Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha
GA 175
24 April 1917
Fünfzehnter Vortrag
[ 1 ] Aus den Betrachtungen dieser letzten Vorträge konnten Sie entnehmen, daß es schon für die Gegenwart, insbesondere aber für die Zukunft der Menschheit von ganz besonderer Wichtigkeit sein wird, ein Verständnis dafür zu haben, daß der Christus Jesus und alles, was mit ihm zusammenhängt als das Mysterium von Golgatha, nicht angewiesen sei auf eine solche äußere Betrachtung, wie man sie als geschichtliche Betrachtung heute in der äußeren Wissenschaft gelten läßt; daß vielmehr der Menschheit andere Quellen sich eröffnen müssen für die Überzeugung, die Bewahrheitung, die Erkenntnis des Christus und des Mysteriums von Golgatha, als die geschichtliche Betrachtung im heutigen Sinne an Quellen bieten kann, selbst wenn diese Quellen die Evangelien sind. Ich habe es ja öfter erwähnt, und jeder, der sich mit der einschlägigen Literatur bekannt macht, kann das bei sich selber bewahrheiten: Gerade die fleißigste, emsigste, sorgfältigste Forschung des neunzehnten Jahrhunderts hat sich auf die Evangelien-Kritik, auf die Evangelien-Untersuchung verlegt; und man kann sagen, daß, jetzt rein als äußerliche historische Erscheinung genommen, diese Evangelienkritik im Grunde genommen ein negatives Resultat ergeben hat, eigentlich eher zerstörend, auflösend, vernichtend für die Idee des Mysteriums von Golgatha geworden ist, denn bejahend, begründend, erweisend. Wir wissen ja, daß eine große Anzahl von Menschen heute, nicht aus Widerspruchsgeist heraus, sondern weil sie glaubt, nicht anders zu können, auf Grund der historischen Forschung zu dem Resultat sich entschlossen hat, anzuerkennen, daß man keine Berechtigung habe, in rein geschichtlicher Weise zu sagen, man könne das Dasein des Christus Jesus im Beginne unserer Zeitrechnung erweisen. Man kann es allerdings auch nicht widerlegen, aber das will ja natürlich nichts Besonderes besagen.
[ 2 ] Nun werden wir uns der Frage, wie es möglich ist, andere Quellen ausfindig zu machen für die Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha als die geschichtlichen, wir werden uns dem Verständnis dieser Frage nähern, wenn wir noch einiges okkult Geschichtliche in der Art voraussenden, wie das war, was wir in den letzten Betrachtungen hier angeführt haben.
[ 3 ] Wenn man die ersten Jahrhunderte der Entwickelung des Christentums verfolgt und beachtet, daß eigentlich diese Entwickelung kaum anders zugänglich ist als dadurch, daß man die rein geschichtliche Betrachtung vertieft durch die geisteswissenschaftliche, wenn man das in Betracht zieht und also, ich möchte sagen, zunächst hypothetisch die geisteswissenschaftliche Betrachtung dieses Zeitraumes gelten läßt, dann bietet sich ein sehr merkwürdiges Bild dar. Denn man möchte, wenn man so den Blick schweifen läßt über diese Entwickelung der ersten christlichen Jahrhunderte, eigentlich sagen, das Mysterium von Golgatha habe sich nicht bloß einmal vollzogen, individuell, gewissermaßen eben auf Golgatha, sondern es habe sich auch noch in einer Art übertragenem Sinne im großen geschichtlichen Zusammenhang ein zweites Mal vollzogen. Es gibt ja unendlich viel Merkwürdiges, wenn man eben diesen geschichtlichen Zeitraum betrachtet.
[ 4 ] Nicht wahr, es gibt heute, sagen wir, weil diese ja eine fortlaufende Tradition hat, eine katholische Kirchengeschichte, welche zunächst von der Begründung des Christentums redet, von den ersten Kirchenvätern und Kirchenlehrern der ersten christlichen Jahrhunderte, dann von den Kirchenlehrern und Kirchenphilosophen der folgenden Jahrhunderte, von den einzelnen Dogmenfestsetzungen der Konzilien und der unfehlbaren Päpste und so weiter. Da wird gewissermaßen eine Art geschichtlicher Faden verfolgt, den man so darstellt, als ob die Geschichte so in einem fortginge mit demselben Charakter. Man kritisiert zwar viel herum an den älteren Kirchenvätern, aber im ganzen getraut man sich doch nicht, sie vollständig abzulehnen, weil man dann ja den kontinuierlichen Fortlauf unterbrechen würde; man will geradezu an das Konzil von Konstantinopel — von dem ich Ihnen schon erzählt habe — im Jahre 869 anknüpfen. Ja, wie gesagt, man stellt das so dar, als ob das eine fortlaufende Geschichte wäre. Aber, wenn irgendwo in einem scheinbar fortlaufenden Prozeß ein radikaler Sprung vorliegt, so ist es in dieser scheinbar fortlaufenden Geschichte. Man kann sich, wenn man auf den Geist der Sache eingeht, kaum einen größeren Gegensatz denken, als der ist, der da waltet zwischen dem Geiste der ersten christlichen Kirchenlehrer und der späteren christlichen Kirchenlehrer und Konzilienbeschlüsse. Da ist ein ungeheurer, radikaler Unterschied, der nur, weil dazu gewisse Interessen vorliegen, auch ebenso radikal fortwährend verwischt wird. Und dadurch ist es möglich, daß die Seelen der Gegenwart gewissermaßen in Unwissenheit gehalten werden können gerade über die ersten christlichen Jahrhunderte und über das, was da eigentlich geschehen ist. Wie zum Beispiel dasjenige, was man gewöhnlich die Gnosis nennt, ausgerottet worden ist, darüber existiert ja heute kaum eine irgendwie haltbare Vorstellung, auch bei den gelehrtesten Leuten nicht. Darüber, was solche Geister wie Klemens der Alexandriner, Origenes, sein Schüler und andere, selbst ein Tertullian, gewollt haben, darüber existiert ebenso große Unklarheit, weil man aus den Fragmenten, die da sind, zum großen Teil so da sind, daß man nur die Schriften besitzt derjenigen, die diese Geister widerlegt haben, wenigstens zum großen Teil, weil man dadurch, man kann schon sagen, ein würdiges Bild gerade dieser ersten christlichen Kirchenväter und Kirchenlehrer gar nicht erhalten kann, und weil auf das Fragmentarische, das da ist, die phantastischsten Theorien aufgebaut werden.
[ 5 ] Wenn man Klarheit in dieser Sache gewinnen will, dann muß man schon ein wenig blicken auf die Gründe dieser Unklarheit, das ist aber: auf alles dasjenige, was geschehen ist, um, ich möchte sagen, das Mysterium von Golgatha ein zweites Mal in der Geschichte, um es noch einmal zu haben.
[ 6 ] Als das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hatte, waren ja noch im weitesten Umfange die alten heidnischen Kulte, die alten heidnischen Mysterien vorhanden. Sie waren in dem Grade vorhanden, daß wir eine Gestalt hervorgehen sehen wie Julian den Apostaten, von dem wir das letztemal gesprochen haben, der in die eleusinischen Mysterien eingeweiht war. Sie waren in dem Grade vorhanden, daß, obwohl auf eine eigentümliche Art, eine lange Reihe der römischen Cäsaren eine Art von Initiation erhalten hatten. Aber außerdem waren vorhanden alle die Dinge, welche zusammenhängen mit dem alten heidnischen Kultus. Und diese Dinge, die werden heute gewöhnlich mit ein paar Worten in einer geschichtlich höchst ungehörigen Weise abgetan. Es wird erzählt einfach in der alleräußerlichsten Weise, was geschehen ist. Nun, was da in der alleräußerlichsten Weise geschehen ist, das kann ja für manchen schon genügend sein, um gewissermaßen von einem zweiten Mysterium von Golgatha zu sprechen. Aber man kennt eben ganz und gar nicht das Innere dessen, was da geschehen ist.
