Menschliches Seelenleben und Geistesstreben
im Zusammenhange mit Welt- und Erdentwickelung
GA 212
7 Mai 1922, Dornach
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Es wäre selbstverständlich über unser Thema noch außerordentlich viel zu sagen, allein man kann bei einem solchen Thema nur einzelne Andeutungen geben, und mit denen müssen wir uns auch zunächst begnügen. Ich werde heute versuchen, durch eine Art umfassenderen Überblicks Ihnen das Drinnenstehen der Seele in der ganzen Weltentwickelung zu zeigen.
[ 2 ] Wenn wir als beseelter Mensch zwischen Geburt und Tod die Außenwelt auf uns wirken lassen, so bekommen wir zunächst von dieser Außenwelt eine Summe von Eindrücken. Der heutige Mensch ist Ja insbesondere auch durch die wissenschaftliche Erziehung, die bis in die niedersten Schulen hineingeht, seit Jahrhunderten daran gewöhnt, diese Außenwelt als das Wesentliche zu betrachten. Man hat in der neueren Zeit sogar angefangen, die Seelenwissenschaft als eine Art Naturwissenschaft zu konstruieren. Das tun nicht nur die Gelehrten, das tut im Grunde genommen heute der einfachste Mensch. Alles das rührt davon her, daß der heutige Mensch wenig dazu veranlagt ist, zurückzuschauen in sich selbst. Daher wird er gar nicht leicht aufmerksam auf solche Dinge, wie sie gestern hier besprochen worden sind. Der Mensch der Gegenwart ist wenig geneigt, wenig gewöhnt, auf sich selbst in objektiver Weise zurückzuschauen. Er sieht auf dasjenige hin, was ich gestern als die heraufwellenden und -wogenden Triebe, die Begierden, die Leidenschaften, die Emotionen überhaupt genannt habe. Aber er ist wenig geneigt, in objektiver Weise auf dieses hinzuschauen, weil von dem, was in seinem Inneren ist, bei einer solchen Selbstschau nicht viel anderes heraufkommt als eben diese Begierde. Wenn sie auch manchmal durch die Erziehung verfeinert wird, sie bleibt doch diese Begierde, die heraufkommt, während der Mensch allerdings von der Außenwelt sich gewisse Ideen bildet, denen gegenüber er nicht persönlich beteiligt ist, die eine gewisse Objektivität haben.
[ 3 ] Es gibt viele Leute, die wollen nicht gerne solche Begriffe, die halten sich mehr an dasjenige, was in ihrem Inneren subjektiv und persönlich lebt. Aber die Zivilisation der Zeit bringt ja überall solche Begriffe über die äußere Natur, wie wir sie einmal heute und seit Jahrhunderten schon auffassen, an die Menschen heran. Mit diesen Begriffen über die Natur füllt dann der heutige Mensch sein Inneres aus. Er lernt heute schon durch die kleinsten lokalen Zeitungsblättchen, wenigstens durch die Sonntagsbeilagen, die Welt so betrachten, wie es eben in diesem Sinne geschehen kann. Er weiß nicht, daß er eigentlich schon mit dem kleinsten Zeitungsblättchen die naturwissenschaftliche Weltanschauung aufnimmt, aber er tut es eben. So daß man sagen kann: Das einzige, womit sich der Mensch heute wirklich befaßt, das sind die Begriffe der äußeren Natur. Ich sage das nicht als Kritik des einzelnen, sondern als Kritik der Zeit oder eigentlich nur als Charakteristik der Zeit, denn zu kritisieren ist dabei nichts; die Sache ist eben einfach ein notwendiges Zeitprodukt. Der Mensch ist so wenig interessiert an dem Menschen selbst, daß es ihm eigentlich schon gleichgültig geworden ist, ob er den lebendigen Schauspieler auf der Bühne sieht oder ob er das Gespenst des Kino sieht, was natürlich in der Realität doch einen beträchtlichen Unterschied gibt. Aber es ist nicht eine tiefe Empfindung, eine gründliche Empfindung für diesen Unterschied in der heutigen Zeit vorhanden, sonst würde man auch mehr Gefühl, mehr Empfindung haben für den großen Anteil, den an dem Niedergang unserer Zivilisation gerade solche Erscheinungen wie die Kinokultur haben.
[ 4 ] Die Ideen, die dem heutigen Menschen für seine Seele vermittelt werden, nimmt er einfach dadurch auf, daß er aus blindestem Autoritätsgefühl heraus sofort überzeugt ist, wenn man ihm sagt: Die Wissenschaft hat wiederum das und das gebracht, wiederum das und das konstatiert. - Man muß sich nur klar sein darüber, was das eigentlich heißt, daß man diese Dinge so hinnimmt, wie sie heute geschildert werden. Man weiß durchaus nicht, indem man die Schilderung entgegennimmt, was da eigentlich in den Laboratorien und so weiter vorgeht. Kurz, es ist der blindeste Autoritätsglaube an dasjenige vorhanden, was in dieser Weise an Ideen über die äußere Welt den Menschen mitgeteilt wird.
[ 5 ] Nun war das keineswegs immer so. Ich habe schon oftmals aufmerksam darauf gemacht, daß, wenn wir zurückgehen in der Geschichte der Menschheitsentwickelung, wir auf alte Zeiten kommen, in denen bei den Menschen etwas vorhanden war, was ich immer genannt habe ein instinktives traumhaftes Hellsehen. Instinktiv und traumhaft war dieses Hellsehen, aber es war doch geeignet, tiefer in das Wesen.der Dinge einzudringen als dies sogenannten wissenschaftlichen Ideen von heute. Man lebte sich einfach durch diese Begriffe, durch diese Vorstellungen, durch diese Bilder, die heute den Leuten nur mehr symbolisch oder allegorisch vorkommen oder so, als ob sie aus der Phantasie geschöpft wären, in die Wirklichkeit hinein. Ob das einzelne Bild etwa ganz genau einem objektiven Tatbestand entsprach, darauf kam es nicht an, sondern indem man mit dem Bilde in der Wirklichkeit lebte, war man lebensvoll in dem Geistigen drinnen, während heute es natürlich darauf ankommt, ob eine Idee, die man sich macht, genau übereinstimmt mit irgend etwas draußen, denn dieses Übereinstimmen ist das einzige, woran sich der Mensch halten kann.
