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Building Stones for an Understanding
of the Mystery of Golgotha
GA 175

24 April 1917

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Fünfzehnter Vortrag

Lecture VIII

[ 1 ] Aus den Betrachtungen dieser letzten Vorträge konnten Sie entnehmen, daß es schon für die Gegenwart, insbesondere aber für die Zukunft der Menschheit von ganz besonderer Wichtigkeit sein wird, ein Verständnis dafür zu haben, daß der Christus Jesus und alles, was mit ihm zusammenhängt als das Mysterium von Golgatha, nicht angewiesen sei auf eine solche äußere Betrachtung, wie man sie als geschichtliche Betrachtung heute in der äußeren Wissenschaft gelten läßt; daß vielmehr der Menschheit andere Quellen sich eröffnen müssen für die Überzeugung, die Bewahrheitung, die Erkenntnis des Christus und des Mysteriums von Golgatha, als die geschichtliche Betrachtung im heutigen Sinne an Quellen bieten kann, selbst wenn diese Quellen die Evangelien sind. Ich habe es ja öfter erwähnt, und jeder, der sich mit der einschlägigen Literatur bekannt macht, kann das bei sich selber bewahrheiten: Gerade die fleißigste, emsigste, sorgfältigste Forschung des neunzehnten Jahrhunderts hat sich auf die Evangelien-Kritik, auf die Evangelien-Untersuchung verlegt; und man kann sagen, daß, jetzt rein als äußerliche historische Erscheinung genommen, diese Evangelienkritik im Grunde genommen ein negatives Resultat ergeben hat, eigentlich eher zerstörend, auflösend, vernichtend für die Idee des Mysteriums von Golgatha geworden ist, denn bejahend, begründend, erweisend. Wir wissen ja, daß eine große Anzahl von Menschen heute, nicht aus Widerspruchsgeist heraus, sondern weil sie glaubt, nicht anders zu können, auf Grund der historischen Forschung zu dem Resultat sich entschlossen hat, anzuerkennen, daß man keine Berechtigung habe, in rein geschichtlicher Weise zu sagen, man könne das Dasein des Christus Jesus im Beginne unserer Zeitrechnung erweisen. Man kann es allerdings auch nicht widerlegen, aber das will ja natürlich nichts Besonderes besagen.

[ 1 ] It is most important for the present age and for the future of mankind to realize that our understanding of Christ Jesus and the Mystery of Golgotha is not dependent upon the findings of the external history that is accepted as scientific today. In order to acquire a knowledge of Christ and the Mystery of Golgotha that carries conviction and is susceptible of proof we must rather look to other sources than those of contemporary historical investigation, even when these sources are the Gospels themselves. I have often stated, and anyone who refers to the relevant literature can verify this for himself, that the most diligent, assiduous and painstaking research has been devoted to Gospel criticism or Gospel exegesis during the nineteenth century. This Gospel criticism has yielded only negative results; in fact it has served rather to destroy and undermine our faith in the Mystery of Golgotha rather than to confirm and substantiate it. We know that many people today, not from a spirit of contradiction but because, on the evidence of historical investigation they cannot do otherwise, have come to the conclusion that there is no justification on purely historical grounds for assigning the existence of Christ Jesus to the beginning of our era. This of course cannot be disproved, but that is of no consequence.

[ 2 ] Nun werden wir uns der Frage, wie es möglich ist, andere Quellen ausfindig zu machen für die Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha als die geschichtlichen, wir werden uns dem Verständnis dieser Frage nähern, wenn wir noch einiges okkult Geschichtliche in der Art voraussenden, wie das war, was wir in den letzten Betrachtungen hier angeführt haben.

[ 2 ] I now propose to discuss whether it is possible to discover other sources than the historical sources which may contribute to an understanding of the Mystery of Golgotha. Before answering the question let us first examine a few facts of occult history.

[ 3 ] Wenn man die ersten Jahrhunderte der Entwickelung des Christentums verfolgt und beachtet, daß eigentlich diese Entwickelung kaum anders zugänglich ist als dadurch, daß man die rein geschichtliche Betrachtung vertieft durch die geisteswissenschaftliche, wenn man das in Betracht zieht und also, ich möchte sagen, zunächst hypothetisch die geisteswissenschaftliche Betrachtung dieses Zeitraumes gelten läßt, dann bietet sich ein sehr merkwürdiges Bild dar. Denn man möchte, wenn man so den Blick schweifen läßt über diese Entwickelung der ersten christlichen Jahrhunderte, eigentlich sagen, das Mysterium von Golgatha habe sich nicht bloß einmal vollzogen, individuell, gewissermaßen eben auf Golgatha, sondern es habe sich auch noch in einer Art übertragenem Sinne im großen geschichtlichen Zusammenhang ein zweites Mal vollzogen. Es gibt ja unendlich viel Merkwürdiges, wenn man eben diesen geschichtlichen Zeitraum betrachtet.

[ 3 ] In tracing the development of Christianity during the early centuries of our era we must bear in mind that it is difficult to comprehend this development unless we reinforce a purely historical enquiry with the findings of Spiritual Science. If we accept, purely hypothetically for the moment, the facts of spiritual-scientific investigation into this period, then a very remarkable picture unfolds before us. As we review this development during the early centuries we realize in effect that the Mystery of Golgotha has been fulfilled not only once—as an isolated event on Golgotha—but, in a figurative sense, a second time on the mighty panorama of history. When we study this period truly remarkable things are disclosed.

[ 4 ] Nicht wahr, es gibt heute, sagen wir, weil diese ja eine fortlaufende Tradition hat, eine katholische Kirchengeschichte, welche zunächst von der Begründung des Christentums redet, von den ersten Kirchenvätern und Kirchenlehrern der ersten christlichen Jahrhunderte, dann von den Kirchenlehrern und Kirchenphilosophen der folgenden Jahrhunderte, von den einzelnen Dogmenfestsetzungen der Konzilien und der unfehlbaren Päpste und so weiter. Da wird gewissermaßen eine Art geschichtlicher Faden verfolgt, den man so darstellt, als ob die Geschichte so in einem fortginge mit demselben Charakter. Man kritisiert zwar viel herum an den älteren Kirchenvätern, aber im ganzen getraut man sich doch nicht, sie vollständig abzulehnen, weil man dann ja den kontinuierlichen Fortlauf unterbrechen würde; man will geradezu an das Konzil von Konstantinopel — von dem ich Ihnen schon erzählt habe — im Jahre 869 anknüpfen. Ja, wie gesagt, man stellt das so dar, als ob das eine fortlaufende Geschichte wäre. Aber, wenn irgendwo in einem scheinbar fortlaufenden Prozeß ein radikaler Sprung vorliegt, so ist es in dieser scheinbar fortlaufenden Geschichte. Man kann sich, wenn man auf den Geist der Sache eingeht, kaum einen größeren Gegensatz denken, als der ist, der da waltet zwischen dem Geiste der ersten christlichen Kirchenlehrer und der späteren christlichen Kirchenlehrer und Konzilienbeschlüsse. Da ist ein ungeheurer, radikaler Unterschied, der nur, weil dazu gewisse Interessen vorliegen, auch ebenso radikal fortwährend verwischt wird. Und dadurch ist es möglich, daß die Seelen der Gegenwart gewissermaßen in Unwissenheit gehalten werden können gerade über die ersten christlichen Jahrhunderte und über das, was da eigentlich geschehen ist. Wie zum Beispiel dasjenige, was man gewöhnlich die Gnosis nennt, ausgerottet worden ist, darüber existiert ja heute kaum eine irgendwie haltbare Vorstellung, auch bei den gelehrtesten Leuten nicht. Darüber, was solche Geister wie Klemens der Alexandriner, Origenes, sein Schüler und andere, selbst ein Tertullian, gewollt haben, darüber existiert ebenso große Unklarheit, weil man aus den Fragmenten, die da sind, zum großen Teil so da sind, daß man nur die Schriften besitzt derjenigen, die diese Geister widerlegt haben, wenigstens zum großen Teil, weil man dadurch, man kann schon sagen, ein würdiges Bild gerade dieser ersten christlichen Kirchenväter und Kirchenlehrer gar nicht erhalten kann, und weil auf das Fragmentarische, das da ist, die phantastischsten Theorien aufgebaut werden.

[ 4 ] The Church of Rome has a tradition of continuity that is reflected in its Church history. This history describes the founding of Christianity, the early Church Fathers, the post-Nicene Fathers and the later Christian philosophers, and the formulation of the particular dogmas by Councils and infallible Popes and so on. History is seen as an unbroken chain, a uniform pattern of unchanging character. It is true that the early Church Fathers have been much criticized from certain angles. But on the whole people are afraid to reject them completely, for in that case the continuity would be broken. History proper begins with the Council of Constantinople in 869 of which I have already spoken. As I have said, history is represented as an unbroken chain, a continuous process. But if a radical gap is anywhere to be found in an apparently continuous process, then it is here. One can hardly imagine a greater contrast than the contrast between the spirit of the early Church Fathers and that of the post-Nicene Fathers and Conciliar decrees. There is a radical difference which is equally radically concealed because it is in the interest of the Church to conceal it. For this reason it has been possible to keep the faithful (today) in ignorance of what took place in the first centuries of the Christian era. Today, for example, there is no clear and reliable evidence, even from leading scholars, of how the Gnosis came to be suppressed. We are equally in the dark about the aims and intentions of such men as Clement of Alexandria, his pupil Origen and others,1Clement of Alexandria (301–232 B.C.) was head of the Catechetical School of Alexandria, a training school for catechumens. In the conflict between pistis (faith) and gnosis (knowledge) he favoured the latter and was close to the Gnostics in that he supported Platonism and the allegorical interpretation of the Scriptures. He believed in the idea of the “Disciplina Arcani”, the withholding of higher knowledge from those unfitted to receive it, which was common to all ancient Mystery teaching. Origen (A.D. 186–253) became head of the Catechetical School. Nurtured in neo-Platonism through the influence of Ammonius Saccus. Adjudged to be a heretic by the fifth Ecumenical Council. He accepted the theory of pre-existence, free will and the necessity of grace. He also used symbol and allegory in his exegesis. He wrote commentaries on nearly every work in scripture. His crowning work was Contra Celsum who attacked Christianity on moral and intellectual grounds. Book VI of Eusebius Ecclestical History is devoted to him. See also Appendix I in the perceptive commentary of A. P. Shepherd and Mildred Robertson Nicoll, in The Redemption of Thinking (Hodder & Stoughton). including Tertullian, because such fragmentary information as we possess is of doubtful provenance and is derived for the most part from writings of their opponents. For this reason, and because the most fantastic theories have been built on this fragmentary information, it is impossible to arrive at a reliable picture of the early Church Fathers.

[ 5 ] Wenn man Klarheit in dieser Sache gewinnen will, dann muß man schon ein wenig blicken auf die Gründe dieser Unklarheit, das ist aber: auf alles dasjenige, was geschehen ist, um, ich möchte sagen, das Mysterium von Golgatha ein zweites Mal in der Geschichte, um es noch einmal zu haben.

[ 5 ] In order to have a clear understanding of this problem we must turn our attention for a moment to the causes of this indefiniteness, to all that has happened so that the Mystery of Golgotha could take place a second time in history.

[ 6 ] Als das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hatte, waren ja noch im weitesten Umfange die alten heidnischen Kulte, die alten heidnischen Mysterien vorhanden. Sie waren in dem Grade vorhanden, daß wir eine Gestalt hervorgehen sehen wie Julian den Apostaten, von dem wir das letztemal gesprochen haben, der in die eleusinischen Mysterien eingeweiht war. Sie waren in dem Grade vorhanden, daß, obwohl auf eine eigentümliche Art, eine lange Reihe der römischen Cäsaren eine Art von Initiation erhalten hatten. Aber außerdem waren vorhanden alle die Dinge, welche zusammenhängen mit dem alten heidnischen Kultus. Und diese Dinge, die werden heute gewöhnlich mit ein paar Worten in einer geschichtlich höchst ungehörigen Weise abgetan. Es wird erzählt einfach in der alleräußerlichsten Weise, was geschehen ist. Nun, was da in der alleräußerlichsten Weise geschehen ist, das kann ja für manchen schon genügend sein, um gewissermaßen von einem zweiten Mysterium von Golgatha zu sprechen. Aber man kennt eben ganz und gar nicht das Innere dessen, was da geschehen ist.

[ 6 ] At the time of the Mystery of Golgotha the ancient pagan cults and Mysteries were widespread. And they were of such importance that a figure such as Julian the Apostate was initiated into the Eleusinian Mysteries and a long succession of Roman emperors also received initiation, though of a peculiar kind. Furthermore, everything connected with the ancient pagan cults still survived. But these facts are usually dismissed today in a few words by contemporary historians. The events of that early period are portrayed in a very superficial manner; but this superficial portrayal may provide a sufficient justification in the eyes of many for speaking of a second Mystery of Golgotha. But people have not the slightest understanding of the inner meaning of those events.

