Essays on the Threefold Social Order
GA 24
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The Renewal of the Social Organism, tr. Bowen-Wedgewood, et al.
5. Was nottut
5. What Is Needed
[ 1 ] Man wird den Wirklichkeitssinn, der in der Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus lebt, nicht finden, wenn man diese mit den Gedanken vergleicht, die man sich über das praktisch Mögliche aus den Überlieferungen heraus angeeignet hat, in welche man durch Erziehung und Lebensgewohnheiten hineingewachsen ist. Daß diese Überlieferungen zu Denk- und Empfindungsgewohnheiten geführt haben, über welche das Leben hinausgewachsen ist, dies ist ja gerade der Grund unserer gesellschaftlichen und staatlichen Wirrnis. Wer daher sagt: die Dreigliederung berücksichtige nicht, aus welchen Antrieben bisher die menschlichen Einrichtungen erwachsen sind, der lebt in dem Wahn, die Überwindung dieser Antriebe sei eine Sünde wider jede mögliche Gesellschaftsordnung. Die Idee von der Dreigliederung ist aber auf der Erkenntnis aufgebaut, daß der Glaube an die weitere Tragkraft dieser Antriebe das stärkste Hemmnis bildet für einen gesunden, mit der gegenwärtigen Entwickelungsstufe der Menschheit rechnenden Fortschrittsimpuls.
[ 1 ] The sense for reality that lives in the idea of the threefold social organism will not be found by comparing it with that which traditional education and habits have taught people to think possible. The very reason for our present confusions in government and society is that these traditions have led to habits of thought and feeling that life itself has outgrown. Therefore anyone who objects that the idea of a threefold social order takes no account of the impulses that have formed until now the basis of all human institutions, are under the delusion that the overcoming of these old impulses is a sin against any possible social order. Rather, the threefold order is founded upon the recognition that a belief in the sustaining power of the old impulses is the worst obstacle to healthy and progressive steps which take into account our present stage of evolution.
[ 2 ] Daß die alten Antriebe nicht weiter fortgepfiegt werden können, das sollte man aus der Tatsache erkennen, daß sie ihre Stoßkraft für das produktive Arbeiten der Menschen verloren haben. Die alten wirtschaftlichen Antriebe der Kapitalrentabilität und des Lohnerträgnisses konnten ihre Stoßkraft nur so lange behaupten, als von den alten Lebensgütern noch genügend übriggeblieben war von dem, für das der Mensch Neigung und Liebe entwickeln konnte. Diese Lebensgüter zeigen sich deutlich in dem abgelaufenen Zeitalter erschöpft. Und immer zahlreicher wurden die Menschen, die als Kapitalisten nicht mehr wußten, wofür sie Kapital anhäufen sollten; immer zahlreicher auch wurden die Menschen, die, im Lohnverhältnis stehend, nicht wußten, wofür sie arbeiteten.
[ 2 ] The impossibility of continuing to cultivate the old impulses should be clear from the fact that they have lost their power as an incentive to productive labor. The old econonomic motives of capital returns and wage earnings could maintain their power as incentives only as long as enough of the old treasured objects remained that could arouse people's inclination and love. These treasures have plainly become exhausted in the age that has just ended. Ever more numerous were the people who, as capitalists, no lon ger knew why they were amassing capital; ever more numerous, too, were wage earners who did not know why they were working.
[ 3 ] Die Erschöpfung der im Staatsgefüge wirkenden Antriebe zeigte sich darin, daß es in der neuesten Zeit für viele Menschen fast zu einer Selbstverständlichkeit wurde, den Staat für einen Selbstzweck anzusehen und zu vergessen, daß der Staat um der Menschen willen da ist. Man kann den Staat nur als einen Selbstzweck ansehen, wenn man die innere individuelle Selbstbehauptung des Menschenwesens so weit verloren hat, daß man für diese Selbstbehauptung und aus ihr heraus nicht die entsprechenden Staatseinrichtungen fordert. Dann muß man nämlich in allerlei Einrichtungen des Staates dessen Wesen suchen, die seiner eigentlichen Aufgabe zuwiderlaufen. Man wird erfüllt werden, mehr in die Einrichtungen des Staates hineinzulegen, als für die Selbstbehauptung der in ihm vereinigten Menschen notwendig ist. Jedes solche mehr des Staates ist aber ein Zeugnis für ein Weniger der den Staat tragenden Menschen.
