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Human Soul-Life and Spiritual Striving
GA 212

29 April 1922, Dornach

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Zweiter Vortrag

2. The True Nature of Memory I

[ 1 ] Ich habe Ihnen gestern von den Sinnesorganen gesprochen, und ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie sich der Anblick der Sinnesorgane dann ausnimmt, wenn wir ihn so fassen, daß wir zu dem, was das gewöhnliche Bewußtsein liefert, dazunehmen die Erkenntnis der übersinnlichen Welten. Ich habe gesagt, daß in dem Augenblicke, wo wir uns aufschwingen zu einem geistigen Schauen der übersinnlichen Welten, daß dann andere Organe - ich führte gestern das Beispiel der Lunge an — ebenso Sinnesorgane werden, wie es unsere gewöhnlichen Sinnesorgane sind. So daß wir gerade dadurch die Anschauung bekommen müssen, daß unsere Organe in einem Wandel, in einem Werden begriffen sind, und daß, wenn wir die Welt ebenso anschauen, wie wir sie - wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf - im Alltag anschauen können, wir eigentlich immer nur etwas bekommen, was festgehalten ist, was uns einen augenblicklichen Zustand zeigt, während wir sein Vorher und Nachher nicht überblicken können.

[ 1 ] I spoke yesterday about the sense organs and drew attention to the way they appear when, to our ordinary knowledge, we add what is gained through knowledge of supersensible worlds. Taking the lungs as an example I showed that the moment we rise with spiritual sight into supersensible worlds, then other organs become just as much sense organs as our present ones. We come to the conclusion that our organs are in process of evolution and transformation. This is not apparent to ordinary consciousness because we are always observing a process arrested, a process which, because we cannot survey either its earlier or its later stages, reveals only a momentary stage of its evolution.

[ 2 ] Wir müssen uns ja das Folgende sagen. Wenn uns einfach das Aufrücken in die imaginative Welt, wie ich sie genannt habe in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», den Übergang zeigt unserer Lunge aus einem bloßen Lebensorgan in ein Sinnesorgan, so können wir diese Lunge nicht mehr so ansehen, wie wir sie im gewöhnlichen Leben ansehen. Wir müssen uns sagen: Unser gewöhnliches Leben zeigt uns einen Zustand, der festgehalten ist. - Und wenn wir diesen Zustand, der festgehalten ist in der Lunge, vergleichen mit dem Zustand, der festgehalten ist gewissermaßen in unseren Augen, dann bekommen wir die Anschauung: Das, was uns unsere Lunge zeigt, ist gewissermaßen ein jüngerer Zustand als dasjenige, was uns unser Auge zeigt.

[ 2 ] If our advance into the imaginative world—as I termed it in the book Knowledge of the Higher Worlds and its Attainment—reveals the lung in a state of transition, from being a vital organ to becoming a sense organ, we can no longer regard it in the way we do in ordinary life. We realize that what we ordinarily observe is a momentarily arrested stage in the lungs' evolution. If we compare this with the arrested stage of the evolution of the eyes, we come to the conclusion that the lung reveals itself to be at a younger stage than the eye.

[ 3 ] Ich habe gestern gesagt — die Frage können wir wenigstens aufwerfen -: War das Auge in der Weltenentwickelung einmal so ein Lebensorgan, wie es die Lunge heute ist? - Bleiben wir dabei, daß wir, um möglichst vorsichtig zu sein, das zunächst als Frage aufwerfen. Sagen wir uns, es gibt wenigstens eine Möglichkeit, daß die Lunge und das Auge sich so verhalten, sagen wir, wie ein Knabe zu einem erwachsenen Menschen, so daß das eine die junge Form ist, das andere die alte Form ist, daß also einmal das Auge in der Weltentwikkelung in der Jugend auch ein Lebensorgan gewesen sein könnte, jetzt ein Sinnesorgan geworden ist, daß die Lunge jetzt ein Lebensorgan ist, später ein Sinnesorgan werden könnte. Doch wird sich uns die Wahrheit erst ergeben, wenn wir weiter eintauchen in übersinnliche Erkenntnisse gerade auf diesem Gebiete. Dazu wollen wir heute die andere Seite, gewissermaßen den anderen Pol des menschlichen Seelenlebens betrachten, den Willenspol. Wir haben ihn gestern, ich möchte sagen, rein äußerlich charakterisiert.

[ 3 ] I said yesterday that we could at least put forward as a question whether the eye, in the course of evolution, had once been a vital organ as the lung is now. Let us remain cautious and merely say that there is at least a possibility that the relationship between lung and eye is like that of a child to a grown-up. One shows itself to be a younger entity, the other an older one. In other words, the eye in its youth could at some stage of world evolution have been a vital organ which has now become a sense organ, while the lung, which is now a vital organ, could later become a sense organ. Yet we shall only come to know the truth by advancing further in supersensible knowledge. To do so let us today consider the other extreme of the soul's life, the pole of the will. Yesterday it was described purely externally.

[ 4 ] Wenn wir nun den Willenspol aber auch so betrachten, daß wir uns die Frage vorlegen: Wie ergibt sich sein Anblick, wenn wir uns imaginative Erkenntnis erwerben? — Ja, wenn wir uns imaginative Erkenntnis erwerben, dann ergibt sich das, daß zunächst alles, was Organe des Willens sind, abblassen, verblassen vor dem geistigen Schauen. Wir haben an uns als Organe unseres Willens zunächst unsere Gliedmaßen; diese Gliedmaßen blassen ab. Und das ist das Charakteristische, daß eigentlich der Mensch, indem er sich zum imaginativen Erkennen erhebt, wenn er seinen äußeren Organismus betrachtet, die Gliedmaßen und dasjenige, was damit zusammenhängt nach innen, das Stoffwechselsystem, verliert; im Anblick verliert er es. Es ist einfach nicht mehr in der Stärke da wie vorher, wie für den sinnlichen Anblick. Und wenn wir alles das, was wir da gewissermaßen verlieren, was sich für den höheren Anblick uns entzieht, vergleichen mit etwas, was in der Sinneswelt vorhanden ist, dann kommen wir zu einem ganz merkwürdigen Ergebnis.

[ 4 ] Concerning the pole of the will we can ask: How does it appear when we have attained imaginative cognition? We find that the organs belonging to the will sphere become paler. They fade away before spiritual sight. Our limbs are organs that belong more immediately to the will sphere; they grow paler. In fact, the characteristic feature, when we rise to imaginative consciousness and observe the external organism, is that the limbs become lost. And so does the metabolic system with which the limbs are connected. This aspect of man is simply no longer there in the intensity it was to physical sight. When we compare all that, which to higher vision fades from view, with something in the physical world, we arrive at a quite astonishing result.

[ 5 ] Ich will Ihnen dies Ergebnis schematisch aufzeichnen. Nehmen Sie an, wir haben hier den Menschen, wie wir ihn in der Sinneswelt sehen (Zeichnung links). Jetzt beginnen wir diesen Menschen mit der imaginativen Erkenntnis anzuschauen. Die Gliedmaßen werden blaß, verlieren sich. Aber auch alles das wird blaß, was Knochensystem ist. Und das wird immer blasser und blasser vor der imaginativen Erkenntnis.

[ 5 ] Let me draw some sketches of what comes about. Imagine that this is man as he appears to physical sight (drawing on the left). Now we observe him with imaginative cognition: the limbs grow paler (drawing in the center). Suppose this next sketch is of all that which becomes ever paler and fades away.

