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The Rudolf Steiner Archive

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The Origin and Purpose of Humanity
Basic Concepts of Spiritual Science
GA 53

23 February 1905, Berlin

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The Origin and Purpose of Humanity, tr. SOL
  1. Die Offenbarungen des Karma, 8th ed.

17. Goethes geheime Offenbarung II

17. Goethe's Secret Revelation II

Das Märchen Von Der Grünen Schlange Und Der Schönen Lilie

The Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily

[ 1 ] Schon vor acht Tagen habe ich darauf hingewiesen, daß in Goethes Märchendichtung von der grünen Schlange und der schönen Lilie die Grundfrage zur Lösung kommen soll, wie der Mensch sich von seinem niederen Ich zum höheren Ich entwickelt, und daß dem Märchen zugrunde liegt ein großer Ausblick in die Zukunft.

[ 1 ] Eight days ago, I pointed out that Goethe’s fairy tale about the green snake and the beautiful lily is intended to resolve the fundamental question of how human beings develop from their lower self to their higher self, and that the fairy tale is based on a grand vision of the future.

[ 2 ] Wie kann der Mensch zum Tore kommen, das in das geistige Land führt? Das war ein Grundproblem für Goethe. In eindringlicher Weise faßt er dieses Problem und versucht in der verschiedensten Weise darzustellen, welches der Weg der Entwickelung der menschlichen Seelenkräfte ist.

[ 2 ] How can human beings reach the gate that leads to the spiritual realm? This was a fundamental question for Goethe. He addresses this issue with great intensity and attempts, in a variety of ways, to describe the path of development of the human soul’s powers.

[ 3 ] Von diesem großen Gesichtspunkte ausgehend, versucht er in allen Einzelheiten als Wissender und Kennender zu zeigen, welche inneren Wege der Mensch zu absolvieren hat.

[ 3 ] Starting from this broad perspective, he endeavors to show in detail, as one who knows and understands, the inner paths that human beings must traverse.

[ 4 ] Wir sind stehengeblieben im Augenblicke, wo der Alte mit der Lampe und die Schlange vor den Bildern der Könige, den Repräsentanten der höchsten Geisteskräfte, sich begegnen. Wir haben in dem Tempel ein Sinnbild zu erkennen für die großen Geheimschulen, die es immer gegeben hat und auch heute noch gibt. In diesen Tempel hinein werden die Menschen geführt und durch die Lehren und Anweisungen, die sie dort erhalten, werden sie, wenn sie dieselben wirklich auf sich anwenden, nach und nach so weit kommen, daß ihnen endlich die Initiation erteilt werden kann.

[ 4 ] We have paused at the moment when the old man with the lamp and the serpent meet before the images of the kings, the representatives of the highest spiritual powers. We can recognize in the temple a symbol of the great secret schools that have always existed and still exist today. People are led into this temple, and through the teachings and instructions they receive there, if they truly apply them to themselves, they will gradually progress to the point where they can finally be granted initiation.

[ 5 ] Wir haben gesehen, daß vor den Königen die Schlange dem Alten ein Wort ins Ohr zischt. Wir wissen, daß dies die Lösung des Rätsels, das wichtigste Wort ist, von dem Goethe und Schiller sagten: «Die Lösung steht in dem Märchen selbst.»

[ 5 ] We have seen that, before the kings appear, the serpent whispers a word into the old man’s ear. We know that this is the solution to the riddle, the most important word, about which Goethe and Schiller said: “The solution lies in the fairy tale itself.”

[ 6 ] Daß in diesem Wort die Lösung liegt, läßt uns das Verhalten des Alten erkennen. Denn sogleich als die Schlange das Wort gesprochen, erwidert der Alte das bedeutungsvolle Wort: «Es ist an der Zeit!»

[ 6 ] The old man’s reaction makes it clear that the solution lies in this word. For as soon as the serpent utters the word, the old man responds with the meaningful phrase: “The time has come!”

[ 7 ] Die Schlange weiß das vierte Geheimnis; darum sagt der Alte: «Es ist an der Zeit!» Und als später diese Worte der schönen Lilie hinterbracht werden, betrachtet sie sie als einen Lichtblick, als einen Hinweis auf ihre Erlösung.

[ 7 ] The serpent knows the fourth secret; that is why the Old Man says, “The time has come!” And when these words are later conveyed to the beautiful Lily, she sees them as a ray of hope, as a sign of her salvation.

[ 8 ] Der Alte kehrt nach Hause zurück; er trifft dort seine Frau bestürzt an. Sie erzählt ihm, daß zwei Irrlichter dagewesen, die sich in nicht angemessener Weise aufgeführt, das Gold von den Wänden abgeleckt, dann es von sich gestreut hätten. Der Mops habe vom Golde gefressen und sei daran gestorben. Dann habe die Alte noch versprechen müssen, die Schuld der Irrlichter an den Fluß abzutragen. Der Alte billigt dies, da sich die Irrlichter gelegentlich dankbar erweisen würden. Zunächst hat er die Aufgabe, im Hause wieder Ordnung zu schaffen; er tut dies, indem er seine Lampe leuchten läßt und so die Wände neu mit Gold bekleidet.

[ 8 ] The old man returns home, where he finds his wife in a state of distress. She tells him that two will-o’-the-wisps had been there, behaving in an inappropriate manner, licking the gold off the walls, and then scattering it about. The pug had eaten some of the gold and died as a result. Then the old woman had to promise to pay off the will-o’-the-wisps’ debt to the river. The old man agrees to this, since the will-o’-the-wisps occasionally show their gratitude. First, he must restore order to the house; he does this by letting his lamp shine, thereby covering the walls anew with gold.

[ 9 ] Es scheint hier ein Widerspruch vorzuliegen. Erst heißt es in dem Gespräch des Alten mit dem goldenen König: Warum kommst du, da wir Licht haben? — Der Alte antwortet: Ihr wißt, daß ich das Dunkle nicht erleuchten darf. — Der Mensch muß sich erst selbst ein inneres Licht erwerben, das er der uralten Weisheit entgegenbringt; dann erst kann sie ihm leuchten. — Dann aber, als der Alte nach Westen versunken ist und durch die Gänge der Erde mit seiner Lampe dahinwandelt, heißt es: Alle Gänge füllten sich hinter ihm sogleich mit Gold; denn seine Lampe hatte die wunderbare Eigenschaft, alle Steine in Gold, alles Holz in Silber, tote Tiere in Edelsteine zu verwandeln und alle Metalle zu zernichten. Diese Wirkung zu äußern, mußte sie aber ganz allein leuchten. Wenn ein ander Licht neben ihr war, wirkte sie nur einen schönen, hellen Schein, und alles Lebendige ward immer durch sie erquickt. — So kann man diesen Widerspruch verstehen, daß sie erst nur leuchtet, wenn ihr Licht entgegengebracht wird; dann aber, wenn kein anderes Licht da ist, leuchtet sie besonders und verwandelt alles, was um sie herum ist: die Steine werden zu Gold, der tote Mops wird zu einem Onyx. So ergibt sich eine sinngemäße Deutung.

[ 9 ] There seems to be a contradiction here. First, in the conversation between the Old Man and the Golden King, it is said: “Why do you come, since we have light?” — The Old Man replies: “You know that I must not illuminate the darkness.” — Man must first acquire an inner light of his own, which he brings to the ancient wisdom; only then can it shine upon him. — But then, when the Old Man has sunk toward the west and wanders through the passages of the earth with his lamp, it is said: All the passages behind him immediately filled with gold; for his lamp had the wondrous property of transforming all stones into gold, all wood into silver, dead animals into gemstones, and destroying all metals. To manifest this effect, however, it had to shine all by itself. If another light was beside it, it cast only a beautiful, bright glow, and all living things were always refreshed by it. — Thus one can understand this contradiction: that it first shines only when its light is met with another; but then, when no other light is present, it shines particularly brightly and transforms everything around it: stones become gold, the dead pug becomes an onyx. This yields a meaningful interpretation.

[ 10 ] Nun sagt der Alte zu seiner Frau: Geh zum Fährmann, bringe ihm die drei Früchte, und den toten Mops trage zu der schönen Lilie; wie sie Lebendes tötet, so wird sie durch ihre Berührung das Tote lebendig machen. - Die Frau macht sich auf den Weg. Der Korb mit dem toten Mops ist ganz leicht; er wird schwer, als sie die Früchte hinzufügt. Es ist dies ein bedeutsamer Zug.

