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Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha
GA 175

1 May 1917

Sechzehnter Vortrag

[ 1 ] Wir haben zum Teil in diesen Betrachtungen Ältestes, älteste Ereignisse der abendländischen Kulturentwickelung besprochen. Aber Sie haben gesehen, wir haben das immer getan, um aus den Gedanken, die uns aus diesen Betrachtungen über Ältestes aufsprießen können, dasjenige zu finden, was in der Gegenwart vorzustellen notwendig ist. Und in dieser Absicht werden auch des ferneren hier diese Betrachtungen von mir angestellt.

[ 2 ] Es ist eine Zeit, diese Zeit der Gegenwart, der man es ja auch schon oberflächlich ansehen kann, daß nur Gedanken in ihr Durchschlagskraft haben können, welche aus den Geheimnissen der Menschheitsentwickelung heraus genommen worden sind. Man muß allerdings dann, um die ganze Tragweite einer solchen Behauptung zu empfinden, in bezug auf manches recht klar, aber auch bis zu einem gewissen Grade tief in die Bedürfnisse und in die Mängel des gegenwärtigen Denkens, Empfindens und Wollens hineinschauen. Gerade daraus wird man dann die Notwendigkeit hervorgehend empfinden, daß unsere Gegenwart neue Einschläge, neue Gedanken, neue Ideen braucht, und zwar gerade solche Einschläge, solche Gedanken, welche aus den Tiefen des geistigen Lebens, die Gegenstand der Geisteswissenschaft sein sollen, heraus kommen.

[ 3 ] Sehen Sie, auf manches in der Gegenwart muß man wirklich mit einer gewissen Betrübnis hinsehen, wenn auch diese Betrübnis niemals etwas sein soll, was niedergeschlagen macht, sondern im Gegenteil etwas sein soll, das gerade zur Arbeit, zum Streben in der Gegenwart geeignet und reif machen kann. In diesen Wochen ist ein Buch erschienen, und, ich möchte sagen, als mir dieses Buch in die Hand kam, hatte ich das Gefühl, daß ich mich am allerliebsten über dieses Buch freuen möchte, recht freuen möchte. Denn es ist geschrieben von einem Mann, der zu den, man darf sagen, wenigen gehört, die interessiert werden konnten für unsere geisteswissenschaftlichen Bestrebungen, und bei dem man wünschen möchte, daß er in sein eigenes geistiges Schaffen einfließen lassen könnte dasjenige, was aus den geisteswissenschaftlichen Bestrebungen heraus kommt. Ich meine das Buch: «Der Staat als Lebensform» von Rudolf Kjellén, dem schwedischen Nationalökonomen und Staatsforscher. Als ich das Buch gelesen hatte, kann ich sagen, empfand ich Wehmut, weil ich gerade an einem Geiste, der, wie gesagt, interessiert werden konnte für die geisteswissenschaftlichen Bestrebungen, sehen konnte, wie weit entfernt seine Gedanken noch sind von denjenigen Gedanken, die der Gegenwart vor allen Dingen not tun würden, die in der Gegenwart vor allen Dingen Gestalt gewinnen müssen, damit sie einschlagen können in den Entwickelungsgang dieser Gegenwart. Kjellén versucht den Staat zu studieren, und man bekommt das Gefühl, daß er nirgends über Vorstellungen, über Ideen verfügt, welche ihn in die Lage versetzen, nun wirklich auch nur im allerentferntesten seine Aufgabe zu lösen, ja, der Lösung dieser Aufgabe auch nur irgendwie nahezukommen. Es ist schon ein betrübendes Gefühl das ja, wie gesagt, nicht niedergeschlagen machen darf, sondern im Gegenteil die Kräfte stählen soll, wenn man sich in Wahrheit der Zeit gegenüberstellen muß -, es ist ein betrübendes Gefühl, gewissermaßen immer wieder und wiederum solche Entdeckungen machen zu müssen.

[ 4 ] Bevor ich nun aber einiges gerade über diese Erscheinungen sage, möchte ich Ihren Blick wiederum zunächst auf Ältestes lenken, auf dasjenige Älteste, das ja, wie Sie sich leicht vorstellen können aus den Angaben, die ich Ihnen letzthin über das zerstörende Element in der christlichen Kulturentwickelung geltend gemacht habe, für die äußere Geschichte nur sehr getrübt sich der Gegenwart zeigen kann, das daher um so mehr durch die Geisteswissenschaft zum Verständnis der Gegenwart gebracht werden muß. Ich habe ja das letzte Mal erwähnt, mit welch ungeheurer Wut das sich in den ersten Jahrhunderten ausbreitende Christentum die alten Kunstdenkmäler zerstört hat, gewissermaßen wieviel dieses sich ausbreitende Christentum wegrasiert hat von dem Erdendasein. Man kann, glaube ich, nicht unbefangen sich heute dem Christentum gegenüberstellen, wenn man nicht auch diese andere Seite der Sache in voller Objektivität anzuschauen vermag. Allein betrachten Sie im Zusammenhang damit etwas anderes noch, betrachten Sie die Tatsache, daß Sie ja heute aus den verschiedenen Büchern, die es über diesen Gegenstand gibt, ein Bild bekommen. Jeder Mensch, der nur einige Schulbildung hat, bekommt ein Bild von der geistigen Entwickelung des Altertums, von der geistigen Entwickelung, die dem Christentum vorausgegangen ist. Aber denken Sie einmal nach, wie anders dieses Bild wäre, das heute jeder Mensch bekommt, wenn der Erzbischof Theophilos von Alexandrien im Jahre 391 nicht siebenmal hunderttausend Rollen verbrannt hätte mit den allerwichtigsten Kulturdokumenten über römische, über ägyptische, über indische, über griechische Literatur und deren Geistesleben! Also stellen Sie sich nur einmal vor, was anders heute in den Büchern stehen würde, wenn diese siebenhunderttausend Rollen im Jahre 391 nicht verbrannt worden wären! Und daraus werden Sie doch sich ein Bild machen können, was eigentlich Geschichte der Vergangenheit, wenn sie sich nur auf Dokumente stützt, ist, beziehungsweise was sie nicht ist.

[ 5 ] Nun, fußen wir auf den Gedankengängen, die ich das letztemal hier angeschlagen habe. Seien wir uns klar darüber, daß in vieler Beziehung gerade das Kultusleben des Christentums, wie wir gesehen haben, seine Anregungen, seine Impulse empfangen hat aus den alten Mysteriensymbolen, Mysterienkulten; daß es aber auf der anderen Seite dafür gesorgt hat, daß diese Mysterienkulte, diese Mysteriensymbole in ihrer Gestaltung gründlich ausgerottet worden sind für die äußere Forschung. Das Christentum hat gewissermaßen Tabula rasa gemacht, damit man nicht wissen könne, was vorausgegangen ist, damit man sich nur hingebe demjenigen, was dieses Christentum selbst bietet. Ja, so geht eben der Gang der menschheitlichen Entwickelung; und man muß sich, ohne von pessimistischen Anwandlungen gepeinigt zu sein, darauf einlassen, nicht anzuerkennen, daß der Gang der menschheitlichen Entwickelung so ein gerader Fortschritt sei.

[ 6 ] Ich habe schon das letztemal darauf aufmerksam gemacht, daß vieles, was in die Kulte eingeflossen ist, zurückführt auf der einen Seite auf die Eleusinien, die aber in ihrer Entwickelung abgebrochen worden sind, weil, wie wir gesehen haben, Julian der Apostat nicht zu seinem Rechte, nicht zur Ausbildung seiner Absicht gekommen ist; aber noch mehr ist in dasjenige, was in der folgenden Zeit dann spielte, eingeflossen von den Mithras-Mysterien. Aber gerade dasjenige, was der Geist der Mithras-Mysterien war, was ihnen ihre Berechtigung gab, woraus sie ihren eigentlichen Inhalt, ihren geistigen Inhalt schöpften, das ist für die äußere Forschung deshalb verlorengegangen, weil man eben die Spuren zu verwischen wußte. Das kann also in seiner wahren Gestalt nur wiederum gefunden werden, wenn man aus der geisteswissenschaftlichen Forschung versucht, Vorstellungen über die entsprechenden Dinge zu gewinnen. Ich will heute nur eine Seite gerade der Mithras-Mysterien Ihnen vor die Seele führen. Es wäre natürlich viel, viel mehr und weiteres zu sagen über diese Mithras-Mysterien, als ich heute sagen kann, aber man muß ja die Dinge kennenlernen dadurch, daß man sich nach und nach mit ihren Einzelheiten bekannt macht.

