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The Origin and Purpose of Humanity
Basic Concepts of Spiritual Science
GA 53

1 December 1904, Berlin

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The Origin and Purpose of Humanity, tr. SOL
  1. Die Offenbarungen des Karma, 8th ed.

8. Friedrich Nietzsche im Lichte der Geisteswissenschaft

8. Friedrich Nietzsche in the Light of Spiritual Science

[ 1 ] Wer sich die Aufgabe stellt, das Verhältnis des modernen Geisteslebens zur theosophischen Lebensauffassung zu schildern, der darf an einer Erscheinung nicht vorübergehen, und das ist die Erscheinung Friedrich Nietzsches. Wie ein großes Rätsel steht Friedrich Nietzsche in der Kulturentwickelung der Gegenwart. Einen tiefen Eindruck hat er ohne Zweifel auf alle unsere denkenden Zeitgenossen gemacht. Für die einen war er eine Art von Führer, für die anderen eine Persönlichkeit, die man auf das intensivste bekämpfen muß. Aufgerüttelt hat er viele, und viele stark wirkende Ergebnisse seiner Arbeit hinterlassen. Eine umfangreiche Literatur ist über Nietzsche erschienen, und man kann heute fast keine Zeitung mehr aufschlagen — vor einigen Jahren war es noch mehr der Fall -, ohne irgendwo auf den Namen Nietzsche zu stoßen oder seine Denkweise direkt mit seinen Sätzen, mit seinen Gedanken angeführt zu finden, oder sonst irgendeinen Anklang an ihn. Tief eingewurzelt hat sich Friedrich Nietzsche in das ganze Gefüge unseres Zeitalters. Er steht, auch schon für einen bloßen Betrachter seines Lebens, wie ein Phänomen da.

[ 1 ] Anyone who sets out to describe the relationship between modern intellectual life and the theosophical view of life cannot overlook one figure, and that is Friedrich Nietzsche. Friedrich Nietzsche stands as a great enigma in the cultural development of the present day. He has undoubtedly made a deep impression on all our thinking contemporaries. For some, he was a kind of leader; for others, a figure who must be fought with the utmost intensity. He has shaken many to their core and left behind many powerful results of his work. An extensive body of literature has been published on Nietzsche, and today one can hardly open a newspaper—this was even more the case a few years ago—without coming across the name Nietzsche somewhere, or finding his way of thinking directly quoted through his sentences and thoughts, or some other reference to him. Friedrich Nietzsche has become deeply rooted in the very fabric of our age. Even to a mere observer of his life, he stands out as a phenomenon.

[ 2 ] Er ist hervorgegangen aus einem protestantischen Pfarrhause. Im Jahre 1844 geboren, zeigt er schon auf dem Gymnasium in freiester und unbefangenster Weise ein großes Interesse für alle religiösen Fragen. Manche Aufzeichnungen, die aus seiner Gymnasialzeit stammen, zeigen nicht nur einen frühreifen Jungen, sondern auch einen Menschen, der mit genialen Geistesblitzen in so manche Gebiete der religiösen Fragen hineinleuchtet. Und als er zur Universität kommst, interessiert ihn nicht nur sein Fachstudium in der Weise, daß er zu den ausgezeichnetsten Studenten gehört, sondern es interessieren ihn auch die allgemeinen Probleme der Menschheitsentwickelung. Er leistet in seiner Jugend schon viel auf dem Gebiete der Philologie, mehr, als andere in einem ganzen Leben leisten können. Ehe er zum Doktor promovierte, erhielt er eine Berufung nach Basel. Sein Lehrer Ritschl wurde gefragt, ob er empfehlen könne, daß Friedrich Nietzsche einen Lehrstuhl in Basel einnehme. Darauf antwortete der berühmte Philologe, er könne Nietzsche nur empfehlen, denn Nietzsche wisse alles, was er selber wisse. Und als er schon Professor war und das Doktorexamen machen wollte, da wurde zu ihm gesagt: Wir können Sie doch eigentlich nicht examinieren! — Nietzsche, der außerordentliche Professor, ist zum Doktor promoviert worden; so steht es auf dem Diplom! Wie tief man seinen Geist achtete, dafür ist das ein Zeichen. Dann machte er eine Bekanntschaft, die ausschlaggebend war für sein ganzes Leben. Er machte Bekanntschaft mit der Schopenhauerschen Philosophie, in die er sich so hineinlebte, daß er weniger die Philosophie als die Persönlichkeit Schopenhauers zum Führer und Leiter machte, so daß er in Schopenhauer seinen Erzieher sah.

[ 2 ] He came from a Protestant parsonage. Born in 1844, he already showed a keen interest in all religious matters in the most open and uninhibited way while attending high school. Some notes from his high school days reveal not only a precocious boy, but also a person who, with flashes of genius, shed light on many areas of religious inquiry. And when he entered university, he was not only interested in his major to the extent that he was among the most outstanding students, but he was also interested in the general problems of human development. Even in his youth, he achieved much in the field of philology—more than others could achieve in a lifetime. Before he earned his doctorate, he received a call to Basel. His teacher Ritschl was asked whether he could recommend that Friedrich Nietzsche take up a chair in Basel. The famous philologist replied that he could only recommend Nietzsche, for Nietzsche knew everything that he himself knew. And when he was already a professor and wanted to take his doctoral exam, he was told: “We can’t really examine you!” — Nietzsche, the associate professor, had been awarded a doctorate; so it stands on the diploma! This is a sign of how deeply his intellect was respected. Then he made an acquaintance that was decisive for his entire life. He became acquainted with Schopenhauer’s philosophy, into which he immersed himself so deeply that he made Schopenhauer’s personality—rather than the philosophy itself—his guide and leader, so that he saw Schopenhauer as his educator.

[ 3 ] Eine zweite wichtige Bekanntschaft war die mit Richard Wagner. Aus diesen beiden Begegnungen entwickelte sich die erste Epoche in Friedrich Nietzsches Geistesleben. In einer ganz persönlichen Weise geschah das. Als Nietzsche junger Professor in Basel war, da fuhr er, so oft er konnte — zeitweise jeden Sonntag —, nach Triebschen bei Luzern. Damals beschäftigte sich Richard Wagner mit Siegfried. Da wurden im Geiste der Schopenhauerschen Philosophie die meisten Werke Wagners und die tiefsten Probleme des Geisteslebens mit dem jugendlichen Nietzsche besprochen. Da sagte Wagner oft, daß er keinen besseren Ausleger finden könnte als Friedrich Nietzsche. Wenn wir die Schrift «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» betrachten, so werden wir finden, daß durch sie Richard Wagners Kunst in ein solches Licht gerückt ist, daß sie unmittelbar als eine kulturhistorische Tat erscheint, die über die Jahrhunderte, ja Jahrtausende hinleuchtet. Selten hat ein solch inniges Verhältnis bestanden wie zwischen dem jüngeren Schüler und dem älteren Meister, der seine Ideen, die in reicher Fülle in seinem Inneren sprudelten, in geistvollster Weise sozusagen neu kennenlernte, indem sie ihm in einer befreundeten Gestalt in ihrem ganzen Wirken wie von außen entgegenkamen, so daß er sie dadurch in das richtige Licht zu stellen vermochte. Es war ein Phänomen noch nie dagewesener Art. Glücklich war Wagner, der sagen konnte, er habe einen Verstehenden gefunden, wie wenige in der Welt; nicht minder glücklich war Nietzsche, der zurückblickte in die Urzeit des alten Griechentums, von der er glaubte, daß die Menschen damals noch göttlich geschaffen haben, anders als in der Zeit, die er die dekadente nennt. In Richard Wagner sah er eine Wiederauferstehung seltenster Art, einen Menschen, der einen so reinen, geistigen Inhalt in sich hatte, wie er selten im menschlichen Leben vorkommt.