[ 6 ] Nun, wenn wir dies überblicken, dann müssen wir einmal recht schroff vor unsere Seele etwas hinstellen, was für die ganze Beurteilung auch unserer heutigen Zivilisation von einer ungeheuren Wichtigkeit ist. Wir müssen ganz schroff das hinstellen, daß ja der ältere Mensch mit seinem instinktiven Hellsehen etwas in seiner Seele lebendig hatte, wovon der heutige Mensch sagt: Das ist Phantasie, das ist gar nicht enthalten draußen in den Dingen.
[ 7 ] In einem gewissen Sinne müssen wir gerade, wenn wir verständnisvoll auf anthroposophischem Boden stehen, dieses treue Abbilden der äußeren Natur, wo man nicht mehr drinnensteht in der äußeren Natur, sondern sie nur abbildet, mitmachen. Und Sie wissen vielleicht, daß wir es wissenschaftlich im extremsten Sinne mitmachen, indem wir ablehnen jede Art von Hypothesenbildung über das, was Erscheinung der Natur ist, sondern in unserem Phänomenalismus, wie er genannt werden muß, innerhalb der Phänomene bleiben, das heißt innerhalb der äußeren Naturerscheinungen, die sich selbst erklären müssen, um im Goetheschen Sinne zu sprechen; zu denen man sich nicht allerlei hinzudenkt von Atombombardement, Atomsprengungen und so weiter, wie das heute noch, ich möchte sagen, aus der Trägheit einer alten Gewohnheit üblich ist. Wir müssen uns auf anthroposophischem Boden im strengsten Sinne, wenn es sich um die äußere Natur handelt, gerade an die Erscheinungen selbst halten, es ablehnen, da irgend etwas in die Erscheinungen hineinzudenken.
[ 8 ] Der Mensch kann am besten lernen, wie man nichts in die Erscheinungen hineindenkt, wenn er sich an etwas hält, was ja auch mit der naturwissenschaftlichen Weltanschauung heraufgekommen ist in der neueren Menschheitsentwickelung, wenn er sich hält an die Technik. Wenn wir die Naturgesetze technisch verwerten, so machen wir eigentlich die Erscheinungen selbst. Gewiß, es bleibt noch immer in den Erscheinungen selbst drinnen, sagen wir zum Beispiel die Kraft der Elektrizität, von der Ihnen der heutige Forscher dann sagt: Ich verwende sie, aber ich kenne ihr Wesen nicht. — Er spricht oftmals so, von allen Naturkräften, auch von der Wärme und dem Lichte und so weiter. Es bleiben also Reste. Aber das, worauf es uns eigentlich ankommt bei der Technik, was wir beherrschen wollen, das ist dasjenige, was wir im Experimente selber zusammenstellen, wo wir also ein gewisses Durchschauen der Sache haben.
[ 9 ] Es ist auch durchaus für den, der sich solcher Dinge bewußt sein kann, die Empfindung vorhanden: In dem, was ich technisch konstruiere, sei es auch auf dem Gebiete der chemischen Technik, liegt etwas drinnen von einer unmittelbaren, überschaubaren Gewißheit —, während, wenn man über die Natur, die man so beobachtet, spricht, man die Möglichkeit hat, in dieser oder jener Richtung verschieden zu denken. So daß man sagen kann: Das Denken der modernen Zeit ist eigentlich am vollkommensten vorhanden bei dem Techniker. Das ist durchaus so. Wer heute an einer Maschinenkonstruktion oder, sagen wir, an der Herstellung eines chemischen Präparates und seiner Verwendung ahnungslos vorbeigeht, der denkt noch nicht im Sinne unserer Zeit; ich möchte sagen: der läßt in seiner Seele die anderen denken, denn die maßgebenden Leute denken eben doch technisch. Und so ist die Weltanschauung der neueren Zeit eigentlich nach und nach das geworden, was man äußerlich verwirklicht findet in der Technik, im Mechanismus, im Chemismus und so weiter. Das hat sich allmählich auch ausgedehnt auf das, was man heute noch als Weltanschauung gelten lassen will.
[ 10 ] Was ist denn schließlich unsere Astronomie? Unsere Astronomie war lange Zeit nichts anderes als die Darstellung der Weltmaschinerie. Es war eine große Maschine, wie man sich die Sonne im Verhältnisse zu den Planeten und die Bewegungen da vorstellte. Dazu ist in der neueren Zeit der Chemismus gekommen in der Spektralanalyse. Aber weiter geht eben die Astronomie nicht. Die Astronomie, diese Wissenschaft des Weltalls, beantwortet sozusagen heute lediglich die Frage: Wie kommen wir mit der Vorstellung des Weltalls zurecht, wenn wir die aus der Technik uns bekannten Vorstellungen einfach auf das Weltenall anwenden, wenn wir uns dasjenige hinausversetzt denken in den Weltenraum, was wir in der Technik beobachten können? - So daß unsere Wissenschaft eigentlich von wirklich geltenden Ideen mit Ausnahme von den, man möchte fast sagen, Faseleien, wie der Neovitalismus sie enthält, mit Ausnahme von Redereien über Psychoide und dergleichen, brauchbare Vorstellungen in der Weltanschauung nur so weit hat, als wir Maschinen und chemische Präparate konstruieren können. Die Vorstellungen, die wir an diesem Konstruieren gewinnen, übertragen wir dann auf den Weltenaufbau und stellen uns den auch als eine große Maschine vor, innerhalb welcher noch diese oder jene chemischen Vorgänge stattfinden.
[ 11 ] So war es eben durchaus nicht immer. Der Mensch noch bis ins 15. Jahrhundert herein - ich rede da gerade von den zivilisierten Gebieten der Erdenentwickelung - lebte in solchen Vorstellungen über das äußere Weltenall, die nicht bloß technisch waren, sondern die so waren, daß der Mensch etwas miterlebte. Das Technische ist ja ganz außerhalb des Menschen. Das ist abgesondert vom Menschen. Es lebte der Mensch früher dasjenige mit, was er wußte. Heute lebt er es nicht mehr mit, was er weiß. Deshalb haben auch unsere gegenwärtigen sehr gescheiten Leute immer das Gefühl: In älteren Zeiten, da träumten eben die Menschen in die Gebiete der Welt alles mögliche hinein, machten sich Phantasievorstellungen. Heute haben wir erst die Möglichkeit, die Welt ohne solche Phantasievorstellungen vorzustellen. — Man glaubt eben, die technischen Vorstellungen seien die einzigen, die man in die Welt hineindenken dürfe, ohne sich in die Gefahr zu begeben, über die Welt zu phantasieren, sie nicht zu erkennen.