[ 10 ] Now the old man says to his wife: Go to the ferryman, bring him the three fruits, and carry the dead pug to the beautiful lily; just as she kills the living, so will she bring the dead back to life through her touch. - The woman sets off. The basket with the dead pug is very light; it becomes heavy when she adds the fruits. This is a significant detail.

[ 11 ] Der Riese kommt ihr in den Weg; sein Schatten raubt je eine der Früchte und er verzehrt sie. Der Fährmann kann mit den übrigen Früchten nicht zufrieden sein; binnen vierundzwanzig Stunden muß er dem Fluß den Tribut abliefern. Die Alte verpflichtet sich dem Flusse und streckt die Hand hinein. Ihre Hand wird nun immer kleiner und schwarz und schließlich wird sie unsichtbar, während sie dem Gefühl nach da ist; wenn die Frau den Tribut bringt, wird sie die Hand wieder bekommen.

[ 11 ] The giant blocks her path; his shadow snatches one of the fruits at a time, and he devours them. The ferryman cannot be satisfied with the remaining fruits; within twenty-four hours, he must pay tribute to the river. The old woman pledges herself to the river and reaches her hand into it. Her hand now grows smaller and smaller and turns black, and finally becomes invisible, though she can still feel it is there; when the woman brings the tribute, she will get her hand back.

[ 12 ] Gerade als die Alte ankam, setzte der Fährmann einen Jüngling über, der wie gelähmt ist. Sie kommen endlich beide über die Brücke, die von der Schlange am Mittag gebildet wird, in das Reich der Lilie. Sie finden sie, umgeben von drei Dienerinnen, die Harfe spielend. Sie ist von wunderbarer Schönheit, aber traurig, denn der Vogel, an dessen Gesang sie sich erfreute, hat sich vor einem Habicht zu ihr geflüchtet und ist durch ihre Berührung getötet worden. Sie ist betrübt über diesen neuen Schrecken. Auch die Alte klagt ihr Leid, verkündet ihr aber zugleich die Botschaft ihres Mannes, es sei an der Zeit.

[ 12 ] Just as the old woman arrived, the ferryman ferried across a young man who seemed paralyzed. They finally both crossed the bridge formed by the snake at noon into the realm of the lily. They found her, surrounded by three maidservants, playing the harp. She is of wondrous beauty, but sad, for the bird whose song she enjoyed had fled to her from a hawk and was killed by her touch. She is grieved by this new horror. The old woman also laments her sorrow, but at the same time delivers her husband’s message: it is time.

[ 13 ] Unterdessen waren auch die Schlange und die Irrlichter angekommen. Die Schlange tröstet die schöne Lilie. Die Alte bitter um die fehlenden Früchte; doch in dem Reiche der Lilie wächst nichts, was Blüten und Früchte trägt, daher kann sie sie nicht bekommen.

[ 13 ] Meanwhile, the snake and the will-o'-the-wisps had also arrived. The snake comforts the beautiful lily. The old woman grieves bitterly over the missing fruit; but in the lily's realm, nothing that bears blossoms or fruit grows, so she cannot have any.

[ 14 ] Der Zeitpunkt zu etwas Wichtigem scheint nahegerückt; da sucht der Jüngling die Lilie zu umarmen und sinkt tot nieder. Die Schlange zieht einen magischen Kreis um den Körper, um ihn vor der Fäulnis zu schützen, die ihn sonst bei Untergang der Sonne treffen muß. Endlich, als die Sonne untergeht, kommt, von dem Habicht herbeigeführt, der ” Mann mit der Lampe sowie die Irrlichter, die die Alte herangerufen hat.

[ 14 ] The moment for something important seems to have drawn near; then the young man tries to embrace the lily and sinks down dead. The snake draws a magic circle around the body to protect it from the decay that would otherwise befall it at sunset. Finally, as the sun sets, the “man with the lamp” arrives, led by the hawk, along with the will-o’-the-wisps that the old woman has summoned.

[ 15 ] Jeder bereitet sich vor, das seinige zu tun, um die harmonische Lösung eintreten zu lassen. Die Irrlichter sollen den Tempel öffnen, können aber nicht selbst den Weg zum Tempel finden. Der tote Jüngling und der Körper des Vogels werden davongetragen, die Schlange breitet sich über den Fluß; als sie alle hinüber sind, erklärt sie sich bereit, sich zu opfern.

[ 15 ] Everyone prepares to do their part to bring about a harmonious resolution. The will-o'-the-wisps are to open the temple, but cannot find their way there on their own. The dead youth and the bird’s body are carried away; the serpent stretches across the river; once they have all crossed, it agrees to sacrifice itself.

[ 16 ] Durch das Opfer der Schlange werden alle Ereignisse verändert. Früher wirkte die uralte Weisheit in allen Religionen, die der Menschheit durch Initiierte gegeben wurden. Erquickung brachten die Religionen den Seelen, die sich lebendig ihnen anschlossen. Der Alte versinkt nach Westen; er geht in das Reich der Menschen. Die Schlange, der Intellekt, der nach Erleuchtung trachtet, versinkt nach Osten, denn aus dem Osten erstrahlt immer das geistige Licht der Sonne, das der Menschenseele Erkenntnis bringt.

[ 16 ] Through the sacrifice of the serpent, all events are transformed. In times past, ancient wisdom was active in all religions, which were bestowed upon humanity by the Initiates. The religions brought refreshment to the souls that joined them with living devotion. The Ancient One sinks toward the West; he enters the realm of humanity. The Serpent, the intellect that seeks enlightenment, sinks toward the East, for from the East always shines the spiritual light of the Sun, which brings knowledge to the human soul.

[ 17 ] Der Tempel schallte wider, die metallenen Bildsäulen klangen —, das ist ein Bild für den Zustand der Seele, die durch das Opfer die Gesetzmäßigkeit der geistigen Welt auf sich nimmt. Im Devachan tönt alles, spricht im Tönen sein Wesen aus. Goethe spricht im «Faust» im Prolog im Himmel — das ist das Devachan — von einer tönenden Sonne. «Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang.» Da meint Goethe die geistige Sonne, denn die physische Sonne tönt nicht.

[ 17 ] The temple resounded, the metal statues rang out—this is a metaphor for the state of the soul, which, through sacrifice, takes upon itself the laws of the spiritual world. In Devachan, everything resounds; its essence is expressed through sound. In the prologue to *Faust*, set in heaven—which is Devachan—Goethe speaks of a resounding sun. “The sun resounds in the old manner, singing in harmony with the spheres of brotherhood.” Here Goethe refers to the spiritual sun, for the physical sun does not resound.

[ 18 ] Solange der Intellekt nur nach Erleuchtung trachtet, solange er sich durch sein Streben mehr und mehr inneres Licht erwirbt - das kann man auch durch den immer lichter werdenden Verstand —, so lange muß der Alte mit seiner Lampe, wenn sie der Seele leuchten soll, ein Seelenlicht haben, in das er sein Licht hineinsenden kann. Durch das Sich-Opfern-Wollen der Seele tritt für sie die Erleuchtung ein und alles verwandelt sich nun. Alles wird nun in seinem geistigen Zustand geschaut, nicht mehr in seinem physischen. Hier werden Zustände beschrieben, die die Menschenseele in der Initiation durchmacht.

[ 18 ] As long as the intellect seeks only enlightenment, as long as it acquires more and more inner light through its striving—which can also be seen in the mind becoming ever brighter—the Old Man, with his lamp, must possess a light of the soul into which he can send his light if it is to illuminate the soul. Through the soul’s willingness to sacrifice itself, enlightenment comes to it, and everything is now transformed. Everything is now perceived in its spiritual state, no longer in its physical one. Here, states are described that the human soul undergoes during initiation.

[ 19 ] Der Jüngling wird durch das Opfer der Schlange belebt, doch fehlt ihm noch das Bewußtsein. Der Körper der Schlange zerfällt in schöne Edelsteine, die der Alte in den Fluß wirft. Aus ihnen entsteht eine schöne ständige Brücke zu dem anderen Ufer. So ist jetzt ein freier Übergang aus dem Reiche des Sinnlichen zu dem des Geistigen geschaffen.

[ 19 ] The young man is brought back to life by the snake’s sacrifice, but he is still unconscious. The snake’s body disintegrates into beautiful gemstones, which the old man throws into the river. From them arises a beautiful, permanent bridge to the other bank. Thus, a free passage from the realm of the sensual to that of the spiritual has now been created.

