The Origin and Purpose of Humanity
Basic Concepts of Spiritual Science
GA 53
18 May 1905, Berlin
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The Origin and Purpose of Humanity, tr. SOL
21. Die juristische Fakultät und die Theosophie
21. Law School and Theosophy
[ 1 ] Wenn es entlegen scheinen könnte, über irgendein Thema im Zusammenhang mit der Theosophie zu sprechen, so könnte das gewiß mit Bezug auf das heutige gelten, wo wir den Versuch machen wollen, unser juristisches Studium und unser juristisches Leben im Zusammenhang zu betrachten mit dem, was wir die theosophische Bewegung nennen. Das kann nur derjenige zunächst als berechtigt anerkennen, welcher sich klar darüber ist, wie tief die theosophische Bewegung von denjenigen, die in ihr stehen, die ihre ganze Bedeutung kennen, als eine praktische Bewegung aufgefaßt wird. Am wenigsten hält der wirkliche Theosoph von den Theorien und den Dogmen. Das Wesentliche der theosophischen Bewegung ist aber, daß sie eingreift in das unmittelbare Leben. Und wenn etwa von der theosophischen Bewegung als einer solchen gesprochen wird, welche der Praxis des Lebens fernstehen soll, so kann das nur auf einem völligen Verkennen oder einem Mißverständnisse gegenüber dieser Bewegung herrühren.
[ 1 ] If it might seem far-fetched to discuss any topic related to theosophy, this would certainly apply to today’s topic, in which we wish to attempt to view our legal studies and our legal lives in connection with what we call the theosophical movement. Only those who are fully aware of how deeply the Theosophical Movement is understood by its members—those who know its full significance—as a practical movement can initially recognize this as justified. The true Theosophist cares least of all for theories and dogmas. The essence of the Theosophical Movement, however, is that it intervenes in immediate life. And if, for example, the Theosophical Movement is spoken of as one that is supposed to be far removed from the practice of life, this can only stem from a complete misunderstanding or misinterpretation of this movement.
[ 2 ] Gegenüber der theosophischen Bewegung nehmen sich eine große Anzahl der übrigen Bewegungen als eminent unpraktisch aus, weil sie Teilbewegungen sind, ohne Kenntnis des großen Zusammenhangs und ohne Kenntnis der großen Prinzipien des Lebens. Gerade in dieser Beziehung wird uns heute manche Frage des Lebens beschäftigen müssen. Was könnte in unserem Leben noch tiefer eingreifen als das, was von der Jurisprudenz herrührt? Im Sinne der theosophischen Weltanschauung haben wir es naturgemäß weniger zu tun mit dem, was man das Recht oder die Gesetze nennt. Vielmehr haben wir es zu tun mit den wirklichen Verhältnissen, wie sie uns entgegentreten, und zwar mit denjenigen, die uns in der Gestalt der Menschen selbst entgegentreten, wirklich in unserer Jurisprudenz in der Gestalt unserer praktischen Juristen selbst. Daher hat das Thema nicht umsonst den Namen «Die juristische Fakultät und die Theosophie».
[ 2 ] Compared to the Theosophical Movement, a large number of other movements appear eminently impractical because they are partial movements, lacking an understanding of the greater context and the great principles of life. It is precisely in this regard that certain questions of life will have to occupy us today. What could have a deeper impact on our lives than that which stems from jurisprudence? In the context of the theosophical worldview, we naturally have less to do with what is called law or legislation. Rather, we are concerned with the actual circumstances as they present themselves to us—specifically those that confront us in the form of human beings themselves, and indeed, in our jurisprudence, in the form of our practicing lawyers themselves. It is therefore no coincidence that the topic bears the title “The Law School and Theosophy.”