[ 3 ] The exhaustion of the impulses that had kept together the nexus of the state was shown by the fact that in recent times many people have come almost as a matter of course to regard the state as an end in itself, and to forget that the state exists for the sake of human beings. To regard the state as an end in itself is possible only when one has so much lost the ability to assert one's inner, human individuality that one no longer expects from the state the kind of institutions this self-assertion would demand. Then one is indeed obliged to look for the essence of the state in all sorts of institutions that are quite contrary to its proper task. One will become determined to put more into the institutions of the state than is needed for the self-assertion of the human beings who compose it. However, every such more in the state evidences a less in the human beings who bear the burden of the state.
[ 4 ] Im geistigen Leben offenbart sich die Unfruchtbarkeit der alten Antriebe in dem Mißtrauen, das man dem Geiste überhaupt entgegenbringt. Was aus den ungeistigen Lebensverhältnissen erwächst, dafür hat man Interesse; darüber bildet man sich Anschauungen und Gedanken. Was aus geistiger Produktion stammt, das betrachtet man am liebsten als persönliche Angelegenheit des produzierenden Menschen. Man behindert es eher, als daß man es förderte, wenn es in das öffentliche Leben aufgenommen werden will. Es gehört zu den verbreitetsten Eigentümlichkeiten unserer zeitgenössischen Menschen, daß ihnen ein offener Sinn für individuelle Geistesleistungen ihrer Mitmenschen fehlt.
[ 4 ] In cultural life, the sterility of the old impulses is displayed in the mistrust with which people look on the spirit.What proceeds from life's unspiritual concerns arouses people's interest; they form views and concepts of it. What originates in spiritual productivity, people choose to regard as a private affair of the particular producer; they are inclined to hinder rather than help if it tries to find a place in public life. One of the most widespread characteristics of our contemporaries is that they remain closed to the individual spiritual achievements of their fellows.
[ 5 ] Die Gegenwart bedarf des Hinschauens auf diese ihre Abgebrauchtheit in bezug auf die wirtschaftlichen, die staatlichen, die geistigen Antriebe. Aus diesem Hinschauen muß sich ein energisches soziales Wollen entzünden. Ehe man nicht erkennt, daß in unserer wirtschaftlichen, staatlichen, geistigen Not nicht bloß äußere Lebensverhältnisse wirksam sind, sondern die Seelenverfassung des neueren Menschen, ist die Grundlage zu dem notwendigen Neubau noch nicht gegeben.
[ 5 ] The present age needs to see clearly that it has exhausted its economic, political and cultural impulses. Such insight must kindle energetic will and social purpose. Until people recognize that our economic, political and cultural troubles are not due merely to external life circumstances, but also to the state of our souls, the necessary renewal has not yet been given its proper foundation.
[ 6 ] Es ist ein Zwiespalt in die Seelenverfassung der Menschheit eingetreten. In den instinktiven, unbewußten Regungen der Menschennatur rumort ein Neues. In dem bewußten Denken wollen die alten Ideen den instinktiven Regungen nicht folgen. Wenn aber die besten instinktiven Regungen nicht von Gedanken erleuchtet sind, die ihnen entsprechen, dann werden sie barbarisch, animalisch. In eine gefährliche Lage treibt die Menschheit der Gegenwart hinein durch die Animalisierung ihrer Instinkte. Rettung ist nur zu finden durch Erstreben neuer Gedanken für eine neue Weltlage.
