daß wirkliche Untersuchung der verschiedenen Inkarnationen dieses sonderbare Ergebnis liefert, daß gerade enthusiastische Glaubensnaturen, die nicht fanatisch sind, sondern innerlich feststehen in der Hinordnung ihres Wesens zu den höheren Welten, diesen Glauben der Gegenwart aufbauten auf einem Wissen, das sie sich erworben haben in vorhergehenden Inkarnationen, während man sich das Wissen auf materialistischer Grundlage durch Stumpfheit gegenüber den Weltanschauungen in früheren Inkarnationen erworben hat.

[ 25 ] But none of these tirades on the subject of faith and knowledge take into consideration what may be called karmic relationships in life. One who is capable of spiritual-scientific investigation and observes particularly pious, devotional natures among people of the present time, will ask himself: Why is this or that person so pious, so devout? Why is there in him the fervour of faith, the enthusiasm, a veritable genius for religious devoutness, for directing his thoughts to the super-sensible world?—If the investigator asks these questions he will find a remarkable answer to them. If in the case of these devout people in whom faith did not, perhaps, become an important factor in their lives until a comparatively advanced age, we go back to earlier incarnations, the strange fact is discovered that in preceding incarnations these individualities were men of learning, men of knowledge. The scholarship, the element of intelligence in their earlier incarnations has been transformed, in the present incarnation, into the element of faith. There we have one of those strange facts of karma. Forgive me if I now say something that nobody sitting here will take amiss but would shock many in the outside world who swear by and are willing to accept only what is presented by the senses and the intellect that is dependent on the brain. In people who because of strongly materialistic tendencies no longer desire to have faith, but knowledge only, we find—and this is a very enigmatic fact—dull-wittedness, obtuseness, in the preceding incarnation. Genuine investigation of the different incarnations, therefore, yields this strange result, that ardently devout natures, people who are not fanatic but inwardly steadfast in their devotion to the higher worlds, developed the quality of faith they now possess on the foundation of knowledge gained in earlier incarnations; whereas knowledge founded on materialism is the outcome of obtuseness to views of the world in earlier incarnations.

[ 26 ] Bedenken Sie, wie die ganze Anschauung des Lebens sich ändert, wenn man so den Blick hinausrichtet von dem, was man in der unmittelbaren Gegenwart erlebt, zu dem, was die menschliche Individualität in ihrem Durchgang durch die verschiedenen Inkarnationen erlebt!

[ 26 ] Think how the whole conception of life changes if the gaze is widened from the immediate present to what the human individuality experiences through the different incarnations!

[ 27 ] Da nimmt sich manches, worauf der Mensch in der gegenwärtigen Inkarnation stolz ist, sonderbar aus, wenn man es in dem Zusammenhang betrachtet, in der Art, wie es erworben worden ist in der vorhergehenden Inkarnation. Wenn man es vom Standpunkt der Reinkarnation betrachtet, erscheint manches nicht so unglaublich. Man braucht am Menschen nur ins Auge zu fassen, wie er unter dem Einfluß dieser inneren Seelenkräfte in einer Inkarnation sich entwickelt. Man braucht nur die Seelenkraft des Glaubens zu betrachten, die Seelenkraft, die der Mensch haben kann im Glauben an etwas, was sich als Übersinnliches hinaushebt über die gewöhnlichen Sinneserscheinungen. Es mag ein moderner materialistischer Monist sich noch so sehr dagegen stemmen, er mag sagen: Nur das Wissen gilt, der Glaube hat kein sicheres Fundament —, ihm gegenüber gilt eine andere Tatsache, die Tatsache, daß gerade das Seelenverhältnis des Glaubens belebend wirkt auf unseren Astralleib, während die Ungläubigkeit, das Nicht-glauben-Können den Astralleib ausdörrt, ihn vertrocknen läßt. Wie die Nahrung auf den physischen Leib, so wirkt der Glaube auf den Astralleib. Und ist es nicht von Wichtigkeit, einzusehen, was der Glaube für den Menschen, für sein Heil, für seine Seelengesundheit und — weil diese auch das Wirksame für die körperliche Gesundheit ist — für diesen Körper wirkt? Ist es nicht sonderbar, wenn man auf der einen Seite den Glauben abschaffen und dem Wissen Platz machen will, und wenn auf der anderen Seite das gilt, daß ein Mensch, der nicht glauben kann, einen ausgetrockneten, verdorrten Astralleib bekommen muß? Wenn das wirklich ins Auge gefaßt werden soll, so kann das geschehen, wenn man nur das eine Leben betrachtet. Denn, zu erkennen, daß ein glaubensloser Mensch einen ausgetrockneten Astralleib bekommt, dazu braucht man nicht aufeinanderfolgende Inkarnationen zu überblicken, es genügt, den Menschen in einer Inkarnation zu überblicken. Wir können also sagen: Glaubenslosigkeit verdorrt unseren Astralleib, wir machen uns arm durch Glaubenslosigkeit; in der nachfolgenden Inkarnation trocknen wir unsere Individualität aus. Wir werden durch die Glaubenslosigkeit stumpf für die nächste Inkarnation und unfähig, ein Wissen zu erwerben. Es ist eine eitle, trockene, nüchterne Logik, wenn man Wissen in Gegensatz bringt zum Glauben. Für denjenigen, der in die Dinge hineinsieht, haben all die Trivialitäten, die über Glauben und Wissen vorgebracht werden, ungefähr die Bedeutung, die eine Diskussion hätte zwischen zwei Menschen, von denen der eine behauptete, bis jetzt hätten für die menschliche Fortentwickelung größere Bedeutung die Männer gehabt, der andere sagen würde, die Frauen. Im Kindheitszeitalter der Menschheit habe also das eine Geschlecht Bedeutung gehabt, jetzt aber das andere, Für den Kenner der geistigen Tatsachen ist es klar: So wie im äußeren physischen Leben sich die beiden Geschlechter verhalten, so verhalten sich Glauben und Wissen. Das müssen wir als scharfe und bedeutsame Tatsache ins Auge fassen, und wir sehen damit richtig. Bis so weit geht der Parallelismus, daß wir sagen können: Wie ein Mensch — wir haben das öfters betont — in den aufeinanderfolgenden Inkarnationen das Geschlecht wechselt, so daß er in der Regel abwechselnd Mann und Weib ist, so folgt in der Regel auf eine mehr gläubige eine mehr vernunftmäßige Inkarnation, dann wieder eine mehr gläubige und so weiter. Ausnahmen gibt es ja, so daß auch mehrere männliche oder weibliche Inkarnationen aufeinander folgen können. Aber die Dinge stehen in der Regel durchaus in gegenseitiger Befruchtung und Ergänzung.

