From Akashic Research
The Fifth Gospel
GA 148
1 October 1913, Oslo
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Erster Vortrag
Lecture One
[ 1 ] Das Thema, über das ich in diesen Tagen zu sprechen gedenke, erscheint mir in bezug auf die heutige Zeit und auf die heutigen Verhältnisse als ein ganz besonders wichtiges. Ich möchte von vornherein betonen, daß es nicht etwa irgendeiner Sensationslust oder ähnlichen Dingen entspringt, daß das Thema gerade den Inhalt hat: Das Fünfte Evangelium. Denn ich hoffe zeigen zu können, daß in der 'Tat von einem solchen Fünften Evangelium in einem gewissen Sinne, und zwar in einem solchen Sinne, der uns besonders wichtig sein muß in unserer Gegenwart, gesprochen werden kann, und daß sich für dasjenige, was damit gemeint ist, in der Tat kein anderer Name besser eignet als der Name «Das Fünfte Evangelium». Dieses Fünfte Evangelium ist ja, wie Sie hören werden, in einer Niederschrift heute noch nicht vorhanden. Aber es wird gewiß in Zukunftstagen der Menschheit auch in ganz bestimmter Niederschrift vorhanden sein. In einem gewissen Sinne aber könnte man sagen, es ist dieses Fünfte Evangelium so alt wie die vier anderen Evangelien.
[ 1 ] The theme I intend to speak about during these [next] 4 days seems to me to be especially important in view of the times and conditions in which we live. I would like to emphasize from the start that it is not due to a wish for sensationalism or similar things that the theme is The Fifth Gospel. For I hope to show that in fact, given our present circumstances, it is especially important, in the sense that is meant, that no other name is more appropriate than “The Fifth Gospel”. This Fifth Gospel, as you will hear it, does not yet exist in a recorded document, although in the future of humanity it will certainly exist in a specific record. But in a certain sense this Fifth Gospel is as old as the other four Gospels.
[ 2 ] Damit ich aber von diesem Fünften Evangelium sprechen kann, ist . es notwendig, daß wir uns heute in einer Art Einleitung verständigen über einige wichtige Punkte, die zum völligen Begreifen dessen, was wir nunmehr nennen wollen das Fünfte Evangelium, notwendig sind. Und zwar möchte ich ausgehen davon, daß ganz gewiß die Zeit nicht mehr fernliegen wird, in welcher schon in den niedrigsten Schulen, schon im primitivsten Unterricht die Wissenschaft, die man gewöhnlich die Geschichte nennt, sich etwas anders anhören wird, als sie sich bisher angehört hat. Es wird nämlich ganz gewiß - und die nächsten Tage sollen es uns gewissermaßen beweisen -, es wird ganz gewiß der Christus-Begriff, die Christus-Vorstellung, in der Geschichtsbetrachtung der Zukunft eine ganz andere, wichtigere Rolle spielen, auch schon in der elementarsten Geschichtsbetrachtung, als sie bisher gespielt hat. Ich weiß, daß ich mit diesem Satze eigentlich etwas ungeheuer Paradoxes ausspreche. Bedenken wir doch, daß wir ja zurückgehen können auf gar nicht so weit zurückliegende Zeiten, in denen unzählige Herzen in einer viel intensiveren Weise ihre Gefühle und Empfindungen zu dem Christus hinrichteten unter den einfachsten wie unter den gebildetsten Bewohnern der westlichen Länder Europas, mehr als dies heute der Fall ist. In einem ungeheuer erheblicheren Maße war das in früherer Zeit der Fall. Wer Umschau hält im Schrifttum der Gegenwart, wer nachdenkt über das, was den gegenwärtigen Menschen hauptsächlich interessiert, woran er sein Herz hängt, der wird den Eindruck haben, daß der Enthusiasmus, die Ergriffenheit der Empfindung für die Christus-Vorstellung im Abnehmen ist, insbesondere im Abnehmen da, wo man auf eine gewisse, aus der Zeit heraus folgende Bildung Anspruch macht. Da erscheint es wohl paradox, wenn, wie ich eben betont habe, diese unsere Zeit darauf hinarbeitet, daß die Christus-Vorstellung in der Betrachtung der Geschichte der Menschheit in einer nicht fernen Zukunft eine viel bedeutendere Rolle spielt, als es bisher der Fall war. Scheint das nicht ein vollkommener Widerspruch zu sein?
[ 2 ] In order that I may speak about this Fifth Gospel, however, an introduction is necessary in order to clarify certain important points for a complete understanding of what we will now call the Fifth Gospel. And I want to start by saying that the time is not too far distant in which in the lowest school levels, in the most primitive instruction, the content of the subject usually called History will be taught in a quite different way than is the case today. Namely the concept of Christ will play a different and a much more important role in the future of historical considerations – even in the most elementary historical considerations—than has been the case until now. I realize that in saying this I am describing an enormous paradox. But let's just consider that we can go back to a not so far distant time when countless hearts directed their feelings to Christ in a much more intensive way than is the case today by the most learned faithful in western countries. That was the case to a huge extent in the past. If we study today's books and observe what interests contemporary people, where their hearts are, we have the impression that the enthusiasm, the emotion and feelings for the Christ idea is in abatement, especially where claims to contemporary learning are involved. Nevertheless, as I have already emphasized, the Christ idea will play a much more important role in future historical considerations than has been the case until now. Does this seem to be a contradiction?
[ 3 ] Nun wollen wir uns einmal von einer anderen Seite diesem Gedanken nähern. Ich habe auch hier in dieser Stadt schon öfter über die Bedeutung und den Inhalt der Christus-Vorstellung sprechen dürfen. Und in Büchern und Zyklen, die hier aufliegen, finden Sie mannigfache Ausführungen aus den Tiefen der Geisteswissenschaft heraus über die Geheimnisse der Christus-Wesenheit und der Christus-Vorstellung. Jeder muß da die Meinung bekommen, wenn er das, was in Vorträgen, Zyklen und in unserem Schrifttum überhaupt gesagt worden ist, in sich aufnimmt, daß zu dem völligen Verstehen der ChristusWesenheit ein starkes, großes Rüstzeug gehört, daß man die tiefsten Begriffe, Vorstellungen und Ideen zu Rate ziehen muß, wenn man sich hinaufschwingen will zum völligen Verständnis dessen, was der Christus ist und was der Impuls ist, der als Christus-Impuls durch die Jahrhunderte gegangen ist. Man könnte vielleicht sogar, wenn nicht anderes dagegen spräche, zu der Vorstellung kommen, daß man erst die ganze 'Theosophie oder Anthroposophie kennen muß, um sich aufzuschwingen zu einer richtigen Vorstellung von dem Christus. Wenn wir aber absehen von dem und auf die Geistesentwickelung der verflossenen Jahrhunderte blicken, da tritt uns entgegen von Jahrhundert zu Jahrhundert dasjenige, was vorhanden ist an ausführlicher, tiefgründiger Wissenschaft, die bestimmt sein sollte, den Christus und seine Erscheinung zu begreifen. Durch Jahrhunderte hindurch haben die Menschen ihre höchsten und bedeutsamsten Ideen aufgewendet, um den Christus zu begreifen. Auch hier könnte es daraus nun scheinen, als ob nur die bedeutsarmmnsten intellektuellen Tätigkeiten des Menschen hinreichend sein würden, um den Christus zu verstehen. Ist das in der Tat so? Daß es nicht so ist, davon kann uns eine ganz einfache Erwägung den Beweis liefern.
