The Origin and Purpose of Humanity
Basic Concepts of Spiritual Science
GA 53
11 May 1905, Berlin
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The Origin and Purpose of Humanity, tr. SOL
20. Die theologische Fakultät und die Theosophie
20. The Faculty of Theology and Theosophy
[ 1 ] Wenn die theosophische Bewegung wirklich eingreifen soll in die ganze moderne Kultur, dann kann sie sich nicht einseitig darauf beschränken, irgendwelche Lehren zu verbreiten, irgendwelche auf dieses oder jenes bezügliche Erkenntnisse vorzutragen, sondern sie muß sich auseinandersetzen mit den verschiedensten Kulturfaktoren und Kulturelementen in der Gegenwart. Die Theosophie soll ja nicht eine bloße Lehre sein, sie soll Leben sein. Einfließen soll sie in all unser Handeln, in unser Fühlen und in unser Denken. Nun liegt es in der Natur der Sache, daß eine solche, das Herz der modernen Kultur unmittelbar ansprechende Bewegung, wenn sie lebensfähig sein soll, vor allen Dingen eingreift da, wo wir es mit der Führerschaft im Geistesleben zu tun haben. Und wo anders sollten wir heute die Führerschaft des geistigen Lebens suchen als in unseren Hochschulen, wo tatsächlich alle diejenigen — wenigstens wenn Sie die Sache idealistisch betrachten — zusammenwirken sollen als Träger unserer Kultur, unseres ganzen Geisteslebens, welche im Dienste der Wahrheit, des Fortschritts und im Dienste der geistigen Bewegung überhaupt wirken. Zusammenwirken sollen sie mit einer Jugend, die sich vorbereitet für die höchsten Aufgaben des Lebens. Das wäre der große und bedeutende Einfluß, den die Hochschulen auf das ganze Kulturleben naturgemäß haben müssen, der bedeutende Einfluß, der als ein Autoritatives ausgeht von ihnen, denn man kann es doch nicht in Abrede stellen, wie man sich auch gegen alles, was Autorität heißt, sträuben mag in unserer Zeit: von unseren Hochschulen aus wird autoritativ gewirkt. Und es ist in gewisser Beziehung recht so, denn diejenigen, welche über die höchsten Kulturangelegenheiten unsere Jugend zu unterrichten haben, müssen maßgebend sein in bezug auf alle Fragen des menschlichen Daseins. So ist es wirklich sinngemäß, wenn die ganze Nation hinsieht auf dasjenige, was die Mitglieder der Fakultäten in irgendeiner Frage sagen. So ist es. In allen unseren Fakultäten sieht man doch dasjenige, was der Universitätsdozent über eine Sache sagt, als das Maßgebende an.
[ 1 ] If the Theosophical Movement is truly to have an impact on modern culture as a whole, it cannot limit itself solely to disseminating certain doctrines or presenting insights on this or that subject; rather, it must engage with the most diverse cultural factors and elements of the present day. After all, theosophy is not meant to be a mere doctrine; it is meant to be life itself. It should permeate all our actions, our feelings, and our thoughts. Now, it is in the nature of things that such a movement—one that speaks directly to the heart of modern culture—must, if it is to be viable, intervene above all where we are dealing with leadership in intellectual life. And where else should we seek leadership in intellectual life today than in our universities, where indeed all those—at least if you view the matter idealistically—who work in the service of truth, progress, and the spiritual movement in general are meant to collaborate as the bearers of our culture and our entire intellectual life. They are to collaborate with a youth that is preparing itself for the highest tasks of life. That would be the great and significant influence that universities must naturally have on the whole of cultural life, the significant influence that emanates from them as an authority, for one cannot deny—no matter how much one may resist everything that is called authority in our time—that an authoritative influence emanates from our universities. And in a certain sense this is right, for those who are to instruct our youth in the highest matters of culture must be authoritative with regard to all questions of human existence. Thus it is truly fitting that the entire nation looks to what the members of the faculties say on any given matter. That is how it is. In all our faculties, after all, what the university lecturer says about a matter is regarded as the authoritative view.
[ 2 ] So scheint es mir natürlich, daß wir als Theosophen uns einmal fragen: Wie müssen wir uns stellen zu den verschiedenen Zweigen unseres Universitätslebens? Nicht eine Kritik soll geübt werden an unseren Universitätseinrichtungen; das soll nicht Gegenstand des heutigen Vortrages sein. Dasjenige, was in diesen und folgenden Vorträgen auseinandergesetzt werden wird, soll einfach eine Perspektive geben, wie die theosophische Bewegung, wenn sie wirklich lebensfähig ist, wenn sie wirklich eingreifen kann in die Impulse der geistigen Bewegung, möglicherweise befruchtend einwirken kann auf unser Universitätsleben.
[ 2 ] It therefore seems natural to me that we, as Theosophists, should ask ourselves: What stance should we take toward the various aspects of our university life? This is not meant to be a critique of our university institutions; that is not the subject of today’s lecture. What will be discussed in this and subsequent lectures is simply intended to provide a perspective on how the Theosophical Movement—if it is truly viable, if it can truly engage with the impulses of the spiritual movement—might have a potentially enriching effect on our university life.
[ 3 ] Die Fakultäten teilt man ein in die theologische, die juristische, die medizinische und die philosophische. Allerdings, so wie das hohe Unterrichtswesen heute ist, müssen wir ganz im Sinne unserer gegenwärtigen Denkweise und Lebensanschauung auch noch andere Hochschulen hinzurechnen, gleichsam als eine Fortsetzung der Universität, nämlich die Hochschulen der technischen Wissenschaften, der Künste und so weiter. Darüber wird die Rede sein bei der Besprechung der Philosophie. Heute haben wir es zu tun mit der Fakultät, welche in den ersten Zeiten, als es Univeritäten gab - Universitäten entstanden in der Mitte des Mittelalters —, zuerst eine führende Stelle in der modernen Bildung sich aneignete. In dieser Zeit war die Theologie an den Universitäten die Königin der Wissenschaften. Alles, was sonst getrieben wurde, gruppierte sich um die theologische Gelehrsamkeit herum.
[ 3 ] The faculties are divided into theology, law, medicine, and philosophy. However, given the state of higher education today, we must, in keeping with our current way of thinking and outlook on life, also include other institutions of higher learning—as it were, as an extension of the university—namely, the colleges of technical sciences, the arts, and so on. This will be discussed when we address philosophy. Today we are dealing with the faculty that, in the early days when universities first emerged—universities arose in the middle of the Middle Ages—was the first to assume a leading role in modern education. At that time, theology was the queen of the sciences at the universities. Everything else that was pursued was grouped around theological scholarship.
[ 4 ] Hervorgegangen war die Universität aus dem, was die Kirche im Mittelalter ausgebildet hat: aus den Klosterschulen. Die alten Schulen hatten eine Art von Anhang für dasjenige, was man als weltliches Wissen benötigte; die Hauptsache aber war die Theologie. In der ersten Zeit des Universitätslebens waren es die durch die Kirchenbildung hindurchgegangenen Lehrer, Geistliche und Mönche, die bis zum Ausgange des Mittelalters tätig waren. Die «Königin der Wissenschaften» nannte man die Theologie. Ist es nun nicht, wenn man die Sache abstrakt, ideell betrachtet, ganz natürlich, die Theologie die Königin der Wissenschaften zu nennen, und müßte sie nicht, wenn sie ihre Aufgabe im weitesten Sinne erfüllte, diese Königin sein? Im Mittelpunkte der Welt steht zweifellos dasjenige, was wir den Urgrund der Welt nennen, das Göttliche, insofern es der Mensch erfassen kann. Die Theologie ist nichts anderes als die Lehre von diesem Göttlichen. Alles andere muß zurückgehen auf göttliche Urkräfte des Daseins. Will die Theologie wirklich die Lehre von dem Göttlichen sein, dann ist es nicht anders zu denken, als daß sie eine Zentralsonne aller Weisheit und alles Wissens ist, und daß von ihr ausstrahlt die Kraft und die Energie für alle übrigen Wissenschaften. Im Mittelalter war es noch so. Im Grunde genommen bekam dasjenige, was die großen mittelalterlichen Theologen über die Welt zu sagen hatten, sein Licht, die wichtigste Kraft von der sogenannten heiligen Wissenschaft, der Theologie.
[ 4 ] The university had its origins in what the Church had established in the Middle Ages: the monastic schools. The old schools had a sort of appendix for what was needed in terms of secular knowledge; but the main focus was theology. In the early days of university life, it was the teachers, clergy, and monks who had been educated by the Church who were active until the end of the Middle Ages. Theology was called the “queen of the sciences.” Is it not, when one considers the matter abstractly and ideologically, quite natural to call theology the queen of the sciences, and should it not, if it fulfilled its task in the broadest sense, be this queen? At the center of the world undoubtedly stands that which we call the source of the world, the Divine, insofar as it can be grasped by human beings. Theology is nothing other than the doctrine of this Divine. Everything else must be traced back to the divine primal forces of existence. If theology is truly to be the doctrine of the Divine, then it cannot be conceived of otherwise than as the central sun of all wisdom and all knowledge, from which the power and energy for all other sciences radiate. This was still the case in the Middle Ages. Essentially, what the great medieval theologians had to say about the world derived its light, its most important power, from the so-called sacred science, theology.
[ 5 ] Wenn wir uns ein Bild machen wollen von diesem Denken und von dieser Lebensauffassung im Mittelalter, so können wir das mit ein paar Worten tun. Jeder mittelalterliche Theologe betrachtete die Welt als eine große Einheit. Oben am Gipfel war die göttliche Schöpferkraft. Unten, in der Mannigfaltigkeit der Welt zerstreut, waren die einzelnen Naturkräfte und Naturreiche. Das, was man über die Naturkräfte und -reiche wußte, war der Gegenstand der einzelnen Wissenschaften. Was den Menschengeist hinführte zur Aufklärung über die höchsten Fragen, was Licht bringen sollte über das, was die einzelnen Wissenschaften nicht auszumachen vermögen, das kam von der Theologie. Daher studierte man zuerst Philosophie. Unter dieser verstand man den Umkreis aller weltlichen Wissenschaften. Dann erhob man sich zur Wissenschaft der Theologie. Etwas anders standen im Universitätsleben die medizinische und die juristische Fakultät. Wir können uns leicht eine Vorstellung davon machen, wie diese Fakultäten zueinander stehen, wenn wir die Sache so betrachten: Philosophie war der Umkreis aller Wissenschaften, und die theologische Fakultät betrachtete und befaßte sich mit der großen Frage: Was ist der Urgrund, und was sind die einzelnen Erscheinungen des Daseins?
