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Truth and Sciences
GA 3

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I. Das bewußte menschliche Handeln

[ 1 ] Ist der Mensch in seinem Denken und Handeln ein geistig freies Wesen oder steht er unter dem Zwange einer rein naturgesetzlichen ehernen Notwendigkeit? Auf wenige Fragen ist so viel Scharfsinn gewendet worden als auf diese. Die Idee der Freiheit des menschlichen Willens hat warme Anhänger wie hartnäckige Gegner in reicher Zahl gefunden. Es gibt Menschen, die in ihrem sittlichen Pathos jeden für einen beschränkten Geist erklären, der eine so offenkundige Tatsache wie die Freiheit zu leugnen vermag. Ihnen stehen andere gegenüber, die darin den Gipfel der Unwissenschaftlichkeit erblicken, wenn jemand die Gesetzmäßigkeit der Natur auf dem Gebiete des menschlichen Handelns und Denkens unterbrochen glaubt. Ein und dasselbe Ding wird hier gleich oft für das kostbarste Gut der Menschheit wie für die ärgste Illusion erklärt. Unendliche Spitzfindigkeit wurde aufgewendet, um zu erklären, wie sich die menschliche Freiheit mit dem Wirken in der Natur, der doch auch der Mensch angehört, verträgt. Nicht geringer ist die Mühe, mit der von anderer Seite begreiflich zu machen gesucht wurde, wie eine solche Wahnidee hat entstehen können. Daß man es hier mit einer der wichtigsten Fragen des Lebens, der Religion, der Praxis und der Wissenschaft zu tun hat, das fühlt jeder, bei dem nicht das Gegenteil von Gründlichkeit der hervorstechendste Zug seines Charakters ist. Und es gehört zu den traurigen Zeichen der Oberflächlichkeit gegenwärtigen Denkens, daß ein Buch, das aus den Ergebnissen neuerer Naturforschung einen «neuen Glauben» prägen will (David Friedrich Strauß, Der alte und der neue Glaube), über diese Frage nichts enthält als die Worte: «Auf die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens haben wir uns hierbei nicht einzulassen. Die vermeintlich indifferente Wahlfreiheit ist von jeder Philosophie, die des Namens wert war, immer als ein leeres Phantom erkannt worden; die sittliche Wertbestimmung der menschlichen Handlungen und Gesinnungen aber bleibt von jener Frage unberührt. Nicht weil ich glaube, daß das Buch, in dem sie steht, eine besondere Bedeutung hat, führe ich diese Stelle hier an, sondern weil sie mir die Meinung auszusprechen scheint, bis zu der sich in der fraglichen Angelegenheit die Mehrzahl unserer denkenden Zeitgenossen aufzuschwingen vermag. Daß die Freiheit darin nicht bestehen könne, von zwei möglichen Handlungen ganz nach Belieben die eine oder die andere zu wählen, scheint heute jeder zu wissen, der darauf Anspruch macht, den wissenschaftlichenKinderschuhen entwachsen zu sein. Es ist immer, so behauptet man, ein ganz bestimmter Grund vorhanden, warum man von mehreren möglichen Handlungen gerade eine bestimmte zur Ausführung bringt.

[ 2 ] Das scheint einleuchtend. Trotzdem richten sich bis zum heutigen Tage die Hauptangriffe der Freiheitsgegner nur gegen die Wahlfreiheit. Sagt doch Herbert Spencer, der in Ansichten lebt, die mit jedemTage an Verbreitung gewinnen (Die Prinzipien der Psychologie, von Herbert Spencer, deutsche Ausgabe von Dr. B. Vetter, Stuttgart 1882): «Daß aber jedermann auch nach Belieben begehren oder nicht begehren könne, was der eigentliche im Dogma vom freien Willen liegende Satz ist, das wird freilich ebensosehr durch die Analyse des Bewußtseins, als durch den Inhalt der vorhergehenden Kapitel (der Psychologie) verneint.» Von demselben Gesichtspunkte gehen auch andere aus, wenn sie den Begriff des freien Willens bekämpfen. Im Keime finden sich alle diesbezüglichen Ausführungen schon bei Spinoza. Was dieser klar und einfach gegen die Idee der Freiheit vorbrachte, das wurde seitdem unzählige Male wiederholt, nur eingehüllt zumeist in die spitzfindigsten theoretischen Lehren, so daß es schwer wird, den schlichten Gedankengang, auf den es allein ankommt, zu erkennen. Spinoza schreibt in einem Briefe vom Oktober oder November 1674: «Ich nenne nämlich die Sache frei, die aus der bloßen Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt, und gezwungen nenne ich die, welche von etwas anderem zum Dasein und Wirken in genauer und fester Weise bestimmt wird. So besteht zum Beispiel Gott, obgleich notwendig, doch frei, weil er nur aus der Notwendigkeit seiner Natur allein besteht. Ebenso erkennt Gott sich selbst und alles andere frei, weil es aus der Notwendigkeit seiner Natur allein folgt, daß er alles erkennt. Sie sehen also, daß ich die Freiheit nicht in ein freies Beschließen, sondern in eine freie Notwendigkeit setze.