[ 6 ] Nun denken Sie einmal, ich zeichne das heraus, was vor der imaginativen Erkenntnis blaß wird; was bekomme ich dann? Ich bekomme immer mehr das Bild des menschlichen Leichnams. Das heißt aber nichts anderes als: Das, was vom Menschen nach dem Tode übrig bleibt und was ich in die Erde versenke, wenn ich den Menschen begrabe, oder was verbrannt wird, wenn der Mensch verbrannt wird, das hört auf, sichtbar zu sein in demselben Maße, in dem man die übersinnliche Erkenntnis anwendet auf den Menschen. Aber etwas anderes wird sichtbar. Da, wo die Arme, die physischen Arme immer mehr und mehr erblassen, da wird allerlei sichtbar, was die ältere instinktive Erkenntnis gar nicht so unrichtig gesehen hat, indem sie von Flügeln gesprochen hat, indem sie gesagt hat, daß an der Stelle, wo der physische Mensch Arme hat, das geistige Wesen und natürlich auch der geistige Mensch nach dem Tode dann geflügelt wird. Aber das ist dann eine grobe Vorstellung, ich möchte sagen, eine gespenstisch grobe Vorstellung, wenn man so wie eine Art Symbolum so ein geflügeltes Wesen, einen besseren Vogel, an die Stelle des Geistwesens setzt. Denn wenn man die Erkenntnis der höheren Welten fortsetzt, wenn man aufsteigt, so wie ich es beschrieben habe, von der imaginativen Erkenntnis zu der inspirierten Erkenntnis, dann merkt man, was das eigentlich ist. Das ist ein ziemlich unregelmäßiges Gebilde beim Menschen, was da grob als Flügel gefaßt werden könnte. Es ist auch gar nicht so leicht herauszubekommen, was das ist, was man da sieht. Wenn man aber darauf eingeht, bekommt man nach und nach durch subtiles Anschauen heraus, was das eigentlich ist, was, sagen wir, an der Stelle meines rechten Armes auftritt und meiner rechten Hand, wenn ich von der imaginativen zur inspirierten Erkenntnis mich hinaufschwinge. Ich will die Sache noch anders sagen: Nicht wahr, die Arme machen ja zum Entsetzen der Herren Materialismuskritiker, besonders bei der Eurythmie, schreckliche Bewegungen, viele Bewegungen. Das können die Leute nicht leiden, die die Eurythmie nicht verstehen. Aber wenn Sie dasjenige, was in Eurythmie an Bewegungen gemacht wird, mit der inspirierten Erkenntnis betrachten - nicht der Arm ist da, nicht die Hand ist da, aber alle Bewegungen sind da, alle einzelnen Bewegungen; das alles ist da. Und weil das alles ineinandergeht, weil das so vieles ist, weil das immer ineinandergreift, so nimmt sich das aus wie Flügel.

[ 6 ] What we get becomes more and more like an image of a human corpse (drawing on the right). In other words, we get an image of what man leaves behind at death, of that which is either buried or cremated. When a corpse is cremated it ceases to be visible to physical sight, just as that part of man ceases to be visible to supersensible consciousness. But something else becomes visible: At the place where the arms fade away something becomes visible which a former instinctive clairvoyance saw more or less correctly. It was said that where physical man has arms spiritual beings have wings; and that after death so did spiritual man. However, to replace spiritual beings with a kind of symbol in the form of a winged creature, a superior bird, is a crude ghostlike image. When cognition of higher worlds is further developed, that is when one ascends, in the way I have described, from imaginative knowledge to inspired knowledge, then one recognizes what one is really seeing. And to depict this as wings is a distortion, but then it is not so easy to recognize the reality. However, the moment the ascent is made from imagination to inspiration then, by careful observation, one gradually realizes what takes the place of say the right arm and hand. Let me put it this way: You will agree that we make a lot of movements with our arms. According to materialistic critics a dreadful lot of movement is carried out in eurythmy. People who do not understand eurythmy cannot bear it. But when you observe, with inspired cognition, what is done by the movements in eurythmy, you no longer see the arms and hands, all you see are their movements. All the individual movements are all there, and because they all merge into one another they look like wings.

[ 7 ] Nun, die Menschen, die nicht Eurythmisten sind, machen ja auch mit ihren Armen Bewegungen, und der Mensch macht mit den Armen die meisten Bewegungen. Alle diese Bewegungen, die Bewegungsformen, die Bewegungskurven, die werden sichtbar (siehe Zeichnung, orange). Dasjenige, was physisch ist, der Muskel, das Fleisch, die Knochen, die hören auf, sichtbar zu sein. Die Bewegungen, sie werden sichtbar. Ja, sehen Sie, ebenso ist es mit den Beinen. Aber ich habe Ihnen gestern gesagt: Der Mensch bewegt ja nicht nur sich; ich habe gestern, um nicht gerade Gedankenformen zu erregen, die auf unnützes Leben hinweisen, nicht das Sportwesen genannt, sondern ich habe das Holzhacken genannt. Nun, da führt der Mensch fortwährend Bewegungen aus, wenn er Holz hackt. Alle diese Bewegungen sind aber auch da, wenn man von der imaginativen Erkenntnis zu der inspirierten Erkenntnis aufsteigt. Aber der Mensch führt nicht nur durch seinen Leib Dinge aus; er führt gedachte Dinge aus, vielleicht durch andere Menschen und so weiter. Alles das beginnt nach und nach sichtbar zu werden, namentlich wenn der Mensch dann von der inspirierten Erkenntnis zu der intuitiven Erkenntnis aufsteigt. Kurz, in bezug auf den Willenspol hört nach und nach auf sichtbar zu sein, was wir mit dem Menschen ins Grab legen, während all das, was er getan hat, anfängt sichtbar zu werden. Und wenn der Mensch gestorben ist, so ist zunächst hauptsächlich von ihm dasjenige da, was er getan hat. Das ist es, was sich weiter fortbewegt im Leben, was weiter Existenz hat im Leben. Es ist wie eine Willensgeburt, was da durch den Tod hindurchgeht. Sie sehen also, wir müssen einen anderen Weg wählen, wenn wir von dem Physischen auf das Seelische kommen wollen mit Bezug auf die Gliedmaßennatur des Menschen. Und mit demjenigen, was Stoffwechsel ist, geht es genau ebenso.

[ 7 ] Well, people who are not eurythmists also move their arms. In fact, most of the movements done by human beings are done with the arms. All the movements, their curves and forms become visible (see drawing, orange). Everything physical—muscles, flesh, bones—ceases to be visible, whereas all movements become visible. And it is the same with the legs. I said yesterday that the movements man makes are not confined within the body. In order to point to something useful I spoke of chopping wood rather than of sport. When someone chops wood, he makes continuous movements. All these are also visible when one ascends from imagination to inspiration. However, man causes things to happen not only through his body, he does so also by means of thoughts, perhaps through other people. All the events that he causes to take place gradually become visible, particularly as one ascends from inspiration to intuition. In short, when we contemplate the pole of will, all that at death is placed in the grave ceases to be visible; whereas all man's deeds gradually become visible. After a person's death what is still in existence are all the deeds he has carried out. That has further life and continues to exist. What passes through the gate of death can be said to be a birth of will. So you see as regards the limbs we must choose a different approach in order to find the transition from the physical aspect of man to the soul. And the same applies to the metabolic system.

[ 8 ] Nun habe ich also in einem gewissen Zusammenhänge betrachtet das, was Sinneswesenheit im Menschen ist, und dasjenige, was in gewissem Sinne Willenswesenheit, Tatwesenheit ist. Wir werden noch um ein Stück weiterkommen, wenn wir nun wiederum zurückgehen zu der Sinneswesenheit, zu dem einen Pol des menschlichen Wesens, wenn wir mit der entwickelten imaginativen und inspirierten Erkenntnis zurückschauen auf dasjenige, was nun aus unserem Sinnesorgan, sagen wir aus dem Auge wird, dann noch, wenn wir in dem Stadium leben, daß uns, sagen wir, die Lunge zum Sinnesorgan geworden ist.

[ 8 ] We have now considered from a certain aspect the nature of man's senses and also what so to speak constitutes his will nature—that is, the source of his actions. To enable us to proceed further let us return to the pole of the senses. Let us look back with imaginative and inspired consciousness and see what becomes of a sense organ, let us say the eye, and then consider it at the stage where the lung let us say has become an organ of perception.