[ 5 ] If we want to get a sense of this way of thinking and this view of life in the Middle Ages, we can do so in just a few words. Every medieval theologian viewed the world as a great unity. At the very top was the divine creative power. Below, scattered throughout the diversity of the world, were the individual forces of nature and the realms of nature. What was known about the forces and realms of nature was the subject of the individual sciences. What guided the human spirit toward enlightenment regarding the highest questions, what was meant to shed light on what the individual sciences could not discern—that came from theology. Therefore, one first studied philosophy. By this one understood the sphere of all secular sciences. Then one ascended to the science of theology. The medical and law faculties occupied a somewhat different position in university life. We can easily form a picture of how these faculties relate to one another if we consider the matter in this way: Philosophy encompassed all the sciences, and the theological faculty considered and dealt with the great question: What is the source, and what are the individual manifestations of existence?
[ 6 ] Nun ist dieses Dasein so, daß es in der Zeit verläuft. Wir haben eine Entwickelung im Dasein zur Vollkommenheit, und als Menschen sind wir nicht nur hineingestellt in die Weltenordnung, sondern wir arbeiten selbst mit an der Weltenordnung. Wenn die philosophische und die theologische Fakultät dasjenige betrachten, was ist, was war und was sein wird, so betrachten die juristische und die medizinische Fakultät die Welt in ihrem Werden, die Welt, wie sie aus dem Unvollkommenen in das Vollkommene hineingeleitet werden soll. Die medizinische Fakultät wendet sich mehr dem natürlichen Leben in seiner Unvollkommenheit zu und fragt, wie es besser gemacht werden soll. Die juristische Fakultät wendet sich der moralischen Welt zu und fragt, wie sie besser gemacht werden muß. Das ganze Leben des Mittelalters war ein einziger Körper, und etwas Ähnliches muß zweifellos wiederkommen. Wieder muß die ganze Unität, die Universitas ein lebendiger Körper werden, welcher in den einzelnen Fakultäten nur die Glieder des gemeinsamen Lebens hat. Heute ist die Universität mehr ein Aggregat, und die einzelnen Fakultäten haben nicht viel miteinander zu tun. Im Mittelalter mußte jeder, der auf der Universität studierte, sich eine philosophische Grundbildung erwerben, dasjenige, was man heute eine allgemeine Bildung nennt, obgleich man zugeben muß, daß gerade diejenigen, die heute von der Universität abgehen, sich oft durch das Fehlen der allgemeinen Bildung auszeichnen.
[ 6 ] Now, this existence is such that it unfolds over time. There is a progression toward perfection within existence, and as human beings, we are not merely placed within the world order; rather, we ourselves contribute to the world order. While the faculties of philosophy and theology contemplate what is, what was, and what will be, the faculties of law and medicine contemplate the world in its becoming—the world as it is to be guided from the imperfect toward the perfect. The faculty of medicine turns more toward natural life in its imperfection and asks how it might be improved. The law faculty turns to the moral world and asks how it must be improved. The whole of medieval life was a single body, and something similar must undoubtedly return. Once again, the entire unity, the Universitas, must become a living body, in which the individual faculties are merely the limbs of a shared life. Today, the university is more of an aggregate, and the individual faculties have little to do with one another. In the Middle Ages, everyone who studied at the university had to acquire a basic philosophical education—what is today called a general education—although one must admit that it is precisely those who graduate from university today who are often distinguished by their lack of a general education.
[ 7 ] Dieses war die Grundlage vor allem. Auch in Goethes «Faust» findet man gesagt: Erst das collegium logicum, dann Metaphysik. Und richtig ist es doch auch, daß der, der überhaupt hineingeführt werden will in die Geheimnisse des Weltendaseins, in die großen Fragen der Kultur, zunächst eine gründliche Durchbildung in den verschiedenen Wissenszweigen haben muß. Es ist kein Fortschritt, daß dieses allgemeine Physikum aus unserer Universitätsbildung vollständig gewichen ist. Zum großen Teil ist das, was man wissen kann, unlebendig, unlebendige Natur: Physik, Chemie, Botanik, Zoologie, Mathematik und so weiter. Erst wenn der Student eingeführt worden war in die Lehren vom Denken, in die Gesetze der Logik, in die Grundprinzipien der Welt oder der Metaphysik, dann konnte er zu den anderen, höheren Fakultäten aufsteigen. Denn mit einem gewissen Recht wurden die anderen Fakultäten die höheren genannt. Er konnte dann aufsteigen zur Theologie.
[ 7 ] This was the foundation above all else. In Goethe’s *Faust* as well, it is said: First the *collegium logicum*, then metaphysics. And it is certainly true that anyone who wishes to be introduced at all to the mysteries of the world’s existence, to the great questions of culture, must first have a thorough grounding in the various branches of knowledge. It is no progress that this general physical education has completely disappeared from our university education. For the most part, what one can know is lifeless, inanimate nature: physics, chemistry, botany, zoology, mathematics, and so on. Only after the student had been introduced to the teachings of thought, to the laws of logic, to the fundamental principles of the world or of metaphysics, could he advance to the other, higher faculties. For it was with some justification that the other faculties were called the higher ones. He could then advance to theology.
[ 8 ] Derjenige, welcher über die tiefsten Fragen des Daseins unterrichtet werden sollte, mußte über die einfachen Fragen des Daseins etwas gelernt haben. Aber auch die anderen Fakultäten setzen eine solche Vorbildung voraus. Es stünde viel besser um die Jurisprudenz und um die Medizin, wenn eine solche allgemeine Vorbildung in gründlicher Weise gepflegt würde, denn derjenige, der eingreifen will in das Rechtsleben, muß wissen, welches die Gesetze des menschlichen Lebens überhaupt sind. Es muß in lebendiger Weise begriffen werden, was einen Menschen zum Guten oder zum Bösen führen kann. Man muß nicht nur ergriffen werden so, wie man vom toten Buchstaben des Gesetzes ergriffen wird, sondern man muß ergriffen werden wie vom Leben, wie von etwas, mit dem man in intimer Beziehung steht. Und diese Menschen müssen den Umkreis erst haben, weil der Mensch wirklich ein Mikrokosmos ist, in dem alle Gesetze leben. Man muß daher vor allen Dingen die Naturgesetze kennen. So würde, richtig gedacht, die Universität ein Organismus des gesamten menschlichen Wissens sein müssen. Die theologische Fakultät aber müßte anregend wirken auf alles übrige Wissen. Die Theologie, die Lehre von der göttlichen Weltordnung, sie kann ja gar nicht anders bestehen, als daß man sie einfügt dem Kleinsten und Größten unseres Daseins, als daß man alles in die göttliche Weltordnung hinein vertieft.
[ 8 ] Anyone who is to be instructed in the deepest questions of existence must first have learned something about the simplest questions of existence. But the other faculties, too, require such a foundation. The state of jurisprudence and medicine would be much better if such a general education were thoroughly cultivated, for anyone who wishes to engage in legal practice must know what the laws of human life actually are. One must understand in a living way what can lead a person toward good or toward evil. One must not only be moved as one is moved by the dead letter of the law, but one must be moved as by life itself, as by something with which one has an intimate relationship. And these people must first have this broader perspective, because the human being is truly a microcosm in which all laws live. One must therefore, above all, know the laws of nature. Thus, if properly conceived, the university would have to be an organism of the entirety of human knowledge. The theological faculty, however, would have to have a stimulating effect on all other knowledge. Theology, the doctrine of the divine world order, cannot exist in any other way than by being integrated into the smallest and greatest aspects of our existence, than by immersing everything into the divine world order.
[ 9 ] Aber, wie sollte der über die göttliche Weltordnung etwas zu sagen vermögen, welcher nichts weiß über die Mineralien, nichts über die Pflanzen, Tiere und Menschen, der nichts weiß über die Entstehung der Erde, nichts weiß über die Natur unseres planetarischen Systems? Die Offenbarung Gottes ist überall, und nichts ist, wodurch sich nicht die Stimme der Gottheit ausspricht. Alles, was der Mensch hat und ist und tut, muß er anknüpfen können an diese höchsten Fragen, welche die theologische Wissenschaft behandeln soll. Nun müssen wir uns fragen: Stellt sich heute die theologische Fakultät in dieser Weise ins Leben? Wirkt sie so, daß aus ihr strömen kann Kraft und Energie für alles übrige Leben? Nicht eine Kritik, sondern womöglich eine objektive Schilderung der Verhältnisse möchte ich geben. Es ist sogar in der letzten Zeit die Theologie etwas in Mißkredit, selbst innerhalb der Religionsbewegung, gekommen. Sie werden vielleicht etwas gehört haben von dem Namen Kalthoff, der Zarathustra-Predigten geschrieben hat. Er sagt, die Religion dürfte nicht leiden unter dem Buchstaben der Theologie; wir wollen nicht Theologie, sondern Religion. Das sind Leute, die aus ihrer unmittelbaren Überzeugung heraus die Welt der religiösen Weltanschauung zu finden vermögen.
[ 9 ] But how could anyone who knows nothing about minerals, nothing about plants, animals, and humans, who knows nothing about the origin of the Earth, and nothing about the nature of our planetary system, possibly speak with any authority about the divine order of the world? God’s revelation is everywhere, and there is nothing through which the voice of the Divine does not speak. Everything that human beings have, are, and do must be able to be connected to these highest questions, which theological science is meant to address. Now we must ask ourselves: Does the theological faculty present itself in this way today? Does it function in such a way that strength and energy can flow from it into all other aspects of life? I would like to offer not a critique, but rather, if possible, an objective description of the circumstances. In recent times, theology has even fallen somewhat into disrepute, even within the religious movement. You may have heard something of the name Kalthoff, who wrote the Zarathustra sermons. He says that religion should not suffer under the letter of theology; we do not want theology, but religion. These are people who, out of their immediate conviction, are able to find the world of the religious worldview.