[ 3 ] Let's then approach the other side of these thoughts. I have often spoken here in this city about the meaning of the Christ idea. And in books and lecture cycles we find diverse elaborations from spiritual science about the secrets of the Christ Being and the Christ concept. Each must come to the conclusion that when he absorbs what is contained in our books and lecture cycles a large amount of knowledge is required for a full understanding of the Christ Being; that one must depend on the profoundest concepts and ideas for a full understanding of what Christ is and what the impulse is which has traversed the centuries as the Christ-Impulse. One could even come to the conclusion – were it not otherwise contradicted – that it is necessary to know all of Theosophy or Anthroposophy in order to work one's way up to a correct concept of Christ. If we put that aside though, and look at spiritual development during the past centuries, we see from century to century a detailed, well-grounded science with the goal of understanding Christ and his appearance on earth. For centuries men have utilized their highest, most meaningful ideas in order to understand Christ. Here also it would seem that only the most significant intellectual activity would be sufficient to understand Christ. Has it been the case though? A very simple consideration can prove that it has not.
[ 4 ] Legen wir einmal gleichsam auf eine geistige Waage alles dasjenige, was bisher an Gelehrsamkeit, Wissenschaft, auch an anthroposophischem Verständnis des Christus-Begriffes dazu beigetragen hat, den Christus zu begreifen. Legen wir das alles auf die eine Waagschale einer geistigen Waage und legen wir auf die andere Schale in unseren Gedanken alle die tiefen Gefühle, alle die Innigkeit in den Seelen der Menschen, die durch die Jahrhunderte zu dem sich gelenkt haben, was man den Christus nennt, und man wird finden, daß all die Wissenschaft, alle Gelehrsamkeit, selbst alle Anthroposophie, die wir aufbringen können zur Erklärung des Christus, in der Waagschale überraschend aufschnellt, und alle die tiefen Gefühle und Empfindungen, welche die Menschen hingelenkt haben zur Christus-Wesenheit, zur Erscheinung des Christus, die andere Waagschale tief, tief hinunterdrücken. Man sagt nicht zuviel, wenn man behauptet, daß eine ungeheure Wirkung von dem Christus ausgegangen ist, und daß das Allergeringste zu dieser Wirkung das Wissen von dem Christus beigetragen hat. Es hätte um das Christentum wahrhaftig recht schlecht gestanden, wenn die Menschen, um an dem Christus zu hängen, alle gelehrten Auseinandersetzungen des Mittelalters, der Scholastik und der Kirchenväter gebraucht hätten, oder wenn die Menschen nur bedürftig gewesen wären auch alles dessen, was wir heute durch die Anthroposophie aufbringen können zum Begreifen der Christus-Idee. Was man damit vermöchte, wäre wahrhaftig recht wenig. Ich glaube nicht, daß irgend jemand, der unbefangen den Gang des Christentums durch die Jahrhunderte hindurch betrachtet, gegen diese Gedanken etwas Ernstes einwenden könnte. Aber wir können uns diesem Gedanken noch von einer anderen Seite genauer nähern.
[ 4 ] Let us place on a spiritual balance all that has contributed until now to the understanding of Christ by scholarship, science, also Anthroposophy. Let us place all that on one scale of the spiritual balance and let us place on the other scale in our thoughts all the deep feeling, all the impulses in people's souls which have aimed at what we call Christ, and we will find that all the science, all the scholarship, even all the Anthroposophy which we can muster to explain Christ, surprisingly springs up, and all the deep feelings and impulses which have directed people to the Christ Being push the other scale far down. It is no exaggeration to say that a tremendous impact has come from Christ and that the knowledge of Christ has contributed least to this impact. It would have gone most badly for Christianity if people had to depend on all the learned disputes of the Middle Ages, the Scholastics, the Church fathers; or if people were only to depend on what we are able to muster through Anthroposophy for an understanding of the Christ idea. If that were all, it would be very little indeed. I don't think that anyone who has objectively followed the path of Christianity through the centuries could seriously contest these thoughts.
[ 5 ] Lassen wir den Blick zurückschweifen auf die Zeiten, in denen es noch kein Christentum gegeben hat. Ich brauche nur zu erinnern an dasjenige, was gewiß den meisten der hier befindlichen Seelen voll gegenwärtig ist. Ich brauche nur zu erinnern, wie im alten Griechenland die griechische Tragödie, insbesondere in ihren älteren Formen, wenn sie den kämpfenden Gott oder den Menschen, in dessen Seele der kämpfende Gott wirkte, darstellte, gleichsam wie von der Bühne herunter das göttliche Walten und Weben unmittelbar anschaulich machte. Ich brauche nur hinzuweisen, wie PTomer seine bedeutsame Dichtung ganz durchwoben hat mit dem Wirken des Geistigen, ich brauche nur hinzuweisen auf die großen Gestalten des So&rates, des Plato, des Aristoteles. Mit diesen Namen tritt vor unsere Seelen ein geistiges Leben höchster Art auf einem gewissen Gebiete. Wenn wir von allem übrigen absehen und nur zu der einen Gestalt des Aristoteles hinsehen, der Jahrhunderte vor der Begründung des Christentums gewirkt hat, so tritt uns entgegen, was in gewisser Weise keine Steigerung, keine Fortbildung bis in unsere Zeit erfahren hat. Das Denken, die Ausbildung der menschlichen Logik durch Aristoteles ist etwas so ungeheuer Vollkommenes auch heute noch, daß man sagen kann, es war etwas Höchstes erreicht im menschlichen Denken, so daß eine Steigerung bisher nicht geschehen ist.