[ 3 ] A second important acquaintance was that with Richard Wagner. These two encounters gave rise to the first phase of Friedrich Nietzsche’s intellectual life. This happened in a very personal way. When Nietzsche was a young professor in Basel, he traveled as often as he could—at times every Sunday—to Triebschen near Lucerne. At that time, Richard Wagner was working on *Siegfried*. There, in the spirit of Schopenhauer’s philosophy, most of Wagner’s works and the deepest problems of intellectual life were discussed with the young Nietzsche. Wagner often said that he could find no better interpreter than Friedrich Nietzsche. If we consider the work *The Birth of Tragedy from the Spirit of Music*, we will find that through it Richard Wagner’s art is cast in such a light that it immediately appears as a cultural-historical achievement that shines across the centuries, indeed millennia. Rarely has such an intimate relationship existed as that between the younger student and the older master, who, in the most inspired manner, so to speak, came to know his own ideas anew—ideas that bubbled forth in rich abundance within him—as they met him from the outside, so to speak, in the full scope of their effect through the figure of a friend, enabling him thereby to place them in the proper light. It was a phenomenon of an unprecedented kind. Happy was Wagner, who could say that he had found an understanding soul, as few in the world have; no less happy was Nietzsche, who looked back to the primeval age of ancient Greece, of which he believed that people at that time still created divinely, unlike in the era he calls the decadent one. In Richard Wagner he saw a resurrection of the rarest kind, a man who possessed within himself a spiritual content so pure as is rarely found in human life.

[ 4 ] Erst vom Jahre 1889 an ist viel über Nietzsche geschrieben worden. Die, welche seine Worte nachsprechen, beschäftigen sich erst nach diesem Zeitpunkt mit seinen Werken. Die aber, welche sich schon um das Jahr 1889 mit Nietzsche beschäftigten, wußten, daß er damals in der Wagnerzeit, also bis etwa 1876, wie ein Komet geschienen, aufgeleuchtet hatte neben Richard Wagner, daß er dann aber nahezu vergessen wurde. Nur in kleinsten Kreisen war noch die Rede von ihm. Er schrieb dann sein Werk «Also sprach Zarathustra» (1883), durch das er wieder bekannter wurde. Dann ist eine Schrift von ihm erschienen, durch die er alles zu zertrümmern schien, was er früher als sein eigen betrachtet hat. Das war der «Fall Wagner», (1888). Dadurch ist er wieder bekannt geworden. Diejenigen, welche sich mit Nietzsche beschäftigten, traten in zwei Lager auseinander. Georg Brandes hat auf der Universität Kopenhagen Vorlesungen über Nietzsche gehalten. Nietzsche war also nicht nur in sehr jugendlichen Jahren zum Universitätsprofessor geworden, eine Stelle, die er allerdings aus Gesundheitsgründen bald wieder aufgeben mußte, sondern er wurde auch der Ehre gewürdigt, Gegenstand von Universitätsvorlesungen zu sein. Diese Nachricht brachte wohl Trost in seine verdüsterte Seele, konnte sie aber vor der drohenden Umnachtung nicht mehr retten. Dann aber kam die Nachricht, daß Nietzsche unheilbar dem Wahnsinn verfallen sei. So etwa war das Gerippe seines äußeren Lebens.

[ 4 ] It was not until 1889 that much began to be written about Nietzsche. Those who repeat his words did not begin to engage with his works until after that time. But those who were already studying Nietzsche around 1889 knew that during the Wagner period—that is, until about 1876—he had shone like a comet, standing out alongside Richard Wagner, only to be almost forgotten thereafter. He was still talked about only in the smallest of circles. He then wrote his work *Thus Spoke Zarathustra* (1883), through which he became well-known again. Then a text of his appeared, through which he seemed to shatter everything he had previously regarded as his own. That was *The Case of Wagner* (1888). Through this, he became well-known again. Those who studied Nietzsche divided into two camps. Georg Brandes gave lectures on Nietzsche at the University of Copenhagen. Thus, Nietzsche had not only become a university professor in his very early years—a position he, however, soon had to give up for health reasons—but he was also honored to be the subject of university lectures. This news likely brought some comfort to his troubled soul, but it could no longer save him from the impending madness. Then, however, came the news that Nietzsche had fallen irrevocably into madness. Such was the framework of his external life.

[ 5 ] Wie ich schon erwähnt habe, war sein erstes Werk «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik». Das war herausgeboren aus einer seltenen Vertiefung in Schopenhauers Philosophie und aus der Vertiefung in die Kunst, wie sie ihm im Werk von Richard Wagner entgegentrat. Wer verstehen will, was diese Schrift als Morgenröte Nietzsches bedeutet, und auch verstehen will seinen Lebensweg, der muß sie herauserklären aus einer dreifachen Betrachtung. Erstens muß er sie herauserklären aus seiner Zeit, mit der Nietzsche intim gelebt hat. Ich selbst habe versucht, Nietzsche in dieser Weise objektiv darzustellen. Man kann ihn zweitens darstellen als ein Wesen, das man hervorgehen läßt aus seiner Persönlichkeit. Da ist er eines der interessantesten psychologischen, ja psychiatrischen Probleme. Auch das habe ich darzustellen versucht in einer medizinischen Zeitschrift in einem Artikel über Friedrich Nietzsche. Drittens kann man ihn darstellen vom Standpunkte der Weltanschauung des Geistes. Von diesem dritten Standpunkte aus zeigt sich sein Verhältnis zur Theosophie. Dieses wollen wir heute betrachten.

[ 5 ] As I have already mentioned, his first work was *The Birth of Tragedy from the Spirit of Music*. It arose from a rare immersion in Schopenhauer’s philosophy and from his deep engagement with art, as it appeared to him in the works of Richard Wagner. Anyone who wishes to understand what this text signifies as the dawn of Nietzsche, and who also wishes to understand his life’s journey, must interpret it from a threefold perspective. First, one must interpret it in light of his time, with which Nietzsche lived intimately. I myself have attempted to portray Nietzsche objectively in this manner. Second, one can portray him as a being who emerges from his personality. Here he presents one of the most interesting psychological, indeed psychiatric, problems. I have also attempted to portray this in an article on Friedrich Nietzsche published in a medical journal. Third, one can portray him from the standpoint of the spiritual worldview. From this third standpoint, his relationship to theosophy becomes apparent. This is what we wish to consider today.

[ 6 ] Schon seine erste Schrift «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» ergibt wichtige Anhaltspunkte vom theosophischen Gesichtspunkt aus, vom Standpunkt einer geistigen Weltbetrachtung. Unser Zeitalter ist das Zeitalter der fünften Wurzelrasse der Menschheit, der zwei andere vorangegangen sind, welche ganz andere Kräfte auszubilden hatten als unsere Wurzelrasse. Unsere fünfte Wurzelrasse hat vorzugsweise das menschliche Verstandes- und Gedankenleben zu entwickeln. Die vorhergehende Wurzelrasse ist die atlantische, die auf dem Kontinent gelebt hat, der jetzt auf dem Grunde des Atlantischen Ozeans ist. Diese Menschen hatten noch nicht den Verstand, noch nicht die IntelJektualität, sondern vorzugsweise Gedächtnis auszubilden. Und eine dieser vorangehende Wurzelrasse war die lemurische. Diese stand noch auf dem Standpunkte des Vorstellungslebens.

