The Origin and Purpose of Humanity
Basic Concepts of Spiritual Science
GA 53
16 February 1905, Berlin
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The Origin and Purpose of Humanity, tr. SOL
16. Goethes geheime Offenbarung I
16. Goethe's Secret Revelation I
Das Märchen Von Der Grünen Schlange Und Der Schönen Lilie
The Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily
[ 1 ] In diesem und den zwei folgenden Vorträgen wollen wir uns beschäftigen mit dem, was man, nach Goethes eigenem Ausdruck, seine Apokalypse, seine geheime Offenbarung, nennen kann.
[ 1 ] In this lecture and the two that follow, we will examine what might be called, in Goethe’s own words, his apocalypse, his secret revelation.
[ 2 ] Wir haben gesehen, zu welch hoher Bruderschaft sich Goethe rechnete. Es war seine Überzeugung, daß Erkenntnis nicht etwas von einem menschlichen Standpunkt aus einmal Festgestelltes ist, sondern daß die menschliche Erkenntnisfähigkeit sich entwickeln kann und daß diese Seelenentwickelung einer Gesetzmäßigkeit unterliegt, von der der Mensch zunächst nichts zu wissen braucht, ebensowenig wie die Pflanze die Gesetze kennt, nach denen sie sich entwickelt. Die allgemeinen theosophischen Lehren von der Entwickelung der Erkenntnisfähigkeit der menschlichen Seele stimmen ganz überein mit der Goetheschen Lebensanschauung. In mancherlei Weise hat Goethe diese Anschauung ausgedrückt.
[ 2 ] We have seen the lofty circle of brothers to which Goethe considered himself to belong. It was his conviction that knowledge is not something established once and for all from a human standpoint, but that the human capacity for knowledge can develop, and that this development of the soul is subject to a law of which human beings need not be aware at first, just as a plant does not know the laws according to which it develops. The general theosophical teachings on the development of the human soul’s capacity for knowledge are entirely in accord with Goethe’s view of life. Goethe expressed this view in many ways.
[ 3 ] Eine Frage, die er in unendlich tiefer Weise zu‘ lösen versuchte, an die er heranging, als sein Freundschaftsbund mit Schiller sich immer enger schloß, sie beantwortete er jetzt. Schwer schloß sich dieser Bund, da diese beiden Persönlichkeiten geistig auf ganz verschiedenem Boden standen. Erst in der Mitte der neunziger Jahre fanden sie sich auf
[ 3 ] A question he had sought to resolve in an infinitely profound way, one he had approached as his friendship with Schiller grew ever closer—he now answered it. This bond was difficult to forge, as these two personalities stood on entirely different intellectual ground. It was not until the mid-1890s that they found common ground
[ 4 ] 220 immer und ergänzten sich gegenseitig. Damals lud Schiller Goethe ein, an den Horen mitzuarbeiten, an einer Zeitschrift, in der die schönsten Produkte deutschen Geisteslebens dem Publikum zugänglich gemacht werden sollten. Goethe sagte seine Mitarbeit zu, und sein erster Beitrag in dieser Zeitschrift war seine Apokalypse, seine «Geheime Offenbarung»: Das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie (1794/95).
[ 4 ] 220 always complemented one another. At that time, Schiller invited Goethe to contribute to Die Horen, a journal intended to make the finest products of German intellectual life accessible to the public. Goethe agreed to contribute, and his first piece in the journal was his apocalypse, his “Secret Revelation”: The Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily (1794/95).
[ 5 ] Es handelt sich hierbei um den großen Zusammenhang des Leiblichen und des Geistigen, des Irdischen und des Übersinnlichen, den er darlegen wollte, sowie um den Weg, den der Mensch durch seine sich entwickelnden Erkenntnisfäahigkeiten nehmen muß, wenn er vom Irdischen zum Geistigen aufsteigen will.
[ 5 ] This concerns the broader connection between the physical and the spiritual, the earthly and the supernatural, which he sought to elucidate, as well as the path that human beings must take through their developing cognitive abilities if they wish to ascend from the earthly to the spiritual.
[ 6 ] Es ist dies eine Frage, die der Mensch sich immer stellen muß. Schiller hatte dies Problem in seiner Weise geistvoll dargelegt in den «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen». Diese Abhandlung, nur wenig gekannt und studiert, ist eine Fundgrube für denjenigen, der sich an dieses Rätsel macht. Goethe wurde dadurch angeregt, sich über dieselbe Frage zu äußern und er hat es getan im Märchen «Von der grünen Schlange und der schönen Lilie», das er später. den «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten» angefügt hat.
[ 6 ] This is a question that human beings must always ask themselves. Schiller had presented this problem in his own witty way in his “Letters on the Aesthetic Education of Man.” This treatise, little known and rarely studied, is a treasure trove for anyone who sets out to unravel this mystery. Goethe was inspired by it to comment on the same question, and he did so in the fairy tale “Of the Green Snake and the Beautiful Lily,” which he later added to “Conversations of German Emigrants.”
[ 7 ] Dies Märchen führt tief hinein in die Theosophie. Auch die Theosophie sagt, daß der Erkenntnisinhalt unserer Seele jederzeit abhängig ist von unserer Erkenntnisfähigkeit, und daß wir als Menschen diese Erkenntnisfähigkeit immer höher hinauf entwickeln können, so daß wir nach und nach dazu kommen können, in unserer Seele als Erkenntnisinhalt nicht mehr zu haben etwas Subjektives, sondern daß wir in der Seele einen objektiven Welteninhalt erleben können. Das Märchen «Von der grünen Schlange und der schönen Lilie» zeigt die Entwickelung der menschlichen Seele zu immer höherer Einsicht dadurch, daß alle menschlichen Seelenkräfte sich entwickeln können, nicht nur allein das menschliche Denkvermögen. Alle Seelenkräfte, auch das Fühlen und Wollen, können eindringen in die objektiven Weltgeheimnisse. Aber sie müssen alles Persönliche ausschalten lernen.
[ 7 ] This fairy tale delves deeply into theosophy. Theosophy also teaches that the content of our soul’s knowledge is always dependent on our capacity for knowledge, and that we as human beings can continually develop this capacity to ever greater heights, so that we may gradually come to the point where the content of our soul’s knowledge is no longer subjective, but rather where we can experience an objective world within our soul. The fairy tale “Of the Green Snake and the Beautiful Lily” illustrates the development of the human soul toward ever higher insight through the fact that all human soul forces can develop, not just the human faculty of thought alone. All soul forces, including feeling and willing, can penetrate the objective mysteries of the world. But they must learn to set aside everything personal.
[ 8 ] Es ist so tief, dieses Märchen, daß es sich lohnt, eine intimere Behandlung dafür zu finden. Es führt uns in die Tiefen von Goethes Weltanschauung. Goethe hat selbst davon zu Riemer gesagt, daß es damit sei wie mit der Offenbarung Sankt Johannis, daß wenige das Richtige darin finden werden. Goethe hat sein Tiefstes, was er über das Menschenschicksal wußte, hineingelegt. Er ist immer sehr zurückhaltend darüber gewesen: er hat gesagt, wenn hundert Menschen sich fänden, die es richtig verstehen, würde er eine Erklärung darüber geben. Es fanden sich bis zu seinem Tode nicht hundert, die eine Auflösung gaben, und die Erklärung wurde nicht mitgeteilt. Nach Goethes Tod sind eine große Anzahl von Erklärungsversuchen gemacht worden, die von Meyer-von Waldeck gesammelt wurden. Sie sind zum Teil als Bausteine wertvoll, vermögen aber nicht den tiefen Sinn zu ergründen,
[ 8 ] This fairy tale is so profound that it is worth finding a more intimate way to approach it. It leads us into the depths of Goethe’s worldview. Goethe himself told Riemer that it was like the Revelation of St. John, in that few would find the true meaning within it. Goethe poured into it his deepest insights into the human condition. He was always very reserved about it: he said that if a hundred people could be found who understood it correctly, he would provide an explanation. By the time of his death, not even a hundred had come forward with an interpretation, and the explanation was never shared. After Goethe’s death, a large number of attempts at explanation were made, which were collected by Meyer-von Waldeck. They are valuable in part as building blocks, but they are unable to fathom the deeper meaning,
[ 9 ] Die Frage könnte auftauchen: Warum hat denn Goethe sein eigentliches Lebensgeheimnis in ein solches Märchen gelegt? — Er hat selbst gesagt, daß er sich über eine solche Frage nur im Bilde äußern könne. Er hat damit dasselbe getan, wie alle großen Lehrer der Menschheit, die nicht in abstrakten Worten lehren wollten, die die höchsten Fragen in Bildern, in symbolischer Weise behandelten.