[ 9 ] Wenn uns die Lunge zum Sinnesorgan geworden ist, dann beginnt nämlich für uns eine Wahrnehmung einer ganz anderen Welt, ich meine, für den höheren Menschen, der sich allmählich loslöst aus dem gewöhnlichen Menschen. Der gewöhnliche Mensch steht immer kontrollierend daneben - das habe ich ja wiederholt auch öffentlich ausgeführt —, aber ich meine, für den Menschen, der da entsteht, der sich herausentwickelt aus dem anderen. Nun, sobald unsere Lunge beginnt, Sinnesorgan zu werden, beginnen wir auch die Welt wahrzunehmen so, daß wir ihr Wesen als Rhythmus mehr musikalisch erleben, ja daß wir alles dasjenige erleben, was ich dargestellt habe zum Teil in der Beschreibung der Seelenwelt, zum Teil in der Beschreibung des Geisterlandes in meiner «Theosophie». Wir beginnen eben etwas anderes als Umgebung zu erleben, wenn die Lunge Sinnesorgan wird. Ich habe gestern bemerkt, sie wird in ihrem ätherischen Teil Sinnesorgan. Was wird dann aus dem gewöhnlichen Sinnesorgan?

[ 9 ] When the lung has become an organ of perception we begin to see a completely different world. Even in public lectures I have often spoken about the fact that another world becomes perceptible to the higher man who gradually develops and frees himself from ordinary man, though the latter is still present and in control. We also begin to experience the world more rhythmically, more musically as soon as the lung becomes sense organ. In fact, we begin to experience all that which in my book Theosophy I described partly as Soul World, partly as Spirit Land. When the lung becomes sense organ we experience a different environment. I mentioned yesterday that the lungs become sense organ in their etheric part. But what happens to our ordinary sense organs?

[ 10 ] Für die Gliedmaßen-Stoffwechselorgane mußte ich sagen: sie verschwinden vor dem Anblick. Bei den Sinnesorganen ist das nicht der Fall; sie verschwinden nicht, sie zeigen sich uns als dasjenige, was sie jetzt sind. Sie zeigen sich uns nämlich in ihrer Geistigkeit. Die Sinnesorgane werden wahmehmbar, sie werden Objekte, aber sie werden etwas wie geistige Wesenheiten. Sie sind da als dasjenige, was - wenn ich mich so ausdrücken darf - nunmehr unsere Geistwelt bevölkert. Und es ist in einem gewissen Sinne die Empfindung stark vorhanden, daß sich diese Sinnesorgane selbst zur Welt vergrößern, daß wir ein Weltenall auferbaut bekommen aus unseren Sinnesorganen. Und dieses Weltenall, das wir da auferbaut bekommen, das verbindet sich für unser seelisches Erleben jetzt mit etwas anderem. Es verbindet sich für unser seelisches Erleben mit dem in uns, was wir im gewöhnlichen Leben unsere Erinnerungs-, unsere Gedächtnisvorstellung nennen.

[ 10 ] Unlike the organs of the metabolic-limb system which disappear to higher vision, the sense organs do not disappear, they reveal themselves as they are at present but in their spiritual nature. They reveal themselves as objective entities; they become, as it were, spiritual beings. They are—if I may so express it—what peoples our spirit world. One gets the strong impression that the sense organs expand into worlds. We witness, as it were, a world being built up out of our sense organs. Our soul has the experience that the world which we now witness coming into being unites itself with something else. It unites with what in ordinary life we look upon as our memories; that is, our mental pictures of past events.

[ 11 ] Ich muß da auf ein bedeutsames Erlebnis hinweisen, das man hat beim Aufsteigen aus der imaginativen in die inspirierte Erkenntnis. Die Sinnesorgane werden gewissermaßen selbständige Wesenheiten, aber sie nehmen an sich unser Gedächtnis, unseren Erinnerungsinhalt. Und wenn wir dies beachten, dann tritt etwas von dem Wesen unseres Seelischen ganz deutlich vor uns auf.

[ 11 ] Here I must point to an important experience which occurs as one ascends from imaginative to inspired knowledge. The sense organs become, as it were, independent beings which take into themselves our memories. As we turn our attention to this fact we become clearly aware of a certain aspect of our soul's nature.

[ 12 ] Nehmen Sie das menschliche Auge. Dieses menschliche Auge ist zunächst ein Organ, so wie ich es gestern beschrieben habe. Jetzt, wenn wir beginnen, imaginative Erkenntnisse zu entwickeln, aufzusteigen zur inspirierten Erkenntnis, dann verschwindet nicht das Auge, aber alles Physische am Auge verschwindet. Das Auge aber wird immer geistiger und geistiger. Wir bekommen einen mächtigen, ich möchte sagen, zum Weltinhalt erweiterten Inhalt. Aber der verbindet sich mit unserem Erinnerungsinhalt (gelb), mit unseren Gedanken, die in der Erinnerung, im Gedächtnisse sind (Zeichn. S. 39).

[ 12 ] Take the example of the human eye. To ordinary consciousness this organ is as I described it yesterday. When we begin to develop imaginative cognition and then ascend to inspired cognition, the physical aspect of the eye disappears but not the eye itself. It becomes ever more spiritual and expands to cosmic proportions. It becomes a world, a world that unites itself with our memories; it unites with the thoughts that live in our memory (yellow in diagram). Along this path we gradually attain a specific insight into a certain area.

[ 13 ] Dadurch ringen wir uns allmählich zu einer ganz bestimmten Erkenntnis herauf. Sehen Sie, eine sehr triviale Vorstellung der gangbaren Seelenkunde oder Psychologie ist diese, daß der Mensch sinnlich wahrnimmt, an der sinnlichen Wahrnehmung die Vorstellungen, die Gedanken entwickelt. Dann gehen diese Gedanken - ja, irgendwo hin. Besonders die Herbartsche Philosophie war darin groß, daß sie diese Gedanken unter irgendeine Schwelle hinunter verschwinden läßt; dann, wenn man sich erinnert, spazieren sie wieder herauf und erscheinen wiederum im Bewußtsein.

[ 13 ] A trivial concept of popular psychology is the idea that man perceives with his physical organs and develops his mental pictures—i.e., his thoughts—from the physical percepts. And then the thoughts he has formed go—well, they go somewhere. The philosophy of Herbart,1Johan Friedrich Herbart, 1776-1841. Philosopher and Educator. in particular, attained eminence by letting thoughts disappear beneath some sort of threshold. Then when they were remembered they wandered up again and appeared in consciousness.

[ 14 ] Mich erinnert diese Art von Seelenkunde, Psychologie, immer an ein kleines neckisches Kinderspielchen, das ich als ein ganz kleiner Knabe oftmals wahrgenommen habe: man fährt mit den zwei Händen einem Kinde über den Rücken des Armes bis hinauf zum Kopfe und sagt dann: Das Mauserl rennt übers Hauserl. Wo wird’s rasten? Im Sepperl sein'm Kasten — und so weiter. Nun, dieses Kinderspiel stellt sich dem Kinde so vor, wie wenn ein Mauserl, eine Maus, über den Arm laufen könnte und dann in dem Kasten, also da irgendwo drinnen, im Kopfe, ist. Aber nicht viel gescheiter ist diese Seelenkunde. Die läßt auch Gedanken an den Sinneswahrnehmungen erregen; die spazieren dann in diesen Kasten, in diesen Seelenkasten hinein, und aus dieser Sparbüchse stehen sie wiederum auf, wenn sie dann erinnert werden. Nun, es ist eine sehr banale Vorstellung, aber es ist eine Vorstellung, mit der in der Psychologie vielfach eben auch spazierengegangen wird. Aber lernt man so den ganzen Vorgang durch die imaginative und inspirierte Erkenntnis kennen, dann stellt sich erst recht die Wahrheit der Sache heraus. Dann merken wir erst das Folgende.

[ 14 ] This idea always reminds me of a children's game I often watched as a small boy: One runs both hands up a child's arm, tickling him while chanting, “Up comes a little mouse who wants to hide in Joey's house.” This suggests to the child that a mouse is running up his arm to hide in a box somewhere inside his head. Psychology is just about as clever; it also lets thoughts emerge from sense perceptions and then walk into a sort of savings-box within the soul from where they arise again when remembered. It is a trivial concept but one that is much bandied about in psychology. The true facts become clear only when one comes to know the whole process through imaginative and inspired knowledge. What then becomes clear is the following: Things we see through our eyes are there, they are not created by the eyes. So, too, what we see through imagination and inspiration is also there, it is not created by the higher faculties.

