Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

From Akashic Research
The Fifth Gospel
GA 148

1 October 1913, Oslo

Translate the original German text into any language:

Erster Vortrag

First Lecture

[ 1 ] Das Thema, über das ich in diesen Tagen zu sprechen gedenke, erscheint mir in bezug auf die heutige Zeit und auf die heutigen Verhältnisse als ein ganz besonders wichtiges. Ich möchte von vornherein betonen, daß es nicht etwa irgendeiner Sensationslust oder ähnlichen Dingen entspringt, daß das Thema gerade den Inhalt hat: Das Fünfte Evangelium. Denn ich hoffe zeigen zu können, daß in der 'Tat von einem solchen Fünften Evangelium in einem gewissen Sinne, und zwar in einem solchen Sinne, der uns besonders wichtig sein muß in unserer Gegenwart, gesprochen werden kann, und daß sich für dasjenige, was damit gemeint ist, in der Tat kein anderer Name besser eignet als der Name «Das Fünfte Evangelium». Dieses Fünfte Evangelium ist ja, wie Sie hören werden, in einer Niederschrift heute noch nicht vorhanden. Aber es wird gewiß in Zukunftstagen der Menschheit auch in ganz bestimmter Niederschrift vorhanden sein. In einem gewissen Sinne aber könnte man sagen, es ist dieses Fünfte Evangelium so alt wie die vier anderen Evangelien.

[ 1 ] The topic I intend to discuss in the coming days strikes me as particularly important in light of the present time and current circumstances. I would like to emphasize from the outset that this topic— The Fifth Gospel. For I hope to be able to show that, in a certain sense—and indeed in a sense that must be of particular importance to us in the present—we can indeed speak of such a Fifth Gospel, and that no other name is in fact better suited to what is meant by it than the name “The Fifth Gospel.” This Fifth Gospel, as you will hear, does not yet exist in written form today. But it will certainly exist in a very specific written form in the days to come for humanity. In a certain sense, however, one could say that this Fifth Gospel is as old as the other four Gospels.

[ 2 ] Damit ich aber von diesem Fünften Evangelium sprechen kann, ist . es notwendig, daß wir uns heute in einer Art Einleitung verständigen über einige wichtige Punkte, die zum völligen Begreifen dessen, was wir nunmehr nennen wollen das Fünfte Evangelium, notwendig sind. Und zwar möchte ich ausgehen davon, daß ganz gewiß die Zeit nicht mehr fernliegen wird, in welcher schon in den niedrigsten Schulen, schon im primitivsten Unterricht die Wissenschaft, die man gewöhnlich die Geschichte nennt, sich etwas anders anhören wird, als sie sich bisher angehört hat. Es wird nämlich ganz gewiß - und die nächsten Tage sollen es uns gewissermaßen beweisen -, es wird ganz gewiß der Christus-Begriff, die Christus-Vorstellung, in der Geschichtsbetrachtung der Zukunft eine ganz andere, wichtigere Rolle spielen, auch schon in der elementarsten Geschichtsbetrachtung, als sie bisher gespielt hat. Ich weiß, daß ich mit diesem Satze eigentlich etwas ungeheuer Paradoxes ausspreche. Bedenken wir doch, daß wir ja zurückgehen können auf gar nicht so weit zurückliegende Zeiten, in denen unzählige Herzen in einer viel intensiveren Weise ihre Gefühle und Empfindungen zu dem Christus hinrichteten unter den einfachsten wie unter den gebildetsten Bewohnern der westlichen Länder Europas, mehr als dies heute der Fall ist. In einem ungeheuer erheblicheren Maße war das in früherer Zeit der Fall. Wer Umschau hält im Schrifttum der Gegenwart, wer nachdenkt über das, was den gegenwärtigen Menschen hauptsächlich interessiert, woran er sein Herz hängt, der wird den Eindruck haben, daß der Enthusiasmus, die Ergriffenheit der Empfindung für die Christus-Vorstellung im Abnehmen ist, insbesondere im Abnehmen da, wo man auf eine gewisse, aus der Zeit heraus folgende Bildung Anspruch macht. Da erscheint es wohl paradox, wenn, wie ich eben betont habe, diese unsere Zeit darauf hinarbeitet, daß die Christus-Vorstellung in der Betrachtung der Geschichte der Menschheit in einer nicht fernen Zukunft eine viel bedeutendere Rolle spielt, als es bisher der Fall war. Scheint das nicht ein vollkommener Widerspruch zu sein?

[ 2 ] However, in order for me to speak about this Fifth Gospel, it is necessary that we first agree on a few important points—in a sort of introduction—that are essential for a complete understanding of what we shall henceforth call the Fifth Gospel. Specifically, I would like to start from the premise that the time is certainly not far off when, even in the lowest schools, even in the most basic instruction, the discipline commonly called history will sound somewhat different than it has until now. For it is quite certain—and the coming days will, so to speak, prove this to us—that the concept of Christ, the idea of Christ, will play a very different, more important role in the historical perspective of the future, even in the most elementary historical perspective, than it has played up to now. I know that in saying this I am actually expressing something tremendously paradoxical. Let us consider, after all, that we can look back to times not so long ago when countless hearts, among both the simplest and the most educated inhabitants of the Western countries of Europe, directed their feelings and emotions toward Christ in a far more intense way than is the case today. This was the case to a far greater extent in earlier times. Anyone who surveys contemporary literature, who reflects on what primarily interests people today, what they hold dear, will have the impression that enthusiasm and deep emotional response to the idea of Christ are on the wane, particularly where people claim a certain level of education derived from the times. It therefore seems paradoxical that, as I have just emphasized, our time is working toward a future—not too distant—in which the concept of Christ will play a far more significant role in the contemplation of human history than has been the case thus far. Does this not appear to be a complete contradiction?

[ 3 ] Nun wollen wir uns einmal von einer anderen Seite diesem Gedanken nähern. Ich habe auch hier in dieser Stadt schon öfter über die Bedeutung und den Inhalt der Christus-Vorstellung sprechen dürfen. Und in Büchern und Zyklen, die hier aufliegen, finden Sie mannigfache Ausführungen aus den Tiefen der Geisteswissenschaft heraus über die Geheimnisse der Christus-Wesenheit und der Christus-Vorstellung. Jeder muß da die Meinung bekommen, wenn er das, was in Vorträgen, Zyklen und in unserem Schrifttum überhaupt gesagt worden ist, in sich aufnimmt, daß zu dem völligen Verstehen der ChristusWesenheit ein starkes, großes Rüstzeug gehört, daß man die tiefsten Begriffe, Vorstellungen und Ideen zu Rate ziehen muß, wenn man sich hinaufschwingen will zum völligen Verständnis dessen, was der Christus ist und was der Impuls ist, der als Christus-Impuls durch die Jahrhunderte gegangen ist. Man könnte vielleicht sogar, wenn nicht anderes dagegen spräche, zu der Vorstellung kommen, daß man erst die ganze 'Theosophie oder Anthroposophie kennen muß, um sich aufzuschwingen zu einer richtigen Vorstellung von dem Christus. Wenn wir aber absehen von dem und auf die Geistesentwickelung der verflossenen Jahrhunderte blicken, da tritt uns entgegen von Jahrhundert zu Jahrhundert dasjenige, was vorhanden ist an ausführlicher, tiefgründiger Wissenschaft, die bestimmt sein sollte, den Christus und seine Erscheinung zu begreifen. Durch Jahrhunderte hindurch haben die Menschen ihre höchsten und bedeutsamsten Ideen aufgewendet, um den Christus zu begreifen. Auch hier könnte es daraus nun scheinen, als ob nur die bedeutsarmmnsten intellektuellen Tätigkeiten des Menschen hinreichend sein würden, um den Christus zu verstehen. Ist das in der Tat so? Daß es nicht so ist, davon kann uns eine ganz einfache Erwägung den Beweis liefern.