[ 9 ] The question might arise: Why did Goethe embed the true secret of his life in such a fairy tale? — He himself said that he could only express himself on such a question through imagery. In doing so, he acted just as all the great teachers of humanity have done, who did not wish to teach in abstract words, but who treated the highest questions through images, in a symbolic manner.
[ 10 ] Selbst bis zur Begründung der Theosophischen Gesellschaft war es nicht möglich, anders als in bildlicher Form diese höchsten Wahrheiten zu geben. Dadurch kommt das zustande, was Schopenhauer so schön den «Chor der Geister» genannt hat, wenn so, wie durch Hieroglyphen hindurch, in denen, die sie verstehen, der Funke entzündet wird. Wo die Weltanschauung für Goethe eine ganz persönliche, ganz intime geworden ist, kann er sich nur in dieser Form äußern. Zweimal finden sich in Goethes «Gesprächen mit Eckermann» wichtige Anhaltspunkte hierüber.
[ 10 ] Even up until the founding of the Theosophical Society, it was not possible to convey these highest truths in any form other than figurative. This gives rise to what Schopenhauer so beautifully called the “Chorus of Spirits,” when, as through hieroglyphs, the spark is kindled in those who understand them. Since Goethe’s worldview had become entirely personal and intimate, he could express himself only in this form. Two passages in Goethe’s “Conversations with Eckermann” provide important insights into this.
[ 11 ] Später hat Goethe sich noch in zwei anderen Märchen intimer ausgesprochen, in der «Neuen Melusine» (1807) und dann in dem «Neuen Paris» (1810). Diese drei Märchendichtungen sind der tiefste Ausdruck von Goethes Weltanschauung. Im «Neuen Paris» sagt er zum Schluß: «Ob ich euch erzählen kann, was weiter begegnet, oder ob es mir ausdrücklich verboten wird, weiß ich nicht zu sagen.» Das soll ein Hinweis sein darauf, aus welchen Quellen dies Märchen stammt.
[ 11 ] Later, Goethe expressed himself even more intimately in two other fairy tales, *The New Melusine* (1807) and *The New Paris* (1810). These three fairy-tale poems are the deepest expression of Goethe’s worldview. In “The New Paris,” he says at the end: “Whether I can tell you what happens next, or whether I am expressly forbidden to do so, I cannot say.” This is meant to be a hint as to the sources from which this fairy tale originates.
[ 12 ] Diese Märchen sind Offenbarungen von Goethes intimster Lebens- und Weltanschauung. Das Knabenmärchen, der «Neue Paris», zeigt deutlich hin auf die Quellen, aus denen es stammt. Es beginnt: Alle Kleider fallen dem Knaben vom Leibe, alles was sich der Mensch angeignet hat innerhalb der Kultur, in der er lebt, fällt von ihm ab. Ein Mann, jung und schön, tritt zu dem Knaben. Dieser bewillkommt ihn freudig. Der Mann fragt: Kennt ihr mich denn? - Und der Knabe antwortet: Ihr seid Merkur. - Das bin ich und von den Göttern mit einem wichtigen Auftrag an dich gesandt!
[ 12 ] These fairy tales are revelations of Goethe’s most intimate view of life and the world. The boys’ fairy tale, “The New Paris,” clearly points to the sources from which it originates. It begins: All the boy’s clothes fall from his body; everything that a person has acquired within the culture in which he lives falls away from him. A man, young and handsome, approaches the boy. The boy welcomes him joyfully. The man asks: “Do you know who I am?”—And the boy replies: “You are Mercury.”—“That is who I am, and I have been sent by the gods with an important mission for you!”
[ 13 ] So laßt uns diese drei Märchen als tiefste Offenbarungen Goethes betrachten. Zunächst das Märchen von der «Grünen Schlange und der schönen Lilie». Das Märchen beginnt gleich in geheimnisvoller Weise. Drei Gebiete werden uns vorgeführt, ein Diesseitiges, ein Jenseitiges und dazwischen ist der Fluß. Die Welt von Leib, Seele und Geist, und den Weg des Menschen in die übersinnliche Welt stellt es uns dar. Das diesseitige Ufer ist die physische, das jenseitige, das Land der schönen Lilie, ist die Welt des Geistes; dazwischen ist der Strom, die astrale Welt, die Welt des Verlangens.
[ 13 ] Let us therefore regard these three fairy tales as Goethe’s most profound revelations. First, the fairy tale of “The Green Snake and the Beautiful Lily.” The tale begins in a mysterious way. We are presented with three realms: one in this world, one in the next, and between them lies the river. It depicts for us the world of body, soul, and spirit, and humanity’s path into the supersensible world. The earthly shore is the physical world; the otherworldly shore, the land of the beautiful lily, is the world of the spirit; between them lies the stream, the astral world, the world of desire.
[ 14 ] Die Theosophie spricht vom Leben der Seele in der physischen Welt, dem Diesseits, dann vom Devachan, in dem die Seele sich erlebt nach dem Tode, aber auch, wenn sie sich durch eine okkulte Entwickelung schon hier in der physischen Welt frei gemacht hat von allem Persönlichen. Dann kann sie aufsteigen in das Jenseits, in das Reich der schönen Lilie; sie findet dann den Weg zum jenseitigen Ufer, dahin, wohin der Mensch immerfort strebt, den Weg zur Heimat seiner Seele und seines Geistes. Der Strom dazwischen, die Astralwelt, der Strom der Begierden und Leidenschaften, die den Menschen trennen von der geistigen Welt, muß überwunden werden.
[ 14 ] Theosophy speaks of the life of the soul in the physical world, this life, and then of Devachan, where the soul experiences itself after death, but also when, through occult development, it has already freed itself here in the physical world from all that is personal. Then it can ascend to the hereafter, to the realm of the beautiful lily; it then finds the path to the other shore, to the place toward which humanity constantly strives—the path to the homeland of its soul and spirit. The stream in between, the astral world, the stream of desires and passions that separate humanity from the spiritual world, must be overcome.
[ 15 ] Eine Brücke wird nun über den Fluß gebaut und der Mensch gelangt in das Reich der schönen Lilie. Das ist das Ziel, wohin der Mensch strebt. Was die Lilie in der mittelalterlichen Mystik bedeutete, war Goethe genau bekannt. Er hatte sich praktisch einweihen lassen in die Geheimnisse mystischer Weltanschauung und war bekannt mit den alchimistischen Bestrebungen des Mittelalters. Nachdem er auf der einen Seite die Tiefe der Mystik erkannt hatte, begegnete er auch dem trivialen Abglanz davon in den Zerrbildern der Literatur.
[ 15 ] A bridge is now being built across the river, and man enters the realm of the beautiful lily. This is the goal toward which man strives. Goethe was well aware of the significance of the lily in medieval mysticism. He had practically been initiated into the secrets of the mystical worldview and was familiar with the alchemical endeavors of the Middle Ages. Having recognized the depth of mysticism on the one hand, he also encountered its trivial reflection in the distorted images of literature.
[ 16 ] Im ersten Teil des «Faust» zeigt er uns noch in humoristischer Weise, daß das Problem des Zusammenhanges des Menschen mit der schönen Lilie ihm vor Augen stand. Da heißt es im Osterspaziergang — ehe er die Bekanntschaft mit Mephistopheles macht — von den Bestrebungen des Menschen in einer verzerrten Alchimie:
[ 16 ] In the first part of *Faust*, he shows us, in a humorous way, that the problem of man’s relationship with the beautiful lily was already on his mind. In the Easter Walk—before he meets Mephistopheles—he writes of humanity’s endeavors in a distorted alchemy:
Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann,
der über die Natur und ihre heil’gen Kreise,
in Redlichkeit, jedoch auf seine Weise,
mit grillenhafter Mühe sann;
... da ward ein roter Leu, ein kühner Freier,
im lauen Bad der Lilie vermählt.