[ 15 ] Das, was die inspirierte und imaginative Erkenntnis anschauen, das haben sie ja nicht gemacht. Es ist ja gerade so, wie, wenn man mit dem Auge die Kreide anschaut, das Auge die Kreide ja nicht erschafft; sie ist doch da. So ist auch dasjenige da, was da durch inspirative und imaginative Erkenntnis wahrgenommen wird. Also während das gewöhnliche Bewußtsein wirkt, ist das als Realität vorhanden. Es geht ja das alles vor. Es wird nur eben wahrnehmbar durch das übersinnliche Erkennen. Es geht in jedem wachen Augenblick in dem Menschen vor. Daß es aber etwas anderes gibt, als was man wahrnimmt durch das gewöhnliche Bewußtsein, daß es einen Parallelvorgang gibt, den man eben erst wahrnimmt, wenn man das höhere Bewußtsein hat, das zeigt sich durch diese Tatsache. Ich will so sagen: Im gewöhnlichen Leben ist alles das vorhanden, was man mit dem gewöhnlichen Bewußtsein wahrnehmen kann; aber außerdem ist noch all das vorhanden, was man erst mit dem imaginativen, inspirierten Bewußtsein erlangt. Das ist also ein Vorgang, den man im gewöhnlichen Leben nicht kennt. Lernt man ihn durch das höhere Erkennen kennen, dann stellt er sich so dar, daß jetzt erst klar wird, daß die Erinnerungsbilder, die Gedächtnisvorstellungen, wenn wir sie im gewöhnlichen Bewußtsein haben, eben nur Bilder sind. Ihre Realität zeigt sich erst im höheren Bewußtsein, tritt Jetzt erst hervor im höheren Bewußtsein, so daß also die Gedächtnisvorstellungen da nicht heraufspazieren, nachdem sie zunächst als die gewöhnlichen Vorstellungen hinuntergegangen sind. Sondern, wenn ich eine Vorstellung mir bilde an einer Sinneswahrnehmung, mich dann von der Sinneswahrnehmung zurückziehe, so ist die Vorstellung da. Dann verschwindet sie nach einiger Zeit. Da sie nur ein Bild ist, ist sie vollständig verschwunden; weg ist sie. Aber die Sinne tun noch etwas anderes: sie vollziehen einen Prozeß, den ich nicht wahrnehme, sie vitalisieren mir in mein Inneres den realen Vorgang für das Vorstellen. So daß ich, wenn ich eine sinnliche Wahrnehmung habe, durch diese sinnliche Wahrnehmung mir zunächst die Vorstellung bilde (rot), dann aber ein zweiter Vorgang da ist (blau), durch den etwas Reales bewirkt wird, nicht ein bloßes Bild. Nun, das Bild verschwindet, wenn ich es nicht mehr habe. Wenn ich mich erinnere, so wirkt, geradeso wie vorher die Sinneswahrnehmung, diese Vorstellung herauf, und ich nehme dasjenige wahr, was real in mir erregt worden ist, als ich die Sinnesvorstellung hatte, was ich nur nicht wußte.

[ 15 ] In other words, while ordinary consciousness is functioning the higher reality is also present. It all goes on but becomes visible only to supersensible sight. It goes on through every moment of our waking life. This reveals that whenever we perceive in ordinary consciousness, another process takes place beyond that consciousness. Another process goes on which runs parallel to that of perception, only we do not become aware of it until we have attained higher consciousness. Let me put it this way: In ordinary life whatever we perceive in everyday consciousness is already there. But all that which only becomes visible to imagination and inspiration is also there. A process takes place of which we know nothing in ordinary consciousness. When we learn to know it through higher cognition we become aware that the memory pictures we have in ordinary consciousness are indeed only pictures. Their true reality becomes apparent to higher consciousness. There is no question of memory pictures wandering up again after having first gone down somewhere. When I form a mental picture of a physical object and then withdraw from it, the mental picture remains. After a while the mental picture disappears and because it is mere picture it disappears completely. But our senses do something else: they carry out a process we do not see. They vitalize in our inner being a process that is living, which endows the thoughts contained in our memory with reality. This means that when we have a physical perception and form a mental picture (red) then another process (blue) takes place through which something real comes about—i.e., a reality, not just a picture. The picture vanishes, but when we remember then this, real memory takes the place of the former physical percept and what we now perceive is the reality that was brought to life in us, without our knowledge, at the time of the physical perception. And this reality is the soul.

[ 16 ] Aber dieses Reale ist das eigentliche Seelische. Wenn Sie heute einen physischen Menschen vor sich haben und Sie beobachten ihn, sagen wir, nach acht, zehn Jahren wiederum, so ist nichts mehr von dem, was heute physisch in ihm ist, nach etwa zehn Jahren vorhanden. Sie schneiden sich die Nägel, von Ihrer Haut fallen die Schuppen; nach außen fällt immertfort der physische Leib ab. Er zerstäubt. Und nach einer solchen Zeit von sieben bis zehn Jahren ist dasjenige, was heute am tiefsten von Ihnen im Inneren ist, gerade so weit nach außen gekommen, daß es als Schuppen oder lange Nägel abstäubt. Sie können ruhig sagen: Dasjenige, was heute irgendwo in der Mitte von Ihnen sitzt, das ist nach und nach außen, wandert, fällt ab. Dieser physische menschliche Leib tropft fortwährend ab. Und was bleibt denn vorhanden? Dasjenige, was einzig und allein vorhanden bleibt von der menschlichen Wesenheit, das ist das, was da als Parallelvorgang (siehe Zeichnung, blau), als das Reale für das Vorstellungsbild nach innen entwickelt wird.

[ 16 ] If today you have physically before you a human being and you see him again after eight or ten years then nothing of what you see today will be present. You cut your nails, your skin flakes off, externally the physical body continually falls away; it becomes dust. After seven to ten years that which today is the physical substance most deeply embedded in you will have come so far to the surface that it flakes off or is cut off as long nails. You can be certain that what is today at the center of your physical body gradually comes to the surface and falls away. But then what remains? What remains of man's whole being is solely the reality developed inwardly through the process taking place parallel to that of forming mental pictures.

[ 17 ] Von dem, was Sie heute sind, sind Sie nach zehn Jahren nichts anderes, als was Sie aufgenommen haben und was Ihnen in der Erinnerung geblieben ist. Sie sind aus Ihren Erinnerungen gewoben; von dem, was Sie vor zehn Jahren waren, ist in Ihnen nichts mehr anderes vorhanden als dasjenige, was Ihre Erinnerung aus Ihnen gewoben hat. Das Physische ist abgeschuppt, das ist weggetropft. Wenn man in einer vernünftigen Weise bloß zusammenschaut, was jeder schon im gewöhnlichen Bewußtsein haben kann, so bekommt man doch durchaus mit dem gesunden Menschenverstand eine Vorstellung davon, daß das so sein muß, wie ich es jetzt mit Zuhilfenahme der Imagination und Inspiration vor Ihnen hier entwickelte.

[ 17 ] In ten years' time nothing of what you are today will exist except the memories of your experiences. Today nothing exists of what you were ten years ago except what your memories have made of you. You are woven out of your memories, all that is physical flakes off and disappears. Anyone with sound common sense, who thinks through and correlates what he can observe in ordinary consciousness, will acknowledge the truth of what I have brought before you with the help of imagination and inspiration.