[ 3 ] Vor allem handelt es sich darum: Wie bildet man die Menschen aus, welche berufen sind, einzugreifen in das verletzte Recht und einen Ausgleich zu schaffen dem verletzten Recht? Wie bildet die Hochschule die nötigen Elemente heran, wie bildet sie die Juristen aus? Im letzten Vortrag über die theologische Fakultät und die Theosophie, der viel intimer das Verhältnis der Theosophie zu unserer Hochschule darlegen konnte, habe ich darauf aufmerksam machen müssen, wie die Sachen in dieser Beziehung liegen. Nicht so sehr die materialistische Denkart als vielmehr die tiefen, in die Gemüter und Seelen der Menschen eingewurzelten Denkgewohnheiten unserer Zeit sind es, welche in unser Leben einen gewissen Grundzug hineinlegen. Das wird uns heute noch viel mehr zu beschäftigen haben.
[ 3 ] Above all, the question is: How do we train those who are called to intervene when justice has been violated and to restore balance to that violated justice? How does the university cultivate the necessary elements, how does it train lawyers? In the last lecture on the theological faculty and theosophy, which was able to explain the relationship between theosophy and our university in much greater detail, I had to draw attention to how things stand in this regard. It is not so much the materialistic way of thinking as the deep habits of thought of our time, rooted in the minds and souls of people, that impart a certain fundamental character to our lives. This will occupy us even more today.
[ 4 ] Sehen Sie, mit einer einzigen Tatsache könnte ich Ihnen die Lage bezeichnen, in der wir sind, wenn wir diese heutige Frage: die juristische Fakultät und die theosophische Bewegung, streifen. Wer sich nur einigermaßen mit der Juristischen Fakulrät befaßt hat, kennt den Namen Rudolf von Jhering nicht nur durch seine Schrift: «Der Kampf ums Recht». Jeder weiß auch, welche Bedeutung sein großes Werk: «Der Zweck im Recht» hat. In diesem Werke ist etwas geschaffen, was grundlegend für eine ganze Summe prinzipieller Anschauungen in unserer Rechtsauffassung und in unserer Rechtswissenschaft ist. Jhering war zweifellos einer unserer bedeutendsten Rechtsgelehrten. Wer selbst das Glück gehabt hat, einem Vortrage Jherings einmal beizuwohnen, der weiß, welche eindringliche Sprache dieser Rechtslehrer gesprochen hat. Es war etwas Aufrichtiges in der Natur Rudolf von Jherings. Ich weiß mich noch zu erinnern, wie es vorkam, daß Jhering in einer Stunde sagte: Ich habe das letzte Mal über diese oder jene Frage gesprochen; ich habe mir die Sache noch einmal überlegt und muß noch wesentliche Veränderungen mitteilen. — Von denjenigen, die auf anderen Gebieten Ähnliches gemacht haben, wäre vielleicht noch der Physiker Helmholtz zu erwähnen, der durch seine bedeutenden Arbeiten so große Erfolge hatte, trotz der bescheidenen Art, in der er wirkte. Ich führe Jhering an, weil er originell und tief gewirkt hat. Er war ein ausgezeichneter Jurist, der tief eingegriffen hat in die Rechtswissenschaft unserer Tage. In seinem Werke «Der Zweck im Recht» finden Sie einen bedeutungsvollen Satz. Ich möchte die Stelle wörtlich vorlesen: «Wenn ich es je bedauert habe, daß meine Entwickelung in eine Periode gefallen ist, wo die Philosophie in Mißkredit gekommen war, so ist es mit dem gegenwärtigen Werke. Was damals unter der Ungunst der herrschenden Stimmung von dem jungen Mann versäumt worden ist, das hat von dem gereiften Manne nicht nachgeholt werden können.» Auf einen tiefen Mangel in bezug auf die Ausbildung der Juristen deutet ein solcher Ausspruch. Was hier gemangelt hat, das finden Sie nicht nur als Niederschlag im ganzen öffentlichen Leben, soweit es von juristischen Verhältnissen abhängig ist, sondern auch in der Literatur, nicht nur der juristischen, sondern der gesamten Literatur, soweit diese beeinflußt ist von juristischem Denken. Sie finden es weiter in aller Reformliteratur. Überall finden Sie es, auch im praktischen Leben, weil das Wichtigste fehlt, nämlich eine wirkliche Kenntnis des Lebens und der menschlichen Seele.