[ 6 ] Even his first work, *The Birth of Tragedy from the Spirit of Music*, provides important insights from a theosophical perspective, from the standpoint of a spiritual view of the world. Our age is the age of the fifth root race of humanity, preceded by two others that had to develop entirely different faculties than our root race. Our fifth root race is primarily tasked with developing human intellectual and mental life. The preceding root race is the Atlantean, which lived on the continent that now lies at the bottom of the Atlantic Ocean. These people had not yet developed reason or intellectuality, but rather had to develop memory. And one of these preceding root races was the Lemurian. This race still stood at the stage of the life of imagination.

[ 7 ] Das intellektuelle Leben ist dasjenige, was unsere Wurzelrasse auszubilden hat. Seit einer Reihe von Jahrhunderten ist namentlich die europäische Menschheit daran, die intellektuelle Kraft, diese Verstandeskraft, auszubilden. Unsere großen Philosophen, bis zu Kant und Schopenhauer herauf, sind es, die ganz und gar in dieser Entwickelungsbewegung unserer Wurzelrasse darinstehen. Für sie wurde das große Problem die Frage: Was bedeutet der menschliche Gedanke, wie kann der Mensch etwas erkennen? Für sie wurden diese Fragen die großen Rätselfragen des Daseins. Nun aber tritt für unsere Wurzelrasse etwas ganz Eigentümliches ein. Der Gedanke, den die Philosophen zur höchsten Entfaltung gebracht haben, wurde für unsere Zeit sozusagen losgelöst von seinem Mutterboden. In der reinsten und herrlichsten Weise hat unsere Zeit den Gedanken in der Wissenschaft in bezug auf das äußere technische Leben ausgebildet. Aber diese Gedanken oder eigentlich diese Vorstellungen haben uns aus der Natur herausgerissen. Der menschliche Gedanke ist nur ein Bild eines viel Höheren, das wir in den vorhergehenden Vorträgen besprochen haben; er ist ein Schatten, ein Bild der geistigen Welt. Geistige Wesenheit ist der Gedanke. Groß und gewaltig hat die neuere Zeit das Gedankenleben entwickelt; aber vergessen hat sie, daß dieser Gedanke nichts anderes ist als das Schattenbild des geistigen Lebens. Dieses Leben sendet sozusagen die geistigen Kräfte in uns hinein, und uns kommt dann die Vorstellung. Der Ursprung des Gedankens, der Vorstellung, war deshalb eine Rätselfrage, besonders für die Philosophie des 19. Jahrhunderts. Für sie wurde der Gedanke, die Vorstellung selbst zum Schein. Man hat vergessen, daß der Gedanke im Geiste urständet, wie Jakob Böhme sagt. Als man in der neueren Zeit versucht hatte, dennoch die Urquellen des Daseins zu suchen, hinzudringen nach jenem Urquell, den man verloren hatte und von dem man nicht mehr wußte, daß er in dem Geist urständet, konnte man ihn nur im Sinne der Schopenhauerschen Philosophie in dem unvernünftigen blinden Willen finden; der Gedanke hingegen sei nichts anderes als ein Scheinbild, das unsere Vorstellungswelt uns bietet. So wurde die Welt Vorstellung auf der einen, Wille auf der anderen Seite. Aber beide urständen nicht mehr im Geiste, nur noch im bloßen Schein. Wie konnte es anders sein, als daß diese in materialistischen Bahnen laufende Philosophie wenigstens den einen Träger des Geistes aufsuchte in einem für jeden unbefangenen Betrachter unmittelbar in der Welt zu findenden Element, wo der Geist als solcher nur in der Form eines blinden Willens, eines Austriebes der Natur vorhanden ist? Das ist eben die Persönlichkeit. Man hatte zwar vergessen, daß in der Persönlichkeit etwas Geistiges ist; aber die Persönlichkeit als solche konnte man nicht wegleugnen. In der Schopenhauerschen Philosophie wurde wenigstens das eine, die geistige menschliche Persönlichkeit, als das Höchste anerkannt; die Persönlichkeit, welche durch ihre Genialität oder durch ihre Frömmigkeit oder Heiligkeit hervorragt und gleichsam eine Entwickelungsstufe innerhalb der übrigen Menschheit darstellt, So wurde Schopenhauer hart und stellte die Durchschnittsmenschen als Fabrikware der Natur dar; aus dem dunklen Triebe der Natur heraus aber kristallisieren sich einzelne große Persönlichkeiten heraus. Diese Anschauung wirkte auf Nietzsche.

[ 7 ] Intellectual life is what our root race must develop. For a number of centuries now, European humanity in particular has been engaged in developing this intellectual power, this power of reason. Our great philosophers, up to and including Kant and Schopenhauer, are the ones who stand entirely within this developmental movement of our root race. For them, the great problem became the question: What does human thought mean, and how can human beings come to know anything? For them, these questions became the great enigmas of existence. Now, however, something quite peculiar is occurring for our root race. The thought that the philosophers brought to its highest development has, so to speak, been detached from its native soil in our time. In the purest and most magnificent way, our time has developed thought in science in relation to external technical life. But these thoughts—or rather, these concepts—have torn us away from nature. Human thought is but an image of something far higher, which we discussed in the preceding lectures; it is a shadow, an image of the spiritual world. Thought is a spiritual entity. Modern times have developed the life of thought on a grand and mighty scale; but they have forgotten that this thought is nothing other than the shadow-image of spiritual life. This life, so to speak, sends the spiritual forces into us, and then the idea comes to us. The origin of thought, of the idea, was therefore a riddle, especially for nineteenth-century philosophy. For it, thought, the idea itself, became an illusion. People have forgotten that thought originates in the spirit, as Jakob Böhme says. When, in more recent times, attempts were made to seek the original sources of existence nonetheless, to penetrate to that original source which had been lost and of which it was no longer known that it originates in the spirit, it could only be found, in the sense of Schopenhauer’s philosophy, in the irrational, blind will; whereas thought, on the other hand, is nothing other than an illusion presented to us by our world of ideas. Thus, the world became idea on the one hand, and will on the other. But neither originated in the spirit anymore, only in mere appearance. How could it be otherwise than that this philosophy, running along materialistic lines, sought at least one bearer of the spirit in an element immediately found in the world by any unbiased observer, where the spirit as such exists only in the form of a blind will, an outgrowth of nature? That is precisely the personality. It was true that people had forgotten that there is something spiritual in personality; but personality as such could not be denied. In Schopenhauer’s philosophy, at least the one—the spiritual human personality—was recognized as the highest; the personality that stands out through its genius or through its piety or holiness and represents, as it were, a stage of development within the rest of humanity. Thus Schopenhauer was harsh and portrayed average people as nature’s mass-produced goods; yet from the dark drive of nature, individual great personalities crystallize. This view influenced Nietzsche.