[ 3 ] Doch wir wollen zu den erschaffenen Dingen herabsteigen, welche sämtlich von äußern Ursachen bestimmt werden, in fester und genauer Weise zu bestehen und zu wirken. Um dies deutlicher einzusehen, wollen wir uns eine ganz einfache Sache vorstellen. So erhält zum Beispiel ein Stein von einer äußeren, ihn stoßenden Ursache eine gewisse Menge von Bewegung, mit der er nachher, wenn der Stoß der äußern Ursache aufgehört hat, notwendig fortfährt, sich zu bewegen. Dieses Beharren des Steines in seiner Bewegung ist deshalb ein erzwungenes und kein notwendiges, weil es durch den Stoß einer äußern Ursache definiert werden muß. Was hier von dem Stein gilt, gilt von jeder andern einzelnen Sache, und mag sie noch so zusammengesetzt und zu vielem geeignet sein, nämlich, daß jede Sache notwendig von einer äußern Ursache bestimmt wird, in fester und genauer Weise zu bestehen und zu wirken.

[ 4 ] Nehmen Sie nun, ich bitte, an, daß der Stein, während er sich bewegt, denkt und weiß, er bestrebe sich, soviel er kann, in dem Bewegen fortzufahren. Dieser Stein, der nur seines Strebens sich bewußt ist und keineswegs gleichgültig sich verhält, wird glauben, daß er ganz frei sei und daß er aus keinem andern Grunde in seiner Bewegung fort fahre, als weil er es wolle. Dies ist aber jene menschliche Freiheit, die alle zu besitzen behaupten und die nur darin besteht, daß die Menschen ihres Begehrens sich bewußt sind, aber die Ursachen, von denen sie bestimmt werden, nicht kennen. So glaubt das Kind, daß es die Milch frei begehre und der zornige Knabe, daß er frei die Rache verlange, und der Furchtsame die Flucht. Ferner glaubt der Betrunkene, daß er nach freiem Entschluß dies spreche, was er, wenn er nüchtern geworden, gern nicht gesprochen hätte; und da dieses Vorurteil allen Menschen angeboren ist, so kann man sich nicht leicht davon befreien. Denn wenn auch die Erfahrung genügend lehrt, daß die Menschen am wenigsten ihr Begehren mäßigen können und daß sie, von entgegengesetzten Leidenschaften bewegt, das Bessere einsehen und das Schlechtere tun, so halten sie sich doch für frei und zwar, weil sie manches weniger stark begehren und manches Begehren leicht durch die Erinnerung an anderes, dessen man sich oft entsinnt, gehemmt werden kann.»—

[ 5 ] Weil hier eine klar und bestimmt ausgesprochene Ansicht vorliegt, wird es auch leicht, den Grundirrtum, der darin steckt, aufzudecken. So notwendig, wie der Stein auf einen Anstoß hin eine bestimmte Bewegung ausführt, ebenso not wendig soll der Mensch eine Handlung ausführen, wenn er durch irgendeinen Grund dazu getrieben wird. Nur weil der Mensch ein Bewußtsein von seiner Handlung hat, halte er sich für den freien Veranlasser derselben. Er übersehe dabei aber, daß eine Ursache ihn treibt, der er unbedingt folgen muß. Der Irrtum in diesem Gedankengange ist bald gefunden. Spinoza und alle, die denken wie er, übersehen, daß der Mensch nicht nur ein Bewußtsein von seiner Handlung hat, sondern es auch von den Ursachen haben kann, von denen er geleitet wird. Niemand wird es bestreiten, daß — das Kind unfrei ist, wenn es die Milch begehrt, daß der Betrunkene es ist, wenn er Dinge spricht, die er später bereut. Beide wissen nichts von den Ursachen, die in den Tiefen ihres Organismus tätig sind, und unter deren unwiderstehlichem Zwange sie stehen. Aber ist es berechtigt, Handlungen dieser Art in einen Topf zu werfen mit solchen, bei denen sich der Mensch nicht nur seines Handelns bewußt ist, sondern auch der Gründe, die ihn veranlassen? Sind die Handlungen der Menschen denn von einerlei Art? Darf die Tat des Kriegers auf dem Schlachtfelde, die des wissenschaftlichen Forschers im Laboratorium, des Staatsmannes in verwickelten diplomatischen Angelegenheiten wissenschaftlich auf gleiche Stufe gestellt werden mit der des Kindes, wenn es nach Milch begehrt? Wohl ist es wahr, daß man die Lösung einer Aufgabe da am besten versucht, wo die Sache am einfachsten ist. Aber oft schon hat der Mangel an Unterscheidungsvermögen endlose Verwirrung gebracht. Und ein tiefgreifender Unterschied ist es doch, ob ich weiß, warum ich etwas tue, oder ob das nicht der Fall ist. Zunächst scheint das eine ganz selbstverständliche Wahrheit zu sein. Und doch wird von den Gegnern der Freiheit nie danach gefragt, ob denn ein Beweggrund meines Handelns, den ich erkenne und durchschaue, für mich in gleichem Sinne einen Zwang bedeutet, wie der organische Prozeß, der das Kind veranlaßt, nach Milch zu schreien.