[ 4 ] You see, with a single fact I could describe to you the situation we find ourselves in when we touch upon today’s topic: the law school and the Theosophical Movement. Anyone who has even a passing familiarity with the law school knows the name Rudolf von Jhering not only from his work: “The Struggle for Law.” Everyone also knows the significance of his great work: “The Purpose of Law.” In this work, he created something that is fundamental to a whole body of principled views in our conception of law and in our jurisprudence. Jhering was undoubtedly one of our most significant legal scholars. Anyone who has had the good fortune to attend one of Jhering’s lectures knows what forceful language this legal scholar used. There was something sincere in Rudolf von Jhering’s nature. I still remember how it happened that Jhering said during a lecture: “I spoke about this or that question last time; I have reconsidered the matter and must now report some significant changes.” — Among those who have achieved similar feats in other fields, the physicist Helmholtz might also be mentioned, who achieved such great success through his significant works, despite the modest manner in which he conducted his work. I cite Jhering because he had an original and profound impact. He was an outstanding jurist who made a deep mark on the jurisprudence of our time. In his work *The Purpose of Law*, you will find a significant passage. I would like to read the passage verbatim: “If I have ever regretted that my development fell into a period when philosophy had fallen into disrepute, it is with regard to the present work. What the young man failed to do at that time under the unfavorable prevailing mood could not be made up for by the mature man.” Such a statement points to a profound deficiency in the education of lawyers. What was lacking here is reflected not only in all of public life, insofar as it depends on legal conditions, but also in literature—not just legal literature, but all literature, insofar as it is influenced by legal thinking. You will find it further in all reform literature. You will find it everywhere, even in practical life, because the most important thing is missing: namely, a true understanding of life and the human soul.
[ 5 ] Warum fehlt sie? Weil unsere unpraktischen Praktiker keine Ahnung haben, wie das Leben des Alltags zusammenhängt mit den tiefen Prinzipien der einzelnen Menschenseele. Halten Sie Umschau bei unseren Nationalökonomen, halten Sie Umschau bei denen, die im Dienste einer Reformbewegung schreiben oder sprechen. Wer ein mathematisch geschultes Denken hat, wer imstande ist, streng logisch seine Gedankenfolge‘ aufzubauen, wird sehen, daß sie überall fehlt, und er wird sich erinnern an eine bedeutsame Rede, welche John Stuart Mill gehalten hat, worin er sagt, daß es vor allen Dingen not tue, daß in unsere öffentlichen Verhältnisse eindringe eine wirkliche Schulung des Denkens, eine Schulung in den elementarsten Prinzipien des Seelenlebens.
[ 5 ] Why is it missing? Because our impractical practitioners have no idea how everyday life is connected to the deep principles of the individual human soul. Take a look at our economists; take a look at those who write or speak in the service of a reform movement. Anyone with a mathematically trained mind, anyone capable of constructing a strictly logical train of thought, will see that it is missing everywhere, and will recall a significant speech given by John Stuart Mill, in which he says that, above all else, it is necessary for a true training of the mind—a training in the most elementary principles of the life of the soul—to penetrate our public affairs.