[ 8 ] Aber noch etwas anderes wirkte auf ihn. Durch Gedanken und Vorstellungen können wir niemals etwas erfahren über das, was im unvernünftigen Willen flutet. In der Musik findet Schopenhauer das wahre Wesen und Weben des Chaos der Urtriebe. So war es für Schopenhauer nicht möglich, durch diese Scheinwelt der Vorstellung hineinzudringen in das Wesen, das sich im Willen ausspricht, sondern das Wesen der Musik wurde für ihn eine Lösung des Welträtsels. Jeder, der in den Fragen der Mystik bekannt ist, weiß, wie jemand zur der Anschauung kommen kann, daß die Musik eine Lösung des Welträtsels biete. Musik gibt es ja nicht nur auf demjenigen Plan, den wir den physischen oder die sinnliche Welt nennen, sondern auch in den höheren Welten. Wenn wir heraufdringen durch die Seelenwelt in die höheren geistigen Welten, so erklingt uns etwas von einer höheren Musik. Nicht die, welche wir auf dem physischen Plan wahrnehmen; denn nicht wie eine Allegorie ist das aufzufassen, sondern als Wirklichkeit: Die Bewegung der Sterne im Weltenraum, das Wachsen jeder Blume, das Fühlen der Menschen und Tiere erscheint wie ein klingendes Wort! Der Okkultist sagt daher: Der Mensch erfährt erst die Weltgeheimnisse, wenn das mystische Wort, das in den Dingen vorhanden ist, zu ihm spricht. Das was Schopenhauer gefunden hat, ist ein Ausdruck für eine höhere Tatsache, etwas, was eine viel höhere Bedeutung hat, als was er darunter verstanden hat; denn bei ihm klingt es doch nur in das physische Ohr hinein. Manas nennen wir das Prinzip, das die Zeit überdauert und in das Ewige hineinreicht. Dieses Manas findet seinen physischen Ausdruck in den Tönen der Musik, die von der Außenwelt an uns herandringen. Schopenhauer hat etwas durchaus Richtiges ausgesprochen, und diesen Gedanken hat Nietzsche aufgenommen. Er empfand es mit dem ganzen Reichtum seines Geistes, daß derjenige, welcher mit der bloßen Sprache über die Weltgeheimnisse sich ausdrücken will, dies nicht in derselben Weise kann, wie der Meister der Töne sich aussprechen kann über die Weltgeheimnisse. Und so sieht Friedrich Nietzsche ebenso wie Schopenhauer in dem musikalischen Ausdruck den Ausdruck der höheren Weltgeheimnisse. So war für sie auch der Weg gewiesen in die Urzeiten der alten Griechen, wo Kunst, Religion und Wissenschaft noch ein Ganzes waren, wo in den Mysterientempeln die Mysterienpriester, die Wissenschafter und Künstler waren, in gewaltigen Bildern vor die Seele das Schicksal des‘ Menschen und der ganzen Welt hinstellten. Wenn wir hineinsehen in den Tempel, so finden wir dargestellt das Schicksal des Gottes Dionysos. Dieses war die Lösung des Weltenrätsels. Dionysos war aber herabgestiegen in die Materie und war zerstückelt worden, und der menschliche Geist ist dazu berufen, den in der Materie Begrabenen zu erlösen und hinaufzuführen in die neue Glorie. Indem der Mensch seine göttliche Natur in sich sucht, erweckt er den Gott in sich selbst, und diese Erweckung ist die Erweckung des Gottes, der in der niederen Natur eine Art von Grab gefunden hat. Dieses große Weltenschicksal wurde den Mysten nicht nur sinnlich, sondern auch in einer großartigen Weise geistig dargestellt. Das war das Urdrama des alten Griechenland. In ferne Zeiten reichen wir da zurück, und aus diesem Kern heraus stammt dasjenige, was das spätere griechische Drama wurde. Das Drama des Äschylos, des Sophokles, das war bloß Kunst; es war aber hervorgegangen aus der Tempelkunst. Abgezweigt hatten sich von der Tempelkunst Kunst, Wissenschaft und Religion. Wer zurückblickt in diese Urzeiten, der sieht auf dem Grunde etwas Tieferes, aus dem die menschliche Lebensauffassung und Lebensgestaltung hervorgegangen ist. Der lebendige Gott Dionysos war die große Gestalt der griechischen Mysterien. Das hat Nietzsche innerhalb des Wagnerkreises nicht erkannt, aber geahnt.

[ 8 ] But something else was also at work within him. Through thoughts and ideas, we can never learn anything about what surges within the irrational will. In music, Schopenhauer finds the true essence and weaving of the chaos of the primal drives. Thus, for Schopenhauer, it was not possible to penetrate through this illusory world of imagination into the essence that expresses itself in the will; rather, the essence of music became for him a solution to the riddle of the world. Anyone familiar with the questions of mysticism knows how one might come to the view that music offers a solution to the riddle of the world. Music exists not only on the plane we call the physical or sensory world, but also in the higher worlds. When we ascend through the world of the soul into the higher spiritual worlds, we hear something of a higher music. Not the music we perceive on the physical plane; for this is not to be understood as an allegory, but as reality: the movement of the stars in the cosmos, the growth of every flower, the feelings of humans and animals appear as a sounding word! The occultist therefore says: Human beings only experience the world’s mysteries when the mystical word, which is present in things, speaks to them. What Schopenhauer discovered is an expression of a higher reality, something that has a far greater significance than what he understood by it; for in his view, it resonates only in the physical ear. We call Manas the principle that transcends time and reaches into the eternal. This Manas finds its physical expression in the sounds of music that reach us from the external world. Schopenhauer expressed something entirely correct, and Nietzsche took up this thought. With all the richness of his spirit, he sensed that whoever wishes to express the world’s mysteries through mere language cannot do so in the same way that the master of sounds can express the world’s mysteries. And so Friedrich Nietzsche, just like Schopenhauer, sees in musical expression the expression of the higher mysteries of the world. Thus, the path was also laid out for them to the primeval times of the ancient Greeks, where art, religion, and science were still a single whole, where in the mystery temples the mystery priests—who were scientists and artists—presented the fate of humanity and the entire world to the soul in powerful images. When we look into the temple, we find depicted the fate of the god Dionysus. This was the solution to the riddle of the world. But Dionysus had descended into matter and been dismembered, and the human spirit is called upon to redeem him, buried in matter, and lead him up into new glory. By seeking his divine nature within himself, man awakens the god within himself, and this awakening is the awakening of the god who has found a kind of tomb in the lower nature. This great destiny of the world was presented to the mystics not only sensually but also in a magnificent spiritual way. That was the primal drama of ancient Greece. We reach back to distant times here, and from this core springs that which became later Greek drama. The drama of Aeschylus and Sophocles was merely art; yet it had emerged from temple art. Art, science, and religion had branched off from temple art. Whoever looks back to these primordial times sees, at the root, something deeper from which the human conception of life and the shaping of life emerged. The living god Dionysus was the great figure of the Greek mysteries. Nietzsche did not recognize this within the Wagner circle, but he sensed it.

[ 9 ] Eine große dunkle Ahnung war es, und daraus ergab sich seine Auffassung vom Wesen der Griechen vor Sokrates. Damals war der Mensch nicht einseitig, sondern aus dem vollen schöpfte der dionysische Mensch. Und weil alles unvollkommen ist, erschuf sich der Grieche die erlösende Religion und Weisheit und später auch die erlösende Kunst, So erschien für Nietzsche dasjenige, was später als Kunst aufgetreten war, nur wie ein Abbild der uralten Kunst, die er die dionysische nennt. Diese ergriff noch den ganzen Menschen, nicht nur einseitig die Phantasie, sondern alle geistigen Kräfte. Später war die Kunst nur ein Abbild.

[ 9 ] It was a great, dark premonition, and from it arose his conception of the nature of the Greeks before Socrates. In those days, man was not one-sided; rather, the Dionysian man drew from the fullness of life. And because everything is imperfect, the Greeks created redemptive religion and wisdom, and later also redemptive art. Thus, to Nietzsche, what later appeared as art seemed merely a reflection of the ancient art he calls the Dionysian. This art still encompassed the whole human being—not just the imagination in a one-sided way, but all spiritual powers. Later, art was merely a reflection.

[ 10 ] So treten uns die beiden Begriffe dionysisch und apollinisch in seinen Werken entgegen. Durch sie ahnt er den Ursprung alles künstlerischen Lebens und der Sprache, durch die sich die alten Griechen ausgedrückt haben. Das war eine Sprache, die zugleich Musik war. In der Mitte wurde das Drama aufgeführt, darum herum war der Chor, welcher das Leben und Sterben in gewaltigen Klängen darstellte.

[ 10 ] Thus, the two concepts of the Dionysian and the Apollonian emerge in his works. Through them, he senses the origin of all artistic life and of the language through which the ancient Greeks expressed themselves. It was a language that was, at the same time, music. The drama was performed in the center, surrounded by the chorus, which depicted life and death in powerful sounds.