[ 12 ] Dem aber, was ich da darstelle, liegt etwas viel, viel Tieferes zugrunde. Es liegt etwas zugrunde, was die Prophetie der alten Mysterien schon betont hat für einen gewissen Grad der Einweihung, der Initiation. Das ist gerade das Eigentümliche der Mysterien in jenen Zeiten, in denen das alte Hellsehen vorhanden war, daß in den Mysterien prophetisch vorausgesehen wurde, was für eine Weltanschauung einmal kommen muß. Man sagte sich in den Mysterien etwa in der folgenden Weise prophetisch das voraus: Wenn wir für die Menschheit die Anschauung, die heute da ist — dieses «heute» war also in sehr frühen Zeiten, wo die Menschen die Umgebung miterlebten in einer instinktiv träumerischen Art -, beibehalten würden, dann würde der Mensch niemals ein freies Wesen werden können. Dann würde der Mensch immer durch das, was er da in seinem Inneren erlebt über die Welt, auch für seine Handlungen die Impulse bekommen müssen. Es würde eine göttliche Welt in seinem Herzen aufgehen, so sagte man sich; aber diese göttliche Welt würde ihn unfrei machen. — Die älteren Zivilisationen hatten eben durchaus unfreie Menschen. Was sie taten, von dem waren sie sich bewußt, wenn es ihnen nicht die Staatslenker als Staatsgesetze auferlegten, daß sie göttlichen Geboten folgten. Also sie waren sozusagen bloß Wesen, die das vollführten, was das Göttliche in ihnen impulsierte.
[ 13 ] So sagte man sich in den Mysterien: Es muß einmal eine Zeit kommen, wo diese Art des göttlichen Wirkens in dem Menschen aufhört, wo der Mensch dazu kommt, nur in die Außenwelt hineinzuschauen und in der Außenwelt das zu sehen, was mit dem Menschlichen nichts mehr zu tun hat, und auch aufzunehmen in seine Seele nur die Außenwelt. Wenn der Mensch nicht mehr auf die Kräfte des Menschen erkennend und erlebend hinschauen kann, sondern nur auf die Kräfte, die draußen in der Welt leben, mit denen der Mensch nichts zu tun hat, dann ist er innerlich frei, dann wird er innerlich entlastet, dann füllt seine Seele nichts anderes aus als das, was seine eigene Organisation nichts angeht.
[ 14 ] Es mußte diese Phase der Entwickelung für den Menschen einmal eintreten, daß er sozusagen die Natur nur außermenschlich anschaute, so daß er frei werden konnte. Das sagte man sich in den älteren Mysterien. In diesen älteren Mysterien sagte man sich deshalb: Was wir jetzt den Menschen, die uns Verständnis entgegenbringen aus ihrem instinktiven Hellsehen, geben können, das wird man ihnen nicht immer geben können, denn sie würden dadurch unfrei bleiben. Es wird eine Wissenschaft über sie kommen müssen, die zwar in ihnen keine Impulse erregt, die ihnen aber Ideen liefert von demjenigen, was außer ihnen ist, so daß sie sich in ihrem Erkennen immer nur halten an das Äußere, also in bezug auf ihre inneren Impulse zur Freiheit sich erziehen.
[ 15 ] Sehen Sie, vor diesem Tatbestand stand ich ja auch im allerextremsten Sinne, als ich mich gedrungen fühlte, zunächst die vorbereitenden Schriften und dann meine «Philosophie der Freiheit» zu schreiben. Die Grundfrage für das Schreiben dieser «Philosophie der Freiheit» war die folgende: Es handelte sich darum, daß man sich mit aller Klarheit sagte: Wir stehen einfach im technischen Zeitalter. Wir haben, wenn wir nicht laienhaft das Alte fortfaseln, was noch erhalten ist in den Bekenntnissen und so weiter aus den alten instinktiven Weltanschauungen, keine andere Möglichkeit, als uns zu halten an das, was technisch über die Welt gedacht werden kann, was sich also erschöpft in Mechanismen und so weiter. Wir stehen in der Welt drinnen, indem wir sie wie eine große Maschinerie und wie einen großen Chemismus überblicken. Wir müssen einfach, wenn wir wiederum zum Geistigen kommen wollen, radikal brechen mit alledem, was als Mystik von alten Zeiten überkommen ist, und wir müssen in der, ich möchte sagen, geistlosen, mechanischen Welt, die uns die moderne Wissenschaft gegeben hat, den Geist finden.
[ 16 ] Ich möchte schematisch diese Situation, vor der man stand, als ich meine «Philosophie der Freiheit» schrieb, Ihnen auf die Tafel zeichnen. Wenn das der Mensch wäre (Zeichnung links, hell) und das die Umwelt (gelb), so hätte man für frühere Zeiten sich die Sache so vorzustellen: Der Mensch sah hinaus in die Umwelt. Dann erlebte er aber auch im Inneren das, was ihm instinktiv traumhaft-hellseherische Vorstellung lieferte (rot). Das verband er mit dem, was er in der Umwelt sah, und er sah die Umwelt deshalb durchgeistigt (rot im Gelb). Er sah in allen Wesen elementare oder auch höhere Wesenheiten dadurch, daß er die Bedingungen aus seinem eigenen Inneren dem entgegenbringen konnte.
[ 17 ] Der neuere Mensch, derjenige Mensch, für den ich also eigentlich als dem zivilisierten Menschen Ende der achtziger Jahre, Anfang der neunziger Jahre meine «Philosophie der Freiheit» schrieb, den zeichne ich hier (Zeichnung, rechts, hell) und die Umwelt hier (gelb). Jetzt gibt der Mensch nichts mehr aus sich heraus in die Umwelt hinein, sondern er verfolgt nur dasjenige, was sich eben auch technisch konstruieren läßt; er verfolgt die Gesetzmäßigkeit der Umwelt selbst. Da heraus läßt sich aber kein Moralimpuls finden. Auf diese Art lassen sich nur Naturgesetze bilden. So wie ich das hier gezeichnet habe (links), weil der ältere Mensch noch verbunden war mit dem Äußeren, waren in allem, was er sah, in Stein, Tier, Pflanze, noch wahrzunehmen die Moralimpulse, weil in alledem enthalten waren die göttlich-geistigen Wesenheiten. Davon ist in den Naturgesetzen nichts mehr drinnen. In den Naturgesetzen ist nur das drinnen, was in die Maschinen oder in den Mechanismus übergeht.
