Menschliches Seelenleben und Geistesstreben
im Zusammenhange mit Welt- und Erdentwickelung
GA 212
29 April 1922, Dornach
Erster Vortrag
[ 1 ] Der Vortragszyklus wurde angekündigt unter dem Titel: «Das menschliche Seelenleben im Zusammenhange mit der Weltentwickelung.» Es ist das menschliche Seelenleben ja zunächst im Menschen selbst so, daß man aus dem Erleben des Seelischen nicht unmittelbar sich veranlaßt fühlt, die Frage nach der Beziehung der menschlichen Seele zu der Weltentwickelung im großen aufzuwerfen, das heißt, sie aufzuwerfen im bewußten Sinne. Dagegen im unbewußten Sinne wirft die menschliche Seele fortwährend gerade diese Frage auf: Wie stehe ich als Mensch zu der allgemeinen Weltentwickelung im großen? - Und man kann sagen, daß im Grunde genommen gerade das religiöse Leben der Menschheit immer ein Ergebnis war dieser unbewußten Frage in den menschlichen Seelentiefen. Denn jene Beziehung, in die sich der Mensch in einer mehr oder weniger klaren Weise in religiöser Art zu dem Ewigen setzt, ist eigentlich der Ausdruck dieser unbewußten Frage in den menschlichen Seelentiefen.
[ 2 ] Im Bewußtsein verläuft das Seelenleben so, daß der Mensch gewissermaßen in seiner Seele sich wie abgeschlossen fühlt, daß er sich fühlt in demjenigen, was er durch die Außenwelt mit Hilfe seiner Seele erlebt, daß er sich fühlt in demjenigen, was zurückbleibt an Erinnerungen in dem Seelenleben durch die Eindrücke der Außenwelt, daß er erlebt, was seine Empfindungen, seine Gefühle ihm gesagt haben bei dem Erleben der Außenwelt, bei dem Erleben der weiteren Schicksale der Außenwelt, in den Erinnerungsvorstellungen und so weiter, daß der Mensch dann, wenn er auf sein Willens-, auf sein Tatenleben hinsieht, sich sagt: Aus dem tiefsten Inneren meines Wesens, aus Tiefen, über die ich mir zunächst gar nicht Rechenschaft geben kann, quellen heraus die Impulse meines Vorstellens, meines Fühlens, meines Wollens.
[ 3 ] Von dem Vorstellen in Anlehnung an die äußeren Sinneswahrnehmungen, von dem Vorstellen, das in Erinnerungen lebt, von den Willensimpulsen, die sich ausleben in äußeren Taten, von alledem spricht der Mensch als von etwas Abgeschlossenem, wenn er zunächst hineinblickt in sein Seelenleben, wenn er zu dem kommen will, was man im gewöhnlichen Leben Selbstbeobachtung, Selbstbetrachtung nennt. Allein einem tieferen Einblick in das eigene Wesen wird es sofort klar, daß mit einer solchen Selbstbeobachtung dennoch die tiefsten Seelenbedürfnisse durchaus nicht befriedigt werden können, daß der Mensch in seinem tiefsten Inneren die Frage aufwerfen muß: Was ist da in mir, das zusammenhängt mit irgendeinem Ursächlichen, mit einem Ewigen vielleicht, das den vorübergehenden Erscheinungen, die ich in Natur und Menschenleben vor mir habe, zugrunde liegt?
[ 4 ] Der Mensch sucht gewissermaßen nach der tiefsten Wurzel seines eigenen Wesens im Gefühle, in der Empfindung zunächst. Und daraus ergibt sich ihm dann die entweder erkenntnismäßig oder religiös oder sonst irgendwie gestaltete Frage: Wie ist diese Wurzel nun eingewurzelt? Diese Wurzel, die ich in mir fühle, wie ist sie eingewurzelt in einem Objektiven, in einem vielleicht Kosmischen, kurz, in einem Äußeren, das ähnlich ist meinem Inneren, das so ist, daß ich mit dieser Einwurzelung meines Inneren in ihm befriedigt sein kann? - Im Grunde genommen hängt des Menschen Seelenstimmung davon ab, ob er irgendwie im Leben in der Lage ist, eine in der einen oder anderen Weise geartete Antwort auf diese für das Leben der Seele innerlichst schicksalsmäßige Frage zu gewinnen.
[ 5 ] Wir haben mit diesen Worten einleitungsweise ein wenig darauf hingedeutet, wie sich in gewissem Sinne das menschliche Seelenleben widerspruchsvoll ergibt, widerspruchsvoll so, daß man es zunächst wie ein Abgeschlossenes in Denken, Fühlen und Wollen hat, daß man aber damit durchaus nicht befriedigt sein kann, weil man ja äußerlich auch wahrnimmt, wie gewissermaßen das leibliche Gehäuse das Schicksal teilt der anderen Naturobjekte, des Entstehens, des Vergehens, und wie einer äußerlichen Betrachtungsweise durchaus nicht aufgehen kann, inwiefern das Seelische mit einem Ewigen zusammenhängen kann, da man es doch zunächst für die äußere Beobachtung hinschwinden sieht mit dem Aufhören des Lebens im physischen Leibe.