[ 18 ] Wenn wir uns nun ein Bild selber machen wollen von der Art und Weise, wie eigentlich menschliche Entwickelung ist mit Bezug auch auf das Seelische, können wir das nach der einen Seite hin - wir betrachten jetzt, ich bitte das zu berücksichtigen, den einen Pol, den Gedankenpol - nicht anders als so machen (Zeichnung). Zuerst, wenn wir geboren werden, ist von uns irgendein Leib vorhanden (hell). Dahinein füllen sich gewissermaßen die Parallelvorgänge zu den Sin neswahrnehmungen (gelb). Das alles (hell) tropft nach und nach ab. Sie essen, Sie nehmen durch die Luft allerlei auf. Das setzt sich da hinein in Ihre Gedächtnisvorgänge und bildet Ihnen den Leib immer neu. Aber das, was da als Stoffwechselsystem sich hineinimprägniert in Ihr Seelisches, das ist dasjenige, was Sie nach dem Tode begraben. Aber das eigentlich Seelische ist gewoben aus dem, was die Seele entwickelt an den Vorgängen, die Sie zunächst nur als Vorstellungen empfinden, als Vorstellungen erleben. Also Sie können gut sagen: Ich lebe in Gedanken, und ich mache mich fortwährend durch meine Gedanken. Dasjenige allerdings, was ich mit dem gewöhnlichen Bewußtsein als Gedanken wahmehme, das ist nur ein Bild von dem, was ich da mache. Das ist gewissermaßen eine Begleiterscheinung.

[ 18 ] If we would picture to ourselves how a human being develops, taking into account his soul nature, then from one aspect—and I beg you to keep in mind that we are considering everything from one pole, the pole of thought—we would depict it thus (see drawing). When we are born, a body is provided for us (white lines). This body is gradually filled with all that results from the process taking place parallel to sense perception (yellow lines). All that which is body (white lines) gradually flakes off. We eat, we take in a variety of substances from the air. All this reaches into the process taking place when memories are formed and builds up the bodily nature ever anew, whereas that which impregnates the soul from the metabolic system is what is buried after death. The soul itself weaves its own essential being. It develops its being from those processes which to begin with are experienced merely as mental pictures. One can say in truth: I live in thoughts, but what I experience as thought in ordinary consciousness is only image. It is, so to speak, an attendant phenomenon to the reality which I bring into existence.

[ 19 ] Ja, aber daraus geht etwas außerordentlich Wichtiges und Bedeutsames hervor. Es geht daraus hervor, daß im Grunde genommen es für die menschliche Entwickelung viel wichtiger ist, was da außer dem, was ich durch das gewöhnliche Bewußtsein erkenne, in mir noch vorgeht. Schauen wir die Welt an. Ich erfreue mich an dem, was mir meine Augen zeigen, was mich meine Ohren hören lassen. Ich erlebe das andere, was mich meine Sinne wahrnehmen lassen. Aber während ich da sehe, höre, fühle, da schleicht sich in mein Inneres das herein, was später in der Erinnerung heraufgeholt werden kann; dasschleicht sich alles das herein, was mein Seelisches ist. Das ist in einer fortwährenden Tätigkeit, das ist nicht, das tut immer, das wogt und webt.

[ 19 ] Something of extraordinary significance emerges from this: it shows that what takes place within us, unknown to ordinary consciousness, is by far the most important for man's development. We look at the world, what we perceive through our various senses brings us experiences; we rejoice in what meets our eyes or ears. And all the time while we see, hear and feel there slips into our inner being all that which later can be called up in memory. In other words, all that constitutes my soul slips into me. That is an activity that goes on perpetually. One can never say that it is because it is forever surging and weaving.

[ 20 ] Von dem, worauf ich hier hindeute, hat der, der sich in ganzem, vollem Ernste zu geistigen Erkenntnissen zu erheben versucht, eine starke Erlebnisvorstellung. Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen. Und da man vorzugsweise dieses Getröstetsein haben will in der heutigen Welt, da man die innere Unruhe nicht sehr liebt, so formt man heute auch alle Erkenntnisse so, daß sie aufgeschrieben werden können, daß sie getrost nach Hause getragen werden können. Bloß von den anthroposophischen Vorträgen sagt man, daß sie meistens «schlecht nachgeschrieben» werden, und daß man eigentlich nicht viel hat von dem, was da nachgeschrieben wird, daß man das nicht so sehr getrost nach Hause tragen kann.

[ 20 ] Whoever earnestly endeavors to ascend to spiritual knowledge will have vivid experiences of all I have indicated. Whatever one has accumulated in life by way of written notes can, like any possession, be comfortably taken home. And because in present day life comfort is much preferred to inner experiences of disquiet, all knowledge tends to be given a form that allows it to be written down and comfortably taken home. It is said, however, that anthroposophical lectures do not transcribe well, so one actually does not get much from what is written down about them and comfortably taken home.

[ 21 ] Aber sehen Sie, das ist nur ein Abbild von den Erlebnissen bei den höheren Erkenntnissen. Wenn ein Student heute sich für ein Examen vorbereitet, da ist er wirklich froh, wenn es ihm nun gelungen ist, in dieses Organ etwas hereinzubekommen, und wenn er es vor drei, vier Wochen hereinbekommen hat und dann das Examen ist, dann will er es so, wie er es da hineingerammelt hat, auch wieder herausgeben können. Mit den höheren, mit den übersinnlichen Erkenntnissen ist es eben nicht so. Derjenige, der sich wirkliche übersinnliche Erkenntnisse erwirbt, der steht dem Leben dieser übersinnlichen Erkenntnisse gegenüber. Die leben fortwährend; die verhalten sich nicht so starr wie diejenigen Vorstellungen, die man heute als die wissenschaftlichen Abbilder der äußeren physischen Welt zum Trost sogar aufgeschrieben haben will. Ich will mich ganz radikal ausdrücken, weil dieses radikale Ausdrücken hindeutet auf eine sehr wichtige innere Tatsache.

[ 21 ] But, you see, that is only a reflection of the experience of higher knowledge. When a university student today prepares for an examination he is really happy when he manages to store up some facts in his head. And when after three or four weeks the time comes for the examination he hopes to be able to pour it all out unchanged just as he crammed it in. One cannot set about acquiring higher knowledge in that way. Those who really develop higher knowledge are faced with spiritual perceptions that have a life of their own. Higher knowledge is perpetually alive. It will not permit itself to be so conveniently stored in notebooks as do the rigid concepts which today are kept as scientific records of the external world. These, though radically expressed, are real inner facts.

[ 22 ] Nehmen Sie einmal den Fall, irgend jemand hat sich ziemlich hochgehende übersinnliche Erkenntnisse erworben. Er hat sie nun. Er kann sie durch die Vorgänge, die ich öfter geschildert habe, später wieder haben. Er erlebt sie, sagen wir, wieder nach drei, vier Jahren. Die haben ein Leben gehabt in der Zwischenzeit. Dann, indem er sie jetzt wiederum sich bildet in sich, dringen sie so in seine Seele ein, daß sie behaftet sind mit dem Zweifel. Man lernt allmählich erkennen, daß das gar nichts Besonderes ist, daß das überhaupt die übersinnlichen Erkenntnisse haben, daß sie in ihrer weiteren Entwickelung, wenn sie gewissermaßen alt werden, den Menschen in Zweifel versetzen, und man muß sich ihre Gewißheit wieder neu erringen. Ja, bei den höchsten Erkenntnissen ist es so, daß sie einem schon am nächsten Tag ungewiß erscheinen, wenn man ihre Gewißheit sich nicht neu erringt, nicht neu erobert. Es sind immer niedere Erkenntnisse, welche im Menschen ersterben, Gespenster werden und dann wiederum auftreten. Der Mensch schaut sie an und ist zufrieden, daß er nun auch einmal in der höheren Welt etwas erlangt hat, wovon man mit Recht sagen kann: Schreibtafel her! - denn, wenn es da drauf ist, dann bleibt es. Er möchte im Inneren eine solche Schreibtafel haben.

[ 22 ] Take the case of someone who has attained supersensible cognition to a fairly high degree. Let us say he has at present certain spiritual perceptions; he can attain those experiences again later by means I have often described. He may experience them after three or four years; they have meanwhile gone through a life of their own. If he once more builds them up they burden his soul with uncertainty. One gradually learns that this is nothing exceptional. Supersensible knowledge in general, fills one with uncertainty when it develops further—when, as it were, it grows old. One has to attain certainty about it all over again. One experiences uncertainty already the following day even about the loftiest spiritual perceptions and must struggle to attain the knowledge once more. Only lower kinds of perceptions cease to be alive, and they become specters which reappear unchanged. The one who has them feels satisfied that he has attained some insight into a higher world. He grabs a notebook to make sure the experience is preserved. He would in fact like to have a kind of soul-notebook for the purpose.