[ 5 ] Let us direct our attention to the times when Christianity did not yet exist. I need only remind you of what most of you are familiar with. I need only remind you of the Greek tragedies in ancient Greece, especially in their older forms, when they presented the battling gods, or the men in whose souls the battling gods acted; also how the divine forces were directly visible on the stage. I need only to indicate how Homer thoroughly weaved his significant poetry with the working of the spirit; I have only to point to the great figures of Socrates, Plato, Aristotle. With these names a spiritual life of the highest order appears before our souls. If we put all else aside and look only at the great figure of Aristotle, who lived centuries before the founding of Christianity, we realize that in a certain sense no increase, no advancement has taken place up to our time. Aristotle's thinking, his scholarliness is so awesome that it is possible to say that he reached a peak in human thinking which has not been improved upon until now.
[ 6 ] Und nun wollen wir für einen Augenblick eine merkwürdige Hypothese aufstellen, die notwendig ist für die nächsten Tage. Wir wollen uns einmal vorstellen, daß es gar keine Evangelien gäbe, aus denen wir irgend etwas erfahren könnten über die Gestalt Christi. Wir wollen einmal annehmen, daß die ersten Urkunden, die der Mensch heute als Neues Testament in die Hand nimmt, gar nicht vorhanden wären, wollen uns denken, es gäbe gar keine Evangelien. Wir wollen gewisserrnaßen absehen von dem, was über die Gründung des Christentums gesagt ist, wollen nur den Gang des Christentums als eine geschichtliche Tatsache betrachten, wollen sehen, was geschehen ist unter den ‚Menschen durch die nachchristlichen Jahrhunderte hindurch; also ohne die Evangelien, Apostelgeschichte, Paulusbriefe und so weiter wollen wir nur betrachten, was tatsächlich geschehen ist. Das ist natürlich nur eine Hypothese, aber sie wird uns helfen zu dem, was wir erreichen wollen. Was ist nun geschehen in den Zeiten, die verflossen sind vor und seit der Begründung des Christentums?
[ 6 ] And now for a moment we would like to consider a curious hypothesis, one which is necessary for the following days. Let us imagine that there are no Gospels from which we can learn something about Christ. We want to imagine that the documents known as the New Testament do not exist, that there are no Gospels. We will ignore what has been said about the founding of Christianity and will only consider the facts about Christianity's historical process in order to see what occurred during the following centuries. This means that without the Gospels, the Acts of the Apostles, the Pauline Letters and so forth, we only want to consider what has really happened. This is of course only a hypothesis. What has happened?
[ 7 ] Wenn wir zunächst den Blick auf den Süden Europas werfen, so haben wir in einem gewissen Zeitpunkte höchste menschliche Geistesbildung, wie wir sie eben in ihrem Repräsentanten Aristoteles vor die Seele gerufen haben, hochentwickeltes geistiges Leben, das in den nachfolgenden Jahrhunderten noch eine besondere Ausbildung erfahren hatte. Ja, es gab in der Zeit, in der das Christentum seinen Weg durch die Welt zu machen begann, im Süden Europas. zahlreiche griechisch gebildete Menschen, Menschen, die das griechische Geistesleben aufgenommen hatten. Wenn man bis zu jenem merkwürdigen Manne, der ein so heftiger Gegner des Christentums war, Ce/sas, und später noch die Entwickelung des Christentums verfolgt, so findet man im Süden Europas auf der griechischen und italienischen Halbinsel bis ins 2,, 3. nachchristliche Jahrhundert Menschen mit höchster Geistesbildung, zahlreiche Menschen, die sich angeeignet haben die hohen Ideen, die wir bei Plato finden, deren Scharfsinn wirklich sich ausnimmt wie eine Fortsetzung des Scharfsinnes des Aristoteles, feine und starke Geister mit griechischer Bildung, Römer mit griechischer Bildung, die zu einer Feingeistigkeit des Griechentums das Aggressive, Persönliche des Römertums hinzufügten.
[ 7 ] If we look first at Southern Europe, we find a profound spiritual development at a certain point in time, as we have just seen in its representative Aristotle – a highly developed spiritual life, which in the subsequent centuries went through a special schooling. Yes, at the time Christianity began to make its way through the world there were many people educated in the Greek way, people who had absorbed Greek culture. Even including a certain unusual man who was an energetic opponent of Christianity, Celsus, and who later persecuted the Christians. We find in the Italian sub-continent up to the second, third Christian century, highly educated men who adopted the profound ideas which we find in Plato, whose brilliance really appears as a continuation of Aristotle's brilliance – refined, strong figures with Greek culture – Romans with Greek culture, which added Greek cultural delicacy to Roman aggressiveness.
[ 8 ] In diese Welt hinein stößt der christliche Impuls. Dazumal lebte der christliche Impuls so, daß wir sagen können, die Vertreter dieses christlichen Impulses nehmen sich wahrhaftig wie ungebildete Leute aus in bezug auf die Intellektualität, in bezug auf Wissen von der Welt, gegenüber demjenigen, was zahlreiche gebildete römisch-griechische Menschen in sich trugen. Mitten in eine Welt reifster Intellektualität schieben sich Menschen ohne Bildung hinein. Und nun erleben wir ein merkwürdiges Schauspiel: Es breiten diese einfachen, primitiven Naturen, welche die Träger des ersten Christentums sind, dieses Christentum mit einer verhältnismäßig großen Schnelligkeit im Süden Europas aus. Und wenn wir heute mit dem, was wir, sagen wir durch die Anthroposophie, über das Wesen des Christentums verstehen können, herantreten an diese einfachen, primitiven Naturen, die dazumal das Christentum ausbreiteten, so dürfen wir uns sagen: Diese primitiven Naturen verstanden von dem Wesen des Christus — wir brauchen gar nicht einmal zu denken an den großen kosmischen ChristusGedanken, der heute durch die Anthroposophie aufgehen soll, wir können an viel einfachere Christus-Gedanken denken -, die damaligen Träger des christlichen Impulses, die sich hineinschieben in die griechische hochentwickelte Bildung, verstanden von alldem nichts. Sie hatten nichts auf den Markt des griechisch-römischen Lebens zu tragen als ihre persönliche Innerlichkeit, die sie sich als ihr persönliches Verhältnis zu dem geliebten Christus herausgebildet hatten; denn sie liebten wie ein Glied einer geliebten Familie eben dieses Verhältnis. Diejenigen, die hereintrugen in das damalige Griechen- und Römertum das Christentum, das sich bis in unsere Zeit fortgebildet hat, das waren nicht gebildete Theologen oder Theosophen, das waren nicht Gebildete. Die gebildeten Theosophen der damaligen Zeit, die Gnostiker, haben zwar zu hohen Ideen über den Christus sich erhoben, aber sie haben auch nur geben können, was wir auf die emporschnellende Waagschale legen müssen. Wäre es auf die Gnostiker angekommen, das Christentum hätte gewiß nicht seinen Siegeszug durch die Welt genommen. Es war keine besonders ausgebildete Intellektualität, die sich vom Osten hereinschob und in verhältnismäßiger Schnelligkeit das alte Griechentum und Römertum zum Sinken brachte. Das ist die Sache von der einen Seite betrachtet.