[ 3 ] Now let us approach this idea from a different angle. I have often had the opportunity to speak here in this city about the significance and content of the concept of Christ. And in the books and lecture series available here, you will find manifold explanations, drawn from the depths of spiritual science, regarding the mysteries of the Christ Being and the concept of Christ. Anyone who takes in what has been said in lectures, cycles, and in our writings in general, that a strong, comprehensive foundation is required for a complete understanding of the Christ Being, and that one must draw upon the deepest concepts, ideas, and notions if one wishes to rise to a full comprehension of what Christ is and what the impulse is that has passed through the centuries as the Christ Impulse. One might even, if nothing else spoke against it, come to the conclusion that one must first know the whole of Theosophy or Anthroposophy in order to rise to a true conception of the Christ. But if we set that aside and look at the spiritual development of past centuries, we see, from century to century, the wealth of detailed, profound scholarship that was intended to grasp Christ and his appearance. Throughout the centuries, people have devoted their highest and most significant ideas to understanding Christ. Here, too, it might now seem as if only the most insignificant of human intellectual activities would suffice to understand Christ. Is this indeed the case? A very simple consideration can provide us with proof that it is not so.

[ 4 ] Legen wir einmal gleichsam auf eine geistige Waage alles dasjenige, was bisher an Gelehrsamkeit, Wissenschaft, auch an anthroposophischem Verständnis des Christus-Begriffes dazu beigetragen hat, den Christus zu begreifen. Legen wir das alles auf die eine Waagschale einer geistigen Waage und legen wir auf die andere Schale in unseren Gedanken alle die tiefen Gefühle, alle die Innigkeit in den Seelen der Menschen, die durch die Jahrhunderte zu dem sich gelenkt haben, was man den Christus nennt, und man wird finden, daß all die Wissenschaft, alle Gelehrsamkeit, selbst alle Anthroposophie, die wir aufbringen können zur Erklärung des Christus, in der Waagschale überraschend aufschnellt, und alle die tiefen Gefühle und Empfindungen, welche die Menschen hingelenkt haben zur Christus-Wesenheit, zur Erscheinung des Christus, die andere Waagschale tief, tief hinunterdrücken. Man sagt nicht zuviel, wenn man behauptet, daß eine ungeheure Wirkung von dem Christus ausgegangen ist, und daß das Allergeringste zu dieser Wirkung das Wissen von dem Christus beigetragen hat. Es hätte um das Christentum wahrhaftig recht schlecht gestanden, wenn die Menschen, um an dem Christus zu hängen, alle gelehrten Auseinandersetzungen des Mittelalters, der Scholastik und der Kirchenväter gebraucht hätten, oder wenn die Menschen nur bedürftig gewesen wären auch alles dessen, was wir heute durch die Anthroposophie aufbringen können zum Begreifen der Christus-Idee. Was man damit vermöchte, wäre wahrhaftig recht wenig. Ich glaube nicht, daß irgend jemand, der unbefangen den Gang des Christentums durch die Jahrhunderte hindurch betrachtet, gegen diese Gedanken etwas Ernstes einwenden könnte. Aber wir können uns diesem Gedanken noch von einer anderen Seite genauer nähern.

[ 4 ] Let us, as it were, place on one side of an intellectual scale everything that has contributed so far—in terms of scholarship, science, and even the anthroposophical understanding of the concept of Christ—to our comprehension of Christ. Let us place all of this on one pan of a spiritual scale, and let us place on the other pan, in our thoughts, all the deep feelings, all the intimacy in the souls of human beings that have been directed over the centuries toward what is called Christ, and we will find that all the science, all scholarship, even all the anthroposophy we can muster to explain Christ, surprisingly springs up in that pan, while all the deep feelings and emotions that have drawn people to the Christ-being, to the appearance of Christ, press the other pan deep, deep down. It is no exaggeration to say that an immense effect has gone out from the Christ, and that knowledge of the Christ has contributed the very least to this effect. Christianity would truly have been in a very poor state indeed if, in order to cling to Christ, people had needed all the scholarly debates of the Middle Ages, Scholasticism, and the Church Fathers, or if people had been dependent solely on everything we can bring to bear today through anthroposophy to grasp the idea of Christ. What one could achieve with that would truly be very little. I do not believe that anyone who objectively observes the course of Christianity through the centuries could raise any serious objection to these thoughts. But we can approach this idea more closely from another angle.

[ 5 ] Lassen wir den Blick zurückschweifen auf die Zeiten, in denen es noch kein Christentum gegeben hat. Ich brauche nur zu erinnern an dasjenige, was gewiß den meisten der hier befindlichen Seelen voll gegenwärtig ist. Ich brauche nur zu erinnern, wie im alten Griechenland die griechische Tragödie, insbesondere in ihren älteren Formen, wenn sie den kämpfenden Gott oder den Menschen, in dessen Seele der kämpfende Gott wirkte, darstellte, gleichsam wie von der Bühne herunter das göttliche Walten und Weben unmittelbar anschaulich machte. Ich brauche nur hinzuweisen, wie PTomer seine bedeutsame Dichtung ganz durchwoben hat mit dem Wirken des Geistigen, ich brauche nur hinzuweisen auf die großen Gestalten des So&rates, des Plato, des Aristoteles. Mit diesen Namen tritt vor unsere Seelen ein geistiges Leben höchster Art auf einem gewissen Gebiete. Wenn wir von allem übrigen absehen und nur zu der einen Gestalt des Aristoteles hinsehen, der Jahrhunderte vor der Begründung des Christentums gewirkt hat, so tritt uns entgegen, was in gewisser Weise keine Steigerung, keine Fortbildung bis in unsere Zeit erfahren hat. Das Denken, die Ausbildung der menschlichen Logik durch Aristoteles ist etwas so ungeheuer Vollkommenes auch heute noch, daß man sagen kann, es war etwas Höchstes erreicht im menschlichen Denken, so daß eine Steigerung bisher nicht geschehen ist.