[ 7 ] Wenn man sich die Äußerlichkeiten ansieht, so muß man sagen: In weitestem Umfange waren in den ersten Jahrhunderten des Christentums eine ungeheure Pracht und Herrlichkeit, von der man heute gar keine Vorstellung hat, eine ungeheure Pracht und Herrlichkeit aller möglichen heidnischen Tempel mit ihren Götterbildern vorhanden; mit Götterbildern, die bis in die Einzelheiten ihrer Gestaltung hinein eine künstlerische Wiedergabe desjenigen waren, was in den alten Mysterien gelebt hat. Nicht nur, daß keine Stadt und keine Landschaft war, welche nicht in diesen alten Zeiten in Hülle und Fülle Künstlerisch-Mystisches hatte, sondern auf den Äckern draußen, wo die Bauern ihr Getreide anbauten, da standen die einzelnen kleinen Tempel, ein jeder mit seinem Götterbild. Und man vollzog keine Landarbeit, ohne sie in lebendige Beziehung zu bringen zu jenen Kräften, die aus dem Weltenall herunterfließend gedacht wurden mit Hilfe der magischen Gewalten, die in der besonderen Ausgestaltung dieser Götterbilder lagen. Die römischen Cäsaren in Verbindung mit den Bischöfen und Priestern haben es sich nun in diesen Jahrhunderten angelegen sein lassen — und wir können das verfolgen bis zum Kaiser Justinianus, also bis ins sechste Jahrhundert hinein, wir können fast von jedem der Cäsaren Edikt über Edikt nachweisen, die alle dahin gingen, daß diese Cäsaren es sich haben in der schärfsten Weise angelegen sein lassen, alle diese Tempel und Tempelchen mit ihren Bildern von Grund aus zu zerstören. Ein ungeheures Zerstörungswerk ging in diesen Jahrhunderten über die Welt, ein Zerstörungswerk, das wiederum einzig dasteht in der ganzen Entwickelung der Menschheit; einzig dasteht aus dem Grunde, weil man sehen muß auf dasjenige, was zerstört worden ist. Bis hinein in die Zeit, wo der heilige Benediktus selbst eigenhändig mit seinen Arbeitern in Monte Cassino auf dem Berge den Apollo-Tempel abgetragen hat, der Erde gleichgemacht hat, um das Kloster, das dem BenediktinerOrden geweiht wurde, da zu begründen, und bis hinein in die Zeit des Kaisers Justinianus gehört es zu den wichtigsten Aufgaben des römischen Cäsarentums, das sich dann seit Konstantin insbesondere das Christentum angeeignet hat, dasjenige, was da geblieben war aus alten Zeiten, zu zerstören. Es gibt auch Edikte, welche scheinbar der Zerstörungsarbeit Einhalt tun sollen. Aber wenn man diese Edikte liest, so bekommt man einen sonderbaren Eindruck. Da gibt es zum Beispiel ein Edikt eines solchen Cäsaren, welches dahin geht, man solle nicht auf einmal alle heidnischen "Tempel zerstören, das würde die Bevölkerung aufrührerisch machen; man solle vielmehr die Sache ganz langsam vollziehen, da würde die Bevölkerung nicht aufrührerisch werden, sondern sie ließe sich das gefallen, wenn man es ihr nach und nach nähme.

[ 7 ] From an external point of view one can say that in the early Christian centuries pagan temples, with their statues of a splendour and magnificence which are inconceivable today, were scattered over wide areas. These images (of the gods), even into their formalistic details, were a symbolic representation of all that had lived in the ancient Mysteries. Not only was there not a town or locality without abundant representations of symbolic art forms, but in the fields where peasants cultivated their crops were to be found isolated shrines, each with its statue of a God. And they never undertook agricultural work without first putting themselves in touch with those forces which, they believed, streamed down from the universe through the agency of the magic powers which resided in these images. The Roman emperors, with the support of bishops and priests, were concerned to destroy utterly these temples and shrines together with their images. We can follow this work of iconoclasm up to the time of the emperor Justinian in the sixth century. Countless edicts were promulgated ordering the ruthless destruction of these temples and shrines. During these centuries a wave of iconoclasm swept over the world that was unprecedented in the history of mankind; unprecedented because of the extent of the systematic destruction.2The systematic destruction of pagan temples began under Constantine. Out of expediency the emperors remained neutral in the conflict between Christian and pagan cults. But the Christian monks not only incited the populace to pillage, but were themselves the first to burn and pillage the temples and to ransack trophies, statues and anything of value. It was during the outburst of iconoclasm that the famous library in the temple of Serapis was destroyed in A.D. 391. Up to the time when St. Benedict with his own hands and the support of his workmen levelled the temple of Apollo on Monte Cassino in order to found a monastery dedicated to the service of the Benedictine Order on this site, and up to the time of the emperor Justinian, it was one of the foremost duties of the Roman emperors (who since Constantine had been converted to Christianity) to eradicate all traces of paganism. Edicts were promulgated whose apparent purpose was to arrest this work of destruction, but in reading them one receives a strange impression. One emperor, for example, issued an edict declaring that all the pagan temples should not be destroyed immediately for fear of inflaming the populace; the work of destruction should rather be carried out gradually, for the people would then accept it without demur.

[ 8 ] Alle die Maßregeln furchtbarster Art, die mit diesem Zerstörungswerk verbunden waren, sie werden ja sehr häufig, wie so vieles, beschönigt. Das sollte aber nicht geschehen. Denn da, wo die Wahrheit in irgendeiner Weise getrübt wird, da ist der Zugang zu dem Christus Jesus auch durchaus getrübt, da kann er nicht gefunden werden. Und in bezug auf die ernste Wahrheitsliebe kann man ja ganz besondere Entdeckungen machen, meine lieben Freunde. Ein kleines Symptom lassen Sie mich anführen, das ich aus dem Grunde anführe, weil ich es in verhältnismäßig früher Kindheit erlebt habe, das mir dazumal aufgefallen ist. Man kann aber solch ein Ding nicht wieder im Leben vergessen. Nicht wahr, wenn man nicht gerade die Ohren verstopft hat, so hört man in der römischen Cäsaren-Geschichte, daß jener Konstantinus, von dem wir ja auch gesprochen haben, nicht gerade ein sehr guter Mensch war. Denn ein sehr guter Mensch ist im allgemeinen derjenige nicht, der ungerechtfertigterweise seinen eigenen Stiefsohn beschuldigt hat, mit seiner Mutter ein Verhältnis zu haben — es war ungerecht, es war erfunden, um einen Mordgrund zu haben —, der seinen Stiefsohn ermorden ließ aus diesem erfundenen Grunde, dann aber die Mutter auch ermorden ließ, die Stiefmutter. Das sind nur so die gangbarsten Taten dieses Konstantinus. Da aber doch die äußere Kirche ihm außerordentlich viel zu verdanken hat, schämt sich die äußere Kirchengeschichte, diesen Konstantinus in der richtigen Weise zu charakterisieren. Und da möchte ich Ihnen doch eine Stelle aus meinem Schulbuch der Religionsgeschichte vorlesen über jenen Konstantinus:

[ 8 ] All the terrible measures associated with this work of destruction are very often glossed over like so many other things. But this is a mistake. Whenever truth is in any way obscured, the path leading to Christ Jesus is also obscured and cannot be found. Since I have already spoken of this earnest love of truth, allow me to refer to a small incident which occurred in my early childhood and which I shall never forget. Such things are most revealing. Unless we wilfully blind ourselves we learn from the history of the Roman emperors that Constantine was not precisely a model of virtue, otherwise he would not have accused his own stepson, without any justification, of illicit relations with his own mother. The accusation was a pure fabrication in order to find a pretext for murder. Constantine first had his stepson murdered on this trumped-up charge and then the stepmother. These were simply routine acts with Constantine. Since however the Church was deeply indebted to him, official Church history is ashamed to portray him in his true colours. With your permission I should like to read a passage from my school text-book on the history of religion which refers to Constantine:

[ 9 ] «Konstantin zeigte seine gläubige Gesinnung auch in seinem Privatleben.» — Ich habe Ihnen eben erzählt, wie! — «Wenn man ihm Herrschsucht und Zornmütigkeit vorwirft, so ist zu bedenken, daß der Glaube nicht vor jedem Fehltritte bewahrt, und daß das Christentum seine volle heiligende Kraft an ihm nicht erweisen konnte, weil er bis an sein Lebensende außer der Teilnahme an den heiligen Sakramenten blieb.»

[ 9 ] “Constantine showed himself to be a true son of the Church even in his private life”—and I have already given you an example of this! “Though often reproached for his irascibility and ambition one must remember that faith is not a guarantee against every moral lapse and that Christianity could not manifest its redemptive power in him because, to the end of his life, he never partook of the Sacrament.”

[ 10 ] Aber solche Dinge können Sie ungeheuer viele erleben, und Sie können daran studieren den Grad von Wahrheitsliebe, der in der Geschichte sehr häufig vorhanden ist. In bezug auf die neuere Geschichte ist die Sache nicht viel besser, nur berührt sie da andere Gesichtspunkte, und man merkt es nicht so leicht, weil da wieder andere Interessen vorliegen.

[ 10 ] Now examples of this kind of whitewash are a commonplace. They demonstrate how seldom history displays a love of truth. And much the same applies to recent history. Here we find other distortions but we fail to detect them because other interests occupy our attention.

[ 11 ] Nun, wenn diese Edikte besprochen werden, wird auch erwähnt, daß man sich namentlich wandte von seiten der römischen Cäsaren gegen die blutigen Opfer, die Tieropfer, welche in solchen Tempeln dargebracht worden sein sollen, und dergleichen mehr. Nun soll hier weder Kritik geübt werden, noch irgend etwas beschönigt werden, sondern die Dinge sollen einfach erzählt werden. Dasjenige, was nämlich notwendig ist zu wissen, das ist dieses: Was man da nennt «Bekämpfung der Tieropfer», aus deren Eingeweiden, so wie gesagt wird, man allerlei Zukünfte voraussagte, das war allerdings eine dekadente Art des Opfers, aber es war nicht jenes Triviale, was sehr häufig in der Geschichte gemeint ist, wenn man von diesen Dingen redet, sondern es war — aber nur auf eine andere Art, als es heute geschieht — eine tiefsinnige Wissenschaft. Was man durch die Tieropfer erreichen wollte, das war: Man wollte durch die Verrichtung der Tieropfer — es ist schwierig, über diese Dinge heute zu sprechen, weil es sehr anstößig gefunden wird, man kann nur im allgemeinen charakterisieren —, man wollte in diesen Tieropfern Anregung haben für etwas, was man in dieser Zeit nicht mehr direkt haben konnte, weil die Zeit des alten atavistischen Hellsehens vorbei war; man wollte in diesen Tieropfern Anregung haben innerhalb gewisser Kreise der Priester, innerhalb der heidnischen Priesterkreise, wieder zu beleben — es war das eine Art Mittel — die alten hellsichtigen Kräfte. Und namentlich wurde noch in einer besseren Art dieser Versuch gepflegt, durch die besondere Form des Opfers wieder zu beleben die alte hellsichtige Kraft, um zu den Urzeiten zu kommen, in den Mithras-Mysterien, und zwar da, ich möchte sagen, auf die geistigste Art in der damaligen Zeit. Roher, blutiger wurden die Dinge in den ägyptischen Priester-Mysterien gepflegt und in den ägyptischen Tempeln. Wenn man die Mithras-Mysterien wirklich mit okkulten Mitteln studiert, so muß man sagen: Sie waren ein Mittel, durch allerlei Opferverrichtungen — die aber mehr waren, als was man heute Opferverrichtungen nennt, die tatsächlich etwas waren, was in viel intensiverer Weise in die Geheimnisse der Natur einführte als heute die Leichensektion, Leichenautopsie, die eigentlich gar nicht in die Geheimnisse einführt, sondern die nur zur Oberfläche führt —, sie waren ein Mittel, eine Einführung in die Geheimnisse der im Weltenall wirksamen Kräfte zu erreichen. Derjenige, der in richtiger Weise jene Opfer verrichtet hatte, der wurde durch diese Opfer in gewisser Weise hellsichtig für die Anschauung gewisser Kräfte, die in den Geheimnissen der Natur vorhanden sind. Und damit hängt es auch zusammen, daß man über die eigentlichen Grundlagen der Mysterien-Opfer eben das Geheimnis walten ließ, daß man die Dinge erst zugänglich finden durfte, wenn man genügend vorbereitet war dazu.

[ 11 ] When we read the account of these Imperial edicts (relating to the destruction of the pagan temples) we are also informed that the Roman emperors expressly rejected animal sacrifice and similar practices which are alleged to have taken place in the temples. Now I do not intend to criticize or to gloss over anything, but simply to state the facts. But we must remember that “opposition to animal sacrifice” (from the entrails of which future events are said to have been predicted) was, in fact, a decadent form of sacrifice. It was not the trifling matter that history often suggests, but a profound science, different in character from that of today. The object of animal sacrifice—and it is difficult to speak of these practices today because we find them so revolting that we can only refer to them in general terms—was to stimulate powers which, at the time, could not be attained directly because the epoch of the old clairvoyance was past. Attempts were made within certain circles of the pagan priesthood to revive the old clairvoyant powers. This was one of the methods employed. A more satisfactory method of awakening this ancient atavistic clairvoyance in order to recapture the spirit of primeval times was to revive the particular form of sacrifice practised in the Mithras Mysteries and in the most spiritual form known to the Mysteries at that time. In the priestly Mysteries of Egypt and in Egyptian temples far more brutal and bloodthirsty practices were carried out. When we study the Mithras Mysteries by occult means we realize that they were a means to gain insight into the secrets of the forces operating in the universe through sacrificial rites that were totally different in character from what we understand by sacrificial rites today; in fact they yielded a far deeper insight into the secrets of nature than the modern practice of autopsy which only leads to a superficial knowledge. Those who performed these sacrificial rites in the correct way were able to perceive clairvoyantly certain forces which are present in the hidden depths of nature. And for this reason the real motives for these ritual sacrifices were kept secret and only those who were adequately prepared were permitted to have knowledge of them.