[ 7 ] Wenn man die Mithras-Mysterien, die auch noch in den ersten Jahrhunderten der Ausbreitung des Christentums bis tief selbst nach Westeuropa hinein eine große Rolle spielten, in ihrem eigentlichen Geiste begreifen will, dann muß man wissen, daß sie aufgebaut waren ganz auf der Grundanschauung, welche berechtigt war in der alten Welt; bis zum Mysterium von Golgatha völlig berechtigt war in dieser alten Welt. Sie bauten auf, diese Mithras-Mysterien, auf der Grundanschauung, daß die menschliche Gemeinschaft, oder daß die einzelnen menschlichen Gemeinschaften, zum Beispiel Völkergemeinschaften oder andere Gemeinschaften innerhalb der Völkergemeinschaften, nicht bloß aus den einzelnen Atomen, die man Menschen nennen kann, bestehen, sondern daß in den Gemeinschaften ein Gruppengeist, ein Gemeinsamkeitsgeist, der aber übersinnliches Dasein hat, lebt und leben muß, wenn die Dinge überhaupt in der Realität wurzeln sollen. Eine Gemeinschaft aus so und so vielen Köpfen war nicht bloß die Zahl, welche diese Köpfe angab, sondern eine Gemeinschaft drückte aus für diese alten Leute die äußere Ausgestaltung, ich möchte sagen die Inkarnation, wenn ich den Ausdruck dabei gebrauchen darf, für den wirklich vorhandenen gemeinsamen Geist. Und leben mit diesem Geiste, mitmachen die Gedanken dieses Gruppengeistes, das war die Absicht derjenigen, die in diese Mysterien aufgenommen wurden. Nicht vereinzelter Mensch bleiben draußen mit seinen eigenen eigensinnigen, egoistischen Gedanken und Empfindungen und Willensimpulsen, sondern so leben, daß die Gedanken des Gruppengeistes in einen hineinspielen, das war die Absicht. Und gerade in den Mithras-Mysterien sagte man sich: Erreicht werden kann das nicht, wenn man eine menschliche größere Gemeinschaft nur ansieht als dasjenige, was gegenwärtig da ist. Durch das, was gegenwärtig da ist, wird eigentlich im wesentlichen dasjenige getrübt, was im Gemeinsamkeitsgeiste lebt. Zu dem Gegenwärtigen — sagte man sich — gehören die Verstorbenen hinzu, und man lebt um so besser, um so richtiger in der Gegenwart, je mehr man auch mit denen leben kann, welche längst verstorben sind. Ja, je länger die Betreffenden verstorben waren, desto besser fand man es, mit ihrem Geiste zu leben. Am besten fand man es, mit dem Geiste des Urvaters eines Stammes, einer Volksgemeinschaft, eines Geschlechtes leben zu können, indem man sich mit seiner Seele in Verbindung setzte. Denn man setzte voraus von seiner Seele, daß sie ja ihre Weiterentwickelung erlangt, wenn sie durch die Pforte des Todes geschritten ist, und daß sie Besseres weiß über das, was hier auf der Erde zu geschehen hat, als diejenigen, die unmittelbar auf dieser Erde im gegenwärtigen Leibe leben. So war alles Bestreben in diesen Mysterien, solche Verrichtungen, solche Kulte anzustellen, die den Zögling in Verbindung bringen konnten mit den Geistern, die mehr oder weniger lange, ja sehr lange durch des Todes Pforte gegangen waren.

[ 8 ] Eine erste Stufe, die durchzumachen hatten diejenigen, die zu diesen Mysterien zugezogen waren, bezeichnete man gewöhnlich mit einem Ausdruck, der aus dem Vogelgeschlecht entnommen war: die «Raben» sagte man zum Beispiel. Ein Rabe war ein, sagen wir, im ersten Grade Eingeweihter. Dasjenige, was man in ihm durch die besonderen Mysterienkulte, durch stark wirkende Symbole und namentlich durch künstlerisch-dramatische Veranstaltungen erreichte, bestand darin, daß der Betreffende nun wissen lernte nicht nur, was man durch seine Augen sieht in der Umgebung, oder was man von den gegenwärtigen Menschen erfährt, sondern was die Toten denken. Er bekam gewissermaßen eine Art Erinnerungsvermögen an die Toten und die Fähigkeit, dieses Erinnerungsvermögen auszubilden. Ein solcher Rabe hatte eine Pflicht. Es wurde ihm streng zur Pflicht gemacht, nicht zu schlafen, indem er in der Gegenwart lebte, sondern die Gegenwart mit offenen, klaren Augen zu betrachten, sich bekanntzumachen mit den menschlichen Bedürfnissen, sich bekanntzumachen mit den Naturerscheinungen. Jemand, der das Dasein verschläft, der keinen Sinn hat für das, was im Menschen und in der Natur lebt, den betrachtete man als nicht geeignet, in die Mysterien aufgenommen zu werden. Denn nur eine richtige Beobachtung im Leben draußen machte ihn geeignet zu der Aufgabe, die er in den Mysterien zu erfüllen hatte. Die Aufgabe bestand darin, daß er so viel als möglich versuchte, in die verschiedenen Lebenslagen der äußeren Welt hineinzukommen, um recht, recht viel zu erleben, recht viel mitzuleiden und sich mitzufreuen mit den Ereignissen, mit den Vorgängen der Gegenwart. Einen Stumpfling gegenüber den Ereignissen der Gegenwart konnte man nicht brauchen. Denn das, was er innerhalb des Mysteriums zunächst zu leisten hatte, bestand darin, daß er die Erfahrungen, die er draußen machte, in den Mysterien reproduzierte, in den Mysterien vorbrachte. Dadurch, daß er also diese Erfahrungen in den Mysterien vorbrachte, wurden sie zu Mitteilungen für die Verstorbenen, für diejenigen, deren Rat man suchte. Sie könnten nun fragen: Wäre dazu nicht ein höher Graduierter noch geeigneter? Nein, gerade die Erstgraduierten waren dazu besonders geeignet, aus dem Grunde, weil die Erstgraduierten doch alle Empfindungen, alle Sympathien und Antipathien hatten, mit denen sich so recht hineinleben läßt in die äußere Welt, während die höher Graduierten sie mehr oder weniger abgestreift hatten. Daher waren sie besonders geeignet, diese Erstgraduierten, das Leben der Gegenwart so zu erleben, wie es eben ein gewöhnlicher Mensch erlebt, und es hineinzutragen in die Mysterien. Das war also ihre besondere Aufgabe, daß die Raben die Vermittelung zwischen der Außenwelt und den längst Verstorbenen übernahmen. Das hat sich ja in der Sage forterhalten. Sagen beruhen ja in der Regel, wie öfter auseinandergesetzt, auf tiefen Grundlagen. Und wenn die Sage behauptet, daß Friedrich Barbarossa, der längst Verstorbene, in seinem Berge von Raben unterrichtet wird, oder daß Karl der Große im Salzburger Untersberg unterrichtet wird von Raben, um ihm zu übermitteln dasjenige, was draußen vorgeht, so sind das Nachklänge an die alten Mysterien, gerade an die Mithras-Mysterien.

[ 9 ] War dann einer reif für den zweiten Grad, dann wurde er im eigentlichen Sinne ein «Okkulter»; Geheimschüler, Okkultist, so würden wir es heute nennen, wurde er dann. Dadurch wurde er dann fähig, nicht nur das Äußerliche in die Mysterien hineinzutragen, sondern auch nun zu hören - auf die Weise, wie man eben die Mitteilungen empfing von den Verstorbenen -, zu hören die Mitteilungen von seiten der Verstorbenen —, über gewissermaßen die Impulse, welche die übersinnliche Welt, diese konkrete übersinnliche Welt, in der die Verstorbenen sind, für die Außenwelt zu geben hatte. Und erst, wenn er dadurch gewissermaßen eingegliedert war in das ganze geistige Leben, das vom Übersinnlichen her mit dem Äußeren, Sinnlichen in Zusammenhang steht, dann wurde er für den dritten Grad reif befunden, und es war ihm die Möglichkeit gegeben, in der äußeren Welt nun auch anzuwenden dasjenige, was er an Impulsen in den Mysterien drinnen erhalten hatte. Er wurde nun ausersehen, gewissermaßen ein »Kämpfer» zu werden für dasjenige, was aus der übersinnlichen Welt für die sinnliche geoffenbart werden muß,

[ 10 ] Sie könnten nun fragen: Ja, war es nicht eine tiefe Ungerechtigkeit, die ganze Masse des Volkes gewissermaßen in Unwissenheit zu lassen über die wichtigsten Dinge und nur Einzelne einzuweihen? — Darüber aber, was da dahinter liegt, gewinnen Sie nur ein richtiges Verständnis, wenn Sie eben das voraussetzen, was ich von vorneherein gesagt habe, daß man mit einem Gruppengeist, mit einer Gruppenseele rechnete. Es genügte eben, wenn die Einzelnen für die ganze Gruppe der Menschen wirkten. Man fühlte sich nicht als Einzelner, sondern man fühlte sich als Glied der Gruppe. Deshalb war es nur möglich, so zu handeln in der Zeit, in der die Gruppenbeseelung, das unegoistische Sich-Drinnenfühlen in der Gruppe ganz lebendig war.