[ 11 ] Noch tiefer haben dann andere, die mit dem Wagnerkreis auch intim vertraut waren, dieses Schicksal dargestellt. Vor allem aus dem Geiste der eleusinischen Mysterien finden Sie es dargestellt in dem Buche: «Die Heiligtümer des Orients» von Schuré. Was Nietzsche bloß ahnte, das hat Edouard Schuré nicht bloß aus der Phantasie heraus, sondern aus Spiritualität dargestellt. Es ist das, was Nietzsche wollte, aber nicht erreichte, Auf dieser Grundlage wurde für ihn die ganze materialistische Denkweise unserer Zeit zu einer großen Rätselfrage: Wie kam der Mensch aus dieser Zeit, in der er sich selbst als Welträtsel aussprach, zu der trockenen materialistischen Zeit? Für andere mochte das ein trockenes Vernunfträtsel sein; für Nietzsche aber wurde es ein Herzensproblem, was andere mit Vernunft, Geist und Phantasie behandeln und lösen wollen. Nietzsche war mit der Zeit verschmolzen wie Eltern mit den Kindern verschmolzen sind. Er konnte sich aber nicht freuen über die Zeit, sondern nur leiden. Das konnte Nietzsche: leiden; nicht aber sich freuen. Darin liegt die Lösung des Nietzsche-Problems.

[ 11 ] Others who were also intimately familiar with the Wagner circle have depicted this fate in even greater depth. You will find it portrayed, particularly in the spirit of the Eleusinian Mysteries, in the book *The Sanctuaries of the Orient* by Schuré. What Nietzsche merely sensed, Edouard Schuré depicted not merely from the imagination, but from spirituality. It is what Nietzsche wanted but did not achieve. On this basis, the entire materialistic mindset of our time became a great enigma for him: How did humanity, in that era when it declared itself a mystery of the world, come to this dry, materialistic age? For others, this might have been a dry puzzle of reason; for Nietzsche, however, it became a matter of the heart—something others seek to address and resolve with reason, intellect, and imagination. Nietzsche was fused with his time just as parents are fused with their children. Yet he could not rejoice in his time, but only suffer. This is what Nietzsche could do: suffer; but not rejoice. Therein lies the solution to the Nietzsche problem.

[ 12 ] In Wagner sah er den Erneuerer der alten griechischen Kunst, die in Tönen die höchsten Geheimnisse ausspricht. Hinaufsteigen sollte der alte Mensch zum Übermenschen, zum göttlichen Menschen. Da brauchte man den Menschen, der hinausreichte über das Durchschnittsmaß der Menschen. Und Schopenhauer kam da gerade recht. Nach Schopenhauer war ja der Mensch im Durchschnitt Fabrikware. Zum geistig-seelischen Menschen, der nicht auf der Erde ist, sondern über der Erde schwebt, wurde der Mensch, und als Mittel, das dazu hinleitet, über den Menschen hinauszukommen, wurde die dramatische Musik benutzt. Niemand hat so verehrungsvoll über Richard Wagner geschrieben wie Friedrich Nietzsche in seinem Aufsatz: «Wagner in Bayreuth» im Jahre 1876. Das Alltägliche war aber für ihn etwas tief Verabscheuungswürdiges geworden. Deshalb bekämpfte er auch, was David Friedrich Strauß in seinem Werk «Der alte und der neue Glaube» ausgesprochen hat.

[ 12 ] In Wagner, he saw the renewer of ancient Greek art, which expresses the highest mysteries through sound. The old man was to ascend to the superman, to the divine man. For this, one needed a man who rose above the average measure of humanity. And Schopenhauer came just at the right time. According to Schopenhauer, the average person was, after all, a mass-produced commodity. Man became a spiritual and soulful being, not of the earth but floating above it, and dramatic music was used as the means to transcend humanity. No one wrote as reverently about Richard Wagner as Friedrich Nietzsche did in his essay “Wagner in Bayreuth” in 1876. But the everyday had become something deeply despicable to him. That is why he also fought against what David Friedrich Strauss had expressed in his work “The Old and the New Faith.”

[ 13 ] Es existiert noch eine andere Schrift aus dem Anfange der siebziger Jahre, eine Schrift, ohne deren Kenntnis man Nietzsche gar nicht verstehen kann. Aus dieser Schrift geht hervor, daß Nietzsche dasjenige Problem unserer Zeit, das wir kürzlich das Tolstoi-Problem nannten, ebenso ahnte wie das große Griechenproblem. Er ahnte, daß unserer Zeit, die eben vorübergeht, etwas fehlt. Die äußeren Gestalten sind ja dasjenige, in dem ewig Geburt und Tod waltet. Wir haben gesehen, wie jede Pflanze in ihrer Gestalt zwischen Geburt und Tod lebt, wie ganze Völker zwischen Geburt und Tod dahingehen, wie die herrlichsten Werke der Geburt und dem Tod unterliegen. Aber wir haben auch gesehen, wie eines bleibt, etwas, was Geburt und Tod besiegt, was gestaltet und immer neu gestaltet, was in immer neuer Verkörperung das Alte wiedererstehen läßt. Das, was der Keim einer Pflanze in eine neue Pflanze hinübernimmt und was da wiedererscheint, dieses Leben hat Leo Tolstoi dargestellt.

[ 13 ] There is another text from the early 1870s, a text without which one cannot understand Nietzsche at all. This text reveals that Nietzsche foresaw the problem of our time—which we recently called the Tolstoy problem—just as he foresaw the great Greek problem. He sensed that our time, which is now passing, is lacking something. For it is in the external forms that birth and death reign eternally. We have seen how every plant lives in its form between birth and death, how entire peoples pass away between birth and death, how the most magnificent works succumb to birth and death. But we have also seen how something remains, something that overcomes birth and death, that shapes and constantly reshapes, that allows the old to rise again in ever-new incarnations. That which the seed of a plant carries over into a new plant and which reappears there—this life is what Leo Tolstoy has portrayed.

[ 14 ] Und wieder, unsere gegenwärtige Menschenrasse ist in Formen verkörpert, die Geburt und Tod haben. Wir eilen einem Zeitpunkt entgegen, der das Leben selbst erkennen wird, Nietzsche hatte erkannt, daß unsere Zeit krankt an der Betrachtung der Gestalten, nicht nur an der Betrachtung der Gestalten in der Naturwissenschaft, sondern auch in der Geschichte. Aus diesem Sinn heraus hat er seine bedeutsame Schrift geschrieben über den Nutzen und Schaden der Historie, über die geschichtliche Krankheit. Die Menschen gehen in die fernsten Urzeiten zurück und wollen die Anfänge der Kultur betrachten, von Volk zu Volk, von Nation zu Nation, von Staat zu Staat. Und dennoch lebt in allen diesen Geburt und Tod. Indem wir uns mit historischem Wissen vollpfropfen, ertöten wir das Leben, das wir in uns haben. Das, was in ewiger Gegenwart in uns lebt, ertöten wir. Je mehr wir uns mit dem Gedächtnisstoff der Geschichte anfüllen, ertöten wir in uns den Willen zum Leben. Blicken wir zurück und ermessen wir, was das bedeutet, dann sehen wir, daß wir nur etwas finden können, indem wir unmittelbar das menschliche Leben, indem wir uns selbst betrachten. Dadurch kommen wir einer neuen Zukunft näher.