[ 5 ] Let us cast our gaze back to the times when Christianity did not yet exist. I need only recall what is surely vividly present in the minds of most of you here. I need only recall how, in ancient Greece, Greek tragedy—especially in its earlier forms—when it depicted the struggling god or the human being in whose soul the struggling god was at work, made the divine working and weaving immediately vivid, as it were, right from the stage. I need only point out how Homer interwove the workings of the spiritual throughout his significant poetry; I need only point to the great figures of Socrates, Plato, and Aristotle. With these names, a spiritual life of the highest order in a certain realm appears before our souls. If we set aside everything else and look only at the figure of Aristotle, who was active centuries before the founding of Christianity, we encounter something that, in a certain sense, has undergone no enhancement or further development up to our time. Aristotle’s thinking and his development of human logic are so immensely perfect even today that one can say the highest level of human thought was attained, such that no further advancement has occurred to this day.

[ 6 ] Und nun wollen wir für einen Augenblick eine merkwürdige Hypothese aufstellen, die notwendig ist für die nächsten Tage. Wir wollen uns einmal vorstellen, daß es gar keine Evangelien gäbe, aus denen wir irgend etwas erfahren könnten über die Gestalt Christi. Wir wollen einmal annehmen, daß die ersten Urkunden, die der Mensch heute als Neues Testament in die Hand nimmt, gar nicht vorhanden wären, wollen uns denken, es gäbe gar keine Evangelien. Wir wollen gewisserrnaßen absehen von dem, was über die Gründung des Christentums gesagt ist, wollen nur den Gang des Christentums als eine geschichtliche Tatsache betrachten, wollen sehen, was geschehen ist unter den ‚Menschen durch die nachchristlichen Jahrhunderte hindurch; also ohne die Evangelien, Apostelgeschichte, Paulusbriefe und so weiter wollen wir nur betrachten, was tatsächlich geschehen ist. Das ist natürlich nur eine Hypothese, aber sie wird uns helfen zu dem, was wir erreichen wollen. Was ist nun geschehen in den Zeiten, die verflossen sind vor und seit der Begründung des Christentums?

[ 6 ] And now let us for a moment propose a curious hypothesis that is necessary for the coming days. Let us imagine for a moment that there were no Gospels at all from which we could learn anything about the figure of Christ. Let us assume for a moment that the earliest documents, which people today hold in their hands as the New Testament, did not exist at all; let us imagine that there were no Gospels at all. Let us deliberately set aside what is said about the founding of Christianity; let us simply regard the course of Christianity as a historical fact; let us see what happened among people throughout the post-Christian centuries; that is, without the Gospels, the Acts of the Apostles, the Epistles of Paul, and so on, let us simply consider what actually happened. This is, of course, only a hypothesis, but it will help us achieve what we aim for. What, then, has happened in the times that have passed before and since the founding of Christianity?

[ 7 ] Wenn wir zunächst den Blick auf den Süden Europas werfen, so haben wir in einem gewissen Zeitpunkte höchste menschliche Geistesbildung, wie wir sie eben in ihrem Repräsentanten Aristoteles vor die Seele gerufen haben, hochentwickeltes geistiges Leben, das in den nachfolgenden Jahrhunderten noch eine besondere Ausbildung erfahren hatte. Ja, es gab in der Zeit, in der das Christentum seinen Weg durch die Welt zu machen begann, im Süden Europas. zahlreiche griechisch gebildete Menschen, Menschen, die das griechische Geistesleben aufgenommen hatten. Wenn man bis zu jenem merkwürdigen Manne, der ein so heftiger Gegner des Christentums war, Ce/sas, und später noch die Entwickelung des Christentums verfolgt, so findet man im Süden Europas auf der griechischen und italienischen Halbinsel bis ins 2,, 3. nachchristliche Jahrhundert Menschen mit höchster Geistesbildung, zahlreiche Menschen, die sich angeeignet haben die hohen Ideen, die wir bei Plato finden, deren Scharfsinn wirklich sich ausnimmt wie eine Fortsetzung des Scharfsinnes des Aristoteles, feine und starke Geister mit griechischer Bildung, Römer mit griechischer Bildung, die zu einer Feingeistigkeit des Griechentums das Aggressive, Persönliche des Römertums hinzufügten.

[ 7 ] If we first turn our attention to southern Europe, we find, at a certain point in time, the highest level of human intellectual development—as we have just evoked in the mind through its representative, Aristotle—a highly developed intellectual life that underwent further refinement in the centuries that followed. Indeed, at the time when Christianity began to make its way through the world, there were numerous people in southern Europe who had been educated in the Greek tradition—people who had absorbed Greek intellectual life. If one traces the development of Christianity up to that remarkable man, Caesar, who was such a fierce opponent of Christianity, and even further into later times, one finds in southern Europe—on the Greek and Italian peninsulas—well into the 2nd and 3rd centuries AD, people of the highest intellectual cultivation, numerous people who had assimilated the lofty ideas found in Plato, whose acumen truly appears as a continuation of Aristotle’s acumen—refined and powerful minds with a Greek education, Romans with a Greek education, who added the aggressive, personal character of Roman culture to the refinement of Greek culture.

[ 8 ] In diese Welt hinein stößt der christliche Impuls. Dazumal lebte der christliche Impuls so, daß wir sagen können, die Vertreter dieses christlichen Impulses nehmen sich wahrhaftig wie ungebildete Leute aus in bezug auf die Intellektualität, in bezug auf Wissen von der Welt, gegenüber demjenigen, was zahlreiche gebildete römisch-griechische Menschen in sich trugen. Mitten in eine Welt reifster Intellektualität schieben sich Menschen ohne Bildung hinein. Und nun erleben wir ein merkwürdiges Schauspiel: Es breiten diese einfachen, primitiven Naturen, welche die Träger des ersten Christentums sind, dieses Christentum mit einer verhältnismäßig großen Schnelligkeit im Süden Europas aus. Und wenn wir heute mit dem, was wir, sagen wir durch die Anthroposophie, über das Wesen des Christentums verstehen können, herantreten an diese einfachen, primitiven Naturen, die dazumal das Christentum ausbreiteten, so dürfen wir uns sagen: Diese primitiven Naturen verstanden von dem Wesen des Christus — wir brauchen gar nicht einmal zu denken an den großen kosmischen ChristusGedanken, der heute durch die Anthroposophie aufgehen soll, wir können an viel einfachere Christus-Gedanken denken -, die damaligen Träger des christlichen Impulses, die sich hineinschieben in die griechische hochentwickelte Bildung, verstanden von alldem nichts. Sie hatten nichts auf den Markt des griechisch-römischen Lebens zu tragen als ihre persönliche Innerlichkeit, die sie sich als ihr persönliches Verhältnis zu dem geliebten Christus herausgebildet hatten; denn sie liebten wie ein Glied einer geliebten Familie eben dieses Verhältnis. Diejenigen, die hereintrugen in das damalige Griechen- und Römertum das Christentum, das sich bis in unsere Zeit fortgebildet hat, das waren nicht gebildete Theologen oder Theosophen, das waren nicht Gebildete. Die gebildeten Theosophen der damaligen Zeit, die Gnostiker, haben zwar zu hohen Ideen über den Christus sich erhoben, aber sie haben auch nur geben können, was wir auf die emporschnellende Waagschale legen müssen. Wäre es auf die Gnostiker angekommen, das Christentum hätte gewiß nicht seinen Siegeszug durch die Welt genommen. Es war keine besonders ausgebildete Intellektualität, die sich vom Osten hereinschob und in verhältnismäßiger Schnelligkeit das alte Griechentum und Römertum zum Sinken brachte. Das ist die Sache von der einen Seite betrachtet.