[ 12 ] Nun, wenn man die Mithras-Mysterien studiert, dann findet man, daß diese Mithras-Mysterien alle zurückgehen auf den dritten nachatlantischen Zeitraum, und dadurch waren sie eben dazumal in der Dekadenz, weil sie in ihrer besseren Form für den dritten Zeitraum geeignet waren. Im dritten nachatlantischen Zeitraum waren sie eigentlich in ihren besten Zeiten etwas, was zwar auf eine gefahrvolle und geheimnisvolle Weise, aber doch eben tief einführte in tiefe Naturgeheimnisse; dadurch einführte, daß die Verrichtungen, die gepflogen wurden, etwas bewirkten. Also denken Sie: es wurden von den Priestern in Gegenwart der Schüler gewisse Verrichtungen gepflogen, die zusammenhingen mit dem Dekomponieren der Naturzusammenhänge, um dadurch, durch das Dekomponieren, zur Erkenntnis der Komposition der Naturvorgänge zu kommen. Und durch die Art, wie sie eben geschahen, wie da in diesen Verrichtungen das in den Organismen befindliche Wasser mit dem Feuer zusammenwirkte, und wie dieses Zusammenwirken Anregung wiederum bot für den, der bei der Opferung anwesend war, dadurch eröffnete sich diesem ein ganz besonderer Weg für eine bis in die innersten Fasern des Menschen gehende Selbsterkenntnis und damit Weltenerkenntnis.

[ 12 ] Now when we look into the origin of the Mithras Mysteries we find that they date back to the Third post-Atlantean epoch and so they were already decadent at the time of which we are speaking. In their purer form they were suited to the Third post-Atlantean epoch only. They had reached their high point in this epoch. Through the performance of particular rites they had the power, albeit in a mysterious and somewhat dangerous way, to penetrate deeply into the secrets of nature. The priest performed certain rites in the presence of the neophyte by which he was enabled to “decompound” natural substances (i.e. to resolve them into their constituent parts) in order thereby to arrive at an understanding of the processes of nature. Through the manner in which the fire and water in the organisms interacted on each other and through the manner in which they reacted upon the neophyte who took part in the sacrifice, a special path was opened up which enabled him to attain to a self-knowledge that reached down into the very fibres of his being and thereby arrive at an understanding of the universe.

[ 13 ] Also es waren diese Opfer ein Weg zur Selbsterkenntnis und zur Welterkenntnis. Man erlebte sich selber auf eine andere Art, als man sich im äußeren Leben erlebt, wenn man bei diesen Opfern anwesend war. Aber dieses Erleben war im hohen Grade auf des Menschen Schwäche berechnet. Denn Selbsterkenntnis ist etwas außerordentlich Schwieriges, und diese Opfer waren eine Erleichterung der Selbsterkenntnis. Es wurde der Mensch durch diese Opfer dahin gebracht, sich gewissermaßen innerlich zu spüren, innerlich zu erleben, aber viel intensiver als etwa durch den bloßen Gedankenprozeß oder Vorstellungsprozeß. Man möchte sagen, ein bis zur Körperlichkeit, bis zur Leiblichkeit gehendes Selbsterkennen wurde angestrebt, ein Selbsterkennen, das man sogar verfolgen kann bis in das Gemüt der großen Künstler des Altertums hinein, die ihre Art, Formen zu geben, in gewissem Sinne verdankten dem Miterleben der Naturbewegungen und Naturformungen am eigenen Organismus. Denn je weiter man zurückgeht in der Kunst, im Kunstschaffen, desto mehr kommt man zu jener Zeit, wo nach einem Modell zu schaffen überhaupt etwas ganz Unverständliches wird. Ein Modell vor sich zu haben und das zu kopieren, das wird etwas ganz Unverständliches. Immer mehr und mehr erkennt man, daß die Leute ein Lebendiges in sich hatten, das lebte, und das sie verkörperten. Die Dinge sind heute schon so verglommen, daß man kaum noch über sie sprechen kann, weil die Worte nur noch schattenhaft die Dinge bezeichnen, die man ganz reell und wirklich meint, wenn man von diesen Dingen spricht. Es ist ungeheuer, wie anders die Zeit geworden ist.

[ 13 ] By participating in these sacrificial rites man learned to see himself in a new light. But this knowledge made considerable allowance for man's weakness. Self-knowledge is extremely difficult to acquire, and these sacrificial rites were intended to facilitate such knowledge and enabled him to feel and experience his inner life more intensely than through intellectual or conceptual processes. He therefore strove for a self-knowledge that penetrated into his physical organism, a self-knowledge that can be seen in the souls of the great artists of antiquity, who, to a certain extent, owed their sense of form to an instinctive feeling for the forms and movements of nature which they experienced in their own organism. As we look back into the history of art, we find there was a time when the artist never dreamt of working from models; any suggestion of working from the model would have been unthinkable. We become increasingly aware that the artist portrayed his visual imaginations in concrete form. Visual imagination is virtually a thing of the past; we hardly dare mention it because words are inadequate to give any real indication of what we mean by it. It is incredible how much times have changed.

[ 14 ] Nun waren eine wirkliche Fortbildung dieser Art von Mysterien, die namentlich in den Mithras-Mysterien über die ganze damalige Welt zur Zeit des Mysteriums von Golgatha ausgedehnt waren, die griechischen eleusinischen Mysterien. Sie waren eine Fortbildung und zugleich in gewissem Sinne eine ganz andere Seite. Während in den Mithras-Mysterien alles darauf ankam, man möchte sagen, in leiblicher Art sich selbst zu erleben, kam bei den Eleusinien alles darauf an, nun gar nicht sich in sich zu erleben, sondern sich außer sich zu erleben. In den Eleusinien wurden ganz andere Veranstaltungen getroffen als in den MithrasMysterien. In diesen wurde sozusagen der Mensch recht in sich hineingeschoppt; in den Eleusinien wurde er seelisch aus sich herausgeholt, so: daß er außer dem Leibe miterlebte die geheimnisvollen Impulse des Natur- und Geistesschaffens außer ihm. Und wenn wir nun eingehen auf das, was da eigentlich dem Menschen in diesen Mysterien wurde, sowohl in den Mithras-Mysterien, die aber dekadent waren, wie in den Eleusinien, die dazumal nicht dekadent waren, sondern ein paar Jahrhunderte vor der christlichen Zeitrechnung sogar auf ihrer Höhe waren, etwa im vierten Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung zu ihrer Höhe hinanstiegen, wenn man frägt, was eigentlich in den Mysterien für den Menschen geleistet wurde, so muß man sagen: Die Antwort wurde geleistet auf die große delphische Aufforderung «Erkenne dich selbst!» Auf Selbsterkenntnis lief eigentlich alles hinaus, Selbsterkenntnis auf die zwei verschiedenen Arten: Selbsterkenntnis durch das Hineingestopftwerden in sich, so daß gleichsam das Ätherisch-Astralische in dem Menschen verdichtet wurde, so daß er innerlich an sich anstieß, und durch das innerlich Anstoßen seines Seelischen an das Leibliche erfährt: Da bist du etwas, das du wahrnimmst, wenn du da innerlich dich selbst drängst und stößest. — Das geschah durch die Mithras-Mysterien. Durch die Eleusinien wurde die Selbsterkenntnis dem Menschen dadurch, daß die Seele durch die verschiedenen, hier nicht weiter zu beschreibenden Verrichtungen herausgeholt wurde aus dem Leibe, und der Mensch außer dem Leibe in Zusammenhang kam mit der geheimnisvollen Kraft der Sonnenwirkung, des Sonnen-Impulses auf der Erde, mit den Kräften des Mond-Impulses auf der Erde, mit den Kräften der Sternen-Impulse, der Impulse der einzelnen elementaren Kräfte, der Wärmekräfte, Luftkräfte, Feuerkräfte und so weiter. Da wiederum durchwellten des Menschen Seelisches, das aus dem Leibe geholt wurde, die äußeren Elemente, das äußere Dasein, und in diesem Zusammenprall mit dem Äußeren wurde die Selbsterkenntnis erreicht. Und was die Leute wußten, die den eigentlichen Sinn des Mysterienwesens kannten, das war das: Man kann zu allem seelischen Erleben kommen; nur dazu kann man nicht kommen, etwas Reales mit dem Begriff des «Ich» zu verbinden, wenn es nicht aus den Mysterien kommt. Denn sonst blieb das Ich immer etwas Abstraktes für diese Zeit, wenn es nicht aus den Mysterien kam. Das andere Geistig-Seelische konnte man erleben, aber das Ich mußte auf diese Weise angeregt werden, es bedurfte dieser starken Anregung. Das wußten die Menschen. Und das ist das Wesentliche dabei.

[ 14 ] Now the Eleusinian Mysteries were a direct continuation of the Mithras Mysteries which were widely diffused at the time of the Mystery of Golgotha, but at the same time they represented a totally different aspect. Whilst the Mithras Mysteries emphasized the attainment of self-knowledge through the physical organism, the Eleusinian Mysteries were quite different from those of the Mithras Mysteries. In the latter the neophyte was thrust deeply into himself; in the Eleusinian Mysteries his soul was liberated from the body so that he could experience outside the body the hidden impulses of the creative activity of nature and the spirit. Now if we ask what man learned from these Mysteries—from the Mithras Mysteries which were already decadent and from the Eleusinian Mysteries that had reached their high point towards the fourth century B.C.—if we ask what benefit man derived from these Mysteries, then the answer is found in the well-known injunction of the Delphic oracle: “Know thyself”. Initiation was directed to the attainment of self-knowledge along two different paths: first, self-knowledge through being thrust inwards so that the astral and etheric bodies were “condensed”, so to speak, and through the impact of the psychic on the physical, man realized: “Now you perceive yourself for what you are; you have attained self-awareness.” Such was the legacy of the Mithras Mysteries. In the Eleusinian Mysteries, on the other hand, he attained to self-knowledge through the liberation of the soul from the body by means of various rites which cannot be described in detail here. The soul thus came in contact with the secret power of the Sun, with solar impulses irradiating the Earth, with the forces of the Moon impulse streaming into the Earth, with the forces of stellar impulses and the impulses of the individual elemental forces—the warmth, air and fire forces and so on. The external elements streamed through man's soul (which had been withdrawn from the body) and in this encounter with the external forces he attained self-knowledge. Those who were aware of the real meaning of the Mystery teachings knew that man could attain to all kinds of psychic experiences outside the body, but he was unable to grasp concretely the idea of the ego. Outside the Mysteries the idea of the ego was a purely abstract concept at that time. Man could experience other aspects of the psychic and spiritual life, but the ego had to be nurtured through Mystery training and needed a powerful stimulus. This was the aim of the Mysteries and was known to the initiates.

[ 15 ] Nun kam ja zustande, wie Sie wissen, eine Art Kombination der christlichen Entwickelung mit dem Imperium Romanum. Und wie diese Kombination zustande kam, das habe ich ja geschildert. Indem diese Kombination zustande kam, entstand die Begierde, diese Vergangenheit, die ich eben geschildert habe, womöglich zu verwischen; womöglich nicht auf die Nachwelt kommen zu lassen irgendein wirkliches Bild dieser Vergangenheit; nicht auf die Nachwelt kommen zu lassen, was da einmal bis in weite Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung herein die Menschen getan haben, um mit denjenigen göttlichen Kräften, sei es in, sei es außerhalb des Leibes in Beziehung zu kommen, die dem Menschen das Ich-Bewußtsein bringen. Und nun muß man, wenn man etwas tiefer die Entwickelung des Christentums studieren will, nicht bloß sehen auf die Fortentwickelung der Dogmen, sondern vor allen Dingen auf die Fortentwickelung der Kulte. Für gewisse Gesichtspunkte ist die Fortentwickelung des Kultus viel wichtiger noch als die Fortentwickelung der Dogmen. Denn die Dogmen sind dasjenige, was Streitigkeiten brachte; Dogmen sind gewissermaßen wie der Vogel Phönix: sie entstehen wieder aus ihrer eigenen Asche; und wenn man Dogmen auch noch so sehr ausgerottet hat, es kommt immer wieder irgendeiner, den man für einen Querkopf hält, mit derselben Anschauung. Kulte kann man viel sicherer ausrotten. Und diese alten Kulte, die gewissermaßen die äußeren Schriftzeichen, die wirklichen äußeren Schriftzeichen, die Symbole waren für dasjenige, was in den Mysterien vorgeht, diese Kulte auszurotten, darauf kam es an, um unmöglich zu machen, daß aus dem Vorhandensein der Kulte abgelesen werde, wie man versuchte, sich den göttlich-geistigen Kräften zu nähern.