[ 14 ] And yet again, our present human race is embodied in forms that are subject to birth and death. We are rushing toward a moment that will recognize life itself; Nietzsche had recognized that our age suffers from the contemplation of forms—not only in the natural sciences, but also in history. It was in this spirit that he wrote his significant treatise on the benefits and harms of history, on the historical disease. People go back to the most distant prehistoric times and seek to observe the beginnings of culture, from people to people, from nation to nation, from state to state. And yet birth and death live on in all of these. By filling ourselves with historical knowledge, we kill the life we have within us. We kill that which lives within us in eternal presence. The more we fill ourselves with the memory of history, the more we kill the will to live within us. If we look back and consider what this means, we see that we can only find something by directly observing human life, by observing ourselves. In this way, we draw closer to a new future.

[ 15 ] Nietzsche weist auf diese neue Kulturepoche hin, die wir als die der Form und Gestalt ansehen müssen. Das ist es, was in Nietzsche webt und lebt. Er glaubte an die Kunst Richard Wagners, glaubte in ihr eine Erneuerung des Lebens, eine neue Renaissance zu erblicken. Wagner war viel realistischer als Nietzsche. Er stand ganz in seiner Zeit; er sagte sich, der Künstler kann nicht den dritten Schritt vor dem ersten machen. Und als Nietzsche im Jahre 1876 nach Bayreuth kam, da sah er etwas Merkwürdiges. Er sah, daß das Ideal, das er sich von Wagner gemacht hatte, zu groß war, daß es größer war als das, was Wagner erfüllen konnte. Wie Nietzsche eine dunkle Ahnung hatte von dem Hervorgang der griechischen Tragödie aus der Mysterienzeit und unserer ganzen Zeit aus der Urzeit, so hatte er auch eine Ahnung davon, daß eine künftige Kultur, die nicht bloß auf dem Verstand sich aufbaut, aus den heute noch in dem Menschen schlummernden Geisteskräften hervorgehen muß. Das ahnte er, und das verwechselte er mit dem, was schon da war. Er glaubte, daß das große Rätsel der Zukunft schon in der Gegenwart gelöst sei. Was er gegen Sokrates einzuwenden hatte, ist, daß durch seinen Einfluß unsere Kultur einseitig geworden war, daß sie sich einerseits in eine Verstandeskultur und anderseits in eine gemüthafte Bewegung gespalten hatte, Deshalb verspottet er auch Sokrates und bekämpft die sokratische Kultur, die Verstandeskultur.

[ 15 ] Nietzsche points to this new cultural epoch, which we must regard as the age of form and shape. This is what weaves and lives within Nietzsche. He believed in the art of Richard Wagner, believing he saw in it a renewal of life, a new Renaissance. Wagner was much more realistic than Nietzsche. He was entirely of his time; he told himself that the artist cannot take the third step before the first. And when Nietzsche came to Bayreuth in 1876, he saw something strange. He saw that the ideal he had formed of Wagner was too grand, that it was greater than what Wagner could fulfill. Just as Nietzsche had a dim inkling of the emergence of Greek tragedy from the age of the mysteries and of our entire era from primeval times, so too did he have a sense that a future culture, one not built solely upon the intellect, must arise from the spiritual powers still slumbering within human beings today. He sensed this, and he confused it with what was already there. He believed that the great mystery of the future had already been solved in the present. His objection to Socrates was that, through his influence, our culture had become one-sided, that it had split, on the one hand, into a culture of the intellect and, on the other, into a movement of the emotions. That is why he also mocks Socrates and opposes the Socratic culture, the culture of the intellect.

[ 16 ] Als die Kunstwerke Wagners sich ihm in Bayreuth entgegenstellten, da wurde er untreu, eigentlich nicht untreu, denn er hatte Wagner nie richtig gesehen, er hatte in Wagner hineingesehen, was er als Zukunftsideal sich erträumt hat; da sagte sich Nietzsche: Ich habe etwas falsch gesehen. — Nietzsche als Mann wurde so dem jungen Nietzsche untreu, und die harten Worte sind nicht so sehr gegen Wagner gerichtet als gegen das, was er in seiner Jugend als Wagner-Verehrer selbst gewesen war. Man kann eigentlich nicht eines anderen Gegner sein, man kann nur sein eigener Gegner sein. «Ich fühle alle meine Jugendideale kompromittiert», so fühlte er. Mitten unter den Ruinen einer Weltanschauung stand er. Nach etwas anderem mußte er sich umsehen. Und das wurde dann die «neue Aufklärung». Was er früher abgelehnt hatte, das wollte er jetzt beseelen und beleben. Leben wollte er herausschlagen aus der toten Materie, wie sie die Wissenschaft behandelt. Jetzt wurde er selbst zu einem Studenten der Form, der äußeren Gestalt, die ewig in Geburt und Tod an uns vorübergeht.

[ 16 ] When Wagner’s works of art confronted him in Bayreuth, he became unfaithful—though not truly unfaithful, for he had never really seen Wagner; rather, he had seen in Wagner what he himself had dreamed of as an ideal of the future. Then Nietzsche said to himself: I have seen something wrong. — Nietzsche the man thus became unfaithful to the young Nietzsche, and the harsh words are directed not so much against Wagner as against what he himself had been in his youth as a Wagner admirer. One cannot really be another’s opponent; one can only be one’s own opponent. “I feel all my youthful ideals compromised,” that is how he felt. He stood amidst the ruins of a worldview. He had to look for something else. And that became the “New Enlightenment.” What he had previously rejected, he now wanted to inspire and bring to life. He wanted to strike life out of the dead matter as science treats it. Now he himself became a student of form, of the outer shape that eternally passes us by in birth and death.

[ 17 ] Und nun erfasse man die tiefe theosophische Wahrheit, daß dreierlei in der Welt lebt: Die äußere Gestalt, die der Geburt und dem Tode unterliegt, die entsteht und vergeht, von neuem erscheint, in dem Leben von Form zu Form eilt, Dann das Leben, das der Ausdruck der Seele ist. Die Seele durchbricht die Form, um in neuer Form wiedergeboren zu werden. Und ein Drittes erfasse man: Das Bewußtsein in seinen verschiedenen Graden. Jeder Stein, jede Pflanze und in den höheren Graden jeder Mensch hat Bewußtsein. Dreierlei haben wir also in der Welt: Gestalt, Leben und Bewußtsein. Dieses Dreifache ist der Ausdruck von einer Welt des Leiblichen, von einer Welt des Seelischen und von einer Welt des Geistigen.

[ 17 ] And now let us grasp the profound theosophical truth that three things exist in the world: the outer form, which is subject to birth and death, which arises and passes away, reappears anew, and rushes from form to form throughout life; then life, which is the expression of the soul. The soul breaks through the form to be reborn in a new form. And let us grasp a third: consciousness in its various degrees. Every stone, every plant, and, at the higher levels, every human being possesses consciousness. We thus have three things in the world: form, life, and consciousness. This triad is the expression of a physical world, a soul world, and a spiritual world.

[ 18 ] Das ist die Weisheit, die allmählich der Welt wieder erschlossen werden wird. Das ist auch die uralte Weisheit der Mysterien, die Nietzsche dunkel ahnend im Herzen hatte, für die er aber keinen klaren Ausdruck gewinnen konnte, an der er litt und die er herbeisehnte als neues Leben, das aus unserer Kultur hervorgehen sollte. Jetzt war er selbst in die Naturwissenschaft verstrickt. Er hatte kein Auge dafür, daß es das Bewußtsein ist, das im Leben lebt und zu höheren und höheren Gestalten aufsteigt. Das ist der Gang der Welt. Das Bewußtsein nimmt dasjenige aus der Form, was wert ist, herausgezogen zu werden, zu höherer Gestaltung. Dadurch haben wir eine Entwickelung der Dinge von Form zu Form, von Lebensstufe zu Lebensstufe, wo das Leben bleibt und die Formen und Gestalten erhöhte Bildung zeigen. Er verstand da nicht mehr das Bewußtsein, das sich entwickelt und in immer höhere und höhere Gestalten hineingeht. Nietzsche sah jetzt nurmehr die Form; er verstand nicht das Bewegende, das in immer erhöhter Form erscheint.