[ 8 ] It is into this world that the Christian impulse enters. At that time, the Christian impulse manifested itself in such a way that we can say the representatives of this Christian impulse truly appeared to be uneducated people in terms of intellectuality and knowledge of the world, compared to what many educated Roman-Greek people possessed within themselves. People without education were pushing their way into a world of the most mature intellectuality. And now we witness a strange spectacle: these simple, primitive souls, who are the bearers of early Christianity, are spreading this Christianity with relatively great speed throughout southern Europe. And when we approach these simple, primitive souls—who once spread Christianity—with what we can understand today about the essence of Christianity, say through anthroposophy, we may say to ourselves: These primitive souls understood the essence of Christ—we need not even think of the great cosmic Christ-idea that is to dawn today through anthroposophy; we can think of much simpler Christ-ideas—the bearers of the Christian impulse at that time, who were thrust into the highly developed Greek culture, understood none of that. They had nothing to offer the marketplace of Greco-Roman life but their personal inner life, which they had developed as their personal relationship to the beloved Christ; for they loved this very relationship as a member of a beloved family. Those who brought Christianity—which has continued to develop right up to our time—into the Greek and Roman worlds of that era were not educated theologians or theosophists; they were not educated people. The educated theosophers of that time, the Gnostics, did indeed rise to lofty ideas about Christ, but they could only offer what we must place on the ascending scale. Had it depended on the Gnostics, Christianity would certainly not have made its triumphant march through the world. It was not a particularly educated intelligentsia that pushed in from the East and brought ancient Greece and Rome to ruin with relative speed. That is the matter viewed from one side.

[ 9 ] Von der anderen Seite betrachtet, sehen wir uns die intellektuell hochstehenden Menschen an, von Celsus, dem Feinde des Christentums, der damals schon alles das aufgebracht hat, was man heute noch dagegen sagen kann, bis zu dem Philosophen auf dem Throne, Mark Aurel, Sehen wir uns die feingebildeten Neuplatoniker an, die damals Ideen aufbrachten, gegen die heute die Philosophie ein Kinderspiel ist, und die unsere heutigen Ideen weit übertrafen an Höhe, an Weite des Gesichtskreises. Und sehen wir alles, was diese Geister gegen das Christentum vorzubringen hatten, und durchdringen wir uns mit dem, was diese intellektuell Hochstehenden im griechischen und römischen Geist gegen das Christentum vorzubringen hatten von dem Standpunkte der griechischen Philosophie aus, so bekommen wir den Eindruck: die alle haben den Christus-Impuls nicht verstanden. Wir sehen, das Christentum breitet sich aus durch Träger, die von dem Wesen des Christentums nichts verstehen; es wird bekämpft von einer hohen Kultur, die nichts begreifen kann von dem, was der Christus-Impuls bedeutet. Merkwürdig tritt das Christentum in die Welt, so, daß Anhänger und Gegner von seinem eigentlichen Geiste nichts verstehen. Und doch: die Kraft haben Menschen in der Seele getragen, diesen Christus-Impuls zum Siegeszuge durch die Welt zu bringen.

[ 9 ] Looking at it from the other side, let us consider the intellectually distinguished figures, from Celsus, the enemy of Christianity, who even back then raised every objection that could still be made against it today, to the philosopher on the throne, Marcus Aurelius. Let us look at the highly educated Neoplatonists, who at that time put forward ideas against which philosophy today is child’s play, and which far surpassed our present-day ideas in depth and breadth of vision. And let us look at everything these minds had to say against Christianity, and let us immerse ourselves in what these intellectually superior figures of the Greek and Roman spirit had to say against Christianity from the standpoint of Greek philosophy, and we get the impression: none of them understood the Christ impulse. We see that Christianity spreads through bearers who understand nothing of the essence of Christianity; it is opposed by a high culture that can grasp nothing of what the Christ impulse means. Strangely, Christianity enters the world in such a way that neither its followers nor its opponents understand its true spirit. And yet: people have carried within their souls the power to lead this Christ impulse on its triumphal march through the world.

[ 10 ] Und sehen wir uns diejenigen an, die selbst mit einer gewissen Größe für das Christentum eintreten, wie der berühmte Kirchenvater Tertullian. Wir sehen in ihm einen Römer, der in der 'Tat, wenn wir seine Sprache ins Auge fassen, fast ein Neuschöpfer der römischen Sprache ist, der mit einer Treffsicherheit neue Worte prägte, die uns eine bedeutende Persönlichkeit erkennen lassen. Wenn wir uns aber fragen: Wie steht es mit der Christus-Idee des Tertullian? — da wird die Sache anders. Da finden wir, daß er eigentlich recht wenig Intellektualität, geistige Höhe zeigt. Auch die Verteidiger des Christentums bringen nicht viel zustande. Und dennoch, sie sind wirksam, als Persönlichkeiten wirksam, solche Geister wie Tertullian, auf dessen Gründe gebildete Griechen wirklich nicht viel geben konnten. Trotzdem wirkt er hinreißend; aber durch was? Das ist es, worauf es ankommt! Fühlen wir, daß hier sich wirklich eine Frage vor die Seele stellt! Durch was wirken die Träger des Christus-Impulses denn, die selbst von dem, was der Christus-Impuls eigentlich ist, nicht viel verstehen? Durch was wirken die christlichen Kirchenväter, selbst bis auf Origenes, denen man die Ungeschicklichkeit in bezug auf das Verständnis des Christus-Impulses ansieht? Was ist es, was selbst die bis zu einer solchen Höhe gestiegene griechisch-römische Bildung nicht verstehen konnte an dem Wesen des Christus-Impulses? Was ist das alles?

[ 10 ] And let us consider those who, with a certain grandeur, championed Christianity, such as the famous Church Father Tertullian. We see in him a Roman who, in practice—if we consider his language—is almost a re-creator of the Roman language, who coined new words with such precision that they reveal to us a significant personality. But when we ask ourselves: What about Tertullian’s idea of Christ?—then the matter takes a different turn. There we find that he actually displays very little intellectuality or spiritual depth. Even the defenders of Christianity do not accomplish much. And yet, they are effective—effective as personalities—such spirits as Tertullian, whose arguments the educated Greeks really could not appreciate much. Nevertheless, he has a captivating effect; but through what? That is what matters! Do we feel that a real question is being posed to the soul here! By what means do the bearers of the Christ impulse work, who themselves do not understand much of what the Christ impulse actually is? By what means do the Christian Church Fathers work, even up to Origen, in whom one can see a lack of skill regarding the understanding of the Christ impulse? What is it that even Greco-Roman culture, having risen to such heights, could not understand about the nature of the Christ impulse? What is all this?