[ 20 ] Doch wir müssen erst hören, was geschieht innerhalb des Tempels. Das Tor wird geöffnet, wieder sagt der Alte: Es ist an der Zeit! - Der Tempel hebt sich über den Fluß, die Hütte des Fährmanns bildet einen schönen kleinen Tempel innerhalb des anderen, eine Art von Altar. Der Alte wird wieder zum Jüngling, auch der Fährmann und die Frau des Alten sind verjüngt. Die letztere schließt sich den drei Gefährtinnen der schönen Lilie an und bildet so die fünfte im Bunde. An dem Jüngling vollzieht sich im weiteren Verlauf des Märchens die Einweihung, die Initiation. Die drei Könige geben ihm, was sie zu geben haben. Der eherne König verleiht ihm das Schwert mit den Worten; Das Schwert zur Linken, die Rechte frei! - Der silberne König überreicht ihm das Szepter, indem er spricht: Weide die Schafe! — während der goldene König ihm den Eichenkranz auf das Haupt drückt und ihn mahnt: Erkenne das Höchste! — Mit Stärke, Schönheit und Erkenntnis wird er begabt.

[ 20 ] But first we must hear what is happening inside the temple. The gate opens, and the old man says again: “The time has come!”—The temple rises above the river; the ferryman’s hut forms a beautiful little temple within the larger one, a sort of altar. The old man becomes a young man again; the ferryman and the old man’s wife are also rejuvenated. The latter joins the three companions of the beautiful Lily, thus becoming the fifth in the group. As the fairy tale unfolds, the young man undergoes the initiation. The three kings give him what they have to give. The bronze king bestows upon him the sword, saying: “The sword in the left hand, the right hand free!” — The silver king hands him the scepter, saying: “Tend the sheep!” — while the golden king places the oak wreath upon his head and admonishes him: “Recognize the Highest!” — He is endowed with strength, beauty, and knowledge.

[ 21 ] Jetzt ist der Jüngling nicht nur lebendig, sondern auch geistbegabt. Vorher folgte er dem Alten mit der Lampe gleichsam mechanisch aus der Welt bis hinein in den Tempel, der noch unterirdisch ist. Dann steigt der Tempel aufwärts. Der Mann mit der Lampe leuchtet dem Jüngling; er bleibt immer an seiner Seite und führt ihn endlich vor die drei Könige, die ihm ihre Gaben reichen. Es heißt dann: «Sein Auge glänzte von unaussprechlichem Geist» —, da ist die Initiation vollzogen! Und jetzt darf sich der Jüngling mit der schönen Lilie vereinigen; er darf die Lilie in Liebe umfassen, ihre Ehe vollzieht sich.

[ 21 ] Now the young man is not only alive, but also spiritually gifted. Before, he had followed the old man with the lamp almost mechanically out of the world and into the temple, which is still underground. Then the temple rises upward. The man with the lamp illuminates the way for the young man; he remains constantly at his side and finally leads him before the three kings, who present him with their gifts. It is then said: “His eye shone with an indescribable spirit”—the initiation is complete! And now the young man may unite with the beautiful lily; he may embrace the lily in love, and their marriage is consummated.

[ 22 ] Der vierte König stürzt in sich selbst zusammen, nachdem die Irrlichter alles Gold aus ihm herausgeleckt haben. Der Riese kommt herzu; anfangs ist der Jüngling bestürzt, doch der Schatten richtet keinen Schaden mehr an. Der Riese wird zu einer Art von Obelisk; er dient als Sonnenuhr, bei der künstliche menschliche Figuren statt der Zahlen die Zeit angeben.

[ 22 ] The fourth king collapses in on himself after the will-o'-the-wisps have licked all the gold out of him. The giant approaches; at first the young man is dismayed, but the shadow no longer causes any harm. The giant becomes a sort of obelisk; it serves as a sundial, with artificial human figures indicating the time instead of numbers.

[ 23 ] Prächtig stehen Brücke und Tempel erbaut, das Volk strömt herzu, die Brücke wimmelt von Wanderern, und der Tempel ist der besuchteste auf Erden.

[ 23 ] The bridge and temple stand magnificent; people flock here; the bridge is teeming with travelers, and the temple is the most visited on earth.

[ 24 ] Das ist der Schluß des Märchens.

[ 24 ] That is the end of the fairy tale.

[ 25 ] Dieser Zeitpunkt ist kein Zeitpunkt der Gegenwart, auch nicht der Vergangenheit, er ist der einer fernen Zukunft der Menschheitsentwickelung, wo das Bewußtsein der jetzigen Menschheit, das ganz einseitig auf die Sinneswelt gerichtet ist, den Seelenweg durchgemacht haben wird, der im Märchen beschrieben istj wo der Mensch die Weisheit, die Initiation erlangt hat, die die Dinge nicht nur erfaßt, sondern auch beherrscht; der Zeitpunkt, wo die ganze Menschheit die Initiation wird erhalten können.

[ 25 ] This point in time is neither in the present nor in the past; but one in the distant future of human development, when the consciousness of present-day humanity—which is entirely one-sidedly directed toward the sensory world—will have undergone the soul’s journey described in fairy tales; when humanity will have attained the wisdom and initiation that not only comprehends but also masters things; the time when all of humanity will be able to receive this initiation.

[ 26 ] Was hat dies alles nun zu bedeuten? Der Alte mit der Lampe ist, wie schon ausgeführt, die uralte Weisheit, jene Weisheit, die durch Intuition wirkt, die die Macht hat, Gottes-, nicht Menschenkraft zu entwickeln, die Dinge zu beherrschen, alle Dinge zu verwandeln. Sie legt in die Naturkräfte das Gepräge des Geistigen hinein. Sie versteht, die Steine in Gold zu verwandeln, die Metalle zu vernichten. Das sind alles Eigenschaften, die zugeschrieben werden dem Lebenselixier des wahren Alchimisten. Ein tiefes Wissen ist damit angedeutet. Goethe faßt im ganzen Fortschreiten der Ereignisse, die im Märchen dargestellt werden, einen zukünftigen Zustand der Menschheit ins Auge und zeigt den Weg zu der Erlangung dieses Zustandes auf. Wenn wir betrachten — so will Goethe sagen —, was um uns herum geschieht, so sehen wir die Menschheitsentwickelung in einer fortwährenden Verwandlung begriffen; auch die Natur verwandelt sich fortwährend. Es ist Aufgabe des Menschen, die ganze physische Natur mit seinen Gedanken zu durchdringen.

[ 26 ] What does all this mean? The old man with the lamp is, as already explained, ancient wisdom—that wisdom which works through intuition, which has the power to develop divine, not human, strength, to master things, and to transform all things. It imprints the spiritual upon the forces of nature. It knows how to transform stones into gold and to dissolve metals. These are all qualities attributed to the elixir of life of the true alchemist. A profound knowledge is thus implied. Through the entire progression of events depicted in the fairy tale, Goethe envisions a future state of humanity and points the way to attaining this state. If we observe—so Goethe would say—what is happening around us, we see the development of humanity in a state of constant transformation; nature, too, is constantly transforming. It is humanity’s task to permeate the entire physical world with its thoughts.

[ 27 ] Der Mensch ist durch seinen Fortschritt in der Technik imstande, das Rohprodukt der Natur zu verwandeln in etwas, das der Kultur dient. In seiner Kunst haucht er dem unlebendigen Marmor seinen Geist ein. Der Mensch wandelt die Natur um in ein Kunstprodukt; er verwandelt alles, was die Natur ihm darbietet, in etwas, das sein Gepräge trägt. So wird heute die Natur von den Menschen verstandesgemäß vergeistigt. Der Mensch wird der Schöpfer einer höheren Natur.

[ 27 ] Through technological progress, humans are able to transform nature’s raw materials into something that serves civilization. In their art, they breathe their spirit into lifeless marble. Humanity transforms nature into a work of art; it transforms everything that nature offers it into something that bears its own imprint. Thus, today nature is spiritualized by humanity in accordance with reason. Humanity becomes the creator of a higher nature.

[ 28 ] Dies ist der Werdegang der Menschheit, diese Alchimie: nach und nach wird allem Unlebendigen der Menschengeist eingeprägt. Goethe sieht in großer Perspektive in eine Welt, wo alles in der Natur vom menschlichen Geist so durchsetzt, so umgewandelt sein wird, daß nichts vom Reiche der Natur vorhanden ist, sondern alles vom Menschengeist so umgewandelt sein wird, daß alles Unlebendige mit ihm durchsetzt ist.