My father was a somber man of honor,
who pondered nature and its sacred circles,
with integrity, yet in his own way,
with whimsical effort;
... there a red lion, a bold suitor,
was wed in the lily’s balmy bath.
[ 17 ] Es ist dies ein technischer Ausdruck der Alchimie: Lilie bedeutet Merkur. Im Sinne der theosophischen Weltanschauung ist Merkur das Sinnbild der Weisheit, welcher der Mensch zustrebt, und Lilie jener Bewußtseinszustand, in dem der Mensch sich befindet, wenn er das Höchste erreicht, sich selbst gefunden hat. Die Vermählung des Männlichen mit dem Weiblichen in der menschlichen Seele ist hier dargestellt. «Im lauen Bad» heißt im Sinne der Alchimie «freigeworden vom Feuer der Begierden». Wir sprechen in der Theosophie von Ahamkara, dem menschlichen IchStreben, was das Höchste umfassen will. Dieses zunächst in Selbstheit strebende menschliche Prinzip wirdinder Alchimie als Leu dargestellt, der frei geworden von der Selbstheit, von Begierden und Leidenschaften, sich mit der Lilie vereinen darf. Wenn man auch nicht mehr viel wußte im Mittelalter von der wahren Alchimie, so hatte man doch die Bezeichnungen konserviert. Alle höheren Wahrheiten stehen im Ätherglanz vor uns, wenn wir, freigeworden von stürmischen Begierden, von dem Leu der Begierden, die abgekühlt sind im lauen Bad, uns ihnen nahen. Dann kann der Menschengeist die Lilie finden, das Ewig-Weibliche, das uns hinanzieht; er kann die Vereinigung haben mit diesen Wahrheiten der geistigen Welten. Das ist ein Weg, den die Seelen immer gegangen sind, in vollster Klarheit. Mystiker ist derjenige, der Klarheit, Höhe, Reine der Anschauungen anstrebt.
[ 17 ] This is a technical term in alchemy: the lily symbolizes Mercury. In the theosophical worldview, Mercury is the symbol of wisdom toward which humanity strives, and the lily represents the state of consciousness in which a person finds themselves when they have attained the highest level and discovered their true self. The union of the masculine and the feminine in the human soul is depicted here. “In the lukewarm bath” means, in the sense of alchemy, “freed from the fire of desires.” In Theosophy, we speak of Ahamkara, the human ego-striving that seeks to encompass the highest. This human principle, which initially strives in selfhood, is depicted in alchemy as a lion that, having been freed from selfhood, desires, and passions, is permitted to unite with the lily. Even though little was known in the Middle Ages about true alchemy, the terms had nevertheless been preserved. All higher truths stand before us in the radiance of the ether when, freed from stormy desires—from the lion of desires that have cooled in the lukewarm bath—we approach them. Then the human spirit can find the lily, the Eternal Feminine that draws us to it; it can achieve union with these truths of the spiritual worlds. This is a path that souls have always walked, in the fullest clarity. A mystic is one who strives for clarity, loftiness, and purity of vision.
[ 18 ] Nicht Sympathie und Antipathie darf es für die Weisheit geben, sondern allein ein selbstloses Aufgehen in ihr. Weil bei den Wahrheiten der Mathematik keine Leidenschaft mehr empfunden wird, ist kein Streit darüber möglich; kämen menschliche Empfindungen dabei in Betracht, würde auch darüber gestritten werden, ob zwei mal zwei gleich vier ist. Im selben Ätherglanze stehen alle höheren Wahrheiten vor uns, wenn wir diese Gesinnung zum Ausdruck bringen. Und diese Abgeklärtheit in allem war es, was Pythagoras die Katharsis, die Reinigung nannte. Diesen ganzen Weg mit seinen intimen Geheimnissen hat Goethe in seinem Märchen geschildert, weil unsere Umgangssprache wirklich nicht befähigt ist, diese Dinge darzustellen. Erst wenn es uns gelingt, in farbigen Bildern dasjenige zu schildern, was in der Seele des Mystikers lebt, finden wir auch sprachlich den Weg zur höchsten Form des menschlichen Bewußtseins, zur Lilie.
[ 18 ] Wisdom must not be met with sympathy or antipathy, but only with a selfless immersion in it. Because no passion is felt regarding the truths of mathematics, no dispute over them is possible; if human emotions were taken into account, there would even be arguments over whether two times two equals four. All higher truths stand before us in the same ethereal radiance when we express this attitude. And it was this serenity in all things that Pythagoras called catharsis, purification. Goethe described this entire path with its intimate mysteries in his fairy tale, because our everyday language is truly incapable of depicting these things. Only when we succeed in depicting in vivid imagery what lives in the soul of the mystic do we also find, linguistically, the path to the highest form of human consciousness, to the lily.
[ 19 ] Man gefällt sich darin, die Mystik als etwas Unklares hinzustellen. Aber unklar ist nur der, der nicht den Weg zu den Höhen findet. Frei von brutaler unmittelbarer Wirklichkeit, in reiner Ätherhöhe wird die kostbarste Klarheit der Begriffe vom Mystiker angestrebt. Wir haben es nötig, uns erst die Begriffe anzueignen, die uns in dieses Land der Klarheit führen. Goethe hat nach diesem Lande der Klarheit gesucht, mathematische Erkenntnis hat er angestrebt. In Goethes Nachlaß fand ich vor fünfzehn Jahren ein Heft, das bestätigte, daß sich Goethe noch in späteren Jahren mit mathematischen Studien befaßte, sogar bis zu höchsten Problemen. Im Sinne eines echten Gnostikers hat er auch seine Studien über die Natur und über die menschliche Seele angestellt. Aus seinem intuitiven Geist heraus kam ihm zum Beispiel auch das Schauen der Urpflanze.
[ 19 ] People take pleasure in portraying mysticism as something obscure. But the only ones who are obscure are those who cannot find the path to the heights. Free from brutal, immediate reality, in the pure heights of the ether, the mystic strives for the most precious clarity of concepts. We must first acquire the concepts that lead us into this realm of clarity. Goethe sought this realm of clarity; he strove for mathematical insight. Fifteen years ago, I found a notebook in Goethe’s estate that confirmed that Goethe continued to engage in mathematical studies even in his later years, delving into the most advanced problems. In the spirit of a true Gnostic, he also conducted his studies of nature and the human soul. From his intuitive mind, for example, came his vision of the primordial plant.
[ 20 ] Aber wie er schwer verstanden werden konnte in bezug auf Urpflanze und Urtier, so noch weniger in bezug auf das Seelenleben. Ich erinnere hier an das Gespräch mit Schiller in Jena 1794. Goethe sprach sich zu Schiller so aus, daß er sagte, es könnte sich wohl eine Betrachtungsweise der Welt und ihres Inhaltes finden, die nicht, wie die Wissenschaft es tut, die Dinge zerpflückt, sondern die das einheitliche Band aufweist, das allem zugrunde liegt, die hinweist auf ein Höheres, ein Einheitliches hinter allem Sinnlichen. Und Goethe zeichnete seine Urpflanze, ein Gebilde, das zwar einer Pflanze ähnlich sah, aber nicht einer lebenden, die man mit äußeren Sinnen wahrnehmen kann, und er sagte zu Schiller: das sei die Pflanzenheit, die Urpflanze, das sei das Verbindende der Pflanzen; aber diese Urpflanze lebe in keiner einzelnen Pflanze, sondern in allen Pflanzenwesen. Das sei das Objektive aller Pflanzen. — Auf den Einwand Schillers, das, was er als Urpflanze bezeichne, sei eine Idee, erwiderte er: «Wenn das eine Idee ist, sehe ich meine Ideen mit Augen.» Damals hat Goethe gezeigt, wie er zum Geiste steht, eine intuitiv erschaute Pflanze gibt es für ihn, die in jedem Pflanzenwesen lebt. Nur ein intuitives Schauen kann das Objcktive hinter allen sinnlichen Dingen wahrnehmen, nur ein sinnlichkeitsfreies Denken kann dazu gelangen. Wie das Denken sich zu einer Objektivität entwickeln kann, zeigen uns die Irrlichter im Märchen. Wer sich nicht aufschwingen kann zu der Anschauung Goethes, versteht nicht, was er meint; selbst Schiller verstand damals nicht recht, was Goethe meinte, aber er hat sich alle Mühe gegeben, einzudringen in Goethes Weltanschauung. Dann kam der Brief vom 23. August 1794. Das war das Brechen des Eises zwischen beiden Geistern.