[ 7 ] Wenn man sich die Äußerlichkeiten ansieht, so muß man sagen: In weitestem Umfange waren in den ersten Jahrhunderten des Christentums eine ungeheure Pracht und Herrlichkeit, von der man heute gar keine Vorstellung hat, eine ungeheure Pracht und Herrlichkeit aller möglichen heidnischen Tempel mit ihren Götterbildern vorhanden; mit Götterbildern, die bis in die Einzelheiten ihrer Gestaltung hinein eine künstlerische Wiedergabe desjenigen waren, was in den alten Mysterien gelebt hat. Nicht nur, daß keine Stadt und keine Landschaft war, welche nicht in diesen alten Zeiten in Hülle und Fülle Künstlerisch-Mystisches hatte, sondern auf den Äckern draußen, wo die Bauern ihr Getreide anbauten, da standen die einzelnen kleinen Tempel, ein jeder mit seinem Götterbild. Und man vollzog keine Landarbeit, ohne sie in lebendige Beziehung zu bringen zu jenen Kräften, die aus dem Weltenall herunterfließend gedacht wurden mit Hilfe der magischen Gewalten, die in der besonderen Ausgestaltung dieser Götterbilder lagen. Die römischen Cäsaren in Verbindung mit den Bischöfen und Priestern haben es sich nun in diesen Jahrhunderten angelegen sein lassen — und wir können das verfolgen bis zum Kaiser Justinianus, also bis ins sechste Jahrhundert hinein, wir können fast von jedem der Cäsaren Edikt über Edikt nachweisen, die alle dahin gingen, daß diese Cäsaren es sich haben in der schärfsten Weise angelegen sein lassen, alle diese Tempel und Tempelchen mit ihren Bildern von Grund aus zu zerstören. Ein ungeheures Zerstörungswerk ging in diesen Jahrhunderten über die Welt, ein Zerstörungswerk, das wiederum einzig dasteht in der ganzen Entwickelung der Menschheit; einzig dasteht aus dem Grunde, weil man sehen muß auf dasjenige, was zerstört worden ist. Bis hinein in die Zeit, wo der heilige Benediktus selbst eigenhändig mit seinen Arbeitern in Monte Cassino auf dem Berge den Apollo-Tempel abgetragen hat, der Erde gleichgemacht hat, um das Kloster, das dem BenediktinerOrden geweiht wurde, da zu begründen, und bis hinein in die Zeit des Kaisers Justinianus gehört es zu den wichtigsten Aufgaben des römischen Cäsarentums, das sich dann seit Konstantin insbesondere das Christentum angeeignet hat, dasjenige, was da geblieben war aus alten Zeiten, zu zerstören. Es gibt auch Edikte, welche scheinbar der Zerstörungsarbeit Einhalt tun sollen. Aber wenn man diese Edikte liest, so bekommt man einen sonderbaren Eindruck. Da gibt es zum Beispiel ein Edikt eines solchen Cäsaren, welches dahin geht, man solle nicht auf einmal alle heidnischen "Tempel zerstören, das würde die Bevölkerung aufrührerisch machen; man solle vielmehr die Sache ganz langsam vollziehen, da würde die Bevölkerung nicht aufrührerisch werden, sondern sie ließe sich das gefallen, wenn man es ihr nach und nach nähme.
[ 8 ] Alle die Maßregeln furchtbarster Art, die mit diesem Zerstörungswerk verbunden waren, sie werden ja sehr häufig, wie so vieles, beschönigt. Das sollte aber nicht geschehen. Denn da, wo die Wahrheit in irgendeiner Weise getrübt wird, da ist der Zugang zu dem Christus Jesus auch durchaus getrübt, da kann er nicht gefunden werden. Und in bezug auf die ernste Wahrheitsliebe kann man ja ganz besondere Entdeckungen machen, meine lieben Freunde. Ein kleines Symptom lassen Sie mich anführen, das ich aus dem Grunde anführe, weil ich es in verhältnismäßig früher Kindheit erlebt habe, das mir dazumal aufgefallen ist. Man kann aber solch ein Ding nicht wieder im Leben vergessen. Nicht wahr, wenn man nicht gerade die Ohren verstopft hat, so hört man in der römischen Cäsaren-Geschichte, daß jener Konstantinus, von dem wir ja auch gesprochen haben, nicht gerade ein sehr guter Mensch war. Denn ein sehr guter Mensch ist im allgemeinen derjenige nicht, der ungerechtfertigterweise seinen eigenen Stiefsohn beschuldigt hat, mit seiner Mutter ein Verhältnis zu haben — es war ungerecht, es war erfunden, um einen Mordgrund zu haben —, der seinen Stiefsohn ermorden ließ aus diesem erfundenen Grunde, dann aber die Mutter auch ermorden ließ, die Stiefmutter. Das sind nur so die gangbarsten Taten dieses Konstantinus. Da aber doch die äußere Kirche ihm außerordentlich viel zu verdanken hat, schämt sich die äußere Kirchengeschichte, diesen Konstantinus in der richtigen Weise zu charakterisieren. Und da möchte ich Ihnen doch eine Stelle aus meinem Schulbuch der Religionsgeschichte vorlesen über jenen Konstantinus:
[ 9 ] «Konstantin zeigte seine gläubige Gesinnung auch in seinem Privatleben.» — Ich habe Ihnen eben erzählt, wie! — «Wenn man ihm Herrschsucht und Zornmütigkeit vorwirft, so ist zu bedenken, daß der Glaube nicht vor jedem Fehltritte bewahrt, und daß das Christentum seine volle heiligende Kraft an ihm nicht erweisen konnte, weil er bis an sein Lebensende außer der Teilnahme an den heiligen Sakramenten blieb.»
[ 10 ] Aber solche Dinge können Sie ungeheuer viele erleben, und Sie können daran studieren den Grad von Wahrheitsliebe, der in der Geschichte sehr häufig vorhanden ist. In bezug auf die neuere Geschichte ist die Sache nicht viel besser, nur berührt sie da andere Gesichtspunkte, und man merkt es nicht so leicht, weil da wieder andere Interessen vorliegen.
[ 11 ] Nun, wenn diese Edikte besprochen werden, wird auch erwähnt, daß man sich namentlich wandte von seiten der römischen Cäsaren gegen die blutigen Opfer, die Tieropfer, welche in solchen Tempeln dargebracht worden sein sollen, und dergleichen mehr. Nun soll hier weder Kritik geübt werden, noch irgend etwas beschönigt werden, sondern die Dinge sollen einfach erzählt werden. Dasjenige, was nämlich notwendig ist zu wissen, das ist dieses: Was man da nennt «Bekämpfung der Tieropfer», aus deren Eingeweiden, so wie gesagt wird, man allerlei Zukünfte voraussagte, das war allerdings eine dekadente Art des Opfers, aber es war nicht jenes Triviale, was sehr häufig in der Geschichte gemeint ist, wenn man von diesen Dingen redet, sondern es war — aber nur auf eine andere Art, als es heute geschieht — eine tiefsinnige Wissenschaft. Was man durch die Tieropfer erreichen wollte, das war: Man wollte durch die Verrichtung der Tieropfer — es ist schwierig, über diese Dinge heute zu sprechen, weil es sehr anstößig gefunden wird, man kann nur im allgemeinen charakterisieren —, man wollte in diesen Tieropfern Anregung haben für etwas, was man in dieser Zeit nicht mehr direkt haben konnte, weil die Zeit des alten atavistischen Hellsehens vorbei war; man wollte in diesen Tieropfern Anregung haben innerhalb gewisser Kreise der Priester, innerhalb der heidnischen Priesterkreise, wieder zu beleben — es war das eine Art Mittel — die alten hellsichtigen Kräfte. Und namentlich wurde noch in einer besseren Art dieser Versuch gepflegt, durch die besondere Form des Opfers wieder zu beleben die alte hellsichtige Kraft, um zu den Urzeiten zu kommen, in den Mithras-Mysterien, und zwar da, ich möchte sagen, auf die geistigste Art in der damaligen Zeit. Roher, blutiger wurden die Dinge in den ägyptischen Priester-Mysterien gepflegt und in den ägyptischen Tempeln. Wenn man die Mithras-Mysterien wirklich mit okkulten Mitteln studiert, so muß man sagen: Sie waren ein Mittel, durch allerlei Opferverrichtungen — die aber mehr waren, als was man heute Opferverrichtungen nennt, die tatsächlich etwas waren, was in viel intensiverer Weise in die Geheimnisse der Natur einführte als heute die Leichensektion, Leichenautopsie, die eigentlich gar nicht in die Geheimnisse einführt, sondern die nur zur Oberfläche führt —, sie waren ein Mittel, eine Einführung in die Geheimnisse der im Weltenall wirksamen Kräfte zu erreichen. Derjenige, der in richtiger Weise jene Opfer verrichtet hatte, der wurde durch diese Opfer in gewisser Weise hellsichtig für die Anschauung gewisser Kräfte, die in den Geheimnissen der Natur vorhanden sind. Und damit hängt es auch zusammen, daß man über die eigentlichen Grundlagen der Mysterien-Opfer eben das Geheimnis walten ließ, daß man die Dinge erst zugänglich finden durfte, wenn man genügend vorbereitet war dazu.