[ 6 ] Das innerste Bedürfnis der Seele widerspricht zunächst dem, was die Seele bei einer ersten Selbstbeobachtung, wie sie sich eben im gewöhnlichen Leben ergibt, haben kann. Dann, wenn man so recht tief empfindet dieses Widerspruchsvolle, das aber zusammenhängt mit diesem schicksalsmäßigen inneren Erleben des Menschen als Menschen, dann sieht man sich wohl dieses wogende, webende Seelenleben an, und man findet dann, daß es gewissermaßen nach zwei Polen hin besonders geartet ist, daß es nach der einen Richtung hin das Vorstellen, nach der anderen den Willen ausbildet. Zwischen dem Vorstellen und dem Willen findet man das Gemüt, das Fühlen, und man wird gewahr, wie die Vorstellungen, die man, sagen wir, aus der Außenwelt schöpft, von Empfindungen, von Gefühlen begleitet werden, die diesen Vorstellungen die innere Seelenwärme, die die Seele braucht, geben. Man wird gewahr, wie auf der anderen Seite dasjenige, was als Willensimpulse aus der Seele fließt, wiederum zusammenhängt mit Empfindungs- und Gefühlsmäßigem, wie wir aus gewissen Gefühlen und Empfindungen heraus die eine oder die andere Willensentschließung fassen, wie wir im Gefühle begleiten, was aus dieser Willensentschließung wird, indem wir entweder mit dem, was wir wollen, beziehungsweise was aus dem Wollen wird, zufrieden sind in uns selbst oder unzufrieden. Wir sehen gewissermaßen an dem einen Pol des Seelenlebens das Vorstellen, an dem anderen Pol das Willensleben, und wir sehen in der Mitte drinnen, sich anschließend an das Vorstellungsleben, sich anschließend an das Willensleben, das Gemüts-, das Gefühls-, das Empfindungsleben.
[ 7 ] Und wenn wir das Vorstellungsleben mehr ins Auge fassen - Ja, wenn wir ehrlich sind, so müssen wir uns für das gewöhnliche Leben gestehen, daß unser Vorstellungsleben so verfließt, daß es sich zunächst anschließt an dasjenige, was wir von außen her erleben, was unsere gesamten Sinne an der Außenwelt erleben. Gewiß, das Seelenleben setzt in einer gewissen Weise das Erleben der Sinne fort, gibt dem Erleben der Sinne Färbung, bringt manchmal die Erinnerungsvorstellungen mit einer ganz anderen Färbung heraus aus dem Inneren, als sie erfaßt sind an der äußeren Sinneswelt. Aber derjenige, der sich nicht Träumereien hingibt und der selbst seiner Phantasiewelt so gegenübersteht, daß er sich nicht in Illusionen wiegt, der wird doch überall im Vorstellungsleben finden, wie es angeregt ist von der äußeren Sinnesempfänglichkeit. Und wenn wir dann gewissermaßen uns abschließen von der äußeren Sinnesempfänglichkeit und, ohne daß wir einschlafen, in unserem eigenen Vorstellungsleben verharren, ohne daß wir den Willen entfalten, dann kommt allerdings in dieses Vorstellungsleben allerlei hinein, was Erinnerung an äußere Wahrnehmungen ist, was umgestaltete äußere Wahrnehmungen sind. Allein wir empfinden ganz deutlich den Bildcharakter dessen, was wir da in ihnen erfassen, wenn wir gewissermaßen alle Sinne schließen und im Inneren das bloße Vorstellen erleben. Wir fühlen, daß wir Bilder haben von dem, was diese Vorstellungen ausdrücken. Wir fühlen sogar das Flüchtige dieser Vorstellungen; sie treten in unserem Bewußtsein auf, sie treten wiederum aus unserem Bewußtsein heraus. Wir können nicht so unmittelbar gewahr werden, ob an ihnen eine Wirklichkeit ist, oder ob sie bloße Bilder sind. Oder wenn wir voraussetzen, daß ihnen eine Wirklichkeit zugrunde liegt, so können wir diese Wirklichkeit zunächst nicht erfassen, weil die Vorstellungen sich uns als Bilder ergeben. Wir wissen ganz genau: Indem wir in den Vorstellungen leben, leben wir in einer Bilderwelt.
[ 8 ] Und radikal verschieden von dieser Bilderwelt ist dann dasjenige, was wir in unserer Willenswelt erleben. Das kann nicht durchschaut werden von unserem gewöhnlichen Bewußtsein. Das gewöhnliche Bewußtsein faßt einen Gedanken oder einen unbestimmten instinktiven Impuls: Ich will das und das, ich will den Arm bewegen. — Nach einer verhältnismäßig kurzen Zeit erfolgt die Armbewegung. Man sieht wiederum die Armbewegung. Man hat zwei Vorstellungen: die Vorstellung, daß man den Arm erheben will, die Vorstellung, daß der Arm erhoben ist. Was dazwischen sich in unserer menschlichen Wesenheit als Wille entfaltet hat, davon hat man zunächst keine Vorstellung. Das verschwindet in das Unbewußte wie die Zustände des Schlafes. In bezug auf unseren Willen schlafen wir auch wachend. Während die Vorstellungen mit lichter Klarheit in unserem gewöhnlichen Bewußtsein sein können, während wir bei den Vorstellungen zwar nicht wissen, wie sie in einer Wirklichkeit wurzeln, wir sie aber doch ganz klar, hell in unserem Bewußtsein haben können, entfällt uns dasjenige, was Wille ist, aus dem Bewußtsein, wenn dieser Wille sich vollzieht.
[ 9 ] Aber dafür wissen wir mit Bezug auf diesen Willen etwas anderes. Dieser Wille, wenn er zur Tat wird, wenn er also wirklicher Wille ist, nicht bloßer Wunsch, er drückt sich zweifellos in einer Realität aus. Ich habe zunächst die Vorstellung, sie ist ein Bild: Ich werde den Arm heben. - Was dann geschieht, das gewöhnliche Bewußtsein weiß es nicht, aber der Arm wird gehoben. Ein realer Vorgang der Außenwelt vollzieht sich. Was im Willen lebt, wird äußere Wirklichkeit, wie die anderen Vorgänge der Natur äußere Wirklichkeit sind.