[ 18 ] This is the wisdom that will gradually be revealed to the world once more. It is also the ancient wisdom of the mysteries, which Nietzsche sensed dimly in his heart but could not articulate clearly, which caused him suffering, and which he longed for as a new life that was to emerge from our culture. Now he himself was entangled in the natural sciences. He had no eye for the fact that it is consciousness that lives in life and ascends to higher and higher forms. That is the course of the world. Consciousness extracts from form that which is worthy of being drawn out, toward higher formation. Through this, we have a development of things from form to form, from stage of life to stage of life, where life remains and the forms and figures display an elevated development. He no longer understood the consciousness that develops and enters into ever higher and higher forms. Nietzsche now saw only the form; he did not understand the driving force that appears in ever more elevated forms.

[ 19 ] So kam es, daß er einsah das Wiederkommen der Dinge und Wesen, aber nicht einsah, daß sie sich in immer höheren und höheren Formen wiederverkörpern. Daher lehrte er die «Wiederkehr des Gleichen». Er wußte nicht mehr, daß das Bewußtsein auf höheren Stufen wiederkehrt. Das ist der Gedanke, zu dem er beeinflußt worden ist durch die Naturwissenschaft: So wie wir jetzt sind, so wie wir hier dasitzen, waren wir schon unzählige Male da und werden wir wieder da sein. Das muß sich dem Denker aufdrängen, der nicht weiß, daß das Bewußtsein nicht in derselben Gestalt, nicht in derselben Form wiederkehrt, sondern in erhöhter Gestalt, in erhöhter Form. Das war die zweite Stufe der NietzscheEntwickelung.

[ 19 ] Thus it came to pass that he recognized the return of things and beings, but did not realize that they reincarnate in ever higher and higher forms. Therefore, he taught the “return of the same.” He no longer knew that consciousness returns on higher levels. This is the idea to which he was led by natural science: Just as we are now, just as we sit here, we have been here countless times before and will be here again. This must seem obvious to the thinker who does not know that consciousness does not return in the same form, but in an elevated form. That was the second stage of Nietzsche’s development.

[ 20 ] Die dritte Stufe ist diejenige, die damit bezeichnet werden muß, daß dennoch im Inneren der Seele Nietzsches geistiges Leben war, das er aber in einer solchen Weltanschauung der bloßen Form nicht herausholen konnte. Er wußte zwar nicht, daß sich ihm die höheren Gebiete des Daseins verschlossen hatten, wohl aber lebte in ihm der mächtige Drang nach diesen höheren Gebieten des Daseins. Der Mensch hat sich an der Gestalt heraufentwickelt, von dem Tier bis zu dem Menschen. Diese Entwickelung kann aber nicht abgeschlossen sein. Wie der Wurm zum Menschen sich entwickelt hat, so muß der Mensch sich weiter entwickeln. Dadurch entstand für ihn die Idee des Übermenschen. Dieser Übermensch ist dasjenige, was der Mensch in der Zukunft sein wird. Vergleichen Sie ihn mit der entsprechenden mystischen Idee, dann werden Sie finden, daß sie hart aneinandergrenzen. Der Drang in der menschlichen Natur, der sich auch ausdrückt in uns, ist der Drang nach Vergeistigung, so daß man schon jetzt auf dem Grunde der Seele den Gottmenschen finden kann, der herunterragt aus der zukünftigen Welt und der Nietzsche erscheint als großes geistiges Ideal, dem er zustrebt.

[ 20 ] The third stage is one that must be characterized by the fact that, despite everything, there was still an intellectual life within Nietzsche’s soul, which he was, however, unable to bring to the fore within such a worldview of mere form. Although he did not know that the higher realms of existence were closed to him, the powerful urge toward these higher realms of existence certainly lived within him. Humanity has evolved in form, from animal to human. But this evolution cannot be complete. Just as the worm evolved into a human, so must humanity continue to evolve. This gave rise to the idea of the Übermensch. This Übermensch is what humanity will become in the future. Compare him with the corresponding mystical idea, and you will find that they are closely related. The urge in human nature, which is also expressed within us, is the urge toward spiritualization, so that even now, at the depths of the soul, one can find the God-man who reaches down from the future world, and Nietzsche appears as the great spiritual ideal toward which he strives.

[ 21 ] Betrachtet man nicht bloß Form und Gestalt, sondern auch Leben und Bewußtsein, Seele und Geist, dann erscheint dieser Übermensch in seiner wahren Gestalt, dann erscheint er als der ganze Mensch, der den höheren Sphären des Daseins zueilen wird. Für Nietzsche war dieser Gedanke im Keime vorhanden, aber er konnte sich nur mit Worten des Naturforschers ausdrücken. Wie der Mensch sich aus tausend und aber tausend Gestalten entwickelt hat, so muß er sich auch in höhere Gestalten zum Übermenschen entwikkeln. Als Nietzsche «Die Geburt der Tragödie» schrieb, stand er vor der Pforte der griechischen Mysterien, er stand vor der Pforte des Dionysostempels, aber er konnte die Eingangspforte nicht aufschließen. Dann rang er weiter und schrieb «Also sprach Zarathustra»: noch einmal stand er vor der Pforte des Tempels — und konnte ihn nicht aufschließen. Das ist die Tragik seines Lebens, seines Schicksals. Steht man also als einzelner Mensch, als Ich mit-leidend, mit-fühlend mit seiner Zeit, dem Seelisch-Geistigen gegenüber, dann geschieht mit diesem Ich etwas ganz Besonderes. Jeder, der bekannt ist mit den Erscheinungen der astralischen Welt, der weiß, was sich für dieses Ich des Menschen einstellen muß, wenn es in dieser Weise geistvoll steht vor lauter Rätseln und Toren, die sich ihm nicht aufschließen: Vor jeder Frage steht in der seelisch-geistigen Welt etwas, das wie der Schatten dieser Frage ist, der als ein Verfolger der Seele erscheint. Das wird dem materialistisch Denkenden zunächst etwas eigentümlich erscheinen. Aber der, welcher vor dem Christentum stand und nicht wußte, wie es sich weiterentwickeln wird, derjenige, der vor unserer Philosophie, vor dem Materialismus unserer Zeit stand und einen neuen Dionysos begehrte und ihn nicht aus sich herausgebären konnte, der stand da wie vor Schatten der Vergangenheit. So stand für Nietzsche, allerdings innerhalb dessen, was wir die astrale Welt nennen, neben der Gestalt des Christus der Antichrist, neben der Gestalt des Moralisten der Unmoralist. Bei dem, was er als Philosophie unserer Zeit kannte, stand daneben die Negation. Das war es, was ihn quälte wie ein Verfolger seines Ich.