[ 12 ] Nun, wenn man die Mithras-Mysterien studiert, dann findet man, daß diese Mithras-Mysterien alle zurückgehen auf den dritten nachatlantischen Zeitraum, und dadurch waren sie eben dazumal in der Dekadenz, weil sie in ihrer besseren Form für den dritten Zeitraum geeignet waren. Im dritten nachatlantischen Zeitraum waren sie eigentlich in ihren besten Zeiten etwas, was zwar auf eine gefahrvolle und geheimnisvolle Weise, aber doch eben tief einführte in tiefe Naturgeheimnisse; dadurch einführte, daß die Verrichtungen, die gepflogen wurden, etwas bewirkten. Also denken Sie: es wurden von den Priestern in Gegenwart der Schüler gewisse Verrichtungen gepflogen, die zusammenhingen mit dem Dekomponieren der Naturzusammenhänge, um dadurch, durch das Dekomponieren, zur Erkenntnis der Komposition der Naturvorgänge zu kommen. Und durch die Art, wie sie eben geschahen, wie da in diesen Verrichtungen das in den Organismen befindliche Wasser mit dem Feuer zusammenwirkte, und wie dieses Zusammenwirken Anregung wiederum bot für den, der bei der Opferung anwesend war, dadurch eröffnete sich diesem ein ganz besonderer Weg für eine bis in die innersten Fasern des Menschen gehende Selbsterkenntnis und damit Weltenerkenntnis.
[ 13 ] Also es waren diese Opfer ein Weg zur Selbsterkenntnis und zur Welterkenntnis. Man erlebte sich selber auf eine andere Art, als man sich im äußeren Leben erlebt, wenn man bei diesen Opfern anwesend war. Aber dieses Erleben war im hohen Grade auf des Menschen Schwäche berechnet. Denn Selbsterkenntnis ist etwas außerordentlich Schwieriges, und diese Opfer waren eine Erleichterung der Selbsterkenntnis. Es wurde der Mensch durch diese Opfer dahin gebracht, sich gewissermaßen innerlich zu spüren, innerlich zu erleben, aber viel intensiver als etwa durch den bloßen Gedankenprozeß oder Vorstellungsprozeß. Man möchte sagen, ein bis zur Körperlichkeit, bis zur Leiblichkeit gehendes Selbsterkennen wurde angestrebt, ein Selbsterkennen, das man sogar verfolgen kann bis in das Gemüt der großen Künstler des Altertums hinein, die ihre Art, Formen zu geben, in gewissem Sinne verdankten dem Miterleben der Naturbewegungen und Naturformungen am eigenen Organismus. Denn je weiter man zurückgeht in der Kunst, im Kunstschaffen, desto mehr kommt man zu jener Zeit, wo nach einem Modell zu schaffen überhaupt etwas ganz Unverständliches wird. Ein Modell vor sich zu haben und das zu kopieren, das wird etwas ganz Unverständliches. Immer mehr und mehr erkennt man, daß die Leute ein Lebendiges in sich hatten, das lebte, und das sie verkörperten. Die Dinge sind heute schon so verglommen, daß man kaum noch über sie sprechen kann, weil die Worte nur noch schattenhaft die Dinge bezeichnen, die man ganz reell und wirklich meint, wenn man von diesen Dingen spricht. Es ist ungeheuer, wie anders die Zeit geworden ist.
[ 14 ] Nun waren eine wirkliche Fortbildung dieser Art von Mysterien, die namentlich in den Mithras-Mysterien über die ganze damalige Welt zur Zeit des Mysteriums von Golgatha ausgedehnt waren, die griechischen eleusinischen Mysterien. Sie waren eine Fortbildung und zugleich in gewissem Sinne eine ganz andere Seite. Während in den Mithras-Mysterien alles darauf ankam, man möchte sagen, in leiblicher Art sich selbst zu erleben, kam bei den Eleusinien alles darauf an, nun gar nicht sich in sich zu erleben, sondern sich außer sich zu erleben. In den Eleusinien wurden ganz andere Veranstaltungen getroffen als in den MithrasMysterien. In diesen wurde sozusagen der Mensch recht in sich hineingeschoppt; in den Eleusinien wurde er seelisch aus sich herausgeholt, so: daß er außer dem Leibe miterlebte die geheimnisvollen Impulse des Natur- und Geistesschaffens außer ihm. Und wenn wir nun eingehen auf das, was da eigentlich dem Menschen in diesen Mysterien wurde, sowohl in den Mithras-Mysterien, die aber dekadent waren, wie in den Eleusinien, die dazumal nicht dekadent waren, sondern ein paar Jahrhunderte vor der christlichen Zeitrechnung sogar auf ihrer Höhe waren, etwa im vierten Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung zu ihrer Höhe hinanstiegen, wenn man frägt, was eigentlich in den Mysterien für den Menschen geleistet wurde, so muß man sagen: Die Antwort wurde geleistet auf die große delphische Aufforderung «Erkenne dich selbst!» Auf Selbsterkenntnis lief eigentlich alles hinaus, Selbsterkenntnis auf die zwei verschiedenen Arten: Selbsterkenntnis durch das Hineingestopftwerden in sich, so daß gleichsam das Ätherisch-Astralische in dem Menschen verdichtet wurde, so daß er innerlich an sich anstieß, und durch das innerlich Anstoßen seines Seelischen an das Leibliche erfährt: Da bist du etwas, das du wahrnimmst, wenn du da innerlich dich selbst drängst und stößest. — Das geschah durch die Mithras-Mysterien. Durch die Eleusinien wurde die Selbsterkenntnis dem Menschen dadurch, daß die Seele durch die verschiedenen, hier nicht weiter zu beschreibenden Verrichtungen herausgeholt wurde aus dem Leibe, und der Mensch außer dem Leibe in Zusammenhang kam mit der geheimnisvollen Kraft der Sonnenwirkung, des Sonnen-Impulses auf der Erde, mit den Kräften des Mond-Impulses auf der Erde, mit den Kräften der Sternen-Impulse, der Impulse der einzelnen elementaren Kräfte, der Wärmekräfte, Luftkräfte, Feuerkräfte und so weiter. Da wiederum durchwellten des Menschen Seelisches, das aus dem Leibe geholt wurde, die äußeren Elemente, das äußere Dasein, und in diesem Zusammenprall mit dem Äußeren wurde die Selbsterkenntnis erreicht. Und was die Leute wußten, die den eigentlichen Sinn des Mysterienwesens kannten, das war das: Man kann zu allem seelischen Erleben kommen; nur dazu kann man nicht kommen, etwas Reales mit dem Begriff des «Ich» zu verbinden, wenn es nicht aus den Mysterien kommt. Denn sonst blieb das Ich immer etwas Abstraktes für diese Zeit, wenn es nicht aus den Mysterien kam. Das andere Geistig-Seelische konnte man erleben, aber das Ich mußte auf diese Weise angeregt werden, es bedurfte dieser starken Anregung. Das wußten die Menschen. Und das ist das Wesentliche dabei.
[ 15 ] Nun kam ja zustande, wie Sie wissen, eine Art Kombination der christlichen Entwickelung mit dem Imperium Romanum. Und wie diese Kombination zustande kam, das habe ich ja geschildert. Indem diese Kombination zustande kam, entstand die Begierde, diese Vergangenheit, die ich eben geschildert habe, womöglich zu verwischen; womöglich nicht auf die Nachwelt kommen zu lassen irgendein wirkliches Bild dieser Vergangenheit; nicht auf die Nachwelt kommen zu lassen, was da einmal bis in weite Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung herein die Menschen getan haben, um mit denjenigen göttlichen Kräften, sei es in, sei es außerhalb des Leibes in Beziehung zu kommen, die dem Menschen das Ich-Bewußtsein bringen. Und nun muß man, wenn man etwas tiefer die Entwickelung des Christentums studieren will, nicht bloß sehen auf die Fortentwickelung der Dogmen, sondern vor allen Dingen auf die Fortentwickelung der Kulte. Für gewisse Gesichtspunkte ist die Fortentwickelung des Kultus viel wichtiger noch als die Fortentwickelung der Dogmen. Denn die Dogmen sind dasjenige, was Streitigkeiten brachte; Dogmen sind gewissermaßen wie der Vogel Phönix: sie entstehen wieder aus ihrer eigenen Asche; und wenn man Dogmen auch noch so sehr ausgerottet hat, es kommt immer wieder irgendeiner, den man für einen Querkopf hält, mit derselben Anschauung. Kulte kann man viel sicherer ausrotten. Und diese alten Kulte, die gewissermaßen die äußeren Schriftzeichen, die wirklichen äußeren Schriftzeichen, die Symbole waren für dasjenige, was in den Mysterien vorgeht, diese Kulte auszurotten, darauf kam es an, um unmöglich zu machen, daß aus dem Vorhandensein der Kulte abgelesen werde, wie man versuchte, sich den göttlich-geistigen Kräften zu nähern.