[ 15 ] Now as you know, there occurred at this time a kind of fusion between evolving Christianity and the Roman empire. I have already described how this arose and how, because of this fusion, the Church was anxious to suppress, as far as possible, those rites I have just described to you, to efface all traces of the past and to conceal from posterity all knowledge of the Mystery practices which over the centuries had sought to bring man, whether in the body or outside the body, in touch with those spiritual forces which help him to develop his ego consciousness. If we wish to make a more detailed study of the evolution of Christianity we must consider not only the development of dogma, but especially the development of ancient cults from certain points of view; this is of far greater importance than the evolution of dogma. For dogmas are a source of controversy and like the phoenix they rise again from their own ashes. However much we may imagine they have been eradicated, there is always some crank who comes along and revives the old prejudices. Cults are far easier to eradicate. And these ancient cults which, in a certain sense, were the external signs and symbols of Mystery practices were suppressed, so that it would be impossible to discover from the survival of ancient rites the methods by which man sought to come in touch with divine-spiritual forces.

[ 16 ] Wenn man hinter die ganze Sache kommen will, dann muß man sich die christlichen Kulte ein wenig ansehen, zum Beispiel den Mittelpunktskultus, das Meßopfer, das katholische Meßopfer. Was ist dieses katholische Meßopfer mit seinem ganzen ungeheuer tiefen Sinn? Was ist es? Ja, das Meßopfer mit alledem, was daran hängt, ist eine kontinuierliche Fortentwickelung der Mithras-Mysterien, die in gewisser Weise etwas kombiniert sind mit den eleusinischen Mysterien. Das Meßopfer und vieles, was an Zeremonien damit zusammenhängt, ist nichts anderes als die Fortentwickelung der alten Kulte, nur eben fortentwickelt. Nicht etwa ist die Sache so gelassen worden, wie sie war, namentlich wurde der blutige Charakter, den allmählich die Mithras-Mysterien angenommen hatten, gemildert; der fand eine wirkliche Milderung. Aber die unendliche Ähnlichkeit des Grundgeistes, die kann nur der ermessen, welcher gewisse Einzelheiten in der richtigen Weise einzuschätzen weiß. Daß der Priester, wie übrigens auch der sonst das Abendmahl Empfangende, den Leib des Herrn zu sich nimmt, nachdem er so und so lange nichts gegessen hat — wie man sagt: mit nüchternem Magen —, das ist zum Verständnis der Sache viel wichtiger, als manches andere, namentlich manches, worüber man im Mittelalter furchtbar gestritten hat. Denn das ist etwas zum Beispiel, worauf es ankommt. Und wenn irgendein Priester, wie es ja auch wohl vorkommt, dieses Gebot, wirklich mit nüchternem Magen die Transsubstantiation und die Kommunion zu vollziehen, übertritt, dann hat sie durchaus nicht den Sinn, die Bedeutung, die Wirkung, die sie haben soll. Allerdings, zumeist hat sie nicht die Wirkung, weil die Betreffenden nicht in richtiger Weise unterrichtet werden. Denn die Wirkung kann nur da sein, wenn ein entsprechender Unterricht stattgefunden hat über dasjenige, was unmittelbar nach dem Empfang des blutlosen Leibes des Herrn erlebt wird. Aber Sie wissen ja vielleicht selbst, wie wenig auf diese Feinheiten mehr heute gesehen wird; wie wenig darauf gesehen wird, daß dadurch wirklich ein Erlebnis eintreten soll, das ein gewisses innerliches Verspüren darstellt, eine Art neuzeitlicher Wiedererneuerung desjenigen, was als Anregung in den Mithras-Mysterien stattgefunden hat. So stehen wirklich hinter dem Kultus gewissermaßen mysteriöse Dinge. Die stehen schon dahinter. Und die Kirche hat mit der Priesterweihe auch eine Art von Fortsetzung schaffen wollen des alten Initiationsprinzips, nur hat sie vergessen in vieler Beziehung, daß das Initiationsprinzip darin bestand, gewisse Lehren zu geben, wie die Dinge durchlebt werden sollen.

[ 16 ] In order to get to the bottom of the matter we must take a look at the chief sacrament of the Church of Rome, the sacrifice of the Mass. What is the inner significance of the Catholic Mass? In reality, the Mass and all that is related to it, is a continuation and development of the Mithras Mysteries, blended to some extent with the Eleusinian Mysteries. The sacrifice of the Mass and many of the related ceremonies is simply a further development of the ancient cults. The original ritual has been somewhat transformed; the sanguinary character which the Mithras Mysteries had assumed has been modified. But we cannot fail to note many similarities in the spirit of these two cults, especially if we appreciate certain details. For example, before receiving the Host the priest as well as the communicant must fast for a certain period. This detail is more important for the understanding of the Mystery in question than many of the issues that were so fiercely debated in the Middle Ages. And if the priest, as may well happen, neglects the order to fast before celebrating the Eucharist, then the Communion loses its meaning and the effect it should have. Indeed its efficacy is largely lost because the communicants have not been properly instructed. It can be effective only if suitable instruction has been given to the communicant on what he should experience immediately after receiving the “unbloody sacrifice (sic) of His Body and Blood”. But you are no doubt aware of how little attention is paid to these subtleties nowadays, how little people realize that communion must be followed by an inward experience, that one should experience an inner intimation, a kind of modern renewal of that stimulation which the neophyte experienced in the Mithras Mysteries. This is what really lies behind the Christian cult. And ordination was an attempt by the Church to establish a kind of continuation of the ancient principle of Initiation. But she forgot in many cases that Initiation consisted in giving instruction in the way to respond to certain experiences.

[ 17 ] Nun, sehen Sie, es gehörte zu dem Ideal Julians des Apostaten, dahinterzukommen, wie die Eleusinien, in die er eingeweiht war, zusammenhingen mit den Mysterien der dritten nachatlantischen Zeit. Denn was konnte er in den Eleusinien erfahren? Was Julian der Apostat in den Eleusinien erfahren konnte, darüber belehrt den Menschen heute die Geschichte nicht. Aber wenn Sie sich wirklich einmal darauf einlassen würden zu studieren, wie so ein Klemens der Alexandriner, sein Schüler Origenes, selbst Tertullian, selbst Irenäus, gar nicht zu reden von noch älteren Kirchenlehrern, wie diese zum großen Teil ausgegangen sind vom heidnischen Initiationsprinzip und sich dann auf ihre Art zum Christentum herübergefunden haben — wenn Sie auf diese Geister sehen, so finden Sie, daß in ihnen eine ganz besondere Art der inneren Bewegung der Begriffe und Vorstellungen lebt; es lebte in ihnen ein ganz anderer Geist, als später in der Menschheit lebt. Der Geist, der in ihnen lebte, an den ist es nötig, wenn man an das Mysterium von Golgatha herankommen will, selbst heranzukommen. An diesen Geist heranzukommen, das ist die Hauptsache!

[ 17 ] Now Julian's avowed object was to discover how the Eleusinian Mysteries into which he had been initiated were related to the Mysteries of the Third post-Atlantean epoch. What could he learn from these Mysteries? On this subject history tells us little. If we were to embark upon a serious study of how men such as Clement of Alexandria, his pupil Origen, Tertullian and even Irenaeus,3Irenaeus, born in Asia, heard St. Polycarp in his youth. The date of his death is unknown. His chief work was Adversus Haereses, c.179, an attack upon the Gnostics and the principal heresies. to say nothing of the still earlier Fathers, derive in part from the pagan principle of initiation and came to Christianity in their own way, if we were to enter into the minds of these great souls, we should find that their concepts and ideas were informed by an inner vitality peculiar to them alone, that an entirely different spirit dwelt in them from that which was later reflected in the Church. If we wish to understand the Mystery of Golgotha we must catch something of the spirit of these early Fathers.

[ 18 ] Sehen Sie, die Menschen schlafen ja so viel — ich meine das tatsächlich — mit Bezug auf die großen Kulturerscheinungen. Man stellt sich die Welt wirklich so vor, wie wenn man sie eigentlich im Traume erlebte. Wir können das in unserer Zeit selbst sehen. Ich habe Ihnen öfter von Herman Grimm gesprochen. Ich muß gestehen, mir ist es ganz anders, wenn ich jetzt von Herman Grimm spreche, oder wenn ich vor vier, fünf Jahren von Herman Grimm gesprochen habe. Dasjenige, was wir in den nun bald drei Jahren dieses Krieges erlebt haben, das macht, daß, wenn man auf die Dinge eingeht, einem dasjenige, was unmittelbar vorangegangen ist, was die Jahrzehnte vorangegangen ist, wirklich wie eine Art Märchenzeit erscheint; es könnte ebensogut Jahrhunderte zurückliegen. Man hat das Gefühl, daß die Zeit sich ganz in die Länge gezogen hat, so fremd sind gewissermaßen die Dinge geworden. — Und so, möchte ich sagen, wird überhaupt Wichtigstes in der Welt im Grunde genommen von den Menschen verschlafen.

[ 18 ] Now in relation to the great cultural manifestations men are fast asleep, and I mean this literally. They see the world as if in a dream and we can observe this at the present time. I have often spoken to you of Herman Grimm,4Herman Grimm (1828–1901), son of Wilhelm Grimm who with his brother Jacob collected and edited the Nursery and Household Tales. Herman was an art historian who wrote works on Goethe, Dante, Shakespeare, Raphael and Michelangelo. and I must confess that when I speak of him today I am a different person from the person who spoke of him some four or five years ago. After nearly three years of War the decades before the War and the years immediately preceding the War seem like a golden age. All that has happened in those years seems centuries ago. Things have changed so much that one has the feeling that time has been infinitely prolonged. And in like manner the most important things pass unnoticed because mankind is asleep to them.

[ 19 ] Wenn man heute versucht, mit gewöhnlichen Mitteln des Verstandes, des Begriffes, mit gewöhnlichen Mitteln alte Schriftsteller zu verstehen — gewiß, wenn man im gewöhnlichen Sinne ein Universitätsgelehrter ist, versteht man ja selbstverständlich alles, was auf die Nachwelt gekommen ist, aber wenn man nicht ein so erleuchteter Geist ist, so kann man zum Beispiel zu folgendem Urteil kommen. Man kann sich sagen: Mit gewöhnlichem Verstande, wenn man nicht okkulte Mittel anwendet, sind die alten griechischen Philosophen Thales, Heraklit, Anaxagoras, die also gar nicht so weit vor uns liegen, wirklich nicht zu verstehen. Sie reden, auch wenn man auf das Griechische eingeht, wirklich eine andere Sprache; eine andere Begriffssprache eben reden sie als diejenige ist, in der man selber reden kann für den gewöhnlichen menschlichen Verstand. Und dies gilt zum Beispiel sogar mit Bezug auf Plato. Ich habe schon öfter erwähnt: Hebbel fühlte das, als er daran dachte — er schrieb sich da auf in sein Tagebuch einen Dramenentwurf —, den wiederverkörperten Plato als Gymnasialschüler vorzuführen, der mit seinem Gymnasiallehrer den Plato lesen muß und durchaus bei dem gescheiten Gymnasiallehrer nicht mit dem Plato zurechtkommt, trotzdem er der wiederverkörperte Plato ist. Hebbel wollte das ausführen. Er ist nicht dazu gekommen, aber er hat sich das aufgeschrieben in sein Tagebuch, wie das sein müßte, wenn der wiederverkörperte Plato heute ein Gymnasialschüler wäre und den Plato lesen müßte und ihn nicht verstehen könnte. Aber Hebbel fühlte das: Auch der Plato kann nicht so ohne weiteres verstanden werden. Verstehen, was man wirklich Verstehen nennen darf beim Genaunehmen der Begriffe, das beginnt eigentlich für das menschliche Denken erst bei Aristoteles. Es geht nicht weiter zurück, es beginnt erst bei Aristoteles im vierten vorchristlichen Jahrhundert. Was vorher liegt, das ist nicht zu verstehen mit gewöhnlichem Menschenverstand. Und Aristoteles haben daher auch die Menschen immer wieder versucht zu verstehen, denn auf der einen Seite ist er verständlich, auf der anderen Seite ist man mit Bezug auf gewisse Begriffsbildungen bis heute überhaupt nicht weiter gekommen, als Aristoteles gekommen ist, weil diese Begriffsbildung gerade für die damalige Zeit taugte. Und eigentlich, so in derselben Art zu denken, wie ein anderes Zeitalter gedacht hat, das zu wollen, das heißt für den Menschen, der im Konkreten lebt, im Grunde dasselbe, wie wenn man 56 Jahre alt geworden ist, und man möchte einmal auf eine Viertelstunde 26 Jahre alt sein, um das zu erleben, was man mit 26 Jahren erlebt hat. Eine gewisse Art zu denken taugt eben nur für ein ganz bestimmtes Zeitalter; dasjenige, was da die Eigenart des Denkens ist, es wird nur immer wieder nachgedacht. Aber es ist interessant, wie Aristoteles im Mittelalter, ich möchte sagen, als der Herrscher der Gedanken gelebt hat, und wie er bei dem hier öfter erwähnten Franz Brentano wieder aufgetaucht ist, und gerade jetzt wieder auftaucht. Ein schönes, herrliches Buch hat Franz Brentano 1911 geschrieben über Aristoteles, worin er diejenigen Vorstellungen und Begriffe verarbeitet hat, die der jetzigen Zeit besonders nahegebracht werden sollten. Das ist ein merkwürdiges Zeitenkarma, daß dieser Franz Brentano just Jetzt ein umfassendes Buch über Aristoteles geschrieben hat, das eigentlich jeder, der etwas darauf hält, mit einer gewissen Art des Denkens in Berührung zu kommen, lesen müßte. Es ist auch ein sehr leicht lesbares Buch, das von Brentano über Aristoteles.