[ 10 ] Bei meinen Vorstellungen habe ich den Bildcharakter. Ich weiß zunächst nicht, wie das, was da im Gedanken sich als Vorstellung auslebt, zusammenhängt mit irgendeiner Realität. Bei meinem Willen weiß ich ganz genau: mit der Realität hängt er zusammen, aber ich kann ihn nicht hell und klar durchschauen wie die Vorstellungen.
[ 11 ] Und dasjenige, was zwischendrinnen ist, die Empfindung, das Gefühl, die die Vorstellung färben, die den Willen färben, sie nehmen teil an der Helligkeit, an der lichten Klarheit der Vorstellung auf der einen Seite, und an der Finsternis, an der Unbewußtheit der Willensimpulse auf der anderen Seite. Wir sehen eine Rose. Wir vergegenwärtigen sie uns innerlich als Bild. Wir ziehen unser Auge ab von der Rose. Wir haben sie als Bild in der Vorstellung. Wir sind als Menschen nicht von absoluter innerer Kälte durchzogen. Wir empfinden Freude an der Rose, wir empfinden Gefallen an ihr. Wir sind innerlich befriedigt von dem Dasein der Rose. Zunächst können wir uns allerdings nicht sagen, wie aus unserem menschlichen Wesen heraus dieses Gefühl der Freude, dieses Gefühl der Befriedigung von dem Dasein der Rose, dieses Gefühl des Gefallens entsteht. Wie es entsteht in unserem Inneren, es bleibt zunächst für das gewöhnliche Bewußtsein unbestimmt, aber es verbindet sich mit der hellen, lichten Klarheit der Vorstellungen. Es tingiert gewissermaßen, es färbt die Vorstellungen. Wenn wir eine deutliche Vorstellung von der Rose haben, so haben wir auch eine deutliche Vorstellung von dem, was uns gefällt. Es überträgt sich die helle, lichte Klarheit der Rosenvorstellung auf unser Fühlen.
[ 12 ] Wenn wir aber einen Willensimpuls haben - wir brauchen uns nur zu prüfen -, so kommt er aus den Tiefen unseres Wesens heraus: Ich will das, ich will jenes. - Aber wie oft sehen wir uns instinktiv zu dem oder jenem gedrängt! Unser Vorstellen sagt uns oft: Das sollte gar nicht geschehen; unser Vorstellen sagt uns oftmals: Wir sind mit dem, was da geschieht, eigentlich unzufrieden. — Aber dann wiederum, wenn wir zurückblicken auf unser eigenes Seelenleben und nach unseren Gefühlen fragen, so müssen wir doch sagen: Aus einem bestimmten Gefühl heraus hat sich das vollzogen, womit wir sogar unzufrieden sein können, und was so in den dunklen Seelentiefen wurzelt, daß sogar seine Qualität uns ihrem Ursprunge nach unbewußt bleibt. Und das, was wir dabei empfinden, ich möchte sagen, stürzt sich in einer gleichen Weise in diese Unbewußtheit, in diese Finsternis des Wollens hinunter. In welch anderer Weise nimmt unser Fühlen teil auf der einen Seite an der hellen Klarheit des Vorstellungslebens, auf der anderen Seite an der Dumpfheit des Willenslebens!
[ 13 ] So erscheint uns unser Seelenleben dreifach: als Denken, als Vorstellen also, als Fühlen, als Wollen. Aber es ist nach den beiden Polen hin innerlich wesenhaft ganz verschieden gestaltet.
[ 14 ] Nun, das Vorstellen verweist uns zunächst auf die Sinneswelt. Gewiß, wir nehmen nicht bloß einfache Sinneswahrnehmungen in unser Bewußtsein herein. Einfache Sinneswahrnehmungen wären: rot, blau, Cis, C, G, warm, kalt, wohlriechend, übelriechend, süß, sauer und so weiter. Auch fortlaufende Strömungen dieser Sinnesempfindungen können wir noch unmittelbar der Sinneswelt selber zuschreiben. Allein dann, wenn wir komplizierteren äußeren Vorgängen gegenüberstehen? Nehmen wir nur einmal an, wenn wir einem Menschen gegenüberstehen: Unzählige Sinnesempfindungen kommen von diesem Menschen zu uns her. Was wir in seinem Antlitz sehen, was wir sonst an ihm sehen, was er spricht, die Art und Weise, wie er sich bewegt - wir könnten viele einfache Sinnesempfindungen anführen; allein das alles formt sich eben zu einem Ganzen, zu demjenigen, was wir dann als diesen Menschen erleben. So daß wir sagen können: Durch die Sinnesempfindungen erleben wir die Welt.
