The Fateful Year of 1923 in the History of the Anthroposophical Society
GA 259
17 September 1923, Stuttgart
Translated by Steiner Online Library
Address at The Stuttgart Conference
In response to remarks by Dr. Walter Johannes Stein, who had described the anthroposophical impulse as a world affair, Rudolf Steiner said [according to notes by Lilly Kolisko (in “Eugen Kolisko. Ein Lebensbild,” manuscript print for members, Gerabronn 1961, S. 87/88). There is no official shorthand transcript of these farewell words.]: “It is certainly beautiful and corresponds to a natural enthusiasm, which must arise from anthroposophy in everyone who loves it, when dear friends now close this meeting in an enthusiastic way,” and then continued:
But the enthusiasm that has entered the hearts of those gathered here today corresponds, especially today, as always in the anthroposophical movement, to a world impulse that should also be looked at concretely.
Just a few days ago, I was asked, by an Oriental, what the significance of it is in earthly karma that some peoples seem to be called to make others dependent on them. You understand that in today's world, which is by no means yet very objective, it is not exactly easy to give an answer to such a question, because such answers are really quite poorly understood. But I was able to answer that things sometimes appear differently on the inside than they seem on the outside, and that even if it is true that in world-historical development one people sometimes becomes physically dependent on another, the spiritual opposite is often hidden behind this physical dependence. The physically oppressed nation sometimes becomes the spiritual conqueror over the conqueror in a very mysterious way. This was only meant as a suggestive answer. It did not refer to Europe, at least not to continental Europe, but to wider circles of the earth.
But the thoughts that can be inspired by it do have something to do with the horizons in which Central European people live. You see, my dear friends, although much of what surrounds us today in such a depressing, terribly terrible way, and which will become even more terrible, does not yet belong to the most painful things in a deeper sense, nevertheless much of it is extraordinarily painful. It does not yet belong to the most painful. Something does belong to the most painful, which was already present in the “Appeal to the German People” at the time, even if only in a hinting way. It belongs to the most painful that in a strong sense, especially in Central Europe, the Central European past is in many ways being denied and forgotten in a spiritual sense in the present. But today the situation is such that this Central European will, despite the physical misery, is awaiting a kind of resurrection. What is in the background really arouses very significant feelings. Much of what seems to be buried in the intellectual life of Central Europe awaits a certain future. In the not too distant future, people all over the world will long for what is often denied here today, even by many people with an older, Central European mindset. People all over the world will long for Central European spirituality.
And here, my dear friends, I come to what I would still like to hint at with these few words at this point. You see, many bad things may be caused by the fact that some things are overlooked in the spiritual today, many things are overlooked. But one thing must not happen, for that would be the most terrible thing: that when the world cries out for the resurrection of Central European spiritual life, and it will do so in the relatively near future, for its own salvation, there should be no people in Central Europe who could themselves be the ones to occupy the important spiritual positions, if they cannot understand this call.
If one must say that the world outside of Central Europe is today waiting for a spirituality, then it would be very bad if one had to experience that Central European humanity does not wait for this spirituality. For that would be the greatest loss for the world. It would be one of the most terrible catastrophes the earth could experience if the call goes out to Central Europe — regardless of what the world may look like — and the call goes out: We need this spiritual life — and Europe would carelessly ignore this call because it cannot appreciate this Central European spiritual life. Let us remember today that it could perhaps be the mission of the Central European in the very near future to understand from the nature of Central European spirituality what the world will want to receive from Central Europe, for it would be terrible if there were then no one in Central Europe who would have an understanding of giving.
Worte Bei Der Stuttgarter September-Tagung
Im Anschluß an Ausführungen von Dr. Walter Johannes Stein, der den anthroposophischen Impuls als eine Weltangelegenheit bezeichnet hatte, sagte Rudolf Steiner [Gemäß Notizen von Lilly Kolisko (in «Eugen Kolisko. Ein Lebensbild», Manuskriptdruck für Mitglieder, Gerabronn 1961, $. 87/88). Ein offizielles Stenogramm dieser Abschiedsworte liegt nicht vor.]: «es sei gewiß schön und es entspräche einem naturgemäßen Enthusiasmus, der aus der Anthroposophie bei jedem kommen muß, der sie liebt, wenn in enthusiastischer Weise die lieben Freunde jetzt diese Versammlung schließen» und fuhr dann fort:
Dasjenige aber, was an Enthusiasmus in die Herzen der hier Versammelten eingezogen ist, das entspricht doch gerade heute — wie ja immer in der anthroposophischen Bewegung — gerade heute auch einem Weltenimpuls, der schon auch konkret angeschaut werden sollte —
Ich wurde vor ganz kurzer Zeit, vor einigen Tagen möchte ich sagen, drüben im Westen gefragt, von einem Orientalen gefragt, was es denn im Erdenkarma für eine Bewandtnis damit habe, daß einzelne Völker dazu berufen scheinen, andere von sich abhängig zu machen. Sie verstehen, daß in der heutigen, keineswegs schon sehr objektiv gewordenen Menschheit es nicht gerade leicht ist, eine Antwort auf eine solche Frage zu geben, denn solche Antworten werden wirklich recht wenig verstanden. Aber ich konnte doch darauf antworten, daß die Dinge eben innerlich sich manchmal anders ausnehmen, als sie äußerlich scheinen, und daß, wenn es auch richtig ist, daß in der weltgeschichtlichen Entwickelung zuweilen ein Volk von dem andern physisch abhängig wird, so verbirgt sich hinter dieser physischen Abhängigkeit oftmals das geistig Umgekehrte. Das physisch unterdrückte Volk wird zuweilen auf eine ganz geheimnisvolle Weise der geistige Sieger über das Siegende. Es sollte dies nur eine andeutende Antwort sein, sie bezog sich nicht auf Europa, wenigstens nicht auf das kontinentale Europa, sie bezog sich auf weitere Kreise der Erde.