[ 8 ] The Christian impulse pushed itself into this world. At that time the representatives of the Christian impulse were truly uneducated people in respect to intellectuality, to knowledge of the world, compared to the many Greek-Roman educated people. People without education pushed into the middle of a world of mature intellectuality. And now we can observe a strange scene: those simple, primitive natures who were the bearers of early Christianity were able to propagate it in a relatively short time in Southern Europe. And when we approach these simple, primitive souls who at that time spread Christianity, we may say: Those primitive natures understood the Being of Christ. (We don't have to consider the great cosmic Christ thoughts, but only much simpler Christ thoughts.) The bearers of the Christ impulse who entered into the arena of highly developed Greek culture didn't understand it at all. They had nothing to bring to the market of Greek-Roman life except their personal inwardness, which they had developed as their personal relationship to their beloved Christ; for they loved as a member of a beloved family just through this relationship. Those who brought Christianity to Greece and Rome were not educated theosophists; they were unlettered. The educated theosophists of that time, the Gnostics, had elevated ideas about Christ, but they could only give what we would have to place on the rising scale of the weighing balance. If it had depended on the Gnostics, Christianity would surely not have made its way through the world. It was no particularly educated intellectuality which came from the east and in a relatively short time brought ancient Greece and Rome to their knees. That's one side of the story.
[ 9 ] Von der anderen Seite betrachtet, sehen wir uns die intellektuell hochstehenden Menschen an, von Celsus, dem Feinde des Christentums, der damals schon alles das aufgebracht hat, was man heute noch dagegen sagen kann, bis zu dem Philosophen auf dem Throne, Mark Aurel, Sehen wir uns die feingebildeten Neuplatoniker an, die damals Ideen aufbrachten, gegen die heute die Philosophie ein Kinderspiel ist, und die unsere heutigen Ideen weit übertrafen an Höhe, an Weite des Gesichtskreises. Und sehen wir alles, was diese Geister gegen das Christentum vorzubringen hatten, und durchdringen wir uns mit dem, was diese intellektuell Hochstehenden im griechischen und römischen Geist gegen das Christentum vorzubringen hatten von dem Standpunkte der griechischen Philosophie aus, so bekommen wir den Eindruck: die alle haben den Christus-Impuls nicht verstanden. Wir sehen, das Christentum breitet sich aus durch Träger, die von dem Wesen des Christentums nichts verstehen; es wird bekämpft von einer hohen Kultur, die nichts begreifen kann von dem, was der Christus-Impuls bedeutet. Merkwürdig tritt das Christentum in die Welt, so, daß Anhänger und Gegner von seinem eigentlichen Geiste nichts verstehen. Und doch: die Kraft haben Menschen in der Seele getragen, diesen Christus-Impuls zum Siegeszuge durch die Welt zu bringen.
[ 9 ] From the other side we see intellectually superior people such as Celsus, Christianity's enemy, and even the philosopher on the throne, Marcus Aurelius, who used every contrary argument imaginable. Look at the immensely learned Neo-Platonists, who formulated ideas compared to which contemporary philosophy is child's play, and which surpasses our current ideas in profundity and horizon. And look at how these highly cultured people argued against Christianity, how they argued from the standpoint of Greek philosophy, and we have the impression that none of them understood the Christ-impulse. We see that Christianity was spread by bearers who understood nothing of the essence of Christianity; it was fought against by a high culture which could not understand what the Christ-impulse meant. It is noteworthy that Christianity entered the world in such a way that neither its adherents not its enemies understood its underlying spirit. Nevertheless those people had the strength in their souls to spread the Christ-impulse triumphantly throughout the world.
[ 10 ] Und sehen wir uns diejenigen an, die selbst mit einer gewissen Größe für das Christentum eintreten, wie der berühmte Kirchenvater Tertullian. Wir sehen in ihm einen Römer, der in der 'Tat, wenn wir seine Sprache ins Auge fassen, fast ein Neuschöpfer der römischen Sprache ist, der mit einer Treffsicherheit neue Worte prägte, die uns eine bedeutende Persönlichkeit erkennen lassen. Wenn wir uns aber fragen: Wie steht es mit der Christus-Idee des Tertullian? — da wird die Sache anders. Da finden wir, daß er eigentlich recht wenig Intellektualität, geistige Höhe zeigt. Auch die Verteidiger des Christentums bringen nicht viel zustande. Und dennoch, sie sind wirksam, als Persönlichkeiten wirksam, solche Geister wie Tertullian, auf dessen Gründe gebildete Griechen wirklich nicht viel geben konnten. Trotzdem wirkt er hinreißend; aber durch was? Das ist es, worauf es ankommt! Fühlen wir, daß hier sich wirklich eine Frage vor die Seele stellt! Durch was wirken die Träger des Christus-Impulses denn, die selbst von dem, was der Christus-Impuls eigentlich ist, nicht viel verstehen? Durch was wirken die christlichen Kirchenväter, selbst bis auf Origenes, denen man die Ungeschicklichkeit in bezug auf das Verständnis des Christus-Impulses ansieht? Was ist es, was selbst die bis zu einer solchen Höhe gestiegene griechisch-römische Bildung nicht verstehen konnte an dem Wesen des Christus-Impulses? Was ist das alles?
[ 10 ] And such as Tertullian, who represented Christianity with a certain greatness. We see in him a Roman who was in fact, when we look at his language, almost a re-creator of the Roman language, who with an unerring accuracy enlivened words to the extent that we recognize him as an important personality. When we ask ourselves, however, about Tertullian's ideas, it's something else. We find that he showed very little intellectuality or high culture. Even Christianity's defenders didn't accomplish much. Nevertheless, such as Tertullian were effective, effective as personalities, for which reason educated Greeks could not really do much. He was awe-inspiringly effective through something. But what? That is the important thing. We feel that this is really all important. Through what did the bearers of the Christ-impulse work when they themselves didn't understand much about what the Christ-impulse is? Through what did the Christian Church Fathers work, even Origenes, who is considered unskillful. What is it that even Greek-Roman culture could not understand about the essence of the Christ-impulse? What is it all about?