[ 10 ] Nun fragen wir uns, ob diese Anschauung bestehen kann, ob es wahr sein könne, daß Religion ohne Theologie, Predigt ohne Religionswissenschaft möglich sei. In den ersten Zeiten des Christentums und auch im Mittelalter war das nicht der Fall. Auch in den ersten Jahrhunderten der neuen Zeit war es nicht so. Erst heute ist eine Art von Zwiespalt eingetreten zwischen der unmittelbaren religiösen Wirksamkeit und der Theologie, die scheinbar etwas vom Leben abgewender ist. In den ersten Zeiten des Christentums war Theologe im wesentlichen derjenige, welcher durch seine Weisheit und seine Wissenschaft hinaufsah in die höchsten Höhen des Daseins. Theologie war etwas Lebendiges, war etwas, was in den ersten Kirchenvätern lebte, was solche Geister wie Clemens von Alexandrien, wie Origenes, wie Scotus Erigena und den heiligen Augustinus belebte; Theologie war es, was sie belebte. Es war dasjenige, was wie ein Lebenssaft in ihnen lebte. Und wenn das Wort auf ihre Lippen kam, brauchten sie keine Dogmen mitzuteilen, dann wußten sie in intensiver Weise zum Herzen zu sprechen. Sie fanden die Worte, die herausgeholt waren aus jeglichem Herzen. Die Predigt war durchdrungen von Seele und von religiösen Strömen. Aber sie wäre nicht so gewesen, wenn nicht im Inneren dieser Persönlichkeiten gelebt hätte die Aufschau zu den höchsten Wesenheiten in der höchsten Form, in der der Mensch das erreichen kann.
[ 10 ] Now we ask ourselves whether this view can hold, whether it could be true that religion without theology, or preaching without the study of religion, is possible. In the early days of Christianity and also in the Middle Ages, this was not the case. Nor was it the case in the first centuries of the modern era. Only today has a kind of dichotomy arisen between immediate religious activity and theology, which seems somewhat detached from life. In the early days of Christianity, a theologian was essentially one who, through his wisdom and scholarship, looked up to the highest heights of existence. Theology was something alive; it was something that lived in the early Church Fathers, that animated such minds as Clement of Alexandria, Origen, Scotus Erigena, and Saint Augustine; it was theology that animated them. It was that which lived within them like a life-giving sap. And when the word came to their lips, they had no need to communicate dogmas; they knew how to speak to the heart in an intense way. They found the words that were drawn from every heart. The sermon was imbued with soul and religious currents. But it would not have been so had there not lived within these personalities the aspiration toward the highest beings in the highest form that a human being can attain.
[ 11 ] Unmöglich ist eine Dogmatik, welche bei jedem Wort, das im Alltag gesprochen wird, eine abstrakte Auseinandersetzung über die Dogmen macht. Aber derjenige, welcher Lehrer sein will des Volkes, der muß in sich selbst weisheitsvoll erlebt haben die höchste Form der Erkenntnis. Er muß die Resignation haben, die Verzichtleistung auf dasjenige, was unmittelbar für ihn ist; er muß streben und erleben, was ihn einführt in die höchste Form der Erkenntnis in einsamer Weise, in der Zelle, fern von dem Getriebe der Welt, wo er mit seinem Gott, mit seinem Denken und seinem Herzen allein sein kann. Er muß die Möglichkeit haben, hinaufzublicken zu den geistigen Höhen des Daseins. Mit keinem Fanatismus, mit keiner Begierde, auch nicht einmal mit religiöser Begierde, sondern in rein geistiger Hingabe, die frei ist von allem, was sich auch sonst in der Sehnsucht der Religionen zeigt. Das Gespräch mit Gott und der göttlichen Weltordnung verläuft in dieser einsamen Höhe, auf dem Gipfel des menschlichen Denkens.
[ 11 ] It is impossible to have a dogmatic system that engages in an abstract debate about dogma for every word spoken in everyday life. But anyone who wishes to be a teacher of the people must have personally experienced, through wisdom, the highest form of knowledge. He must possess the resignation, the renunciation of that which is immediate to him; he must strive for and experience what leads him to the highest form of knowledge in solitude, in a cell, far from the bustle of the world, where he can be alone with his God, with his thoughts and his heart. He must have the ability to look up to the spiritual heights of existence. Not with fanaticism, not with desire, not even with religious desire, but in pure spiritual devotion, free from everything else that manifests itself in the longing of religions. The conversation with God and the divine world order takes place in this solitary height, at the summit of human thought.
[ 12 ] Man muß sich erst hinaufüben, man muß die Resignation, den Verzicht erlangt haben, um dieses hohe Selbstgespräch zu führen und das in sich leben zu haben und es als Lebenssaft wirken zu lassen in den Worten, die der Inhalt der populären Lehren sind. Dann haben wir das richtige Stadium von Theologie und Predigt, von Wissenschaft und Leben gefunden. Der, welcher unten sitzt, fühlt dann, daß dies aus Tiefen strömt, daß es heruntergeholt ist aus hohen wissenschaftlichen Weisheitshöhen. Dann bedarf es keiner äußeren Autorität, dann ist das Wort selbst Autorität durch die Kraft, die in der Seele des Lehrenden lebt, weil es durch diese Kraft sich hineinlebt in das Herz, um durch das Echo des Herzens zu wirken. So brachte man den Einklang zwischen Religion und Theologie zustande und zu gleicher Zeit ein taktvolles Auseinanderhalten von Theologie und religiöser Unterweisung. Aber derjenige, welcher nicht hinaufgestiegen ist bis zu den theologischen Höhen, der nicht Bescheid weiß in den tiefsten Fragen des geistigen Daseins, der wird nicht in seine Worte einfließen lassen können dasjenige, was in den Worten des Predigers leben soll als Resultat des Zwiegespräches mit der göttlichen Weltordnung selbst.
[ 12 ] One must first train oneself to reach this level; one must have attained resignation and renunciation in order to engage in this lofty soliloquy, to internalize it, and to allow it to flow as the lifeblood of the words that constitute the content of popular teachings. Then we have found the right stage of theology and preaching, of science and life. The one sitting below then feels that this flows from the depths, that it has been brought down from lofty heights of scientific wisdom. Then no external authority is needed; then the word itself is authority through the power that lives in the soul of the teacher, because through this power it lives its way into the heart to work through the echo of the heart. Thus harmony between religion and theology was achieved, and at the same time a tactful distinction between theology and religious instruction. But he who has not ascended to the theological heights, who is not versed in the deepest questions of spiritual existence, will not be able to infuse into his words that which is meant to live in the preacher’s words as the result of a dialogue with the divine world order itself.
[ 13 ] Das war tatsächlich die Auffassung, die man Jahrhunderte hindurch in der christlichen Weltanschauung hatte über das Verhältnis zwischen Theologie und Predigt. Eine gute Predigt wäre die, wenn ein Prediger erst vor das Volk hintritt, nachdem er durchgemacht hat die hohen Lehren von der Dreiheit des Gottes, von der Göttlichkeit und von der Verkündigung des Logos in der Welt, von der hohen metaphysischen Bedeutung der Christus-Persönlichkeit. Alle diese Lehren, die nur für denjenigen verständlich sind, der sich viele, viele Jahre damit befaßt hat, alle diese Lehren, die zunächst Inhalt der Philosophie und anderer Wissenschaften bilden können, muß man aufgenommen haben; man muß sein Denken reif gemacht haben für diese Wahrheiten. Nur dann kann man eindringen in diese Höhen der Wahrheiten. Und derjenige, der das geleistet hat, der erwas weiß von den hohen Ideen der Trinität, des Logos, bei dem wird das Bibelwort in seinem Munde etwas, was eine ganz andere Lebendigkeit gewinnt, als es zunächst hat ohne diese vorhergehende theologische Schulung. Dann gebraucht er frei das Bibelwort, dann schafft er innerhalb des Bibelwortes selbst jene Strömung von sich zu der Gemeinde, welche einen Einfluß der göttlichen Schöpferkraft in die Herzen der Menge bewirkt. Dann wird die Bibel nicht bloß von ihm ausgelegt, sondern gehandhabt. Dann spricht er so, wie wenn er selbst mit Anteil genommen hätte an dem Abfassen der großen Wahrheiten, die in diesem Religions-Urbuche stehen. Er hat hineingesehen in die Grundlagen, aus denen herausgeflossen sind die großen Wahrheiten der Bibel. Er weiß, was diejenigen empfunden haben, die einstmals unter einem noch größeren Einfluß der geistigen Welt standen als er, und was in den Bibelworten zum Ausdruck gebracht ist als die göttliche Weltregierung und menschliche Heilsordnung. Er hat nicht nur das Wort, das er zu kommentieren und auszulegen hat, sondern hinter ihm stehen die großen gewaltigen Schreiber, deren Schüler, Jünger und Nachfolger er ist. Er spricht aus ihrem Geist heraus und legt ihren Geist, den sie hineingelegt haben, jetzt selbst in die Schrift hinein.
[ 13 ] This was, in fact, the view held for centuries within the Christian worldview regarding the relationship between theology and preaching. A good sermon would be one in which a preacher only steps before the congregation after having thoroughly studied the lofty teachings on the Trinity of God, on divinity, on the proclamation of the Logos in the world, and on the profound metaphysical significance of the person of Christ. All these teachings, which are comprehensible only to those who have devoted many, many years to them, all these teachings, which may initially form the content of philosophy and other sciences, must have been assimilated; one’s thinking must have been matured for these truths. Only then can one penetrate these heights of truth. And for the one who has accomplished this, who knows something of the lofty ideas of the Trinity and the Logos, the Bible verse in his mouth becomes something that gains a completely different vitality than it initially has without this prior theological training. Then he uses the words of the Bible freely; then, within the words of the Bible themselves, he creates that flow from himself to the congregation which brings about an influence of divine creative power in the hearts of the multitude. Then the Bible is not merely interpreted by him, but handled. Then he speaks as if he himself had taken part in the composition of the great truths contained in this primal book of religion. He has looked into the foundations from which the great truths of the Bible have flowed. He knows what those who once stood under an even greater influence of the spiritual world than he did felt, and what is expressed in the words of the Bible as the divine world government and the human order of salvation. He has not only the Word that he is to comment on and interpret, but behind him stand the great, mighty writers, whose student, disciple, and follower he is. He speaks from their spirit and now himself infuses the Scripture with the spirit they have placed within it.