[ 11 ] Und dann, wenn man eine Zeitlang also gewissermaßen ein Kämpfer war für die übersinnliche Welt, dann wurde man für geeignet befunden, innerhalb der großen Gruppe kleinere Gruppen selber zu begründen, kleinere Gemeinschaften, wie sie sich ja als notwendig ergeben innerhalb großer Gruppen. Man gab in jenen alten Zeiten nichts darauf, wenn irgendeiner einfach aufgestanden wäre und wie heute einen Verein hätte begründen wollen. Solch ein Verein wäre nichts gewesen. Um eine solche Vereinigung, einen solchen Verein zu begründen, mußte man in den Mithras-Mysterien, wie man sagte, ein «Löwe» sein, denn das war der vierte Grad der Einweihung. Man mußte in sich selbst befestigt haben das Leben in den übersinnlichen Welten durch den Zusammenhang mit jenen Impulsen, welche nicht nur unter den Lebenden waren, sondern welche die Lebenden mit den Toten verbanden.

[ 12 ] Von diesem vierten Grad stieg man dann auf dazu, eine schon vorhandene Gruppe, der auch die Toten angehörten, eine Volksgemeinschaft führen zu dürfen durch irgendwelche Maßnahmen. Wenn man ins achte, neunte, zehnte Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha zurückgeht, so sind das ganz andere Zeiten als heute. Da wäre es niemandem eingefallen zu beanspruchen, daß man wählen solle denjenigen, der irgend etwas zu tun hat, sondern da mußte derjenige, der irgend etwas mit der Gemeinschaft zu tun hatte, eben eingeweiht sein bis zum fünften Grad. Und dann ging es weiter bis zu jenen Erkenntnissen, welche das ja neulich angedeutete Sonnen-Mysterium selber in die menschliche Seele hineinlegte; und dann bis zum siebenten Grad. Diese brauche ich nicht weiter auszuführen, denn ich möchte ja nur den Charakter des Entwickelungsganges eines solchen Menschen anführen, welcher sich aus der geistigen Welt heraus die Fähigkeit erwerben sollte, draußen in der Gemeinschaft zu wirken.

[ 13 ] Nun wissen Sie aber, daß es in der selbstverständlich notwendigen Entwickelung des Menschengeschlechtes liegt, daß die Gruppenseelenhaftigkeit allmählich zurückgetreten ist. Das ist es ja, was wesentlich gleichzeitig mit der Tatsache des Mysteriums von Golgatha war: daß die Menschenseelen von ihrem Ich bewußt ergriffen worden sind. Das hat sich vorbereitet jahrhundertelang, aber zur Zeit des Mysteriums von Golgatha war ein Höhepunkt, eine Krisis auf diesem Gebiete. Man konnte nicht mehr die Voraussetzung machen, daß gewissermaßen der Einzelne die Kraft habe, die ganze Gemeinschaft wirklich mit sich zu reißen, seine Empfindungen, seine Impulse unegoistisch auf die ganze Gemeinschaft zu übertragen.

[ 14 ] Es wäre töricht, zu glauben, daß die Geschichte hätte anders verlaufen sollen, als sie verlaufen ist. Aber manchmal kann man durch einen solchen Gedanken befruchtet werden wie den, was doch geschehen wäre, wenn nun in der Zeit, in der das Christentum anfing, seine Aufgabe in die Menschheitsentwickelung einzuführen, nicht alles mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden wäre, sondern wenn geschichtlich ein gewisses Wissen, das auch für diejenigen durchsichtig wäre, die nur an Dokumente glauben, in die Nachwelt herein sich fortgepflanzt hätte. Aber das wollte das Christentum nicht. Wir werden über die Gründe, warum es das nicht wollte, noch sprechen; aber heute wollen wir uns zunächst nur mit dieser Tatsache bekannt machen, daß dies das Christentum nicht wollte. Es stand ja auch dieses Christentum einer ganz anderen Menschheit gegenüber, einer Menschheit, welche nicht mehr so, wie die Menschheit früher, zu den alten Gruppengeistern stand; eine Menschheit, bei der man sich dem Einzelnen gegenüber in ganz anderer Weise zu stellen hat als in alten Zeiten, wo man den Einzelnen gar nicht besonders berücksichtigte, sondern zum Gruppengeist sich wendete und vom Gruppengeiste aus wirkte. Jedenfalls hat das Christentum dadurch, daß es gewissermaßen für die äußere Welt alles Dokumentarische dieser alten Zeit ausgelöscht hat, eine gewisse Dunkelheit gelassen, Dunkelheit sogar geschaffen, für dasjenige Zeitalter, in das zunächst die Entwickelung des Christentums hineinfiel. Das Christentum hat dasjenige, was es hat brauchen können, in seine Traditionen, in seine Dogmen, aber namentlich in seinen Kult hineingenommen, und dann den Ursprung dieser Kulte verwischt. In den Kulten liegt ungeheuer viel drinnen; aber alles ist umgedeutet worden, alles ist anders aufgefaßt worden. Die Dinge waren da, die Dinge traten den Leuten noch vor Augen, aber die Leute sollten nicht wissen, an welche Urweisheit die Dinge anknüpfen.

[ 15 ] Denken Sie an eine solche Tatsache: Man kennt die Bischofsmütze, die Bischofsmütze aus dem achten Jahrhundert. Diese Bischofsmütze aus dem achten Jahrhundert hat lauter Zeichen; aber alle diese Zeichen sind eigentlich gleich, nur verschieden angeordnet, und alle diese Zeichen sind Swastiken. Die Swastika ist in mannigfaltiger Anordnung auf dieser Bischofsmütze. Dieses uralte Henkelkreuz in vielfacher Gestaltung auf der Bischofsmütze! Die Swastika führt uns zurück in die Urzeiten der Mysterien, führt zurück auf alte Zeiten, in denen man beobachten konnte, wie im menschlichen ätherischen und astralischen Organismus die Lotosblumen wirken; wie überhaupt dasjenige, was in den sogenannten Lotosblumen lebt, zu den Grunderscheinungen des Ätherischen und Astralischen gehört. Aber es war ein totes Zeichen geworden. Der Bischof trug es als Zeichen seiner Macht. Es war ein totes Zeichen geworden, man hatte den Ursprung verwischt. Und was man heute in der Kulturgeschichte über den Ursprung solcher Dinge mitteilt, das ist auch noch nichts Lebendiges, wahrhaftig nichts Lebendiges. Erst durch die Geisteswissenschaft kann man wiederum das Lebendige für diese Dinge ins geistige Auge fassen.

[ 16 ] Nun sagte ich: Gewissermaßen Dunkelheit wurde geschaffen. Aber aus dieser Dunkelheit muß wieder aufgetaucht werden. Und ich denke, ich habe im Laufe der Zeit schon mannigfaltig und genug gesagt, um verständlich zu machen, daß in unserer Zeit es ganz besonders notwendig ist, Ohren zu haben für diese Dinge, um zu hören, und Augen für diese Dinge zu haben, um zu sehen. Denn unsere Zeit ist eine Zeit, in welcher die notwendige Dunkelheit ihr Genügendes geleistet hat, und in welcher das Licht wiederum einschlagen muß, das Licht des geistigen Lebens. Zunächst möchte man wünschen, daß recht viele Seelen, recht viele Herzen, im allerernstesten, im aller-allerernstesten Sinne fühlen würden, daß dies unserer Zeit notwendig ist, und daß dasjenige, was unserer Zeit abgeht, was in unserer Zeit unendliches Leid hervorruft, mit all diesen Dingen zusammenhängt. Es wird sich schon zeigen, daß es nicht genügt, die Dinge nur an der Oberfläche zu betrachten; daß es nicht genügt, über die Ursachen des heutigen Geschehens nur von den Dingen aus zu sprechen, die an der Oberfläche liegen. Denn solange man nur sprechen wird von Dingen aus, die an der Oberfläche liegen, so lange wird man nicht Gedanken finden, wird man nicht Impulse haben können, die die Durchschlagskraft haben, um aus der Dunkelheit, die doch die Veranlassung zu allem anderen ist, was heute geschieht, herauszukommen.

[ 17 ] Es ist ja merkwürdig, wie in unserer Zeit die Menschen — aber das braucht wiederum nicht niedergeschlagen zu machen, einen auch nicht zum Kritiker zu machen, sondern bloß zum notwendigen Beobachter und Ausleger dessen, was heute geschieht -, es ist merkwürdig, wie in unserer Zeit die Menschen doch nicht heranwollen, weil sie meistens noch nicht herankönnen an dasjenige, was eigentlich not tut zu sehen, zu schauen in der Entwickelung. Ich möchte sagen, herzzerbrechend ist es ja gerade zu sehen, wie ein Geist, der bis zur schlimmsten Erkrankung stark an den Wirrnissen und Verwirrungen der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gelitten hat, wie der empfunden hat über dasjenige, was in der Finsternis, in der Wirrnis der Zeit lebt. Man wird mit einem solchen Geiste, wie Friedrich Nietzsche war, nicht fertig, wenn man auf der einen Seite ihn bloß enthusiastisch für jemanden hält, dem man nachläuft, wie es so viele gemacht haben. Denn solchen Nachläufern hielt er seinen eigenen Ausspruch entgegen:

Ich wohne in meinem eignen Haus,
Hab niemandem nie nichts nachgemacht,
Und - lachte noch jeden Meister aus,
Der nicht sich selber ausgelacht.