[ 15 ] Aber nur die Sinnesempfindungen selbst sind im engeren Sinne an uns gebunden. Die einfachen Sinnesempfindungen, rot, blau, Cis, G, warm, kalt und so weiter, stehen uns am nächsten in bezug auf unser seelisches Leben. Dasjenige, was wir in komplizierterer Weise erleben - wir denken an einen Menschen, wir können aber auch an ein ganz äußeres Ereignis denken -, setzt sich zum Schluß auch als ein Sinneserlebnis zusammen. Das steht uns als ein objektives äußeres Erlebnis gegenüber. Wir wissen, wir sind mit dem Rot der Rose eng verbunden, indem wir unser Auge der Rose exponieren. Aber wenn wir einmal gesehen haben, wie, sagen wir, eine Mutter ihrem Söhnlein eine Rose geschenkt hat, so haben wir einen komplizierteren Vorgang. Er sondert sich von uns ab; da sind wir nicht so intim damit verbunden, und erst wenn wir aus dem, was wir etwa wissen über die Rose von Schiras, uns erinnern an Komplizierteres, das wir nicht gesehen haben, das wir nur auf eine andere Weise vernommen haben, auf eine Weise, wo die Sinnesempfindungen gar nicht mehr einen unmittelbaren Bezug haben auf das Äußere, kommt es uns etwas näher. Wir haben es vielleicht gelesen, die Sinnesempfindungen waren diejenigen von der Druckerschwärze, von den Formen der Buchstaben auf dem Papier, oder wir haben es gehört, indem es uns jemand erzählt hat, aber diese Sinnesempfindungen weisen uns auf etwas hin, was sich von uns stark absondert. Wir können den Unterschied finden zwischen dem Intimen, das die Sinnesempfindungen haben zu unserem Seelenleben, und demjenigen, was sich dann mehr äußerlich abhebt von uns, was wir nur mittelbar durch die Sinnesempfindungen haben.
[ 16 ] Ein Ähnliches ist aber auch nach dem anderen Pol des menschlichen Lebens der Fall. Wenn ich einen Arm bewege, ist das eine Willensentfaltung. Es geschieht nichts anderes als etwas an meinem eigenen Organismus. Ich bin mit dem, was da als Willensentfaltung aus dem Willensimpulse hervorgeht, eng verbunden. Ich bin so intim damit verbunden, wie ich mit einer Sinnesempfindung intim verbunden bin. Aber nun denken Sie daran: Wenn ich nun durch meine Willensimpulse nicht einfach meinen Arm bewege, sondern Holz hacke, dann sondert sich das, was durch meinen Willen geschieht, schon von mir ab. Es wird ein äußerlicher Vorgang. Es ist ebenso Ergebnis meines Willensimpulses wie die Bewegung des Armes, aber es sondert sich von mir ab. Es ist äußerlich vorhanden. Und denken Sie, welche komplizierteren Vorgänge nun hervorgehen können aus solchen Willensimpulsen! Wenn Sie aber genauer auf die Sache eingehen, werden Sie vergleichen können, was auf der einen Seite in uns hereinkommt, indem die intimen Sinnesempfindungen uns führen zu den äußeren Begebenheiten, die von uns abgesondert sind, und das, was aus uns herauskommt, indem die Willensimpulse sich absondern von dem, was nur Ergebnis des Willensimpulses aus unserem eigenen Organismus ist, indem die Willensimpulse zu äußeren, sich eben von uns absondernden Geschehnissen werden. So stehen wir in der Welt drinnen durch die beiden Pole unseres menschlichen Wesens.
[ 17 ] Nun werden wir aber gerade, wenn wir eine solche Betrachtung uns vorführen, dazu geführt, auf diesen wesentlichen Unterschied hinzuschauen, der besteht zwischen der Beziehung unseres Seelenlebens zu dem, was durch unsere Sinne kommt, was da draußen in der Welt auch vorgeht: irgendein äußeres Ereignis, das da in der Welt vorgeht, das ich durch Sinnesempfindungen wahrnehme, das steht draußen in der Welt; aber irgend etwas, was ich durch meine Willensimpulse bewirkt habe, was aus mir hervorgegangen ist, steht auch draußen in der Welt. Beides sind äußere Vorgänge. Wenn ich mich nun das eine Mal in meinen Sinnesempfindungen wegdenke und nur den äußeren Vorgang mir vorstelle: es ist ja ein äußerer Vorgang; das andere Mal, wenn ich mich wegdenke durch meinen Willensimpuls und hinsehe auf das, was durch mich geschehen ist: es ist auch ein äußerer Vorgang. Ich stehe zu der Außenwelt in einer zweifachen Weise in Beziehung. Aber das, wozu ich in Beziehung stehe, sind eben äußere, von mir abgesonderte Vorgänge. In der Außenwelt läuft das eine in das andere hinein.
[ 18 ] Nehmen Sie an, ich hacke Holz. Ich sehe zunächst das Holz vor mir. Vielleicht sehe ich nicht nur das Holz vor mir, sondern einen komplizierten äußeren Vorgang. Ich sehe jemanden, der das Holz vor mir herträgt, es vor mir niederlegt, das ich dann zu spalten habe. Jetzt bin ich bereit, das Holz zu hacken, zu spalten. Wiederum führen mich bei jedem Stück meine Sinnesempfindungen. Ich habe erst das Stück so; jetzt hacke ich hinein, jetzt ist es so. So [wie oben] war es ohne mich. Dies [unten] ist durch mich geschehen (siehe Zeichnung). Die Sinnesempfindungen gehen vom einen ins andere hinein, so daß dasjenige, was durch mich geschieht und durch mich nicht geschieht an äußeren Ereignissen, ein ineinanderfließender Strom ist.
[ 19 ] Man muß nur fühlen, wie sich gerade das Rätsel des Seelenlebens an dieser einfachen Frage entzündet, wie ich auf der einen Seite hinschaue auf das, was als Welt fertig dasteht, auf der anderen Seite auf das, was durch mich geschieht. So ist zunächst, ich möchte sagen, der simpelste äußere Tatbestand unserer Beziehung als Seele zur Umwelt charakterisiert. Es ist natürlich nichts Besonderes gesagt, indem man es so charakterisiert, aber es ist das Rätsel eben zunächst wenigstens aufgeworfen von einer gewissen Seite her.