[ 6 ] Eduard von Hartmann behauptet in seiner «Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins» (5. 451), das menschliche Wollen hänge von zwei Hauptfaktoren ab: von den Beweggründen und von dem Charakter. Betrachtet man die Menschen alle als gleich oder doch ihre Verschiedenheiten als unerheblich, so erscheint ihr Wollen als von außen bestimmt, nämlich durch die Umstände, die an sie herantreten. Erwägt man aber, daß verschiedene Menschen eine Vorstellung erst dann zum Beweggrund ihres Handelns machen, wenn ihr Charakter ein solcher ist, der durch die entsprechende Vorstellung zu einer Begehrung veranlaßt wird, so erscheint der Mensch von innen bestimmt und nicht von außen. Der Mensch glaubt nun, weil er, gemäß seinem Charakter, eine ihm von außen aufgedrängte Vorstellung erst zum Beweggrund machen muß: er sei frei, das heißt unabhängig von äußeren Beweggründen. Die Wahrheit aber ist, nach Eduard von Hartmann, daß: «Wenn aber auch wir selbst die Vorstellungen erst zu Motiven erheben, so tun wir dies doch nicht willkürlich, sondern nach der Notwendigkeit unserer charakterologischen Veranlagung, also nichts weniger als frei». Auch hier bleibt der Unterschied ohne alle Berücksichtigung, der besteht zwischen Beweggründen, die ich erst auf mich wirken lasse, nachdem ich sie mit meinem Bewußtsein durchdrungen habe, und solchen, denen ich folge, ohne daß ich ein klares Wissen von ihnen besitze.

[ 7 ] Und dies führt unmittelbar auf den Standpunkt, von dem aus hier die Sache angesehen werden soll. Darf die Frage nach der Freiheit unseres Willens überhaupt einseitig für sich gestellt werden? Und wenn nicht: mit welcher andern muß sie notwendig verknüpft werden?

[ 8 ] Ist ein Unterschied zwischen einem bewußten Beweggrund meines Handelns und einem unbewußten Antrieb, dann wird der erstere auch eine Handlung nach sich ziehen, die anders beurteilt werden muß als eine solche aus blindem — Drange. Die Frage nach diesem Unterschied wird also die erste sein. Und was sie ergibt, davon wird es erst abhängen, wie wir uns zu der eigentlichen Freiheitsfrage zu stellen haben.

[ 9 ] Was heißt es, ein Wissen von den Gründen seines Handelns haben? Man hat diese Frage zu wenig berücksichtigt, weil man leider immer in zwei Teile zerrissen hat, was ein untrennbares Ganzes ist: den Menschen. Den Handelnden und den Erkennenden unterschied man, und leer ausgegangen ist dabei nur der, auf den es vor allen andern Dingen ankommt: der aus Erkenntnis Handelnde.

[ 10 ] Man sagt: frei sei der Mensch, wenn er nur unter der Herrschaft seiner Vernunft stehe und nicht unter der der animalischen Begierden. Oder auch: Freiheit bedeute, sein Leben und Handeln nach Zwecken und Entschlüssen bestimmen zu können.