[ 18 ] Das ist auch die Grundstimmung des ganzen «Zarathustra» Nietzsches. Aber das hat nicht gehindert, daß es doch viele bloße Nachläufer gegeben hat. Das ist das eine Extrem. Dieses eine Extrem ist jedenfalls nicht dasjenige, was fruchtbar ist für die Gegenwart. Aber auch das andere Extrem ist sicher nicht fruchtbar, das darin etwa bestehen könnte — zwischen diesen beiden Extremen liegen ja alle möglichen anderen Stimmungen -, daß man sagt: Ja, er hat ja manches recht Geniale gesagt; aber er ist schließlich ein Narr geworden, närrisch geworden, und man braucht nichts auf ihn zu geben. - Er ist schon eine eigentümliche Erscheinung, dieser Friedrich Nietzsche, dem man sich gewiß nicht einfach zu ergeben braucht, aber der selbst noch in den Jahren seiner Erkrankung mit feiner Sensitivität empfunden hat, was in der Gegenwart für Dunkelheit und Wirrnis vorhanden ist. Und man möchte sagen, daß insbesondere für die gegenwärtigen Tage man sich vielleicht einen ganz guten Hintergrund der Betrachtung schaffen könnte dadurch, daß man einiges von den Mitteilungen über das Leid, das ihm aus dieser Gegenwart wurde, von Nietzsche entgegennimmt. Ich will Ihnen zwei Stellen aus Nietzsches nachgelassenen Schriften: «Versuch einer Umwertung aller Werte» lesen, die damals geschrieben wurden von einem kranken Geiste, die aber vielleicht auch geschrieben werden könnten in ganz anderer Absicht, als sie Nietzsche geschrieben hat, unmittelbar heute, und geschrieben werden könnten so, daß man gerade damit tiefere Ursachen der Gegenwartswirkungen ausdrücken wollte. Da sagt Nietzsche:

[ 19 ] «Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die Notwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsere ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: einem Strom ähnlich, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.»

[ 20 ] Ermessen Sie mancherlei, was Sie in der Gegenwart empfinden können, an diesen Worten eines sensitiven Menschen, die am Ende der achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts niedergeschrieben sind, halten Sie sie zusammen mit einer anderen Stelle, die ich Ihnen vorlesen will, und die einem wirklich lebendig machen kann Tiefstes, das jeder von uns selber erleben könnte.

[ 21 ] «Meine Freunde, wir haben es hart gehabt, als wir jung waren: wir haben an der Jugend selber gelitten wie an einer schweren Krankheit. Das macht die Zeit, in die wir geworfen sind - die Zeit eines großen inneren Verfalles und Auseinanderfalles, welche mit allen ihren Schwächen und noch mit ihrer besten Stärke dem Geiste der Jugend entgegenwirkt. Das Auseinanderfallen, also die Ungewißheit, ist dieser Zeit eigen: nichts steht auf festen Füßen und hartem Glauben an sich: man lebt für morgen, denn das Übermorgen ist zweifelhaft. Es ist alles glatt und gefährlich auf unserer Bahn, und dabei ist das Eis, das uns noch trägt, so dünn geworden: wir fühlen alle den warmen unheimlichen Atem des Tauwindes - wo wir noch gehen, da wird bald niemand mehr gehen können!»

[ 22 ] Man kann durchaus nicht sagen, daß diese Dinge nicht tief aus der Wirklichkeit der Gegenwart heraus empfunden sind. Wer diese Gegenwart verstehen will, und namentlich das verstehen will, was der Einzelne sich als Aufgabe setzen kann, wer nur über den Alltag hinaus denken will, der wird eben ähnlich empfinden, wie es in diesen Stellen ausgedrückt ist, und er wird dann vielleicht sagen: Der Nietzsche war zwar verhindert, als schon Krankheit seinen Geist umnachtete, sich so recht kritisch zu stellen zu dem, was ihm aufstieg an Ideen; aber was ihm aufstieg an Ideen, war wirklich oftmals fein aus der unmittelbaren Wirklichkeit der Gegenwart heraus empfunden. Vielleicht wird man einmal vergleichen mit solcher Empfindung der Gegenwart alles dasjenige, was sonst uns entgegentritt aus den «erleuchteten Köpfen», was nicht einmal das alleroberste Wellenkräuseln der Ursachen, die der heutigen schweren Zeit zugrunde liegen, berührt. Dann wird man andere Ansichten bekommen über die Notwendigkeit, Geisteswissenschaft gerade in unserer Zeit zu hören. Denn daß man sie gerne hört heute, das ist nicht der Fall. Und indem ich davon spreche, wie wenig man sie gerne hört, diese Geisteswissenschaft, will ich nichts Tadelndes aussprechen. Wie gesagt, ich bin ganz weit entfernt, den einen oder anderen zu tadeln. Diejenigen, von denen ich spreche, sind zumeist solche Leute, die ich gerade außerordentlich schätze, und bei denen ich am allerehesten glauben würde, daß sie zugänglich sein könnten für die Geisteswissenschaft. Nur das will ich begreiflich machen, wie schwierig es dem Einzelnen wird, seine Seele dieser Geisteswissenschaft zugänglich zu machen, wenn er ganz drinnensteckt in dem, was man eben in seiner Seele erreichen kann, wenn man sich so ganz dem Strom der Gegenwart, diesem oberflächlichen Strom der Gegenwart auf allen Gebieten überläßt. Das muß man so recht fühlen.

[ 23 ] Und jetzt bin ich so weit, daß ich mit ein paar Worten zurückkommen kann auf Kjelléns Buch über den «Staat als Lebensform». Dieses Buch ist ganz merkwürdig; schon aus dem Grunde merkwürdig, weil sein Verfasser wirklich mit allen Fasern seiner Seele danach strebt, sich klar zu werden: Was ist denn das eigentlich, der Staat? — und weil er nun gar kein Vertrauen hat zum menschlichen Vorstellungs- und Ideenvermögen, um irgend etwas auszumachen über die Frage, über das Problem: Was ist denn das eigentlich, der Staat? - Gewiß, er sagt allerlei schöne Dinge, die, wie ich gesehen habe, von den Kritikern der Gegenwart durchaus bewundert werden; er sagt allerlei schöne Dinge, aber dasjenige, was gewußt werden muß, zum Heil der Menschheit gewußt werden muß, das ahnt er gar nicht einmal. Sehen Sie, ich kann Ihnen nur einen hauptsächlichsten Gesichtspunkt anführen. Zunächst einmal frägt sich dieser Kjellén: Ja, wie ist das Verhältnis des einzelnen Menschen zum Staat? — Und indem er sich eine Idee, eine Vorstellung über diese Frage bilden will, da kommt ihm sogleich etwas in die Quere. Er will ja den Staat als etwas Reales, als etwas Ganzes vorstellen, als etwas, man möchte sagen, das etwas Lebendiges ist; also sagen wir als einen Organismus, zunächst als einen Organismus. Manche haben schon den Staat als einen Organismus vorgestellt, dann tappen sie immer herum um die Frage, die dann sogleich auftaucht: Ja, ein Organismus besteht aus Zellen; was sind nun die Zellen dieses Staates? Das sind die einzelnen Menschen! — Und so ungefähr denkt auch Kjellén: Der Staat ist ein Organismus, so wie der menschliche Organismus oder der tierische Organismus ein Organismus ist, und wie der menschliche Organismus nun aus einzelnen Zellen besteht, so eben der Staat auch aus einzelnen Zellen, aus Menschen; die sind seine Zellen.

[ 24 ] Man kann keine verkehrtere, keine schlimmere, keine irreführendere Analogie überhaupt aufstellen! Denn wenn man auf diese Analogie einen Gedankengang aufbaut, dann kann der Mensch niemals zu seinem Rechte kommen. Niemals! Denn warum? Sehen Sie, die Zellen, die im menschlichen Organismus sind, grenzen aneinander, und gerade in diesem Aneinandergrenzen liegt etwas Besonderes. Die ganze Organisation des menschlichen Organismus hängt mit diesem Aneinandergrenzen zusammen. Die Menschen im Staate grenzen nicht so aneinander wie die einzelnen Zellen. Es ist gar keine Rede davon. Die menschliche Persönlichkeit ist weit davon entfernt, im Ganzen des Staates so etwas zu sein, wie die Zellen im Organismus. Und wenn man zur Not den Staat mit einem Organismus vergleicht, so muß man sich klar sein darüber, daß man ganz gewiß ganz furchtbar danebenhaut, mit aller Staatswissenschaft furchtbar danebenhaut, wenn man übersieht, daß der einzelne Mensch keine Zelle ist, sondern das nur ist, was den Staat tragen kann, das Produktive selber ist, während die Zellen zusammen den Organismus bilden und in ihrer Gesamtheit dasjenige ausmachen, worauf es ankommt. Deshalb kann der heutige Staat, wo der Gruppengeist nicht mehr so ist wie in alten Zeiten, niemals so sein, daß das, was ihn vorwärtsbringt, von etwas anderem getragen wird als vom einzelnen menschlichen Individuum. Das ist aber niemals zu vergleichen mit der Aufgabe der Zellen. In der Regel ist es gleichgültig, womit man irgend etwas vergleicht, man muß nur, wenn man Paare von Vergleichungen heranzieht, richtig vergleichen; Vergleiche werden in der Regel irgendwie Geltung haben, nur dürfen sie nicht so weit gehen, wie der Vergleich des Kjellén. Er kann ganz gut den Staat mit einem Organismus vergleichen, er könnte ihn auch vergleichen mit einer Maschine, das wird auch nichts schaden, oder meinetwegen mit einem Taschenmesser — es lassen sich da auch noch Berührungspunkte finden -, es muß nur, wenn man dann den Vergleich durchführt, die Sache richtig gemacht werden. Aber bis zu diesem Grade kennen die Leute gar nicht das Grundgefüge des Denkens, daß sie so etwas einsehen könnten.