[ 18 ] Was war daher die notwendige Aufgabe gerade dieser «Philosophie der Freiheit»? Ihre notwendige Aufgabe war diese, daß man sagte: Wenn der Mensch, indem er außerhalb der Natur steht, nichts mehr von Moralimpulsen finden kann, weil er nur Naturgesetze auf diese Weise hereinbekommt durch seine Sinne, dann muß halt der Mensch aus sich herausgehen, dann kann er nicht mehr in sich bleiben. Und ich mußte das erste Herausgehen schildern, wo der Mensch seine Leiblichkeit verläßt. Und dieses erste Herausgehen ist im reinen Denken, wie ich es dort in der «Philosophie der Freiheit» dargestellt habe. Das heißt: Jetzt rückt der Mensch nicht mit seinem instinktiven Hellsehen heraus, sondern jetzt rückt er aus seinem Leibe überhaupt heraus, versetzt sich in die Außenwelt (grün). Und was hat er da ? Da hat er, indem er das allererste feinste Hellsehen vollzieht, die moralischen Intuitionen, oder wenn Sie es mit dem Ausdruck bezeichnen wollen, subjektiv, den ich damals gebraucht habe, er hat die moralische Phantasie. Da geht der Mensch von sich weg, um nun innerhalb des Technischen - das Geistige ist ja deshalb doch drinnen - dieses Geistige auf dem ersten Gebiet, auf dem Moralgebiet zu finden.
[ 19 ] Die Menschen haben nur nicht erkannt, daß das die erste Stufe des modernen Hellsehens ist, die in der «Philosophie der Freiheit» zur Geltung gebracht worden ist, weil die Menschen sich noch gedacht haben: Nun ja, Hellsehertum, das ist etwas, wo man so untertaucht in Unklarheit, wo man in das Unbekannte kommt -, während hier gerade das Bekannte gesucht wurde, während hier das Herausgehen mit dem Denken gesucht wurde, das nun nicht mehr sich an die Materialität hält, sondern das sich in sich selber erfaßt, weil in diesem zuerst, also in der reinen Geistigkeit, sogar in der reinsten Geistigkeit, die Welt erfaßt worden ist.
[ 20 ] Und deshalb hatte auch die «Philosophie der Freiheit» das Schicksal, daß sie den Mystikern zu gedanklich war. Sie sahen nach ihrer Art zuviel Gedanken darinnen. Und die anderen wiederum, die Rationalisten und Naturwissenschafter oder auch Philosophen der neueren Zeit waren, konnten wiederum nichts mit ihr machen aus dem Grunde, weil sie in das Gebiet des Schauens führte, wo sie nicht hereinwollten, denn sie wollten bleiben bei dem bloßen äußeren Beobachten, auch wenn sie von Philosophie sprachen. Es war also gerade mit der ganzen Haltung, in dem Habitus der «Philosophie der Freiheit» das erfüllt, was einfach dem modernen Menschen auferlegt war.
[ 21 ] Das wäre sozusagen das Elementare von dem, was man in Anknüpfung an das sagen kann, was man in den alten Mysterien prophetisch verkündete über das, was da kommen müsse. Aber die alten Initiierten in den Mysterien sahen die Sache doch noch genauer, sahen sie noch mehr im Zusammenhang mit der menschlichen Seele und der Weltentwickelung. Sie sahen nämlich auch das Folgende: Sie erkannten klar: Ja, die Welt, die man da einmal entdecken wird durch die spätere Erkenntnis, diese Welt ist eigentlich nicht nur außermenschlich, sondern sie ist auch außergöttlich, außer dem Gebiete desjenigen göttlichen Schaffens, wovon wir - ich meine jetzt die alten Eingeweihten mit dem «wir» - eigentlich sprechen. Wir suchen die Offenbarung des Göttlichen in dem, was wir erreichen durch unsere Initiation; wir verkehren durch unsere Initiation mit den Götterwesenheiten. — Die verschiedenen heidnischen Völker verkehrten mit ihren Wesenheiten, die Juden zum Beispiel mit ihrem Jahve oder Jehova. Sie verkehrten, insofern sie Initiierte waren, nicht nur in Gedanken, sondern in der Wirklichkeit mit ihren göttlichen Wesenheiten. Man sagt da durchaus etwas Richtiges, wenn man von einem realen Verkehr mit diesen göttlichen Wesenheiten in den alten Mysterien spricht. Ja, die Eingeweihten verkehrten mit diesen göttlichen Wesenheiten; aber wenn sie außerhalb der Mysterien waren, und wenn ihre Schüler außerhalb der Mysterien waren, so sahen diese alle wiederum die Umwelt. In diese Umwelt sahen sie allerdings das hinein, was ihnen ihr instinktives Hellsehen gab. Aber namentlich die Eingeweihten selber und die Schüler dieser Eingeweihten wußten: Ja, was da draußen ist, das wehrt sich doch in einer gewissen Weise gegen das, was wir da hineinschauen, und es wird einmal einfach eine Zeit kommen, wo es sich nicht nur wehren wird, sondern wo man nur das anschauen wird, was man ohne solches Hineinschauen wahrnehmen kann.
[ 22 ] Wozu der heutige Mensch, weil seine Erkenntnis oberflächlich und nicht tiefgehend ist, gar nicht den Mut hätte, es sich zu gestehen, das gestanden sich eben diese alten Eingeweihten als eine Wahrheit. Sie sagten sich: Die Welt, die wir da draußen sehen, wenn wir nicht erst das in sie hineinschauen, was uns unsere Götter mitgegeben haben - denn das, was sie da hineinschauten, hatten ihnen beim Anfang der Weltenentwickelung ihre Götter gegeben -, dann ist diese Welt ja ungöttlich. Also haben wir in der Umwelt eine Welt, die gar nicht herrührt von den Göttern, mit denen wir in den Mysterien verkehren.
[ 23 ] Das war es, was dann in der besonderen Form der Naturverachtung und der Askese fortgelebt hat im Mittelalter, und was bis in die neueste Zeit in gewissen Bekenntnissen lebt, wenn auch in manchen Bekenntnissen sehr heuchlerisch lebt. Das ist das, was, aus den alten Mysterien herstammend, der Mensch sich eigentlich sagen muß: Wenn ich in mein Inneres hineinschaue, kann ich mit den Göttern verkehren; aber von den Göttern stammt gar nicht die Welt, die um mich herum ist. Diese Welt ist gar nicht geschaffen von denjenigen Göttern, zu welchen ich mich durchringen will, wenn ich mich einweihen lasse.