[ 11 ] Aber gehen wir weiter. Dieselbe Erscheinung tritt uns bald in einer noch schärferen Weise entgegen, wenn wir das geschichtliche Leben betrachten. Wir sehen, wie die Jahrhunderte kommen, in denen das Christentum sich ausbreitet innerhalb der europäischen Welt unter Völkern, die wie die germanischen von ganz anderen Religionsvorstellungen herkommen, welche als Völker eins sind oder wenigstens eins zu sein scheinen mit ihren religiösen Vorstellungen, und die dennoch mit voller Kraft diesen Christus-Impuls aufnahmen, wie wenn er ihr eigentliches Leben wäre. Und wenn wir uns die wirksamsten Glaubensboten in den germanischen Völkern betrachten, waren das scholastisch-theologisch gebildete Leute? Ganz und gar nicht! Es waren diejenigen, die mit verhältnismäßig primitiver Seele unter den Leuten einherzogen und in primitiver Weise, mit den allernächsten, alltäglichsten Vorstellungen zu den Leuten sprachen, aber unmittelbar ihre Herzen ergriffen. Sie verstanden die Worte so zu setzen, daß sie die tiefsten Saiten derjenigen berühren konnten, zu denen sie sprachen. Einfache Leute zogen hinaus in alle Gegenden, und gerade die wirkten am bedeutsamsten.
[ 11 ] But let's go farther. The phenomenon becomes more pronounced as we consider subsequent history. We see how over the centuries Christianity spread within Europe to peoples who, like the Germanic, derived from completely different religious traditions and who were united as a people, or at least seem to be united in their religious traditions. Nevertheless they accepted the Christ-impulse with all their strength, as though it were their own life. And when we consider the most effective messengers of faith in the Germanic peoples – were they the scholastic theologically educated ones? By no means! They were relatively primitive souls who went about among the people and in a primitive way, using ordinary ideas, speaking to the people, and captured their hearts completely. They knew how to use words in such a way that they touched the deepest heart strings of their listeners. Simple people went out to all regions, and it was they who worked most effectively.
[ 12 ] So sehen wir die Verbreitung des Christentums durch die Jahrhunderte hindurch. Dann aber bewundern wir, wie eben dasselbe Christentum zum Anlaß wird bedeutsamer Gelehrsamkeit, Wissenschaft und Philosophie. Wir unterschätzen nicht diese Philosophie, aber heute wollen wir einmal den Blick hinwenden auf jene eigentümliche Erscheinung, daß das Christentum bis in das Mittelalter unter Völkern sich ausbreitet, die bis dahin ganz andere Vorstellungsformen in ihrem Gemüte getragen haben, so daß es bald zu ihrer Seele gehörte. Und in nicht allzu ferner Zukunft wird man noch manches andere betonen, wenn man von der Ausbreitung des Christentums spricht. Wenn man von der Wirkung des christlichen Impulses spricht, kann man leicht verstanden werden dann, wenn man davon spricht, daß in einer bestimmten Zeit gleichsam die Früchte der Ausbreitung des Christentums sich so gezeigt haben, daß man sagen kann: es ging Begeisterung aus dieser Verbreitung des Christus-Impulses hervor. Aber wenn wir in die neueren Zeiten heraufkommen, da scheint abgedämpft zu werden, was wir durch das Mittelalter hindurch als sich ausbreitendes Christentum betrachten können.
[ 12 ] So we see the spread of Christianity over the centuries. But then we wonder at how this same Christianity is the grounds for so much significant scholarship, science and philosophy. We don't underestimate this philosophy, but today we want to direct our attention to an extraordinary phenomenon—that up until the Middle Ages Christianity spread among peoples who had quite other ideas in their minds, until it belonged to their souls. And in the not too distant future still other things will be emphasized about the spread of Christianity. When we consider the effect of the Christian impulse, it is easy to understand that in a certain time enthusiasm arose through the spreading of Christianity. But when we come to modern times this enthusiasm seems to be muted.
[ 13 ] Betrachten wir die Zeit des Kopernikus, die Zeit der aufkeimenden Naturwissenschaft bis in das 19. Jahrhundert hinein. Es könnte so scheinen, als ob diese Naturwissenschaft, dasjenige was seit Kopernikus in das abendländische Geistesleben sich hineingearbeitet hat, dem Christentum entgegengearbeitet hätte. Äußere Tatsachen könnten das erhärten. Die katholische Kirche zum Beispiel hatte Kopernikus bis in die zwanziger Jahre des 19, Jahrhunderts hinein auf dem sogenannten Index stehen. Sie hat Kopernikus als ihren Feind angesehen. Aber das sind äußere Dinge. Das hinderte doch nicht, daß Kopernikus ein Domherr war. Und wenn die katholische Kirche Giordano Bruno auch verbrannt hat, so hinderte das nicht, daß er ein Dominikaner war. Sie beide sind eben aus dem Christentum heraus zu ihren Ideen gekommen. Sie haben aus dem christlichen Impulse heraus gehandelt. Derjenige versteht die Sache schlecht, der sich auf dem Boden der Kirche halten und glauben wollte, daß das nicht Früchte des Christentums gewesen wären. Es wird durch die angeführten Tatsachen nur bewiesen, daß die Kirche die Früchte des Christentums sehr schlecht verstanden hat; sie brauchte bis ins 19. Jahrhundert hinein Zeit, um einzusehen, daß man die Ideen des Kopernikus nicht durch den Index unterdrücken kann. Derjenige, der die Dinge tiefer sieht, wird doch anerkennen müssen, daß alles, was die Völker getan haben auch in den neueren Jahrhunderten, ein Resultat, ein Ergebnis des Christentums ist, daß sich durch das Christentum der Blick der Menschen hinausgewendet hat von der Erde in die Himmelsweiten, wie es durch Kopernikus und Giordano Bruno geschehen ist. Das war nur innerhalb der christlichen Kultur und durch den christlichen Impuls möglich.