[ 11 ] Aber gehen wir weiter. Dieselbe Erscheinung tritt uns bald in einer noch schärferen Weise entgegen, wenn wir das geschichtliche Leben betrachten. Wir sehen, wie die Jahrhunderte kommen, in denen das Christentum sich ausbreitet innerhalb der europäischen Welt unter Völkern, die wie die germanischen von ganz anderen Religionsvorstellungen herkommen, welche als Völker eins sind oder wenigstens eins zu sein scheinen mit ihren religiösen Vorstellungen, und die dennoch mit voller Kraft diesen Christus-Impuls aufnahmen, wie wenn er ihr eigentliches Leben wäre. Und wenn wir uns die wirksamsten Glaubensboten in den germanischen Völkern betrachten, waren das scholastisch-theologisch gebildete Leute? Ganz und gar nicht! Es waren diejenigen, die mit verhältnismäßig primitiver Seele unter den Leuten einherzogen und in primitiver Weise, mit den allernächsten, alltäglichsten Vorstellungen zu den Leuten sprachen, aber unmittelbar ihre Herzen ergriffen. Sie verstanden die Worte so zu setzen, daß sie die tiefsten Saiten derjenigen berühren konnten, zu denen sie sprachen. Einfache Leute zogen hinaus in alle Gegenden, und gerade die wirkten am bedeutsamsten.

[ 11 ] But let us move on. The same phenomenon soon presents itself to us in an even more striking way when we consider historical life. We see how the centuries unfold in which Christianity spreads throughout the European world among peoples who, like the Germanic peoples, come from entirely different religious traditions; peoples who are one—or at least appear to be one—in their religious beliefs, and who nevertheless embraced this Christ impulse with full force, as if it were their very life. And when we consider the most effective messengers of the faith among the Germanic peoples, were they people educated in scholastic theology? Not at all! They were those who moved among the people with a relatively simple spirit and spoke to them in a simple way, using the most immediate, everyday concepts, yet immediately touched their hearts. They knew how to choose their words so that they could strike a chord with those to whom they spoke. Simple people went out into all regions, and it was precisely they who had the most significant impact.

[ 12 ] So sehen wir die Verbreitung des Christentums durch die Jahrhunderte hindurch. Dann aber bewundern wir, wie eben dasselbe Christentum zum Anlaß wird bedeutsamer Gelehrsamkeit, Wissenschaft und Philosophie. Wir unterschätzen nicht diese Philosophie, aber heute wollen wir einmal den Blick hinwenden auf jene eigentümliche Erscheinung, daß das Christentum bis in das Mittelalter unter Völkern sich ausbreitet, die bis dahin ganz andere Vorstellungsformen in ihrem Gemüte getragen haben, so daß es bald zu ihrer Seele gehörte. Und in nicht allzu ferner Zukunft wird man noch manches andere betonen, wenn man von der Ausbreitung des Christentums spricht. Wenn man von der Wirkung des christlichen Impulses spricht, kann man leicht verstanden werden dann, wenn man davon spricht, daß in einer bestimmten Zeit gleichsam die Früchte der Ausbreitung des Christentums sich so gezeigt haben, daß man sagen kann: es ging Begeisterung aus dieser Verbreitung des Christus-Impulses hervor. Aber wenn wir in die neueren Zeiten heraufkommen, da scheint abgedämpft zu werden, was wir durch das Mittelalter hindurch als sich ausbreitendes Christentum betrachten können.

[ 12 ] Thus we see the spread of Christianity throughout the centuries. But then we marvel at how that very same Christianity gives rise to significant scholarship, science, and philosophy. We do not underestimate this philosophy, but today we wish to turn our attention to that peculiar phenomenon whereby Christianity spread among peoples well into the Middle Ages—peoples who, until then, had harbored entirely different ways of thinking in their minds—so that it soon became part of their very soul. And in the not-too-distant future, many other aspects will be emphasized when speaking of the spread of Christianity. When speaking of the effect of the Christian impulse, one can be easily understood if one says that, at a certain time, the fruits of the spread of Christianity manifested themselves in such a way that one can say: enthusiasm arose from this dissemination of the Christ impulse. But as we move into more recent times, what we can regard as the spread of Christianity throughout the Middle Ages seems to be fading.

[ 13 ] Betrachten wir die Zeit des Kopernikus, die Zeit der aufkeimenden Naturwissenschaft bis in das 19. Jahrhundert hinein. Es könnte so scheinen, als ob diese Naturwissenschaft, dasjenige was seit Kopernikus in das abendländische Geistesleben sich hineingearbeitet hat, dem Christentum entgegengearbeitet hätte. Äußere Tatsachen könnten das erhärten. Die katholische Kirche zum Beispiel hatte Kopernikus bis in die zwanziger Jahre des 19, Jahrhunderts hinein auf dem sogenannten Index stehen. Sie hat Kopernikus als ihren Feind angesehen. Aber das sind äußere Dinge. Das hinderte doch nicht, daß Kopernikus ein Domherr war. Und wenn die katholische Kirche Giordano Bruno auch verbrannt hat, so hinderte das nicht, daß er ein Dominikaner war. Sie beide sind eben aus dem Christentum heraus zu ihren Ideen gekommen. Sie haben aus dem christlichen Impulse heraus gehandelt. Derjenige versteht die Sache schlecht, der sich auf dem Boden der Kirche halten und glauben wollte, daß das nicht Früchte des Christentums gewesen wären. Es wird durch die angeführten Tatsachen nur bewiesen, daß die Kirche die Früchte des Christentums sehr schlecht verstanden hat; sie brauchte bis ins 19. Jahrhundert hinein Zeit, um einzusehen, daß man die Ideen des Kopernikus nicht durch den Index unterdrücken kann. Derjenige, der die Dinge tiefer sieht, wird doch anerkennen müssen, daß alles, was die Völker getan haben auch in den neueren Jahrhunderten, ein Resultat, ein Ergebnis des Christentums ist, daß sich durch das Christentum der Blick der Menschen hinausgewendet hat von der Erde in die Himmelsweiten, wie es durch Kopernikus und Giordano Bruno geschehen ist. Das war nur innerhalb der christlichen Kultur und durch den christlichen Impuls möglich.

[ 13 ] Let us consider the time of Copernicus, the era of the burgeoning natural sciences, extending into the 19th century. It might seem as though this natural science—that which has worked its way into Western intellectual life since Copernicus—has worked against Christianity. External facts might support this. The Catholic Church, for example, kept Copernicus on the so-called Index until the 1820s. It regarded Copernicus as its enemy. But these are external matters. That did not prevent Copernicus from being a canon. And even though the Catholic Church burned Giordano Bruno at the stake, that did not prevent him from being a Dominican. Both of them arrived at their ideas precisely from within Christianity. They acted out of Christian impulse. Anyone who wants to stand on the Church’s ground and believe that these were not fruits of Christianity misunderstands the matter. The facts cited only prove that the Church understood the fruits of Christianity very poorly; it took until well into the 19th century for her to realize that Copernicus’s ideas could not be suppressed by the Index. Anyone who looks at things more deeply will have to acknowledge that everything the peoples have done, even in recent centuries, is a result of Christianity; that through Christianity, people’s gaze has turned away from the earth toward the vastness of the heavens, as happened through Copernicus and Giordano Bruno. This was possible only within Christian culture and through the Christian impulse.