[ 24 ] Das war überhaupt eine Grunderkenninis, in die man immer mehr und mehr sich ganz sachlich hineinlebte, daß die äußere Welt gar nicht von den Göttern herrührt, die man durch die Mysterien und die Einweihung kennenlernte. Diese Götter haben eigentlich eine ganz andere Welt gewollt. Der Mensch ist durch ein besonderes Ereignis heruntergesunken in diese Welt, die seine Götter gar nicht gewollt haben. Alle Ideen vom Sündenfall - man könnte sie jetzt alle entwickeln, aber dazu reicht heute nicht die Zeit - rühren davon her, daß die Menschen erkannt haben: Die Welt, die wir da als Umwelt kennen, ist ja gar nicht diejenige, die diese Götter geschaffen haben.
[ 25 ] Aber man versuchte zu erfassen, was nun dieser von ihnen nicht geschaffenen Welt gegenüber diese Götter, mit denen man verkehren wollte, eigentlich wollten mit dieser Welt. Das konnte man von ihnen erfahren. Und man erfuhr von ihnen, daß sie eigentlich die Zerstäubung, daß sie die Vernichtung dieser Welt wollten.
[ 26 ] Vor diesem Faktum standen auch die Initiierten der älteren Zeiten. Sie standen vor dem Faktum, daß die Götter, nach denen sie hinstrebten, ihnen als ihren Entschluß eigentlich die Vernichtung dieser Welt offenbarten. Und dennoch wiederum wußten sie: Einmal muß sich, damit der Mensch frei werden könne, die menschliche Erkenntnis knüpfen gerade an diese Welt, die die Götter reif zum Untergange finden, die die Götter eigentlich vernichten wollen.
[ 27 ] In den älteren griechischen Mysterien wurde das dann auf eine ganz eigenartige Weise aufgefaßt. In den ältesten griechischen Mysterien arbeitete man namentlich auf eine künstlerische Gestaltung der Welt hin - von einer naturwissenschaftlichen Auffassung, wie wir sie heute haben, hatte man im alten Griechenland noch keine Ahnung -, man arbeitete in der Plastik, namentlich auch in der Tragödie, kurz, in der Kunst darauf hin, durch den Menschen etwas zu schaffen, was zwar sich anlehnt an diese Welt, was aber über diese Welt doch hinausgeht. Und der eingeweihte Grieche, der hatte die Vorstellung: Die Welt, auf der du stehst, die Welt der Bäume, die du siehst, die Welt der Quellen, die du wahrnimmst und so weiter, die wird zerstäuben; was du aber in deine Venus von Milo, in den Zeus, in die Athene, was du in das Drama des Sophokles hineingeheimnißt hast aus dieser Welt heraus, das wird zwar aus dem sichtbaren Reiche ins Unsichtbare übergehen, es werden nur die Gedanken gleichsam schwebend bleiben, aber das wird, wenn diese Erde zerstäubt, hinausgehen und wird retten den Fortgang der Erdenwelt, der sonst eben nur darin bestehen könnte, daß diese Erdenwelt einmal radikal zugrunde ginge.
[ 28 ] Die Griechen der ältesten Zeit, solange die Kunst noch aus den Mysterien hervorging, stellten sich schon vor: Durch die Kunst wollen wir retten den Untergang derjenigen Welt, die von den Göttern herrührt, die aber einen Einschluß bekommen hat, den die Götter selber vernichten wollten. - Und das, was man da wußte, das führte eben dazu, sich folgendes zu sagen. Sehen Sie, gewisse fundamentale naturwissenschaftliche Tatsachen waren ja, wie auch geschichtlich nachgewiesen werden kann, den alten Mysterieneingeweihten durchaus bekannt. Gewiß, wir haben viel Neues im Laufe der letzten Jahrhunderte, namentlich des 19. Jahrhunderts, in bezug auf technische Konstruktionen hinzugebracht; aber gewisse fundamentale Dinge, die heute noch fortwirken in der Technik, die waren durchaus den alten Eingeweihten bekannt. Es war ihnen viel mehr bekannt, als dasjenige ausmachte, wovon sie zu den Menschen sprachen, die nicht eingeweiht waren. Aber sie sagten sich folgendes: Wenn wir einfach technisch so etwas zusammenstellen, was Naturkräfte kombiniert, so daß wir etwas Maschineriehaftes vor uns haben, so machen wir ja im allerextremsten Fall etwas, was zerstäubt mit dem Erdenwesen, wovon die Götter selbst den Untergang wünschen. - Denn das weiß ja jeder Eingeweihte, daß diejenigen Götter, zu denen man in den alten Mysterien hinaufsah, mit denen man in den alten Mysterien verkehrt hatte, mit denen man selbstverständlich auch heute noch verkehren kann, daß diese Götter nichts so sehr hassen wie zum Beispiel eine Lokomotive oder ein Auto! Das ist ihnen etwas Furchtbares. Denn sie sagen, diese Götter: Dasjenige, was wir uns gefallen lassen müssen von Ahriman, daß er uns die Erde gebildet hat in dieser maschineriehaften Weise, das machen jetzt die Menschen dem Ahriman noch nach; sie machen noch zu dem etwas hinzu. Unsere Arbeit ist schon groß für das, was wir vernichten müssen, wenn wir wenigstens bloß die Werke des Ahriman hätten; aber wir haben zu alledem noch diese Dampfmaschinen, diese elektrischen Maschinen und all das Zeug; das müssen wir noch dazu vernichten.
[ 29 ] Also die alten Eingeweihten sagten sich: Das nützt gar nichts, wenn wir einfach die äußeren Naturkräfte, in die nichts mehr Geistiges hineingesehen wird, in technischer Maschinerie oder in technischem Chemismus vermehren. - Es war eine Grundüberzeugung der Initiierten, daß das so ist. Daher sagten sie: Man muß so viel wie möglich von dieser Welt retten. - Wie gesagt, in Griechenland war es so, daß man durch die Kunst retten wollte; wenn wir mehr nach dem Orient hinüberkommen, war es so, daß die Leute sich sagten: Was bloß nach sogenannten Naturgesetzen verläuft, hat im Grunde genommen für die wahre Menschheitsentwickelung gar keinen Zweck, denn das werden die Götter einmal zerblasen; daher kleiden wir das, was wir machen, so, daß darinnen Spirituelles lebt. - Und daraus entstand der Kultus im älteren Sinne, eben nicht die Formung einer Maschinerie oder eines Chemismus, sondern die Kultushandlung. Man sieht in dem, was man tut, etwas Sakramentales, etwas, wo Spiritualität drinnen ist, wo der Geist mittut. Im religiösen Kultus wollten die Leute eben so viel wie möglich retten von dem, was zu retten ist von der Erdenevolution.