[ 6 ] Es gehört wahrhaftig wenig dazu, seine Gedanken in dieser Weise zu schulen, wie es nötig wäre, um wirklich Reformer zu werden. Drei Wochen würden genügen, wenn man sich einlassen würde auf eine wirkliche Prinzipienlehre des Denkens. Allerdings hat man dann nur die Möglichkeit, richtig und geschult zu denken, aber wer richtig und geschult denkt, der legt ohnedies vieles von dem beiseite, was heute geschrieben wird, weil er es nicht ertragen kann, was darin für ein Wust von unmöglichem Denken liegt. Machen Sie sich nur einmal klar, daß dies im eminentesten Sinne eine handgreiflich praktische Frage ist. Wenn einer einen Tunnel bauen wollte und mit der Kenntnis des gewöhnlichen Maurers auf der einen Seite des Berges anfinge zu klopfen und zu graben, und glaubte, er würde ganz sicher auf der anderen Seite herauskommen und dann einen großen Tunnel gebaut haben, den würden Sie vermutlich für einen Toren halten. Aber auf allen Gebieten des Lebens tut man heute fast genau dasselbe. Was gehört dazu, einen Tunnel, eine Eisenbahn, eine Brücke zu bauen? Die Kenntnis der ersten Prinzipien der Mathematik und der Mechanik und alles dessen, was uns in die Möglichkeit versetzt, von vornherein etwas vorauszusehen von den Schichten und Formationen des Berges, in den man hineinarbeiten will. Nur ein geschulter Techniker ist imstande, eine solche Arbeit wirklich einzuleiten, und der ist erst der wirkliche Praktiker, der auf der Grundlage der gesamten Theorie an die Praxis herangeht. Das ist dasjenige, was die Welt in bezug auf die wichtigsten Lebensfragen vollständig übersieht, ja, man nennt gerade diejenigen unpraktisch, welche glauben, daß ein Besitz von Kenntnissen nötig ist, um die großen Fragen des Lebens zu lösen. So sehen wir heute die Tunnelgräber auf allen Gebieten des menschlichen Lebens ohne genügende grundlegende Erkenntnisse, ohne daß sie sich klar darüber werden, daß es notwendig ist, ehe man an eine praktische Reformbewegung herangeht, sich die ganzen grundlegenden Kenntnisse und Erkenntnisse der menschlichen Seele anzueignen und sich Klarheit zu verschaffen über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten auf diesem und jenem Gebiete.
[ 6 ] It truly takes very little to train one’s mind in the way necessary to become a true reformer. Three weeks would suffice if one were to engage in a genuine study of the principles of thought. Of course, one would then only have the ability to think correctly and with discipline, but anyone who thinks correctly and with discipline will in any case set aside much of what is written today, because they cannot bear the jumble of impossible thinking contained therein. Just realize for a moment that this is, in the most eminent sense, a tangibly practical question. If someone wanted to build a tunnel and, with the knowledge of an ordinary bricklayer, began chiseling and digging on one side of the mountain, believing he would certainly emerge on the other side and have built a great tunnel, you would probably consider him a fool. But in all areas of life today, people do almost exactly the same thing. What does it take to build a tunnel, a railroad, a bridge? Knowledge of the first principles of mathematics and mechanics, and everything that enables us to foresee from the outset the layers and formations of the mountain into which one intends to work. Only a trained engineer is capable of truly initiating such a project, and the true practitioner is the one who approaches practice on the basis of the entire theory. This is precisely what the world completely overlooks when it comes to the most important questions of life; indeed, it is precisely those who believe that a foundation of knowledge is necessary to solve the great questions of life who are called impractical. Thus we see today the tunnel diggers in all areas of human life lacking sufficient fundamental understanding, without realizing that before one approaches a practical reform movement, it is necessary to acquire the full range of fundamental knowledge and insights into the human soul and to gain clarity regarding the possibilities and impossibilities in this or that field.
[ 7 ] Das ist es, was mehr oder weniger zum Vorschein kommt durch das, was dieser große Jurist in bezug auf die grundlegende Bildung sagt. Denn eine solche grundlegende philosophische Bildung hat er in bezug auf seine Wissenschaft vermißt und es ehrlich eingestanden. Daher werden Sie sehen, wie sehr ich entfernt bin davon, eine einzelne Person oder eine Institution zu kritisieren. Nur eine Charakteristik wollte ich geben von den Verhältnissen, wie sie im Leben uns entgegentreten. Dann wird sich uns die Frage am leichtesten beantworten, was die theosophische Bewegung für eine praktische Bedeutung für die Jurisprudenz hat.