[ 25 ] Also lassen wir ihm das Recht, den Staat mit einem Organismus zu vergleichen. Dann muß er nur die richtigen Zellen suchen; und dann können die richtigen Zellen, wenn man nun wirklich den Staat mit einem Örganismus vergleichen will, nicht gefunden werden. Er hat ganz einfach keine Zellen! Geht man mit wirklichkeitsgemäßem Denken an die Sache heran, so läßt sich der Gedanke einfach nicht durchführen. Ich will Ihnen nur klarmachen, begreiflich machen, daß man nur, wenn man abstrakt denkt, wie Kjellén, man jenen Gedanken durchführen kann; sobald man aber wirklichkeitsgemäß denkt, so stößt man an, weil der Gedanke nicht in der Wirklichkeit wurzelt. Man findet die Zellen nicht; es gibt keine Zellen. Dagegen findet man etwas anderes, etwas ganz anderes. Man findet, daß die einzelnen Staaten sich mit Zellen etwa vergleichen lassen; und das, was die Staaten zusammen auf der Erde ausmachen, das läßt sich dann mit einem Organismus vergleichen. Dann kommt man auf einen fruchtbaren Gedanken; nur muß man sich erst die Frage vorlegen: Was ist das für ein Organismus? Wo kann man etwas Gleichartiges draußen in der Natur finden, wo die Zellen in ähnlicher Weise ineinanderwirken, wie die einzelnen Staatzellen zum ganzen Erdenorganismus? — Und da findet man, wenn man weitergeht, daß man nur vergleichen kann die ganze Erde mit einem PflanzenOrganismus, nicht mit einem tierischen, geschweige denn mit einem Menschen-Organiismus — nur mit einem Pflanzen-Organismus. Während das, was wir in der äußeren Wissenschaft haben, sich mit Unorganischem, mit dem Mineralreich beschäftigt, muß man hinaufdenken ins Pflanzenreich, wenn man Staatswissenschaft begründen will.

[ 26 ] Man braucht nicht bis zum Tierischen zu gehen, geschweige denn bis zum Menschlichen, aber man muß wenigstens sich frei machen von dem bloß mineralischen Denken. Aber bei solchen Denkern bleibt es dabei; sie machen sich nicht frei vom bloß mineralischen Denken, von dem wissenschaftlichen Denken. Sie denken nicht hinauf bis ins Pflanzenreich, sondern wenden nun die Gesetze, die sie im Mineralreich gefunden haben, auf den Staat an und nennen das Staatswissenschaft.

[ 27 ] Ja, aber sehen Sie, um einen solchen fruchtbaren Gedanken zu finden, muß man eben mit seinem ganzen Denken in der Geisteswissenschaft wurzeln. Dann wird man aber auch dazu kommen, sich zu sagen, also ragt der Mensch mit seinem ganzen Wesen als eine Individualität über den Staat hinaus; er ragt ja hinein in die geistige Welt, in die der Staat nicht hineinragen kann. Wenn Sie also vergleichen wollen den Staat mit einem Organismus und den einzelnen Menschen mit den Zellen, dann würden Sie, wenn Sie wirklichkeitsgemäß denken, zu einem merkwürdigen Organismus kommen, zu einem solchen Organismus, der aus einzelnen Zellen bestünde, aber die Zellen würden überall über die Haut hinauswachsen. Sie würden einen Organismus haben, der über die Haut vorsteht; die Zellen würden sich ganz draußen für sich entfalten, unabhängig vom äußeren Leben. Sie müßten also überall den Organismus sich so vorstellen, wie wenn lebendige Borsten, die sich als Individualitäten fühlen, über die Haut hinauswachsen würden. Sie sehen, wie lebendiges Denken Sie in die Wirklichkeit hineinführt, wie es einem die Unmöglichkeiten zeigt an denen man straucheln muß, wenn man irgendeine Idee, die fruchtbar sein soll, fassen will. Kein Wunder also, daß solche, von der Geisteswissenschaft nicht befruchtete Ideen gar keine Tragkraft haben, um die Wirklichkeit zu organisieren. Wie soll man denn dasjenige, was auf der Erde sich ausbreitet, organisieren, wenn man keinen Begriff hat, was es ist. Man kann noch so viele Wilsonsche Kundgebungen erlassen von allerlei inter-staatlichen — was weiß ich -— Verbänden und so weiter, wenn es nicht in der Wirklichkeit wurzelt, dann ist es doch ja bloße Rederei. Daher ist so vieles Rederei bloß, was in der Gegenwart gemacht wird.

[ 28 ] Hier haben Sie einen Fall, wo Sie sehen können, wie unmittelbar notwendig es ist, daß Geisteswissenschaft mit ihren Impulsen in die Gegenwart eingreifen kann. Das ist ja das Unglück unserer Zeit, daß diese unsere Zeit ohnmächtig ist, solche Begriffe zu bilden, welche das, was wirklich organisch ist, beherrschen könnten. Daher kommt natürlich alles ins Chaos hinein, selbstverständlich kommt alles chaotisch durcheinander. Aber Sie sehen jetzt, wo die tieferen Ursachen liegen. Daher ist es kein Wunder, wenn solche Bücher wie «Der Staat als Lebensform» von Kjellén in merkwürdigster Art schließen. Denken Sie einmal, nun stehen wir in einer Zeit, wo die Menschen alle nachdenken wollen: Was soll man denn eigentlich tun, damit die Menschen wiederum miteinander leben können auf der Erde, nachdem sie immer mehr und mit jeder Woche mehr vorläufig beschließen, nun, nicht miteinander zu leben, sondern sich gegenseitig zu töten. Wie sollen sie wieder miteinander leben? -— Aber die Wissenschaft, welche davon handeln will, wie die Menschen im Staate wiederum nebeneinander leben sollen, die schließt bei Kjellén mit folgenden Worten:

[ 29 ] «Das muß unser letztes Wort in dieser Untersuchung des Staates als Lebensform sein. Wir haben gesehen, daß der Staat unserer Zeit aus zwingenden Gründen sehr geringe Fortschritte auf einem solchen Weg gemacht hat und sich einer derartigen Aufgabe noch nicht recht bewußt geworden ist. Aber wir glauben dennoch an einen höheren Staatstypus, der einen Vernunftzweck klarer erkennen läßt und diesem Ziel mit sicheren Schritten entgegenstreben wird.»

[ 30 ] Nun, das ist der Schluß. Wir wissen nichts, wir sind uns nicht bewußt, was werden soll! Das ist das Fazit eines angestrengten, hingebungsvollen Denkens, das ist das Fazit eben eines Denkens, das mit seiner Seele so schwimmt mit dem Strom der Gegenwart, daß es das Nötige nicht in sich aufnehmen kann. Man muß diesen Dingen eben wirklich ins Auge schauen; denn erst dann entspringt sogar, ich möchte sagen, der Impuls, sich überhaupt in diesen Dingen Erkenntnis erwerben zu wollen, wenn man diesen Dingen wirklich ins Auge schaut, wenn man weiß, welche treibenden Kräfte in der Gegenwart sind. Man braucht nicht tief zu schauen, so findet man für die Gegenwart ein gewisses Drängen und Streben nach einer Art Sozialisierung, ich sage nicht nach Sozialismus, sondern nach Sozialisierung des Erdenorganismus. Aber Sozialisierung — weil sie aus Bewußtsein hervorgehen muß, nicht aus Unbewußtheit, wie sie zwei Jahrtausende lang hervorgegangen ist —, Sozialisierung, Neuorientierung, Neuordnung ist nur möglich, wenn man weiß, wie der Mensch ist, wenn man den Menschen wieder kennenlernt — denn den Menschen kennenzulernen war ja auch das Bestreben der alten Mysterien für die alten Zeiten —, wenn man den Menschen wieder kennenlernt. Sozialisierung ist für den physischen Plan; aber es ist unmöglich, eine soziale Ordnung zu begründen, wenn man nichts weiß davon, daß hier auf dem physischen Plan nicht nur physische Menschen herumwandeln, sondern Menschen mit Seele und Geist. Es ist nichts zu verwirklichen, nichts zu realisieren, wenn man nur vom äußeren Menschen redet. Sozialisieren Sie ruhig nach den Ideen, die man heute hat, machen Sie Ordnung, es wird in zwanzig Jahren schon wiederum Unordnung sein, wenn Sie absehen davon, daß im Menschen nicht nur dasjenige herumläuft, was die heutige Naturwissenschaft kennt, sondern daß im Menschen Seele und Geist herumläuft. Denn wirksam sind sie schon, Seele und Geist; vergessen kann man sie nur in seinen Ideen und Vorstellungen, aber man kann sie nicht abschaffen. Die Seele braucht aber, wenn sie in einem Körper wohnen soll, der in einer für unsere heutige Zeit entsprechenden äußeren Ordnung ist, vor allen Dingen dasjenige, was man Freiheit der Anschauung, Freiheit des Denkens nennt. Und es läßt sich nicht eine Sozialisierung durchführen ohne eine Gedankenfreiheit. Und es läßt sich nicht Sozialisierung und Gedankenfreiheit durchführen, ohne daß der Geist wurzelt in der geistigen Welt selber.