[ 20 ] But just as he was difficult to understand with regard to the primordial plant and animal, so he was even less so with regard to the life of the soul. I recall here the conversation with Schiller in Jena in 1794. Goethe expressed himself to Schiller in such a way that he said a way of viewing the world and its contents could well be found that does not, as science does, pick things apart, but rather reveals the unifying bond that underlies everything, pointing to a Higher, a Unifying Force behind all that is sensory. And Goethe drew his “primordial plant,” a form that resembled a plant but was not a living one that can be perceived by the external senses, and he said to Schiller: this is the plant-ness, the primordial plant; this is what unites plants; but this primordial plant does not live in any single plant, but in all plant beings. This is the objective essence of all plants. — In response to Schiller’s objection that what he called the “primordial plant” was an idea, he replied: “If that is an idea, I see my ideas with my eyes.” At that time, Goethe demonstrated his stance on the spiritual: for him, there exists an intuitively perceived plant that lives within every plant being. Only intuitive perception can grasp the objective reality behind all sensory phenomena; only thinking free from the senses can attain it. The will-o’-the-wisps in the fairy tale show us how thinking can develop into objectivity. Anyone who cannot rise to Goethe’s level of insight does not understand what he means; even Schiller did not fully grasp what Goethe meant at the time, but he made every effort to penetrate Goethe’s worldview. Then came the letter of August 23, 1794. That was the breaking of the ice between the two minds.
[ 21 ] Von dem höheren geistigen Anschauen, das in Goethe lebte, hat er vieles in dies Märchen hineingeheimnißt. Versuchen wir nun in das Märchen einzudringen.
[ 21 ] Goethe has woven much of the higher spiritual insight that lived within him into this fairy tale. Let us now try to delve into the fairy tale.
[ 22 ] Es heißt: Mitten in der Nacht wecken zwei Irrlichter den alten Fährmann, der am jenseitigen Ufer — also in der geistigen Welt — schläft, und wollen übergesetzt werden. Er setzt sie herüber vom Reich der Lilie über den vom Sturm gepeitschten Strom. Sie benehmen sich unmanierlich, tanzen in dem Kahn so, daß ihnen der Fährmann sagen muß, der Kahn fällt um. Endlich, nachdem sie mit Mühe das andere Ufer erreicht hatten, wollen sie ihn bezahlen mit vielen Goldstücken, die sie von sich schütteln. Der Fährmann weist sie zurück und sagt mißmutig: Gut, daß ihr es nicht in den Strom geworfen habt, der kann kein Gold vertragen und wäre wild aufgeschäumt und hätte euch verschlungen. Ich muß das Gold nun vergraben. Ich selbst aber kann nur mit Früchten der Erde bezahlt werden. - Und er läßt sie nicht eher los, als bis sie ihm drei Kohlhäupter, drei Artischocken und drei Zwiebeln versprechen. Der Fährmann verbirgt dann das Gold in den Klüften der Erde, wo die grüne Schlange wohnt. Diese verzehrt das Gold und wird dadurch leuchtend von innen heraus. Sie kann nun im eigenen Lichte wandeln und sieht, wie alles um sie herum von diesem Lichte verklärt wird. Die Irrlichter treffen mit ihr zusammen und sagen ihr: Ihr seid unsere Muhme von der horizontalen Linie. - Die Irrlichter sind ihre Vettern, die von der vertikaJlen Linie stammen. Das sind uralte Ausdrücke, vertikal und horizontal, die immer in der Mystik für gewisse Seelenzustände gebraucht wurden.
[ 22 ] It is said: In the middle of the night, two will-o'-the-wisps wake the old ferryman, who is sleeping on the opposite shore—that is, in the spirit world—and ask to be ferried across. He ferries them across from the Realm of the Lily over the storm-lashed river. They behave rudely, dancing in the boat so wildly that the ferryman has to tell them the boat is capsizing. Finally, after they have reached the other bank with great difficulty, they want to pay him with many gold pieces, which they shake from themselves. The ferryman rejects them and says grumpily: “It’s a good thing you didn’t throw it into the river; it can’t tolerate gold and would have foamed wildly and swallowed you up. I must now bury the gold. But I myself can only be paid with the fruits of the earth.” - And he does not let them go until they promise him three cabbages, three artichokes, and three onions. The ferryman then hides the gold in the crevices of the earth, where the green snake dwells. It devours the gold and thereby glows from within. It can now walk in its own light and sees how everything around it is transfigured by this light. The will-o’-the-wisps meet her and say to her: You are our aunt from the horizontal line. - The will-o’-the-wisps are her cousins, who come from the vertical line. These are ancient terms, vertical and horizontal, which have always been used in mysticism to describe certain states of the soul.
[ 23 ] Wie kommen wir zur schönen Lilie? — fragen nun die Irrlichter. Oh, die wohnt auf dem anderen Ufer, versetzt die Schlange. - O weh, da haben wir uns schön gebettet, von dort kommen wir ja! - Die Schlange gibt ihnen Auskunft darüber, daß der Fährmann wohl jeden herüber, niemanden aber hinüber bringen dürfe. - Gibt es nicht andere Wege? — Ja, zur Mittagszeit bilde ich selbst eine Brücke —, sagt die grüne Schlange. Aber den Irrlichtern ist diese Zeit nicht genehm, und die Schlange weist sie daher an den Schatten des Riesen, der selber machtlos, mit seinem Schatten aber alles vermag. Bei Sonnenauf- und -untergang lege sich der Schatten als eine Brücke über den Fluß.
[ 23 ] “How do we get to the beautiful lily?” ask the will-o'-the-wisps. “Oh, she lives on the other bank,” replies the snake. “Alas, that’s where we’ve made our home; that’s where we come from!” The snake informs them that the ferryman may bring anyone across, but no one back. - “Are there no other ways?” — “Yes, at noon I form a bridge myself,” says the green snake. But this time does not suit the will-o’-the-wisps, and so the snake directs them to the shadow of the giant, who is powerless himself but can do anything with his shadow. At sunrise and sunset, the shadow stretches across the river like a bridge.
[ 24 ] Die Schlange sucht, nachdem sich die Irrlichter entfernt hatten, eine Neugierde zu befriedigen, die sie lange gequält hatte. Sie hatte auf ihren Wanderungen durch die Felsen, durch ihr Gefühl glatte Wände und menschenähnliche Figuren entdeckt, die sie nun durch ihr neues Licht zu erkennen hofft.
[ 24 ] After the will-o'-the-wisps had departed, the snake sought to satisfy a curiosity that had long tormented her. During her wanderings through the rocks, she had sensed smooth walls and human-like figures, which she now hoped to recognize by her new light.
[ 25 ] Sie schleicht durch den Felsen und findet ein Gemach, in dem die Bildnisse von vier Königen aufgestellt sind. Der erste der Könige ist aus Gold, er ist mit einem Eichenkranz geschmückt. Er fragt die Schlange, woher sie komme: Aus den Klüften, in denen das Gold wohnt! - Was ist herrlicher als Gold? —, fragt der König: Das Licht —, antwortet die Schlange. — Was ist erquicklicher als das Licht? — Das Gespräch —, versetzt die Schlange. Dann betrachtet sie die übrigen Könige, von denen der zweite aus Silber ist, mit einer Krone geschmückt, der dritte aus Erz, mit einem Lorbeerkranz geziert, während der vierte von unförmlicher Gestalt, aus all diesen Metallen zusammengesetzt ist.
[ 25 ] She creeps through the rocks and finds a chamber where the portraits of four kings are displayed. The first of the kings is made of gold; he is adorned with an oak wreath. He asks the snake where she comes from: “From the crevices where gold dwells!” “What is more magnificent than gold?” asks the king. “Light,” replies the snake. “What is more refreshing than light?” “Conversation,” replies the snake. Then she looks at the other kings: the second is made of silver, adorned with a crown; the third is made of bronze, adorned with a laurel wreath; while the fourth, of misshapen form, is composed of all these metals.