[ 19 ] If today we try to grasp the ideas of ancient writers with the ordinary method of understanding—conventional academic teachers of course understand everything that has been transmitted to posterity—but if one is not one of these enlightened mortals, one may come to the conclusion that it is impossible to understand ancient Greek philosophers unless one has recourse to occult knowledge. They speak a different language; the language in which they communicate their ideas is different from that of normal communication. And this applies to Plato. Hebbel 5Hebbel (1813–63), poet and dramatist. Tragedy, according to Hebbel arises out of conflict. Innovators, leaders of new movements, men of original mind, representatives of new principles, though they may lead to the amelioration of society, are doomed to destruction. This was the tragedy of Christ. The first and last representative of a movement, he declared, is either tragic or comic. was aware of this and in his diary he sketched the outline of a dramatic composition which depicted the reincarnated Plato as a Grammar School pupil who had read Plato with his master, but was unable to cope with Plato although he himself was the reincarnation of the philosopher. Hebbel wanted to dramatize this idea but never carried it out. Hebbel, therefore, felt that even Plato could not readily be understood; one needed further preparation. Understanding in the sense of the accurate grasping of ideas first began with Aristotle in the fourth century B.C. Philosophy before Aristotle is incomprehensible by normal human standards. This explains the many commentaries on Aristotle for, whilst on the one hand he is perfectly intelligible, on the other hand in the formation of certain concepts we have not advanced beyond Aristotle because in this respect he belongs to his age. It is impossible to adopt the thought-forms of another epoch; that is tantamount to asking a man of fifty-six to become twenty-six again in order to relive for a quarter of an hour his experiences as a man of twenty-six. A certain mode of thinking is only valid for a particular epoch and the peculiarity attaching to the thinking of a particular epoch is merely repeated time and time again. It is interesting to note how Aristotle dominated the thinking of the Middle Ages and how his philosophy was revived again by Franz Brentano 6Franz Brentano (1838–1917). An Austrian philosopher, ordained 1864, but was unable to accept the doctrine of papal infallibility and relinquished his clerical status. Professor of Philosophy in Wurzburg 1872 and taught at the University of Vienna 1874–95. Aristoteles and seine Weltanschauung (1911) was a re-assessment of Aristotelian philosophy. Brentano attempted to revise Aristotle's logic and psychology from the standpoint of empiricism. Brentano believed in the existence of a personal and immortal soul. (See D. Kraus, Franz Brentano, 1919, and H. O. Eaton, The Austrian Philosophy of Values, 1930.) and precisely at this moment of time. In 1911 Brentano wrote an excellent book on Aristotle in which he elaborated those ideas and concepts that he wished to bring to the attention of our present epoch. It is a curious symptom of the Karma of our age that Brentano should have written at this precise moment of time a comprehensive study of Aristotle which should be read by all who value a certain kind of thinking. And let me add in addition that the book is eminently readable.

[ 20 ] Sehen Sie, dieser Aristoteles ist aber auch im gewissen Sinne dem Schicksal verfallen, daß er, wenn auch nicht in ganz unmittelbarer Art, durch die Kirche, nicht durch das Christentum, verstümmelt worden ist, daß man wichtige Dinge nicht hat von ihm. $o daß eigentlich, ich möchte sagen, das, was an Verstümmelung bei ihm vorliegt, auch im Grunde okkult ergänzt werden muß. Und die wichtigsten Dinge, die beziehen sich gerade auf die menschliche Seele. Und hier komme ich in Anknüpfung an diesen Aristoteles auf etwas, was dem Menschen der Gegenwart gesagt werden muß, wenn er die Frage aufwirft: Wie kann ich nun selbst durch die inneren Seelenerlebnisse auf sichere Art, indem ich gerade auf diese Rätsel hinrichte das sonstige meditative Leben, das in unseren Schriften: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und so weiter beschrieben ist, wie kann ich einen sicheren Weg finden, in mir selbst die Quellen für das Mysterium von Golgatha zu eröffnen? Denn der Aristoteles versucht gewissermaßen von sich aus dasjenige innere Erleben in sich regsam zu machen, das derjenige, der eine solche Frage aufwirft, nachmachen müßte. Nur da, wo Aristoteles dazu kommen würde, dies zu beschreiben, so recht seinen eigenen Meditationsweg zu beschreiben, da — sagen die Aristoteles-Kommentatoren —, da wird Aristoteles wortkarg. Aber diese Wortkargheit besteht nicht darin, daß Aristoteles diese Dinge nicht beschrieben hat, sondern darin, daß die Späteren sie nicht abgeschrieben haben, daß sie nicht der Nachwelt überliefert sind. Aristoteles hat schon einen ganz eigenrümlichen inneren, sagen wir mystischen Weg eingeschlagen. Aristoteles wollte dasjenige in der Seele finden, was innerliche Gewißheit gibt, daß die Seele unsterblich ist.

[ 20 ] Now it was the fate of Aristotle's writings to have been mutilated, not by Christianity, but by the Church (though not directly), so that essential parts of his work are missing. Consequently these lacunae must be supplemented by occult means. The most important omissions refer to the human soul. And, in connection with Aristotle, I now come to the question posed by all today: how can I find, by means of inner soul-experiences, a sure way to open myself to the Mystery of Golgotha? How can I direct towards this end the practice of meditation described in my writings, Knowledge of the Higher Worlds and elsewhere? To a certain extent Aristotle attempted on his own initiative to awaken within himself the inner experiences which those who pose this question must attempt to undertake. But, according to the commentators, whenever Aristotle is on the point of describing his method of meditation, he breaks off and is silent. It is not that he did not describe his technique, but that the later transcripts failed to record it, so that it was never transmitted to posterity. Aristotle had already embarked upon a specific path, the path of mysticism. He strove to find within his soul that which gives certainty of the soul's immortality.

[ 21 ] Nun, wenn jemand ehrlich und aufrichtig eine Zeitlang wirklich innerlich meditative Arbeit leistet, Übungen macht, dann kommt er unbedingt dazu, innerlich zu erleben die Kraft der Seelenunsterblichkeit, indem er dasjenige sich eröffnet, was im Innern das Unsterbliche ist. Das war Aristoteles auch ganz klar, absolut klar, daß man so etwas im Innern erleben kann, was einem sagt: Da erlebe ich im Innern etwas, was vom Leibe unabhängig ist, was also mit dem Tod des Leibes nichts zu tun hat. Das ist Aristoteles ganz klar. Nun geht er weiter, und dann versucht er, in sich ganz intensiv zu erleben dasjenige, wovon man weiß, wenn man es erlebt, daß es nicht dem Leibe angehört. Und da erlebt er ganz klar — nur ist eben die Stelle korrumpiert, verstümmelt —, da erlebt er ganz klar dasjenige, worauf ich schon öfter hingedeutet habe, dasjenige, was man erlebt haben muß, um zum Verständnis des Mysteriums von Golgatha zu kommen: innere Einsamkeit. Einsamkeit! Mit dem mystischen Erleben geht es eben nicht anders, als daß man zu dieser Einsamkeit kommt, daß man gewissermaßen den Schmerz dieser Einsamkeit durchmacht. Und wenn man daran ist, wirklich dieses Einsamkeitsgefühl so weit erlebt zu haben, daß man sich gewissermaßen die Frage stellt: Was hast du denn jetzt eigentlich alles verlassen, indem du so einsam geworden bist? — so wird man sich dies beantworten müssen: Jetzt hast du mit dem besten Teil deines Wesens Vater, Mutter, Brüder, Schwestern und die ganze übrige Welt mit ihren Einrichtungen im Grunde genommen mit der Seele verlassen, mit dem besten Teil deines Wesens verlassen. — Das wußte auch Aristoteles. Das innere Erlebnis kann man haben; man kann es herbeiführen. Man wird in diesem Einsamkeitsgefühl sich ganz klar darüber, daß da im Innern etwas ist, das über den Tod hinausgeht, aber das keinen anderen Zusammenhang hat als nur den mit dem eigenen Ich, das in keinem Verkehr mit der Außenwelt steht. Man kommt darauf, worauf Aristoteles auch gekommen ist: daß eben der Verkehr mit der Außenwelt durch die Organe des Leibes vermittelt wird. Sich selber kann man noch anders erleben — aber die Organe des Leibes braucht man dazu, um die Außenwelt zu erleben. Daher die Einsamkeit, die da eintritt. Und nun sagte sich Aristoteles, was sich eigentlich jeder, den Aristoteles nachmachend, wieder sagen müßte: Da habe ich also die Seele erlebt, dasjenige erlebt, was der Tod nicht zerstören kann. Aber zugleich ist alles fort, was mich in Zusammenhang bringt mit der Außenwelt. Ich bin nur in mir selber. Ich kann nicht weiterkommen im Begreifen der Unsterblichkeit — so sagt sich Aristoteles — als bis dahin, einzusehen, daß ich nach dem Tode mich selbst erleben werde in absolutester Einsamkeit, durch alle Ewigkeiten nichts anderes vor mir habend als dasjenige, was ich im Leben durchgemacht habe als Gutes oder Böses, das ich ewig anschauen werde. Das erlangst du durch deine eigene Kraft, so sagt sich Aristoteles. Willst du etwas anderes wissen über die geistige Welt, so kannst du dich auf deine eigene Kraft nicht stützen, dann mußt du dich entweder einweihen lassen, oder auf dasjenige hören, was die Eingeweihten sagen.

[ 21 ] Now if a man honestly and sincerely practises meditation for a time he will unquestionably attain the inner experience of the immortality of the soul because he opens the doors to the immortal within him. Aristotle never doubted for a moment that it is possible to experience within ourselves something which proclaims: I now feel something within me that is independent of the body and which is unrelated to the death of the body. But he goes even further. He strove to develop this deep inner experience which we know (when we become conscious of it) is connected with the body. He experienced quite definitely—but the passage has been mutilated or bowdlerized—that inner solitude which must be felt by all who wish to arrive at an understanding of the Mystery of Golgotha. Mystical experience inevitably leads to solitude. And when this feeling of solitude overwhelms us we ask: “What have I forsaken that I have become so lonely?”, we shall be obliged to answer: “I have forsaken father, mother, brothers, sisters, I have forsworn the vanities of the world. I am emotionally detached from them.” Aristotle was aware of this. This inner experience can be felt by everyone, it can be systematically developed. In this feeling of solitude we come to realize that we have something within us that transcends death, something that pertains to the ego alone and is unrelated to the external world. Aristotle, too, realized that our contact with the external world is mediated through the physical organs. It is possible for man to experience himself in other ways, but the organs of the body are indispensable in order to experience the external world. Hence the feeling of solitude that overtakes us. And Aristotle realized, as everyone who follows in his steps must realize, that he had experienced his immortal soul which death cannot destroy. He was no longer attached to the finite and transient. “I am henceforth alone with myself” he said, “but my idea of immortality is limited; I realize that after death I shall know utter solitude, that through all eternity I shall be faced with the good and evil deeds that I have perpetrated in life and these will always be before my eyes, and this is all I can attain by my own efforts. If I wish to gain a deeper insight into the spiritual world I cannot rely on my own efforts alone; either I must receive Initiation or be instructed by Initiates.”

[ 22 ] Das hat schon bei Aristoteles gestanden, nur haben es die anderen nicht überliefert. Und indem Aristoteles dieses durchschaut hat, wurde er gewissermaßen auch eine Art Prophet, wurde er der Prophet für das andere, das zu Aristoteles’ Zeiten eben nicht möglich war, das heute anders ist als zu Aristoteles’ Zeiten. Aber man braucht keine Geschichte zu überblicken, sondern in sich selbst erlebt man, daß es anders ist. Denn schauen wir noch einmal zurück auf diese absolute Einsamkeit, zu der man gekommen ist, auf dieses mystische Erlebnis, das ganz anders ist, als wie mystische Erlebnisse sehr häufig geschildert werden. Sie werden sehr häufig in einer selbstgefälligen Art beschrieben, so, daß gesagt wird: Du erlebst den Gott in deinem Innern. — Aber das ist nicht das vollständige mystische Erlebnis. Das vollständige mystische Erlebnis ist: Man erlebt den Gott in völligster Einsamkeit, in absolutester Einsamkeit. Allein mit dem Gotte erlebt man sich. Und dann ist es nur darum zu tun, daß man die nötige Stärke und Ausdauer hat, um in dieser Einsamkeit weiterzuleben. Denn diese Einsamkeit ist eine Kraft, sie ist eine starke Kraft! Wenn man unter ihr nicht sich niederdrücken läßt, sondern sie als Kraft in sich leben läßt, diese Einsamkeit, dann kommt ein anderes Erlebnis dazu — natürlich, solche Dinge können nur geschildert werden, aber jeder kann sie erleben —, dann kommt dazu die unmittelbare innere Gewißheit: Diese Einsamkeit, die du da erlebst, die ist durch dich selbst herbeigeführt, die hast du herbeigeführt. Sie ist nicht mit dir geboren. Der Gott, den du da erlebst, aus dem bist du geboren, aber diese Einsamkeit ist nicht mit dir geboren, diese Einsamkeit geht aus dir hervor. Du bist schuld an dieser Einsamkeit. — Das ist das zweite Erlebnis.