[ 16 ] Wenn man hinter die ganze Sache kommen will, dann muß man sich die christlichen Kulte ein wenig ansehen, zum Beispiel den Mittelpunktskultus, das Meßopfer, das katholische Meßopfer. Was ist dieses katholische Meßopfer mit seinem ganzen ungeheuer tiefen Sinn? Was ist es? Ja, das Meßopfer mit alledem, was daran hängt, ist eine kontinuierliche Fortentwickelung der Mithras-Mysterien, die in gewisser Weise etwas kombiniert sind mit den eleusinischen Mysterien. Das Meßopfer und vieles, was an Zeremonien damit zusammenhängt, ist nichts anderes als die Fortentwickelung der alten Kulte, nur eben fortentwickelt. Nicht etwa ist die Sache so gelassen worden, wie sie war, namentlich wurde der blutige Charakter, den allmählich die Mithras-Mysterien angenommen hatten, gemildert; der fand eine wirkliche Milderung. Aber die unendliche Ähnlichkeit des Grundgeistes, die kann nur der ermessen, welcher gewisse Einzelheiten in der richtigen Weise einzuschätzen weiß. Daß der Priester, wie übrigens auch der sonst das Abendmahl Empfangende, den Leib des Herrn zu sich nimmt, nachdem er so und so lange nichts gegessen hat — wie man sagt: mit nüchternem Magen —, das ist zum Verständnis der Sache viel wichtiger, als manches andere, namentlich manches, worüber man im Mittelalter furchtbar gestritten hat. Denn das ist etwas zum Beispiel, worauf es ankommt. Und wenn irgendein Priester, wie es ja auch wohl vorkommt, dieses Gebot, wirklich mit nüchternem Magen die Transsubstantiation und die Kommunion zu vollziehen, übertritt, dann hat sie durchaus nicht den Sinn, die Bedeutung, die Wirkung, die sie haben soll. Allerdings, zumeist hat sie nicht die Wirkung, weil die Betreffenden nicht in richtiger Weise unterrichtet werden. Denn die Wirkung kann nur da sein, wenn ein entsprechender Unterricht stattgefunden hat über dasjenige, was unmittelbar nach dem Empfang des blutlosen Leibes des Herrn erlebt wird. Aber Sie wissen ja vielleicht selbst, wie wenig auf diese Feinheiten mehr heute gesehen wird; wie wenig darauf gesehen wird, daß dadurch wirklich ein Erlebnis eintreten soll, das ein gewisses innerliches Verspüren darstellt, eine Art neuzeitlicher Wiedererneuerung desjenigen, was als Anregung in den Mithras-Mysterien stattgefunden hat. So stehen wirklich hinter dem Kultus gewissermaßen mysteriöse Dinge. Die stehen schon dahinter. Und die Kirche hat mit der Priesterweihe auch eine Art von Fortsetzung schaffen wollen des alten Initiationsprinzips, nur hat sie vergessen in vieler Beziehung, daß das Initiationsprinzip darin bestand, gewisse Lehren zu geben, wie die Dinge durchlebt werden sollen.
[ 17 ] Nun, sehen Sie, es gehörte zu dem Ideal Julians des Apostaten, dahinterzukommen, wie die Eleusinien, in die er eingeweiht war, zusammenhingen mit den Mysterien der dritten nachatlantischen Zeit. Denn was konnte er in den Eleusinien erfahren? Was Julian der Apostat in den Eleusinien erfahren konnte, darüber belehrt den Menschen heute die Geschichte nicht. Aber wenn Sie sich wirklich einmal darauf einlassen würden zu studieren, wie so ein Klemens der Alexandriner, sein Schüler Origenes, selbst Tertullian, selbst Irenäus, gar nicht zu reden von noch älteren Kirchenlehrern, wie diese zum großen Teil ausgegangen sind vom heidnischen Initiationsprinzip und sich dann auf ihre Art zum Christentum herübergefunden haben — wenn Sie auf diese Geister sehen, so finden Sie, daß in ihnen eine ganz besondere Art der inneren Bewegung der Begriffe und Vorstellungen lebt; es lebte in ihnen ein ganz anderer Geist, als später in der Menschheit lebt. Der Geist, der in ihnen lebte, an den ist es nötig, wenn man an das Mysterium von Golgatha herankommen will, selbst heranzukommen. An diesen Geist heranzukommen, das ist die Hauptsache!
[ 18 ] Sehen Sie, die Menschen schlafen ja so viel — ich meine das tatsächlich — mit Bezug auf die großen Kulturerscheinungen. Man stellt sich die Welt wirklich so vor, wie wenn man sie eigentlich im Traume erlebte. Wir können das in unserer Zeit selbst sehen. Ich habe Ihnen öfter von Herman Grimm gesprochen. Ich muß gestehen, mir ist es ganz anders, wenn ich jetzt von Herman Grimm spreche, oder wenn ich vor vier, fünf Jahren von Herman Grimm gesprochen habe. Dasjenige, was wir in den nun bald drei Jahren dieses Krieges erlebt haben, das macht, daß, wenn man auf die Dinge eingeht, einem dasjenige, was unmittelbar vorangegangen ist, was die Jahrzehnte vorangegangen ist, wirklich wie eine Art Märchenzeit erscheint; es könnte ebensogut Jahrhunderte zurückliegen. Man hat das Gefühl, daß die Zeit sich ganz in die Länge gezogen hat, so fremd sind gewissermaßen die Dinge geworden. — Und so, möchte ich sagen, wird überhaupt Wichtigstes in der Welt im Grunde genommen von den Menschen verschlafen.
[ 19 ] Wenn man heute versucht, mit gewöhnlichen Mitteln des Verstandes, des Begriffes, mit gewöhnlichen Mitteln alte Schriftsteller zu verstehen — gewiß, wenn man im gewöhnlichen Sinne ein Universitätsgelehrter ist, versteht man ja selbstverständlich alles, was auf die Nachwelt gekommen ist, aber wenn man nicht ein so erleuchteter Geist ist, so kann man zum Beispiel zu folgendem Urteil kommen. Man kann sich sagen: Mit gewöhnlichem Verstande, wenn man nicht okkulte Mittel anwendet, sind die alten griechischen Philosophen Thales, Heraklit, Anaxagoras, die also gar nicht so weit vor uns liegen, wirklich nicht zu verstehen. Sie reden, auch wenn man auf das Griechische eingeht, wirklich eine andere Sprache; eine andere Begriffssprache eben reden sie als diejenige ist, in der man selber reden kann für den gewöhnlichen menschlichen Verstand. Und dies gilt zum Beispiel sogar mit Bezug auf Plato. Ich habe schon öfter erwähnt: Hebbel fühlte das, als er daran dachte — er schrieb sich da auf in sein Tagebuch einen Dramenentwurf —, den wiederverkörperten Plato als Gymnasialschüler vorzuführen, der mit seinem Gymnasiallehrer den Plato lesen muß und durchaus bei dem gescheiten Gymnasiallehrer nicht mit dem Plato zurechtkommt, trotzdem er der wiederverkörperte Plato ist. Hebbel wollte das ausführen. Er ist nicht dazu gekommen, aber er hat sich das aufgeschrieben in sein Tagebuch, wie das sein müßte, wenn der wiederverkörperte Plato heute ein Gymnasialschüler wäre und den Plato lesen müßte und ihn nicht verstehen könnte. Aber Hebbel fühlte das: Auch der Plato kann nicht so ohne weiteres verstanden werden. Verstehen, was man wirklich Verstehen nennen darf beim Genaunehmen der Begriffe, das beginnt eigentlich für das menschliche Denken erst bei Aristoteles. Es geht nicht weiter zurück, es beginnt erst bei Aristoteles im vierten vorchristlichen Jahrhundert. Was vorher liegt, das ist nicht zu verstehen mit gewöhnlichem Menschenverstand. Und Aristoteles haben daher auch die Menschen immer wieder versucht zu verstehen, denn auf der einen Seite ist er verständlich, auf der anderen Seite ist man mit Bezug auf gewisse Begriffsbildungen bis heute überhaupt nicht weiter gekommen, als Aristoteles gekommen ist, weil diese Begriffsbildung gerade für die damalige Zeit taugte. Und eigentlich, so in derselben Art zu denken, wie ein anderes Zeitalter gedacht hat, das zu wollen, das heißt für den Menschen, der im Konkreten lebt, im Grunde dasselbe, wie wenn man 56 Jahre alt geworden ist, und man möchte einmal auf eine Viertelstunde 26 Jahre alt sein, um das zu erleben, was man mit 26 Jahren erlebt hat. Eine gewisse Art zu denken taugt eben nur für ein ganz bestimmtes Zeitalter; dasjenige, was da die Eigenart des Denkens ist, es wird nur immer wieder nachgedacht. Aber es ist interessant, wie Aristoteles im Mittelalter, ich möchte sagen, als der Herrscher der Gedanken gelebt hat, und wie er bei dem hier öfter erwähnten Franz Brentano wieder aufgetaucht ist, und gerade jetzt wieder auftaucht. Ein schönes, herrliches Buch hat Franz Brentano 1911 geschrieben über Aristoteles, worin er diejenigen Vorstellungen und Begriffe verarbeitet hat, die der jetzigen Zeit besonders nahegebracht werden sollten. Das ist ein merkwürdiges Zeitenkarma, daß dieser Franz Brentano just Jetzt ein umfassendes Buch über Aristoteles geschrieben hat, das eigentlich jeder, der etwas darauf hält, mit einer gewissen Art des Denkens in Berührung zu kommen, lesen müßte. Es ist auch ein sehr leicht lesbares Buch, das von Brentano über Aristoteles.