[ 28 ] This is the course of human history, this alchemy: little by little, the human spirit is imprinted upon all that is inanimate. Goethe envisions, from a broad perspective, a world where everything in nature will be so permeated and transformed by the human spirit that nothing from the realm of nature will remain, but rather everything will be transformed by the human spirit to such an extent that all inanimate matter is permeated by it.

[ 29 ] Diese äußere Umwandlung des Unlebendigen wird im Märchen dargestellt durch das Licht, das von der Lampe des Alten ausströmt und die Steine, die Metalle verwandelt. Wenn dieses Licht sich aber einsenkt in die menschliche Seele, so hat es noch eine ganz andere Gewalt erlangt; nicht mehr über Totes, sondern auch über Lebendes wird es sein Reich ausdehnen. Der Mensch wird fähig werden, indem er die uralten Weisheiten in sich aufnimmt und sich innere Erkenntnisse verschafft, dann noch ganz andere Kräfte zu erreichen. Er wird in Zukunftszeiten nicht nur herrschen über Totes; er wird auch die Herrschaft erlangen über Lebendiges. Er wird auch das Lebendige durch seine geistige Alchimie verändern. Dieselbe Weisheit, die einst die Welt geschaffen, die uralte Weisheit der Welt wird er in sich aufnehmen und wird dadurch imstande sein, das was tot ist, in Lebendiges zu verwandeln.

[ 29 ] This external transformation of the inanimate is depicted in the fairy tale by the light that streams from the old man’s lamp and transforms the stones and metals. But when this light sinks into the human soul, it has attained a power of a completely different kind; it will extend its realm not only over the dead, but also over the living. By absorbing the ancient wisdom and gaining inner insight, the human being will become capable of attaining powers of a completely different kind. In times to come, he will not only rule over the dead; he will also attain dominion over the living. He will also transform the living through his spiritual alchemy. He will absorb within himself the very wisdom that once created the world—the ancient wisdom of the world—and will thereby be able to transform what is dead into the living.

[ 30 ] So wird das Pflanzliche, was verholzt und verdorrt ist, von der Weisheit auch verwandelt. Die absterbende Pflanzenwelt wird Silber, zur glanzvollen Erscheinung. Das Lebende, Empfindende, Tierische aber geht einen anderen Weg; seine niedere Natur wird geopfert, muß absterben, um zur Höhe aufzusteigen. Es vollzieht sich das, was wir bei Jakob Böhme, der diese Geheimnisse der Alchimisten wohl kannte, geschildert finden, wenn er sagt: «Der Tod ist die Wurzel alles Lebens» und:

[ 30 ] Thus, the plant world—which has become woody and withered—is also transformed by wisdom. The dying plant world becomes silver, taking on a radiant appearance. The living, sentient, animal realm, however, takes a different path; its lower nature is sacrificed, must die, in order to ascend to the heights. What is described by Jakob Böhme, who was well acquainted with these secrets of the alchemists, comes to pass when he says: “Death is the root of all life” and:

Wer nicht stirbt, eh’ er stirbt,
Der verdirbt, wenn er stirbt.

He who does not die before he dies,
Will perish when he dies.

[ 31 ] Und was Goethe selbst in die Worte faßt:

[ 31 ] And as Goethe himself puts it:

Und so lang du das nicht hast
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

And as long as you don’t have that
This: Die and Be Reborn!
You are but a gloomy guest
On this dark earth.

[ 32 ] Gerade dadurch vermag der Mensch die Fähigkeit zu erlangen, sein höheres Selbst in sich auszubilden, wenn er das Niedere in sich ertötet. Der Mensch ist nur fähig, der Gottheit sich zu nähern, wenn er seine niedere Natur überwunden hat.

[ 32 ] It is precisely through this process that a person can develop the ability to cultivate their higher self within themselves by slaying the lower self. A person is only capable of drawing closer to the Divine once they have overcome their lower nature.

[ 33 ] Nur der vorbereitete Mensch, der durch harte Prüfungen die innere Läuterung, die Katharsis durchgemacht hat, kann das Göttliche erfassen. Daher wird der Jüngling, der sich der Lilie nähert, ehe er vorbereitet und geläutert ist, getötet.

[ 33 ] Only the prepared individual, who has undergone inner purification—catharsis—through severe trials, can comprehend the Divine. Therefore, the youth who approaches the lily before he is prepared and purified is killed.

[ 34 ] Wer den Schleier der Isis lüftet, wer zu dem Götterbilde durch Schuld schreitet, muß daran zugrunde gehen. Erst nachdem er langsam sich vorbereitet, erst nachdem er sich bekanntgemacht mit allen Prüfungen, ist er imstande, die Weihe, die Initiation zu empfangen. Der Jüngling, wie er uns im Märchen zuerst entgegentritt, hat sein Inneres noch nicht gereinigt. Er wird, als er vordringen will mit einer solchen Seelenverfassung zum Reiche des Geistes, gelähmt, und später, als er mit Gewalt sich den Eintritt verschaffen will, getöter durch die Lilie. Im «Faust» finden wir, wie Faust wohl durch Magie vordringen kann in das geistige Reich, wo diejenigen sind, die nicht mehr im physischen Erdensein sind: Paris und Helena. Aber er wird durch Mephistopheles hingeführt, nicht durch eigene innere SeeJenarbeit, und er wird daher paralysiert, gelähmt. Nur der Mensch, der geläutert durch Leid und Schmerz, getragen durch ernstes Wollen und Streben vordringt, kann Eintritt finden, nachdem er wohl vorbereitet ist durch die «Lampe». Erst dann kann er hoffen, zur Initiation zu kommen.

[ 34 ] Whoever lifts the veil of Isis, whoever approaches the image of the gods through guilt, must perish. Only after he has slowly prepared himself, only after he has become acquainted with all the trials, is he able to receive the consecration, the initiation. The young man, as he first appears to us in the fairy tale, has not yet purified his inner self. When he attempts to enter the realm of the spirit with such a state of mind, he is paralyzed; and later, when he tries to force his way in, he is killed by the lily. In *Faust*, we see how Faust can indeed penetrate, through magic, into the spiritual realm where those who are no longer in physical earthly existence reside: Paris and Helen. But he is led there by Mephistopheles, not through his own inner spiritual work, and he is therefore paralyzed. Only the human being who, purified by suffering and pain, and sustained by earnest will and striving, advances, can gain entry after being well prepared by the “Lamp.” Only then can he hope to attain initiation.

[ 35 ] Der Alte mit der Lampe kommt zurück zur Hütte, Die Irrlichter sind inzwischen dagewesen. Er findet sein Weib in großer Betrübnis, denn die Irrlichter haben sich gegen sie unziemlich benommen und haben dann alles Gold, das die Wände seit uralten Zeiten bedeckte, heruntergeleckt. Sie haben sie im Mutwillen ihre Königin genannt, haben dann das von den Wänden geleckte Gold wieder abgeschüttelt. Der Mops hat davon gefressen, und nun liegt er tot da. Die Irrlichter sind die Repräsentanten der niederen, begierdevollen Persönlichkeit; sie nehmen alles Gold der Erkenntnis auf, wo immer sie es finden, aber in eitler, selbstgefälliger, eigennütziger Seelenhaltung. Sie können dadurch den tiefen Wert des Goldes auch nicht erkennen; sie achten es nicht und werfen es wieder von sich. Dem Fährmann streuen sie ihr abgeschütteltes Gold hin. Der Fährmann erschrickt vor diesem Gold, an dem die begierdevolle Persönlichkeit beteiligt ist. Er sagt: der Strom — die reine kosmische Astralität — kann das nicht brauchen; er schäumt wild auf davon. Die Schlange aber verwandelt das Gold; es dient ihr zu ihrem suchenden Streben. Sie fühlt, daß sie ihr Haupt zur Erde biegen muß, um von der Stelle zu kommen. Die Irrlichter haben durch das Gold wohl Ideen und Begriffe, aber diese sind Abstraktionen, sind starr; die Irrlichter selber sind unproduktiv. Die Schlange macht das Gold wertvoll; sie wird davon von innen heraus leuchtend. Sie macht das Gold fruchtbar; durch das Gold wird ihr Denken ein solches, durch das sie in das Wesen der Dinge eindringen kann. Bei den Irrlichtern führt es bloß zur Vertikallinie, zu der Seelenverfassung, die flackerhaft, ohne inneres Leben die Verwandtschaft mit dem, was unten ist, verliert.