[ 22 ] All this could be found in Aristotle's writings, but his successors were forbidden to transmit the knowledge. And because Aristotle anticipated this possibility he was regarded to a certain extent as a kind of prophet; he became the prophet of that which was not possible in his day, and which is different today from what it was in Aristotle's time. There is no need to appeal to history; we know from personal experience that times have changed. Now let us turn our attention once again to this feeling of total solitude which assails us today, to this mystical experience which is completely different from the mystical experiences usually described. People often speak of them complacently and say: “God is experienced within myself.” That is not, however, the full mystical experience. In full mystical experience we experience God in total and utter solitude. Alone in the presence of God man experiences himself. And then he must find the necessary strength and perseverance to continue in this state of isolation. For this experience of solitude is a potent force! If we do not allow ourselves to be oppressed by solitude, but allow it to become an active force in us, then we meet with a further experience—these things of course can only be described, but everyone can experience them—we have the firm conviction that the solitude we suffer is self-created, that we have brought it upon ourselves. We create our gods in our own image. This solitude is not born with us, it is created by us, we ourselves are responsible for it. This is the second experience.

[ 23 ] Indem man dieses Erlebnis hat, führt es unmittelbar dazu, daß man sich mitschuldig fühlt an der Tötung desjenigen, was aus dem Gotte hervorgegangen ist. An dieser Stelle, wo die Einsamkeit der Seele genügend lange gewirkt hat, wird es klar: Es ist etwas geschehen in der Zeit — es war nicht immer da, sonst müßte es keine Entwickelung gegeben haben; es muß einmal eine Zeit gegeben haben, wo dieses Gefühl nicht da war —, in der Zeit ist etwas geschehen, wo das Göttliche durch das Menschliche abgetötet worden ist. An dieser Stelle beginnt man, sich mitschuldig zu fühlen an der Tötung des Gottes. Und wenn ich Zeit hätte, würde man auch zur weiteren Definition kommen können von der Tötung des Gottessohnes. Das mystische Erleben darf eben nicht ein einziges, nebuloses, verschwommenes sein, sondern es geht in Stufen vor sich. Den Tod des Christus kann man erleben.

[ 23 ] And this second experience leads to the feeling that we share direct responsibility for the death of that which is born of God. When man has suffered the dark night of the soul for a sufficient length of time the divine element in him has been slain by the all-too-human. This has not always been the case, otherwise evolution would have been impossible. There must have been a time when this feeling did not exist. At this moment man begins to feel that he shares responsibility for the death of the divine within him. If time permitted I could explain more fully the meaning of the slaying of the “Son of God”. Remember that mystical experience is not a vague, indefinite, isolated experience; it unfolds progressively; we ourselves experience the death of the Christ.

[ 24 ] Und dann braucht nur wiederum dieses Erlebnis starke Kraft zu werden, dann — ja, ich kann nicht anders sagen: dann ist der Christus da, und zwar der Auferstandene! Denn der ist zunächst als inneres mystisches Erlebnis da, der Auferstandene, derjenige, der durch den Tod gegangen ist. Und die Motivierung des Todes, die erlebt man auf die geschilderte Art.

[ 24 ] And when this experience has become a powerful force in us, then (I can express it in no other way) the Christ, the Risen Lord is born in us. For the Risen Lord, He who has suffered death, is first felt as an inner mystical experience and the reason for His death is experienced in the manner already described.

[ 25 ] Ein dreistufiges mystisches Erlebnis, man kann es haben. Dann ist es vielleicht noch nicht genug, um den Weg zu finden zu den Quellen für das Mysterium von Golgatha, sondern dann sollte noch etwas anderes dazu kommen, was allerdings heute ungeheuer stark verlegt ist, verschüttet ist geradezu. Der einzige, der in genügend starker Weise hingewiesen hat, wie da etwas für die Menschheit gerade durch die Bildung des neunzehnten Jahrhunderts in ungeheuer starker Weise verschüttet worden ist, das war Friedrich Nietzsche, und zwar in der Abhandlung: «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben.» Denn durch nichts wird uns die Christus-Erkenntnis gründlicher ausgetrieben als durch dasjenige, was man heute Geschichte nennt. Daher ist auch durch nichts das Mysterium von Golgatha so gründlich widerlegt worden als durch die treue Historie des neunzehnten Jahrhunderts. Gewiß, ich weiß, man ist heute ein Narr, wenn man etwas gegen die treue Historie spricht, und es soll auch nichts gesagt werden gegen alles Sorgfältige und Philologische und Gelehrte, wie die Historie zustande kommt. Aber mag sie noch so gelehrt sein, die Geschichte, mag sie noch so treu sein, der Mensch stirbt an ihr seelisch, so wie sie heute ist. Gerade an der Geschichte stirbt der Mensch seelisch am sichersten. Die wichtigsten Dinge, sie kennt man nicht im Leben der Menschen und der Menschheit. Die wichtigsten Dinge kennt man nicht!

[ 25 ] There are three degrees of mystical experience. To find the path leading to the sources of the Mystery of Golgotha is of itself not enough; something more must be added, something that has been grotesquely misrepresented, even concealed, at the present time. The only person who forcefully pointed out what had been concealed from mankind by the nineteenth century was Friedrich Nietzsche in his book On the Uses and Abuses of History. Nothing is more calculated to destroy our understanding of Christ than what is called history today. And the Mystery of Golgotha has never been more thoroughly misrepresented than by the objective historians of the nineteenth century. I am aware that anyone who criticizes the objective history of today is regarded as a fool. I have no wish to denigrate the painstaking philological and scholarly achievements of historical research, but however scholarly or however exact this history may be, it is a spiritual desert. It has no understanding of the things that are of vital importance to the life of man and to mankind as a whole. They are a closed book to modern history.

[ 26 ] Man darf vielleicht auf diesem Gebiet gerade von Persönlichem reden, weil ja diese Dinge gerade an Persönliches angeknüpft werden dürfen. Ich habe mich seit meinem achtzehnten, neunzehnten Jahr fortwährend mit Goethe beschäftigt, aber ich habe nie die Versuchung gespürt, etwas treu historisch im philologischen Sinne über Goethe zu schreiben oder auch nur darzustellen, niemals, aus dem einfachen “Grunde, weil mir von allem Anfang an die Idee lebendig war: das Wesentliche ist, daß Goethe lebt! Nicht, daß man den Goethe, der 1749 geboren, 1832 gestorben ist, als physischen Menschen ins Auge faßt, sondern das Wichtige ist, daß, als Goethe 1832 gestorben ist, etwas nicht nur in seiner Individualität fortlebt, sondern etwas fortlebt, was um uns herum ist wie die Luft, aber geistig, nicht bloß in dem, was die Menschen reden — da wird gerade über Goethe heute nicht sehr viel Gescheites geredet —, sondern geistig etwas um uns herum ist. Das Geistige ist um uns herum, wie es um die Menschen des Altertums noch nicht geistig herum war. Der Ätherleib wird von der Seele abgetrennt als eine Art zweiter Leichnam, aber er wird durch den ChristusImpuls, der geblieben ist von dem Mysterium von Golgatha, in gewisser Weise doch konserviert, löst sich nicht rein auf, wird konserviert. Und wenn man — lassen Sie mich jetzt das Wort «Glaube» so brauchen, wie ich es definiert habe im Anfang der Vorträge —, wenn man den Glauben hat, Goethe ist als Ätherleib auferstanden, und sich dann an sein Studium macht, dann werden in einem selbst seine Begriffe und Vorstellungen lebendig, und man schildert ihn nicht so, wie er war, sondern wie er heute ist. Dann hat man den Begriff der Auferstehung ins Leben übertragen. Dann glaubt man an die Auferstehung. Dann kann man davon sprechen, daß man nicht bloß an die toten Vorstellungen glaubt, sondern an das lebendige Fortwirken der Vorstellungen. Denn das hängt mit einem tiefen Mysterium der neueren Zeit zusammen. Wir mögen denken, was wir wollen — für unser Fühlen und Wollen gilt das nicht, was ich sage, aber für unser Denken und Vorstellen gilt es —, wir mögen denken, was wir wollen: solange wir im physischen Leibe sind, gibt es ein Hindernis dafür, daß die Vorstellungen sich in der richtigen Weise ausleben können. Möge Goethe noch so groß gewesen sein, seine Vorstellungen waren noch größer als er selber. Denn daß sie so groß haben werden können, wie sie waren, und nicht größer, daran war sein physischer Leib schuld. In dem Augenblick, wo sie sich vom physischen Leibe trennen konnten — ich meine jetzt die Vorstellungen, die im Atherleibe in gewisser Weise weiterleben, nicht sein Fühlen und Wollen — und wo sie aufgenommen werden können von jemand, der sie in Liebe aufnimmt und weiterdenkt, da werden sie noch etwas anderes, da gewinnen sie ein neues Leben. Glauben Sie, daß die erste Gestalt, in der Vorstellungen bei jemand auftauchen können, unter keinen Umständen die letzte Gestalt dieser Vorstellungen gibt; sondern glauben Sie an eine Auferstehung der Vorstellungen! Und glauben Sie so fest daran, daß Sie gerne anknüpfen, jetzt nicht bloß in Ihrem Blut an Ihre Vorfahren, sondern an die geistigen Seelenvorfahren, und diese finden; es brauchen nicht Goethes zu sein, sondern es können der nächstbeste Müller oder Schulze sein. Erfüllen Sie den Christus-Ausspruch: nicht nur anzuknüpfen an die Leiber mit dem Blute, sondern anzuknüpfen an die Seelen mit dem Geist, dann machen Sie wirksam, im Leben unmittelbar wirksam, den Gedanken der Auferstehung. Dann glauben Sie im Leben an die Auferstehung. Denn es kommt nicht darauf an, daß man immer nur sagt «Herr, Herr!», sondern daß man das Christentum in seinem lebendigen Geiste auffaßt, daß man an den wichtigsten Begriff der Auferstehung unmittelbar als an einen lebendigen sich hält. Und wer in diesem Sinne sich an die Vergangenheit seelisch anlehnt, der lernt in sich selber erleben das Fortleben der Vergangenheit. Und dann ist es nur eine Frage der Zeit, daß der Augenblick eintritt, wo der Christus da ist, wo der Christus bei Ihnen ist. Alles hängt davon ab, an den Auferstandenen und die Auferstehung sich anzuklammern und sich zu sagen: Eine geistige Welt ist um uns herum, und die Auferstehung hat eine Wirkung gehabt!

[ 26 ] Perhaps I may be permitted to speak from personal experience in this field, for these things have personal associations. Since my nineteenth year I have been continually occupied with the study of Goethe but I have never been tempted to write a factual history of his life or even portray him in the academic sense, for the simple reason that from the very first I felt that what mattered most was that Goethe was still a living force. The physical man Goethe who was born in 1749 and died in 1832, is not important; what is important is that after his death his spirit is still alive amongst us today, not only in the Goethe literature (which is not particularly enlightened), but in the very air we breathe. This spiritual atmosphere that surrounds us today did not as yet exist in the men of antiquity. The etheric body, as you know, is separated from the soul after death as a kind of second corpse, but, through the Christ Impulse that informs us since the Mystery of Golgotha, the etheric body is now preserved to some extent; it is not completely dissolved. If we believe—and I use the word belief in the sense which I defined in an earlier lecture—that Goethe is “risen” in an etheric body and if we begin to meditate upon him, then his concepts and ideas become alive in us, and we describe him not as he was, but as he is today. The idea of resurrection has then become a living reality and we believe in the resurrection. We can then say that we believe not only in ideas that belong to the past, but also in the living continuity of ideas. This is connected with a profound mystery of modern times. No matter what we may think, so long as we are imprisoned in the physical body our thoughts cannot manifest in the right way. (This does not apply to our feeling and will, but only to our thoughts and representations.) Great as Goethe was, his ideas were greater than he. That they were unable to rise to greater heights was due to the limitations of his physical body. The moment they were liberated from these limitations of the body and could be developed by someone who has sympathy and understanding for them, they are transformed and acquire new life. (I am referring here to the thoughts which persist to some extent in his etheric body, not to his feeling and will.) Remember that the form in which ideas first arise in us is not their final form. Believe therefore in the resurrection of ideas! Believe this so firmly that you willingly seek union with your forefathers—not with your forefathers to whom you are linked through ties of blood, but with your spiritual forefathers—and that you will ultimately find them. They need not be Goethes, they might equally well be a Smith or a Brown. Try to fulfil the injunction of Christ: do not cling to ties of consanguinity, but seek rather a spiritual relationship. Then the thought of resurrection becomes a living reality in your life and you will believe in resurrection. It is not a question of invoking incessantly the name of the Lord; what matters is that we grasp the living spirit of Christianity, that we hold fast to the vitally important idea of resurrection as a living force. And he who in this way draws support for his inner life from the past, learns that the past lives on in us, we experience in ourselves the continuity of the past. And then—it is only a question of time—the moment arrives when we are aware of the presence of the Christ. Everything depends upon our firm faith in the Risen Christ and in the idea of resurrection, so that we can now say: “We are surrounded by a world of spirit and the resurrection has become a reality within us.”

[ 27 ] Sie mögen sagen: Zunächst ist das ja Hypothese. Gut, lassen Sie es eine Hypothese sein! Wenn Sie einmal das Erlebnis haben: Sie haben angeknüpft an irgendeinen Gedanken eines Menschen, der bereits durch den Tod gegangen ist, dessen physischer Leib der Erde einverleibt worden ist, und der Gedanke mit Ihnen weiterlebt, dann kommt eines Tages das über Sie, daß Sie sich sagen: So wie der Gedanke lebt, wie er in mir neuerdings lebendig ist, so ist er durch den Christus lebendig, und hat niemals so lebendig werden können, bevor der Christus auf der Erde war.