[ 27 ] Many a quality upon which man prides himself in the present incarnation assumes a strange aspect when considered in the setting of how it was acquired in the preceding incarnation. Viewed in the light of reincarnation, many things will seem less incredible. We need think only of how, with these inner forces of soul, a man develops in one incarnation; we need observe only the power of faith in the soul, the power of soul that may inhere in faith and belief in something that as super-sensible reality transcends the phenomena of ordinary sense-perception. A materialistic monist may strongly oppose this, insisting that knowledge alone is valid, that faith has no sure foundation—but against this there is another fact, namely that the power of faith in the soul has a life-giving effect upon the astral body, whereas absence of faith, scepticism, parches and dries it up. Faith works upon the astral body as nourishment works upon the physical body. And is it not important to realise what faith does for man, for his well-being, for his healthiness of soul, and—because this is also the determining factor for physical health—for his body too? Is it not strange that on the one side there should be the desire to abolish faith, while on the other side a man who is incapable of faith is bound to have a barren, withered astral body? Even by observing the one life only this can be recognised. It is not necessary to survey a series of incarnations, for it can be recognised in the one. We can therefore say: Lack of faith, scepticism, dries up our astral body; if we lack faith we impoverish ourselves and in the following incarnation our individuality is drained dry. Lack of faith makes us obtuse in the next incarnation, incapable of acquiring knowledge. To contrast knowledge with faith is the outcome of worldly, jejune logic. For those who have insight into these things, all the palaver about faith and knowledge has about as much sense as there would be in a discussion where one speaker declares that up to now human progress has depended more upon men, while the other maintains that women have played the more important part. In the stage of childhood, therefore, the one sex is held to be more important, but at the present stage, the other! For those who are cognisant of the spiritual facts it is clear that faith and knowledge are related to each other as the two sexes are related in outer, physical life. This must be borne in mind as a trenchant and significant fact—and then we shall be able to see the matter in its true light. The parallelism goes so far that it may be said: Just as the sex usually alternates in the successive incarnations, so, as a rule, an incarnation with a more intellectual trend follows one more inclined towards faith, then again towards intellectuality, and so forth. There are, of course, exceptions—there may be several consecutive male or female incarnations. But as a rule these qualities are mutually fruitful and complementary.