[ 23 ] Das ist nicht der Fall bei den wirklichen höheren Erkenntnissen. Die leben; schafft man sie wiederum, und gerade die höchsten Erkenntnisse, schon am nächsten Tage herauf, dann kommt man in Unsicherheit über sie, und man muß sich ihre Gewißheit neu erobern. Man muß den Vorgang immer wieder durchmachen. Man kann gar nicht sich zu diesen höheren Erkenntnissen anders verhalten als zu dem, was Abbild der Realität und nicht die Realität selber ist hier in der physischen Welt. Es werden kaum sehr viele unter Ihnen sein, die heute am Sonntag, den 30. April, nicht essen, weil sie sich sagen: Ich habe ja vor acht Tagen ganz gut gegessen, das ist in mir; ich brauche doch heute nicht zu essen, das nährt mich noch heute. — Sie tun das nicht. Das ist ein realer Vorgang. Die physisch seelischen Inhalte unterscheiden sich davon. Die bleiben, und Sie können sie wieder hervorrufen, unverändert in vieler Beziehung, auch verändert. Aber nicht so ist es bei den geistigen Inhalten. Die sind nicht nur abgeblaßt, sondern die sind immer wiederum in ihrer Gewißheit erschüttert, und man muß die Gewißheit immer wieder erobern. Ja, das ist die eine Erscheinung.

[ 23 ] Genuine spiritual perceptions act differently—they are living entities and must continually be created anew. One must go through the process repeatedly for already the following day uncertainty arises, especially about the loftiest experiences, and one must win certainty all over again. One must relate to spiritual knowledge as one relates in the physical world to what is reality and not image. A real process in the physical world is the need to eat: not many of you would refrain from eating today because you had a good meal a week ago. You would not say that the meal of a week ago is still in you nourishing you, so that there is no need to eat today. By contrast a soul content arrived at via the body remains and can be recalled unchanged in many respects. That is not the case with a spiritual soul content; this does not just fade; its very certainty is repeatedly shaken and must be regained ever again.

[ 24 ] Diese eine Erscheinung stellt sich wirklich so dar, daß, wenn man sich übersinnliche Erkenntnisse erworben hat in einer Beziehung, es einem wirklich so vorkommt, wie wenn einem die Welt licht geworden wäre durch diese übersinnlichen Erkenntnisse, wie wenn man in einen hellerleuchteten Saal, in den hellerleuchteten Weltensaal getreten wäre. Nach acht Tagen hat man etwas in seinem Inneren, was einem — weil man diese höheren Erkenntnisse sich erobert hat, weil man gewissermaßen zu ihnen hingelangt ist, weil sie schon eine Wirkung auch auf den physischen Menschen gemacht haben - gewisse Erinnerungsreste da läßt; aber aus sich selbst heraus, in ihrem eigentlichen Wesen, leben sie sich so aus, daß man immer wieder mit ihnen in ein finsteres Zimmer kommt und das Licht immer wieder von neuem anzünden muß. Damit kann man das vergleichen, was das Schicksal der übersinnlichen Erkenntnisse in der menschlichen Seele ist.

[ 24 ] One effect of this aspect of attaining supersensible cognition is that the world is, as it were, illumined by it. It is like coming into a brightly lit cosmic hall. After eight days one has the following experience: A certain residue of memory lingers due to the fact that in attaining this higher knowledge one drew near its reality and this had an effect even on one's physical being. But concerning the supersensible perceptions as such, one has the experience that one continuously meets them in a dark room where one must rekindle the light ever again. This is an indication of how supersensible knowledge is experienced in the human soul.

[ 25 ] Derjenige, der sich übersinnliche Erkenntnisse erwirbt, kann gar nicht in derselben Weise Anspruch darauf machen, daß sie im Inneren gleichsam bleibende Gespenster werden, wie man es bei den instinktiv gespensterartigen, hellseherischen Vorstellungen glaubt. Es müssen immer wieder neu erobert werden diese Welten, in die man sich da hineinbegibt. Aber obwohl die Realität sich also nicht bewahren läßt im gewöhnlichen Gedächtnis, bewahrt sich natürlich die Wirkung. Sie bewahrt sich insbesondere dann, wenn derjenige, der übersinnliche Erkenntnisse hat, sie nach einiger Zeit aufgeschrieben oder gar schreckliche Welt! -gedruckt vor sich sieht, wenn er etwa eine folgende Auflage eines Buches, das er geschrieben hat, vor sich hat; da hat er die äußere Wirkung desjenigen, was er früher erlebt hat, vor sich.

[ 25 ] When supersensible perceptions are attained then, unlike the instinctive clairvoyant, one cannot claim that they remain like specters. The spiritual realm that is attained must be conquered anew. Yet, though the experiences do not stay in ordinary memory, the effect naturally does. The effect is felt after a time particularly if the supersensible knowledge has to be faced again in the form of a written manuscript or even—dreadful thought—in print. The spiritual investigator may have before him a new edition of a book he has written. He is faced with the external effect of his earlier experiences.

[ 26 ] Ich kann mir Privatdozenten denken, die eine innige innere Freude haben, wenn sie nun diesen goldenen Saft dessen vor sich haben, was sie da fabriziert haben, wenn sie später wiederum folgende Auflagen etwa auf Grundlage dieses goldenen Saftes fabrizieren können. Es tut ihnen wohl. Das tun die Erzeugnisse der geistigen Wahrnehmung eben nicht. Die tun weh, die verursachen Schmerz. Denn dasjenige, was konserviert wird, was umgegossen, übergegossen wird in die physische Welt, das verursacht Schmerz, das tut weh. Das ist die andere Seite. Man geht mit seinen übersinnlichen Erkenntnissen nicht nur in ein dunkles Zimmer hinein, das man erst wieder hell machen muß, sondern man geht in ein Zimmer hinein, das Pfeile auf einen schießt von allen Seiten, die Schmerz machen, und man muß sich erst panzern gegen dasjenige, was einem als das Residuum, als der verkörperte Rest der übersinnlichen Welten entgegentritt.

[ 26 ] I can imagine there are lecturers who experience deep inner satisfaction when they have before them the result of the golden words they have spun together, especially if, again and again, new editions are produced based on those same golden words. It is a very pleasurable feeling. But the written results originating from spiritual perceptions do not provide pleasurable feelings; they cause pain. What has become preserved and poured out into the physical world is a source of pain. That is the other side of the coin. This pain is not only like going with one's spiritual perceptions into a dark room where one must kindle the light ever anew. It is like going into a room where arrows are hurled at one from all sides. An armor must be created against what one meets as a residue, as an embodied remnant of supersensible worlds.

[ 27 ] Damit deute ich Ihnen auf dasjenige hin, was das seelische Leben, das man mit diesen höheren Erkenntnissen erst erreicht, für das gewöhnliche Erleben ist. Das gewöhnliche Erleben ist nicht so, daß man das Seelische unmittelbar erlebt. Man erlebt es ja durch den physischen Leib. Es ist angepaßt diesem Erleben in dem physischen Leib. Aber das seelische Leben für sich ist anders, das ist etwas, was in fortwährendem Werden ist, in fortwährender Wandlung, in fortwährender Metamorphose, das einem entschlüpft bei diesen Metamorphosen, wenn man sich nicht jederzeit wiederum in diese Metamorphosen hineinlebt, das man nicht ertragen kann, weil es schmerzt, weil es Vergangenheit atmet. Indem es Vergangenheit aufnimmt, schmerzt es. Wenn es nicht Gegenwart ist, schmerzt es; und gegen das muß man sich wappnen. Sie sehen aber zu gleicher Zeit: Wenn man etwas erlebnisvoll aufgenommen hat von dem, was wirkliche höhere Erkenntnis ist, so ist diese höhere Erkenntnis nicht so gemütlich wie dasjenige, was sich unsere Studenten heute auf den Hochschulen anhören. Das tut höchstens weh, wenn sie es vergessen haben und ein schlechtes Examen machen; und vor allen Dingen tun den Studenten ihre eigenen Erkenntnisse nicht weh, sondern wohl, denn wenn sie sie haben, sind sie froh; das tut ihnen wohl. Ihre eigenen Erkenntnisse schmerzen sie höchstens später im Leben, wenn sie sehen, daß es etwas Besseres gibt als ihre eigenen Erkenntnisse, und diese dann wie die Ideen in ihnen haften.