[ 14 ] Das ist in dieser oder jener Epoche die Grundlage der Autoritätsbildung gewesen. Als Ideal hat es den Menschen vorgeschwebt, durchgeführt ist es oftmals worden. Die heutige Zeit aber hat auch hier einen großen Umschwung hervorgebracht. Betrachten wir noch einmal den großen Umschwung, der sich vom Mittelalter zur neueren Zeit vollzogen hat. Was geschah damals? Was machte es möglich, daß Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno eine neue Weltanschauung verkündigen konnten? Diese neue Bewegung wurde möglich dadurch, daß der Mensch unmittelbar an die Natur heranging, daß er selbst sehen wollte, daß er nicht wie im Mittelalter auf alte Dokumente sich stützte, sondern auf das natürliche Dasein losging. Anders war es in der mittelalterlichen Wissenschaft. Da leiteten sich die grundlegenden Wissenschaften nicht ab von einer unbefangenen Betrachtung der Natur, sondern von dem, was der griechische Philosoph Aristoteles in ein System gebracht hat. Aristoteles war das ganze Mittelalter hindurch Autorität. Mit Anlehnung an ihn lehrte man. Seine Bücher hatte der, welcher Metaphysik oder auch Logik vortrug. Er legte sie aus. Aristoteles war eine Autorität.
[ 14 ] This has been the foundation of the establishment of authority in one era or another. It has been the ideal that people have envisioned, and it has often been put into practice. The present age, however, has brought about a major upheaval in this regard as well. Let us once again consider the great upheaval that took place from the Middle Ages to modern times. What happened back then? What made it possible for Copernicus, Galileo, and Giordano Bruno to proclaim a new worldview? This new movement became possible because people approached nature directly, because they wanted to see for themselves, because they did not rely on old documents as in the Middle Ages, but set out to explore natural existence. It was different in medieval science. There, the fundamental sciences were not derived from an unbiased observation of nature, but from what the Greek philosopher Aristotle had systematized. Aristotle was an authority throughout the entire Middle Ages. Teaching was based on him. Those who lectured on metaphysics or logic had his books. They interpreted them. Aristotle was an authority.
[ 15 ] Das wurde anders beim Umschwung vom Mittelalter zur Neuzeit. Kopernikus wollte selbst das in ein System bringen, was durch die unmittelbare Anschauung gegeben ist. Galilei leuchtete hinein in die Welt des unmittelbaren Daseins. Kepler fand das große Weltgesetz, nach dem die Planeten um die Sonne herumgehen.
[ 15 ] This changed with the transition from the Middle Ages to the modern era. Copernicus sought to systematize even that which is given through direct observation. Galileo shed light on the world of immediate existence. Kepler discovered the great law of the universe governing the planets’ orbits around the sun.
[ 16 ] So kam es durch die ganzen vergangenen Jahrhunderte herauf. Selbst wollte man sehen. Auch in Anekdoten hat man es schon erzählt, wie es Galilei ergangen ist: Es war ein Gelehrter, der wußte, was im Aristoteles stand. Man sagte ihm etwas, was Galilei gesagt hat. Er antwortete, das muß sich anders verhalten; ich muß erst im Aristoteles nachsehen, denn der hat es anders gesagt, und Aristoteles hat doch recht. - Die Autorität war ihm wichtiger als die unmittelbare Anschauung. Aber die Zeit war reif, man wollte jetzt wieder selbst etwas wissen. Das setzt nicht voraus, daß jeder einzelne gleich in der Lage ist, diese Anschauung sich recht schnell zu erwerben, sondern es setzt nur voraus, daß Leute da sind, welche imstande sind, selbst wieder heranzutreten an die Natur, daß sie ausgerüstet sind mit den Instrumenten und Werkzeugen und bekannt sind mit den Methoden, die notwendig sind, um die Natur zu beobachten. Dadurch ist der Fortschritt möglich geworden. Was Aristoteles geschrieben hat, das kann man auslegen; aber dadurch kann man nicht fortschreiten. Fortschreiten kann man nur, wenn man selbst fortschreitet, wenn man selbst die Sachen einsieht.
[ 16 ] This is how it has come down to us through the centuries. People wanted to see for themselves. Anecdotes have also been told about what happened to Galileo: There was a scholar who knew what Aristotle had written. Someone told him something that Galileo had said. He replied that it must be different; I must first look it up in Aristotle, for he said it differently, and Aristotle is right after all. — Authority was more important to him than direct observation. But the time was ripe; people now wanted to know things for themselves again. This does not presuppose that every individual is immediately capable of acquiring this understanding quite quickly, but it only presupposes that there are people who are capable of approaching nature themselves again, that they are equipped with the instruments and tools and are familiar with the methods necessary to observe nature. This is what has made progress possible. What Aristotle wrote can be interpreted; but that alone does not lead to progress. Progress is only possible when one advances oneself, when one understands things for oneself.
[ 17 ] Die verflossenen vier Jahrhunderte haben dieses Prinzip der Selbsterkenntnis durchgeführt für alles äußere Wissen, für alles, was sich vor unseren Sinnen ausbreitet. Zuerst in der Physik, dann in der Chemie, dann in der Wissenschaft über das Leben, dann in den historischen Wissenschaften. Alle sind einbezogen worden in diese Selbstbeobachtung, in das äußerliche Schauen der Sinnenwelt. Sie sind dadurch entzogen worden dem Autoritätsprinzip. Was nicht einbezogen worden ist in dieses Prinzip eigener Erkenntnis, das ist die Anschauung des geistig Wirksamen in der Welt, die unmittelbare Erkenntnis dessen, was nicht für die Sinne, sondern nur für den Geist da ist. Daher tritt jetzt, in den letzten Jahrhunderten, in bezug auf diese Wissenschaft und Weisheit des Geistes etwas auf, wovon man früher nicht hat sprechen können. Nun könnten wir bis in die ältesten Zeiten zurückgehen. Wir wollen es aber nur tun bis in die ersten Zeiten des Christentums. Da haben wir eine Wissenschaft von dem Göttlichen, dann eine große Weltentstehungslehre, die herunterreicht bis in unsere unmittelbare sinnliche Umgebung. Sie können, wenn Sie Umschau halten bei den großen Weisen der früheren Jahrhunderte, überall sehen, wie dieser Weg genommen wird von der höchsten Spitze bis herunter zum niedersten Dasein, so daß keine Lücke ist zwischen dem, was von der göttlichen Weltordnung gesagt wird in der Theologie und dem, was wir über die Sinneswelt sagen. Man hatte eine umfassende Anschauung über die Entstehung der Planeten und unserer Erde, Das braucht man jedoch heute nicht mehr mitzuteilen. Aber derjenige, der das Werden über den Lauf der Zeit stellt, wird einsehen können, daß man auch über unsere Weisheit hinausschreiten wird. Die Zeit wird über die Form unserer Wissenschaft auch hinwegschreiten, wie wir über die früheren Formen hinweggeschritten sind.
[ 17 ] Over the past four centuries, this principle of self-knowledge has been applied to all external knowledge, to everything that unfolds before our senses. First in physics, then in chemistry, then in the science of life, and finally in the historical sciences. All have been subsumed under this self-observation, under the external observation of the sensory world. They have thereby been removed from the principle of authority. What has not been subsumed under this principle of self-knowledge is the perception of the spiritually active in the world, the direct knowledge of that which exists not for the senses but only for the spirit. Therefore, in recent centuries, something has emerged in relation to this science and wisdom of the spirit that could not be spoken of in the past. We could go back to the most ancient times. But let us go only as far back as the early days of Christianity. There we find a science of the divine, and then a great doctrine of the origin of the world that extends down into our immediate sensory environment. If you look around at the great sages of earlier centuries, you can see everywhere how this path is taken from the highest peak down to the lowest form of existence, so that there is no gap between what is said about the divine world order in theology and what we say about the sensory world. People once had a comprehensive view of the origin of the planets and our Earth; however, there is no longer any need to communicate this today. But those who place the process of becoming above the course of time will be able to see that we will also move beyond our own wisdom. Time will also move beyond the form of our science, just as we have moved beyond earlier forms.
[ 18 ] Was damals vorhanden war, war ein einheitliches Weltgebäude, das vor der Seele stand, und die Grundlage der Seele war der Geist. Im Geiste sah man den Urgrund des Daseins. Von dem Geiste stammt ab das, was nicht Geist ist. Die Welt ist der Abglanz des unendlichen Gottesgeistes. Und dann stammt vom Gottesgeiste ab, was wir als höhere geistige Wesenheiten in den verschiedenen Religionssystemen dargestellt finden und weiter dasjenige, was das Gewaltigste auf diesem Erdenrund ist: der Mensch, dann die Tiere, die Pflanzen und die Mineralien. Von der Entstehung eines Sonnensystems bis zur Bildung des Minerals hatte man eine einheitliche Weltanschauung. Das Atom war zusammengekettet mit Gott selbst, wenn man sich auch nie vermaß, Gott selbst zu erkennen. Das Göttliche suchte man in der Welt. Das Geistige war der Ausdruck desselben. Das Streben derjenigen, die etwas wissen wollten von den höchsten Höhen des Daseins, ging dahin, sich so zu erziehen, daß sie in der Lage waren, die Sinneswelt zu erkennen und sich über sie Vorstellungen zu machen, sich auch Vorstellungen zu machen von dem, was über der Sinneswelt liegt, also von der geistigen Weltordnung. So war es, daß sie aufstiegen von der einfachen Sinneserkenntnis zur umfassenden Erkenntnis des Geistigen. Wenn wir die Kosmologien im alten Sinne anschauen, dann finden wir keine Unterbrechung zwischen dem, was die Theologie lehrt, und dem, was die einzelnen weltlichen Wissenschaften über die Dinge unseres Daseins sagen. Ununterbrochen fügt sich Glied an Glied. Man war von dem Innersten des Geistes ausgegangen bis zum Umkreis unseres irdischen Daseins.
[ 18 ] What existed back then was a unified world structure that stood before the soul, and the foundation of the soul was the Spirit. In the Spirit, one saw the source of all existence. That which is not Spirit originates from the Spirit. The world is the reflection of the infinite Divine Spirit. And from the Divine Spirit derives what we find depicted as higher spiritual beings in the various religious systems, and furthermore that which is the most powerful on this earth: human beings, then animals, plants, and minerals. From the formation of a solar system to the formation of minerals, people held a unified worldview. The atom was linked to God Himself, even though one never presumed to recognize God Himself. The Divine was sought in the world. The spiritual was the expression of the same. The striving of those who wished to know something of the highest realms of existence was directed toward educating themselves so that they were able to perceive the sensory world and form concepts of it, and also to form concepts of what lies beyond the sensory world—that is, of the spiritual world order. Thus it was that they ascended from simple sensory perception to a comprehensive understanding of the spiritual. When we look at cosmologies in the old sense, we find no break between what theology teaches and what the individual secular sciences say about the things of our existence. One link follows another without interruption. One had proceeded from the innermost depths of the spirit to the outer sphere of our earthly existence.