[ 31 ] Gedankenfreiheit als Gesinnung, und Pneumatologie, Geistesweisheit, Geisteswissenschaft als wissenschaftliche Grundlage, als Grundlage aller Anordnungen, das ist dasjenige, was untrennbar ist voneinander. Wie aber diese Dinge eigentlich zum Menschen sich verhalten, und wie sie äußere Ordnung werden können, das kann man nur aus der geisteswissenschaftlichen Betrachtung erfahren. Gedankenfreiheit, das heißt ein solches Gesinntsein zu den anderen Menschen, das wirklich im vollsten Sinne des Wortes die Freiheit des Gedankens im anderen Menschen anerkennt, ist undurchführbar, ohne daß man auf der Grundlage der wiederholten Erdenleben steht, denn sonst steht man einem Menschen wie einem Abstraktum gegenüber. Man steht ihm nie richtig gegenüber, wenn man ihn nicht als ein Ergebnis der wiederholten Erdenleben ansieht. Die ganze Reinkarnationsfrage muß im Zusammenhang betrachtet werden mit der Frage jener Gesinnung der Freiheit der Anschauung, der Freiheit der Gedanken. Und das Bewegen innerhalb der Wirklichkeit wird ganz unmöglich sein in der Zukunft, wenn der Einzelne mit seiner Seele nicht im geistigen Leben drinnen wurzelt. Ich sage nicht, daß er hellsehend werden muß — einzelne werden es gewiß werden -, aber ich sage: er muß im geistigen Leben drinnen wurzeln. Ich habe es ja öfter ausgeführt, daß man ganz gut im geistigen Leben wurzeln kann, ohne selber Hellseher zu sein. Wenn man sich nur ein wenig umsieht, dann kommt man schon darauf, wo eigentlich die hautpsächlichsten Hindernisse sind, wohin man den Blick richten muß, daß man auf die Hindernisse komme. Denn die Menschen sind nicht so — wie gesagt, ich will kein Tadler, kein zeternder Kritiker sein —, daß sie nicht an das Richtige heran wollten. Aber es sind eben so viele Hindernisse für die Seele da; so furchtbar viele Hindernisse sind für die Seele da.

[ 32 ] Sehen Sie, manchmal ist das Einzelne, das man bemerken kann, so aufklärend, daß man ganze Zeiterscheinungen aus solchen Symptomen heraus richtig verstehen kann. Man muß in bezug auf gewisse Erscheinungen der Gegenwart sagen: Es ist eigentlich recht, recht merkwürdig, wie die Menschen gleich furchtbar ängstlich werden, schrecklich ängstlich werden - sonst sind ja die Menschen in der Gegenwart mutig und so tapfer —, aber sie sind furchtbar ängstlich, wenn sie irgend etwas hören, daß geistiges Wissen, geistige Erkenntnis geltend gemacht werden soll. Da finden sie sich nicht mehr zurecht. Ich habe ja schon öfter erzählt: Ich bin Menschen genug begegnet, die haben ein, zwei Vorträge von mir gehört, dann hat man sie lange nicht mehr gesehen. Man begegnet ihnen auf der Straße, frägt sie, warum sie nicht wiedergekommen sind. Ja, ich kann nicht - sagen sie —, ich fürchte mich, überzeugt zu werden! Derjenige, der so spricht, für den ist mit dem Überzeugtwerden gewiß recht, recht viel Fatales, Unangenehmes verbunden, und er hat nicht die Kraft, nicht den Mut, dieses Fatale, Unangenehme mit in Kauf zu nehmen. Man könnte in dieser Beziehung noch manche andere Erfahrungen anführen, aber ich will lieber Symptome aus dem mehr öffentlichen Leben bringen.

[ 33 ] Ich habe vor einiger Zeit hier gesprochen davon, wie solch ein Mensch wie Hermann Bahr, der neulich hier in Berlin einen Vortrag gehalten hat, der geheißen hat «Die Ideen von 1914», wie solch ein Mensch - Sie brauchen nur seinen letzten Roman «Himmelfahrt» zu lesen — versucht, nicht nur so ein wenig an die Geisteswissenschaft auch heranzukommen, sondern sogar versucht, auf seine alten Tage, jetzt noch Goethe kennenzulernen, also den Weg zu gehen, den ich schon auch als richtig finden würde für den, der heute mit einem guten Grund und Boden sich in die Geisteswissenschaft hineinfinden will. Ja, vom Geiste sprechen möchten.schon heute viele Leute wiederum; sie möchten durchaus irgendwie sich die Möglichkeit erwerben, vom Geiste, vom Geistigen zu sprechen. Ich will nicht schulmeistern, am wenigsten einen Menschen, den ich so sehr liebe wie Hermann Bahr. Aber wie dieses Geistesleben gewirkt hat, um die Gedanken zu korrumpieren, ich möchte sagen die Erbsünde in die Gedanken hineinzutreiben, das wird einem wirklich, wenn man auch ganz fern davon ist, schulmeistern zu wollen, manchmal doch auf eine sehr sonderbare Weise klar.

[ 34 ] Sehen Sie, da hat dieser Hermann Bahr neulich hier in Berlin diesen Vortrag gehalten über die Ideen von 1914, hat selbstverständlich allerlei Schönes, Nettes gesagt; aber allerlei merkwürdige Entdeckungen konnte man machen. So hat er etwa begonnen, daß er sagte: Dieser Krieg hat uns etwas ganz Neues gelehrt. Dieser Krieg hat uns gelehrt, in der richtigen Weise das Individuum wieder in die Gesamtheit hineinzustellen. Dieser Krieg hat uns gelehrt, Individualismus, den Egoismus, zu überwinden, dem Ganzen wiederum zu dienen. Er hat uns gelehrt, mit den alten Ideen aufzuräumen, etwas ganz Neues, ganz, ganz Neues in unsere Seelen aufzunehmen. — Und nun wußte er furchtbar viel zu charakterisieren, zu definieren, was wir nun alles mit diesem Kriege an Neuem aufgenommen haben. Das will ich nicht tadeln, ganz im Gegenteil. Aber es ist doch eigentümlich, wenn lang gesprochen wird darüber, wie dieser Krieg uns alle umwandelt, wie wir alle ganz anders werden durch diesen Krieg, und wenn dann zu den letzten Sätzen gehört: «Der Mensch hofft immer auf bessere Zeiten, bleibt aber selbst unverbesserlich. Auch der Krieg wird uns im Grunde kaum sehr ändern.» Wie gesagt, ich will nicht schulmeistern, aber ich kann halt schon nicht anders, als solche Dinge zu empfinden. Dabei meinen es solche Leute wirklich gut; sie möchten wiederum heran an das Geistige. Bahr hebt darum hervor: Ja, wir haben zu lange auf das Individuum gebaut. Wir haben zu lange Individualismus getrieben. Wir müssen wiederum lernen, einem Ganzen uns zu fügen. Die Menschen, die einem Volk angehören, meint er, haben nun gelernt, in dem Ganzen dieses Volkes sich zu fühlen, also den Individualismus abzutöten. Aber Völker seien auch wiederum nur Individualitäten, meint er. Es müsse ein größeres Ganzes herauskommen. - Manchmal schlägt so durch, schlägt auch bei diesem Vortrag so merkwürdig durch, welche Wege Bahr nun doch einschlägt, um den Geist zu finden. Er deutet es ja manchmal nur undeutlich an, aber diese Andeutungen verraten gar manches. Mit dem Alten ist es nichts, sagt er. Die Aufklärung haben die Menschen so benützt, daß sie sich haben alle auf die Vernunft stellen wollen; aber damit ist nichts geworden, alle sind ins Chaos hineingekommen. Wir müssen wiederum etwas finden, was ans Absolute, nicht an das Chaos anknüpft. — Und dabei kommen wiederum so merkwürdige Sachen durch:

[ 35 ] «Was Völkern wie Individuen am schwersten wird, hätten sie dann vielleicht gelernt, hätten das Recht auf Eigenart, das ein jedes für sich fordert, auch andern zugestehen gelernt, deren Eigenart ja schließlich die Bedingung der eigenen ist, da doch, wären alle gleich, keine mehr eigen wäre, und hätten gelernt, daß, wie der Nation jedes Individuum mit seiner besonderen Kraft an seiner besonderen Stelle notwendig ist, um, eben indem es sich auswirkt, die Nation zu tragen, mitzutragen, und so zugleich sein eigener Zweck, aber auch ihr dienendes Glied zu sein, so auch über den Nationen wieder aus den Nationen sich der katholische Dom der Menschheit erhebt, der mit seiner Turmspitze Gott berührt.»