[ 20 ] Wir wollen nun von einer anderen Seite her das Problem, das Rätsel aufwerfen. Wir haben unsere Sinne an uns. Durch diese Sinne wissen wir eigentlich zunächst etwas von der Außenwelt. Wir haben unsere Glieder an uns. Durch diese Glieder setzen wir uns in Bewegung. Und im Grunde genommen geschieht alles, was wir in die Außenwelt hineinbringen durch unsere Willensimpulse, durch Vermittelung unserer Glieder. Wir haben also auf der einen Seite unsere Sinneswelt, auf der anderen Seite unsere Glieder. Und schon aus dem ganzen Tatbestand, wie wir ihn dargestellt haben, können wir uns sagen: Die Wesenheit unserer Glieder, die Wesenheit unserer Sinne, sie sind auch polarisch entgegengesetzt. Bei unseren Sinnen hört gewissermaßen die Außenwelt auf, ehe sie unser Inneres wird; bei unseren Gliedern fängt gewissermaßen eine Außenwelt an, die dann sich von uns absondert, die weiterströmt. Das fordert uns auf, eine Beziehung zu suchen zwischen unseren Sinnen und unseren Gliedern. Sie können sich vielleicht ein Wesentlichstes dessen, was in den menschlichen Sinnen sich ausdrückt, vor Augen führen, wenn Sie das Auge betrachten, denn das Auge drückt die Wesenheit des Sinnes vielleicht am alleranschaulichsten aus. Das Auge ist ein verhältnismäßig selbständiges Organ; es ist als selbständiges Organ eingesetzt in seine Knochenhöhlung. Nur als Stränge, als Fortsetzung nach rückwärts geht in das Innere unseres leiblichen Organismus hinein, was als Nervenleben, Blutleben des Auges sich entfaltet. Da ist eine Verbindung mit unserem Gesamtorganismus, aber abgesehen davon ist das Auge verhältnismäßig selbständig.
[ 21 ] Wir sehen eine ganze Reihe von, ich möchte sagen, zunächst physikalischen Vorgängen im Auge, wenigstens von Vorgängen, die wir physikalisch deuten können. Wenn wir symbolisch sprechen, können wir sagen: Das Licht kommt heran, dringt in unser Auge ein, wird dort in einer gewissen Weise verarbeitet. Ich will jetzt die physischen, die chemischen Vorgänge, die sich abspielen, nicht charakterisieren, denn ich will über das Seelenleben, nicht über Physiologie sprechen. Aber ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, wie wir also zunächst eine Art selbständigen Lebens im Auge haben.
[ 22 ] Wir können sogar diese Art selbständigen Lebens vergleichen mit dem, was vorgeht in einer Nachbildung des Auges, rein als physikalischer Apparat, einer Art Camera obscura, in die das Licht ähnlich einfällt wie in das Auge. Wir können gewisse Vorgänge haben, die dann allerdings nicht mehr im Auge leben, die nicht wie im Auge zur Empfindung werden, aber wir können gewisse Vorgänge nachbilden, wir können sie wie in einem gewissen physikalischen Apparat zur Darstellung bringen. Wir sehen daraus, daß da etwas einem physikalischen Vorgang Ähnliches in einem verhältnismäßig selbständigen Organismus vor sich geht, das nicht unmittelbar zum Bewußtsein kommt. Zum Bewußtsein kommt dann das, was der so und so geformte, so und so beleuchtete äußere Gegenstand ist. Dasjenige, was einem physikalischen Vorgange ähnlich ist, das spielt sich gewissermaßen unbewußt im Menschen ab, spielt sich als ein selbständiger Prozeß im Menschen ab. Daß das so sein kann, das verdankt der Mensch dieser relativen Selbständigkeit seines Sehorgans. Weniger auffällig ist das bei anderen Sinnen, allein es läßt sich für jeden Sinn etwas Ähnliches sagen; aber wir wollen es eben beim charakteristischen Sinn des Auges erfassen.
[ 23 ] Wir sehen, wie die Sinneswahrnehmung etwas verhältnismäßig Selbständiges ist. Wir können geradezu sagen, wenn wir das Auge in den Vorgängen, die in ihm selbst sind, betrachten (Zeichnung rot), so ist bis zu den Blutleitungen und Nervenleitungen da drinnen der Vorgang etwas wie eine Fortsetzung dessen, was in der Außenwelt geschieht, eben so stark eine Fortsetzung, daß wir es, wie ich es angedeutet habe, physikalisch nachbilden können. Es ist, wie wenn die Außenwelt wie in einem Golf sich nach dem Inneren erstreckte; gewissermaßen das, was in der Außenwelt geschieht, setzt sich in unser Inneres, ich meine physisch-leiblich Inneres, fort. Sehen Sie, das ist die eine Seite der Sinneswahrnehmung, daß sich das Äußere fortsetzt nach unserem Inneren; daß wir dann auf eine Weise, die wir gerade in diesem Vortragszyklus besprechen wollen, umfassen mit unserem Innenleben, mit unserer inneren Aktivität das, was sich von außen hineinbildet wie in einen Golf.