[ 19 ] Nun schlug man in der neueren Zeit einen anderen Weg ein. Man richtete einfach die Sinne und das, was als Waffe der Sinne, als Verstärkungsinstrumente für die Wahrnehmung der Sinne gelten kann, auf die Welt hin. Und in großartiger, gewaltiger Weise wurde die Weltanschauung ausgebildet, welche uns etwas lehrt über die äußere Sinneswelt. Es ist noch nicht alles erklärt, aber man kann sich schon heute eine Vorstellung machen, wie diese Wissenschaft von den sinnlichen Dingen vorwärtsschreitet. Etwas wurde aber dadurch unterbrochen, nämlich der unmittelbare Zusammenhang zwischen der Weltwissenschaft und der göttlichen Wissenschaft.
[ 19 ] In more recent times, however, a different path was taken. People simply directed their senses—and what might be considered the “weapons” of the senses, or tools to enhance sensory perception—toward the world. And in a magnificent, powerful way, a worldview was developed that teaches us something about the external sensory world. Not everything has been explained yet, but even today one can already get an idea of how this science of sensory things is advancing. However, something was interrupted as a result, namely the direct connection between world science and divine science.
[ 20 ] Derjenige Ausdruck, der heute noch immer der gangbarste ist, wenn auch angefochten, der Ausdruck, den wir heute haben für die Weltentstehung, für die Kosmologie, findet sich in der sogenannten Kant-Laplaceschen Weltanschauung. Um uns zu orientieren, wollen wir ein paar Worte darüber sagen, um dann zu sehen, was uns eine solche KantLaplacesche Weltanschauung bedeutet. Sie sagt: Einst war ein großer Weltnebel, recht dünn. Und vielleicht, wenn wir im Weltraum auf Stühlen sitzen und zuschauen könnten, und wenn für feinere Augen etwas sichtbar wäre, dann gliederte sich dieser Weltnebel vielleicht dadurch, daß er abkühlte. Er bildet in sich einen Mittelpunkt, rotiert, stößt Ringe ab, die sich zu Planeten formen, und auf diese Weise — Sie kennen ja diese Hypothese — bildet sich solch ein Sonnensystem, das in der Sonne selbst einen Quell von Leben und Wärme hat. Das ist das, was so herausgebildet wird, das aber so, wie es sich entwickelt, ein Ende finden muß. Das gibt Kant, und das geben auch andere zu, daß sich wieder neue Welten bilden und so weiter.
[ 20 ] The concept that remains the most widely accepted today, albeit contested—the concept we currently use to describe the origin of the world, for cosmology—is found in the so-called Kant-Laplacean worldview. To get our bearings, let us say a few words about it, and then see what such a Kant-Laplacean worldview means to us. It states: Once there was a great cosmic nebula, quite sparse. And perhaps, if we could sit on chairs in space and watch, and if something were visible to more sensitive eyes, then this cosmic nebula might have structured itself as it cooled. It forms a center within itself, rotates, sheds rings that coalesce into planets, and in this way—you are familiar with this hypothesis—such a solar system is formed, which has in the sun itself a source of life and warmth. This is what emerges, but as it develops, it must come to an end. Kant concedes this, and others do as well, that new worlds form again and so on.
[ 21 ] Was ist nun ein solches Weltbild, das der moderne Forscher zusammenzusetzen sucht aus den wissenschaftlichen Erfahrungen der Physik, Chemie und so weiter? Das ist etwas, was für die Sinne da sein müßte, in allen Stadien. Nun versuchen Sie einmal, sich dieses Weltbild so recht vorzustellen. Was fehlt darin? Der Geist fehlt. Es ist ein materieller Vorgang, ein Vorgang, der sich im kleinen abspielen kann mit einem Öltropfen im Wasser, den Sie sinnlich anschauen können. Sinnlich anschaulich ist der Weltentstehungsprozeß gemacht. Der Geist ist ursprünglich nicht mitgedacht mit dem Urgrunde eines solchen Sonnensystems. So ist es nicht verwunderlich, daß die Frage aufgeworfen wird: Wie entsteht das Leben, und wie entsteht der Geist? - da man sich ursprünglich nur die leblose Materie gedacht hat, die sich nach ihren eigenen Gesetzen bewegt.
[ 21 ] What, then, is this worldview that modern researchers seek to construct from the scientific findings of physics, chemistry, and so on? It is something that ought to be present to the senses at every stage. Now try to really picture this worldview for yourself. What is missing from it? The spirit is missing. It is a material process, a process that can play out on a small scale with a drop of oil in water, which you can observe with your senses. The process of the world’s creation is made perceptible to the senses. The spirit was not originally conceived as part of the primordial foundation of such a solar system. So it is not surprising that the question arises: How does life arise, and how does the spirit arise?—since one originally conceived only of lifeless matter moving according to its own laws.
[ 22 ] Was man nicht erfahren hat, kann man unmöglich aus den Begriffen herausholen. Man kann nur herausholen, was hineingelegt worden ist. Wenn man sich ein Weltsystem denkt, das leer ist, das bar des Geistes ist, dann muß es unbegreiflich bleiben, wie der Geist und das Leben auf dieser Welt vorhanden sein kann. Niemals kann die Frage aus dem KantLaplaceschen System heraus beantwortet werden, wie das Leben und wie der Geist entstehen kann. Die Wissenschaft der modernen Zeit ist eben eine sinnliche Wissenschaft. Sie hat daher nur den Teil der Welt in ihre Weltentstehungslehre aufgenommen, der ein Ausschnitt aus der ganzen Welt ist. So wenig Ihr Körper Sie in Ihrer Ganzheit darstellt, sowenig ist die Materie die ganze Welt. So wahr in Ihrem Körper Leben, Gefühle, Gedanken, Triebe sind, die man nicht sehen kann, wenn man mit sinnlichen Augen Ihren Körper ansieht, so wahr das in Ihnen ist, so wahr ist der Geist auch in der Welt. So wahr ist aber auch, daß das, was die Kant-Laplacesche Theorie hinstellt, nur der Körper, der Leib ist. So wenig der Anatom, der den menschlichen Bau des Körpers darstellt, zu sagen vermag, wie aus dem Blute und den Nerven ein Gedanke hervorgehen kann, wenn er nur materiell denkt, ebensowenig kann der, welcher das Weltsystem nach Kant-Laplace denkt, jemals zu dem Geiste kommen. So wenig der, welcher blind ist und kein Licht sehen kann, etwas über unsere Sinnenwelt zu sagen vermag, so wenig kann auch derjenige, der nicht die unmittelbare Anschauung vom Geiste hat, erklären, daß außer dem physischen Körper etwas Geistiges ist. Der modernen Wissenschaft fehlt die Anschauung des Geistigen. Darin beruht der Fortschritt, daß sie einseitig geworden ist, gerade dadurch kann der Mensch die einseitig höchste Höhe erreichen. Dadurch, daß die Wissenschaft sich beschränkt auf das Sinnliche, erreicht sie ihre hohe Entwickelung. Sie wird aber zu einer drückenden Autorität deshalb, weil diese Wissenschaft Denkgewohnheiten begründet hat. Diese sind stärker als alle Theorien, stärker als selbst alle Dogmen.
[ 22 ] What one has not experienced cannot possibly be derived from concepts. One can only derive what has been placed within them. If one conceives of a world system that is empty, devoid of spirit, then it must remain incomprehensible how spirit and life can exist in this world. The question of how life and spirit can arise can never be answered from within the Kant-Laplacean system. Modern science is, after all, a sensory science. It has therefore included in its theory of the origin of the world only that part of the world which is a fragment of the whole world. Just as your body does not represent you in your entirety, so matter is not the whole world. Just as there are life, feelings, thoughts, and instincts within your body that cannot be seen when one looks at your body with the eyes of the senses, just as this is true within you, so too is the spirit true in the world. But it is also true that what the Kant-Laplacean theory presents is only the body, the physical form. Just as the anatomist who describes the human structure of the body cannot say how a thought can arise from blood and nerves if he thinks only in material terms, so too can he who conceives of the world system according to Kant-Laplace never arrive at the spirit. Just as the blind person, who cannot see the light, is unable to say anything about our sensory world, so too can the one who lacks a direct perception of the spirit not explain that there is something spiritual beyond the physical body. Modern science lacks a perception of the spiritual. Its progress lies in the fact that it has become one-sided; it is precisely through this that humanity can reach the highest peak of that one-sidedness. By limiting itself to the sensory realm, science achieves its high level of development. However, it becomes an oppressive authority because this science has established habits of thought. These are stronger than all theories, stronger even than all dogmas.
[ 23 ] Man gewöhnt sich, die Wissenschaft im Sinnlichen zu suchen, und dadurch schleicht sich in die Denkgewohnheiten des modernen Menschen seit vier Jahrhunderten die Tatsache ein, daß ihm das Sinnliche das einzig Reale wurde, so daß man überhaupt nur glaubt, daß die Sinneswelt die einzig wirkliche sei. Etwas, was als Theorie berechtigt ist, wurde Denkgewohnheit, und der, welcher tiefer hineinsicht in dieses Denken, weiß, welche unendlich suggestive Kraft eine solche tätige Denkgewohnheit von Jahrhunderten auf die Menschen hat. Heruntergewirkt hat sie in alle Kreise hinein. Wie ein Mensch, der unter Suggestion steht, so steht die ganze moderne gebildete Menschheit unter der Suggestion, daß nur das, was man mit den Sinnen schauen, mit den Händen greifen kann, das einzig Reale sei. Die Menschheit hat sich abgewöhnt, den Geist als etwas Reales zu nehmen. Aber das hat nichts zu tun mit einer Theorie, sondern lediglich mit den angewöhnten Denkformen. Diese sitzen viel, viel tiefer als jegliches Begreifen. Das kann man durch Erkenntnistheorie und Philosophie, die leider nicht in genügender Weise in uns ausgebildet sind, beweisen. Die ganze moderne Wissenschaft steht unter diesen modernen Denkgewohnheiten. Bei demjenigen, der heute über die Entstehung der Tiere und über die Entstehung der Welt spricht, sitzt im Hintergrunde diese Denkgewohnheit, und er kann nicht anders, als seinen Worten und Begriffen eine solche Färbung zu geben, daß sie saft- und inhaltsvoll von selbst den Eindruck machen, daß es wirklich ist.