[ 7 ] This is what emerges, more or less, from what this great jurist says regarding a foundational education. For he has honestly admitted that he lacked such a foundational philosophical education in relation to his field of study. Therefore, you will see how far I am from criticizing any individual or institution. I merely wished to offer a characterization of the circumstances as they present themselves to us in life. Then the question of what practical significance the Theosophical Movement has for jurisprudence will be easiest for us to answer.
[ 8 ] Die Jurisprudenz hat sich am denkbar ungünstigsten entwickelt im Laufe der geschichtlichen Verhältnisse, weil so, wie sie sich heute ausdrückt in den verschiedensten Rechtssystemen und Rechtsschulen, sie sich erst ausgebildet hat in einer Zeit, in welcher das materialistische Denken schon alle Kreise ergriffen hatte. Die anderen Wissenschaften gehen auf die älteren Zeiten zurück, und diejenigen, welche sich auf die Naturkunde stützen, haben in ihren festen Tatsachen eine Stütze, die sie nicht so leicht dazu kommen läßt, abzuirren nach allen Seiten.
[ 8 ] Jurisprudence has developed in the most unfavorable way possible in the course of historical circumstances, because, as it is expressed today in the most diverse legal systems and schools of law, it first took shape at a time when materialistic thinking had already taken hold in all circles. The other sciences date back to earlier times, and those based on natural science have in their established facts a foundation that does not allow them to stray in all directions so easily.
[ 9 ] Derjenige, der eine Brücke falsch baut, wird selbstverständlich sehr bald die Folgen seines dilettantischen Vorgehens einsehen. So leicht ist es aber nicht mit den Tatsachen, welche auf dem geistigen Gebiete uns entgegentreten. Da kann gepfuscht werden, und es kann disputiert werden darüber, ob eine Sache gut oder schlecht ist. Da gibt es scheinbar kein objektives Kriterium. Nach und nach wird es aber auch in dieser Beziehung objektive Kriterien geben. Ich sagte, daß Jhering bei sich vermißt eine philosophische Grundlegung. Und ich sage, daß man dies überall vermissen kann, wo man in unser Leben eingreift.
[ 9 ] Anyone who builds a bridge incorrectly will, of course, very soon realize the consequences of their amateurish approach. But it is not that simple when it comes to the facts we encounter in the realm of the mind. There, one can botch things up, and one can argue about whether something is good or bad. There seems to be no objective criterion. Gradually, however, objective criteria will emerge in this regard as well. I said that Jhering lacks a philosophical foundation in his work. And I say that this can be found lacking wherever one intervenes in our lives.
[ 10 ] Nun werden Sie sagen, Philosophie ist aber nicht Theosophie. Daran liegt es aber gerade. Die Philosophie war nämlich eine Zeitlang — nehmen Sie das 16., 17. Jahrhundert, noch das 18. Jahrhundert bis hinein in unser 19. Jahrhundert —, sie war in gewisser Beziehung die grundlegende Disziplin für alles übrige Studium. Welchen Nachteil es für die Theologie gebracht hat, daß die Philosophie nicht mehr dieses Grundlegende der Studien ist, haben wir das letzte Mal gesehen. Aber in der Theologie gibt es Ersatz für das mangelnde philosophische Studium. Keinen Ersatz gibt es aber auf dem juristischen Felde, Als die alten Gymnasien sich aus den alten Schulen herausgebildet hatten, ist die Philosophie etwas geworden, was gleichsam zwischen zwei Stühlen sitzt. Es gab früher Vorschulen auf allen Universitäten, wo den Leuten in mannigfaltigen Disziplinen eine Übersicht geboten wurde, durch die sie sich auch eine Übersicht über die Gesetze des Lebens verschaffen konnten. Niemand rückte auf zu den höheren Fakultäten, ohne daß er sich eine wirkliche Kenntnis der Gesetze des Lebens angeeignet hatte. Nun hält man das Philosophieren für überflüssig, weil man glaubt, daß das Gymnasium die allgemeine Bildung geben würde. Aber auch das ist heute in den Gymnasien verschwunden. Nur wenige altertümliche Leute vertreten heute noch den Standpunkt, daß man auch im Gymnasium ein bißchen Logik und Psychologie treiben sollte.