[ 35 ] The old man with the lamp returns to the hut; the will-o’-the-wisps have been there in the meantime. He finds his wife in great distress, for the will-o’-the-wisps have behaved improperly toward her and have then licked off all the gold that had covered the walls since time immemorial. In their malice, they called her their queen, then shook off the gold they had licked from the walls. The pug ate some of it, and now lies there dead. The will-o’-the-wisps are the representatives of the base, covetous personality; they take up all the gold of knowledge wherever they find it, but with a vain, self-satisfied, self-serving attitude of mind. Consequently, they cannot recognize the deep value of the gold; they do not value it and cast it aside again. They scatter their shaken-off gold before the ferryman. The ferryman is startled by this gold, in which the covetous personality has a share. He says: the stream—pure cosmic astrality—has no use for this; it foams wildly away. The serpent, however, transforms the gold; it serves her in her questing striving. She feels that she must bow her head to the earth in order to move forward. The will-o’-the-wisps may have ideas and concepts through the gold, but these are abstractions, they are rigid; the will-o’-the-wisps themselves are unproductive. The serpent makes the gold valuable; it makes her glow from within. She makes the gold fruitful; through the gold, her thinking becomes such that she can penetrate into the essence of things. For the will-o’-the-wisps, it leads merely to the vertical line, to a state of soul that, flickering and devoid of inner life, loses its connection with what lies below.

[ 36 ] Das Tier, der Mops, kann keine Weisheit aufnehmen; er wird davon getötet. An ihm erprobt sich jetzt die Wirkung der Lampe. Solange er lebte, hatte die Lampe nicht die Fähigkeit, ihn hinaufzuführen zu Gott; nur durch das Abtöten der niederen Eigenschaften ist das möglich. Der Alte mit der Lampe kann das Unlebendige, den Mops, wohl verwandeln in einen schönen Onyx. Die Abwechslung der braunen und schwarzen Farbe des kostbaren Gesteins macht ihn zum seltenen Kunstwerk — aber beleben kann er ihn nicht. Die Weisheit allein kann nicht selbst Leben geben; dazu müssen noch andere Kräfte kommen. Der Mops kann nur Leben bekommen, wenn er durch den Tod hindurchgegangen ist. Tod bedeutet Abtötung alles dessen, was ungöttlicher Natur ist, aller niederen Begierden. So weist Goethe darauf hin, daß auch das Tier in einer Hinaufentwickelung begriffen ist, wenn auch nicht das einzelne Tier; die Tiergattung ist zur Vervollkommnung bestimmt.

[ 36 ] The animal, the pug, cannot absorb wisdom; it is killed by it. The lamp’s effect is now being tested on it. As long as it lived, the lamp did not have the ability to lead it up to God; this is possible only by eliminating its base qualities. The old man with the lamp can indeed transform the lifeless pug into a beautiful onyx. The alternation of brown and black in the precious stone makes it a rare work of art—but he cannot bring it to life. Wisdom alone cannot give life; other forces must be added to it. The pug can only receive life if it has passed through death. Death means the mortification of all that is of a non-divine nature, of all lower desires. Thus Goethe points out that even the animal is engaged in an upward development, even if not the individual animal; the animal species is destined for perfection.

[ 37 ] Er war Theosoph; so kennt er diese uralte Weisheit von dem Aufsteigen, von der Läuterung aller Wesen, die alle Religionen im Kerne enthalten. In allen Religionssystemen schimmert die uralte Weisheit der Welt durch; ihre Wahrheit leuchtet auf in allen Bekenntnissen der verschiedenen Völker der Erde. In dem Alten stellt Goethe diese Weisheit dar., Aber nicht das allein genügt, was nur die niederen Begierden und Leidenschaften niederhält. Eine noch höhere Weisheit muß kommen; die uralte Weisheit wird abgelöst werden von einer noch höheren Weisheit. Hingedeutet darauf wird in dem, was sich in der Behausung des Alten abspielt: «Das Feuer im Kamin war niedergebrannt, der Alte überzog die Kohlen mit viel Asche, schaffte die leuchtenden Goldstücke beiseite und nun leuchtete sein Lämpchen wieder allein in dem schönsten Glanze.»

[ 37 ] He was a Theosophist; thus he is familiar with this ancient wisdom of ascension and the purification of all beings, which lies at the heart of all religions. In all religious systems, the ancient wisdom of the world shines through; its truth gleams in all the creeds of the various peoples of the earth. Goethe portrays this wisdom in The Old Man. But that alone is not enough, for it merely restrains the lower desires and passions. An even higher wisdom must come; the ancient wisdom will be superseded by an even higher wisdom. This is hinted at in what takes place in the Old Man’s dwelling: “The fire in the hearth had burned down; the Old Man covered the coals with plenty of ash, set the glowing gold pieces aside, and now his little lamp shone again alone in the most beautiful radiance.”

[ 38 ] Die Geheimlehre, in der die urälte Weisheit verborgen ist, ist Gut der Menschheit seit vielen tausend Jahren. Strengste Geheimhaltung waltete darüber; nur dem, der vorbereitet war, durfte das Licht der Weisheit leuchten. Die Schlange, die sich opfert, stellt uns das höhere Selbst des Menschen dar, das zur Erkenntnis kommt. Die Lampe darf das Dunkle nicht beleuchten; die Weisheit des Lehrers darf nicht an den herandringen, der sie nur entgegennehmen will, sondern an den, der ihr inneres Leben entgegenbringt. Aber dies bezieht sich nur auf die höchste Erleuchtung. Die großen Lehrer der Menschheit, die großen Initiierten sind immer tätig. Das Wirken der uralten Weisheit findet immer statt, findet auch statt, wenn kein anderes Licht leuchtet, wenn es nicht gestört wird. So finden wir in diesem scheinbaren Widerspruch tiefe Bedeutung. Alles was geschehen ist im Ablauf der Menschheitsentwickelung, ist geschehen durch das Walten der uralten Weisheit. Hinter allem, was von Kultur zu Kultur durch Menschen geschehen ist, stehen die Verwalter dieser uralten Weisheit, die Initiierten; sie lenken die Geschicke und Geschehnisse, die sich abspielen auf dem äußeren Plan der Weltgeschichte.

[ 38 ] The Esoteric Teaching, in which ancient wisdom is hidden, has been a treasure of humanity for many thousands of years. It was shrouded in the strictest secrecy; only those who were prepared were allowed to see the light of wisdom. The serpent that sacrifices itself represents the higher self of man, which comes to knowledge. The lamp must not illuminate the darkness; the wisdom of the teacher must not reach out to the one who merely wishes to receive it, but to the one who offers his inner life in return. But this applies only to the highest enlightenment. The great teachers of humanity, the great Initiates, are always at work. The workings of ancient wisdom are always taking place, even when no other light shines, provided they are not disturbed. Thus we find deep meaning in this apparent contradiction. Everything that has occurred in the course of human development has come about through the working of ancient wisdom. Behind everything that has been accomplished by human beings from culture to culture stand the custodians of this ancient wisdom, the Initiates; they guide the destinies and events that unfold on the outer plane of world history.

[ 39 ] Wir betrachten nun die Frau des Alten; da tritt uns eine weibliche Figur entgegen. Die verschiedenen Seelenzustände des Menschen werden in der Mystik durch verschiedene weibliche Gestalten dargestellt. Die Alte ist der Seelenzustand der gegenwärtigen, im sinnlichen Leben verharrenden Menschheit. Es ist damit nicht etwas niedriges bezeichnet; es ist der allgemeine Zustand der Menschen. Sie ist vermählt mit dem Alten mit der Lampe. Die Menschheit ist vermählt mit der uralten Weisheit. Die uralte Weisheit wirkt auch in der heutigen Menschheit; ohne sie könnte die Menschheit nicht fortbestehen. Diese uralte Weisheit hat sich von jeher verbunden mit der sinnlichkeitsbegabten Menschheit.

[ 39 ] We now turn our attention to the Old Man’s wife; a female figure appears before us. In mysticism, the various states of the human soul are represented by different female figures. The Old Woman represents the state of the soul of present-day humanity, which remains entrenched in sensual life. This does not imply anything base; it is the general condition of humanity. She is wedded to the old man with the lamp. Humanity is wedded to ancient wisdom. Ancient wisdom is also at work in humanity today; without it, humanity could not survive. This ancient wisdom has always been united with humanity, endowed as it is with sensuality.