[ 30 ] Ich habe das bei früheren Gelegenheiten oftmals dadurch ausgesprochen, daß ich ein Bild gebraucht habe: Wir müssen wiederum gegenüber unserer bloßen Technik dahin kommen, daß uns der Laboratoriumstisch ein Altar wird, daß wir tatsächlich eine Art göttlichen Dienstes verrichten, indem wir im physikalischen, im chemischen Laboratorium arbeiten, daß also der Laboratoriumstisch zum Altar wird, daß wir tatsächlich da hinein moralisieren und spiritualisieren. — Ich habe das früher so ausgesprochen; es ist im Grunde genommen dasselbe, was ich heute mehr historisch ausspreche.
[ 31 ] So also entstand der religiöse Kultus, zu dem heute die Menschen, weil sie sich nicht aufringen können zu einer Aktivität in bezug auf das Geistige, wiederum zurückkehren. Es ist merkwürdig, wie gerade intelligente Menschen heute in großer Zahl in den Schoß der katholischen Kirche zurückkehren, aus dem einfachen Grunde, weil sie sich retten wollen zu dem, was von der Erde bleibt, aus demjenigen, was ja spurlos verschwinden muß durch Götterwillen selber. Dieses Hinströmen gerade gebildeter Menschen heute in den Katholizismus hinein wird von denjenigen, die nicht die Gegenwart aufmerksam betrachten, eben auch gar nicht beachtet. Das besteht darinnen, daß die Leute heraus wollen aus dem, was vernichtet wird, in etwas hinein, was, wie die katholischen Zeremonien und Kultushandlungen, die auf sehr alten Einrichtungen beruhen, formen will wenigstens das, was da bleibt, weil den Leuten fehlt jene Aktivität, wodurch etwas Neues, etwas, was wir brauchen für die Zukunft, wirklich gefunden werden kann. Es fehlt den Leuten die innere Kraft. Die ist ihnen schon verlorengegangen innerhalb unseres technischen Zeitalters.
[ 32 ] Man hätte sich eben in einem gewissen Momente energisch sagen müssen: Also wir stehen in der negativen Welt der Technik. Da drinnen lassen sich nicht mehr Impulse finden in der alten Art. Da muß zu der moralischen Phantasie, zu der Intuition geschritten werden. — Das hätte man sich sagen müssen. Diejenigen, die vorbeigehen an dieser Notwendigkeit der Zeit, die kehren eben zum Katholizismus zurück. Erklärlich ist die Sache durchaus aus der Schwäche der Zeit.
[ 33 ] Und daher, weil das so war, und weil das eine Erkenntnis war bei den alten Initiierten, fragte man sich: Ja, wie wird es denn nun werden? Also die Götter, von denen wir wissen, mit denen wir durch die Mysterien in Verkehr stehen, alle diese Götter wollen die Vernichtung der Erde. Aber die Menschen werden, wenn sie freie Menschen werden wollen, immer ähnlicher gerade dem, was da auf der Erde ist; denn nur dadurch, daß technische Erkenntnis wird, können die Menschen frei werden. -So hätten die alten Eingeweihten, wenn sie das nur allein hätten überschauen können, vor der furchtbaren, sich vor ihnen prophetisch enthüllenden Zukunftstatsache stehen müssen: Die Menschen müssen, um wirklich Menschen zu werden, sich ganz und gar in die ahrimanische Welt der Gottlosigkeit verstricken, und sie müssen zerstieben mit der Erde, wenn die Götter diese Erde auflösen. Denn die Menschen werden selbst nach und nach zur Maschinerie; sie werden den Maschinen immer ähnlicher. Sie werden in ihren Gedanken so, daß nur noch die technischen Impulse in den Gedanken wirken. Die Astronomie ist im Grunde genommen nichts anderes als das Denken über die große Weltmaschinerie. Da ist also nichts im Menschen als das Denken über die Maschine; denn schließlich ist es einerlei, ob man über Schrauben und Räder oder über Venus und Merkur denkt nach demselben rein technisch zu konstruierenden Muster.
[ 34 ] Also vor einer furchtbaren Zukunftstatsache hätten diese Initiierten stehen müssen. Und das war ihnen ganz klar: Ihre alten Götter wollten in dieser Weise den Untergang, weil sie den Untergang des Ahrimanischen wollen mußten, und weil sie so, wie die Sachen zunächst waren, die Menschen nicht retten konnten.
[ 35 ] Das andere, was nun schon in diesen alten Mysterien wiederum prophetisch entgegengestellt wurde, das war eben das Mysterium von Golgatha, bevor es geschehen war auf der Erde, prophetisch. Nachdem es geschehen ist, konnte man immer mehr und mehr dazu kommen, es in irgendeiner Weise aufzufassen. Das war eben einfach dieses, was die alten Initiierten in den Mysterien von den Göttern, mit denen sie verkehrten, erfuhren. Die Götter wußten alles; von denen konnten sie umfassende Weisheit erzielen. Aber eines konnten sie nie erfahren von diesen Göttern: das waren diejenigen Dinge, die sich auf Geburt und Tod des Menschen bezogen. Namentlich vom Tode als solchem wußten diese Götter nichts. Aber man wußte zugleich in diesen alten Mysterien, daß einer aus ihren Reihen heruntergeschickt werden solle, derjenige, den man später den Christus nannte, und daß er auf der Erde den Tod kennenlernen sollte. So daß das Mysterium von Golgatha darin liegt, daß einer der Götter, die früher den Tod und damit auch die Geburt und die ganzen Vererbungsverhältnisse nicht kannten, diesen Tod kennenlernte und dadurch, daß er ihn kennenlernte, sich mit der Erdenevolution verbinden und das Gegengewicht bilden konnte gegen dasjenige, was durch die Entwickelung zur Freiheit hin notwendig hätte geschehen müssen: Das immer mehr und mehr Verwandtwerden des Menschen mit der zerstäubenden Erde. Indem sich der Mensch auf der einen Seite wirklich nun der modernen Erkenntnis hingibt, die modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse wirklich aufnimmt, auf der anderen Seite aber sich zu dem Christus wendet, der derjenige der Götter war, der den Tod kennengelernt hat und damit auch die Geburt, damit bildet der Mensch in sich selber den Gegenpol.