[ 6 ] A split has come about in the constitution of the human soul. In the instinctive, unconscious impulses of human nature, something new is stirring. In conscious thought, the old ideas refuse to follow the instinctive stirrings. However, when the best instinctive promptings are not illuminated by corresponding thoughts, they became barbaric, animalistic. Modern humanity is rushing into a dangerous situation through this animalization of the instincts. Salvation can be found only in striving for new thoughts to meet a new world situation.
[ 7 ] Ein Ruf nach Sozialisierung, der dieses nicht berücksichtigt, kann zu nichts Heilsamem führen. Die Scheu, den Menschen als seelisches, als geistiges Wesen zu betrachten, muß überwunden werden. Einseitige Umwandlung des Wirtschaftslebens, einseitige Neugestaltung der staatlichen Struktur ohne die Pflege einer sozial gesunden und fruchtbaren Seelenverfassung ist geeignet, die Menschheit in Illusionen zu wiegen, statt sie mit Wirklichkeitssinn zu durchdringen. Und weil nur wenige sich entschließen können, die Lebensfrage der Gegenwart und der nächsten Zukunft in dem umfassenden Sinne einer Frage der äußeren Einrichtung und der inneren Erneuerung zu sehen, darum kommen wir auf dem Wege zur sozialen Neugestaltung so langsam vorwärts. Wenn viele sagen: die innere Erneuerung erfordere eine lange Zeit, man dürfe sie nicht überstürzen, so lauert hinter solchen Reden eben die Scheu vor dieser Erneuerung. Denn die rechte Stimmung kann nur die sein: alles tatkräftig ins Auge zu fassen, was zur Erneuerung führen kann, und dann zuzusehen, wie langsam oder wie schnell die Lebensfahrt vorwärts kommen wird.
[ 7 ] Any cry for socialization that disregards this fact can lead to nothing salutary. Our disinclination to recognize ourselves as beings of soul and of spirit must be overcome. A one-sided transformation of the economic life, a one-sided reconstruction of political institutions without nurturing a socially healthy and productive state of soul, is more likely to lull humanity with deceptive dreams than to fill it with a sense for reality. It is because there are so few who can bring themselves to look on the problems of today and tomorrow as questions comprehending both external arrangements and inner renewal that we move so slowly along the road to a new social order. When many people say: Inner renewal takes a long time; it is a process that must not be hurried, behind such words lurks a fear of such renewal. For the right mood can only be this: to examine energetically everything that might lead to renewal, and then watch and see how slowly or quickly life's voyage proceeds.
[ 8 ] Die Ereignisse der letzten Jahre haben eine gewisse Ermüdung über die Seelenverfassungen der Zeitgenossen ausgegossen. Um der kommenden Generationen willen, um der Kultur der nächsten Zukunft willen, muß diese Ermüdung bekämpft werden. Aus solchen Empfindungen heraus ist die Idee der Dreigliederung an die Öffentlichkeit getreten. Sie mag vielleicht unvollkommen, sie mag ganz schief sein; ihre Träger werden verstehen, wenn man sie vom Gesichtspunkte anderer neuer Ideen bekämpft. Daß man sie oft «unverständlich» findet, weil sie dem gewohnten Alten widerspricht, das können sie aber nicht als ein Zeichen betrachten, daß bei solchen Bekämpfern der Ruf gehört wird, der aus der Entwickelung der Menschheit für unsere Zeit sich doch, wie man glauben sollte, deutlich genug vernehmen läßt.
[ 8 ] The events of recent years have cast a certain weariness about the souls of our contemporaries. For the sake of the coming generations, for the sake of the civilization of the near future, this weariness must be combatted. These are the feelings that have brought the idea of the threefold order before the public. Say that this idea is imperfect, say that it is all wrong; its supporters will understand if it is opposed from the standpoint of other new ideas. That it should so often be found to be “incomprehensible” because it contradicts the old and customary—this they cannot regard as a sign that such opponents can hear the present call of human evolution. One would think this call is sounding plainly enough for all to hear.