[ 24 ] Aber es gibt eine andere Seite des Sinneslebens. Es gibt die Seite des Sinneslebens, die man, wenn wir beim Auge stehenbleiben, etwa so charakterisieren kann. Ich will jetzt nicht von Blinden sprechen, sondern die Sache mehr im allgemeinmenschlichen Sinn betrachten; wir kommen auf alle diese Dinge dann vom Standpunkte der anthroposophischen Geisteswissenschaft intim zurück. Nehmen wir an, wir wären der Welt des Auges beraubt. Wir können uns schon in gewissem Sinne Vorstellungen machen darüber, daß wir dann ein Manko haben in unserem Seelenleben, daß uns etwas fehlt, eben das, was durch den Sinn des Auges hereinfließt. Man stelle sich nur vor, wie es ist, wenn es da im Inneren der Seele so dunkel ist, weil das Licht nicht hereinfließen kann. Wir wissen, daß es für das gewöhnliche Seelenleben oftmals bei gewissen Temperamenten, bei gewissen menschlichen Naturen, Furchtzustände hervorruft, wenn sie im Finstern sind. Menschen, welche blind sind oder blind geboren werden, werden allerdings bewußt nicht in solche Zustände versetzt, aber sie erleben ja objektiv ein Ähnliches wie ein Mensch, der sonst im Finstern lebt. Und daß sich an das Erleben der Finsternis, des Dunkels Furchtzustände anknüpfen, kann uns darüber belehren, daß eben unsere Gemütsverfassung mit dem zusammenhängt, was durch unser Auge in uns eindringt. Wir können uns aber auch vorstellen, daß solche Gemütszustände dann auf unsere organische Verfassung wirken.
[ 25 ] Derjenige, der zu einer gewissen Melancholie verdammt ist dadurch, daß er durch das Fehlen des Augenlichtes etwa im Finsteren leben muß, er wird diese Melancholie auf gewisse feinere Strukturen seines Auges übertragen. Und wir können uns leicht vorstellen, daß der Mensch nicht so wäre, wie er ist, wenn er nicht in seinen Organismus hinein das bekommen hätte, was eben durch das seelische Erleben der Helligkeit in uns hereinkommt. Dieses seelische Erleben der Helligkeit gießt sich aus über unser ganzes inneres Wesen. Es setzt sich in uns fort, setzt sich fort bis zu dem Grade, daß wir uns schon Vorstellungen darüber bilden können, wie, sagen wir, gewisse Gefäßvorgänge, gewisse innere Absonderungs- oder sonstige Vorgänge sich anders abspielen dadurch, daß das Erfrischende, das Auffrischende des Helligkeitswahrnehmens unseren Organismus durchwebt, während das Dunkelwahrnehmen in einer anderen Weise auch auf unsere innere Absonderung, auf unsere Zirkulation wirkt. Kurz, wir können uns vorstellen, wenn wir uns an das Auge halten, wie wir dem Auge nicht nur verdanken, daß wir gewisse Vorgänge und Wesenhaftigkeiten der Außenwelt in unserem Inneren uns repräsentieren können, sondern auch eine gewisse innere, nicht nur Seelenverfassung, sondern auch physische, körperliche Verfassung. Wir sind in einer gewissen Weise das, was das Licht aus uns macht.
[ 26 ] Wenden wir jetzt den Seelenblick ab vom Auge, bei dem wir auf der einen Seite sehen, wie es ein Sinnesorgan ist, wie es rein uns Vorstellungen gibt für unser inneres Seelenleben, wie es aber auch in allerlei unbewußten, instinktiven Prozessen durch das Erleben der Helligkeit oder Dunkelheit uns bis ins Körperliche hinein Erfrischung oder Verstimmung gibt, wie wir in einer gewissen Weise so sind, wie wir durch das Augenerleben eben sein können. Wenden wir davon den Seelenblick ab, und wenden wir ihn etwa auf unsere Lunge hin.
[ 27 ] Die Lunge steht auch mit der Außenwelt in einer Beziehung. Sie nimmt den Sauerstoff aus der äußeren Luft auf; sie verarbeitet ihn. Sie unterhält durch die Atmung unser Leben. Wenn wir nicht gerade ein indischer Yogi sind, nehmen wir für das gewöhnliche Bewußtsein nichts wahr, wenn wir unseren Lungenvorgang vollziehen. Aber je nachdem die Lunge wirkt, ob sie gesund die äußere Luft wahrnimmt, ob sie durch ihren Krankheitszustand nicht in der richtigen Weise die äußere Luft wahrnimmt, das wirkt in uns weiter. Wie wir atmen durch die Lunge, so sind wir. Wir nehmen nicht wahr durch die Lunge für das gewöhnliche Bewußtsein, aber wir haben etwas durch unsere Lunge, was macht, daß wir so und so sind in unserem Organismus.
[ 28 ] Für das Auge können wir sagen - und das können wir für jeden der äußeren Sinne -, es lebt auf der einen Seite im sinnlichen Wahrnehmungsvorgange, auf der anderen Seite leise in einem anderen Vorgange, denn wir müssen es uns erst zum Bewußtsein bringen, daß da durch das Helligkeits- oder Dunkelheitserleben in uns auch etwas vorgeht, das nicht so vehement, nicht so radikal ist, so ausgesprochen wie das, was durch die Sauerstoffaufnahme der Lunge in uns vorgeht. Daß der Mensch dasjenige ist, was die Sauerstoffaufnahme der Lunge aus ihm macht, das weiß er, weil das ein robuster, ein starker, intensiver vitalistischer Vorgang ist. Dasjenige, was wir durch das Auge haben, ist ein intimer, leiser vitalistischer Vorgang neben dem eigentlichen Sehvorgang. So daß wir sagen können: Bei einem solchen Organ, wie es die Lunge ist, ist das ganz besonders stark ausgeprägt, was beim Auge, bei einem Sinnesorgan, nur leise angedeutet ist.