[ 36 ] Man kann daher auf der einen Seite völlig hinneigen zu demjenigen, was notwendig ist für die Freiheit, muß aber auf der anderen Seite, ich möchte sagen, auch das andere Gebiet auf die Waagschale legen, den Weg hinfinden zu dem Paulinischen Worte: Nicht ich, sondern der Christus in mir. - Dann wird der Mensch wiederum die Möglichkeit finden, indem er die Welt durchchristet, von seiner Seele aus dasjenige umzugestalten, was sonst abfallen müßte von derjenigen Götterwelt, zu der der Mensch eigentlich gehört.
[ 37 ] Und so ist den ahrimanischen Mächten, die eigentlich sonst auf der Erde in dem wirkten, was abgefallen wäre, der Christus entgegengesetzt worden. Durch einen außerirdischen Götterentschluß ist der Christus entgegengesetzt worden, damit er nun in der Erde wirkt. Er hat es nicht nötig, frei zu werden, er ist ein Gott, bleibt es auch, indem er durch den Tod durchgegangen ist. Er wird nicht ähnlich der Erde. Er lebt als Gott innerhalb des Erdenwesens. Und die Folge davon ist, daß der Mensch nun auf der einen Seite die Möglichkeit hat, auf die Waagschale der Freiheit so viel als möglich zu legen, da wirklich bis zu den letzten Konsequenzen des Individualismus zu gehen, denn nur im individuellen Menschen wird die moralische Phantasie gefunden. Daher hat man eben meine «Philosophie der Freiheit» die Philosophie des Individualismus genannt im extremsten Sinne. Das mußte sie auch sein, weil sie auf der anderen Seite die christlichste der Philosophien ist. Daher mußte man also auf die eine Seite dasjenige legen, was im vollsten Sinne darbietet, was äußere Naturerkenntnis ist, in die man nur hineinkommt mit dem Geistigen, indem man sich zu dem reinen, freien Denken erhebt. Das kann man noch retten innerhalb der rein technischen Erkenntnis. Auf die andere Waagschale muß aber gelegt werden das, was die wirkliche Christus-Erkenntnis, die wirkliche Erkenntnis von dem Mysterium von Golgatha ist.
[ 38 ] Es war daher ganz selbstverständlich, daß ich auf der einen Seite die «Philosophie der Freiheit» versuchte zu schreiben, so schlecht und recht natürlich als sie sein konnte, weil man nicht gleich auf den ersten Anhub alles gut machen kann. Auf der anderen Seite aber mußte gerade auf das Mysterium von Golgatha hingewiesen werden durch meine «Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung» und durch mein «Christentum als mystische Tatsache». Diese zwei Dinge gehören einfach zusammen. Aber diejenigen Menschen, die nun äußerlich darin einen Widerspruch finden, die finden, ich verfahre eigentlich so, wie wenn sie auf der einen Waagschale Fleisch und auf der anderen Waagschale Gewichte haben und nun sagen: Was ist das für Unsinn! Das gehört zusammen; kurz, man muß alles durcheinandermischen. — Und nun nehmen sie die Gewichte weg und werfen sie zum Fleisch dazu. Ja, da ist natürlich kein Gleichgewicht. So machen es die heutigen Kritiker. Sie setzen auf die eine Seite Mystik, auf die andere Seite Philosophie, und dann schießt, was in der Mystik ist, in die Philosophie hinein oder umgekehrt. Nun finden sie allerdings, daß die Welt sich in einer furchtbaren Weise benimmt; aber das ist ja mit Ausschluß wirklich alles desjenigen, was für die Gegenwart gefordert wird, für die das durchaus notwendig war. Und so muß eben, wenn die gegenwärtige Seele sich in richtiger Art hineinstellen will in die Weltentwickelung, in ihr leben auf der einen Seite ein starker Freiheitsimpuls, auf der anderen Seite muß in ihr leben ein starker Impuls zum innerlichen Durchleben des Mysteriums von Golgatha.
[ 39 ] Das muß sich aber nach und nach sowohl im einzelnen Menschenleben ausgestalten, wie es sich ausgestalten muß im Wissenschaftlichen. Im einzelnen Menschenleben muß der Mensch einmal dazu kommen, die alten instinktiven Arten des Mystischen und des Hellseherischen zu überwinden und sich ganz und gar eben auf den Standpunkt einer solchen Erkenntnis zu stellen, wie wir sie haben, wenn wir, sagen wir, eine Dampfmaschine begreifen. Nur solche Ideen für die äußere Naturerkenntnis setzte ich meiner «Philosophie der Freiheit» voraus, wie man sie notwendig hat, um auch eine Dampfmaschine zu begreifen. Aber man muß, um eine Dampfmaschine zu begreifen, zwar seinen ganzen Menschen ablegen, aber nicht jetzt das Letzte, das reine Denken. Das muß man schon noch im Menschen ausbilden und dann hinaustragen. Aber das ist zu gleicher Zeit das, was in den Objekten lebt.
[ 40 ] Man kann sich also auf der einen Seite ganz und gar auf den Boden der Freiheit stellen, muß aber auf der anderen Seite sich auf den Boden der Christus-Tatsache stellen. Das muß aber auch in die Wissenschaft hinein. Und das wird so in die Wissenschaft hineinkommen, daf man sich sagt: Da ist die äußere Natur. Ich beschreibe sie meinetwillen so Haeckelisch, als es nur sein kann. Aber da bleiben Reste. Da bleiben die Reste, die nie zu begreifen sein werden mit diesen Ideen. Verzeihen Sie, wenn ich mich ein klein wenig deutlich ausdrücke, aber wir sind ja als ernste Leute, die etwas verstehen wollen, beisammen, und nicht beim Five o’clock tea. Also ich möchte sagen: Die zwei Dinge sind notwendig, daß sie in unsere Zivilisation in der richtigen Weise hineingehen, die da lagen darinnen, daß man in älteren Zeiten — wobei man durch sein instinktives Hellsehen sich bewußt war der Anknüpfung des Menschen an die spirituelle Außenwelt — den Heiligenschein ausgebildet hatte. Es war in diesen ältesten Zeiten der Heiligenschein ganz besonders ausgebildet; er tritt vielfach hervor in den verschiedensten Formen, auch beim Kultus. Als aber aus dem Mittelalter heraus in den Gefühlen der erste Materialismus erwachte, da wurde etwas anderes besonders gern abgebildet: die schwangere Frau. Sehen Sie sich doch nur viele Bilder des Mittelalters an: die Frauen sind auf diesen Bildern alle schwanger. Sie haben auf der einen Seite dasjenige, was über den Tod hinausrettet und was sich im Höchsten in der Verkündigung der geistigen Welt im Heiligenscheine ausdrückt, und auf der anderen Seite dasjenige, was den Menschen immer wieder hereinbringt in die physische Welt: die Geburt.