[ 40 ] Die Frau geht zum Fährmann, der die Naturkräfte repräsentiert. Sie muß die Schuld der Irrlichter abtragen. Die gegenwärtige Menschheit hat eine Schuld der Natur gegenüber. Das niedere Selbst, der Mensch, der sich nur mit dem Körper begabt empfindet, muß seinen Tribut an die übrige Natur, die auch zu ihm gehört, wenn er sie auch nicht als zu ihm gehörig empfindet, abgeben. Das flackerhafte Seelenleben der Irrlichter erkennt das nicht an; sie können nicht zu solchen Begriffen vordringen. Aber trotzdem wirkt das Gesetz; «sie fühlen sich auf unbegreifliche Weise an den Boden gefesselt, es war die unangenehmste Empfindung, die sie jemals gehabt hatten». Die Irrlichter stellen, wie schon erwähnt, die niedere Erkenntnis dar. Der Mensch, der mit Sinnlichkeit begabt ist, ist dies nur dadurch geworden, daß er durch die ganze Natur hindurchgegangen ist. Das wird im Bilde des Flusses dargestellt.

[ 40 ] The woman goes to the ferryman, who represents the forces of nature. She must atone for the guilt of the will-o'-the-wisps. Present-day humanity is in debt to nature. The lower self—the human being who feels endowed only with a body—must pay its tribute to the rest of nature, which also belongs to it, even if it does not perceive it as such. The flickering soul life of the will-o’-the-wisps does not recognize this; they cannot grasp such concepts. But the law takes effect nonetheless; “they feel, in an incomprehensible way, bound to the ground; it was the most unpleasant sensation they had ever experienced.” As already mentioned, the will-o’-the-wisps represent lower consciousness. The human being endowed with sensuality has become so only by passing through the whole of nature. This is depicted in the image of the river.

[ 41 ] Der Fluß, der dahinfließende Strom der Leidenschaften, muß die Abzahlung erhalten durch «Erdenfrüchte». Die drei schalenförmigen Früchte sind die einzelnen Hüllen, die den wahren Menschen, das eigentliche Selbst, umschließen. Das Selbst entstammt dem Reiche, das jenseits des Flusses liegt. Um im Reiche des Astralen zu landen, muß der Fluß überschritten werden; ihm sind die schaligen Früchte zu entrichten. Die Alte — die gesunde, verständige menschliche Seelenkraft — kann wohl dem Vertreter der unbewußt im Menschen wirkenden Seelenkräfte, dem Fährmann, den schuldig gebliebenen Sold bringen, aber nicht den ganzen; dazu reicht das heutige allgemeine Bewußtsein nicht aus. Darum, wie die Alte den Sold schuldig bleibt, verschwindet das sinnlich Erschaubare. Es kann erst durch Eindringen in das Geistige wieder zu neuem Leben erscheinen.

[ 41 ] The river, the flowing stream of passions, must be paid for with “earthly fruits.” The three shell-like fruits are the individual sheaths that enclose the true human being, the actual Self. The Self originates from the realm that lies beyond the river. To reach the astral realm, the river must be crossed; the shelled fruits must be paid to it. The Old Woman—the healthy, discerning human soul force—can indeed bring the ferryman, the representative of the soul forces acting unconsciously within the human being, the wages that remain owed, but not the full amount; today’s general consciousness is not sufficient for that. Therefore, just as the Old Woman remains in debt for the fare, the sensibly perceptible disappears. It can only reappear to new life through penetration into the spiritual.

[ 42 ] Der Riese hat es der Alten unmöglich gemacht, die Schuld an den Fährmann abzutragen; er hat einen Teil ihrer Früchte, die sie an den Fluß tragen wollte, geraubt und verzehrt. Vorher hat die Schlange zu den Irrlichtern gesagt, als sie zu wissen verlangten, wie sie in das Reich der schönen Lilie gelangen können: «Der Riese vermag mit seinem Körper nichts; seine Hände heben keinen Strohhalm, seine Schultern würden kein Reisbündel tragen; aber sein Schatten vermag viel, ja alles. Deswegen ist er beim Aufgang und Untergang der Sonne am mächtigsten, und so darf man sich abends nur auf den Nacken seines Schattens setzen; der Riese geht alsdann sachte gegen das Ufer zu und der Schatten bringt den Wanderer über das Wasser hinüber.»

[ 42 ] The giant made it impossible for the old woman to pay off her debt to the ferryman; he stole and ate some of the fruit she was carrying to the river. Earlier, the snake had said to the will-o’-the-wisps, when they asked how they might reach the realm of the beautiful lily: “The giant can do nothing with his body; his hands cannot lift a blade of straw, his shoulders could not carry a bundle of rice; but his shadow can do much, indeed everything. That is why he is most powerful at sunrise and sunset, and so in the evening one need only sit on the nape of his shadow; the giant then walks gently toward the shore, and the shadow carries the traveler across the water.”

[ 43 ] Den Weg über die Schlange, die sich bei hellem Mittag als Brücke über den Fluß legen will, lehnen die Irrlichter ab. — Der Riese, was ist er? Über die Schlange gelangt die Seele hinein in die geistige Welt, die hingebungsvoll durch Entwickelung der eigenen Seelenkräfte, bei hellem, lichtem Tagesbewußtsein über die Schwelle zu treten vermag. Es gibt aber noch einen anderen Weg, da wo dies helle, lichte Tagesbewußtsein herabgedämmert ist, in somnambulen Zuständen. Da ist der Mensch kraftlos, ohne eigenes Bewußtsein. Da wirken niedere Kräfte im Menschen; die Seele selbst ist ohne eigene Kräfte, ist ohnmächtig. Aber trotzdem kann der Mensch auch so einiges aus der geistigen Welt erleben, wenn es auch irrtumsvoll ist.

[ 43 ] The will-o'-the-wisps reject the path across the serpent, which seeks to form a bridge over the river in broad daylight. — What is the giant? Through the serpent, the soul enters the spiritual world, which it is able to cross the threshold of devotedly through the development of its own soul forces, in broad, clear daylight consciousness. But there is another path, where this bright, clear daytime consciousness has dimmed, in somnambulistic states. There the human being is powerless, without their own consciousness. There, lower forces are at work within the human being; the soul itself is without its own powers, is powerless. But despite this, the human being can still experience certain things from the spiritual world, even if they are erroneous.

[ 44 ] Im Reich der schönen Lilie herrscht Trauer. Die Lilie ist tief unglücklich; zu ihren Füßen liegt ihre letzte Freude, der Kanarienvogel, tot, der sonst die Lieder der Lilie begleitete. Die Lilie trauert; denn das, was ihr der Vogel war, die Erinnerung an das Sinnliche, ist tot. Geistiges und sinnliches Reich gehören aber zusammen; Harmonie ist nur da, wo beide sich durchdringen. Eine neue Harmonisierung zwischen den beiden Reichen soll aber eintreten; darum muß das, was die Erinnerung an das Sinnliche ist, den Durchgang durch den Tod durchmachen, um dann neu zu «werden».

[ 44 ] Mourning reigns in the realm of the beautiful lily. The lily is deeply unhappy; at her feet lies her last joy, the canary, dead, which used to accompany the lily’s songs. The lily mourns; for what the bird was to her—the memory of the sensual—is dead. Yet the spiritual and sensual realms belong together; harmony exists only where the two interpenetrate. A new harmonization between the two realms is to come about; therefore, that which is the memory of the sensual must pass through death in order to “become” anew.

[ 45 ] In den Begleiterinnen der Lilie treten uns wieder drei Wesen entgegen. Wir werden nächstes Mal mehr darüber hören. Sie ergänzen sich mit der Lilie. Die Alte repräsentiert den gegenwärtigen Bewußtseinszustand, die Verstandesseele des Menschen, die Lilie das höhere Bewußtsein, das der Mensch erreicht, wenn er sich wie die Schlange aufopfert. Die Alte ist das helle Tagesbewußtsein, die Lilie das hellseherische Bewußtsein, das dem Menschen werden soll. Bevor die Menschheit das gegenwärtige Bewußtsein erreichte, gingen drei frühere Bewußtseinszustände voran, die in den drei Begleiterinnen dargestellt sind. Es sind Zustände, wie sie heute in Trance, in gewissen Atavismen manchmal noch auftreten, traumhafte, dumpfe, aber weitumfassende Bewußtseinszustände. Der Mensch hat, ehe er sein heutiges waches Tagesbewußtsein bekam, andere seelische Bewußtseinsstufen durchgemacht, in denen ihm durch Natursein der Einklang zwischen Sinnessein und Geistessein geschenkt war. — Die drei Begleiterinnen schlafen, während die Umwandlung vor sich geht; sie leben hinüber in den neuen Zustand, ohne die Umwandlung zu merken. Ihnen ist das schon durch Natur geschenkt, was die anderen Seelenkräfte sich erst erwerben müssen.