[ 27 ] This is an indication of how soul life is experienced when one has reached higher knowledge. In ordinary consciousness one does not experience the soul's life directly; it is adjusted to the physical body and experienced through it. To experience the soul directly is different. The soul is continuously becoming; it is in a state of transformation and metamorphosis. This fact escapes one unless, during supersensible experience, one enters into the process and identifies with it. Yet, to do so is felt to be unbearable; it causes pain because it is bound up with the past. Whenever a spiritual experience is not of the present it causes pain and one must be armed against this pain. So you see, if the living content of higher knowledge has really been absorbed it is not so easy to live with as that to which our students listen in the universities. That knowledge only hurts when it has been forgotten and the students do badly in examinations, although that kind of knowledge does not in itself cause pain, but pleasure, for when the students possess it they rejoice. The knowledge may pain them later if they come to see that there is something better than their own knowledge which has become like fixed ideas in them.

[ 28 ] Aber wenn man in das Übersinnliche sich hineinlebt, dann wird das eben durchaus lebendig. Dann lernt man erkennen, wie man es erobern muß, wie man es ertragen muß. Man lernt an der Erkenntnis selber die Freude, die Befriedigung, man lernt an der Erkenntnis den Schmerz kennen. Dadurch aber lernt man erst das Seelische in seiner Realität kennen. Das Seelische im gewöhnlichen Alltagsleben ist, ich möchte sagen, so weit heruntergefallen in die Materialität, daß es in blassen Gedanken erscheint, die wir erst in die Wärme des Gefühles hineingießen müssen, damit sie überhaupt nicht blasse kalte Gedanken sind, und die außerdem nicht wehe tun. Es sind eben Bilder, und Bilder, die leben nicht. Dasjenige aber, was als übersinnliche Erkenntnisse erworben wird, lebt, ist lebendiger Seeleninhalt.

[ 28 ] When the supersensible is entered into deeply one experiences it as, through and through, alive. One learns how to attain and how to endure it. In the knowledge itself one finds joy and satisfaction and also pain. One also learns at last to know the soul directly in its reality. In ordinary daily life the soul has fallen so deeply into materialism that its life appears to consist merely of pale concepts. Into these pale concepts warmth of feeling must be poured to rescue the soul life from the painful, pale, cold thoughts which are but images without life, whereas what is attained as supersensible knowledge is alive; it is in fact the living soul.

[ 29 ] Und dieser lebendige Seeleninhalt, der gibt uns erst einen wirklichen Begriff von dem, was wir sind. Denn unsere Erinnerungsvorstellungen, die sind ein schwaches Abbild dessen, was wir eigentlich sind. Und durchschlagen wir diesen Teppich der Erinnerungen nach innen, so kommen wir eben auf dasjenige, was ich Ihnen jetzt schildere als lustvolles, befriedigendes, lichtvolles Erleben der Welt, als schmerzvolles Erleben der Welt; wo unsere Seele mit dabei ist. Unsere Seele wird also hineingefügt in eine Erkenntnis, die selbst seelisches Leben enthält. Die Vergangenheit gießt sich in den Schmerz. Und dasjenige, was wir als freudevoll, lustvoll empfinden, das ist es, wovon wir gewahr werden, daß es mit uns durch die Pforte des Todes geht; das ist Zukunft.

[ 29 ] And this living soul content gives us the first real concept of what we are; for our memory pictures are but faint reflections of the reality. If we manage to penetrate the curtain of memories, we arrive at that which I have just described as joyful, satisfying, light-filled and also painful experiences of the world. In its participation in this, our soul is united with a knowledge which itself contains soul-life. The past we experience as pain, but we become aware that what we experience as happiness and delight goes with us through the portal of death; it is the future.

[ 30 ] In die physische Erkenntnis muß sich ein Abbild davon, aber jetzt ein lebensvolles Abbild hineinergießen von dem, was ich sagte. Geschichte, also die rückwärtsgehende Menschheitsentwickelung, in den bloßen kalten Geschichtsideen angesehen, ist eben Bild, Bild, das im Grunde genommen nur so lange Bedeutung hat, als wir es im Kopfe tragen. Geradeso wie die an der Sinneswahrnehmung gebildete Vorstellung nur so lange Bedeutung hat, als wir sie im Kopfe tragen, wie sie gar nicht herunterspaziert in «Sepperls Kasten», sondern wie sie eben sich verändert, wenn sie nicht mehr im Bewußtsein präsent ist, geradeso haben schließlich diejenigen Vorstellungen, die man rein vorstellungsgemäß von der Geschichte bildet, nur für den Kopf Bedeutung, das, «was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln».

[ 30 ] There must flow into ordinary powers of comprehension a reflection, but a living one, of what I have been saying. If mankind's past evolution is contemplated merely in the light of the frigid ideas of history it remains just image, an image which has significance only as long as it remains in our head. Just as the mental pictures we form of sense perceptions have significance only as long as we have them in our heads, so, too, the mental pictures of history formed purely intellectually have significance only for the head. What in popular terms is called “the spirit of the times” is in fact the historian's own spirit held up to reflect the times.

[ 31 ] Wirkliche Geschichte lernt man erst erkennen, wenn man sich mit solcher lebendigen Erkenntnis in die Realität der Weltenentwickelung und auch der Menschheitsentwickelung einlebt, wenn man Lust und Leid bis zum höchsten Maße empfinden kann in demjenigen, was sich äußerlich in der Welt abspielt; wenn man zum Beispiel den Seelenblick zurückwendet, sagen wir in die urpersischen, urindischen oder griechischen Zeiten oder in irgendeine Zeit, wenn man zum Beispiel mit den Griechen empfindet, wie sie ihre Tragödie nicht so erlebt haben, wie der heutige Mensch seine Theaterstücke erlebt. Schon Goethe hat noch elementar unterschieden zwischen der griechischen Tragödie und dem modernen Drama, indem er gesagt hat: Das moderne Drama ist ein ganz Abgelähmtes, Abgeschattetes. Ein das Weltgeschick Bezwingendes, das war die griechische Tragödie. Aber deshalb hat derjenige, der die griechische Tragödie empfunden hat, auch nicht so empfunden wie der moderne Mensch, der zum Amüsement in das Theaterstück geht und es dann über sich sehr neutral hinströmen läßt. Der Grieche empfand, indem er seiner Tragödie gegenübersaß, so, daß ihn das erschütterte, durchrüttelte bis in die physische Leiblichkeit hinein; daß er etwas Wesentliches sah darinnen, ob er eine Gänsehaut über den Rücken empfand bei dem oder jenem. Und er empfand in der Tragödie etwas wie ein Heilmittel, denn die Vorstellung war auch bei den Griechen vorhanden, daß das Leben von der Sünde, von der Schuld, also Krankheit durchzogen ist, daß man in den öffentlichen Schaustellungen Heilmittel braucht, welche das Leben immer wieder und wiederum aus einem schuldhaft kranken Leben hinaufheben in seine eigentliche, ihm gemäße Wesenheit. So war die griechische Tragödie das Heilmittel für dasjenige, was immer wiederum im sozialen Leben krank wurde, nicht dasjenige, was in der Ecke des Lebens zum Amüsement da war.