[ 13 ] Let us consider Copernicus and natural science up to the nineteenth century. It could seem that this natural science, which since Copernicus has penetrated western culture, was opposed to Christianity. Certain facts can substantiate this. The Catholic Church, for example, placed Copernicus on the so-called Index until the twenties of the nineteenth century. But that didn't change the fact that Copernicus had been a canon. And when the Catholic Church burned Giordano Bruno at the stake, it didn't change the fact that he was a Dominican. Both of them came to their ideas through Christianity. They acted from the Christian impulse. Those who held to the Catholic Church and thought that these things weren't the fruits of Christianity, understood wrong. It only proves that the Catholic Church did not understand the fruits of Christianity. Whoever looks more deeply will recognize that everything the peoples did, also in later centuries, is a result of Christianity; that through Christianity humanity looked up from the earth to the vastness of the heavens, as a result of the Copernican Laws. That was only possible within Christian culture and the Christian impulse. And he who does not consider only the surface, but delves into the profundities of spiritual life, will find something which seems paradoxical, but is nevertheless true. For such a deeper consideration, it would seem impossible that a Haeckel could appear in all his animosity towards Christianity without his having appeared from out of Christianity. Ernst Haeckel is not even possible without the prerequisite of Christian culture. And modern natural scientific development, despite being so occupied with animosity towards Christianity, is a child of Christianity, a direct continuation of the Christian impulse.
[ 14 ] Und für denjenigen, der das geistige Leben nicht an der Oberfläche, sondern in den Tiefen betrachtet, für den ergibt sich etwas, das, wenn ich es jetzt ausspreche, recht paradox erscheinen wird, aber dennoch richtig ist. Für eine solche tiefere Betrachtung erscheint es nämlich unmöglich, daß ein Haeckel entstanden wäre so, wie er dasteht in aller seiner Christus-Gegnerschaft, ohne daß er entstanden wäre aus dem Christentum heraus. Ernst Haeckel ist ohne die Voraussetzung der christlichen Kultur gar nicht möglich. Und die ganze neuere naturwissenschaftliche Entwickelung, wenn sie sich auch noch so sehr bemüht, Gegnerschaft des Christentums zu entwickeln, alle diese neuere Naturwissenschaft ist ein Kind des Christentums, eine direkte Fortsetzung des christlichen Impulses. Die Menschheit wird, wenn erst die Kinderkrankheiten der neueren Naturwissenschaft ganz abgestreift sind, schon einsehen, was das bedeutet, daß der Ausgangspunkt der neueren Naturwissenschaft, konsequent verfolgt, wirklich in die Geisteswissenschaft hineinführt, daß es einen ganz konsequenten Weg gibt von Haeckel in die Geisteswissenschaft hinein. Wenn man das begreifen wird, wird man auch einsehen, daß Haeckel ein durch und durch christlicher Kopf ist, wenn er auch selber nichts davon weiß. Die christlichen Impulse haben nicht nur hervorgebracht, was sich christlich nennt und nannte, sondern auch dasjenige, was wie eine Gegnerschaft gegen das Christentum sich geriert. Man muß die Dinge nicht nur auf ihre Begriffe hin untersuchen, sondern auf ihre Realität hin, dann kommt man schon zu dieser Erkenntnis. Aus der darwinistischen Entwickelungslehre führt, wie Sie in dem kleinen Schriftchen von mir über «Reinkarnation und Karma» sehen können, ein gerader Weg zu der Lehre der wiederholten Erdenleben.
[ 14 ] Once the teething problems of natural science have been overcome, humanity will realize what it means that the starting point of modern natural science, logically followed, leads directly to spiritual science, that there is a logical path from Haeckel to spiritual science. When that is understood, it will be accepted that Haeckel has a Christian mentality, even though he doesn't realize it. Not only what is called and has been called Christian has been brought forth by the Christian impulse, but also what has agitated against Christianity has been brought forth from the Christian impulse. One must not only investigate things according to their concepts, but also according to their reality in order to arrive at this knowledge. Darwin's Theory of Evolution leads directly to the teaching of repeated earth lives, as you can read in my book “Reincarnation and Karma”.
[ 15 ] Um aber auf dem richtigen Boden zu stehen in bezug auf diese Dinge, muß man in einer gewissen Weise das Walten der christlichen Impulse unbefangen beobachten können. Derjenige, der den Darwinismus, den Haeckelismus versteht, und der selber ein wenig durchdrungen ist von dem, wovon Haeckel noch gar nichts weiß - Darwin aber wußte noch manches -, daß diese beiden Bewegungen nur als christliche Bewegungen möglich waren, wer das versteht, kommt ganz konsequent zu der Reinkarnationsidee. Und wer zu Hilfe ziehen kann eine gewisse hellseherische Kraft, der kommt auf diesem Wege ganz konsequent zu dem geistigen Ursprung des Menschengeschlechts. Es ist zwar ein Umweg, aber, wenn Hellsichtigkeit hinzukommt, ein richtiger Weg von dem Haeckelismus zu der geistigen Auffassung des Erdenursprungs. Aber auch der Fall ist denkbar, daß man den Darwinismus nimmt, wie er heute sich darbietet, ohne aber durchdrungen zu sein von den Lebensprinzipien des Darwinismus selbst; mit anderen Worten: wenn man den Darwinismus aufnimmt als einen Impuls und nichts in sich fühlt von einem tieferen Verständnis des Christentums, das doch im Darwinismus liegt, dann kommt man zu etwas sehr Eigentümlichem. Dazu kann man kommen, daß man durch solche geistige Beschaffenheit der Seele gleich wenig vom Christentum und vom Darwinismus versteht. Man kann dann von dem guten Geiste des Christentums ebenso verlassen sein wie von dem guten Geiste des Darwinismus. Hat man aber den guten Geist des Darwinismus, dann mag man noch so materialistisch sein, dann kommt man immer weiter zurück in der Erdengeschichte bis auf den Punkt, wo man erkennt, daß der Mensch niemals aus niederen Tierformen sich herausentwickelt hat, daß er einen geistigen Ursprung haben muß. Man kommt zurück auf den Punkt, wo man den Menschen als geistiges Wesen gleichsam schwebend über der Erdenwelt schaut. Der konsequente Darwinismus wird dazu führen. Ist man aber von seinem guten Geiste verlassen, dann kann man glauben, wenn man zurückgeht und ein Anhänger der Reinkarnationsidee ist, man habe einmal selber als Affe gelebt auf irgendeiner Inkarnation der Erde selbst. Wenn man das glauben kann, dann muß man sowohl von dem guten Geiste des Darwinismus als auch des Christentums verlassen sein, dann muß man von beiden nichts verstehen. Denn niemals könnte einem konsequenten Darwinismus passieren, das zu glauben. Das heißt, man muß in ganz äußerlicher Weise die Reinkarnationsidee übertragen auf diese materialistische Kultur. Denn man kann den modernen Darwinismus gewiß seiner Christlichkeit entkleiden. Tut man das nicht, so wird man finden, daß bis in unsere Zeit hinein die darwinistischen Impulse aus dem Christus-Impuls geboren worden sind, daß die christlichen Impulse auch da wirken, wo man sie verleugnet. So haben wir nicht nur die Erscheinung, daß das Christentum sich in den ersten Jahrhunderten abgesehen von der Gelehrsamkeit und dem Wissen der Anhänger und Bekenner ausbreitet, daß es sich ausbreitet im Mittelalter so, daß höchst wenig dazu beitragen können die gelehrten Kirchenväter und die Scholastiker, sondern wir haben in unserer Zeit die noch paradoxere Erscheinung, daß das Christentum wie in seinem Gegenbilde im Materialismus unserer heutigen Naturwissenschaft erscheint, und alle Größe, alle ihre Tatkraft doch aus den christlichen Impulsen hat. Die christlichen Impulse, die in ihr liegen, werden diese Wissenschaft von selbst über den Materialismus hinausführen.