[ 28 ] Aber noch andere Kräfte der Menschen stehen in einer ähnlichen Ergänzung, zum Beispiel die beiden Seelenfähigkeiten, die wir bezeichnen wollen als Liebefähigkeit und innere Kraft, so daß im Menschen Selbstgefühl liegt, innere Harmonie, inneres auf Sich-selbst-Gebautsein, und daß wir wissen, was wir zu tun haben im Leben. Auch in dieser Beziehung wirkt das menschliche Karma abwechselnd in den verschiedenen Inkarnationen, indem es in einem Menschen in einer Inkarnation mehr ausprägt die hingebungsvolle Liebe für seine Umgebung, eine Art Selbstvergessenheit, eine Art Aufgehen in seiner Umgebung. Und es wird eine solche Inkarnation abwechseln mit einer Inkarnation, wo der Mensch sich wiederum mehr berufen fühlt, sich nicht zu verlieren an die Außenwelt, sondern sich zu stärken in seinem Inneren, so daß er die Kraft dazu verwendet, um selber weiterzukommen. Natürlich wird dieses letztere nicht ausarten dürfen zu Lieblosigkeit, wie ersteres auch nicht ausarten darf und kann in vollständiges Verlieren des eigenen Selbstes. Diese zwei Dinge gehören wiederum zusammen. Und es darf durchaus immer wieder betont werden, daß es nicht schon genügt, wenn Anthroposophen ein Opfer bringen wollen. Manche Menschen wollen recht gern und recht viele Opfer bringen — aber um für die Welt taugliche Opfer zu bringen, muß der Mensch erst die Kraft haben für diese Opfer. Der Mensch muß erst etwas sein, bevor er sich opfern kann, sonst ist das Opfer der Ichheit nicht besonders viel wert. Es ist auch in gewisser Beziehung eine Art von — wenn auch verhaltenem — Egoismus, von Bequemlichkeit, wenn man nicht dahin strebt, sich zu vervollkommnen, weiterzustreben, damit das, was man leisten kann, auch ein Wertvolles ist.

[ 28 ] Other qualities in the human being are also complementary in a similar way, for example, the two qualities of soul we will call the capacity for love and inner strength. Self-reliance, harmonious inner life, a feeling of our own sure foundations, the inner assurance that we know what we have to do in life—in this connection too the working of karma alternates in the different incarnations. The outstanding stamp of the one personality is loving devotion to his environment, forgetfulness of self, surrender to what is around him. Such an incarnation will alternate with one in which the individual feels the urge not to lose himself in the outer world but to strengthen himself inwardly, applying this strength to bring about his own progress. This latter urge must not, of course, degenerate into lack of love, any more than the former urge must not degenerate, as it might well do, into a complete loss of one's own self. These two tendencies again belong together. And it must be constantly emphasised that when anthroposophists have the desire to sacrifice themselves, such desire is not enough. Many people would like to sacrifice themselves all the time—they feel happy in so doing—but before anyone can make a sacrifice of real value to the world he must have the strength required for it. A man must first be something before he can usefully sacrifice himself; otherwise the sacrifice of egohood is not of much value. Moreover in a certain respect a kind of egoism—although it is repressed—a kind of laziness, is present when a man makes no effort to develop, to persevere in his strivings, so that what he can achieve is of real value.

[ 29 ] Es könnte scheinen — aber ich bitte, dies nicht mißzuverstehen —, wie wenn wir die Lieblosigkeit predigten. Es ist so, daß sehr leicht die äußere Welt den Anthroposophen heute vorwirft: Ihr strebt danach, eure Seele zu vervollkommnen, vorwärtszukommen in bezug auf eure Seele! Ihr werdet Egoisten! — Nun muß zugegeben werden, daß viele Schrullen, viele Fehlerhaftigkeiten und Irrtümer in diesem Streben der Menschen nach Vollkommenheit auftreten können. Man braucht durchaus nicht immer gerade bloß eitel Sympathie zu haben mit demjenigen, was sehr häufig unter Anthroposophen auftaucht unter dem Prinzip der Entwickelung. Hinter diesem Streben steckt vielfach ausserordentlich viel unerlaubter Egoismus.

[ 29 ] It might seem—but please do not misunderstand this—as though we were preaching lovelessness. The outer world is very prone to-day to reproach anthroposophists by saying: You aim at perfecting your own souls, you strive for the progress of your own souls. You become egoists!—It must be admitted that many capricious fancies, many failings and errors may arise in men's endeavours towards perfection. What very often appears to be the principle of development adopted among anthroposophists does not by any means always call for admiration. Behind this striving there is often a great deal of hidden egoism.