[ 27 ] You may object, however, that this is pure hypothesis. So be it. Once you have had the experience of having been in touch with the thoughts of someone who has died, whose physical body has been committed to the Earth and whose thoughts live on in you, then a time comes when you say: “The thoughts that have newly arisen in me I owe to Christ; they could never have become so vitally alive but for the incarnation of Christ.”

[ 28 ] Es gibt eben einen Weg zu dem Mysterium von Golgatha, der innerlich gegangen werden kann. Aber man muß vor allen Dingen von der sogenannten objektiven Geschichte, die ja deshalb ganz subjektiv ist, weil sie an der äußeren Oberfläche nur klebt, weil sie den Geist gerade tilgt, man muß von der sogenannten objektiven Geschichte Abschied nehmen. Denn sehen Sie, es sind viele Goethe-Biographien geschrieben worden. Diese Goethe-Biographien, die geschrieben worden sind, die gehen sehr häufig darauf aus, möglichst treu das Leben Goethes darzustellen. Jedesmal, wenn man das tut, ertötet man etwas in sich; unbedingt: man ertötet etwas in sich. Denn der Gedanke ist so, wie er dazumal war bei Goethe, durch den Tod gegangen und lebt anders weiter. So im Geiste das Christentum erfassen, darauf kommt es an.

[ 28 ] There is an inward path to the Mystery of Golgotha; but one must first abandon so-called “objective” history which in reality is entirely subjective because it deals with surface phenomena and ignores the spirit. Many Goethe biographies have been written which set out to portray Goethe's life with maximum fidelity. In every case the authors, of necessity, stifle something in themselves. For Goethe's way of thinking has been transformed and lives on in a different form. It is important that we should grasp Christianity in the same spirit.

[ 29 ] Kurz, mystisch — jetzt im wahren Sinne des Wortes verstanden —, mystisch ist es möglich, das Mysterium von Golgatha zu erleben; aber man muß nicht bei Abstraktionen stehen bleiben, sondern man muß die innerlichen Erlebnisse durchmachen, die eben geschildert worden sind. Und wer die Frage aufwirft: Wie kann ich selber an den Christus herankommen? — der muß sich klar sein, daß er herankommen muß an den Auferstandenen, und daß, wenn man Geduld und Ausdauer hat, den Weg zu gehen, der eben beschrieben worden ist, man dann zur rechten Zeit an den Christus herankommt, daß man dann der Begegnung mit dem Christus sicher sein kann. Nur muß man achtgeben, daß man bei dieser Begegnung nicht an dem Wichtigsten vorbeisieht.

[ 29 ] In short, it is possible to have a mystical experience of the Mystery of Golgotha—mystical in the true sense of the word. One must not be content with abstractions, one must be prepared to suffer through the inner experiences I have already described. And if the question is raised: how can I draw near to Christ? (it must be understood that we are referring to the Risen Christ), if we have the patience and necessary perseverance to follow the path indicated, we can be sure of finding the Christ at the right moment. But when we find Him, we must be careful not to overlook what is most important.

[ 30 ] Ich sagte: Aristoteles war in gewissem Sinne ein Prophet, und von diesem Prophetischen nahm Julian der Apostat wieder etwas auf. Aber er konnte aus der Gestalt, wie die Eleusinien waren dazumal, nicht mehr recht dahinter kommen; er wollte den Anschluß haben in den Mithras-Mysterien. Daher sein Zug nach Persien. Er wollte hinter die ganze Kontinuität kommen, er wollte den ganzen Zusammenhang kennen. Das konnte man nicht zulassen — daher der Mord an Julian Apostata.

[ 30 ] I said in an earlier lecture that Aristotle was a prophet and that Julian the Apostate inherited something of the same prophetic gift. Owing to the form which the Eleusinian Mysteries had assumed at that time, he could not discover their true meaning; he hoped to find the answer in the Mithras Mysteries. It was for this reason that Julian embarked on his Persian campaign. He wished to discover the continuity in the Mystery teachings, to find the connection between them. And because this was not permitted he was assassinated.

[ 31 ] Aber den Christus gewissermaßen selber nach Art der eleusinischen Mysterien zu erleben, das, ja das war das Bestreben gerade noch der ersten Kirchenlehrer. Und ob man diese nun Gnostiker oder nicht Gnostiker nennen will — diejenigen, die eigentlich Gnostiker waren, sind ja von der Kirche nicht rezipiert worden, aber man könnte geradesogut Klemens von Alexandrien einen Gnostiker nennen —, die beschäftigten sich in ganz anderer Weise mit dem Christus, weil sie an den Christus durch die Eleusinien herankommen wollten, als man später sich mit ihm beschäftigte. Sie beschäftigten sich so mit ihm, daß sie ihn vor allen Dingen als ein kosmisches Ereignis nahmen. Die Frage wurde zum Beispiel immer wieder und wiederum aufgeworfen: Wie wirkt der Logos rein in der geistigen Welt? Und: Was hatte eigentlich diejenige Wesenheit als ihr Charakteristisches an sich, die im Paradies dem Menschen begegnete? Wie war die mit dem Logos verknüpft? — Solche Fragen, zu deren Beantwortung man sich rein in geistigen Vorstellungen bewegen mußte, beschäftigten diese Menschen. Und man muß sagen, wenn man den Blick wirft auf die Eleusinien und die Mithras-Mysterien, die mit Stumpf und Stiel ausgerottet wurden: in den ersten Jahrhunderten nach dem Mysterium von Golgatha ging der Wiederauferstandene selber in den Mysterien herum, um diese zu reformieren. Deshalb kann man in einem wirklich tiefen Sinn sagen: Julian der Apostat war vielleicht ein besserer Christ als Konstantin. Konstantin war erstens ja nicht initiert, und dann nahm er das Christentum in ganz äußerlicher Weise an. Aber Julian der Apostat hatte eine Ahnung davon: Willst du den Christus finden, so mußt du ihn durch die Mysterien finden; so mußt du gerade durch die Mysterien den Christus finden, dann wird er dir das Ich geben, das zu Aristoteles’ Zeiten noch nicht gegeben werden konnte.

[ 31 ] Now the early Church Fathers sought to experience the Christ after the fashion of the Eleusinian Mysteries. Whether we call them Gnostics or not—the true Gnostics were rejected by the Church, though Clement of Alexandria could justifiably be called a Gnostic—they had a totally different relation to Christ than later times. They sought to approach Him through the Eleusinian Mysteries and accepted Him as a Cosmic Being. They repeatedly raised the question: How does the Logos operate purely in the spiritual world? What is the true nature of the Being whom man encounters in Paradise? What is his relation to the Logos? Such were the questions which occupied the minds of the Gnostics’, questions that can only be answered by those who are familiar with the world of spiritual ideas. When we study the Eleusinian Mysteries (that were extirpated root and branch), it is evident that in the first centuries after the Mystery of Golgotha the Risen Christ was Himself present in the Mysteries in order to reform them. And we can truly say that Julian the Apostate had a deeper understanding of Christianity than Constantine. In the first place, Constantine had not been initiated and had only accepted Christianity in a superficial way. But Julian felt intuitively that Christ could only be found in the Mysteries. It was through Initiation that we must find the Christ; He would endow us with the ego which could not be granted us at that time because we were not ready to receive it.

[ 32 ] Das hängt natürlich mit den tieferen geschichtlichen Notwendigkeiten zusammen, daß, statt durch die Mysterien den Weg zum Christus zu suchen, diese Mysterien mit Stumpf und Stiel ausgerottet wurden. Aber der Weg zum Griechentum, der muß wieder gegangen werden, muß gegangen werden ohne Urkunden. Das Griechentum muß wieder erstehen. Natürlich nicht so, wie es war, sonst kommt man zu jenen Affereien, die dadurch entstehen, daß man da oder dort die olympischen Spiele nachäfft; darauf kommt es nicht an, daß man das Griechentum nachäfft. Diese Äfferei, die meine ich nicht. Von innen heraus muß das Griechentum wieder erstehen und wird erstehen, und den Weg in die Mysterien, den müssen die Menschen finden, nur wird er ein sehr innerlicher sein. Dann werden sie auch den Christus in entsprechender Weise finden.

[ 32 ] It was a historical necessity that these Mysteries should be destroyed because they did not lead to the Christ. We today must find access to Hellenism once again, but without the aid of documents. Hellenism must be revived, not of course in its original form, otherwise it becomes the travesty that can be seen in the aping of the Olympiad, for example. It is not a question of aping Hellenism; I am not suggesting any such thing. Hellenism must be renewed from within and unquestionably will be renewed. We must find the path to the Mysteries once again, but within ourselves, and then we shall also find the path to the Christ.

[ 33 ] Aber so wie das erste Mysterium von Golgatha vollzogen wurde in Palästina, so wurde das zweite vollzogen durch den Konstantinismus. Denn indem man die Mysterien ausgerottet hat, wurde der Christus als historische Erscheinung zum zweitenmal gekreuzigt, getötet. Denn jene furchtbare Zerstörung, die durch Jahrhunderte Platz gegriffen hat, die ist so, daß sie vor allen Dingen nicht bloß — was ja wahrhaftig nicht zu unterschätzen ist — eine Zerstörung größter auch künstlerischer und mystischer Leistungen war, sondern es war auch eine Zerstörung wichtigster Menschheitserlebnisse. Nur verstand man nicht, was man eigentlich zerstört hatte mit dem, was äußerlich hingeschwunden war, weil man schon die Tiefe der Begriffe vollständig verloren hatte. Als der Serapis-Tempel, als der Zeus-Tempel mit ihren großartigen Bildnissen zerstört wurden, da sagten die Leute: Ja, wenn dies zerstört wird, dann haben ja die Zerstörer recht; denn alte Sagen haben uns überliefert: Wenn der Serapis-Tempel zerstört wird, dann stürzen die Himmel ein, und die Erde wird zum Chaos! Es ist aber nicht der Himmel eingestürzt, und es ist nicht die Erde zum Chaos geworden, trotzdem die römischen Christen den Serapis-Tempel der Erde gleichgemacht haben, — sagten die Leute. Gewiß, die Sterne sind nicht heruntergefallen, die äußeren, physischen; die Erde ist nicht ein Chaos geworden, aber im menschlichen Erleben schwand dasjenige, was früher gewußt wurde durch die Sonneninitiation. Die ganze ungeheure Weisheit, die sich wölbte mächtiger als der physische Himmel in der Anschauung der Alten, sie stürzte zusammen mit dem Serapis-Tempel. Und diese alte Weisheit, von der Julian der Apostat noch einen Nachklang in den Eleusinien verspürte, wo sich die geistige Sonne, der geistige Mond über ihm dehnte, die ihre Impulse herunterschickten, sie stürzte. Und dasjenige wurde zum Chaos, was die Alten in den Mithras-Mysterien erlebten und in den ägyptischen Mysterien erlebten, wenn sie durch den Opferdienst innerlich nacherlebten die Geheimnisse des Mondes und die Geheimnisse der Erde, wie sie sich im Menschen selber abspielen, wenn er, wie ich es vorhin mit einem trivialen Ausdruck bezeichnet habe, gleichsam durch Zusammenschoppen seines Seelischen in seinem Innern zur Erkenntnis seiner selbst kommt. Geistig war es so, daß die Himmel zusammenstürzten und die Erde zum Chaos wurde: denn was in diesen Jahrhunderten verschwunden ist, das ist durchaus mit dem zu vergleichen, was verschwinden würde, wenn wir unsere Sinne plötzlich verlieren würden, wo, wenigstens für uns, auch der Himmel oben nicht mehr sein würde, und unten die Erde nicht mehr sein würde. Die alte Welt ist nicht bloß in der trivialen Weise hinweggeschwunden, wie es da dargestellt wird, sondern sie ist in einem viel tieferen Sinne hinweggeschwunden. Und an die Auferstehung müssen wir glauben, wenn wir überhaupt nicht dasjenige, was verschwunden ist, als etwas völlig Verlorenes glauben wollen. An die Auferstehung müssen wir glauben. Dazu aber ist notwendig, daß die Menschen starke und mutige Begriffe in sich aufnehmen. Dazu ist vor allen Dingen notwendig, daß die Menschen merken, daß jener Impuls heute notwendig ist, auf den hier so oftmals hingewiesen worden ist.