[ 20 ] Sehen Sie, dieser Aristoteles ist aber auch im gewissen Sinne dem Schicksal verfallen, daß er, wenn auch nicht in ganz unmittelbarer Art, durch die Kirche, nicht durch das Christentum, verstümmelt worden ist, daß man wichtige Dinge nicht hat von ihm. $o daß eigentlich, ich möchte sagen, das, was an Verstümmelung bei ihm vorliegt, auch im Grunde okkult ergänzt werden muß. Und die wichtigsten Dinge, die beziehen sich gerade auf die menschliche Seele. Und hier komme ich in Anknüpfung an diesen Aristoteles auf etwas, was dem Menschen der Gegenwart gesagt werden muß, wenn er die Frage aufwirft: Wie kann ich nun selbst durch die inneren Seelenerlebnisse auf sichere Art, indem ich gerade auf diese Rätsel hinrichte das sonstige meditative Leben, das in unseren Schriften: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und so weiter beschrieben ist, wie kann ich einen sicheren Weg finden, in mir selbst die Quellen für das Mysterium von Golgatha zu eröffnen? Denn der Aristoteles versucht gewissermaßen von sich aus dasjenige innere Erleben in sich regsam zu machen, das derjenige, der eine solche Frage aufwirft, nachmachen müßte. Nur da, wo Aristoteles dazu kommen würde, dies zu beschreiben, so recht seinen eigenen Meditationsweg zu beschreiben, da — sagen die Aristoteles-Kommentatoren —, da wird Aristoteles wortkarg. Aber diese Wortkargheit besteht nicht darin, daß Aristoteles diese Dinge nicht beschrieben hat, sondern darin, daß die Späteren sie nicht abgeschrieben haben, daß sie nicht der Nachwelt überliefert sind. Aristoteles hat schon einen ganz eigenrümlichen inneren, sagen wir mystischen Weg eingeschlagen. Aristoteles wollte dasjenige in der Seele finden, was innerliche Gewißheit gibt, daß die Seele unsterblich ist.
[ 21 ] Nun, wenn jemand ehrlich und aufrichtig eine Zeitlang wirklich innerlich meditative Arbeit leistet, Übungen macht, dann kommt er unbedingt dazu, innerlich zu erleben die Kraft der Seelenunsterblichkeit, indem er dasjenige sich eröffnet, was im Innern das Unsterbliche ist. Das war Aristoteles auch ganz klar, absolut klar, daß man so etwas im Innern erleben kann, was einem sagt: Da erlebe ich im Innern etwas, was vom Leibe unabhängig ist, was also mit dem Tod des Leibes nichts zu tun hat. Das ist Aristoteles ganz klar. Nun geht er weiter, und dann versucht er, in sich ganz intensiv zu erleben dasjenige, wovon man weiß, wenn man es erlebt, daß es nicht dem Leibe angehört. Und da erlebt er ganz klar — nur ist eben die Stelle korrumpiert, verstümmelt —, da erlebt er ganz klar dasjenige, worauf ich schon öfter hingedeutet habe, dasjenige, was man erlebt haben muß, um zum Verständnis des Mysteriums von Golgatha zu kommen: innere Einsamkeit. Einsamkeit! Mit dem mystischen Erleben geht es eben nicht anders, als daß man zu dieser Einsamkeit kommt, daß man gewissermaßen den Schmerz dieser Einsamkeit durchmacht. Und wenn man daran ist, wirklich dieses Einsamkeitsgefühl so weit erlebt zu haben, daß man sich gewissermaßen die Frage stellt: Was hast du denn jetzt eigentlich alles verlassen, indem du so einsam geworden bist? — so wird man sich dies beantworten müssen: Jetzt hast du mit dem besten Teil deines Wesens Vater, Mutter, Brüder, Schwestern und die ganze übrige Welt mit ihren Einrichtungen im Grunde genommen mit der Seele verlassen, mit dem besten Teil deines Wesens verlassen. — Das wußte auch Aristoteles. Das innere Erlebnis kann man haben; man kann es herbeiführen. Man wird in diesem Einsamkeitsgefühl sich ganz klar darüber, daß da im Innern etwas ist, das über den Tod hinausgeht, aber das keinen anderen Zusammenhang hat als nur den mit dem eigenen Ich, das in keinem Verkehr mit der Außenwelt steht. Man kommt darauf, worauf Aristoteles auch gekommen ist: daß eben der Verkehr mit der Außenwelt durch die Organe des Leibes vermittelt wird. Sich selber kann man noch anders erleben — aber die Organe des Leibes braucht man dazu, um die Außenwelt zu erleben. Daher die Einsamkeit, die da eintritt. Und nun sagte sich Aristoteles, was sich eigentlich jeder, den Aristoteles nachmachend, wieder sagen müßte: Da habe ich also die Seele erlebt, dasjenige erlebt, was der Tod nicht zerstören kann. Aber zugleich ist alles fort, was mich in Zusammenhang bringt mit der Außenwelt. Ich bin nur in mir selber. Ich kann nicht weiterkommen im Begreifen der Unsterblichkeit — so sagt sich Aristoteles — als bis dahin, einzusehen, daß ich nach dem Tode mich selbst erleben werde in absolutester Einsamkeit, durch alle Ewigkeiten nichts anderes vor mir habend als dasjenige, was ich im Leben durchgemacht habe als Gutes oder Böses, das ich ewig anschauen werde. Das erlangst du durch deine eigene Kraft, so sagt sich Aristoteles. Willst du etwas anderes wissen über die geistige Welt, so kannst du dich auf deine eigene Kraft nicht stützen, dann mußt du dich entweder einweihen lassen, oder auf dasjenige hören, was die Eingeweihten sagen.
[ 22 ] Das hat schon bei Aristoteles gestanden, nur haben es die anderen nicht überliefert. Und indem Aristoteles dieses durchschaut hat, wurde er gewissermaßen auch eine Art Prophet, wurde er der Prophet für das andere, das zu Aristoteles’ Zeiten eben nicht möglich war, das heute anders ist als zu Aristoteles’ Zeiten. Aber man braucht keine Geschichte zu überblicken, sondern in sich selbst erlebt man, daß es anders ist. Denn schauen wir noch einmal zurück auf diese absolute Einsamkeit, zu der man gekommen ist, auf dieses mystische Erlebnis, das ganz anders ist, als wie mystische Erlebnisse sehr häufig geschildert werden. Sie werden sehr häufig in einer selbstgefälligen Art beschrieben, so, daß gesagt wird: Du erlebst den Gott in deinem Innern. — Aber das ist nicht das vollständige mystische Erlebnis. Das vollständige mystische Erlebnis ist: Man erlebt den Gott in völligster Einsamkeit, in absolutester Einsamkeit. Allein mit dem Gotte erlebt man sich. Und dann ist es nur darum zu tun, daß man die nötige Stärke und Ausdauer hat, um in dieser Einsamkeit weiterzuleben. Denn diese Einsamkeit ist eine Kraft, sie ist eine starke Kraft! Wenn man unter ihr nicht sich niederdrücken läßt, sondern sie als Kraft in sich leben läßt, diese Einsamkeit, dann kommt ein anderes Erlebnis dazu — natürlich, solche Dinge können nur geschildert werden, aber jeder kann sie erleben —, dann kommt dazu die unmittelbare innere Gewißheit: Diese Einsamkeit, die du da erlebst, die ist durch dich selbst herbeigeführt, die hast du herbeigeführt. Sie ist nicht mit dir geboren. Der Gott, den du da erlebst, aus dem bist du geboren, aber diese Einsamkeit ist nicht mit dir geboren, diese Einsamkeit geht aus dir hervor. Du bist schuld an dieser Einsamkeit. — Das ist das zweite Erlebnis.