[ 26 ] Nun verbreitet sich ein helles Licht; ein alter Mann mit einer Lampe erscheint in dem Gewölbe.
[ 26 ] Now a bright light spreads; an old man carrying a lamp appears in the vault.
[ 27 ] Warum kommst du, da wir Licht haben? — fragt der goldene König. —- Ihr wißt, daß ich das Dunkle nicht erleuchten darf. — Endigt sich mein Reich? — fragt der silberne König. — Spät oder nie —, versetzt der Alte. Der eherne König fängt an: Wann werde ich aufstehen? — Bald —, antwortet der Alte. — Mit wem soll ich mich verbinden? — fragt der silberne König. - Mit deinen älteren Brüdern —, sagt der Alte. Was wird mit dem Jüngsten werden? — Er wird sich setzen.
[ 27 ] “Why do you come now that we have light?” asks the Golden King. “You know that I must not illuminate the darkness.” “Is my kingdom coming to an end?” asks the Silver King. — Sooner or later — replies the Old Man. The Bronze King begins: When will I rise? — Soon — answers the Old Man. — With whom shall I unite? — asks the Silver King. — With your older brothers — says the Old Man. What will become of the youngest? — He will sit down.
[ 28 ] Während dieser Reden sah sich die Schlange im Tempel um.
[ 28 ] While these words were being spoken, the serpent looked around the temple.
[ 29 ] Indessen sagt der goldene König zu dem Alten: Wieviel Geheimnisse weißt du? — Drei —, versetzt der Alte. — Welches ist das Wichtigste? — fragt der silberne König. — Das offenbare —, antwortet der Alte. Willst du es auch uns eröffnen? — fragt der eherne König. Sobald ich das vierte weiß —, sagt der Alte. Was kümmert’s mich —, murmelt der zusammengesetzte König vor sich hin. Ich weiß das vierte —, sagt die Schlange, nähert sich dem Alten und zischt ihm etwas ins Ohr. Es ist an der Zeit! — ruft der Alte mit gewaltiger Stimme. Der Tempel schallt wider, die metallenen Bildsäulen klingen, und in dem Augenblick versinkt der Alte nach Westen und die Schlange nach Osten, und jedes durchstreicht mit großer Schnelle die Klüfte der Felsen.
[ 29 ] Meanwhile, the Golden King says to the Old Man: “How many secrets do you know?” “Three,” replies the Old Man. “Which is the most important?” asks the Silver King. “The obvious one,” replies the Old Man. “Will you reveal it to us as well?” asks the Bronze King. “As soon as I know the fourth,” says the Old Man. “What does it matter to me,” mutters the Composite King to himself. “I know the fourth,” says the Serpent, approaching the Old Man and hissing something in his ear. “The time has come!” cries the old man in a mighty voice. The temple echoes, the metal statues ring out, and in that instant the old man sinks toward the west and the serpent toward the east, each streaking with great speed through the crevices of the rocks.
[ 30 ] Soweit zunächst der Inhalt des Märchens. «Das Publikum wird noch manches erfahren, die Auflösung steht in dem Märchen selbst», schreibt Schiller an Cotta. Wir sind an einem Punkte, wo wir mit der Auflösung beginnen wollen. Wir müssen uns, um nicht zu weit auszuholen, zunächst einige uralte Ausdrücke der Geheimlehre klarmachen, um die Bilder zu verstehen: Flammen bedeuten für den Mystiker etwas ganz Bestimmtes. Was hatte nun Goethe in den Flammen, den Irrlichtern dargestellt? Die Flammen, die Irrlichter sind, sinnbildlich genommen, das Feuer der Leidenschaften, der sinnlichen Begierden, der Triebe und der Instinkte. Das ist das Feuer, das nur in warmblütigen Tieren und im Menschen lebt. Es gab einst eine Zeit, in welcher der Mensch noch nicht die Gestalt hatte wie heute. Dieses Feuer war vor der lemurischen Rasse nicht da; ehe es in den Menschenkörper inkarniert war, gab es in dieser Art keine Begierden und Triebe. Ein begehrendes, wünschendes Wesen, das ist der Mensch geworden durch die Durchdringung mit der Warmblütigkeit, Kamamanas. Die Fische und Reptilien gehören zu den wechselwarmen Tieren. Die Mystik unterscheidet deshalb auch weit mehr als die Naturwissenschaft zwischen fischblütigen und warmblütigen Wesen.
[ 30 ] That, for now, is the content of the fairy tale. “The audience will learn many more things; the resolution lies within the fairy tale itself,” Schiller writes to Cotta. We have reached a point where we wish to begin with the resolution. To avoid digressing too far, we must first clarify a few ancient expressions of the secret doctrine in order to understand the imagery: for the mystic, flames signify something very specific. What, then, did Goethe depict in the flames, the will-o’-the-wisps? The flames, which are will-o’-the-wisps, symbolically represent the fire of passions, sensual desires, drives, and instincts. This is the fire that lives only in warm-blooded animals and in humans. There was once a time when humans did not yet have the form they have today. This fire did not exist before the Lemurian race; before it was incarnated in the human body, there were no desires or drives of this kind. A desiring, wishing being—that is what humans have become through their permeation with warm-bloodedness, Kamamanas. Fish and reptiles belong to the cold-blooded animals. Mysticism therefore distinguishes far more clearly than natural science between cold-blooded and warm-blooded beings.
[ 31 ] Damals, in der Mitte der lemurischen Zeit, tritt ein Augenblick ein, in dem der Mensch sich von Niederem zu Höherem entwickelt. Dieser Augenblick wird in den Mythen, in der Prometheussage, als das Herabholen des Feuers bezeichnet. Von Prometheus wird erzählt, er habe es vom Himmel geholt, und er wurde an den Felsen — den physischen, mineralischen Menschenleib — geschmiedet.
[ 31 ] Back then, in the middle of the Lemurian epoch, there came a moment when humanity evolved from the lower to the higher. This moment is described in the myths, in the legend of Prometheus, as the bringing down of fire. It is said that Prometheus brought it down from heaven, and he was chained to the rock—the physical, mineral human body.
[ 32 ] Die Summe der Triebe, Gefühle, Instinkte und Leidenschaften, das ist das Feuer, welches die Menschen zu neuen "Taten drängt. Diese Flamme wird in der Theosophie genannt das Hervorquellen des menschlichen Selbstbewußtseins, der Fähigkeit «Ich» zu sich zu sagen. Wäre der Mensch nicht dazu gekommen, zur Flamme zu werden, so hätte er nicht das Selbstbewußtsein entwickeln können und damit nicht aufsteigen können zur Erkenntnis des Göttlichen. Es gibt ein niederes Ich-Bewußtsein, das Selbstbewußtsein, und ein höheres. Die niedere Natur der Triebe und die höhere des Bewußtseins sind im Menschen verbunden. Der physische Mensch ist geworden durch die Durchdringung seines Selbst mit dem Blute, mit der Flamme. Die Flammenbildungen der Irrlichter zeigen das Hervorquellen des Selbstbewußtseins innerhalb der Triebe, Begierden und Leidenschaften. Das ist Kamamanas, wie wir in der Theosophie sagen. Damit lebt der Mensch zunächst in der physischen Welt, diesseits des Stromes.
[ 32 ] The sum of drives, feelings, instincts, and passions—that is the fire that drives people to new “deeds.” In Theosophy, this flame is called the wellspring of human self-awareness, the ability to say “I” to oneself. Had man not come to become a flame, he would not have been able to develop self-consciousness and thus would not have been able to ascend to the knowledge of the Divine. There is a lower “I”-consciousness, self-consciousness, and a higher one. The lower nature of the drives and the higher nature of consciousness are united within man. The physical human being came into being through the permeation of his self with blood, with the flame. The fiery formations of will-o’-the-wisps reveal the welling up of self-consciousness within the instincts, desires, and passions. This is kamamana, as we say in Theosophy. Thus, the human being initially lives in the physical world, on this side of the stream.