[ 31 ] One only learns real history when one participates with living knowledge in the reality of world evolution and mankind's evolution, when one feels the greatest intensity of pleasure and pain in the events taking place in the world. This means, for example, to turn the eye of the soul backwards in time to, let us say, ancient Persia, India or Greece; or any other past age. When, for instance, one feels how differently the Greeks experienced their tragedies from the way modern man experiences a theater performance. Goethe pointed to the fundamental difference between Greek tragedies and modern dramas when he said that a modern drama is a shadowy affair, whereas a Greek tragedy was a world-shaking event. And certainly those who experienced a Greek tragedy were affected by it very differently from the way modern man is affected. The latter goes to the theater to be amused and lets the play flow over him indifferently. When a Greek watched a tragedy, he felt shaken through and through; he felt shattered right down into his bodily nature. The basic issues he saw portrayed sent a chill down his spine. The Greeks also experienced life as full of sin and guilt and therefore full of sickness. They felt the tragedy as a healing force. They felt that a remedy was needed and that the public performances repeatedly raised life out of its state of guilt and sickness to what it truly ought to be. Thus, the Greek tragedy was not something that merely provided amusement, it constituted a power that acted as healing for what, in social life, continuously fell into sickness.

[ 32 ] Ich möchte sagen: Was ist das moderne Drama für den Menschen der gegenwärtigen Sozietät? Nun, damit ich nicht sage: es ist bloß dasjenige, was je nach dem Geschmack der Friseur und die Friseuse tun, wenn sie den Menschen frisieren, möchte ich sagen: Es ist dasjJenige, was der Friseur und die Friseuse tun, wenn sie dem Menschen den Kopf waschen! - Dasjenige aber, was die griechische Tragödie war, war das, was der Arzt tut, der wirklich verständige Arzt, der den kranken Organismus mit innerlich wirkenden, gesundenden Heilmittelkräften durchsetzt, die diesen kranken Organismus innerlich dynamisch durch und durch wirksam durchsetzen. Der Grieche appellierte eben noch viel mehr an das Seelische als der moderne Mensch. Ja, wenn man aber die Geschichte so betrachtet, wenn man sich so hineinversetzt in die Lage, in der ein Grieche war, wenn er der Tragödie zusah, dann ist eine solche geschichtliche Betrachtung schon etwas anderes als diejenige, die man gewöhnlich hat, wobei man ganz unteilnahmsvoll bleibt.

[ 32 ] What effect has modern drama on present-day society? Its effect might be compared with that of having one's hair shampooed by the hairdresser, whereas the effect of a Greek tragedy must be compared with one's soul and body being healed by a truly competent physician who with genuine health-giving medicine dynamically vitalizes the organism through and through. When one approaches history, identifying oneself completely with every situation such as the one of a Greek watching a tragedy, then history is indeed experienced very differently from the usual way where there is no participation.

[ 33 ] Wenn man wirklich Geschichte lernt, geht man mit seiner Seele in die alten Zeiten hinein. In der gegenwärtigen Welt leidet man - wenn Sie jetzt nachher hinausgehen und keinen Regenschirm haben, werden Sie es schon sehen. Es wird zwar kein ganz schweres Leiden sein, aber aus dem gegenwärtigen Leiden kann es sehr leicht der Fall sein, daß etwas Schlimmes entsteht und Sie wirklich physische Schmerzen erdulden müssen -, aber man gebraucht kein Heilmittel gegen das Leiden. Die Griechenzeit hat es getan; und versetzt man sich wirklich hinein in das griechische Zeitalter, so versetzt man sich eben, wenn man das Anthroposophische in Betracht zieht, mit seiner Seele hinein. Man geht da hinein mit seiner Seele. Ich möchte sagen, wenn ich mich trivial ausdrücken darf: Auf diese Art fangen Sie erst das Seelische ab, während Sie es sonst heute in der gewöhnlichen Menschlichkeit unterdrücken. Sie fangen das Seelische ab, Sie lernen das Seelische erst erleben in der Weltbetrachtung.

[ 33 ] In the present-day world there is also social sickness, but no remedy is sought as was done in ancient Greece. If one really transfers one's soul into the Greek age in the anthroposophical sense then—if I may express myself somewhat trivially—one at last catches hold of the soul element which nowadays is otherwise suppressed in ordinary consciousness. In contemplating the world, one discovers the soul.

[ 34 ] Das ist es, was ich schildern wollte, um Ihnen zu zeigen, wie man erst aus seinen Verborgenheiten heraus das Seelische aufsuchen muß, wenn man zu der Betrachtung des Seelischen kommen will, wie man nichts vom Seelischen bekommt, wenn man an die bloßen Bilder sich wendet, die die Menschen zunächst im gewöhnlichen Bewußtsein von der Welt sich machen. Und dann beschreiben das die Psychologen als Seeleninhalt. Schlagen Sie heute ein Buch auf über Seelenkunde, da haben Sie zuerst Kapitel über Vorstellungen, aber die Vorstellungen so, wie sie sind im gewöhnlichen Bewußtsein, nicht wie sie da unten sind. Was verlöscht in jedem Augenblick (Zeichnung S. 39, rot), das wird einem geschildert, nicht dasjenige, was da unten sich als Parallelvorgang abspielt. Kurz, wenn man heute Seelenkunde betrachtet, dann ist es ungefähr so, nun, sagen wir, wie wenn man eine Versammlung veranstaltet, wo die Menschen sich beraten sollen.

[ 34 ] This is what I wanted to describe to you in order to demonstrate that if the soul is to be known in its reality one must first find where it is hidden. The images produced in ordinary consciousness tell one nothing of the soul. However, these images are what psychologists describe as soul. If one opens a book on modern psychology one finds the first chapter dealing with mental pictures but described in the way they appear in ordinary consciousness. What psychologists describe is that which at every moment dissolves (see drawing, red, page 24). Nothing is said about the parallel process taking place beneath it. This approach of modern psychology could be compared with a conference in which instead of the chief speakers being present only their portraits were there.

[ 35 ] Nehmen wir an, Engländer beraten sich hier; die haben es gern, wenn Lloyd George mitspricht. Sie sagen: Wir wollen jetzt eine Beratung abhalten. Lloyd George soll mitsprechen. - Jetzt holen sie sein Porträt, setzen es auf einen Stuhl, und da haben sie ihn auch als einen Mitberater. Die Franzosen ebenfalls den Clemenceau, die Deutschen sogar Bismarck. Nun, nicht wahr, das ist auch da! Ja, in bezug auf die Welt verhalten sich diese Bilder so, wie sich das menschliche Vorstellungsleben, wenn man es nach dem gewöhnlichen Bewußtsein schildert, zur Realität verhält. Man hat es eben bloß mit Bildern zu tun. Man muß erst darauf kommen, was hinter diesen Bildern für eine Realität steckt.

[ 35 ] The portraits would have the same relation to the living reality they depict as man's mental life has to reality in ordinary consciousness. Psychologists are dealing with nothing but pictures; what matters is the reality behind them.

[ 36 ] Das habe ich mich bemüht zu zeigen, was hinter diesen Bildern für eine Realität steckt. Man hat nicht das Seelische für das gewöhnliche Bewußtsein; man muß es erst aus seinen Tiefen heraufholen. Das ist das Wichtige. Das ist es, was man eben durchaus ins Auge fassen muß, wenn man über die menschliche Seele sprechen will in ihrem Verhältnisse zur Weltentwickelung. Denn man kommt allmählich mit dem Seelischen in die Weltentwickelung selber hinein, wenn man das Seelische in seiner Wahrheit betrachtet.

[ 36 ] I have been at pains to show you the reality that lies behind mental pictures. One cannot reach the soul through ordinary consciousness. It must first be drawn up from hidden depths. That must be kept in mind; to do so is very important when one speaks about the human soul in relation to world evolution. As the soul's true being is attained, so one gradually enters into world evolution.

[ 37 ] Ich habe mit diesen zwei ersten Vorträgen versucht, Ihnen zu zeigen, wie okkulte Erkenntnis sich allmählich das Seelische erobert. Wir werden nun in den nächsten drei Vorträgen das menschliche Seelenleben in seiner Verbindung mit der Weltentwickelung, nachdem die gesunde Grundlage jetzt geschaffen ist, in einer möglichst populären Form betrachten.

[ 37 ] In these first two lectures I have attempted to show how, through spiritual knowledge, one can reach the soul. Now that a foundation has been laid we shall consider, in the further lectures, human soul life and its connection with world evolution in a more accessible form.