[ 30 ] Auf der anderen Seite muß betont werden, daß wir in einer Zeit leben, in einer Kulturepoche, in der unendlich viel Verschwendung getrieben wird gerade mit hingebungsvoller Opferwilligkeit. Wenn auch Lieblosigkeit allerorten vorhanden ist, so ist auch ungeheuer viel Verschwendung von Liebe und Opferwilligkeit vorhanden. Das soll nicht mißverstanden werden; aber man soll sich klar darüber sein, daß Liebe, wenn sie nicht mit weiser Führung des Lebens, mit weiser Einsicht in die entsprechenden Verhältnisse auftritt, sehr am unrechten Orte sein kann und so eher zum Schaden als zum Nutzen der Menschen sein kann.

[ 30 ] On the other side it must be emphasised that we are living in an epoch of civilisation when devoted willingness for sacrifice only too often goes to waste. Although lack of love is in evidence everywhere, there is also an enormous waste of love and willingness for sacrifice. This must not be misunderstood; but it should be realised that love, if it is not accompanied by wisdom in the conduct of life, by wise insight into the existing conditions, can be very misplaced and therefore harmful rather than beneficial.

[ 31 ] Wir leben in dem Zeitalter, in dem eine große Anzahl von Menschen nötig hat, daß wiederum etwas hereindringt in die Seele, was die Seele vorwärtszubringen vermag, wiederum etwas von dem, was die Anthroposophie bringt, um ihre Seelen reicher, inhaltsvoller zu machen. Die Menschheit muß für die nächste Inkarnation und auch schon für das Wirken zwischen Tod und neuer Geburt dasjenige anstreben, was Taten sein können, die nicht nur auf altem Herkommen beruhen, sondern was neue Taten sind. Diese Dinge müssen durchaus mit großem Ernst und wahrer Würde betrachtet werden, denn das muß als Tatsache feststehen, daß die Anthroposophie eine Mission hat, daß sie wie ein Kulturkeim ist, der eben in die Zukunft hineinwächst und aufsprießen muß. Wie das aber sich vollzieht im Leben, das können wir am besten einsehen, wenn wir solche karmischen Zusammenhänge, wie Glaube und Vernunft, Liebe und Selbstgefühl ins Auge fassen. Derjenige Mensch, der im Sinne unserer Zeitentwickelung davon überzeugt ist, daß, wenn man durch die Pforte des Todes geht, sich gleich anschließt eine außerirdische Ewigkeit, irgendwo außerhalb dieser Welt, der wird niemals zu wahrer Würdigung des Seelenfortschritts kommen können, denn er wird sich sagen: Wenn ein Fortschritt da ist, so kannst du ihn doch nicht ganz umfassend gestalten als solchen, denn du bist nur vorübergehend, nur eine kurze Weile in dieser Welt und hast dich nur für die andere Welt vorzubereiten.

[ 31 ] We are living in the age when it is necessary for something that can help the soul to progress—again something that Anthroposophy can bring—to penetrate into the souls of a large number of human beings, inwardly enriching and fertilising them. For the sake of the next incarnation and also for the sake of their activity between death and a new birth, men must be capable of performing deeds that are not based merely upon old customs, but are in essence new. These things must be regarded with great earnestness for it must be established that Anthroposophy has a mission, that it is like a seed of culture that must grow and come to flower in the future. But it can best be seen how this is fulfilled in life if we bear in mind karmic connections such as those between faith and reason, love and self-reliance. A man who in accordance with the view prevailing nowadays is convinced that when he has passed through the Gate of Death the only prospect is that of an extra-terrestrial eternity somewhere beyond this world, will never be able truly to assess the soul's progress, for he will say to himself: If indeed there is such a thing as progress you cannot achieve it, for your existence is only transitory, you are in this world for a short time only and all you can do is to prepare for that other world.

[ 32 ] Und doch ist es so, daß wir am allerlebensweisesten werden an dem, was wir verfehlt haben. Wir lernen an dem, was wir verfehlt haben. Gerade an dem, was uns nicht gelungen ist, werden wir am allerweisesten. Und fragen Sie sich ernsthaft, wie oft Sie die Gelegenheit haben, das, was Sie verfehlt haben, genau in derselben Situation wie vorher zu wiederholen? Selten wird sich diese Lage ergeben. Und wäre das Leben nicht etwas höchst Sinnloses, wenn die Lebensweisheit, die wir uns aus den Fehlern aneignen können, für diese irdische Menschheit verlorenginge? Nur dann, wenn wir wiederum zurückkehren können, wenn wir in einem ganz neuen Leben anwenden können, was wir als Lebenserfahrung uns in früheren Leben angeeignet haben, nur dann hat das Leben einen Sinn. Daher ist es sinnlos, überhaupt nach Vollkommenheit der Seele zu streben, für dieses Erdendasein sowohl, wenn es als einziges angesehen wird, wie auch für jene außerirdische Ewigkeit.