[ 33 ] Aber die Heimat des Menschen, in der er weilt, ehe er geboren wird, ist jenseits des Stromes, in der geistigen Welt. Der Fährmann führt den Menschen aus dieser geistigen Welt über den Strom der astralischen Welt hinein in das körperliche, diesseitige Dasein. Die suchende Seele strebt aber unablässig wieder zurück in das Land jenseits des Stromes; aber dahin kann der Fährmann - die Natur — sie nicht bringen. Es heißt: Wenn sie ihn auch selbst an dem diesseitigen Ufer anträfe, so würde er sie nicht aufnehmen, denn er darf jedermann herüber-, niemand hinüberbringen. So sagt die Schlange zu den Irrlichtern. Naturkräfte haben den Menschen hineingebracht durch die Geburt in die physische Welt, Will der Mensch während des Lebens zurück in die höheren Welten, so muß er das selber tun. Es gibt einen Weg zurück. Das Ich vermag Erkenntnisse zu sammeln. Erkenntnis hat immer als Sinnbild im Okkultismus das Gold. Gold und Weisheit - Erkenntnis — entsprechen sich. Das Gold der Erkenntnis, das was durch die Irrlichter repräsentiert wird, hat auch die niedere Menschlichkeit, die ein Irrlicht wird, wenn sie nicht den rechten Weg findet. Es gibt eine niedere Weisheit, die der Mensch sich erwirbt innerhalb der Sinneswelt, indem er die Dinge und die Wesenheiten dieser Sinneswelt beobachtet, sich Vorstellungen davon macht und sie durch sein Denken kombiniert. Das ist aber eine bloße Verstandesweisheit. Die Irrlichter wollen den Fährmann bezahlen mit diesem Gold, das sie leicht aufnehmen und leicht wieder von sich schleudern. Aber der Fährmann weist es zurück. Verstandesweisheit befriedigt nicht die Natur, nur diejenige Gabe kann in der Natur wirken, die verbunden ist mit den lebendigen Kräften der Natur. Unreif empfangene Weisheit läßt den Fluß des Astralen aufschäumen, er nimmt sie nicht an, er weist sie zurück. Der Fährmann verlangt Früchte der Erde als Lohn. Die haben die Irrlichter noch nie genossen; die haben sie nicht. Sie haben nie danach gestrebt, in die Tiefen der Natur einzudringen, aber sie müssen dennoch der Natur ihren Tribut abzahlen. Sie müssen versprechen, die Forderung des Fährmanns demnächst zu befriedigen. Diese Forderung besteht in Früchten der Erde: drei Kohlhäupter, drei Artischocken und drei große Zwiebeln. Was sind diese Erdenfrüchte? Goethe nimmt diese Früchte, welche Schalen haben, die die menschlichen Hüllen vorstellen.
[ 33 ] But the home of the human being, where he dwells before he is born, lies beyond the stream, in the spiritual world. The ferryman guides the human being from this spiritual world across the stream of the astral world and into physical, earthly existence. The seeking soul, however, strives ceaselessly to return to the land beyond the river; but the ferryman—Nature—cannot take it there. It is said: Even if it were to meet him on this side of the river, he would not take it across, for he is permitted to bring everyone over, but no one back. So says the serpent to the will-o’-the-wisps. Natural forces have brought human beings into the physical world through birth; if a person wishes to return to the higher worlds during their lifetime, they must do so themselves. There is a way back. The ego is capable of gathering knowledge. In occultism, knowledge is always symbolized by gold. Gold and wisdom—knowledge—correspond to one another. The gold of knowledge, that which is represented by the will-o’-the-wisps, is also possessed by the lower humanity, which becomes a will-o’-the-wisp if it does not find the right path. There is a lower wisdom that human beings acquire within the sensory world by observing the things and beings of this sensory world, forming ideas about them, and combining them through their thinking. But this is merely intellectual wisdom. The will-o’-the-wisps want to pay the ferryman with this gold, which they easily take in and just as easily cast aside. But the ferryman rejects it. Intellectual wisdom does not satisfy nature; only that gift can work in nature which is connected to the living forces of nature. Wisdom received prematurely causes the astral stream to foam; it does not accept it, it rejects it. The ferryman demands fruits of the earth as payment. The will-o’-the-wisps have never enjoyed these; they do not possess them. They have never strived to penetrate the depths of nature, yet they must still pay their tribute to nature. They must promise to satisfy the ferryman’s demand in due course. This demand consists of fruits of the earth: three heads of cabbage, three artichokes, and three large onions. What are these fruits of the earth? Goethe takes these fruits, which have shells that represent human husks.
[ 34 ] Der Mensch hat seine drei Hüllen, seine drei Körper: den physischen Körper, den ätherischen Körper und den astralischen Körper. Innerhalb dieser Hüllen lebt der Wesenskern des Menschen, sein Selbst. In diesen Körpern, die es wie Schalen umgeben, hat das Selbst zu sammeln die Früchte einer Inkarnation nach der anderen. Erdenfrüchte sind es, die es sammeln muß. Nicht bestehen diese Früchte aus Verstandeswissen. Der Fährmann verlangt diese drei schalenförmigen Körper als Abgabe an die Natur. Goethe hat diese Lehre in feiner Weise in sein Märchen hineingeheimnißt.
[ 34 ] Human beings have three sheaths, three bodies: the physical body, the etheric body, and the astral body. Within these sheaths lives the core of the human being, the Self. In these bodies, which surround it like shells, the Self must gather the fruits of one incarnation after another. It is the fruits of the earth that it must gather. These fruits do not consist of intellectual knowledge. The ferryman demands these three shell-like bodies as a tribute to nature. Goethe subtly incorporated this teaching into his fairy tale.
[ 35 ] Das Gold kommt zur Schlange. Das ist das Gold wirklicher Weisheit. Die Schlange ist immer das Symbol gewesen für das Selbst, das nicht in sich bleibt, sondern in Selbstlosigkeit das Göttliche in sich aufnehmen kann, sich hinopfern kann; das demütig, selbstlos Erdenweisheit sammelt, indem es in den «Klüften der Erde» umherkriecht, das hinaufsteigt zum Göttlichen, indem es nicht den Egoismus und die Eitelkeit entfaltet, sondern indem es sich selbst dem Göttlichen ähnlich zu machen sucht. Die Schlange in ihrem selbstlosen Streben nimmt das Gold der Weisheit auf, sie durchdringt sich ganz mit dem Gold und dadurch wird sie leuchtend von innen heraus. Sie wird leuchtend, wie das Selbst es wird, wenn es zu der Stufe der Inspiration sich emporgearbeitet hat, wo der Mensch innerlich leuchtend, lichtvoll geworden ist und Licht dem Licht entgegenströmt. Die Schlange bemerkt, daß sie durchsichtig und leuchtend geworden war. Lange schon hatte man ihr versichert, daß diese Erscheinung möglich sei. War sie vorher grün, so ist sie jetzt leuchtend. Die Schlange ist grün, weil sie in Sympathie ist mit den Wesen ringsumher, mit der ganzen Natur. Wo diese Sympathie lebt, da erscheint die Aura in hellgrüner Farbenschattierung. Grün ist die Farbe, in der die Aura des Menschen erscheint, wenn vorwiegend selbstloses, hingebungsvolles Streben in der Seele lebt. Jetzt, wo sie selbst von innen heraus leuchtend geworden ist, sieht die Schlange, vorher tastete sie nur in ihrem strebenden Bemühen. Alle Blätter scheinen von Smaragd, alle Blumen auf das herrlichste verklärt. Sie sieht alle Dinge in neuem, verklärtem Licht. So leuchtend smaragdfarbig erscheinen uns die Dinge, wenn uns der Geist aus ihnen entgegenströmt, wenn Licht dem Licht entgegenströmt.
[ 35 ] The gold comes to the serpent. This is the gold of true wisdom. The serpent has always been the symbol of the self that does not remain within itself, but which, through selflessness, can absorb the divine within itself and sacrifice itself; which humbly and selflessly gathers earthly wisdom by crawling through the “crevices of the earth,” which ascends to the Divine not by unfolding egoism and vanity, but by seeking to make itself like the Divine. In its selfless striving, the serpent absorbs the gold of wisdom; it permeates itself entirely with the gold, and thereby it becomes luminous from within. It becomes luminous, just as the Self does when it has worked its way up to the level of inspiration, where the human being has become inwardly luminous and radiant, and light flows toward light. The serpent notices that it has become transparent and luminous. For a long time, it had been assured that this phenomenon was possible. If it was green before, it is now luminous. The serpent is green because it is in harmony with the beings around it, with all of nature. Where this harmony lives, the aura appears in a light green hue. Green is the color in which the human aura appears when predominantly selfless, devoted striving lives in the soul. Now that it has become luminous from within, the snake sees; before, it had only groped in its striving effort. All leaves seem to be made of emerald, all flowers transfigured in the most magnificent way. She sees all things in a new, transfigured light. Things appear to us in such a radiant emerald hue when the spirit flows toward us from them, when light flows toward light.