[ 21 ] If one considers not merely form and shape, but also life and consciousness, soul and spirit, then this Übermensch appears in his true form; then he appears as the whole human being who will hasten toward the higher spheres of existence. For Nietzsche, this idea was present in its embryonic form, but he could express it only in the words of a natural scientist. Just as humanity has developed from a thousand and a thousand forms, so too must it develop into higher forms to become the superman. When Nietzsche wrote *The Birth of Tragedy*, he stood before the gate of the Greek mysteries; he stood before the gate of the Temple of Dionysus, but he could not unlock the entrance gate. Then he struggled on and wrote “Thus Spoke Zarathustra”: once again he stood before the gate of the temple—and could not unlock it. That is the tragedy of his life, of his fate. So when one stands as an individual human being, as an “I” suffering and feeling along with one’s time, facing the soul-spiritual realm, then something very special happens to this “I.” Anyone familiar with the phenomena of the astral world knows what must come to pass for this human “I” when it stands in this spirit-filled way before a multitude of riddles and gates that do not open to it: Before every question in the soul-spiritual world stands something that is like the shadow of that question, appearing as a pursuer of the soul. This will at first seem somewhat peculiar to the materialist. But the one who stood before Christianity and did not know how it would develop further, the one who stood before our philosophy, before the materialism of our time, and longed for a new Dionysus but could not give birth to him from within himself—that one stood there as before the shadows of the past. Thus, for Nietzsche—though within what we call the astral world—the Antichrist stood beside the figure of Christ, the immoralist beside the moralist. Beside what he knew as the philosophy of our time stood its negation. That was what tormented him like a persecutor of his ego.

[ 22 ] Lesen Sie die letzten Schriften Nietzsches, seinen «Willen zur Macht», und seinen «Antichrist», wo er darstellt das Gespenst, die Kritik des Christentums, die Kritik der PhiJosophie in seinem Nihilismus. Aus diesen Dingen kommt er nicht heraus; die Moral unserer Zeit hemmt ihn, die aus Gut und Böse nicht heraus kann, die Karma nicht erkennen will, obgleich sie darnach strebt. Endlich erschien ihm das ewig Wechselnde der Gestalt wie die Wiederkunft der ewig gleichen Gestalt. Das vierte Werk ist nicht zu Ende gekommen. Er wollte es nennen «Dionysos oder die Philosophie der ewigen Wiederkunft». So blieb nur der Drang des alleinstehenden Ich nach dem Übermenschen.

[ 22 ] Read Nietzsche’s later works, his *Will to Power* and his *Antichrist*, in which he portrays the specter of the critique of Christianity and the critique of philosophy within his nihilism. He cannot escape these things; the morality of our time holds him back—a morality that cannot escape good and evil, that refuses to recognize karma, even as it strives for it. Finally, the eternally changing form appeared to him as the return of the eternally identical form. The fourth work was never completed. He wanted to call it “Dionysus or the Philosophy of Eternal Recurrence.” Thus, only the urge of the solitary self toward the Übermensch remained.

[ 23 ] Nietzsche hätte hineinschauen müssen in das menschliche Selbst und hätte den göttlichen Menschen erkennen müssen, dann wäre ihm aufgeleuchtet dasjenige, wonach er begehrte. So aber erschien es ihm unerreichbar. Es war nur der gewaltsame Drang seines Inneren nach dem Ergreifen dieses Inhalts. Das nannte er seinen Willen zur Macht, sein Streben zum Übermenschen. Mit der ganzen Intensität seines Wesens fand er einen lyrischen Ausdruck, der seelenerhebend, seelenerheiternd und ebenso seelenverzehrend, manchmal auch paradox ist, in «Also sprach Zarathustra». Das ist der Schrei des gegenwärtigen Menschen nach dem Gottmenschen, nach der Weisheit, der es aber nur bringt zum Willen zu der Weisheit, zum Willen zur Macht. Lyrisch Großartiges kann aus diesem Drang hervorgehen. Etwas aber, was den Menschen in dem tiefsten Inneren ergreifen und hinaufführen kann in diese Höhen, das kann aus diesem Drang nicht hervorgehen. So ist die Gestalt Nietzsches die letzte große Einfühlung in den Materialismus, der Mensch, der tragisch gelitten, tragisch zugrunde gegangen ist an dem Materialismus des 19. Jahrhunderts, und der hindeutet mit aller Sehnsucht auf die neue mystische Zeit. Meister Eckhart sagt, Gott ist gestorben, daß auch ich der Welt und allen geschaffenen Dingen absterbe und Gott werde. Das sagt auch Nietzsche in einem Prosaspruch: «Wenn es einen Gott gäbe, wer könnte es aushalten, kein Gott zu sein?» Also sagt Nietzsche, gibt es keinen Gott! Er hat den Goethespruch nicht erfaßt:

[ 23 ] Nietzsche should have looked into the human self and recognized the divine man; then what he longed for would have become clear to him. But as it was, it seemed unattainable to him. It was merely the violent urge within him to grasp this essence. He called this his will to power, his striving toward the Übermensch. With the full intensity of his being, he found a lyrical expression in *Thus Spoke Zarathustra* that is soul-uplifting, soul-cheering, and equally soul-consuming, and at times paradoxical. This is the cry of modern man for the God-man, for wisdom, but it leads only to the will to wisdom, to the will to power. Lyrically magnificent things can emerge from this urge. But something that can seize man in his deepest inner being and lead him up to these heights cannot emerge from this urge. Thus, the figure of Nietzsche is the last great empathy with materialism—the man who suffered tragically, who perished tragically because of the materialism of the 19th century, and who points with all his longing toward the new mystical age. Meister Eckhart says, “God is dead,” so that I too may die to the world and all created things and become God. Nietzsche also says this in a prose aphorism: “If there were a God, who could bear not to be God?” Thus Nietzsche says, there is no God! He did not grasp Goethe’s saying:

Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt’ es nie erblicken;
Läg’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?

If the eye were not like the sun,
It could never behold the sun;
If God’s own power did not dwell within us,
How could the divine delight us?

[ 24 ] Das, was in unserer Zeit sich so aufhellte und was er als Leid empfand, das mußte sich verzehren. Ich will nicht sagen, daß seine Krankheit etwas zu tun hat mit dem Geistesleben, Was er herbeigesehnt hat, aber nicht hat erreichen können, das war die theosophische Weltanschauung. Er hat Sehnsucht nach etwas empfunden, was er nicht hat finden können. Das hat er selbst in manchem quälenden Ausdruck seines Lebens empfunden. Deshalb enthalten seine letzten Schriften auch eine Sehnsucht nach dem Leben, das er aus der Form herauszaubern will, und dann wieder einen lyrischen Aufschrei nach dem Gottmenschen in «Also sprach Zarathustra». Dann die Zertrümmerung alles dessen, was ihm die Gegenwart nicht geben kann, die er versuchen wollte in der Schrift «Wille zur Macht» oder in «Die ewige Wiederkunft», die nur Fragmente geblieben sind und jetzt aus dem Nachlaß herausgegeben wurden. Das alles lebte in der letzten Zeit in dieser tragischen Persönlichkeit Nietzsches, und zeigt, wie man leiden kann in unserer Zeit, wenn man sich nicht zu einer spirituellen Anschauung erhebt. Das hat er selbst in einem Gedichte zum Ausdruck gebracht: «Ecce Homo», in dem er uns sein Lebensrätsel selbst vorführt:

[ 24 ] What had become so clear to him in our time, and what he perceived as suffering, was bound to consume him. I do not mean to say that his illness had anything to do with his spiritual life; what he longed for but could not attain was the theosophical worldview. He felt a longing for something he could not find. He himself expressed this in many of the tormented expressions of his life. That is why his last writings also contain a longing for the life he wants to conjure out of form, and then again a lyrical cry for the God-man in *Thus Spoke Zarathustra*. Then the shattering of everything that the present could not give him, which he sought to attempt in the work *The Will to Power* or in *The Eternal Return*, which remained only as fragments and have now been published from his estate. All of this lived within Nietzsche’s tragic personality in his final days, and shows how one can suffer in our time if one does not rise to a spiritual perspective. He expressed this himself in a poem, “Ecce Homo,” in which he presents the enigma of his own life to us:

Ja, ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt, gleich der Flamme
Glühe und verzehr” ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich!

Yes, I know where I come from!
Unsated, like a flame
I “glow and consume” myself.
Everything I touch becomes light,
Everything I leave behind becomes coal:
I am certainly a flame!