[ 23 ] Indem man dieses Erlebnis hat, führt es unmittelbar dazu, daß man sich mitschuldig fühlt an der Tötung desjenigen, was aus dem Gotte hervorgegangen ist. An dieser Stelle, wo die Einsamkeit der Seele genügend lange gewirkt hat, wird es klar: Es ist etwas geschehen in der Zeit — es war nicht immer da, sonst müßte es keine Entwickelung gegeben haben; es muß einmal eine Zeit gegeben haben, wo dieses Gefühl nicht da war —, in der Zeit ist etwas geschehen, wo das Göttliche durch das Menschliche abgetötet worden ist. An dieser Stelle beginnt man, sich mitschuldig zu fühlen an der Tötung des Gottes. Und wenn ich Zeit hätte, würde man auch zur weiteren Definition kommen können von der Tötung des Gottessohnes. Das mystische Erleben darf eben nicht ein einziges, nebuloses, verschwommenes sein, sondern es geht in Stufen vor sich. Den Tod des Christus kann man erleben.
[ 24 ] Und dann braucht nur wiederum dieses Erlebnis starke Kraft zu werden, dann — ja, ich kann nicht anders sagen: dann ist der Christus da, und zwar der Auferstandene! Denn der ist zunächst als inneres mystisches Erlebnis da, der Auferstandene, derjenige, der durch den Tod gegangen ist. Und die Motivierung des Todes, die erlebt man auf die geschilderte Art.
[ 25 ] Ein dreistufiges mystisches Erlebnis, man kann es haben. Dann ist es vielleicht noch nicht genug, um den Weg zu finden zu den Quellen für das Mysterium von Golgatha, sondern dann sollte noch etwas anderes dazu kommen, was allerdings heute ungeheuer stark verlegt ist, verschüttet ist geradezu. Der einzige, der in genügend starker Weise hingewiesen hat, wie da etwas für die Menschheit gerade durch die Bildung des neunzehnten Jahrhunderts in ungeheuer starker Weise verschüttet worden ist, das war Friedrich Nietzsche, und zwar in der Abhandlung: «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben.» Denn durch nichts wird uns die Christus-Erkenntnis gründlicher ausgetrieben als durch dasjenige, was man heute Geschichte nennt. Daher ist auch durch nichts das Mysterium von Golgatha so gründlich widerlegt worden als durch die treue Historie des neunzehnten Jahrhunderts. Gewiß, ich weiß, man ist heute ein Narr, wenn man etwas gegen die treue Historie spricht, und es soll auch nichts gesagt werden gegen alles Sorgfältige und Philologische und Gelehrte, wie die Historie zustande kommt. Aber mag sie noch so gelehrt sein, die Geschichte, mag sie noch so treu sein, der Mensch stirbt an ihr seelisch, so wie sie heute ist. Gerade an der Geschichte stirbt der Mensch seelisch am sichersten. Die wichtigsten Dinge, sie kennt man nicht im Leben der Menschen und der Menschheit. Die wichtigsten Dinge kennt man nicht!
[ 26 ] Man darf vielleicht auf diesem Gebiet gerade von Persönlichem reden, weil ja diese Dinge gerade an Persönliches angeknüpft werden dürfen. Ich habe mich seit meinem achtzehnten, neunzehnten Jahr fortwährend mit Goethe beschäftigt, aber ich habe nie die Versuchung gespürt, etwas treu historisch im philologischen Sinne über Goethe zu schreiben oder auch nur darzustellen, niemals, aus dem einfachen “Grunde, weil mir von allem Anfang an die Idee lebendig war: das Wesentliche ist, daß Goethe lebt! Nicht, daß man den Goethe, der 1749 geboren, 1832 gestorben ist, als physischen Menschen ins Auge faßt, sondern das Wichtige ist, daß, als Goethe 1832 gestorben ist, etwas nicht nur in seiner Individualität fortlebt, sondern etwas fortlebt, was um uns herum ist wie die Luft, aber geistig, nicht bloß in dem, was die Menschen reden — da wird gerade über Goethe heute nicht sehr viel Gescheites geredet —, sondern geistig etwas um uns herum ist. Das Geistige ist um uns herum, wie es um die Menschen des Altertums noch nicht geistig herum war. Der Ätherleib wird von der Seele abgetrennt als eine Art zweiter Leichnam, aber er wird durch den ChristusImpuls, der geblieben ist von dem Mysterium von Golgatha, in gewisser Weise doch konserviert, löst sich nicht rein auf, wird konserviert. Und wenn man — lassen Sie mich jetzt das Wort «Glaube» so brauchen, wie ich es definiert habe im Anfang der Vorträge —, wenn man den Glauben hat, Goethe ist als Ätherleib auferstanden, und sich dann an sein Studium macht, dann werden in einem selbst seine Begriffe und Vorstellungen lebendig, und man schildert ihn nicht so, wie er war, sondern wie er heute ist. Dann hat man den Begriff der Auferstehung ins Leben übertragen. Dann glaubt man an die Auferstehung. Dann kann man davon sprechen, daß man nicht bloß an die toten Vorstellungen glaubt, sondern an das lebendige Fortwirken der Vorstellungen. Denn das hängt mit einem tiefen Mysterium der neueren Zeit zusammen. Wir mögen denken, was wir wollen — für unser Fühlen und Wollen gilt das nicht, was ich sage, aber für unser Denken und Vorstellen gilt es —, wir mögen denken, was wir wollen: solange wir im physischen Leibe sind, gibt es ein Hindernis dafür, daß die Vorstellungen sich in der richtigen Weise ausleben können. Möge Goethe noch so groß gewesen sein, seine Vorstellungen waren noch größer als er selber. Denn daß sie so groß haben werden können, wie sie waren, und nicht größer, daran war sein physischer Leib schuld. In dem Augenblick, wo sie sich vom physischen Leibe trennen konnten — ich meine jetzt die Vorstellungen, die im Atherleibe in gewisser Weise weiterleben, nicht sein Fühlen und Wollen — und wo sie aufgenommen werden können von jemand, der sie in Liebe aufnimmt und weiterdenkt, da werden sie noch etwas anderes, da gewinnen sie ein neues Leben. Glauben Sie, daß die erste Gestalt, in der Vorstellungen bei jemand auftauchen können, unter keinen Umständen die letzte Gestalt dieser Vorstellungen gibt; sondern glauben Sie an eine Auferstehung der Vorstellungen! Und glauben Sie so fest daran, daß Sie gerne anknüpfen, jetzt nicht bloß in Ihrem Blut an Ihre Vorfahren, sondern an die geistigen Seelenvorfahren, und diese finden; es brauchen nicht Goethes zu sein, sondern es können der nächstbeste Müller oder Schulze sein. Erfüllen Sie den Christus-Ausspruch: nicht nur anzuknüpfen an die Leiber mit dem Blute, sondern anzuknüpfen an die Seelen mit dem Geist, dann machen Sie wirksam, im Leben unmittelbar wirksam, den Gedanken der Auferstehung. Dann glauben Sie im Leben an die Auferstehung. Denn es kommt nicht darauf an, daß man immer nur sagt «Herr, Herr!», sondern daß man das Christentum in seinem lebendigen Geiste auffaßt, daß man an den wichtigsten Begriff der Auferstehung unmittelbar als an einen lebendigen sich hält. Und wer in diesem Sinne sich an die Vergangenheit seelisch anlehnt, der lernt in sich selber erleben das Fortleben der Vergangenheit. Und dann ist es nur eine Frage der Zeit, daß der Augenblick eintritt, wo der Christus da ist, wo der Christus bei Ihnen ist. Alles hängt davon ab, an den Auferstandenen und die Auferstehung sich anzuklammern und sich zu sagen: Eine geistige Welt ist um uns herum, und die Auferstehung hat eine Wirkung gehabt!