[ 45 ] In the companions of the lily, we once again encounter three beings. We will hear more about them next time. They complement the Lily. The Old Woman represents the present state of consciousness, the intellectual soul of the human being; the Lily represents the higher consciousness that the human being attains when he sacrifices himself like the serpent. The Old Woman is the clear waking consciousness; the Lily is the clairvoyant consciousness that humanity is to attain. Before humanity reached its present state of consciousness, three earlier states of consciousness preceded it, which are represented by the three companions. These are states such as those that still occur today in trance or in certain atavisms—dreamlike, dull, yet far-reaching states of consciousness. Before humans attained their present waking daytime consciousness, they passed through other spiritual stages of consciousness in which, by virtue of their natural being, they were gifted with harmony between sensory existence and spiritual existence. — The three companions sleep while the transformation takes place; they pass over into the new state without noticing the transformation. What the other soul forces must first acquire has already been bestowed upon them by nature.

[ 46 ] Beim Aufsteigen des Tempels wird die Lilie auch die Alte mit sich bringen. Alle fünf Bewußtseinszustände, die vorhergegangenen und den noch zu erreichenden, wird dann der Mensch in sich vereinigen. Das höchste Bewußtsein, das dem Menschen zunächst zuteil werden kann, erlangt der Jüngling in der letzten Szene.

[ 46 ] As the temple rises, the lily will also bring the Elder with it. Man will then unite within himself all five states of consciousness—those that have gone before and those yet to be attained. The highest consciousness that can initially be bestowed upon man is attained by the young man in the final scene.

[ 47 ] Der Habicht hat den Kanarienvogel getötet. Nicht mehr im Rückschauen, in der Erinnerung an alte Menschheitsgüter soll die Harmonisierung zwischen Sinnlichem und Geistigem gesucht werden, sondern im Hinschauen auf das Zukünftige. Der Habicht ist der Verkünder der Zukunft, das Prophetische. Er fängt die letzten Strahlen der untergehenden Sonne mit der purpurroten Brust auf. Das Zeichen führt den Alten mit der Lampe her, der die Verwandlung bewirkt und durch den alle zum Tempel der Initiation geführt werden. Der Habicht schwebt über diesem Tempel und wirft das Licht der neu aufgehenden Sonne hinein in den Tempel, so daß er von einem himmlischen Glanz erleuchtet ist. So verbindet der Habicht einen untergehenden Weltentag mit einem neu aufgehenden Weltentag. Der Habicht ist dasjenige in der menschlichen Seele, das ahnend vorausspürt, was in der Zukunft Wirklichkeit werden soll.

[ 47 ] The hawk has killed the canary. The harmony between the sensual and the spiritual is no longer to be sought by looking back, in the memory of humanity’s past treasures, but by looking toward the future. The hawk is the herald of the future, the prophetic. It catches the last rays of the setting sun with its crimson breast. The sign leads the Elder with the lamp, who brings about the transformation and through whom all are led to the temple of initiation. The hawk hovers above this temple and casts the light of the newly rising sun into the temple, so that it is illuminated by a heavenly radiance. Thus the hawk connects a setting world-day with a newly rising world-day. The hawk is that part of the human soul which intuitively senses what is to become reality in the future.

[ 48 ] In dem Tempel vollzieht sich die Initiation. Da wird dargestellt, wie der Jüngling mit den drei Kräften: Manas, Buddhi und Atma begabt wird. Warum Goethe diese drei Kräfte gerade durch die drei Könige darstellt, werden wir das nächste Mal sehen.

[ 48 ] The initiation takes place in the temple. There, the young man is shown being endowed with the three powers: Manas, Buddhi, and Atma. Next time, we will see why Goethe chose to represent these three powers specifically through the three kings.

[ 49 ] In den Klüften der Erde war früher der Tempel. Man mußte sich früher einer Geheimschule, die tief verborgen vor der äußeren Welt ihre Wirksamkeit entfaltete, anschließen, um zu den höheren Geheimnissen zu kommen. Doch kommt die Zeit, wo der Tempel der Geheimschulung nicht mehr in verborgenen Tiefen ruht, sondern emporsteigen wird, offen und frei vor aller Welt daliegt, allen Menschen zugänglich. Wann wird diese Zeit eintreten?

[ 49 ] The temple once stood in the depths of the earth. In the past, one had to join a secret school, which operated deep in hiding from the outside world, in order to attain the higher mysteries. But the time is coming when the temple of secret training will no longer rest in hidden depths, but will rise up, lying open and free before the whole world, accessible to all people. When will this time come?

[ 50 ] Denken wir an das Rätselwort, das die Schlange dem Alten im unterirdischen Tempel ins Ohr raunt; die Lösung dieses Rätselwortes ist unserer Zeit vorbehalten. Was hat sie ihm gesagt auf die Frage, was sie beschlossen habe? Ich will mich aufopfern, ehe ich aufgeopfert werde.

[ 50 ] Let us recall the riddle the serpent whispers into the old man’s ear in the underground temple; the solution to this riddle is reserved for our time. What did she say to him when he asked what she had decided? “I will sacrifice myself before I am sacrificed.”

[ 51 ] Es kommt die Zeit für die Menschheit, wo der Mensch wirklich bereit sein wird, sich zu opfern, einzugehen in die ganze Natur, sich in den Elementen der ganzen Natur wirksam zu fühlen, nicht in seinem engen Eigensein; wo er bereit sein wird, sein Selbst als egoistisches Einzelselbst aufzugeben und einzugehen in das Allselbst, sich als Teil des Allselbst zu wissen. — Dann ist das Ziel des Menschen erreicht, die Pforte höherer Erkenntnis schließt sich ihm auf, so wie er alles dahingibt, was ihn abschließt von der übrigen Welt. Dann kann die wahre Initiation für die Menschheit stattfinden.

[ 51 ] The time is coming for humanity when people will truly be ready to sacrifice themselves, to merge with all of nature, to feel active within the elements of all nature, rather than within their narrow individual selves; when they will be ready to give up their self as an egoistic individual self and merge into the Universal Self, knowing themselves to be part of the Universal Self. — Then humanity’s goal will be achieved, the gate to higher knowledge will open to them, just as they surrender everything that separates them from the rest of the world. Then true initiation can take place for humanity.

[ 52 ] Diese Zeit ist diejenige, in der «Drei sind, die da herrschen auf Erden: die Weisheit, der Schein und die Gewalt». — So sagt der Alte mit der Lampe, der diesen Zustand herbeiführt. Nun wird die Initiation geschildert: «Bei dem ersten Worte stand der goldne König auf, bei dem zweiten der silberne, und bei dem dritten hatte sich der eherne langsam emporgehoben, als der zusammengesetzte König sich plötzlich ungeschickt niedersetzte.» Die drei ersten Könige, der goldene, der silberne und der eherne sind die drei höchsten Kräfte des Menschen in ihrer Reinheit. — In diesen drei Formen erlebt der Mensch das Göttliche in sich selbst. Erst dann, wenn der Mensch in voller Reinheit und Lauterkeit die Kräfte in sich und in ihren Ursprungswelten überschauen kann, ist er reif zur Initiation. Das sind die reinen, göttlichen Kräfte, die sich im Menschen als menschliches Denken, menschliches Fühlen und menschliches Wollen erleben. Die Reinigung dieser Kräfte vom Persönlichen, Niederen stellt der Verlauf des Märchens dar.

[ 52 ] This is the time when “there are three who rule the earth: Wisdom, Appearance, and Power.” — So says the Old Man with the Lamp, who brings about this state of affairs. Now the initiation is described: “At the first word, the golden king rose; at the second, the silver one; and at the third, the bronze one had slowly risen when the composite king suddenly sat down awkwardly.” The first three kings—the golden, the silver, and the bronze—are the three highest powers of the human being in their purity. — In these three forms, the human being experiences the divine within himself. Only when a person can survey the forces within themselves and in their worlds of origin with complete purity and sincerity are they ready for initiation. These are the pure, divine forces that are experienced within the human being as human thinking, human feeling, and human willing. The process of purifying these forces from the personal and the lower is depicted in the course of the fairy tale.