[ 23 ] People have become accustomed to seeking science in the sensory realm, and as a result, the fact that the sensory has become the only reality for modern humans has crept into their habits of thought over the past four centuries, to the point where they believe that the sensory world is the only real one. Something that is justified as a theory has become a habit of thought, and anyone who looks more deeply into this way of thinking knows what infinitely suggestive power such an active habit of thought, cultivated over centuries, has on people. It has permeated all circles. Just as a person under suggestion, so the whole of modern educated humanity stands under the suggestion that only what one can see with the senses and grasp with the hands is the only reality. Humanity has lost the habit of regarding the spirit as something real. But this has nothing to do with a theory, but merely with ingrained patterns of thought. These lie much, much deeper than any understanding. This can be demonstrated through epistemology and philosophy, which, unfortunately, are not sufficiently developed within us. All of modern science is subject to these modern habits of thought. For anyone who speaks today about the origin of animals and the origin of the world, this habit of thought lies in the background, and they cannot help but imbue their words and concepts with such a tone that, rich and full of content, they naturally give the impression that it is real.
[ 24 ] Anders ist es mit dem, was man bloß denkt. Man muß heute dazu kommen, in dem, was man bloß denkt, die tiefere Wirklichkeit zu erkennen. Man muß selbst das Schauen des Geistes erlangen. Das ist nicht zu erlangen durch Bücher und Vorträge, nicht durch Theorien und neue Dogmen, sondern durch intime Selbstschulung, welche hineingreift in die Gewohnheiten der Seele des heutigen Menschen. Der Mensch muß zuerst erkennen, daß es nicht absolut notwendig ist, das Sinnlich-Wirkliche als einzig Reales anzuschauen, sondern er muß sich klarmachen, daß er hier nur etwas übt, was durch Jahrhunderte angeregt worden ist. In dieser Art und Weise liegt diese Denkgewohnheit. Sie fließt hinein in das ursprüngliche Empfinden der Menschen, und diese sind sich nicht bewußt, daß sie sich dadurch Illusionen machen, weil ihnen dieselben eingeimpft werden von Anfang an. Dieser Eindruck wirkt zu stark, selbst auf einen Idealisten, so daß es gar nicht anders sein kann, als daß auch er die Sachen so betont und einfließen läßt in die Seele seiner Mitmenschen, daß nur das Sinnlich-Wirkliche das Reale ist.
[ 24 ] The situation is different when it comes to what one merely thinks. Today, one must come to recognize the deeper reality in what one merely thinks. One must attain the vision of the spirit oneself. This cannot be attained through books and lectures, nor through theories and new dogmas, but through intimate self-training that reaches into the habits of the soul of modern man. One must first recognize that it is not absolutely necessary to regard the sensory-real as the only reality; rather, one must realize that one is merely practicing here what has been instilled over centuries. This is the nature of this habit of thinking. It flows into people’s original sensibilities, and they are unaware that they are thereby creating illusions for themselves, because these have been instilled in them from the very beginning. This impression is so powerful, even on an idealist, that it cannot be otherwise than that he, too, emphasizes things in this way and allows them to flow into the souls of his fellow human beings, so that only the sensory-real is the real.
[ 25 ] Unter dieser Umgestaltung der Denkgewohnheiten hat sich die Entwickelung der Theologie vollzogen. Was ist Theologie? Es ist die Wissenschaft vom Göttlichen, wie sie seit Jahrtausenden hergebracht ist. Sie schöpft aus der Bibel, wie die Wissenschaft des Mittelalters aus Aristoteles schöpfte. Aber es ist gerade die Lehre der Theologie, daß keine Offenbarung ewig fortdauert, sondern daß die Welt und die Worte der alten Offenbarungen sich ändern. In der Lehre der katholischen Kirche fließt nicht mehr das unmittelbare geistige Leben; es kommt da darauf an, ob es Persönlichkeiten gibt, von welchen das geistige Leben noch fließen kann. Wenn wir das in dieser Weise fassen, so müssen wir sagen, daß auch die Theologie unter den Denkgewohnheiten des Materialismus steht.
[ 25 ] Theology has evolved through this transformation of ways of thinking. What is theology? It is the science of the divine, as it has been handed down for millennia. It draws from the Bible, just as medieval science drew from Aristotle. But it is precisely the teaching of theology that no revelation lasts forever, but that the world and the words of the ancient revelations change. The immediate spiritual life no longer flows through the teachings of the Catholic Church; what matters there is whether there are personalities through whom the spiritual life can still flow. If we understand it in this way, we must say that theology, too, is subject to the habits of thought of materialism.
[ 26 ] Man hat früher das Sechstage-Werk nicht so aufgefaßt, als ob es sich rein materiell in sechs Tagen abgespielt hätte. Man hat nicht die sonderbare Idee gehabt, daß man den Christus nicht zu studieren habe, um ihn zu verstehen, sondern man hat nur hingedeutet darauf, daß der Logos selbst einmal in dem Menschen Jesus verkörpert war. Wenn man sich dazu nicht hinaufgerungen hat, hat man sich nicht ein Urteil angemaßt, zu erkennen, was da gelebt hat vom Jahre 1 bis 33. Heute sieht man in Jesus — der auch genannt wird der «schlichte Mann aus Nazareth» — nur einen Mann wie jeden anderen, nur edler und idealisiert. Vermaterialisiert ist auch die Theologie. Das ist das Wesentliche, daß die theologische Weltanschauung nicht mehr hinaufsieht in die Höhen des Geistes, sondern rein vernünftig, materialistisch verstehen will, was sich geschichtlich abgespielt hat. Niemand kann das Lebenswerk Christi verstehen, der es bloß als Geschichte betrachtet, der bloß wissen will, wie derjenige ausgeschaut und gesprochen hat, der vom Jahre 1 bis zum Jahre 33 in Palästina gewandert ist. Und niemand kann Anspruch darauf machen zu sagen, daß in ihm nicht etwas anderes lebte als in anderen Menschen. Oder kann jemand wegdiskutieren, wenn er sagt: Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden? - Aber man will die Dinge heute historisch verstehen.
[ 26 ] In the past, the Creation in six days was not understood as having taken place purely in a material sense over the course of six days. People did not hold the strange notion that one need not study Christ in order to understand him; rather, they simply pointed out that the Logos itself was once incarnated in the man Jesus. If one did not strive to rise above this, one did not presume to judge what actually lived there from the years 1 to 33. Today, people see in Jesus—who is also called the “simple man from Nazareth”—only a man like any other, merely nobler and idealized. Theology, too, has become materialized. This is the crux of the matter: that the theological worldview no longer looks up to the heights of the spirit, but seeks to understand, in a purely rational and materialistic way, what took place historically. No one can understand the life’s work of Christ who regards it merely as history, who merely wants to know what the man who wandered through Palestine from the year 1 to the year 33 looked like and how he spoke. And no one can claim that there was nothing in him that was different from other human beings. Or can anyone refute him when he says: “All authority in heaven and on earth has been given to me”?—But today people want to understand things historically.
[ 27 ] Sehr bezeichnend ist es, was in einer Rede gesprochen worden ist am 31. Mai 1904 bei einer Pastoralkonferenz in Elsaß-Lothringen. Da hat ein Professor Lobstein aus Straßburg einen Vortrag gehalten über «Wahrheit und Dichtung in unserer Religion»; eine Rede, die tief sympathisch ist und zeigt, wie sich der materialistische Theologe zurechtfinden will mit der äußeren Forschung. Wer mit materialistischen Denkgewohnheiten an die Evangelien herantritt, wird zunächst versuchen zu begreifen, wann sie geschrieben worden sind. Da wird er sich nur auf die äußerlichen Dokumente verlassen können, auf das, was die äußere Geschichte als das Materielle überliefert. Das Überlieferte aber stammt im Grunde genommen aus einer viel späteren Zeit, als es gewöhnlich angenommen wird. Wenn man das äußere Wort nimmt, so kommt man dazu, zu sagen: die Evangelien widersprechen sich. Die drei Synoptiker, die sich unter einen Hut bringen lassen, hat man zusammengestellt; das Johannes-Evangelium muß man für sich hinstellen. Es ist daher für viele zu einer Art Dichtung geworden. Man hat auch die Paulus-Briefe untersucht und gefunden, daß nur diese oder jene Stelle echt ist. Das sind die Tatsachen, die zur Grundlage der religiösen Forschung gemacht worden sind.
[ 27 ] What was said in a speech on May 31, 1904, at a pastoral conference in Alsace-Lorraine is very telling. There, a Professor Lobstein from Strasbourg gave a lecture on “Truth and Fiction in Our Religion”; a speech that is deeply sympathetic and shows how the materialist theologian seeks to come to terms with external research. Anyone who approaches the Gospels with materialist habits of thought will first try to understand when they were written. In doing so, they will be able to rely only on external documents, on what external history has handed down as the material record. But what has been handed down actually originates from a much later period than is commonly assumed. If one takes the external text at face value, one is led to conclude: the Gospels contradict one another. The three Synoptic Gospels, which can be reconciled, have been compiled together; the Gospel of John must be set apart. It has therefore become a kind of fiction for many. The Pauline Epistles have also been examined, and it has been found that only this or that passage is authentic. These are the facts that have been made the foundation of religious research.
[ 28 ] Die wichtigste Wissenschaft ist daher die Religions- oder Dogmengeschichte geworden. Nicht das Sich-Einleben in die dogmatischen Wahrheiten ist das Wichtige heute, sondern die Religionsgeschichte, das äußerliche Darstellen, wie das alles abgelaufen ist in der damaligen Zeit. Das ist es, was man erforschen will. Das ist es aber, worauf es gar nicht ankommen soll. Für eine materialistische Historie kann das wichtig sein. Das ist aber keine Theologie. Die Theologie hat nicht zu erforschen, wann das Dogma von der Dreifaltigkeit entstanden ist, wann es zuerst ausgesprochen oder niedergeschrieben wurde, sondern was es bedeutet, was es ist, was es uns verkündigt, was es an Lebendigem, Fruchtbarem dem Innenleben bieten kann.
[ 28 ] The most important field of study has therefore become the history of religion or dogma. What matters today is not immersing oneself in dogmatic truths, but rather the history of religion—the external depiction of how all of this unfolded in that era. That is what one seeks to investigate. But that is precisely what should not be the focus at all. It may be important for a materialistic history. But that is not theology. Theology is not concerned with investigating when the dogma of the Trinity arose, when it was first spoken or written down, but rather what it means, what it is, what it proclaims to us, and what living, fruitful elements it can offer to our inner life.