[ 27 ] Sie mögen sagen: Zunächst ist das ja Hypothese. Gut, lassen Sie es eine Hypothese sein! Wenn Sie einmal das Erlebnis haben: Sie haben angeknüpft an irgendeinen Gedanken eines Menschen, der bereits durch den Tod gegangen ist, dessen physischer Leib der Erde einverleibt worden ist, und der Gedanke mit Ihnen weiterlebt, dann kommt eines Tages das über Sie, daß Sie sich sagen: So wie der Gedanke lebt, wie er in mir neuerdings lebendig ist, so ist er durch den Christus lebendig, und hat niemals so lebendig werden können, bevor der Christus auf der Erde war.
[ 28 ] Es gibt eben einen Weg zu dem Mysterium von Golgatha, der innerlich gegangen werden kann. Aber man muß vor allen Dingen von der sogenannten objektiven Geschichte, die ja deshalb ganz subjektiv ist, weil sie an der äußeren Oberfläche nur klebt, weil sie den Geist gerade tilgt, man muß von der sogenannten objektiven Geschichte Abschied nehmen. Denn sehen Sie, es sind viele Goethe-Biographien geschrieben worden. Diese Goethe-Biographien, die geschrieben worden sind, die gehen sehr häufig darauf aus, möglichst treu das Leben Goethes darzustellen. Jedesmal, wenn man das tut, ertötet man etwas in sich; unbedingt: man ertötet etwas in sich. Denn der Gedanke ist so, wie er dazumal war bei Goethe, durch den Tod gegangen und lebt anders weiter. So im Geiste das Christentum erfassen, darauf kommt es an.
[ 29 ] Kurz, mystisch — jetzt im wahren Sinne des Wortes verstanden —, mystisch ist es möglich, das Mysterium von Golgatha zu erleben; aber man muß nicht bei Abstraktionen stehen bleiben, sondern man muß die innerlichen Erlebnisse durchmachen, die eben geschildert worden sind. Und wer die Frage aufwirft: Wie kann ich selber an den Christus herankommen? — der muß sich klar sein, daß er herankommen muß an den Auferstandenen, und daß, wenn man Geduld und Ausdauer hat, den Weg zu gehen, der eben beschrieben worden ist, man dann zur rechten Zeit an den Christus herankommt, daß man dann der Begegnung mit dem Christus sicher sein kann. Nur muß man achtgeben, daß man bei dieser Begegnung nicht an dem Wichtigsten vorbeisieht.
[ 30 ] Ich sagte: Aristoteles war in gewissem Sinne ein Prophet, und von diesem Prophetischen nahm Julian der Apostat wieder etwas auf. Aber er konnte aus der Gestalt, wie die Eleusinien waren dazumal, nicht mehr recht dahinter kommen; er wollte den Anschluß haben in den Mithras-Mysterien. Daher sein Zug nach Persien. Er wollte hinter die ganze Kontinuität kommen, er wollte den ganzen Zusammenhang kennen. Das konnte man nicht zulassen — daher der Mord an Julian Apostata.
[ 31 ] Aber den Christus gewissermaßen selber nach Art der eleusinischen Mysterien zu erleben, das, ja das war das Bestreben gerade noch der ersten Kirchenlehrer. Und ob man diese nun Gnostiker oder nicht Gnostiker nennen will — diejenigen, die eigentlich Gnostiker waren, sind ja von der Kirche nicht rezipiert worden, aber man könnte geradesogut Klemens von Alexandrien einen Gnostiker nennen —, die beschäftigten sich in ganz anderer Weise mit dem Christus, weil sie an den Christus durch die Eleusinien herankommen wollten, als man später sich mit ihm beschäftigte. Sie beschäftigten sich so mit ihm, daß sie ihn vor allen Dingen als ein kosmisches Ereignis nahmen. Die Frage wurde zum Beispiel immer wieder und wiederum aufgeworfen: Wie wirkt der Logos rein in der geistigen Welt? Und: Was hatte eigentlich diejenige Wesenheit als ihr Charakteristisches an sich, die im Paradies dem Menschen begegnete? Wie war die mit dem Logos verknüpft? — Solche Fragen, zu deren Beantwortung man sich rein in geistigen Vorstellungen bewegen mußte, beschäftigten diese Menschen. Und man muß sagen, wenn man den Blick wirft auf die Eleusinien und die Mithras-Mysterien, die mit Stumpf und Stiel ausgerottet wurden: in den ersten Jahrhunderten nach dem Mysterium von Golgatha ging der Wiederauferstandene selber in den Mysterien herum, um diese zu reformieren. Deshalb kann man in einem wirklich tiefen Sinn sagen: Julian der Apostat war vielleicht ein besserer Christ als Konstantin. Konstantin war erstens ja nicht initiert, und dann nahm er das Christentum in ganz äußerlicher Weise an. Aber Julian der Apostat hatte eine Ahnung davon: Willst du den Christus finden, so mußt du ihn durch die Mysterien finden; so mußt du gerade durch die Mysterien den Christus finden, dann wird er dir das Ich geben, das zu Aristoteles’ Zeiten noch nicht gegeben werden konnte.
[ 32 ] Das hängt natürlich mit den tieferen geschichtlichen Notwendigkeiten zusammen, daß, statt durch die Mysterien den Weg zum Christus zu suchen, diese Mysterien mit Stumpf und Stiel ausgerottet wurden. Aber der Weg zum Griechentum, der muß wieder gegangen werden, muß gegangen werden ohne Urkunden. Das Griechentum muß wieder erstehen. Natürlich nicht so, wie es war, sonst kommt man zu jenen Affereien, die dadurch entstehen, daß man da oder dort die olympischen Spiele nachäfft; darauf kommt es nicht an, daß man das Griechentum nachäfft. Diese Äfferei, die meine ich nicht. Von innen heraus muß das Griechentum wieder erstehen und wird erstehen, und den Weg in die Mysterien, den müssen die Menschen finden, nur wird er ein sehr innerlicher sein. Dann werden sie auch den Christus in entsprechender Weise finden.
[ 33 ] Aber so wie das erste Mysterium von Golgatha vollzogen wurde in Palästina, so wurde das zweite vollzogen durch den Konstantinismus. Denn indem man die Mysterien ausgerottet hat, wurde der Christus als historische Erscheinung zum zweitenmal gekreuzigt, getötet. Denn jene furchtbare Zerstörung, die durch Jahrhunderte Platz gegriffen hat, die ist so, daß sie vor allen Dingen nicht bloß — was ja wahrhaftig nicht zu unterschätzen ist — eine Zerstörung größter auch künstlerischer und mystischer Leistungen war, sondern es war auch eine Zerstörung wichtigster Menschheitserlebnisse. Nur verstand man nicht, was man eigentlich zerstört hatte mit dem, was äußerlich hingeschwunden war, weil man schon die Tiefe der Begriffe vollständig verloren hatte. Als der Serapis-Tempel, als der Zeus-Tempel mit ihren großartigen Bildnissen zerstört wurden, da sagten die Leute: Ja, wenn dies zerstört wird, dann haben ja die Zerstörer recht; denn alte Sagen haben uns überliefert: Wenn der Serapis-Tempel zerstört wird, dann stürzen die Himmel ein, und die Erde wird zum Chaos! Es ist aber nicht der Himmel eingestürzt, und es ist nicht die Erde zum Chaos geworden, trotzdem die römischen Christen den Serapis-Tempel der Erde gleichgemacht haben, — sagten die Leute. Gewiß, die Sterne sind nicht heruntergefallen, die äußeren, physischen; die Erde ist nicht ein Chaos geworden, aber im menschlichen Erleben schwand dasjenige, was früher gewußt wurde durch die Sonneninitiation. Die ganze ungeheure Weisheit, die sich wölbte mächtiger als der physische Himmel in der Anschauung der Alten, sie stürzte zusammen mit dem Serapis-Tempel. Und diese alte Weisheit, von der Julian der Apostat noch einen Nachklang in den Eleusinien verspürte, wo sich die geistige Sonne, der geistige Mond über ihm dehnte, die ihre Impulse herunterschickten, sie stürzte. Und dasjenige wurde zum Chaos, was die Alten in den Mithras-Mysterien erlebten und in den ägyptischen Mysterien erlebten, wenn sie durch den Opferdienst innerlich nacherlebten die Geheimnisse des Mondes und die Geheimnisse der Erde, wie sie sich im Menschen selber abspielen, wenn er, wie ich es vorhin mit einem trivialen Ausdruck bezeichnet habe, gleichsam durch Zusammenschoppen seines Seelischen in seinem Innern zur Erkenntnis seiner selbst kommt. Geistig war es so, daß die Himmel zusammenstürzten und die Erde zum Chaos wurde: denn was in diesen Jahrhunderten verschwunden ist, das ist durchaus mit dem zu vergleichen, was verschwinden würde, wenn wir unsere Sinne plötzlich verlieren würden, wo, wenigstens für uns, auch der Himmel oben nicht mehr sein würde, und unten die Erde nicht mehr sein würde. Die alte Welt ist nicht bloß in der trivialen Weise hinweggeschwunden, wie es da dargestellt wird, sondern sie ist in einem viel tieferen Sinne hinweggeschwunden. Und an die Auferstehung müssen wir glauben, wenn wir überhaupt nicht dasjenige, was verschwunden ist, als etwas völlig Verlorenes glauben wollen. An die Auferstehung müssen wir glauben. Dazu aber ist notwendig, daß die Menschen starke und mutige Begriffe in sich aufnehmen. Dazu ist vor allen Dingen notwendig, daß die Menschen merken, daß jener Impuls heute notwendig ist, auf den hier so oftmals hingewiesen worden ist.