[ 11 ] Mit Behauptungen solcher Art ist aber gar nichts gewonnen. Denn das ist ja eben die Frage, ob die Vernunft, ob Zwecke und Entschlüsse in gleicher Weise auf den Menschen einen Zwang ausüben wie animalische Begierden. Wenn ohne mein Zutun ein vernünftiger Entschluß in mir auftaucht, gerade mit derselben Notwendigkeit wie Hunger und Durst, dann kann ich ihm nur notgedrungen folgen, und meine Freiheit ist eine Illusion.

[ 12 ] Eine andere Redewendung lautet: Freisein heißt nicht wollen können, was man will, sondern tun können, was man will. Diesen Gedanken hat der Dichterphilosoph Robert Hamerling in seiner «Atomistik des Willens» in scharf-umrissenen Worten gekennzeichnet: «Der Mensch kann allerdings tun, was er will — aber er kann nicht wollen, was er will, weil sein Wille durch Motive bestimmt ist! — Er kann nicht wollen, was er will? Sehe man sich diese Worte doch einmal näher an. Ist ein vernünftiger Sinn darin? Freiheit des Wollens müßte also darin bestehen, daß man ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen könnte? Aber was heißt denn Wollen anders, als einen Grund haben, dies lieber zu tun oder anzustreben als jenes? Ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen, hieße etwas wollen, ohne es zu wollen. Mit dem Begriffe des Wollens ist der des Motivs unzertrennlich verknüpft. Ohne ein bestimmendes Motiv ist der Wille ein leeres Vermögen: erst durch das Motiv wird er tätig und reell. Es ist also ganz richtig, daß der menschliche Wille insofern nicht ‹frei› ist, als seine Richtung immer durch das stärkste der Motive bestimmt ist. Aber es muß andererseits zugegeben werden, daß es absurd ist, dieser ‹Unfreiheit› gegenüber von einer denkbaren ‹Freiheit› des Willens zu reden, welche dahin ginge, wollen zu können, was man nicht will.» (Atomistik des Willens, 2. Band 5. 213 f.)

[ 13 ] Auch hier wird nur von Motiven im allgemeinen gesprochen, ohne auf den Unterschied zwischen unbewußten und bewußten Rücksicht zu nehmen. Wenn ein Motiv auf mich wirkt und ich gezwungen bin, ihm zu folgen, weil es sich als das «stärkste» unter seinesgleichen erweist, dann hört der Gedanke an Freiheit auf, einen Sinn zu haben. Wie soll es für mich eine Bedeutung haben, ob ich etwas tun kann oder nicht, wenn ich von dem Motive gezwungen werde, es zu tun? Nicht darauf kommt es zunächst an: ob ich dann, wenn das Motiv auf mich gewirkt hat, etwas tun kann oder nicht, sondern ob es nur solche Motive gibt, die mit zwingender Notwendigkeit wirken. Wenn ich etwas wollen muß, dann ist es mir unter Umständen höchst gleichgültig, ob ich es auch tun kann. Wenn mir wegen meines Charakters und wegen der in meiner Umgebung herrschenden Umstände ein Motiv aufgedrängt wird, das sichmeinemDenken gegenüber als unvernünftig erweist, dann müßte ich sogar froh sein, wenn ich nicht könnte, was ich will.

[ 14 ] Nicht darauf kommt es an, ob ich einen gefaßten Entschluß zur Ausführung bringen kann, sondern wie der Entschluß in mir entsteht.

[ 15 ] Was den Menschen von allen andern organischen Wesen unterscheidet, ruht auf seinem vernünftigen Denken. Tätig zu sein, hat er mit anderen Organismen gemein. Nichts ist damit gewonnen, wenn man zur Aufhellung des Freiheitsbegriffes für das Handeln des Menschen nach Analogien im Tierreiche sucht. Die moderne Naturwissenschaft liebt solche Analogien. Und wenn es ihr gelungen ist, bei den Tieren etwas dem menschlichen Verhalten Ähnliches gefunden zu haben, glaubt sie, die wichtigste Frage der Wissenschaft vom Menschen berührt zu haben. Zu welchen Mißverständnissen diese Meinung führt, zeigt sich zum Beispiel in dem Buche: «Die Illusion der Willensfreiheit» von P. Rée, 1885, der (5. 5) über die Freiheit folgendes sagt: «Daß es uns so scheint, als ob die Bewegung des Steines notwendig, des Esels Wollen nicht notwendig wäre, ist leicht erklärlich. Die Ursachen, welche den Stein bewegen, sind ja draußen und sichtbar. Die Ursachen aber, vermöge deren der Esel will, sind drinnen und unsichtbar: zwischen uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale des Esels... Man sieht die kausale Bedingtheit nicht, und meint daher, sie sei nicht vorhanden. Das Wollen, erklärt man, sei zwar die Ursache der Umdrehung (des Esels), selbst aber sei es unbedingt; es sei ein absoluter Anfang.» Also auch hier wieder wird über Handlungen des Menschen, bei denen er ein Bewußtsein von den Gründen seines Handelns hat, einfach hinweggegangen, denn Rée erklärt: «Zwischen uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale des Esels.» Daß es, zwar nicht Handlungen des Esels, wohl aber solche der Menschen gibt, bei denen zwischen uns und der Handlung das bewußt gewordene Motiv liegt, davon hat, schon nach diesen Worten zu schließen, Rée keine Ahnung. Er beweist das einige Seiten später auch noch durch die Worte: «Wir nehmen die Ursachen nicht wahr, durch welche unser Wollen bedingt wird, daher meinen wir, es sei überhaupt nicht ursachlich bedingt.»