[ 36 ] Jetzt, wo sie leuchtend geworden ist, wo sie die höhere göttliche Natur in sich aufgenommen hat, findet sie auch den Weg zu dem unterirdischen Tempel.
[ 36 ] Now that she has become radiant, now that she has absorbed the higher divine nature within herself, she also finds her way to the underground temple.
[ 37 ] Tief verborgen waren die Stätten, in denen in vergangenen Zeiten die Wahrheiten vorgetragen wurden, tief verborgen in den Höhlen und Klüften der Erde standen die Mysterientempel. Dort tritt Licht dem Licht entgegen.
[ 37 ] Deeply hidden were the places where truths were once proclaimed; deep within the caves and crevices of the earth stood the mystery temples. There, light meets light.
[ 38 ] Die Schlange war zwar bisher ohne Licht genötigt gewesen, durch diese Abgründe zu kriechen; aber sie konnte durch das Gefühl die Gegenstände wohl unterscheiden. Sie hatte durch das Gefühl Gegenstände wahrgenommen, welche die bildende Hand des Menschen verrieten, vor allem menschliche Figuren. Jetzt ist sie im Besitz von Licht, und Licht kommt ihr entgegen. Sie findet den Tempel und in ihm die vier Könige, und entgegen kommt ihr der Alte mit der Lampe. Der Mann mit der Lampe bedeutet die uralte Weisheit, die uralte Weisheit der Menschheit, die nur Licht ist und keinen Schatten wirft, die etwas enthält, was die moderne Naturwissenschaft nicht begreifen kann. Tiefsinnig sagt Goethe, daß die Lampe der Menschenseele nur leuchtet, wenn ihr ein anderes Licht, das die Seele in sich erzeugen muß, entgegengebracht wird. Es ist dieselbe Anschauung, die er in dem Spruch ausdrückt, den er seiner Farbenlehre vorangestellt hat und von dem er sagt, daß es die Worte eines alten Mystikers seien:
[ 38 ] Although the serpent had previously been forced to crawl through these abysses without light, it was able to distinguish objects by touch. Through touch, it had perceived objects that betrayed the creative hand of man, above all human figures. Now it is in possession of light, and light comes to meet it. It finds the temple and within it the four kings, and the old man with the lamp comes to meet it. The man with the lamp symbolizes ancient wisdom, the ancient wisdom of humanity, which is only light and casts no shadow, which contains something that modern science cannot comprehend. Goethe profoundly states that the lamp of the human soul shines only when it is met by another light, which the soul must generate within itself. It is the same view he expresses in the maxim he prefaced to his theory of colors, which he says are the words of an ancient mystic:
Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?
If the eye were not like the sun,
How could we see the light?
If God’s own power did not dwell within us,
How could the divine delight us?
[ 39 ] Da, als das Schlangenauge sonnenhaft geworden ist, als das Licht des Göttlichen in der Schlange entzündert ist, leuchtet ihr das Licht der uralten Weisheit der Welt entgegen.
[ 39 ] For when the serpent’s eye has become like the sun, when the light of the Divine has been kindled within the serpent, the light of the world’s ancient wisdom shines upon it.
[ 40 ] Das Feuer der Leidenschaft hat sich gewandelt zum Licht. Feuer, das draußen im Erdenreich sich gewandelt hat zum Weisheitslicht, kann entgegenleuchten dem Bringer der Weisheit, dem «Alten mit der Lampe».
[ 40 ] The fire of passion has been transformed into light. Fire that has been transformed into the light of wisdom out in the earthly realm can shine back upon the Bringer of Wisdom, the “Old Man with the Lamp.”
[ 41 ] Im weiteren Verlauf des Märchens werden uns die vier Könige vorgeführt.
[ 41 ] As the fairy tale unfolds, we are introduced to the four kings.
[ 42 ] Die vier Könige erschaut die Schlange mit Erstaunen und Ehrfurcht. Staunen und Ehrfurcht sind immer die Seelenkräfte, die den Menschen voran- und aufwärtsbringen. Sie schaut zuerst den goldenen König, und er beginnt zu reden: Wo kommst du her? — Aus den Klüften — antwortet die Schlange -, wo das Gold wohnt. — Was ist herrlicher als Gold? — fragt der König. Das Licht —, antwortet die Schlange. Was ist erquicklicher als Licht? — fragt jener. Das Gespräch —, antwortet die Schlange. Im Gespräch tritt die Weisheit in intimer Weise für den Menschen hervor, das ist erquicklicher als die große Offenbarung. — Denkt man nicht an die platonischen Gespräche, bei diesem Gespräch des Königs mit der Schlange! Da werden auch in wenigen Worten, wenigen Sätzen Weltengeheimnisse ausgesprochen. Goethe will darstellen: In dem, was sich im Tempel befindet und was sich da abspielt, handelt es sich um die höchsten Geheimnisse der Menschheitsentwickelung.
[ 42 ] The serpent gazes at the four kings with amazement and awe. Awe and reverence are always the powers of the soul that propel people forward and upward. It looks first at the golden king, and he begins to speak: “Where do you come from?” “From the chasms,” replies the serpent, “where gold dwells.” “What is more magnificent than gold?” asks the king. “Light,” replies the serpent. “What is more refreshing than light?” asks the king. “Conversation,” replies the serpent. In conversation, wisdom emerges in an intimate way for humanity; this is more refreshing than the great revelation. — Does this conversation between the king and the snake not bring to mind the Platonic dialogues? There, too, the secrets of the world are revealed in just a few words, a few sentences. Goethe wishes to portray: What is found within the temple and what takes place there concerns the highest mysteries of human development.
[ 43 ] Welche Alchimie ist es, durch die die Dinge so verwandelt werden? Es ist die Initiation. Selbst die moderne Evolutionslehre geht von der fortwährenden Verwandlung der Dinge aus. Der Tempel muß zunächst unterirdisch, das heißt, verschlossen sein den meisten Menschen; aber nun naht der Moment, wo er sich allen Menschen öffnen wird. Licht gewordenes Weisheitsgold will er von Mensch zu Mensch senden.
[ 43 ] What is the alchemy by which things are thus transformed? It is initiation. Even modern evolutionary theory is based on the continuous transformation of things. The temple must first be subterranean, that is, closed to most people; but now the moment is approaching when it will open to all people. It seeks to send the gold of wisdom, now transformed into light, from person to person.
[ 44 ] Wer ist der goldene König, und wer sind die anderen drei Könige, der silberne, der eherne und der gemischte König? — Der goldene König ist Manas, die Weisheit selber, die sich bisher nur im Mysterientempel höher entwickeln konnte. Das ist diejenige Seelenkraft, die der Mensch sich erringen kann durch gereinigtes, sinnlichkeitsfreies Denken. Der silberne König deutet auf ein noch höheres Element als die Weisheit: er ist die Liebe, das schöpferische Wort der Welten-Buddhi, der in Liebe erstrahlende Gott. Sein Reich wird das Reich des Scheins genannt; es ist damit gemeint, was das Christentum als Glorie bezeichnet (Gloria in excelsis). Es ist auf einen Zeitpunkt hingedeutet, der erst später erreichbar wird; dann wird Buddhi die Menschheit beherrschen. Der eherne König, den die Schlange zunächst noch nicht erschaut, der scheinbar wenig wertvoll ist, ist von gewaltiger Gestalt, mächtig anzuschauen. Er sieht eher einem Felsen gleich als einer Menschenform. Das ist der König, der die willensartige Seelenkraft, die im Menschen verborgen ruht, zum Ausdruck bringt. Er stellt dar Atma, das womit der strebende Mensch zuletzt begabt wird, was er zuletzt findet.