[ 29 ] So ist es gekommen, daß man heute als Professor der Theologie redet von Wahrheit und Dichtung in unserer Religion. Man hat gefunden, daß Widersprüche da sind in den Schriften. Man hat gezeigt, daß manche Dinge nicht übereinstimmen mit der Naturwissenschaft; das sind Dinge, die man Wunder nennt. Man sucht nicht zu begreifen, was damit zu verstehen ist, sondern man sagt einfach, daß es nicht möglich ist. So kam man dazu, den Begriff der Dichtung in die Heilige Schrift einzuführen. Man sagt, daß sie dadurch nicht an Wert verliere, sondern daß die Erzählung eine Art Mythe oder Dichtung sei. Man dürfe sich nicht der Illusion hingeben, daß alles Tatsachen sind, sondern man muß dazu kommen, zu erkennen, daß unsere Heiligen Schriften aus Dichtung und Wahrheiten zusammengesetzt sind.
[ 29 ] This is how it has come to be that today, as a professor of theology, one speaks of truth and fiction in our religion. It has been found that there are contradictions in the scriptures. It has been shown that some things do not agree with the natural sciences; these are things that are called miracles. People do not seek to understand what is meant by them, but simply say that they are not possible. This is how the concept of fiction came to be introduced into Holy Scripture. It is said that this does not diminish its value, but rather that the narrative is a kind of myth or fiction. One must not succumb to the illusion that everything is fact, but must come to recognize that our Holy Scriptures are composed of fiction and truths.
[ 30 ] Das beruht auf einem Mangel an Kenntnis über das Wesen der Dichtung. Dichtung ist etwas ganz anderes, als was die Menschen heute sich unter Dichtung vorstellen. Die Dichtung ist aus dem Geiste hervorgegangen. Die Dichtung hat selbst einen religiösen Ursprung. Bevor es eine Dichtung gab, gab es schon Vorgänge, wie die griechischen Dramen, zu denen die Griechen pilgerten wie zu den eleusinischen Mysterien. Das ist das Urdrama. Wenn es eingeschult wurde, war das für die Griechen zugleich Wissenschaft, aber auch geistige Wirklichkeit. Es war Schönheit und Kunst, zu gleicher Zeit aber auch religiöse Erbauung. So war Dichtung nichts anderes als die äußere Form, die die Wahrheit zum Ausdruck bringen sollte, nicht bloß symbolisch, sondern wirklich zum Ausdruck bringen sollte die Wahrheit auf dem höheren Plan. Dies liegt jeder wahren Dichtung zugrunde. Deshalb sagt Goethe: Nicht «Kunst» ist die Dichtung, sondern eine Auslegung geheimer Naturgesetze, die ohne sie niemals offenbar geworden wären. Deshalb nennt Goethe nur denjenigen «Dichter», der bestrebt ist, die Wahrheit zu erkennen und dies im Schönen zum Ausdruck zu bringen. Wahrheit, Schönheit und Güte sind die Formen, das Göttliche zum Ausdruck zu bringen.
[ 30 ] This stems from a lack of understanding of the nature of poetry. Poetry is something entirely different from what people today imagine it to be. Poetry emerged from the spirit. Poetry itself has a religious origin. Before poetry existed, there were already forms such as Greek drama, to which the Greeks made pilgrimages just as they did to the Eleusinian Mysteries. That is the primal drama. When it was institutionalized, it was for the Greeks both a science and a spiritual reality. It was beauty and art, but at the same time also religious edification. Thus, poetry was nothing other than the outer form intended to express the truth—not merely symbolically, but to truly express the truth on the higher plane. This underlies all true poetry. That is why Goethe says: Poetry is not “art,” but an interpretation of secret laws of nature that would never have been revealed without it. That is why Goethe calls only that person a “poet” who strives to recognize the truth and to express it in beauty. Truth, beauty, and goodness are the forms through which the divine is expressed.
[ 31 ] So können wir nicht über Dichtung und Wahrheit in der Religion sprechen. Die heutige Zeit hat keine richtigen Begriffe mehr von der Dichtung. Sie weiß nicht, wie die Dichtung aus dem Wahrheitsquell selbst hervorsprudelt. Daher gewinnt in ihr jedes Wort etwas durch sie. Wir müssen wieder zum richtigen Begriff der Dichtung kommen. Wir müssen begreifen, was ursprünglich Dichtung war und es anwenden auf das, was die Theologie zu erforschen hat. Wir sagen wohl: An den Früchten sollt ihr sie erkennen. Nun, wohin hat es die Theologie gebracht? In einem Buche, das in der letzten Zeit viel Aufsehen gemacht hat, und das die Leute hingenommen haben, weil es ein moderner Theologe geschrieben hat — ich meine «Das Wesen des Christentums» von Harnack —, befindet sich eine Stelle, und diese Stelle heißt: «Die Osterbotschaft berichtet von dem wunderbaren Ereignis im Garten des Joseph von Arimathia, das doch kein Auge gesehen hat, von dem leeren Grabe, in das einige Frauen und Jünger hineingeblickt, von den Erscheinungen des Herrn in verklärter Gestalt — so verherrlicht, daß die Seinen ihn nicht sofort erkennen konnten —, bald auch von Reden und Taten des Auferstandenen; immer vollständiger und zuversichtlicher wurden die Berichte. Der Osterglaube aber ist die Überzeugung von dem Siege des Gekreuzigten über den Tod, von der Kraft und der Gerechtigkeit Gottes und von dem Leben dessen, der der Erstgeborene ist unter vielen Brüdern. Für Paulus war die Grundlage seines Osterglaubens die Gewißheit, daß [ 31 ] Thus, we cannot speak of fiction and truth in religion. The modern age no longer has a proper understanding of fiction. It does not know how fiction springs forth from the very source of truth. Therefore, every word gains something through it. We must return to a proper understanding of fiction. We must understand what poetry originally was and apply it to what theology must explore. We often say: By their fruits you shall know them. Well, where has this led theology? In a book that has caused quite a stir recently, and which people have accepted because it was written by a modern theologian—I mean *The Essence of Christianity* by Harnack—there is a passage, and this passage reads: “The Easter message tells of the miraculous event in the garden of Joseph of Arimathea, which no eye has seen, of the empty tomb into which some women and disciples looked, of the Lord’s appearances in a transfigured form—so glorified that His own could not recognize Him at once—and soon also of the words and deeds of the Risen One; the reports became ever more complete and confident. But the Easter faith is the conviction of the victory of the Crucified One over death, of the power and righteousness of God, and of the life of Him who is the firstborn among many brothers. For Paul, the foundation of his Easter faith was the certainty that “the second Adam” is from heaven, and the experience that God had revealed His Son to him as the living One on the road to Damascus.” [ 32 ] Die theosophische Weltanschauung sucht die Menschen hinaufzuführen zum Erfassen dieses großen Mysteriums. Der Theologe sagt: Wir wissen heute nicht mehr, was eigentlich im Garten von Gethsemane geschehen ist. Wir wissen auch nicht, wie es sich mit den Nachrichten verhält, die uns die Jünger überliefern von den Geschehnissen. Wir wissen auch nicht den Wert einzuschätzen der Worte über den auferstandenen Christus im Paulus. Wir kommen damit nicht zu Rande. Aber eines ist sicher: Der Glaube an den auferstandenen Heiland ist ausgegangen von diesem Geschehen, und an dem Glauben wollen wir uns halten und uns nicht kümmern um das, was diesem zugrunde liegt. - So finden Sie in der modernen Dogmatik einen Begriff angeführt, der merkwürdig ist für den, der nach Gründen der Wahrheit sucht. Man sagt: Metaphysisch kann man es nicht erklären. Es ist keine Widerrede möglich, aber auch keine Erklärung. Es bleibt nur das Dritte, die religiöse Glaubenswahrheit. [ 32 ] The theosophical worldview seeks to guide people toward an understanding of this great mystery. The theologian says: We no longer know today what actually happened in the Garden of Gethsemane. Nor do we know how to interpret the accounts handed down to us by the disciples regarding those events. Nor can we assess the value of Paul’s words about the risen Christ. We cannot make sense of it. But one thing is certain: faith in the risen Savior arose from this event, and we wish to hold fast to that faith and not concern ourselves with what underlies it. - Thus, in modern dogmatics, you will find a concept cited that is strange to those who seek reasons for the truth. It is said: Metaphysically, it cannot be explained. No objection is possible, but neither is any explanation. Only the third remains: the religious truth of faith. [ 33 ] In Trier haben sie einmal den Rock Christi aufgehangen in dem Glauben, daß der Rock Wunder wirken kann. Dieser Glaube ist verschwunden, denn jeder Glaube ist nur dadurch zu halten, daß er durch Erfahrung bestätigt wird. Es bleibt aber die Tatsache, daß einige das erlebt haben; es bleibt das subjektive religiöse Erlebnis. [ 33 ] In Trier, they once hung up the robe of Christ, believing that it could perform miracles. That belief has faded, for any belief can only be sustained if it is confirmed by experience. What remains, however, is the fact that some people experienced it; what remains is the subjective religious experience. [ 34 ] Die, welche dies sagen, sind angeblich keine Materialisten. In ihrer Theorie sind sie es nicht, aber in ihren Denkgewohnbheiten, in der Art und Weise, wie sie das Geistige erforschen wollen. Das ist die Grundlage des geistigen Lebens unserer heutigen Idealisten und Spiritualisten. Alle haben sie die materialistischen Denkgewohnheiten angenommen. Auch diejenigen, welche sich zusammensetzen wollen, im Sitzungszimmer zusammensitzen und materialisierte Geister sehen wollen, sind materialistisch. Der Spiritismus ist durch unsere materialistischen Denkgewohnheiten möglich geworden. Man sucht heute den Geist materialistisch auf. Alle idealistischen Theorien können nichts fruchten, solange die Erkenntnis des Geistes bloße Theorie bleibt, solange sie nicht Leben wird. [ 34 ] Those who say this are supposedly not materialists. In their theory, they are not, but in their habits of thought, in the way they seek to explore the spiritual realm. This is the foundation of the spiritual life of today’s idealists and spiritualists. They have all adopted materialistic habits of thought. Even those who wish to gather together, sit in a séance room, and see materialized spirits are materialistic. Spiritualism has become possible through our materialistic habits of thought. Today, people seek out the spirit in a materialistic way. All idealistic theories can bear no fruit as long as the knowledge of the spirit remains mere theory, as long as it does not become life. [ 35 ] Das ist das, was eine Erneuerung, eine Renaissance der Theologie erfordert. Es ist nötig, daß nicht nur Glaube vorhanden ist, sondern daß die unmittelbare Schau einfließt bei denen, die das Wort der göttlichen Weltordnung zu verkündigen haben. Die theosophische Weltanschauung will auch im geistigen Gebiete von dem Glauben an die Dokumente, an Bücher und