[ 15 ] In order to stand on solid ground in relation to these things, one must in a certain sense observe the force of the Christian impulse impartially. Whoever understands Darwinism and Haeckelism and is familiar with what Haeckel does not know (Darwin knew quite a bit), knows that the Darwinist movement is only possible as a Christian movement. Understanding that, one comes quite logically to the reincarnation idea. And if he has the help of a certain clairvoyant power, he will arrive on this path quite logically to the spiritual origin of the human race. It is of course a detour, but when clairvoyance is added, it is a true path from Haeckelism to the spiritual origin of the earth. But it is also possible that one takes Darwinism as it is presented today, but without being conversant with the principles of life in Darwinism itself; in other words, if you accept Darwinism as an impulse and don't realize the profound understanding of Christianity which lies in Darwinism, something very peculiar happens. What can happen is that you have as little understanding of Christianity as you have of Darwinism. One may then be abandoned by the good spirit of Christianity as well as by the good spirit of Darwinism. If one is imbued with the good spirit of Darwinism, however, then one can be ever so materialistic, and still be led back to a point in the history of the earth where it becomes clear that man never evolved from lower animal forms, that he must have had a spiritual origin. One goes back to a point in time and sees man as a spiritual being hovering over the earth. A logical Darwinism will lead to that. If on the other hand one is abandoned by the good spirit and goes back in time as a believer in reincarnation, one can think that he once lived as an ape during an incarnation. If one can believe that, it means that he has been abandoned by the good spirits of both Darwinism and Christianity and understands nothing of either. For logical Darwinism could never lead one to believe that. This means that the reincarnation idea must be quite openly transmitted to this materialistic culture. It is certainly possible to divest Darwinism of its Christianity. If not, however, one will find that the Darwinist impulses were born of Christianity, and that the Christian impulses also work where they are denied. So we have not only the phenomenon that Christianity spread during the first centuries irrespective of scholarship and the knowledge of its followers and believers; that it spread during the Middle Ages with very little help from the scholastics; then we have the paradoxical phenomenon that Christianity appeared as a kind of counterpart in Darwinism. And the greatness of the idea in Darwinism derives its force from Christian impulses. The Christian impulses which underlie it will lead this science away from materialism.
[ 16 ] Sonderbar ist es mit den christlichen Impulsen! Intellektualität, Wissen, Gelehrsamkeit, Erkenntnis scheinen gar nicht dabei zu sein bei der Ausbreitung dieser Impulse. Ganz etwas anderes scheint ihre Ausbreitung in der Welt zu bedingen. Man möchte sagen, das Christentum breitet sich aus, was auch die Menschen für oder dagegen denken, ja sogar so, daß es wie in ein Gegenteil verkehrt im modernen Materialismus erscheint. Was breitet sich denn da aus? Die christlichen Ideen sind es nicht, die christliche Wissenschaft ist es nicht. Man könnte noch sagen, das moralische Gefühl breitet sich aus, das durch das Christentum eingepflanzt worden ist. Aber man sehe nur an das Walten der Moral in diesen Zeiten, und man wird mancherlei berechtigt finden von dem, was aufgezählt werden kann an Wut der Vertreter des Christentums gegen wirkliche oder vermeintliche Gegner des Christentums. Auch die Moral, die walten konnte in den Seelen, die intellektuell nicht hoch gebildet sind, wird uns nicht sehr imponieren können, wenn wir sie ins Auge fassen auch da, wo sie wirklich am christlichsten denkt. Was breitet sich denn da aus? Was ist dieses Sonderbare? Was ist es, was im Siegeszuge durch die Welt geht? Fragen wir darüber nun die Geisteswissenschaft, das hellsichtige Bewußtsein! Was waltete in den ungebildeten Menschen, die sich von Osten nach Westen hineinschieben in das hochgebildete Griechen- und Römertum? Was waltet in den Menschen, die in die germanische, in die fremde Welt das Christentum hineingetragen haben? Was waltet in der modernen materialistischen Naturwissenschaft, wo die Lehre ihr Angesicht gleichsam noch verhüllt? Was waltet in all diesen Seelen, wenn es nicht intellektuelle, nicht einmal moralische Impulse sind? Was ist es denn? — Es ist der Christus selbst, der von Herz zu Herz, von Seele zu Seele zieht, der durch die Welt ziehen und wirken kann, gleichgültig, ob die Seelen ihn verstehen oder nicht durch diese Entwickelung im Laufe der Jahrhunderte!
[ 16 ] There is something curious about the Christian impulses! Intellectuality, knowledge, learning appear not to have been present during the spreading of these impulses. One could say that Christianity spread regardless of what people think for or against it, so much so that it seems to have found its antithesis in modern materialism. What is it then which spreads? Not Christian ideas, not the science of Christianity. One could still say that the moral feelings which are planted through Christianity are spread. One has only to observe the rule of morality in these times and one will find much justification for the anger of the representatives of Christianity against real or alleged enemies of Christianity. Also the morals which could reign in the souls of the less educated do not impress us much when we observe to what extent they are Christian. What is it then which spreads? What is so curious? What is it which marches through the world like a victorious procession? What worked in the people who brought Christianity to the Germanic, to the foreign world? What works in modern natural science, where the teaching is still veiled? What works in all those souls, if it isn't intellectual, not even moral impulses? What is it? It is Christ himself, who goes from heart to heart, soul to soul, who traverses the world over the centuries, whether or not people understand him!