[ 41 ] Diese Dinge hängen alle mit dem inneren geistigen Entwickelungsmotor der Menschen zusammen. Die Seele lebt immer in dem, was innere Entwickelungsmotoren sind. So ist ein Zusammenhang zwischen dem seelischen Erleben und der Weltenentwickelung selbst in bezug auf die intimsten Tatsachen, und die Wissenschaft wird sich auch dem nach und nach anbequemen müssen und wird sagen müssen: Ich erkenne die Welt so Haeckelisch als möglich, aber zwei Dinge bleiben übrig: das eine ist die Geburt, das andere ist der Tod. Die lassen sich nicht mit den Ideen aus der Chemie und der Mechanik begreifen, also aus dem, was technisch konstruierbar ist. Das sind die beiden Tore, die hinausführen, und da muß man anfangen mit einer anderen Betrachtungsweise. Solange man die Freiheit betrachtet, kann man bleiben innerhalb der Ideen, die sich auch in der Technik ausleben. Und wenn man eine «Philosophie der Freiheit» schreibt denn die Kinder sind ja noch nicht frei, da wirkt noch das Göttliche in Unfreiheit in ihnen -, schreibt man unmittelbar für Menschen, die in ihrem mittleren Lebensalter drinnenstehen, denn da wird man ja doch eigentlich erst frei. Fängt man an, die anderen Teile zu schreiben, dann wird man unmittelbar geführt auf die Auffassung, die der Mensch in seiner Seele haben kann über den Tod. Daher ist das Urmysterium das Erleben des Todes, und das innerliche Erleben des Todes und die geistige Wiedergeburt dasjenige, was Sie auch in den allerersten Kapiteln meiner mystischen Schriften finden.
[ 42 ] Das ist etwas, was einfach aus der gegenwärtigen Weltenbetrachtung sich von selbst ergibt, aber jetzt nicht in einer nebulosen Weise, sondern in einer solchen Weise, die wirklich das, was nötig ist, durch und durch eben begreifen will. Und so muß man sagen: Mit demjenigen, was die menschliche Seele nach der Richtung der Freiheit erlebt, streift sie in der Welt heran an das Ahrimanische. Mit demjenigen, was sie erlebt nach der Seite des Religiösen, auch wenn es zu dem Mysterium von Golgatha hingeht, streift sie sehr nahe heran an das Luziferische. Und da kann sie sehr leicht, wenn sie die bloßen religiösen egoistischen Instinkte ausbildet, wie es in der Gegenwart auch in dem Religionsbetrieb sehr leicht der Fall ist, auch in die luziferischen Triebe, Instinkte hineinfallen.
[ 43 ] Das ist es, was aus der unmittelbaren Gegenwart heraus für das Seelische berücksichtigt werden muß, und das war es auch, was der Christus unmittelbar nach seiner Auferstehung seinen intimen Schülern gelehrt hat. Diese intimen Schüler, die die Fortsetzer der alten Mysterieneinweihung waren, sollten lehren, daß er heruntergestiegen ist aus derjenigen Welt der Götter, die den Tod noch nicht gekannt haben, die daher dem Menschen in der Urerdenzeit vom Tod nichts sagen konnten; daß der Christus heruntergestiegen ist, um die Geheimnisse über Geburt und Tod zu erfahren. Daher sind auch so unklar geblieben die Lehren von Christi Tod und Geburt, weil die Menschen nicht den Weg fanden, um diese Dinge zu erklären. Aber in den christlichen Urmysterien, deren eigentlicher Sinn, weil zunächst der Freiheitssinn ausgebildet werden sollte, schon im 4. nachchristlichen Jahrhundert verschwunden ist, wurde durchaus von dem Christus selbst seinen ersten eingeweihten Schülern nach seiner Auferstehung dieses Geheimnis von dem Erkennenlernen des Erdentodes durch einen Gott mitgeteilt. Das geschah aber allerdings, nachdem die alte, die ursprüngliche Weisheit von den alten Göttern den Menschen mitgeteilt worden war, dann immer weiter und weiter übertragen wurde auf die späteren Generationen und immer mehr und mehr verwässert wurde. Das, was da der Christus nach seiner Auferstehung seinen intimen Jüngern mitteilte, das war die eigentlichste Uroffenbarung im irdischen Leben, das war es, was nun als das Fundament, als das geistige Fundament das Leben der Seele weitertragen sollte. Denn im Grunde genommen, was die alten Götter, wenn sie in den Mysterien heraufgestiegen sind, die Menschen gelehrt haben, das waren die Geheimnisse von Saturn, Sonne, Mond; das eigentliche Erdengeheimnis -— denn auf der Erde erst ist im menschlichen Sinne aufgetreten Geburt und Tod, früher gab es nur Metamorphose, Verwandlung -, mußte ein Gott erst durch das Mysterium von Golgatha auf der Erde selbst erfahren, um es dem Leben der Menschenseele zu vermitteln. So daß also durch diese fundamentalste Offenbarung nach Christi Tod auch das Fundament geschaffen wurde, das die Menschenseele in sich aufnehmen muß, um von diesem Fundamente aus eben die Rettung des Erdenlebens zu vollziehen.
[ 44 ] So hängen dann die Menschenseelen zusammen mit der Evolution der Erde, mit der Evolution der Welt überhaupt; so hängen sie zusammen durch die anderen Tatsachen, wie ich sie Ihnen in diesen Tagen dargestellt habe; so hängen sie zusammen, indem sie in richtiger Weise aufnehmen den Impuls des Mysteriums von Golgatha. Das wollte ich Ihnen in diesen Vorträgen ausführen.