[ 16 ] Doch genug der Beispiele, welche beweisen, daß viele gegen die Freiheit kämpfen, ohne zu wissen, was Freiheit überhaupt ist.

[ 17 ] Daß eine Handlung nicht frei sein kann, von der der Täter nicht weiß, warum er sie vollbringt, ist ganz selbstverständlich. Wie verhält es sich aber mit einer solchen, von deren Gründen gewußt wird? Das führt uns auf die Frage: welches ist der Ursprung und die Bedeutung des Denkens? Denn ohne die Erkenntnis der denkenden Betätigung der Seele ist ein Begriff des Wissens von etwas, also auch von einer Handlung nicht möglich. Wenn wir erkennen, was Denken im allgemeinen bedeutet, dann wird es auch leicht sein, klar darüber zu werden, was für eine Rolle das Denken beim menschlichen Handeln spielt. «Das Denken macht die Seele, womit auch das Tier begabt ist, erst zum Geiste», sagt Hegel mit Recht, und deshalb wird das Denken auch dem menschlichen Handeln sein eigentümliches Gepräge geben.

[ 18 ] Keineswegs soll behauptet werden, daß all unser Handeln nur aus der nüchternen Überlegung unseres Verstandes fließe. Nur diejenigen Handlungen als im höchsten Sinne menschlich hinzustellen, die aus dem abstrakten Urteil hervorgehen, liegt mir ganz fern. Aber sobald sich unser Handeln herauferhebt aus dem Gebiete der Befriedigung rein animalischer Begierden, sind unsere Beweggründe immer von Gedanken durchsetzt. Liebe, Mitleid, Patriotismus sind Triebfedern des Handelns, die sich nicht in kalte Verstandesbegriffe auflösen lassen. Man sagt: das Herz, das Gemüt treten da in ihre Rechte. Ohne Zweifel. Aber das Herz und das Gemüt schaffen nicht die Beweggründe des Handelns. Sie setzen dieselben voraus und nehmen sie in ihren Bereich auf. In meinem Herzen stellt sich das Mitleid ein, wenn in meinem Bewußtsein die Vorstellung einer mitleiderregenden Person aufgetreten ist. Der Weg zum Herzen geht durch den Kopf. Davon macht auch die Liebe keine Ausnahme. Wenn sie nicht die bloße Äußerung des Geschlechtstriebes ist, dann beruht sie auf den Vorstellungen, die wir uns von dem geliebten Wesen machen. Und je idealistischer diese Vorstellungen sind, desto beseligender ist die Liebe. Auch hier ist der Gedanke der Vater des Gefühles. Man sagt: die Liebe mache blind für die Schwächen des geliebten Wesens. Die Sache kann auch umgekehrt angefaßt werden und behauptet: die Liebe öffne gerade für dessen Vorzüge das Auge. Viele gehen ahnungslos an diesen Vorzügen vorbei, ohne sie zu bemerken. Der eine sieht sie, und eben deswegen erwacht die Liebe in seiner Seele. Was hat er anderes getan: als von dem sich eine Vorstellung gemacht, wovon hundert andere keine haben. Sie haben die Liebe nicht, weil ihnen die Vorstellung mangelt.

[ 19 ] Wir mögen die Sache anfassen wie wir wollen: immer klarer muß es werden, daß die Frage nach dem Wesen des menschlichen Handelns die andere voraussetzt nach dem Ursprunge des Denkens. Ich wende mich daher zunächst dieser Frage zu.