[ 53 ] Heute lebt das alles noch chaotisch im Menschen. Solange der Mensch noch unentwickelt ist, herrscht ein Chaos im Zusammenwirken dieser Kräfte. Der vierte König ist also ein Repräsentant der jetzigen Menschheit; aber er sinkt in sich selbst zusammen, das heißt, dieser Zustand der Menschheit wird abgelöst werden von dem neuen Zustand, den die Initiation des Jünglings darstellt. Es wird alles verwandelt werden. Dann wird das geschehen, was der Habicht prophetisch vorherverkündet, indem er die Strahlen der Sonne, die dem neuen Weltentag scheinen wird, auffängt: «Der König, die Königin und ihre Begleiter erschienen in dem dämmernden Gewölbe des Tempels von einem himmlischen Glanze erleuchtet»; es wird herrschen der Friede, die Harmonie, die das Ruhen im Allbewußtsein der Menschheit bringen wird.

[ 53 ] Today, all of this still exists in a chaotic state within human beings. As long as human beings remain undeveloped, chaos reigns in the interplay of these forces. The fourth king is thus a representative of present-day humanity; but he collapses into himself, that is to say, this state of humanity will be replaced by the new state represented by the young man’s initiation. Everything will be transformed. Then what the hawk prophetically foretells will come to pass, as he catches the rays of the sun that will shine upon the new world day: “The king, the queen, and their attendants appeared in the twilight vault of the temple, illuminated by a heavenly radiance”; peace and harmony will reign, bringing rest to the universal consciousness of humanity.

[ 54 ] Der Repräsentant der Menschheit, der Jüngling, wird im Tempel begabt mit diesem neuen Bewußtsein der Menschheit. Er wird mit einem neuen Leben begabt; vorher war er wie mechanisch gelenkt von anderen Kräften, nicht von seinen eigenen. Nun er diese neuen Kräfte errungen hat, kann er sich mit der schönen Lilie, dem hellsichtigen Bewußtsein, vermählen und es kann das Diesseits und Jenseits verbunden werden durch die sich aufopfernde Schlange, die das Fundament bildet für die Brücke, auf der alle Menschen hin und her wandern können.

[ 54 ] The representative of humanity, the young man, is endowed with this new consciousness of humanity in the temple. He is endowed with a new life; before, he was as if mechanically guided by other forces, not by his own. Now that he has attained these new powers, he can wed the beautiful lily, the clairvoyant consciousness, and the here and hereafter can be united through the self-sacrificing serpent, which forms the foundation for the bridge upon which all people can wander back and forth.

[ 55 ] Der Jüngling empfängt die Kraft dazu von den drei Königen. Er wird von dem Alten zuerst zu dem dritten, dem ehernen König geführt. Er erhält von ihm das Schwert in eherner Scheide, das ist das Symbolum für die höchste Kraft des Menschen: Atma. «Das Schwert an der Linken, die Rechte frei!» ruft der König. In der Linken soll das, was des Menschen Stärke ausmacht, sein, da wo es nicht dient zum Streiten, sondern nur zur Abwehr. Die Rechte soll frei sein zur Arbeit, zu allem Dienst an der Menschheit. — Vom silbernen König wird der Jüngling begabt mit dem, was die Buddhi dem Menschen geben kann: Weisheit im Zusammenklang mit der Empfindung ist die wahre Menschenliebe. Mit dieser Liebe soll der Jüngling unter den Menschen leben und die Schafe weiden. - Der goldene König drückt dem Jüngling den Eichenkranz aufs Haupt und spricht: «Erkenne das Höchste!» Die Erkenntnis in ihrer vollkommensten Art, Manas, empfängt der Jüngling durch den goldenen König. Nun kann die Ehe mit der schönen Lilie geschlossen werden, und der Bund steht unter dem Zeichen der Liebe: «Die Liebe herrscht nicht, aber sie bildet, und das ist mehr.»

[ 55 ] The young man receives the power to do so from the three kings. The old man first leads him to the third, the bronze king. From him, he receives the sword in a bronze sheath, which is the symbol of man’s highest power: Atma. “The sword in the left hand, the right hand free!” cries the king. In the left hand shall be that which constitutes man’s strength, where it serves not for strife, but only for defense. The right hand is to be free for work, for all service to humanity. — From the Silver King, the youth is gifted with what the Buddhi can give to man: wisdom in harmony with feeling is true love of humanity. With this love, the youth is to live among people and tend the flock. - The Golden King places the oak wreath upon the youth’s head and says: “Know the Highest!” The youth receives knowledge in its most perfect form, Manas, through the Golden King. Now the marriage to the beautiful Lily may be concluded, and the union stands under the sign of love: “Love does not rule, but it shapes, and that is more.”

[ 56 ] Die unterbewußt wirkenden Seelenkräfte — der Riese — haben ihre zerstörende Kraft verloren; der Riese schadet zum letztenmal, als er über die Brücke zum Tempel taumelt. Er wird festgehalten am Boden und ist nur noch ein Zeiger für einen abgelaufenen Menschheitszyklus, eine kolossale Bildsäule, die wie eine Sonnenuhr den Lauf der Stunden und Tage und Menschheitszyklen anzeigt.

[ 56 ] The soul forces acting subconsciously—the giant—have lost their destructive power; the giant causes harm for the last time as he staggers across the bridge to the temple. He is held fast to the ground and is now merely a marker of a past cycle of humanity, a colossal statue that, like a sundial, indicates the passage of hours, days, and cycles of humanity.

[ 57 ] Wenn wir zusammenfassen wollen, was Goethe mit dem Märchen aussprechen wollte, so können wir sagen: Goethe wollte in reichen dichterischen Bildern zeigen die Entwickelung und endliche Erlösung des einzelnen Menschen und des ganzen Menschengeschlechtes. Das Märchen enthält das Geheimnis vom Vergehen des niederen und vom Werden des höheren Menschen und von dem Zustand der endlichen Vereinigung mit dem Göttlichen, der als Seligkeit, als Ruhen in der Seligkeit, als Vereinigung mit Gott in aller Mystik als höchstes Ziel angestrebt wird. Wenn dieser Moment der Hinopferung gekommen, wenn das «Stirb und Werde» zur Tatsache geworden ist, dann wird nicht nur das Geistige zum Sinnlichen, sondern auch das Sinnliche zum Geistigen kommen können. Wenn diese Zeit gekommen ist, wird es nicht nur einzelnen Geheimschülern, einzelnen erleuchteten Mystikern möglich sein, den Tempel zu erreichen, sondern alles Volk wird zu ihm wandeln, hinüber und herüber, in das Reich des Geistes.

[ 57 ] If we wish to summarize what Goethe sought to express through this fairy tale, we can say: Goethe wanted to depict, through rich poetic imagery, the development and ultimate redemption of the individual human being and of the entire human race. The fairy tale contains the mystery of the passing away of the lower human being and the becoming of the higher human being, and of the state of final union with the Divine, which is sought as the highest goal in all mysticism—as bliss, as resting in bliss, as union with God. When this moment of self-sacrifice has come, when “die and become” has become a reality, then not only will the spiritual be able to become the sensory, but the sensory will also be able to become the spiritual. When this time has come, it will not only be possible for individual secret disciples, individual enlightened mystics, to reach the temple, but all people will walk toward it, back and forth, into the realm of the Spirit.

[ 58 ] Auf diesen großen Moment in der Entwickelung der Menschheit hat Goethe in seinem Märchen hingedeutet. Es wäre noch vieles zu sagen, was in diesem Märchen enthalten ist. Aber man kann vieles nur andeuten. Und wenn man vom Dichter sonst wohl sagen kann:

[ 58 ] Goethe alluded to this great moment in the development of humanity in his fairy tale. There is much more that could be said about what is contained in this fairy tale. But much of it can only be hinted at. And while one might otherwise say of the poet:

Wer den Dichter will verstehn
Muß in Dichters Lande gehn

Whoever wishes to understand the poet
Must journey to the poet's land

[ 59 ] so müssen wir uns, wenn wir von Goethe sprechen, bewußt werden, daß wir den Spruch auf Goethe anwenden in der Weise, daß für Goethe seine Lande die Lande der geistigen Wirklichkeit sind. Nur wer die Mysterien und das Mysterienwissen kennt, kann ganz eindringen in den reichen Inhalt dieses Märchens. Was hier nur andeutend angeführt worden ist, kann aber dienen als Wegweiser zu einem immer intimeren Verständnis des Inhaltes dieses Märchens.

[ 59 ] So when we speak of Goethe, we must realize that we are applying this saying to him in the sense that, for Goethe, his lands are the lands of spiritual reality. Only those who know the mysteries and the knowledge of the mysteries can fully penetrate the rich content of this fairy tale. What has been mentioned here only in passing can, however, serve as a guide to an ever more intimate understanding of the content of this fairy tale.