[ 36 ] Das ist ein Wink, wenn auch nicht mit dem Zaunpfahl, so doch mit dem Zundhölzchen, nicht wahr, aber doch ein deutlicher Wink. Man strebt, den Zugang zu Gott, zur geistigen Welt zu finden, aber man will nur ja nicht heran an den Zugang, der unserer Zeit angemessen ist; also sucht man einen anderen Zugang, der schon da ist, ohne auf den Gedanken auch nur zu kommen: Dieser Zugang hat ja bloß bis zum Jahre 1914 gewirkt, und um nun dasjenige, was er gebracht hat, zu überwinden, wollen wir zu ihm zurückkehren!

[ 37 ] Aber die Symptome, die da zutage treten, sind schon ein bißchen wert, möchte ich sagen, im Verborgenen aufgesucht zu werden; denn das denkt ja nicht ein einzelner, nach demselben Muster denken ungeheuer viele und empfinden namentlich ungeheuer viele. Sehen Sie, da ist ein Buch erschienen: «Der Genius des Krieges und der deutsche Krieg» von Max Scheler. Ich lobe es, ich kann es loben, es ist ein gutes Buch. Bahr lobt es auch. Bahr ist ein geschmackvoller Mensch, ein kenntnisreicher Mensch, hat alle Gründe, das Buch zu loben. Aber er will es auch laut loben; mit anderen Worten, er will eine recht günstige Rezension über das Buch schreiben. Worüber denkt er nun zunächst nach? Ich will eine recht günstige Rezension schreiben, einen richtigen Trompetenstoß für den Scheler überhaupt schreiben. Aber wie soll ich das machen? Mache ich das so, daß ich bei den Seelen der Menschen jetzt recht anstoße. Bei allem Anstoßen geht es ja nicht. Ich muß irgendwie einen Weg suchen, um an die Menschen heranzukommen, muß einen Weg suchen. Also was mache ich denn eigentlich? - Nun, Hermann Bahr ist zugleich ein recht aufrichtiger, ehrlicher Mensch, und erklärt es eigentlich mit ziemlicher Offenheit, was er in einem solchen Falle macht. Sehen Sie, in dem Aufsatz, den er über Scheler geschrieben hat, da sagt er im Anfang: Der Scheler hat viele Aufsätze, viele Dinge geschrieben, wie man aus der Misere der Gegenwart herauskommt. Man wurde aufmerksam auf ihn. Aber man liebt heute nicht — meint Hermann Bahr -, daß man so ohne weiteres auf einen Menschen aufmerksam wird; man liebt das heute nicht, so einfach aufmerksam zu werden auf einen Menschen. — Und so charakterisiert Hermann Bahr den Scheler zunächst einmal so, daß er sagt: «Man war neugierig auf ihn und etwas mißtrauisch gegen ihn; der Deutsche will vor allem wissen, woran er mit einem Autor ist: unklare Verhältnisse mag er nicht.»

[ 38 ] Also die klaren Verhältnisse! Die werden aber nicht geschaffen, indem man die Bücher liest und auf ihre Gründe eingeht, sondern, sehen Sie, da gehört etwas anderes noch dazu. Unklare Verhältnisse mag man nicht. Jetzt kommt wiederum solch ein Wink:

[ 3 ] «Auch in der katholischen Welt hielt man sich eher zurück, um lieber nicht enttäuscht zu werden. Auch hier war es seine Mundart, die befremdete. Denn in jeder geistigen Atmosphäre bildet sich mit der Zeit ein eigenes Idiom, das von denselben Worten der allgemeinen Sprache doch einen besonderen Hausgebrauch macht; daran erkennt man, wer zum Hause gehört, und so kommt es, daß man zuletzt eigentlich weniger darauf achtet, was einer sagt, als wie er es sagt.»

[ 40 ] Nun, was hat sich denn Hermann Bahr eigentlich überlegt? Er hat sich überlegt, er will einen rechten Trompetenstoß loslassen. Scheler ist nun so wie Bahr selber, daß er jene merkwürdigen katholisierenden Bestrebungen immer — na, zunächst mit Zündhölzern, nicht gleich mit Zaunpfählen andeutet. Aber nun, sagt Bahr, spricht doch der Scheler nicht so wie ein waschechter Katholik. Aber die Katholiken wollen doch wissen, wie sie dran sind mit dem Scheler, insbesondere ich selber — meint Hermann Bahr von sich -, der ich jetzt einen Trompetenstoß loslassen will, in dem katholischen Blatt «Hochland» schreiben will — da muß man doch wissen, daß der Scheler schon den Katholiken empfohlen werden darf. Unklare Verhältnisse liebt man nicht, man will Klarheit haben.

[ 41 ] Sehen Sie, das ist das, worauf es ankommt, Klare Verhältnisse werden aber geschaffen, indem man den Leuten andeutet: Es wird ganz gut gehen für die Katholiken mit dem Scheler! Das macht nichts, wenn er auch ein ganz geistreicher Mensch ist: es wird doch ganz gut gehen auch innerhalb des Katholizismus. — Nun will aber Bahr den Scheler als einen ganz großen Mann hinstellen, um einen recht starken Trompetenstoß loszulassen. Und da will er auch nach dieser Richtung hin den Leuten doch nicht allzu wehe tun. Zuerst zetert er allerdings, wie die Menschen geistlos geworden sind, wie sie den Zusammenhang mit dem Geiste verloren haben, daß sie aber wieder zurück müssen zum Geist. Darüber einzelne Sätze aus Hermann Bahr über Scheler:

[ 42 ] «Die Vernunft riß sich von der Kirche los in der Anmaßung, aus sich allein das Leben erkennen, bestimmen, ordnen, beherrschen, leiten und gestalten zu können.»

[ 43 ] Etwa zu sagen: Die Vernunft müsse nun die geistige Welt aufsuchen, dazu bringt doch Hermann Bahr nicht den Mut auf! Also sagt er: Die Vernunft muß wiederum die Kirche suchen.

[ 44 ] «Die Vernunft riß sich von der Kirche los in der Anmaßung, aus sich allein das Leben erkennen, bestimmen, ordnen, beherrschen, leiten und gestalten zu können. Sie hatte noch kaum begonnen, es zu versuchen, als ihr schon Angst, als sie schon selber an sich irre wurde. Diese Besinnung der Vernunft auf sich selbst, auf ihre Grenzen, auf das Maß ihrer eigenen, von Gott verlassenen Kraft fängt mit Kant an. Kant erkannte, daß die Vernunft aus eigener Kraft gerade das nicht kann, was zu wollen sie doch immer wieder von sich selbst genötigt wird. Er gebot ihr Halt gerade dort, wo sie sich doch eben erst lohnen würde. Er verbot ihr zu fliegen, aber schon seine Schüler überflogen sie wieder und verflogen sich um die Wette. Der gottverlassenen Vernunft blieb zuletzt nichts übrig als Entsagung. Sie wußte schließlich nur noch, daß sie nichts wissen kann. Sie suchte die Wahrheit so lange, bis sie fand, daß es keine gibt, entweder überhaupt keine, oder doch jedenfalls keine, die der Mensch erreichen könnte.»

[ 45 ] Nun, jetzt ist ja wohl, nicht wahr, den Seelen der Gegenwart genügend geschmeichelt; denn all die schönen Dinge von «Grenzen des Erkennens» und so weiter sind ja präsentiert.

[ 46 ] «Seitdem lebten wir ohne Wahrheit, glaubten zu wissen, daß es keine Wahrheit gibt, und lebten aber fort, als ob es dennoch eine geben müßte. Um nämlich zu leben, mußten wir gegen unsere Vernunft leben. So gaben wir dann lieber die Vernunft ganz auf. Der Kopf wurde dem Menschen amputiert. Der Mensch bestand bald nur noch aus Trieben. Er wurde zum Tier und rühmte sich noch. Das Ende war — 1914.»

[ 47 ] So also charakterisiert Hermann Bahr dasjenige, was der Scheler alles gut macht dadurch, daß er eine Art katholisierender Richtung enthält. Dann maltraitiert er etwas Goethe, indem er sich ja schon seit längerer Zeit bemüht, Goethe zum waschechten Katholiken zu machen, und sagt dann weiter: «Diesen Glauben, ein edles Glied der Geisterwelt zu sein, gab der moderne «Mann der Wissenschaft auf. Die Wissenschaft wurde voraussetzungslos. Den «Impuls», den die Vernunft, um wirken zu können, nun einmal nicht entbehren kann, holte sie sich nicht mehr von Gott. Woher also sonst? Aus den Trieben. Es blieb ihr nichts anderes übrig. Der voraussetzungslose Mensch war bodenlos geworden. Der Rest ist - 1914.»