Versions Available:

The Philosophy of Freedom 1916, tr. Prof. and Mrs. R. F. Alfred Hoernlé
  1. The Philosophy of Spiritual Activity 1949, tr. Hermann Poppelbaum
  2. The Philosophy of Spiritual Activity 1963, tr. Rita Stebbing
  3. The Philosophy of Freedom 1964, tr. Michael Wilson
  4. The Philosophy of Spiritual Activity 1986, tr. William Lindeman
  5. The Philosophy of Spiritual Activity, Steiner Online Library
  6. Die Philosophie der Freiheit, Rudolf Steiner Verlag, 16th ed.

II. Conscious Human Action

[ 1 ] Is man free in action and thought, or is he bound by an iron necessity? There are few questions on which so much ingenuity has been expended. The idea of freedom has found enthusiastic supporters and stubborn opponents in plenty. There are those who, in their moral fervour, label anyone a man of limited intelligence who can deny so patent a fact as freedom. Opposed to them are others who regard it as the acme of unscientific thinking for anyone to believe that the uniformity of natural law is broken in the sphere of human action and thought. One and the same thing is thus proclaimed, now as the most precious possession of humanity, now as its most fatal illusion. Infinite subtlety has been employed to explain how human freedom can be consistent with determinism in nature of which man, after all, is a part. Others have been at no less pains to explain how such a delusion as this could have arisen. That we are dealing here with one of the most important questions for life, religion, conduct, science, must be clear to every one whose most prominent trait of character is not the reverse of thoroughness. It is one of the sad signs of the superficiality of present-day thought, that a book which attempts to develop a new faith out of the results of recent scientific research (David Friedrich Strauss: Der alte und neue Glaube), has nothing more to say on this question than these words: “With the question of the freedom of the human will we are not concerned. The alleged freedom of indifferent choice has been recognized as an empty illusion by every philosophy worthy of the name. The determination of the moral value of human conduct and character remains untouched by this problem.” It is not because I consider that the book in which it occurs has any special importance that I quote this passage, but because it seems to me to express the only view to which the thought of the majority of our contemporaries is able to rise in this matter. Every one who has gone beyond the kindergarten-stage of science appears to know nowadays that freedom cannot consist in choosing, at one's pleasure, one or other of two possible courses of action. There is always, so we are told, a perfectly definite reason why, out of several possible actions, we carry out just one and no other.

[ 2 ] This seems quite obvious. Nevertheless, down to the present days the main attacks of the opponents of freedom are directed only against freedom of choice. Even Herbert Spencer, in fact, whose doctrines are gaining ground daily, says “That every one is at liberty to desire or not to desire, which is the real proposition involved in the dogma of free will, is negatived as much by the analysis of consciousness, as by the contents of the preceding chapters” (The Principles of Psychology, Part IV, chap. ix, par. 219). Others, too, start from the same point of view in combating the concept of free will. The germs of all the relevant arguments are to be found as early as Spinoza. All that he brought forward in clear and simple language against the idea of freedom has since been repeated times without number, but as a rule enveloped in the most sophisticated arguments, so that it is difficult to recognize the straightforward train of thought which is alone in question. Spinoza writes in a letter of October or November 1674, “I call a thing free which exists and acts from the pure necessity of its nature, and I call that unfree, of which the being and action are precisely and fixedly determined by something else. Thus, e.g., God, though necessary, is free because he exists only through the necessity of his own nature. Similarly, God knows himself and all else as free, because it follows solely from the necessity of his nature that he knows all. You see, therefore, that for me freedom consists not in free decision, but in free necessity.

[ 3 ] But let us come down to created things which are all determined by external causes to exist and to act in a fixed and definite manner. To perceive this more clearly, let us imagine a perfectly simple case. A stone, for example, receives from an external cause acting upon it a certain quantity of motion, by reason of which it necessarily continues to move, after the impact of the external cause has ceased. The continued motion of the stone is due to compulsion, not to the necessity of its own nature, because it requires to be defined by the impact of an external cause. What is true here for the stone is true also for every other particular thing, however complicated and many-sided it may be, namely, that everything is necessarily determined by external causes to exist and to act in a fixed and definite manner.