[ 33 ] Just as Christ was crucified for the first time on Golgotha, so He was crucified a second time through Constantinism. By suppressing the Mysteries, Christ, as a historical reality, was crucified a second time. For those acts of vandalism which lasted for centuries destroyed not only priceless treasures of art, but destroyed also man's experience of the spiritual world, the most important experience he could have. People had no understanding of what had been destroyed by this vandalism, because they had lost all sense of values. When the temples of Jupiter and Serapis were demolished together with their statues the mob applauded. “It is right to destroy them,” they said, “for it has been foretold that when the temple of Serapis is destroyed, then the Heavens will fall and the Earth will be plunged in chaos. The Heavens however have not fallen, nor has the world collapsed in chaos despite the fact that the Roman Christians have levelled the temple to the ground.” It is true that outwardly the stars have not fallen, nor has the Earth been plunged in chaos. But all that man had formerly known through the experience of the Sun initiation was extinguished. That majestic wisdom, more grandiose than the firmament of ancient astronomy, collapsed along with the ruins of the temple of Serapis. And this ancient wisdom, the last traces of which Julian still found in the Mysteries of Eleusis, where the spiritual Sun and the spiritual Moon had been revealed to him, this wisdom was lost forever. All that the men of ancient times experienced in the Mithras Mysteries and Egyptian Mysteries when, through sacrificial worship, they relived inwardly the mysteries of the Moon and the Earth as they are enacted in man himself when he came to self-knowledge through the “inner compression” of his soul—all this has collapsed in chaos. Spiritually, however, the Heavens had fallen and the Earth was plunged in chaos; for what was lost in the course of those centuries is comparable to the loss that we should suffer if we were suddenly bereft of our senses, when we would know neither the Heavens above nor the Earth beneath our feet. The loss of the ancient world is not the trivial episode recorded in history, but has far deeper implications. We must believe in the resurrection even if we are unwilling to believe that what has disappeared is lost for ever. This demands that we should be resolute in thought and have the courage of our convictions. We realize the imperative need today for the Christ Impulse to which I have so often referred in these lectures.

[ 34 ] Denn die Menschen sollten verspüren, daß zwar durch eine karmische, weltenkarmische Notwendigkeit, Jahrhunderte von gewissen Gesichtspunkten aus vergeblich durchlebt worden sind — natürlich ist es nur von einem gewissen Gesichtspunkte aus eine Notwendigkeit —, daß sie leer durchlebt worden sind, damit aus einem starken inneren Freiheitstrieb der Christus-Impuls wieder gefunden werden kann, erst recht gefunden werden kann; aber die Menschen müssen aus der Selbstgefälligkeit hinweg, in der sie heute vielfach sind.

[ 34 ] Through karmic necessity (a necessity from a certain standpoint only) man has for centuries been destined to live a life that was empty and purposeless, to live in a spiritual vacuum, so that through a strong inner urge for freedom he could find the Christ again and in the right way. But he must first rid himself of that self-complacency from which he so often suffers at the present time.

[ 35 ] Manchmal ist es nämlich mit dieser Selbstgefälligkeit sehr merkwürdig. Ein Benediktiner-Pater, Krauer, hielt in den achtziger Jahren in Wien Vorträge. Eine Stelle aus diesen Vorträgen möchte ich Ihnen lesen. Der Vortrag, von dem ich Ihnen ein ganz kleines Stückchen lesen möchte, handelt über die Stoiker. Die wichtigsten Vertreter dieser Stoiker waren: Zeno (342—270), Kleanthes, der 200 Jahre vor Christus lebte, und Chrysippos (282–209); wir sind also Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha. Was kann derjenige, der die Stoiker kennt, von diesen Stoikern sagen? Also wir sind Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha.

[ 35 ] Sometimes this self-complacency assumes most remarkable forms. In the eighties, a Benedictine father, Knauer, gave a course of lectures in Vienna on the Stoics. I should like to read you a passage from one of these lectures. The leading representatives of the Stoic school of philosophy were Zeno (342-270), Cleanthes (331-232) and Chrysippus (282-209); the school therefore flourished several centuries before the Mystery of Golgotha. This is what Knauer says:

[ 36 ] «Um schließlich noch etwas zum Lobe der Stoa zu sagen, möge noch erwähnt sein, daß sie einen das ganze Menschengeschlecht umfassenden Völkerbund anstrebte, der allem Rassenhaß und Krieg ein Ende zu machen geeignet wäre. Es braucht wohl nicht ausdrücklich gesagt zu werden, daß die Stoa damit hoch über den oft unmenschlichen Vorurteilen ihrer Zeit und selbst der fernsten Geschlechter künftiger Zeiten stand.»

[ 36 ] “In conclusion I should like to say in defence of the Stoics that they strove for a league of nations, embracing the whole of mankind, which would end war and racial hatred. I need hardly say that in this respect the Stoics rose superior to the often inhuman prejudices of their time—and even of later generations.”

[ 37 ] Ein Völkerbund! Ich mußte diesen Vortrag wieder vornehmen, weil man die Meinung haben könnte, man hätte nicht recht gehört, wenn man jetzt den Wilson und andere Staatsmänner der Gegenwart von einem Völkerbunde reden hört — man hätte nicht recht gehört; man meinte, man hörte eine Stimme der alten Stoiker aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert! Denn die haben das alles viel besser gesagt. Sie haben es wirklich viel besser gesagt, denn hinter ihnen stand die Kraft der alten Mysterien. Sie haben es gesagt mit einer inneren Kraft, die nun geschwunden ist, und die Schale ist nur zurückgeblieben, Stufe für Stufe immer die Schale nur zurückgeblieben. Nur die Historiker, die nun nicht in dem ganz gewöhnlichen trivialen Sinn Historiker sind, die sehen sich manchmal historische Erscheinungen noch anders an.

[ 37 ] A league of nations! I had to read the lecture again. Could it be that my ears had deceived me when I heard Woodrow Wilson and other statesmen talking of a league of nations? For here was the voice of the Stoics, but they said it far better because they had the power of the Mysteries behind them. The inner power which inspired their discourses is now lost, leaving but the shell behind. Only those historians who stand a little apart from the normal species of historian can sometimes see historical events in a new and different light.

[ 38 ] Und Knauer fährt fort — ich brauche durchaus nicht über Immanuel Kant dasjenige zurückzunehmen, was ich neulich gesagt habe, aber man kann es trotzdem doch sehr bemerkenswert finden, daß ein guter Philosoph wie der Knauer in den achtziger Jahren folgende Worte über die Stoa gesagt hat —:

[ 38 ] And Knauer continued—I withdraw nothing of what I said recently about Immanuel Kant; but it is none the less remarkable that a capable philosopher such as Knauer should have said the following about the Stoa in the eighties:

[ 39 ] «Unter den neueren Philosophen hat diesen Gedanken» — er meint den Gedanken des Völkerbundes — «kein Geringerer wieder aufgegriffen und für durchführbar erklärt, als Immanuel Kant in seiner viel zu wenig beachteten Schrift «Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf.» Der zugrundeliegende Gedanke Kants ist jedenfalls ein ganz richtiger und praktischer. Er führt nämlich aus, der ewige Friede müsse dann eintreten, wenn die mächtigsten Staaten der Erde eine wahre Repräsentativ-Verfassung haben.» Ja, jetzt nennt man es Neuorientierung in einer schattenhaften Abschwächung. Bei Kant ist es ja schon sehr abgeschwächt, aber jetzt ist es noch mehr abgeschwächt, jetzt nennt man es Neuorientierung. Aber indem er Kant weiter betrachtet, findet Knauer: «In einer solchen werden die Besitzenden und Gebildeten, die durch den Krieg am meisten geschädigt werden, in der Lage sein, über Krieg und Frieden zu entscheiden. Unsere der englischen nachgebildeten Konstitutionen aber hält Kant für keine solchen Repräsentativ-Verfassungen. In ihnen herrscht zumeist nur die Parteileidenschaft und das Cliquenwesen, dem die fast nur auf arithmetisch-statistischen Grundsätzen beruhende Wahlordnung den größten Vorschub leistet. Der Angelpunkt dieser Ausführungen aber ist: «Das Völkerrecht soll auf einen Föderalismus freier Staaten gegründet sein.>»

[ 39 ] “Amongst the more recent philosophers”—he is referring to the league of nations idea of the Stoa—“no less a person than Kant has revived this idea and declared it to be a feasible proposition in his treatise ‘On Perpetual Peace. A philosophical outline’, a work that has not received the recognition it deserves. The fundamental idea of Kant is both sound and practicable. He shows that eternal peace must become a reality when the ‘Great Powers’ introduce a genuinely representative system.” In Kant this idea is considerably emasculated, but today it has been still more emasculated so that it is a shadow of its former self. And this nebulous conception is now graced with the name “the new orientation”. And Knauer continues: “Under such a system the wealthy and propertied classes and the professional classes who are the chief victims of war will have the right to decide issues of war and peace. Our constitutions which are modelled on that of England are not genuine representative systems in Kant's opinion. They are dominated by party prejudice and sectional interests which are promoted by an electoral system that is based for the most part on statistical calculations and the counting of heads. The crux of Kant's argument is this: international law must be based upon a federation of independent States which have wide powers of autonomy.”

[ 40 ] Hören wir Kant oder hören wir die Dinge von der Neuorientierung? Bei Kant ist die Sache noch viel kräftiger, noch auf viel besserem Untergrunde. Nun, was dann noch nachfolgt, das will ich schon gar nicht vorlesen, sonst könnte noch der gute alte Kant mit der Zensur in einen unliebsamen Konflikt kommen.

[ 40 ] Is this the voice of Kant or the voice of the “new orientation”? Kant argues his case more vigorously, it is more firmly grounded. I do not propose to read you what follows, otherwise the worthy Kant would incur the displeasure of the censor.

[ 41 ] Sehen Sie, das, was ich da auseinandergesetzt habe, das hat einen von mir auch schon öfter erwähnten Schriftsteller, Brooks Adams, in Amerika dazu geführt, als eine Art einsamer Denker den Entwickelungsgang der Menschheit zu untersuchen. Zu untersuchen, was es für eine Bedeutung hatte, wenn immer wieder und wiederum durch gewisse Völkerschaften das Altgewordene der Menschheitsentwickelung aufgefrischt worden ist, wie durch die germanischen Völker das Imperium Romanum. Jetzt schaut sich Brooks Adams um und findet viele Ähnlichkeiten mit dem Imperium Romanum; aber nirgends findet er diejenigen, die da kommen sollen, es aufzufrischen. Die Amerikaner hält er nämlich nicht dafür — er schrieb in Amerika —, und das ist auch begründet. Denn von außen wird diese Auffrischung nun nicht kommen, von innen muß sie kommen; sie muß dadurch kommen, daß der Geist belebt werde. Von den Leibern wird keine Auffrischung kommen, von den Seelen muß nun die Auffrischung kommen. Die kann aber nur kommen, wenn der Christus-Impuls in seiner Lebendigkeit erfaßt wird. Und alle blöden Redensarten, die heute so vielfach auftauchen, gelten für die Vergangenheit, nicht aber für Gegenwart und Zukunft, die blöden Redensarten, die immer wiederum sagen: Ja, das Sprichwort gilt: Die Eule der Minerva kann nur in der Dämmerung ihren Flug entfalten. — Das hat für frühere Zeiten gegolten, da konnte man sagen: Wenn die Völker alt geworden waren, dann gründeten sie die Philosophenschulen; blickten gleichsam im Geiste zurück auf dasjenige, was der Instinkt geleistet hat. — In Zukunft wird es anders werden. Denn dieser Instinkt wird nicht mehr kommen; aber der Geist selber muß wieder instinktiv werden, und aus dem Geiste selber muß die Möglichkeit des Schaffens entstehen.

[ 41 ] What I have been discussing was the subject of a book by the American author Brook Adams,7Brooks Adams (1848–1927), also wrote The Dream and the Reality, 1917. Predicted that by the mid-twentieth century the two great Powers in the world would be America and Russia. American prosperity would contribute to the decay of American democracy because great wealth exercises power without responsibility. The Law of Civilisation and Decay, a study of the importance of evolutionary theory in human history. Brook Adams tried to account for the continual revival of old institutions and forms of life by certain peoples, for example, the revival of the Roman empire by the Teutonic peoples. Surveying the present epoch he finds many nations who have affinity with the Roman empire, but no indications of the peoples who will renew it—certainly not the American people, and in this he was perfectly right. This regenerative power will not come from without; it must come from within through the quickening of the spirit. It must spring from the soul and will only be possible when we grasp the Christ Impulse in all its living power. All these empty phrases one hears on every hand apply to the past and not to the present or future. All this empty talk with its everlasting refrain: “Yes, the old proverb is true: ‘Minerva's owl can only spread her wings in the twilight’ was valid for ancient times.” And to this we reply: “When nations had grown old they established schools of philosophy; they looked back in spirit to what they owed to instinct. Things will be different in the future, for this instinct will no longer exist. The spirit itself must become instinct and from out of the spirit new creative possibilities must arise.”

[ 42 ] Damit ist ein gewichtiges Wort gesprochen. Denken Sie gerade über dieses Wort nach: Aus dem Geiste selber muß die Möglichkeit des Schaffens entstehen! Instinktiv muß die Kraft des Geistes werden! Auf den Auferstehungsgedanken kommt es an. Dasjenige, was gekreuzigt worden ist, es muß wieder auferstehen. Das wird keine Historie bewirken, sondern das kann nur das bewirken, daß wir lebendig machen in uns die wirksamen Geisteskräfte selbst.

[ 42 ] Reflect upon these words for they are of momentous importance: out of the spirit new creative possibilities will arise! The power of the spirit must work unconsciously within you. And this depends upon the idea of resurrection. That which has been crucified must arise again. This will not come to pass by passively waiting on events, but by quickening the spiritual forces within us, by quickening the creative power of the spirit itself.

[ 43 ] Das ist dasjenige, was ich gerade in dieser Zeit in Anknüpfung an das Mysterium von Golgatha sagen wollte.

[ 43 ] This is what I wished to say on the subject of the Mystery of Golgotha at this particular juncture of time.