Aber die Gedanken, die dabei angeregt werden können, haben doch auch in einem gewissen Sinn mit dem Horizonte, in dem die mitteleuropäischen Menschen leben, schon etwas zu tun. Sehen Sie, meine lieben Freunde, zu den schmerzlichsten Dingen in einem tieferen Sinne gehört, trotzdem vieles darinnen außerordentlich schmerzlich ist, gehört doch dasjenige noch nicht, was uns heute in einer so bedrückenden, furchtbar schrecklichen Weise umgibt und was durchaus noch schrecklicher werden wird. Zu dem Allerschmerzlichsten gehört das noch nicht. Zu dem Allerschmerzlichsten gehört schon etwas, was dazumals, wenn auch nur in einer andeutenden Weise schon in dem «Aufruf an das deutsche Volk» darinnen stand, es gehört das, daß in einem starken Sinn gerade in Mitteleuropa in der Gegenwart die mitteleuropäische Vergangenheit in geistiger Beziehung vielfach verleugnet wird, vergessen worden ist. Aber heute ist die Sache so, daß jenes Wollen, was mitteleuropäisches Wollen ist, trotz des physischen Elends in einer gewissen Art der Auferstehung harrt. Es erregt dasjenige, was da im Hintergrunde steht, wirklich ganz bedeutsame Empfindungen. Es harrt manches von dem, was sogar an Geistesleben Mitteleuropas wie begraben scheint, es harrt einer gewissen Zukunft. Man wird in weitesten Kreisen der Welt in verhältnismäßig gar nicht langer Zeit dasjenige, was sogar hier vielfach heute verleugnet wird von älterer mitteleuropäisch-geistiger Gesinnung, mit Sehnsucht ergreifen. Man wird in der Welt mitteleuropäische Geistigkeit mit Sehnsucht ergreifen wollen. |
Und da komme ich auf dasjenige, meine lieben Freunde, was ich gerade an dieser Stelle doch noch mit diesen wenigen Worten andeuten möchte. Sehen Sie, es mag mancherlei Schlimmes dadurch bewirkt werden, daß im Geistigen heute einiges übersehen wird, vieles übersehen wird. Aber eines dürfte dennoch nicht kommen, denn das wäre das Furchtbarste, daß, wenn die Welt schreien wird - und das wird sie in verhältnismäßig nicht langer Zeit tun — zu ihrer eigenen Rettung nach der Auferstehung des mitteleuropäischen Geisteslebens, daß dann in Mitteleuropa die Menschen nicht vorhanden wären, die nun selber die sein könnten, die dann an wichtiger geistiger Stelle stehen, wenn die diesen Ruf nicht verstehen könnten.
Wenn man sagen muß, daß die außerhalb Mitteleuropas sich befindliche Welt heute auf eine Geistigkeit wartet, dann wäre es sehr schlimm, wenn man es erleben müßte, daß die mitteleuropäische Menschheit nicht auf diese Geistigkeit wartet. Denn das wäre ein allergrößter Verlust der Welt. Das wäre eine der furchtbarsten Katastrophen, die die Erde erleben könnte, wenn einmal gegen Mitteleuropa herein der Ruf ergeht - mag dann das Äußere so oder so aussehen-, wenn der Ruf herein ergeht: Dieses Geistesleben brauchen wir —, und in Europa würde man achtlos an diesem Ruf vorübergehen, weil man es selber nicht schätzen könnte, dieses mitteleuropäische Geistesleben. Gedenken wir heute des Umstandes, daß es vielleicht die Mission gerade des mitteleuropäischen Menschen sein könnte, in der allernächsten Zeit aus dem Wesen der mitteleuropäischen Geistigkeit heraus zu verstehen, was die Welt von Mitteleuropa wird empfangen wollen, denn es wäre furchtbar, wenn man dann in Mitteleuropa niemanden hätte, der ein Verständnis für das Geben haben würde.