[ 4 ] Now, pray, assume that this stone during its motion thinks and knows that it is striving to the best of its power to continue in motion. This stone which is conscious only of its striving and is by no means indifferent, will believe that it is absolutely free, and that it continues in motion for no other reason than its own will to continue. Now this is that human freedom which everybody claims to possess and which consists in nothing but this, that men are conscious of their desires, but ignorant of the causes by which they are determined. Thus the child believes that he desires milk of his own free will, the angry boy regards his desire for vengeance as free, and the coward his desire for flight. Again, the drunken man believes that he says of his own free will what, sober again, he would fain have left unsaid, and as this prejudice is innate all men, it is difficult to free oneself from it. For, although experience teaches us often enough that man least of all can temper his desires, and that, moved by conflicting passions, he perceives the better and pursues the worse, yet he considers himself free because there are some things which he desires less strongly, and some desires which he can easily inhibit through the recollection of something else which it is often possible to recall.”

[ 5 ] It is easy to detect the fundamental error of this view, because it is so clearly and definitely expressed. The same necessity by which a stone makes a definite movement as the result of an impact, is said to compel a man to carry out an action when impelled thereto by any cause. It is only because man is conscious of his action, that he thinks himself to be its originator. In doing so, he overlooks the fact that he is driven by a cause which he must obey unconditionally. The error in this train of thought is easily brought to light. Spinoza, and all who think like him, overlook the fact that man not only is conscious of his action, but also may become conscious of the cause which guides him. Anyone can see that a child is not free when he desires milk, nor the drunken man when he says things which he later regrets. Neither knows anything of the causes, working deep within their organisms, which exercise irresistible control over them. But is it justifiable to lump together actions of this kind with those in which a man is conscious not only of his actions but also of their causes? Are the actions of men really all of one kind? Should the act of a soldier on the field of battle, of the scientific researcher in his laboratory, of the statesman in the most complicated diplomatic negotiations, be placed on the same level with that of the child when he desires milk? It is, no doubt, true that it is best to seek the solution of a problem where the conditions are simplest. But lack of ability to see distinctions has before now caused endless confusion. There is after all a profound difference between knowing the motive of my action and not knowing it. At first sight this seems a self-evident truth. And yet the opponents of freedom never ask themselves whether a motive of action which I recognize and understand, is to be regarded as compulsory for me in the same sense as the organic process which causes the child to cry for milk.

[ 6 ] Edouard van Hartmann, in his Phanomenologie des Sittlichen Bewusstseins (p. 451) asserts that the human will depends on two chief factors, the motives and the character. If one regards men as all alike, or at any rate the differences between them as negligible, then their will appears as determined from without, viz., by the circumstances with which they come in contact. But if one bears in mind that men adopt an idea as the motive of their conduct, only if their character is such that this idea arouses a desire in them, then men appear as determined from within and not from without. Now, because an idea, given to us from without, must first in accordance with our characters be adopted as a motive, men believe that they are free, i.e., independent of external influences. The truth, however, according to Edouard von Hartmann, is that “even though we must first adopt an idea as a motive, we do so not arbitrarily, but according to the disposition of our characters, that is, we are anything but free.” Here again the difference between motives, which I allow to influence me only after I have consciously made them my own, and those which I follow, without any clear knowledge of them, is absolutely ignored.

[ 7 ] This leads us straight to the standpoint from which the subject will be treated here. Have we any right to consider the question of the freedom of the will by itself at all? And if not, with what other question must it necessarily be connected?

[ 8 ] If there is a difference between conscious and unconscious motives of action, then the action in which the former issue should be judged differently from the action which springs from blind impulse. Hence our first question will concern this difference, and on the result of this inquiry will depend what attitude we ought to take up towards the question of freedom proper.

[ 9 ] What does it mean to have knowledge of the motives of one's actions? Too little attention has been paid to this question, because, unfortunately, man who is an indivisible whole has always been torn asunder by us. The agent has been divorced from the knower, whilst he who matters more than everything else, viz., the man who acts because he knows, has been utterly overlooked.

[ 10 ] It is said that man is free when he is controlled only by his reason, and not by his animal passions. Or, again, that to be free means to be able to determine one's life and action by purposes and deliberate decisions.

[ 11 ] Nothing is gained by assertions of this sort. For the question is just whether reason, purposes, and decisions exercise the same kind of compulsion over a man as his animal passions. If, without my doing, a rational decision occurs in me with the same necessity with which hunger and thirst happen to me, then I must needs obey it, and my freedom is an illusion.