[ 14 ] Und für denjenigen, der das geistige Leben nicht an der Oberfläche, sondern in den Tiefen betrachtet, für den ergibt sich etwas, das, wenn ich es jetzt ausspreche, recht paradox erscheinen wird, aber dennoch richtig ist. Für eine solche tiefere Betrachtung erscheint es nämlich unmöglich, daß ein Haeckel entstanden wäre so, wie er dasteht in aller seiner Christus-Gegnerschaft, ohne daß er entstanden wäre aus dem Christentum heraus. Ernst Haeckel ist ohne die Voraussetzung der christlichen Kultur gar nicht möglich. Und die ganze neuere naturwissenschaftliche Entwickelung, wenn sie sich auch noch so sehr bemüht, Gegnerschaft des Christentums zu entwickeln, alle diese neuere Naturwissenschaft ist ein Kind des Christentums, eine direkte Fortsetzung des christlichen Impulses. Die Menschheit wird, wenn erst die Kinderkrankheiten der neueren Naturwissenschaft ganz abgestreift sind, schon einsehen, was das bedeutet, daß der Ausgangspunkt der neueren Naturwissenschaft, konsequent verfolgt, wirklich in die Geisteswissenschaft hineinführt, daß es einen ganz konsequenten Weg gibt von Haeckel in die Geisteswissenschaft hinein. Wenn man das begreifen wird, wird man auch einsehen, daß Haeckel ein durch und durch christlicher Kopf ist, wenn er auch selber nichts davon weiß. Die christlichen Impulse haben nicht nur hervorgebracht, was sich christlich nennt und nannte, sondern auch dasjenige, was wie eine Gegnerschaft gegen das Christentum sich geriert. Man muß die Dinge nicht nur auf ihre Begriffe hin untersuchen, sondern auf ihre Realität hin, dann kommt man schon zu dieser Erkenntnis. Aus der darwinistischen Entwickelungslehre führt, wie Sie in dem kleinen Schriftchen von mir über «Reinkarnation und Karma» sehen können, ein gerader Weg zu der Lehre der wiederholten Erdenleben.

[ 14 ] And for those who view spiritual life not on the surface but in its depths, something becomes apparent that, if I were to express it now, would seem quite paradoxical, yet is nonetheless true. For such a deeper contemplation, it seems impossible that a Haeckel could have emerged as he stands in all his opposition to Christ without having emerged from within Christianity. Ernst Haeckel is simply not possible without the foundation of Christian culture. And the entire recent development of natural science, no matter how hard it strives to foster opposition to Christianity, all of this modern natural science is a child of Christianity, a direct continuation of the Christian impulse. Once the teething troubles of modern natural science have been completely overcome, humanity will come to realize what it means that the starting point of modern natural science, when consistently pursued, truly leads into spiritual science—that there is a perfectly logical path from Haeckel into spiritual science. Once this is understood, one will also realize that Haeckel is a thoroughly Christian mind, even if he himself is unaware of it. Christian impulses have not only produced what calls itself and called itself Christian, but also that which presents itself as an opposition to Christianity. One must examine things not only in terms of their concepts but also in terms of their reality; then one will arrive at this insight. As you can see in my short booklet on “Reincarnation and Karma,” a direct path leads from Darwinian evolutionary theory to the doctrine of repeated earthly lives.

[ 15 ] Um aber auf dem richtigen Boden zu stehen in bezug auf diese Dinge, muß man in einer gewissen Weise das Walten der christlichen Impulse unbefangen beobachten können. Derjenige, der den Darwinismus, den Haeckelismus versteht, und der selber ein wenig durchdrungen ist von dem, wovon Haeckel noch gar nichts weiß - Darwin aber wußte noch manches -, daß diese beiden Bewegungen nur als christliche Bewegungen möglich waren, wer das versteht, kommt ganz konsequent zu der Reinkarnationsidee. Und wer zu Hilfe ziehen kann eine gewisse hellseherische Kraft, der kommt auf diesem Wege ganz konsequent zu dem geistigen Ursprung des Menschengeschlechts. Es ist zwar ein Umweg, aber, wenn Hellsichtigkeit hinzukommt, ein richtiger Weg von dem Haeckelismus zu der geistigen Auffassung des Erdenursprungs. Aber auch der Fall ist denkbar, daß man den Darwinismus nimmt, wie er heute sich darbietet, ohne aber durchdrungen zu sein von den Lebensprinzipien des Darwinismus selbst; mit anderen Worten: wenn man den Darwinismus aufnimmt als einen Impuls und nichts in sich fühlt von einem tieferen Verständnis des Christentums, das doch im Darwinismus liegt, dann kommt man zu etwas sehr Eigentümlichem. Dazu kann man kommen, daß man durch solche geistige Beschaffenheit der Seele gleich wenig vom Christentum und vom Darwinismus versteht. Man kann dann von dem guten Geiste des Christentums ebenso verlassen sein wie von dem guten Geiste des Darwinismus. Hat man aber den guten Geist des Darwinismus, dann mag man noch so materialistisch sein, dann kommt man immer weiter zurück in der Erdengeschichte bis auf den Punkt, wo man erkennt, daß der Mensch niemals aus niederen Tierformen sich herausentwickelt hat, daß er einen geistigen Ursprung haben muß. Man kommt zurück auf den Punkt, wo man den Menschen als geistiges Wesen gleichsam schwebend über der Erdenwelt schaut. Der konsequente Darwinismus wird dazu führen. Ist man aber von seinem guten Geiste verlassen, dann kann man glauben, wenn man zurückgeht und ein Anhänger der Reinkarnationsidee ist, man habe einmal selber als Affe gelebt auf irgendeiner Inkarnation der Erde selbst. Wenn man das glauben kann, dann muß man sowohl von dem guten Geiste des Darwinismus als auch des Christentums verlassen sein, dann muß man von beiden nichts verstehen. Denn niemals könnte einem konsequenten Darwinismus passieren, das zu glauben. Das heißt, man muß in ganz äußerlicher Weise die Reinkarnationsidee übertragen auf diese materialistische Kultur. Denn man kann den modernen Darwinismus gewiß seiner Christlichkeit entkleiden. Tut man das nicht, so wird man finden, daß bis in unsere Zeit hinein die darwinistischen Impulse aus dem Christus-Impuls geboren worden sind, daß die christlichen Impulse auch da wirken, wo man sie verleugnet. So haben wir nicht nur die Erscheinung, daß das Christentum sich in den ersten Jahrhunderten abgesehen von der Gelehrsamkeit und dem Wissen der Anhänger und Bekenner ausbreitet, daß es sich ausbreitet im Mittelalter so, daß höchst wenig dazu beitragen können die gelehrten Kirchenväter und die Scholastiker, sondern wir haben in unserer Zeit die noch paradoxere Erscheinung, daß das Christentum wie in seinem Gegenbilde im Materialismus unserer heutigen Naturwissenschaft erscheint, und alle Größe, alle ihre Tatkraft doch aus den christlichen Impulsen hat. Die christlichen Impulse, die in ihr liegen, werden diese Wissenschaft von selbst über den Materialismus hinausführen.