[ 44 ] Who is the Golden King, and who are the other three kings—the Silver King, the Bronze King, and the Mixed King? — The Golden King is Manas, Wisdom itself, which until now could only develop to a higher degree within the temple of the mysteries. This is the soul force that human beings can attain through purified, senseless thinking. The silver king points to an element even higher than wisdom: he is love, the creative word of the World-Buddhi, the God who shines in love. His realm is called the realm of appearance; this refers to what Christianity calls glory (Gloria in excelsis). It points to a time that will only be reached later; then Buddhi will rule over humanity. The bronze king, whom the serpent does not yet perceive at first, who appears to be of little value, is of a mighty stature, powerful to behold. He resembles a rock more than a human form. This is the king who expresses the will-like soul force that lies hidden within man. He represents Atma, that with which the striving human being is ultimately endowed, that which he ultimately finds.
[ 45 ] So hat Goethe in einem schönen Bilde die Begabung des Menschen mit den drei höchsten Tugenden dargestellt, die ihm dereinst verliehen werden. Ohne diese Reife erlangt zu haben, wurde in früheren Zeiten niemand zur Initiation zugelassen.
[ 45 ] Goethe thus used a beautiful metaphor to describe human potential in terms of the three highest virtues that will one day be bestowed upon us. In earlier times, no one was admitted to initiation without having attained this level of maturity.
[ 46 ] Dann ist noch ein vierter König da, schwerfällig von Gestalt; er besteht aus einem Gemisch von Gold, Silber und Erz, aber die Metalle schienen beim Guß nicht recht zusammengeschmolzen zu sein, es stimmt nichts überein mit dem anderen bei ihm. Das ist die Seele des unentwickelten Menschen, der noch kein Höherstreben entwickelt, in dem Denken, Fühlen und Wollen chaotisch durcheinanderwogen und dem «Bilde ein unangenehmes Ansehen geben». Die Denkkraft, die noch von den Sinneseindrücken getrübt ist, das Feuer der Seele, die nicht Liebe entfaltet, sondern in Begierden und Trieben lebt, der ungeordnete Wille des Menschen, das stellt dieser vierte König dar.
[ 46 ] Then there is a fourth king, of a clumsy appearance; he is made of a mixture of gold, silver, and bronze, but the metals do not seem to have melted together properly during casting, and nothing in him fits together with anything else. This is the soul of the undeveloped human being, who has not yet developed any higher aspirations, in whom thinking, feeling, and willing are chaotically jumbled together and “give the image an unpleasant appearance.” The power of thought, still clouded by sensory impressions; the fire of the soul, which does not unfold love but lives in desires and instincts; the disordered will of the human being—this is what the fourth king represents.
[ 47 ] Erinnern wir uns des Gesprächs der Könige mit dem Mann mit der Lampe. Der goldene König fragt den Alten: Wieviel Geheimnisse weißt du? — Drei —, versetzte der Alte. — Welches ist das wichtigste? — fragte der silberne König. Das offenbare —, versetzte der Alte. Willst du es auch uns eröffnen? — fragte der eherne. — Sobald ich das vierte weiß —, sagte der Alte. Ich weiß das vierte —, sagte die Schlange, näherte sich dem Alten und zischte ihm etwas ins Ohr. — Es ist an der Zeit! — rief der Alte mit gewaltiger Stimme.
[ 47 ] Let us recall the conversation between the kings and the man with the lamp. The golden king asks the old man: “How many secrets do you know?” “Three,” replied the old man. “Which is the most important?” asked the silver king. “The obvious one,” replied the old man. “Will you reveal it to us as well?” asked the bronze king. “As soon as I know the fourth,” said the old man. “I know the fourth,” said the snake, approaching the old man and hissing something in his ear. “The time has come!” cried the old man in a mighty voice.
[ 48 ] Drei Geheimnisse gibt es — das wichtigste ist das offenbare. Wenn das eröffnet wird, kann das vierte gewußt werden! Dies ist das wichtigste Wort des ganzen Märchens und zugleich der Schlüssel zu ihm - wie Goethe in einem Gespräch mit Schiller diesem sagte. Der Alte kennt drei Geheimnisse, das sind die Geheimnisse der drei Reiche der Natur. Die Naturreiche sind stationär geworden in ihrer Entwickelung. Der Mensch aber entwickelt sich fortwährend weiter. Er kann das, da der Geist, das Selbst in ihm lebt. Die drei Geheimnisse, die der Alte kennt, erklären die Gesetze des Mineralreiches, des Pflanzenreiches und des Tierreiches. Das Gesetz, das in der Menschenseele leben muß, wenn sie die Reife zur Initiation erreichen will, muß die Seele selbst, aus eigenen Kräften, finden. - Die Schlange hat es gefunden. Sie zischt es dem Alten ins Ohr. Was hat die Schlange dem Alten ins Ohr gesagt? Daß sie den Willen habe, sich aufzuopfern! - Das Opfer ist das Gesetz für die geistige Welt! - Den Weg zu den höheren Erkenntnissen kann nur der gehen, dem diese Erkenntnisse nicht Selbstzweck sind, der sie sucht im Dienst der Menschheit. Alle wahren Mystiker kennen diesen Seelenweg, sie alle haben durchgemacht dies Erlebnis des Hinopferns der Schlange. Sobald dies Wort: Ich will mich opfern! - im Tempel ertönt, sagt der Alte: Nun ist es an der Zeit!
[ 48 ] There are three secrets—the most important is the obvious one. When that is revealed, the fourth can be known! This is the most important line in the entire fairy tale and, at the same time, the key to it—as Goethe told Schiller in a conversation. The Old Man knows three secrets; these are the secrets of the three kingdoms of nature. The kingdoms of nature have become stationary in their development. Human beings, however, continue to develop. They are able to do so because the spirit, the Self, lives within them. The three secrets known to the Old Man explain the laws of the mineral kingdom, the plant kingdom, and the animal kingdom. The law that must live in the human soul if it is to attain the maturity for initiation must be found by the soul itself, through its own powers. — The serpent has found it. It hisses it into the Old Man’s ear. What did the serpent say to the Old Man? That it has the will to sacrifice itself! — Sacrifice is the law of the spiritual world! - Only those for whom these insights are not an end in themselves, but who seek them in the service of humanity, can walk the path to higher knowledge. All true mystics know this path of the soul; they have all undergone this experience of the serpent’s self-sacrifice. As soon as these words: “I will sacrifice myself!”—resound in the temple, the Old Man says: “Now is the time!”
[ 49 ] Auf die ferne Zukunft, wenn für die gesamte Menschheit die Reife erreicht sein wird, deuten die Worte des Alten: Es ist an der Zeit! - Dann ist es an der Zeit, daß der Tempel sich über den Fluß erhebt, daß die ganze Menschheit teilhaftig wird der Weisheit, teilnimmt an der Initiation, die sonst nur in den Tempeln, in den Klüften, wenigen zuteil wurde.
[ 49 ] The words of the Ancient One point to the distant future, when all of humanity will have reached maturity: The time has come! - Then it will be time for the temple to rise above the river, for all of humanity to partake of wisdom, to participate in the initiation that was otherwise granted only to a few in the temples and in the caves.
[ 50 ] Für denjenigen, der gleich mir sich seit zwanzig Jahren mit diesem Märchen befaßte, zeigen sich in ihm immer tiefere Weisheiten, immer wieder weisen die Linien auf einen noch tieferen Urgrund. Noch sind hier reiche Schätze zu heben; heben aber müssen wir sie. Wir müssen uns nur hüten, Goethe gegenüber uns etwas zu gestatten, was
[ 50 ] For those who, like me, have been studying this fairy tale for twenty years, ever deeper wisdom is revealed within it; time and again, the lines point to an even deeper source. There are still rich treasures to be unearthed here; but we must unearth them. We must only be careful not to allow ourselves to do to Goethe what
[ 51 ] Goethe selbst im «Faust» durch Mephisto so charakterisieren läßt:
[ 51 ] Goethe himself has Mephisto describe him in Faust as follows:
Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist herauszutreiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt, leider! nur das geistige Band!
Whoever wishes to perceive and describe something living,
Must first seek to drive out the spirit,
Then he holds the parts in his hand,
But, alas! the spiritual bond is missing!
[ 52 ] Dieses geistige Band lassen Sie uns in Goethes Schöpfungen suchen!
[ 52 ] Let us seek this spiritual bond in Goethe’s works!