Geschichten hinleiten zu einer Beobachtung des Geistes durch Selbsterziehung. Derselbe Weg, den unsere Wissenschaft genommen hat, soll im geistigen Leben, in der geistigen Weisheit genommen werden. Zur Erfahrung des Geistigen müssen wir wieder kommen. Die Wissenschaft, selbst die Weisheit, entscheiden hier nichts. Nicht durch die Logik, nicht durch das Nachdenken können Sie etwas erforschen. Ihre Logik spinnt ein sinnliches Weltsystem aus der Seele heraus. Geistige Erfahrung ist es aber, welche unser Begreifen anfüllt mit wirklichem Inhalt. Höhere geistige Erfahrung ist es, welche unsere Begriffe anfüllen muß mit geistigem Inhalt. Deshalb wird eine Renaissance der Theologie erst dann eintreten, wenn man verstehen wird das Wort des Apostels Paulus: Alle Weisheit der Menschen ist nicht imstande, die Weisheit, die göttlich ist, zu begreifen. — Die Wissenschaft als solche kann es nicht. Ebensowenig kann das äußere Leben diese geistige Welt erfassen. Alles Nachdenken kann nicht zum Geiste führen; geradesowenig wie der, welcher sich auf eine ferne Insel setzt, jemals große physikalische Wahrheiten ohne Instrumente und ohne wissenschaftliche Methoden finden wird. [ 35 ] This is what a renewal, a renaissance of theology, requires. It is necessary not only that faith be present, but that direct insight be incorporated by those who are to proclaim the word of the divine world order. The theosophical worldview also seeks, in the spiritual realm, to lead from a belief in documents, books, and stories to an observation of the spirit through self-education. The same path that our science has taken must be taken in spiritual life, in spiritual wisdom. We must return to the experience of the spiritual. Science, even wisdom, decides nothing here. You cannot explore anything through logic or through reflection. Your logic spins a sensory world system out of the soul. But it is spiritual experience that fills our understanding with real content. It is higher spiritual experience that must fill our concepts with spiritual content. Therefore, a renaissance of theology will only occur when people come to understand the words of the Apostle Paul: “All human wisdom is incapable of comprehending the wisdom that is divine.” — Science as such cannot do so. Nor can external life grasp this spiritual world. Not all thinking can lead to the spirit; just as little as one who sits on a distant island will ever discover great physical truths without instruments and without scientific methods. [ 36 ] Für die Menschen muß etwas eintreten, was über die Weisheit hinausgeht, was zum unmittelbaren Leben führt. So wie unsere Augen und Ohren uns über die sinnliche Wirklichkeit berichten, so müssen wir unmittelbar erleben das Geistig-Wirkliche. Dann kann unsere Weisheit es erreichen. Paulus hat nie gesagt: Die Weisheit ist die Vorbedingung zur Erreichung des Göttlichen. Erst wenn wir die ganze Weltweisheit zusammengefunden haben, werden wir wieder imstande sein, das Ganze zusammenzubringen. Erst wenn wir wieder ein geistiges Weltentstehungsgebäude haben, wie wir ein materialistisches haben — auf der anderen Seite müssen wir nicht den alten Glauben haben, sondern anschauen, hier und dort —, dann wird sich Sinnliches und Geistiges in einer Kette zusammenschließen, und man wird wieder vom Geiste herabsteigen können bis zu dem, was die sinnliche Wissenschaft lehrt. [ 36 ] What is needed for human beings is something that goes beyond wisdom, something that leads to direct experience of life. Just as our eyes and ears convey sensory reality to us, so must we directly experience the spiritual reality. Then our wisdom can attain it. Paul never said: Wisdom is the prerequisite for attaining the divine. Only when we have gathered all the wisdom of the world will we once again be able to bring the whole together. Only when we once again have a spiritual framework for the origin of the world, just as we have a materialistic one—on the other hand, we need not hold to the old faith, but look here and there—will the sensory and the spiritual unite in a chain, and one will once again be able to descend from the spirit down to what sensory science teaches. [ 37 ] Das ist es, was die theosophische Weltanschauung bringen will. Sie will nicht Theologie sein, nicht Lehre von einem Buche und auch nicht die Interpretation eines Buches, sondern sie will Erfahrung von dem geistigen Leben, sie will Mitteilungen von den Erfahrungen dieses geistigen Lebens geben. Auch heute spricht dieselbe geistige Kraft zu uns, die einstmals bei der Verkündigung der Religionssysteme gesprochen hat. Und es muß die Aufgabe dessen sein, der etwas von der göttlichen Weltordnung lehren will, daß er den Aufstieg sucht, wo er wieder einsam im Herzen sprechen kann mit dem Geistherzen der Welt. Der Umschwung wird sich dann vollziehen in unserer Fakultät, der sich vollzogen hat vom Mittelalter zur Neuzeit auf dem Gebiete der äußeren Naturwissenschaft. Dann wird es kommen, daß, wenn einer etwas verkündigt vom Geist, und ihm einer entgegentritt mit den Worten: Es steht aber anders in den Schriften —, er ihn vielleicht überzeugen wird oder auch nicht. Vielleicht sagt der ihm auch: Ich glaube aber mehr den Schriften als dem, was mancher aus der unmittelbaren Erfahrung sagen kann. - Der Gang des Geisteslebens ist aber nicht aufzuhalten. Mag es viele Hemmungen geben, mögen die, welche heute im Sinne des erwähnten mittelalterlichen Aristoteles-Anhängers für die Theologie wirken, sich noch so sträuben, der Umschwung, der sich hier vollziehen muß, läßt sich nicht aufhalten. Wie das Wissen vom Glauben zum Schauen aufgestiegen ist, so werden wir auch aufsteigen vom Glauben zum Schauen auf dem geistigen Gebiet, und schauen in der Theosophie. Dann wird es keinen Buchstabenglauben, keine Theologie mehr geben, dann wird es lebendiges Leben geben. Der Geist des Lebens wird sich mitteilen denen, die ihn hören können. Das Wort wird sich auf die Lippen drängen und in populärer Weise den Ausdruck finden. Der Geist wird vom Geiste sprechen. Leben wird da sein, und die Theologie wird die Seele dieses religiösen Lebens sein. [ 37 ] This is what the Theosophical worldview seeks to offer. It does not seek to be theology, nor a doctrine derived from a book, nor the interpretation of a book; rather, it seeks to provide an experience of spiritual life and to convey the experiences of that spiritual life. Even today, the same spiritual power speaks to us that once spoke when the religious systems were proclaimed. And it must be the task of anyone who wishes to teach about the divine world order to seek the ascent where he can once again speak in solitude within his heart with the spiritual heart of the world. The transformation will then take place within our faculty, just as it occurred from the Middle Ages to the modern era in the realm of external natural science. Then it will come to pass that when someone proclaims something of the spirit, and another opposes him with the words: “But it is written differently in the Scriptures”—he may or may not convince him. Perhaps the other will also say to him: “But I believe the Scriptures more than what some may say from immediate experience.”—Yet the course of spiritual life cannot be stopped. There may be many obstacles, and those who today work for theology in the spirit of the aforementioned medieval Aristotelian may resist as much as they like, but the transformation that must take place here cannot be stopped. Just as knowledge has risen from faith to vision, so too will we rise from faith to vision in the spiritual realm, and see in theosophy. Then there will be no more literal faith, no more theology; then there will be living life. The Spirit of Life will reveal itself to those who can hear it. The Word will press upon the lips and find expression in a popular way. The Spirit will speak of the Spirit. Life will be there, and theology will be the soul of this religious life. [ 38 ] Diesen Beruf hat die Theosophie in bezug auf die theologische Fakultät. Wenn die Theosophie eine Bewegung darstellt, die lebensfähig sein will, die Leben und Lebenssaft hineinzuströmen vermag in den Buchstaben der Gelehrsamkeit, dann haben wir eine gewisse Mission. Wer die Sache so faßt, wird uns nicht als Feind auffassen gegenüber denjenigen, welche das Wort zu verkündigen haben. Würden diejenigen, welche Theologen sind, sich ernsthaft mit dem, was die theosophische Bewegung will, befassen, würden Theologen sich einlassen auf das, was wir wollen, sie würden in der Theosophie etwas sehen, was sie selbst beflügeln und beleben könnte. Sie würden darin etwas sehen, was sie beleben müßte. Nicht Zersplitterung, sondern der tiefste Friede könnte sein zwischen ehrlich theologisch und theosophisch Strebenden. Man wird das im Laufe der Zeit erkennen. Man wird über die Vorurteile gegenüber der theosophischen Bewegung hinauskommen und dann sehen, wie wahr es ist, was Goethe gesagt hat: [ 38 ] This is the role of Theosophy in relation to the theological faculty. If Theosophy is to be a movement that seeks to be viable, capable of infusing life and vitality into the letter of scholarship, then we have a certain mission. Those who view the matter in this way will not regard us as enemies of those who are called to proclaim the Word. If theologians were to seriously engage with what the Theosophical Movement seeks, if they were to open themselves to our aims, they would see in Theosophy something that could inspire and enliven them. They would see in it something that ought to invigorate them. Not fragmentation, but the deepest peace could exist between those who are earnestly striving theologically and theosophically. This will become apparent in time. People will overcome their prejudices against the Theosophical Movement and then see how true it is what Goethe said: “/p” Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, Whoever possesses science and art, [ 39 ] Die Theosophie wird keine Religion in keiner Form bekämpfen. Der ist ein rechter Theosoph, der wünscht, daß einströmen kann die Weisheit in diejenigen, die berufen sind, zu der Menschheit zu sprechen, so daß nicht notwendig sein sollte, daß es Theosophen gibt, die etwas sagen über die unmittelbare religiöse Schau. Den Tag kann die Theosophie mit Freuden begrüßen, wo von den Stätten, von denen Religion verkündigt werden soll, die Weisheit gesprochen wird, Wenn so die Theologen die rechte Religion verkündigen, dann wird man keine Theosophie mehr brauchen. [ 39 ] Theosophy will not oppose any religion in any form. A true Theosophist is one who desires that wisdom may flow into those who are called to speak to humanity, so that it should not be necessary for Theosophists to speak about direct religious vision. Theosophy can joyfully welcome the day when wisdom is spoken from the very places where religion is to be proclaimed. If theologians thus proclaim the true religion, then there will be no further need for Theosophy.
Hat auch Religion;
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion.
Also possesses religion;
Whoever does not possess those two,
Let him have religion.