[ 12 ] Another form of expression runs: to be free means, not that we can will what we will, but that we can do what we will. This thought has been expressed with great clearness by the poet-philosopher Robert Hamerling in his Atomistik des Willens. “Man can, it is true, do what he wills, but he cannot will what he wills, because his will is determined by motives! He cannot will what he wills? Let us consider these phrases more closely. Have they any intelligible meaning? Does freedom of the will, then, mean being able to will without ground, without motive? What does willing mean if not to have grounds for doing, or striving to do, this rather than that? To will anything without ground or motive would mean to will something without willing it. The concept of motive is indissolubly bound up with that of will. Without the determining motive the will is an empty faculty; it is the motive which makes it active and real. It is, therefore, quite true that the human will is not ‘free,' inasmuch as its direction is always determined by the strongest motive. But, on the other hand, it must be admitted that it is absurd to speak, in contrast with this ‘unfreedom,' of a conceivable ‘freedom' of the will, which would consist in being able to will what one does not will” (Atomistik des Willens, p. 213 ff.).

[ 13 ] Here again only motives in general are mentioned, without taking into account the difference between unconscious and conscious motives. If a motive affects me, and I am compelled to act on it because it proves to be the “strongest” of its kind, then the idea of freedom ceases to have any meaning. How should it matter to me whether I can do a thing or not, if I am forced by the motive to do it? The primary question is, not whether I can do a thing or not when impelled by a motive, but whether the only motives are such as impel me with absolute necessity. If I must will something, then I may well be absolutely indifferent as to whether I can also do it. And if, through my character, or through circumstances prevailing in my environment, a motive is forced on me which to my thinking is unreasonable, then I should even have to be glad if I could not do what I will.

[ 14 ] The question is, not whether I can carry out a decision once made, but how I come to make the decision.

[ 15 ] What distinguishes man from all other organic beings is his rational thought. Activity is common to him with other organisms. Nothing is gained by seeking analogies in the animal world to clear up the concept of freedom as applied to the actions of human beings. Modern science loves these analogies. When scientists have succeeded in finding among animals something similar to human behaviour, they believe they have touched on the most important question of the science of man. To what misunderstandings this view leads is seen, for example, in the book Die Illusion der Willensfreiheit, by P. Ree, 1885, where, on page 5, the following remark on freedom appears. “It is easy to explain why the movement of a stone seems to us necessary, while the volition of a donkey does not. The causes which set the stone in motion are external and visible, while the causes which determine the donkey's volition are internal and invisible. Between us and the place of their activity, there is the skull cap of the ass ... The causal nexus is not visible, and is therefore thought to be non-existent. The volition, it is explained, is, indeed, the cause of the donkey's turning round, but is itself unconditioned; it is an absolute beginning.” Here again human actions in which there is a consciousness of the motives are simply ignored, for Ree declares, “that between us and the sphere of their activity there is the skull cap of the ass.” As these words show, it has not so much as dawned on Ree that there are actions, not indeed of the ass, but of human beings, in which the motive, become conscious, lies between us and the action. Ree demonstrates his blindness once again a few pages further on, when he says, “we do not perceive the causes by which our will is determined, hence we think it is not causally determined at all.”

[ 16 ] But enough of examples which prove that many argue against freedom without knowing in the least what freedom is.

[ 17 ] That an action of which the agent does not know why he performs it, cannot be free goes without saying. But what of the freedom of an action about the motives of which we reflect? This leads us to the question of the origin and meaning of thought. When we know what thought in general means, it will be easier to see clearly the role which thought plays in human action. As Hegel rightly says, “It is thought which turns the soul, common to us and animals, into spirit.” Hence it is thought which we may expect to give to human action its characteristic stamp.

[ 18 ] I do not mean to imply that all our actions spring only from the sober deliberations of our reason. I am very far from calling only those actions “human” in the highest sense, which proceed from abstract judgments. But as soon as our conduct rises above the sphere of the satisfaction of purely animal desires, our motives are always shaped by thoughts. Love, pity, and patriotism are motives of action which cannot be analysed away into cold concepts of the understanding. It is said that here the heart, the soul, hold sway. This is no doubt true. But the heart and the soul create no motives. They presuppose them. Pity enters my heart when the thought of a person who arouses pity has appeared in my consciousness. The way to the heart is through the head. Love is no exception. Whenever it is not merely the expression of bare sexual instinct, it depends on the thoughts we form of the loved one. And the more we idealize the loved one in our thoughts, the more blessed is our love. Here, too, thought is the father of feeling. It is said that love makes us blind to the failings of the loved one. But the opposite view can be taken, namely that it is precisely for the good points that love opens the eyes. Many pass by these good points without notice. One, however, perceives them, and just because he does, love awakens in his soul. What else has he done except perceive what hundreds have failed to see? Love is not theirs, because they lack the perception.

[ 19 ] From whatever point we regard the subject, it becomes more and more clear that the question of the nature of human action presupposes that of the origin of thought. I shall therefore, turn next to this question.