[ 34 ] Denn die Menschen sollten verspüren, daß zwar durch eine karmische, weltenkarmische Notwendigkeit, Jahrhunderte von gewissen Gesichtspunkten aus vergeblich durchlebt worden sind — natürlich ist es nur von einem gewissen Gesichtspunkte aus eine Notwendigkeit —, daß sie leer durchlebt worden sind, damit aus einem starken inneren Freiheitstrieb der Christus-Impuls wieder gefunden werden kann, erst recht gefunden werden kann; aber die Menschen müssen aus der Selbstgefälligkeit hinweg, in der sie heute vielfach sind.
[ 35 ] Manchmal ist es nämlich mit dieser Selbstgefälligkeit sehr merkwürdig. Ein Benediktiner-Pater, Krauer, hielt in den achtziger Jahren in Wien Vorträge. Eine Stelle aus diesen Vorträgen möchte ich Ihnen lesen. Der Vortrag, von dem ich Ihnen ein ganz kleines Stückchen lesen möchte, handelt über die Stoiker. Die wichtigsten Vertreter dieser Stoiker waren: Zeno (342—270), Kleanthes, der 200 Jahre vor Christus lebte, und Chrysippos (282–209); wir sind also Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha. Was kann derjenige, der die Stoiker kennt, von diesen Stoikern sagen? Also wir sind Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha.
[ 36 ] «Um schließlich noch etwas zum Lobe der Stoa zu sagen, möge noch erwähnt sein, daß sie einen das ganze Menschengeschlecht umfassenden Völkerbund anstrebte, der allem Rassenhaß und Krieg ein Ende zu machen geeignet wäre. Es braucht wohl nicht ausdrücklich gesagt zu werden, daß die Stoa damit hoch über den oft unmenschlichen Vorurteilen ihrer Zeit und selbst der fernsten Geschlechter künftiger Zeiten stand.»
[ 37 ] Ein Völkerbund! Ich mußte diesen Vortrag wieder vornehmen, weil man die Meinung haben könnte, man hätte nicht recht gehört, wenn man jetzt den Wilson und andere Staatsmänner der Gegenwart von einem Völkerbunde reden hört — man hätte nicht recht gehört; man meinte, man hörte eine Stimme der alten Stoiker aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert! Denn die haben das alles viel besser gesagt. Sie haben es wirklich viel besser gesagt, denn hinter ihnen stand die Kraft der alten Mysterien. Sie haben es gesagt mit einer inneren Kraft, die nun geschwunden ist, und die Schale ist nur zurückgeblieben, Stufe für Stufe immer die Schale nur zurückgeblieben. Nur die Historiker, die nun nicht in dem ganz gewöhnlichen trivialen Sinn Historiker sind, die sehen sich manchmal historische Erscheinungen noch anders an.
[ 38 ] Und Knauer fährt fort — ich brauche durchaus nicht über Immanuel Kant dasjenige zurückzunehmen, was ich neulich gesagt habe, aber man kann es trotzdem doch sehr bemerkenswert finden, daß ein guter Philosoph wie der Knauer in den achtziger Jahren folgende Worte über die Stoa gesagt hat —:
[ 39 ] «Unter den neueren Philosophen hat diesen Gedanken» — er meint den Gedanken des Völkerbundes — «kein Geringerer wieder aufgegriffen und für durchführbar erklärt, als Immanuel Kant in seiner viel zu wenig beachteten Schrift «Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf.» Der zugrundeliegende Gedanke Kants ist jedenfalls ein ganz richtiger und praktischer. Er führt nämlich aus, der ewige Friede müsse dann eintreten, wenn die mächtigsten Staaten der Erde eine wahre Repräsentativ-Verfassung haben.» Ja, jetzt nennt man es Neuorientierung in einer schattenhaften Abschwächung. Bei Kant ist es ja schon sehr abgeschwächt, aber jetzt ist es noch mehr abgeschwächt, jetzt nennt man es Neuorientierung. Aber indem er Kant weiter betrachtet, findet Knauer: «In einer solchen werden die Besitzenden und Gebildeten, die durch den Krieg am meisten geschädigt werden, in der Lage sein, über Krieg und Frieden zu entscheiden. Unsere der englischen nachgebildeten Konstitutionen aber hält Kant für keine solchen Repräsentativ-Verfassungen. In ihnen herrscht zumeist nur die Parteileidenschaft und das Cliquenwesen, dem die fast nur auf arithmetisch-statistischen Grundsätzen beruhende Wahlordnung den größten Vorschub leistet. Der Angelpunkt dieser Ausführungen aber ist: «Das Völkerrecht soll auf einen Föderalismus freier Staaten gegründet sein.>»
[ 40 ] Hören wir Kant oder hören wir die Dinge von der Neuorientierung? Bei Kant ist die Sache noch viel kräftiger, noch auf viel besserem Untergrunde. Nun, was dann noch nachfolgt, das will ich schon gar nicht vorlesen, sonst könnte noch der gute alte Kant mit der Zensur in einen unliebsamen Konflikt kommen.
[ 41 ] Sehen Sie, das, was ich da auseinandergesetzt habe, das hat einen von mir auch schon öfter erwähnten Schriftsteller, Brooks Adams, in Amerika dazu geführt, als eine Art einsamer Denker den Entwickelungsgang der Menschheit zu untersuchen. Zu untersuchen, was es für eine Bedeutung hatte, wenn immer wieder und wiederum durch gewisse Völkerschaften das Altgewordene der Menschheitsentwickelung aufgefrischt worden ist, wie durch die germanischen Völker das Imperium Romanum. Jetzt schaut sich Brooks Adams um und findet viele Ähnlichkeiten mit dem Imperium Romanum; aber nirgends findet er diejenigen, die da kommen sollen, es aufzufrischen. Die Amerikaner hält er nämlich nicht dafür — er schrieb in Amerika —, und das ist auch begründet. Denn von außen wird diese Auffrischung nun nicht kommen, von innen muß sie kommen; sie muß dadurch kommen, daß der Geist belebt werde. Von den Leibern wird keine Auffrischung kommen, von den Seelen muß nun die Auffrischung kommen. Die kann aber nur kommen, wenn der Christus-Impuls in seiner Lebendigkeit erfaßt wird. Und alle blöden Redensarten, die heute so vielfach auftauchen, gelten für die Vergangenheit, nicht aber für Gegenwart und Zukunft, die blöden Redensarten, die immer wiederum sagen: Ja, das Sprichwort gilt: Die Eule der Minerva kann nur in der Dämmerung ihren Flug entfalten. — Das hat für frühere Zeiten gegolten, da konnte man sagen: Wenn die Völker alt geworden waren, dann gründeten sie die Philosophenschulen; blickten gleichsam im Geiste zurück auf dasjenige, was der Instinkt geleistet hat. — In Zukunft wird es anders werden. Denn dieser Instinkt wird nicht mehr kommen; aber der Geist selber muß wieder instinktiv werden, und aus dem Geiste selber muß die Möglichkeit des Schaffens entstehen.
[ 42 ] Damit ist ein gewichtiges Wort gesprochen. Denken Sie gerade über dieses Wort nach: Aus dem Geiste selber muß die Möglichkeit des Schaffens entstehen! Instinktiv muß die Kraft des Geistes werden! Auf den Auferstehungsgedanken kommt es an. Dasjenige, was gekreuzigt worden ist, es muß wieder auferstehen. Das wird keine Historie bewirken, sondern das kann nur das bewirken, daß wir lebendig machen in uns die wirksamen Geisteskräfte selbst.
[ 43 ] Das ist dasjenige, was ich gerade in dieser Zeit in Anknüpfung an das Mysterium von Golgatha sagen wollte.