[ 29 ] Nun aber können Sie nachlesen in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», wie der Mensch Übungen machen kann, durch die er gewisse, in ihm sonst verborgene Erkenntniskräfte zu höheren Fähigkeiten ausbildet. Durch solche Übungen wandelt er sein ganzes Inneres um. Dasjenige aber, was durch diese Umwandelung geschieht, läßt sich gerade für unser Beispiel so charakterisieren, daß die Lunge einen ähnlichen Charakter annimmt wie das Auge. Es tritt in einem allerdings höheren Schauen der vitalistische Vorgang zunächst zurück. Wir geben uns weniger dem hin, was die Lunge durch Atmung organisch aus uns macht; aber wir wandeln die Lunge so um, daß sie nun auch ein Sinnesorgan wird, allerdings nicht die physische Lunge, sondern einen feineren Teil, den ätherischen Teil der Lunge. Wir machen aus der Lunge in ihrer feineren Gliedrigkeit etwas Ähnliches, wie das Auge ist, ohne daß wir etwas dazu tun. Unser Auge hat die Natur zu einem Schauorgan gemacht, neben einem Organ, das an uns bildet. Die Lunge ist zunächst für unser gewöhnliches Bewußtsein ein Organ, das an uns bildet. Wir machen sie, indem wir in uns Erkenntnisse der höheren Welten erleben, zu einem Schauorganismus, zu einem höheren Sinnesorgan mit ihrem feineren ätherischen Teil.
[ 30 ] Und wenn wir dieses ätherische Wesen, das wir jetzt erst gewahr werden, an der Lunge erleben, können wir jetzt die Lunge ebenso beschreiben. Wir können sagen: Da ist die Lunge, die ätherische Lunge. Der Ätherleib der Lunge, der nimmt wahr, der ist also ein höheres Sinnesorgan. Und indem er die physische Lunge in sich trägt, ist er ein vitalisierendes Organ. Sie sehen, im Erlangen der Erkenntnis höherer Welten wird die Lunge aus einem gewöhnlichen, nicht wahrnehmenden Körperorgan, das aber dem Wachstum, der Lebensentfaltung des Körpers gewidmet ist, ein Sinnesorgan im höheren Sinne.
[ 31 ] Solche Betrachtungen können wir für das Herz anstellen, solche Betrachtungen können wir aber auch für die anderen Organe, für Nieren, für Magen und so weiter anstellen. Alle Organe, die der Mensch in sich trägt, können durch gewisse höhere Entwickelung, indem ihr Ätherisches oder ihr noch Geistigeres, das Astralische, zu Wahrnehmungsorganen werden, können Sinnesorgane werden.
[ 32 ] Wir schauen auf der einen Seite auf die Natur hin, dann auf unsere Sinne und sagen uns: In unseren Sinnen liegt etwas, was auf der einen Seite eben die Sinnesempfindungen vermittelt, auf der anderen Seite unsere Vitalität. Wir schauen auf unsere inneren Organe, Lunge, Herz und so weiter. Wir finden, das sind zunächst Organe, die unsere Vitalität unterhalten. Wir bilden sie aus durch jene Methoden, die ich beschrieben habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»; sie werden Sinnesorgane. Und so wie wir durch das Auge das Licht oder die Farben, das heißt, einen gewissen Teil der äußeren Sinneswelt wahrnehmen, so nehmen wir einen gewissen Teil der äußeren geistigen Welt wahr gerade durch das ätherische Lungenorgan, einen anderen Teil der geistigen Außenwelt durch das ätherische Herzorgan. Wir können unseren Gesamtorganismus in einen Sinnesorganismus umbilden.
[ 33 ] Sehen Sie, da haben Sie gewissermaßen real erfaßt, was sonst als Außenwelt nur bis an die Oberfläche der Sinne dringt und dann Vorstellung wird. Das haben Sie tiefer, aber jetzt als geistige Außenwelt an den Menschen herandringend. Der Mensch wird gewissermaßen, indem er sich zu Erkenntnissen höherer Welten entwickelt, indem er seine inneren Organe zu Sinnesorganen umbildet, nach und nach innerlich so durchsichtig, wie das Auge durchsichtig ist. Wir sehen, wie die Außenwelt ihn durchsetzt.
[ 34 ] Sie sehen aber daraus, daß, wenn wir beim gewöhnlichen Bewußtsein bleiben, wir nur hinschauen können auf die äußeren Sinne, die wir haben beschreiben können, wie sie sind. Aber denken Sie sich, kann ein Mensch die gesamte Völkerkunde der Erde kennen, wenn er nur drei Völker kennt, wenn er nur von drei Völkern gehört hat? Nein, denn er muß vergleichen können. Denken Sie, was uns zur Vergleichung gegeben wird für die Erkenntnis auch der äußeren Sinne, wenn wir uns fragen können: Wie sind unsere inneren Organe, wenn sie auch Sinne werden?