[ 48 ] «Wenn wir jetzt wieder aufbauen sollen, muß es von Grund aus geschehen. Es wäre vermessen, gleich Europa wieder aufzubauen. Wir müssen ganz still von unten anfangen. Der Mensch muß erst wieder aufgebaut, der natürliche Mensch muß hergestellt, der Mensch muß sich erst wieder bewußt werden, ein Glied der Geisterwelt zu sein. Freiheit, Persönlichkeit, Würde, Sittlichkeit, Wissenschaft und Kunst sind weg, seit Glaube, Hoffnung und Liebe weg sind. Nur Glaube, Hoffnung und Liebe bringen sie wieder. Wir haben keine andere Wahl: Weltuntergang oder — omnia instaurare in Christo.»

[ 49 ] Aber mit diesem «omnia instaurare in Christo» ist nicht gemeint ein Hingehen zum Geiste, zur Erforschung, zur Ergründung des Geistes, sondern das Wölben des katholischen Domes über den Nationen. Aber wie machen wir das, meint Bahr, wie macht man das, daß die Menschen denken können und doch wiederum ganz gute Katholiken werden können, wie macht man das nur? Da müssen wir schon hinschauen auf solche Leute, die für diese Gegenwart geeignet sind. Da ist ihm nun der Scheler recht, denn der Scheler blamiert sich nicht dadurch, daß er etwa von einer Evolution in die geistige Welt hinein redet, daß er von einer besonderen Geisteswissenschaft redet, er blamiert sich nicht dadurch, daß er mehr sagt, als wie man — nun, wie man eben so redet vom Geist und dann hinweist: Das andere findet ihr, wenn ihr in die Kirche geht, und zwar in die katholische — denn die ist damit gemeint sowohl bei Bahr als auch bei Scheler -, die ist genügend international, meinen Bahr und Scheler. So kann man wiederum die Menschen unter einen Hut, will sagen unter einen Dom bringen. Und die Menschen wollen doch heute trotzdem denken, und so, wie sie denken wollen, so denkt Scheler. Ja, er trifft es sogar gut, meint Bahr, so zu denken, wie die Menschen es haben wollen:

[ 50 ] «Scheler schreit nicht, er gestikuliert auch nicht; gerade dadurch fällt er auf, und man fragt unwillkürlich, wer das sein mag, der seiner Wirkung so sicher zu sein scheint, daß er es nicht für nötig hält, Lärm zu schlagen. Es ist ein bewährter Kunstgriff kluger Redner, mit ganz leiser Stimme zu beginnen und so die Versammlung zu zwingen, daß sie still wird und aufmerkt; der Redner muß nur dann freilich auch die Kraft haben, sie zu bannen. Das kann Scheler meisterlich. Er läßt den Hörer nicht mehr los, der gar nicht merkt, wohin er ihn führt, und sich plötzlich an einem Ziele sieht, auf das er gar nicht gezielt. Die Kunst Schelers, von ganz unverdächtigen Sätzen aus, auf die sich der Leser arglos einläßt, ihn unmerklich zu Folgerungen zu zwingen und in Folgerungen zu fangen, denen er sich, bei der leisesten Warnung, mit aller Macht widersetzt hätte, ist unvergleichlich. Er ist ein geborener Erzieher; ich wüßte keinen, der unsere aufgeschreckte Zeit mit so gelinde starker Hand zur Wahrheit leiten kann.»

[ 51 ] Es ist allerdings eine besondere Kunst, wissen Sie, wenn man die Menschen so überfallen kann: erst sagt man ihnen Dinge, die unverfänglich sind, und dann geht es so sachte weiter, bis man sie zu demjenigen bringt, wogegen sie sich verwahrt hätten, wenn man sie gleich damit angefaßt hätte. Woher kommt das, und was muß man tun, damit man im rechten Sinne handelt? — meint Bahr. Er ist ganz aufrichtig, ganz ehrlich, und deshalb spricht er sich auch darüber aus in dieser Rezension über Scheler:

[ 52 ] «Es wird nun darauf ankommen, ob der Deutsche, der gute, brave Durchschnittsdeutsche, die furchtbare Größe des Augenblicks begreifen lernt. Er ist des besten Willens, bildet sich aber ja noch immer ein, der moderne Mensch könne nicht mehr glauben, der Glaube sei wissenschaftlich widerlegt. Daß diese Wissenschaft des Unglaubens inzwischen selbst längst schon wieder wissenschaftlich widerlegt worden ist, ahnt er nicht. Von der stillen Vorarbeit der großen deutschen Denker unserer Zeit, Lotzes, Franz Brentanos, Diltheys, Euckens, Husserls, weiß er nichts.»

[ 53 ] Und jetzt bitte ich Sie, auf die folgenden Worte ganz besonders hinzuhören:

[ 54 ] «Im Ohr der Durchschnittsmenschen tönt immer das eben erst auftauende Posthorn des gerade schon wieder überwundenen letzten Irrtums nach. Durch sein betäubendes Gewirr wird noch am ehesten eine ganz ruhige, klare Stimme dringen, die sich nicht von vornherein der Schwärmerei, Romantik, Mystik verdächtig macht, wovor der Durchschnittsdeutsche nun einmal eine heillose Angst hat. Gerade weil Scheler die Sache der Bekehrung zum Geiste ganz unschwärmerisch, ganz unromantisch führt und im gewohnten Jargon der «modernen Bildung», ist er der Mann, den wir jetzt brauchen.»

[ 55 ] Nun also, nun haben Sie es! Nun haben Sie gleich, was eigentlich dem Bahr an Scheler gefällt: er kann nicht in den Geruch kommen, dieser Scheler, ein Schwärmer zu sein, ein Mystiker zu sein, «denn davor hat der Durchschnittsdeutsche eine heillose Angst». Und diese Angst muß man nur ja, bei Gott, respektieren, denn wenn man sich gar beifallen ließe, diese Angst auszutreiben, wenn man für notwendig erkennen würde, gegen diese Angst anzukämpfen, dann, ja dann, dann reicht es halt eben nicht aus; dann reicht halt eben nicht aus die Puste des Mutes, die man zu solch einer Unternehmung wagen kann.

[ 56 ] Gerade weil ich Hermann Bahr recht schätze und sehr lieb habe, möchte ich zeigen, wie er charakteristisch ist für diejenigen, denen es recht schwer wird, heranzukommen an dasjenige, was unserer Zeit not tut. Aber erst daraus kann ein wenig Heil sprießen, wenn man nicht mehr Halt macht vor jener heillosen Angst, sondern wenn man den Mut hat zu bekennen, daß Geisteswissenschaft durchaus keine Schwärmerei ist, sondern daß gerade eine höchste Klarheit notwendig ist, auch des Denkens, wenn man zu dieser Geisteswissenschaft in der rechten Weise kommen will, während wahrhaftig, nun, nicht wahr, Klarheit des Denkens ja nicht gerade aus den paar Proben gesprochen hat, die ich Ihnen verschiedentlich heute aus Hermann Bahr und sonstigen Zeitgenossen zum Vortrage gebracht habe. Aber einiger Mut auf geistigem Gebiete gehört dazu, wenn man durchschlagende, tragkräftige Ideen finden will. Man braucht wirklich nirgends weit mit Nietzsche zu gehen, man braucht auch nicht überall das zu teilen, was er in einem Satze, der einem immerhin auffallen kann, ausspricht; aber man muß doch mitgehen können da, wo gerade dieser sensitive Geist vielleicht, ich möchte sagen, gerade unterstützt durch seine Krankheit, das Mutvollste ausspricht. Und so darf man nicht davor zurückschrecken, mißverstanden zu werden. Das wäre heute das Heilloseste, was passieren könnte, wenn man zurückschrecken würde davor, daß man von dem oder jenem mißverstanden werden könnte, sondern man muß schon manchmal vielleicht gerade solche Urteile fällen, wie es das folgende von Nietzsche ist, wenn dasselbe auch nicht bis in die Einzelheiten durchaus richtig zu sein braucht; darauf kommt es aber nicht an. Nietzsche sagt in seinem Aufsatze «Zur Geschichte des Christentums»:

[ 57 ] «Man soll das Christentum als historische Realität nicht mit jener einen Wurzel verwechseln, an welche es mit seinem Namen erinnert: die andern Wurzeln, aus denen es gewachsen ist, sind bei weitem mächtiger gewesen. Es ist ein Mißbrauch ohnegleichen, wenn solche Verfall-Gebilde und Mißformen, die «christliche Kirche, «christlicher Glaube und

[ 58 ] Nun, wenn das auch vielleicht radikal ausgesprochen ist, so ist aber doch etwas getroffen, was schon bis zu einem gewissen Grade gilt; nur, Nietzsche hat es radikal ausgesprochen. Es ist schon bis zu einem gewissen Grade richtig, daß man sagen könnte: Wovon wäre Christus heute am meisten Gegner, wenn er nun unmittelbar in die Welt treten würde? Höchst wahrscheinlich von etwas, was sich heute in weitesten Kreisen «christlich» nennt, und noch von manchem anderen, was bei anderer Gelegenheit charakterisiert werden soll.

[ 59 ] Davon dann am nächsten Dienstag weiter.