[ 32 ] It is a fact that our greatest wisdom in life comes from our failures; we learn from our failures, gather the most wisdom from the very things where we have not been successful. Ask yourselves seriously how often you have the opportunity of repeating a mistake, in exactly the same circumstances as before—you will find that such a situation rarely occurs. And would not life be utterly without purpose if the wisdom we can acquire from our mistakes were to be lost to earthly humanity? Only if we can come back again, if in a new life we can put into effect the experiences gained in earlier lives—only then does life acquire meaning and purpose. In either case it is senseless to strive for real progress in this earthly existence if it is regarded as the only one, and also for an eternity beyond the earth.

[ 33 ] Und erst recht sinnlos ist es für diejenigen, die nach dem Durchgang durch die Todespforte alles Dasein zu Ende sein lassen. Was für Kräfte, was für Energien und Lebenssicherheit würde es den Menschen geben, wenn sie wüßten, daß sie die Kraft, die scheinbar verlorengeht, in einem neuen Leben verwerten können! Die Kultur der Gegenwart ist deshalb eine solche, wie sie ist, weil außerordentlich wenig für diese Kultur gesammelt worden ist in den Inkarnationen, die der Mensch vorher durchgemacht hat. Wahrhaftig, die Seelen sind verarmt in den aufeinanderfolgenden Inkarnationen. Woher kommt es, daß die Seelen verarmt sind?

[ 33 ] And it is particularly senseless for those who think that all existence comes to an end when they have passed through the Gate of Death. What strength, what energy and confidence in life would be gained by men if they knew that they can turn to account in a new life whatever forces are apparently lost to them! Modern culture is as it is because so very little was gathered for it in the previous incarnations of human beings. Truly, souls have become impoverished in the course of their incarnations.—How is this to be explained?

[ 34 ] Blicken wir zurück auf jene uralten Zeiten, die vor dem Mysterium von Golgatha liegen; da war noch ein altes Hellsehen, da waren noch magische Willenskräfte vorhanden. So war es noch bis in die christliche Zeit hinein. Aber was hereingeragt hat aus den höheren Welten in den letzten Zeiten des alten Hellsehens, das war nur noch das Böse, das Dämonische. Überall sehen wir in den Evangelien angeführt in der Umgebung des Christus Jesus dämonische Naturen. Was in den alten Zeiten in den menschlichen Seelen war als ursprünglicher Zusammenhang mit den göttlich-geistigen Kräften und Wesenheiten, das war den Seelen verlorengegangen. Dann trat der Christus in die Menschheit herein. Die Menschen, die gegenwärtig leben, haben zwei, drei oder vier Inkarnationen seit jenem Zeitpunkt erlebt, je nach ihrem Karma. So wie das Christentum gewirkt hat bis jetzt, so hat es wirken müssen, weil schwache, ausgeleerte Seelen in der Menschheit waren. Es konnte seine innerliche Kraft nicht entfalten, weil schwache Seelen in der Menschheitsentwickelung drinnen waren. Wie das der Fall war, kann man ermessen, wenn man eine andere Welle der Menschheitskultur ins Auge faßt, nämlich jene Welle, die im Morgenland die Menschheitsentwickelung zum Buddhismus geführt hat. Der Buddhismus hat die Überzeugung von Reinkarnation und Karma, aber er hat sie so, daß er den Fortgang der Menschheitsentwickelung so betrachtet, als ob er nur die Aufgabe hätte, den Menschen nun so schnell wie möglich aus dem Leben herauszubringen. Im Morgenlande wirkte eine Welle, in der der Drang nach Dasein nicht mehr vorhanden war. Also sehen wir, wie alles, was den Menschen zur Erdenmission begeistern soll, bestimmen soll, wie alles das gewichen ist bei den Angehörigen derjenigen Kulturwelle, die den Buddhismus trägt. Und würde der Buddhismus im Abendlande eine besondere Verbreitung gewinnen, so würde dies ein Beweis dafür sein, daß diejenigen Seelen zahlreich sind, die zu den schwächsten, den lebensuntüchtigsten gehören, denn diese wären es, welche ihn annehmen würden. Überall, wo der Buddhismus auftreten könnte in irgendeiner Form im Abendlande, würde das ein Beweis sein dafür, daß die Seelen so schnell wie möglich hinaus wollen aus der Erdenmission, daß sie sich nicht abfinden können mit ihr.