[ 17 ] Wir sind gezwungen, von unseren Begriffen, von aller Wissenschaft abzusehen und auf die Realität hinzuweisen, zu zeigen, wie geheimnisvoll der Christus selber wandelt in vielen tausenden Impulsen, Gestalt annehmend in den Seelen, in viele Tausende und aber Tausende untertauchend und die Menschen erfüllend durch die Jahrhunderte. In den einfachen Menschen ist es der Christus selbst, der über die griechische und italische Welt schreitet, der nach Westen und nach Norden hin immer mehr Menschenseelen ergreift. Bei den späteren Lehrern, die den germanischen Völkern das Christentum bringen, ist es der Christus selbst, der ihnen zur Seite wandelt. Er ist es, der wirkliche, wahrhaftige Christus, der auf der Erde waltet wie die Seele der Erde selber, der von Ort zu Ort, von Seele zu Seele zieht und, ganz gleichgültig was die Seelen über den Christus denken, in diese Seelen einzieht. Einen trivialen Vergleich möchte ich gebrauchen: Wie viele Menschen gibt es, die gar nichts verstehen von der Zusammensetzung der Nahrungsmittel und die sich doch nähren nach allen Regeln der Kunst. Es wäre doch eigentlich zum Verhungern, wenn man die Nahrungsmittel kennen müßte, bevor man sich nähren könnte. Das Sich-nähren-Können hat nichts zu tun mit dem Verständnis der Nahrungsmittel. So hatte die Ausbreitung des Christentums über die Erde hin nichts zu tun mit dem Verständnis, das man dem Christentum entgegenbrachte. Das ist das Eigentümliche. Da waltet ein Geheimnis, das nur dadurch aufgeklärt werden kann, daß man die Antwort gibt auf die Frage: Wie waltet der Christus selber in den menschlichen Gemütern? Und wenn nun die Geisteswissenschaft, die hellseherische Betrachtung, sich diese Frage stellt, dann wird sie zunächst auf ein Ereignis gelenkt, das im Grunde nur durch die hellseherische Betrachtung wirklich enthüllt werden kann, das äußerlich in der Tat in vollem Einklange steht mit allem, was ich heute gesprochen habe. Eines werden wir sehen, was in der Zukunft immer mehr wird verstanden werden müssen: Die Zeit ist vorüber, in welcher der Christus so gewirkt hat, wie ich eben charakterisiert habe, und die Zeit ist gekommen, wo die Menschen den Christus werden verstehen müssen, erkennen müssen.
[ 17 ] We are obliged to put aside our ideas and our science and point to the reality, in order to show how mysteriously Christ himself changes into many thousands of impulses, immersing in thousands and thousands of souls and suffusing humanity. It is Christ himself who strode in the simple men through the Greek and Italian world; it is Christ himself who stood at the side of the later teachers who brought Christianity to the Germanic peoples. It is He, the real, true Christ, who goes from place to place, from soul to soul, regardless of what the people think of Christ, and immerses in their souls. I would like to use a trivial comparison. How many people are there who know nothing about the composition of food, yet eat according to all the rules of the art. They would starve if they had to know about nutrients before they could eat. Eating has nothing to do with the knowledge of foodstuffs. The spread of Christianity over the earth had nothing to do with the knowledge brought to bear on it. That is what is curious. This is a mystery, which can only be clarified if the answer is given to the question: How does Christ work in human minds and feelings? And if spiritual science, clairvoyant observation, poses this question, it will be guided to an event which in reality can only be revealed through clairvoyant observation, which is in complete agreement with all I have said today. Firstly, the time is over in which Christ worked as I have characterized, and the time has come when people must understand and recognize him.
[ 18 ] Deshalb ist es notwendig, auch die Frage sich zu beantworten, warum unserer Zeit die andere vorausgegangen ist, in der sich der Christus-Impuls ausbreiten konnte, ohne daß das Verständnis dazu notwendig war, ohne daß die Menschen mit ihrem Bewußtsein dabei waren. Ein Ereignis war es, wodurch dieses möglich war! Und das Ereignis, zu dem das hellseherische Bewußtsein weist, ist das sogenannte Pfingstereignis, die Aussendung des Heiligen Geistes. Daher war es, daß zuerst der hellseherische Blick, der angeregt worden ist durch den wirklichen Christus-Impuls im anthroposophischen Sinne, hingelenkt wurde auf dieses Pfingstereignis, die Aussendung des Heiligen Geistes. Hellseherisch betrachtet ist es das Pfingstereignis, was sich zuerst der Untersuchung darbietet, die von einem gewissen Gesichtspunkte aus geführt wird.
[ 18 ] Therefore it is necessary to answer the question: Why during the time which preceded ours, could the Christ-impulse spread without an understanding of it? And the event to which clairvoyant consciousness points is the so-called Pentecost event, the sending out of the Holy Spirit. Therefore the clairvoyant gaze, inspired by the true Christ-Impulse in an anthroposophical sense, is directed to the Pentecost event, the sending out of the Holy Spirit.
[ 19 ] Was geschah in jenem Augenblick der Weltentwickelung auf der Erde, der uns ziemlich unverständlich zunächst als das Herabkommen des Heiligen Geistes auf die Apostel dargestellt wird? Wenn man den hellseherischen Blick darauf hinwendet, untersucht, was da eigentlich geschehen ist, dann bekommt man eine geisteswissenschaftliche Antwort darauf, was gemeint ist damit, daß gesagt wird: Einfache Leute, wie ja auch die Apostel waren, fingen plötzlich an, in verschiedenen Zungen zu sprechen, was sie aus den Tiefen des geistigen Lebens heraus zu sagen hatten, und was man ihnen nicht zumutete. Ja, dazumal fingen das Christentum, die christlichen Impulse an, sich so auszubreiten, daß sie unabhängig wurden von dem Verständnis der Menschen, in deren Gemütern sie sich ausbreiteten.
[ 19 ] What occurred at that moment in the evolution of the world on earth, which is presented as the Holy Spirit descending upon the apostles, which at first seems quite unintelligible to us? When one views this clairvoyantly, investigates [it], one arrives at a spiritual scientific answer as to what is meant with: Simple people, which the apostles were, suddenly began to speak in various tongues about what they had to say from the depths of spiritual life, and which was not expected of them. Yes, then Christianity, the Christian impulses, began to spread independently of the people's understanding of them.
[ 20 ] Von dem Pfingstereignis aus ergießt sich dann der Strom der Christus-Kraft über die Erde hin, der charakterisiert worden ist. Was ist denn das Pfingstereignis gewesen? Diese Frage trat an die Geisteswissenschaft heran, und mit der Antwort auf diese Frage, mit der geisteswissenschaftlichen Antwort auf die Frage: Was war das Pfingstereignis? — beginnt das Fünfte Evangelium, und damit wollen wir morgen unsere Betrachtungen fortsetzen.
[ 20 ] The stream which has been described flowed out from the Pentecost event. What was then the Pentecost event? The question was asked of spiritual science, and with the answer to this question, the spiritual scientific answer to the question: What was the Pentecost event? the Fifth Gospel begins.