[ 15 ] However, in order to have a firm grasp of these matters, one must be able to observe the workings of Christian impulses with an open mind. Anyone who understands Darwinism and Haeckelism, and who is himself somewhat imbued with what Haeckel knew nothing about—though Darwin knew quite a bit—namely that these two movements were only possible as Christian movements; anyone who understands this will quite logically arrive at the idea of reincarnation. And whoever can draw upon a certain clairvoyant power will, in this way, arrive quite logically at the spiritual origin of the human race. It is indeed a detour, but, when clairvoyance is added, a true path from Haeckelism to the spiritual conception of the Earth’s origin. But it is also conceivable that one might take Darwinism as it presents itself today without, however, being imbued with the life principles of Darwinism itself; in other words: if one accepts Darwinism as an impulse and feels nothing within oneself of a deeper understanding of Christianity, which is nevertheless present in Darwinism, then one arrives at something very peculiar. One may end up understanding just as little of Christianity as of Darwinism due to such a spiritual disposition of the soul. One may then be just as estranged from the good spirit of Christianity as from the good spirit of Darwinism. But if one possesses the good spirit of Darwinism, then no matter how materialistic one may be, one will keep going further back in Earth’s history until reaching the point where one recognizes that human beings never evolved from lower animal forms, that they must have a spiritual origin. One returns to the point where one views humanity as a spiritual being, as it were, hovering above the earthly world. Consistent Darwinism will lead to this. But if one is abandoned by its good spirit, then one may believe—if one goes back and is a follower of the idea of reincarnation—that one once lived as a monkey oneself in some incarnation on Earth itself. If one can believe that, then one must have been forsaken by the good spirit of both Darwinism and Christianity; one must understand nothing of either. For it could never occur to a consistent Darwinist to believe such a thing. This means one must apply the idea of reincarnation in a purely external way to this materialistic culture. For one can certainly strip modern Darwinism of its Christian character. If one does not do this, one will find that right up to our own time, Darwinian impulses have been born out of the Christ impulse, that Christian impulses are at work even where they are denied. Thus, we have not only the phenomenon that Christianity spread in the first centuries apart from the learning and knowledge of its followers and adherents, that it spread in the Middle Ages in such a way that the learned Church Fathers and the Scholastics could contribute very little to it, but we have in our time the even more paradoxical phenomenon that Christianity appears, as in its counter-image, within the materialism of our modern natural science, and yet derives all its greatness, all its dynamism, from the Christian impulses. The Christian impulses inherent in it will of themselves lead this science beyond materialism.

[ 16 ] Sonderbar ist es mit den christlichen Impulsen! Intellektualität, Wissen, Gelehrsamkeit, Erkenntnis scheinen gar nicht dabei zu sein bei der Ausbreitung dieser Impulse. Ganz etwas anderes scheint ihre Ausbreitung in der Welt zu bedingen. Man möchte sagen, das Christentum breitet sich aus, was auch die Menschen für oder dagegen denken, ja sogar so, daß es wie in ein Gegenteil verkehrt im modernen Materialismus erscheint. Was breitet sich denn da aus? Die christlichen Ideen sind es nicht, die christliche Wissenschaft ist es nicht. Man könnte noch sagen, das moralische Gefühl breitet sich aus, das durch das Christentum eingepflanzt worden ist. Aber man sehe nur an das Walten der Moral in diesen Zeiten, und man wird mancherlei berechtigt finden von dem, was aufgezählt werden kann an Wut der Vertreter des Christentums gegen wirkliche oder vermeintliche Gegner des Christentums. Auch die Moral, die walten konnte in den Seelen, die intellektuell nicht hoch gebildet sind, wird uns nicht sehr imponieren können, wenn wir sie ins Auge fassen auch da, wo sie wirklich am christlichsten denkt. Was breitet sich denn da aus? Was ist dieses Sonderbare? Was ist es, was im Siegeszuge durch die Welt geht? Fragen wir darüber nun die Geisteswissenschaft, das hellsichtige Bewußtsein! Was waltete in den ungebildeten Menschen, die sich von Osten nach Westen hineinschieben in das hochgebildete Griechen- und Römertum? Was waltet in den Menschen, die in die germanische, in die fremde Welt das Christentum hineingetragen haben? Was waltet in der modernen materialistischen Naturwissenschaft, wo die Lehre ihr Angesicht gleichsam noch verhüllt? Was waltet in all diesen Seelen, wenn es nicht intellektuelle, nicht einmal moralische Impulse sind? Was ist es denn? — Es ist der Christus selbst, der von Herz zu Herz, von Seele zu Seele zieht, der durch die Welt ziehen und wirken kann, gleichgültig, ob die Seelen ihn verstehen oder nicht durch diese Entwickelung im Laufe der Jahrhunderte!

[ 16 ] It is strange how these Christian impulses work! Intellectuality, knowledge, erudition, and insight do not seem to play any part at all in the spread of these impulses. Something quite different seems to be driving their spread throughout the world. One might say that Christianity is spreading, regardless of what people think for or against it, indeed even to the point that it appears, as if turned into its opposite, in modern materialism. What, then, is spreading there? It is not Christian ideas; it is not Christian science. One might still say that the moral sentiment implanted by Christianity is spreading. But one need only look at the state of morality in these times, and one will find much justification in the list of outbursts of rage from the representatives of Christianity against real or supposed opponents of Christianity. Even the morality that has prevailed in souls that are not highly educated intellectually will not impress us much when we examine it, even where it thinks in the most Christian way. What is spreading there? What is this peculiar thing? What is it that is marching triumphantly through the world? Let us now ask spiritual science, the clairvoyant consciousness, about this! What reigned in the uneducated people who pushed their way from East to West into the highly cultured worlds of the Greeks and Romans? What reigns in the people who carried Christianity into the Germanic, into the foreign world? What reigns in modern materialistic natural science, where the teaching still veils its face, as it were? What is at work in all these souls, if it is not intellectual, not even moral impulses? What is it, then? — It is Christ himself, who moves from heart to heart, from soul to soul, who can move through the world and work, regardless of whether the souls understand him or not through this development over the course of the centuries!