[ 34 ] In long past ages, before the Mystery of Golgotha, men were endowed with an ancient clairvoyance and magical forces of will. And it continued to be so on into the Christian era. But in the final stages of this ancient clairvoyance it was only the evil forces, the demonic forces, that came down from the higher worlds. There are many references in the Gospels to demonic natures around Christ Jesus. Human souls had lost their original connection with the Divine-Spiritual forces and beings. And then Christ came to mankind. Human beings who are living at the present time have had perhaps two or three incarnations since then—each according to his karma. The influence exercised by Christianity until now could only have been what it is, because the souls of men were feeble, drained of force. Christianity could not unfold its whole inner power because of the feebleness of human souls. The extent to which this was so can be gauged if a different wave in human civilisation is considered—the wave which in the East led to Buddhism. Buddhism has the conviction of the truth of reincarnation and karma but in such a form that it regards the purpose and task of progress in evolution to consist in leading men away from life as quickly as possible. In the East a wave was astir in which there was no urge for existence. So we see how everything that should inspire men with determination to fulfil the mission of the earth has fallen away from those who belong to the wave of culture that is the bearer of Buddhism. And if Buddhism were to spread widely in the West, this would be a proof that souls of the feeblest type are very numerous, for it is these souls who would become Buddhists. Wherever Buddhism in some form might appear in the West, this would be a proof that the souls in question want to evade the mission of the earth, to escape from it as quickly as they can, being incapable of tackling it.

[ 35 ] Als das Christentum sich ausbreitete im südlichen Europa und übernommen wurde von den nördlichen Völkern, da waren diese Völkerseelen stark in ihrer instinktiven Kraft. Sie verleibten sich das Christentum ein, aber es konnte zunächst nur seine äußeren Seiten hervorheben, das heißt dasjenige, wofür es besonders wichtig ist, daß der Mensch in der gegenwärtigen Kultur eine Vertiefung des Christus-Impulses erreichen kann, so daß dieser Christus-Impuls die innerste Kraft der menschlichen Seele selber wird und daher die Seele immer reicher und reicher wird und immer innerlicher und innerlicher, indem sie der Zukunft entgegenlebt. Schwächere Inkarnationen haben die menschlichen Seelen durchgemacht; das Christentum hat sie zunächst äußerlich gestützt. Jetzt sind die Zeiten gekommen, wo die Seelen innerlich stark und kräftig werden müssen. Daher wird es im späteren Gang der Zukunft wenig ausmachen, was die Seele im äußeren Leben tun wird. Darauf aber wird es ankommen, daß sie sich selber findet, daß sie sich verinnerlicht, daß sie Vorstellungen darüber gewinnt, wie man das Innerliche in das äußere Leben einführt, wie man die Erdenmission durchziehen kann mit dem, was man an Bewußtsein, an starker Innerlichkeit gewinnt durch das Durchdrungensein mit den Wahrheiten von Reinkarnation und Karma.

[ 35 ] When Christianity was spreading in the South of Europe and was being adopted by the peoples of the North, the force of instinct in these Northern souls was strong and powerful. They absorbed Christianity, but, to begin with, its external aspects only could be brought into prominence, that is to say, those aspects which render it so important for men to-day to deepen their experience of the Christ Impulse, so that this Christ Impulse may become the inmost power of the soul itself and the soul grow inwardly richer as it lives on towards the future. Human souls have passed through incarnations of weakness, of uncertainty, and, to begin with, Christianity was an external support. But now the epoch has come when souls must become inwardly strong and vigorous. Therefore as time goes on, what the individual does in outer life will be of little consequence. What will be essential is that the soul shall fund its own footing, shall deepen itself, acquire insight into how the inner reality can be inculcated into the outer life, how the earth's mission can be permeated through and through with the consciousness, the strong inner realisation born from conviction of the truths of reincarnation and karma.

[ 36 ] Wenn der Anfang auch nur bescheiden gemacht wird mit dem Eindringen der Ideen von Reinkarnation und Karma in das Leben, diese bescheidenen Anfänge sind doch von ungeheurer Wichtigkeit. Je mehr wir dazu kommen, den Menschen sozusagen nach seinen innerlichen Fähigkeiten zu beurteilen, das Leben zu verinnerlichen, desto mehr führen wir das herbei, was der Grundcharakter einer zukünftigen Menschheit sein muß. Das äußere Leben wird immer komplizierter, das läßt sich nicht aufhalten; aber zusammenfinden werden sich die Seelen in der Innerlichkeit. Da mag der einzelne diese oder jene Tätigkeit äußerlich vollbringen, was innerliches Gut der Seele ist, das wird im anthroposophischen Leben die einzelnen Seelen zusammenführen und sie dahin wirken lassen, daß dieses anthroposophische Leben immer mehr auch in die äußere Kultur einzufließen vermag. Wir wissen, daß das gesamte äußere Leben gestärkt wird, wenn die Seele ihre Wirklichkeit findet in der Anthroposophie; deshalb finden sich Menschen aller einzelnen äußeren Lebensrichtungen und aller einzelnen äußeren Lebensberufe und äußeren Lebenscharaktere zusammen. Die Seele der äußeren Kulturbewegung selber wird geschaffen durch das, was uns in der Anthroposophie entgegentreten kann: Beseelung des äußeren Lebens. Damit diese eintreten kann, muß zuerst einziehen in die Seele das Bewußtsein von dem wichtigen Karmagesetz. Je mehr wir der Zukunft entgegenleben, um so mehr muß der einzelne in ihm Beseelung des ganzen Lebens fühlen können.