[ 35 ] Wir erlangen gerade dadurch eine ganz besondere Art von Menschenerkenntnis. Wir erlangen eine Erkenntnis von dem, was in uns veranlagt ist, was in uns werden kann. Ja, aber zeigt denn das nicht auf etwas anderes? Wirft denn das nicht eine bedeutungsvolle Frage auf? O ja, es wirft die Frage auf: Wenn unsere Lunge durch unsere eigene, durch uns in die Hand genommene höhere Entwickelung ein Sinnesorgan werden kann, wenn also gewissermaßen der Werdegang so ist, daß wir in der Lunge zuerst ein vitales Organ haben, dann ein Sinnesorgan, wie steht dann das zum Beispiel mit dem Auge oder mit einem anderen Sinn? Steht es da vielleicht so, daß es heute Sinnesorgan ist, aber auch einmal, aber nicht in einem bewußten Prozeß, wie wir es beim Erringen der höheren Erkenntnis machen, sondern einmal in einer früheren Weltentwickelung ein bloßes Vitalorgan war, das Auge also vielleicht ein Organ, das ähnlich dem Organismus gedient hat, wie heute die Lunge dient, ohne schon ein Wahrnehmungsorgan zu sein?
[ 36 ] Die Frage wird wenigstens zunächst aufgeworfen: Da in unseren Vitalorganen die Möglichkeit der Sinnesbildung steckt, da wir sehen, wie Sinn wird, werden wir da nicht darauf verwiesen, einmal zu achten, ob die Sinne nicht in einer ähnlichen Weise durch äußere Weltentwickelungen erschlossen worden sind, ob wir nicht mit dem Menschenwesen zurückgehen müssen in frühere Zeiten, wo das Menschenwesen noch nicht diese äußeren Sinne nach außen gewendet hat, sondern wo diese äußeren Sinne Innenorgane waren, Vitalorgane waren, wo also der Mensch in bezug auf seine jetzigen äußeren Sinne blind, taub war, aber seine Augen, die natürlich noch anders gestaltet gewesen sein müssen, zu etwas anderem gedient haben, ebenso seine Ohren zu etwas anderem gedient haben?
[ 37 ] Zugleich sehen wir, wie das Erringen der Erkenntnisse höherer Welten etwas hinzufügt zu derjenigen Menschenerkenntnis, die wir uns nur auf äußerliche Weise erringen können.
[ 38 ] Die meisten von Ihnen haben ja von mir Darstellungen gehört über das Wesen des Menschen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus. Indem ich heute zunächst einleitungsweise wiederum auf einen Gesichtspunkt eben nur hingewiesen habe, sehen Sie daraus, wie anthroposophische Weltbetrachtung von den verschiedensten Gesichtspunkten ausgehen kann, und durch das Zusammenfassen der Ergebnisse von diesen verschiedenen Gesichtspunkten aus eben erst zu einer Totalauffassung des menschlichen Wesens kommt.
[ 39 ] Man stellt sich eben oftmals vor, anthroposophische Forschung sei so, nun Ja, daß man eben einen geraden Weg zu den paar Definitionen gibt, die meistens in den Büchern stehen, die in nichtanthroposophischen Kreisen über die höheren Welten geschrieben werden. Das ist aber nicht so, sondern das, was man zunächst von einem Gesichtspunkte aus gewinnen kann — der manchmal in einer furchtbaren Weise abgekanzelt wird, weil die Leute eben glauben, es ist nur ein Gesichtspunkt da -, das kann eben ergänzend von anderen Gesichtspunkten aus wieder beleuchtet werden, und dann fügt sich das Ganze zusammen zu einem Wahrheitsgebäude der Anthroposophie, das sich eben selbst trägt.
[ 40 ] Wer gewöhnt ist an dasjenige, was er seinem Wahrheitswege zugrunde legt in unserem materialistisch gefärbten Zeitalter, der sagt vielleicht: Ja, diese Anthroposophie baut auf nichts Festem, währenddem die Wissenschaft auf der festen Beobachtung baut. - Das ist so, wie wenn jemand sagen würde: Die Erde kann doch nicht frei im Weltenraum schweben! Jeder Körper muß auf etwas liegen, wenn er nicht herunterfallen soll; also wenn die Erde nicht auf einem mächtigen kosmischen Klotz ruhte, so müßte sie ja herunterfallen. - Aber der Satz, daß alles auf dem Boden ruhen muß, gilt nur für die Dinge der Erde. Er gilt nicht mehr für die Weltenkörper, und es wäre eine Torheit, das, was für die Erde gilt, auf den Zusammenhang der Weltenkörper zu übertragen. Die tragen sich gegenseitig. Und so ist es bei den anthroposophischen Wahrheiten: sie führen eben aus der Welt, in die wir hineingewöhnt sind, zu den anderen Welten, in denen sich die Wahrheiten gegenseitig tragen. Dazu allerdings muß ein Wesentliches beigetragen werden, daß sich die Wahrheiten also selbst tragen.
[ 41 ] Das wollte ich heute als Einleitung geben zu den Vorträgen, die ich morgen und dann in der nächsten Woche über das menschliche Seelenleben in seinem Verhältnis zur Weltentwickelung geben werde. Ich wollte heute gerade die Einleitung so gestalten, damit man sieht, daß allerdings das, was dann mit Hilfe der übersinnlichen Forschungsmethode über dieses Seelenwesen gesagt werden kann, durchaus seinen Anfang nehmen kann in bezug auf die Betrachtungen von demjenigen, was sich eben schon einem vernünftigen Interpretieren des gewöhnlichen Bewußiseins ergibt.
[ 42 ] Ich konnte heute nur den ersten Schritt machen von einer äußerlichen Beschreibung hinein in die Art und Weise, wie das höhere Bewußtsein, sagen wir, die Lunge sieht beim Übergang in ein geistiges Sinnesorgan, wenn ich den widerspruchsvollen Ausdruck gebrauchen darf. Wir werden aber gerade auf diesem Wege weiterschreiten, um die angedeuteten Beziehungen des menschlichen Seelenlebens in den nächsten Tagen kennenzulernen.