[ 17 ] Wir sind gezwungen, von unseren Begriffen, von aller Wissenschaft abzusehen und auf die Realität hinzuweisen, zu zeigen, wie geheimnisvoll der Christus selber wandelt in vielen tausenden Impulsen, Gestalt annehmend in den Seelen, in viele Tausende und aber Tausende untertauchend und die Menschen erfüllend durch die Jahrhunderte. In den einfachen Menschen ist es der Christus selbst, der über die griechische und italische Welt schreitet, der nach Westen und nach Norden hin immer mehr Menschenseelen ergreift. Bei den späteren Lehrern, die den germanischen Völkern das Christentum bringen, ist es der Christus selbst, der ihnen zur Seite wandelt. Er ist es, der wirkliche, wahrhaftige Christus, der auf der Erde waltet wie die Seele der Erde selber, der von Ort zu Ort, von Seele zu Seele zieht und, ganz gleichgültig was die Seelen über den Christus denken, in diese Seelen einzieht. Einen trivialen Vergleich möchte ich gebrauchen: Wie viele Menschen gibt es, die gar nichts verstehen von der Zusammensetzung der Nahrungsmittel und die sich doch nähren nach allen Regeln der Kunst. Es wäre doch eigentlich zum Verhungern, wenn man die Nahrungsmittel kennen müßte, bevor man sich nähren könnte. Das Sich-nähren-Können hat nichts zu tun mit dem Verständnis der Nahrungsmittel. So hatte die Ausbreitung des Christentums über die Erde hin nichts zu tun mit dem Verständnis, das man dem Christentum entgegenbrachte. Das ist das Eigentümliche. Da waltet ein Geheimnis, das nur dadurch aufgeklärt werden kann, daß man die Antwort gibt auf die Frage: Wie waltet der Christus selber in den menschlichen Gemütern? Und wenn nun die Geisteswissenschaft, die hellseherische Betrachtung, sich diese Frage stellt, dann wird sie zunächst auf ein Ereignis gelenkt, das im Grunde nur durch die hellseherische Betrachtung wirklich enthüllt werden kann, das äußerlich in der Tat in vollem Einklange steht mit allem, was ich heute gesprochen habe. Eines werden wir sehen, was in der Zukunft immer mehr wird verstanden werden müssen: Die Zeit ist vorüber, in welcher der Christus so gewirkt hat, wie ich eben charakterisiert habe, und die Zeit ist gekommen, wo die Menschen den Christus werden verstehen müssen, erkennen müssen.

[ 17 ] We are compelled to set aside our concepts and all scientific knowledge and point to reality, to show how mysteriously Christ himself moves through many thousands of impulses, taking shape in souls, immersing himself in many thousands upon thousands, and filling people throughout the centuries. In the simple people, it is Christ himself who strides across the Greek and Italic world, who captures more and more human souls as he moves westward and northward. With the later teachers who bring Christianity to the Germanic peoples, it is Christ himself who walks at their side. It is he, the real, true Christ, who reigns on earth like the soul of the earth itself, who moves from place to place, from soul to soul, and, regardless of what the souls think of Christ, enters into these souls. I would like to use a trivial comparison: How many people are there who understand nothing at all about the composition of food and yet nourish themselves according to all the rules of the art? It would actually be enough to starve if one had to know the food before one could nourish oneself. The ability to nourish oneself has nothing to do with an understanding of food. Thus, the spread of Christianity across the earth had nothing to do with the understanding with which people approached Christianity. That is what is peculiar. There is a mystery at work here that can only be elucidated by answering the question: How does Christ himself work within human minds? And when spiritual science, clairvoyant observation, poses this question, it is first directed toward an event that can truly be revealed only through clairvoyant observation, an event that outwardly is indeed in full harmony with everything I have spoken of today. We shall see one thing that will have to be understood more and more in the future: The time has passed in which Christ worked as I have just described, and the time has come when people must understand Christ, must recognize him.

[ 18 ] Deshalb ist es notwendig, auch die Frage sich zu beantworten, warum unserer Zeit die andere vorausgegangen ist, in der sich der Christus-Impuls ausbreiten konnte, ohne daß das Verständnis dazu notwendig war, ohne daß die Menschen mit ihrem Bewußtsein dabei waren. Ein Ereignis war es, wodurch dieses möglich war! Und das Ereignis, zu dem das hellseherische Bewußtsein weist, ist das sogenannte Pfingstereignis, die Aussendung des Heiligen Geistes. Daher war es, daß zuerst der hellseherische Blick, der angeregt worden ist durch den wirklichen Christus-Impuls im anthroposophischen Sinne, hingelenkt wurde auf dieses Pfingstereignis, die Aussendung des Heiligen Geistes. Hellseherisch betrachtet ist es das Pfingstereignis, was sich zuerst der Untersuchung darbietet, die von einem gewissen Gesichtspunkte aus geführt wird.

[ 18 ] That is why it is necessary to answer the question of why our time was preceded by another era in which the Christ impulse was able to spread without the need for understanding, without people being present with their consciousness. It was an event that made this possible! And the event to which clairvoyant consciousness points is the so-called Pentecost event, the outpouring of the Holy Spirit. That is why the clairvoyant gaze, stimulated by the true Christ impulse in the anthroposophical sense, was first directed toward this Pentecost event, the outpouring of the Holy Spirit. From a clairvoyant perspective, it is the Pentecost event that first presents itself for investigation when conducted from a certain point of view.

[ 19 ] Was geschah in jenem Augenblick der Weltentwickelung auf der Erde, der uns ziemlich unverständlich zunächst als das Herabkommen des Heiligen Geistes auf die Apostel dargestellt wird? Wenn man den hellseherischen Blick darauf hinwendet, untersucht, was da eigentlich geschehen ist, dann bekommt man eine geisteswissenschaftliche Antwort darauf, was gemeint ist damit, daß gesagt wird: Einfache Leute, wie ja auch die Apostel waren, fingen plötzlich an, in verschiedenen Zungen zu sprechen, was sie aus den Tiefen des geistigen Lebens heraus zu sagen hatten, und was man ihnen nicht zumutete. Ja, dazumal fingen das Christentum, die christlichen Impulse an, sich so auszubreiten, daß sie unabhängig wurden von dem Verständnis der Menschen, in deren Gemütern sie sich ausbreiteten.

[ 19 ] What actually happened at that moment in the Earth’s evolution—an event initially presented to us, in a way that is quite incomprehensible, as the descent of the Holy Spirit upon the Apostles? If one turns one’s clairvoyant gaze to it and examines what actually happened there, one receives a spiritual-scientific answer to what is meant by the statement: Simple people, as the Apostles indeed were, suddenly began to speak in various tongues, expressing what they had to say from the depths of spiritual life—and what one would not have expected of them. Indeed, at that time Christianity and Christian impulses began to spread in such a way that they became independent of the understanding of the people in whose minds they took root.

[ 20 ] Von dem Pfingstereignis aus ergießt sich dann der Strom der Christus-Kraft über die Erde hin, der charakterisiert worden ist. Was ist denn das Pfingstereignis gewesen? Diese Frage trat an die Geisteswissenschaft heran, und mit der Antwort auf diese Frage, mit der geisteswissenschaftlichen Antwort auf die Frage: Was war das Pfingstereignis? — beginnt das Fünfte Evangelium, und damit wollen wir morgen unsere Betrachtungen fortsetzen.

[ 20 ] From the Pentecost event, the stream of Christ-power—which has been described—then flows out over the earth. What, then, was the Pentecost event? This question was posed to spiritual science, and with the answer to this question—the spiritual-scientific answer to the question: What was the Pentecost event?—the Fifth Gospel begins, and with that we shall continue our reflections tomorrow.