[ 36 ] Even if no more than a humble beginning is made in the direction of enabling these truths to penetrate into life, this humble beginning is nevertheless of untold significance. The more we learn to judge man according to his inner faculties, to deepen life inwardly, the more we help to bring about what must be the basic character of a future humanity. External life will become increasingly complicated—that cannot be prevented but souls will find their way to one another through a deepened inner life. The individual may engage in this or that outer activity—but it is the inner richness of the soul that in the anthroposophical life will unite individual souls and enable them to work to the end that this anthroposophical life shall flow more and more strongly into external culture. We know that the whole of our outer life is strengthened when the soul discovers its reality in Anthroposophy; individuals pursuing occupations and vocations of every kind in outer life find themselves united. The soul of external cultural life itself is created through what is given us in Anthroposophy: benediction of the external life. To make this benediction possible, consciousness of the great law of karma must first awaken in the soul. The more we advance into the future, the more must the individual soul be able to feel within itself the benediction of the whole of life.

[ 37 ] Durch die äußeren Gesetze, die äußeren Einrichtungen wird die äußere Lebensführung so kompliziert werden, daß die Menschen sich nicht mehr auskennen werden. Dagegen wird durch das Durchdrungensein mit dem Karmagesetz in die Seele sich einleben das Wissen dessen, was sie tun soll, um von innen heraus den Weg durch die Welt zu gehen. Das wird sie am besten finden da, wo die Dinge durch das innere Seelenleben geregelt sind. Wir haben im Leben solche Dinge, wo es ganz gut vorwärtsgeht, weil jeder dem inneren Trieb folgt, der ihn sicher leitet. Eine solche Sache ist zum Beispiel das Auf-der-Straße-Gehen. Es ist durchaus noch nicht jedem einzelnen vorgeschrieben, daß er auf diese oder auf die andere Straßenseite ausweichen soll. Und dennoch stoßen nicht jedesmal zwei Menschen, die einander begegnen, zusammen, weil es eine innere Notwendigkeit gibt, der sie folgen. Sonst müßte man neben jeden Menschen einen Schutzmann hinstellen, der ihm befiehlt, links oder rechts zu gehen. Es ist zwar das Bestreben in einzelnen Kreisen, daß der Mensch immer auf der einen Seite einen Schutzmann, auf der anderen Seite einen Arzt haben soll; das läßt sich ja noch nicht ausführen! Aber man kommt da am besten vorwärts, wo man seinem ungezwungenen Inneren folgt. Dazu muß dieses hingerichtet sein im menschlichen Zusammenleben auf die menschliche Achtung, muß ins Auge fassen die menschliche Würde. Und das kann nur geschehen, wenn die Menschen so erfaßt werden, wie sie erfaßt werden können, wenn das Gesetz von Reinkarnation und Karma berücksichtigt wird. Dieses menschliche Zusammenleben wird sich nur dann auf einem höheren Gebiet vollziehen, wenn in die Seele sich einleben wird die Bedeutung dieses Gesetzes von Reinkarnation und Karma. Das zeigt uns am besten eine konkrete Betrachtung wie etwa der Zusammenhang von Glaube, Inbrunst und von Wissen, von Liebe und von Selbstgefühl; das zeigt uns solch eine Betrachtung, wie wir sie gestern angestellt haben.

[ 37 ] Outer laws and institutions will make life so complicated that men may well lose their bearings altogether. But by realising the truth of the law of karma the knowledge will be born in the soul of what it must do in order to find, from within, its path through the world. This path will best be found when the things of the world are regulated by the inner life of soul. There are certain things which go on quite satisfactorily because everyone follows the impulse that is an unerring guide. An example is that of walking along the street. People are not yet given precise instructions to step aside to one side of the pavement or the other. Yet two people walking towards each other very rarely collide, because they obey an inner instinct. Otherwise everyone would need to have a policeman at his side ordering him to move to the right or left. Certain circles would really like everyone to have a policeman on one side of him and a doctor on the other all the time—but that is not yet in the realm of possibility! Nevertheless progress can best be made in those things where a man is guided by an inner, spontaneous impulse. In the social life this must lead to respect for human beings, respect for the dignity of man. And this can be achieved only if we understand individuals as they can be understood when the law of reincarnation and karma is taken into account. This social life among men can be raised to a higher level only when the significance of this law takes root in the soul. This is shown most clearly of all by concrete observation such as that of the connection between ardent faith and knowledge, between love and self-reliance.

[ 38 ] Nicht umsonst wollte ich solche Vorträge wie den gestrigen und den heutigen vor Ihnen halten. Es handelt sich hierbei nicht so sehr um das, was gesagt wird; das könnte auch anders gesagt werden. Was gestern und heute gesagt worden ist, erscheint nicht in erster Linie von Wichtigkeit. Von Wichtigkeit aber scheint mir das zu sein, daß sich diejenigen, die sich zur Kulturbewegung der Anthroposophie bekennen, so durchdringen mit den Ideen von Reinkarnation und Karma, daß sie ein Bewußtsein davon bekommen, wie das Leben anders werden muß, wenn das Bewußtsein von Reinkarnation und Karma in jeder Menschenseele vorhanden sein wird. Es hat sich eben das gegenwärtige Kulturleben mit Ausschluß des Bewußtseins von Reinkarnation und Karma gebildet. Und das ist das Bedeutsamste, was durch die Anthroposophie eintreten wird, daß diese Dinge jetzt tatsächlich das Leben ergreifen, daß sie die Kultur durchsetzen und dadurch auch im wesentlichen umgestalten werden.

[ 38 ] These two lectures have not been given without purpose. The real importance does not lie so much in what is actually said—it could be put in a different way. But what is of prime importance is that those who profess to adhere to Anthroposophy as a cultural movement shall be so thoroughly steeped in the ideas of reincarnation and karma that they realise how life must inevitably become different if every human soul is conscious of these truths. The cultural life of the modern age has taken shape with the exclusion of consciousness of reincarnation and karma. And the all-important factor that will be introduced through Anthroposophy is that these truths will take real hold of life, that they will penetrate culture and in so doing essentially transform it.

[ 39 ] Geradeso wie sich ein heutiger Mensch, der da sagt, Reinkarnation und Karma seien Träumerei, Unsinn, man sehe ja, wie die Menschen geboren werden und wie sie sterben, daß aber etwas herausfliege beim Tode, das sehe man nicht, also brauche man keine Rücksicht darauf zu nehmen —, wie sich ein Mensch, der so spricht, zu dem verhält, der da sagt: Man sieht es nicht herausfliegen, aber man kann diese Gesetze in Rechnung ziehen und wird dann erst alle Lebensvorgänge erklärlich finden, kann gewisse, sonst unerklärliche Dinge erfassen —, so wird sich verhalten die Kultur der Gegenwart zu der der Zukunft, die dann umschließen wird die Gesetze, die Lehre von Reinkarnation und Karma. Und wenn diese beiden bei dem Zustandekommen der gegenwärtigen Kultur als allgemeine Gedanken der Menschheit keine Rolle gespielt haben, bei allen Kulturen der Zukunft werden diese Ideen eine allererste Rolle spielen!

[ 39 ] Just as a modern man who says that reincarnation and karma are fantastic nonsense, for it can be seen how human beings are born and how they die—something passes out at death but as that cannot be seen there is no need to take account of it just as a man who speaks in this way is related to one who says: What passes away cannot be seen, but this law can be taken into account and those who do so will for the first time find all life's happenings intelligible, will be able to grasp things that are otherwise inexplicable ... so will the culture of to-day be related to the culture of the future, in which the laws, the teachings of reincarnation and karma will be contained. And although these two laws—as thoughts held by humanity in general—have played no part in the development of present-day culture, they will certainly play a very leading part in all cultures of the future!

[ 40 ] Daß der Anthroposoph fühle, wie er in dieser Weise mitarbeitet an dem Hervorbringen einer neuen Kultur, das muß in seinem Bewußtsein leben. Diese Empfindung, dieses Gefühl von der intensiven Bedeutung von Reinkarnation und Karma für das Leben, dieses würde etwas sein, was heute eine Gruppe von Menschen zusammenhalten könnte, ungeachtet der äußeren Verhältnisse, in denen diese Menschen sind. Die Menschen, die von solcher Gesinnung zusammengehalten werden, können sich nur durch die Anthroposophie zusammenfinden.

[ 40 ] The anthroposophist must feel and be conscious of the fact that in this way he is helping to bring about the birth of a new culture. This feeling of the enormous significance in life of the ideas of reincarnation and karma can be a bond of union among a group of human beings to-day, no matter what their external circumstances may be. And those who are eventually held together by such a feeling can find their way to one another only through Anthroposophy.