[ 10 ] Now you might say, “But philosophy is not theosophy.” That is precisely the point. For a time—take the 16th, 17th, and even the 18th centuries, right up into our 19th century—philosophy was, in a certain sense, the foundational discipline for all other studies. We saw last time what disadvantage it has brought to theology that philosophy is no longer this foundation of studies. But in theology there is a substitute for the lack of philosophical study. There is no substitute, however, in the legal field. When the old gymnasiums emerged from the old schools, philosophy became something that, so to speak, fell between two stools. In the past, there were preparatory schools at all universities where students were offered an overview of various disciplines, through which they could also gain an understanding of the laws of life. No one advanced to the higher faculties without having acquired a genuine understanding of the laws of life. Now, philosophizing is considered superfluous because it is believed that the high school provides a general education. But even that has disappeared from high schools today. Only a few old-fashioned people still hold the view that a little logic and psychology should also be taught in high school.
[ 11 ] So ist es gekommen, daß die Justiz ein einseitiges Fachstudium trieb. Die anderen Fakultäten haben im Grunde genommen auch keine eigene Vorschule, welche eine allgemeine, wirkliche Lebenskenntnis und ein tiefes Hineinschauen in die Rätsel und in die Fragen des Lebens vermittelt. So treten denn die Studenten frühzeitig heran an die speziellen Fragen und müssen sich in notwendiger Weise in diese Spezialfragen mehr und mehr verbohren. So kommt es, daß der Jurist schon in der Ausbildung in eine ganz bestimmte Richtung hineingebracht wird. Das bezieht sich nicht auf Einzelheiten; aber der, welcher Jahre hindurch mit bestimmten Formen von Begriffen angefüllt worden ist, kann nicht mehr von diesen Begriffen loskommen. Die Voraussetzungen sind solche, daß er jeden für einen Dummkopf ansehen muß, der sich eine gewisse Freiheit des Denkens erhalten hat bezüglich solcher Begriffe, die für ihn ganz fest geworden sind innerhalb seiner Studienjahre.
[ 11 ] This is how it came to be that the legal profession pursued a one-sided specialized course of study. The other faculties, for the most part, also lack their own preparatory program that imparts a general, genuine understanding of life and a deep insight into life’s mysteries and questions. Thus, students are introduced to specialized questions at an early stage and are necessarily forced to delve deeper and deeper into these specialized topics. This is why the lawyer is steered in a very specific direction even during his training. This does not refer to details; but he who has been filled with certain forms of concepts over the years can no longer break free from these concepts. The conditions are such that he must regard as a fool anyone who has retained a certain freedom of thought regarding concepts that have become completely fixed for him during his years of study.
[ 12 ] Nun ist die Philosophie gerade in der Zeit, in der sich unser neuzeitliches Denken ausgebildet hat, etwas geworden, was dem Leben in einer gewissen Beziehung fernsteht. Im Mittelalter gab es keine Philosophie, die abgesondert war, ich meine, die praktisch abgesondert war von der Theologie. Alles, was die Philosophie behandelte, knüpfte an an die großen und umfassenden Fragen des Daseins. Das ist anders geworden in der neueren Zeit. Die Philosophie hat sich emanzipiert; sie ist zu einer Wissenschaft geworden, weil sie keinen Zusammenhang in direkter Weise mehr hat — und das werde ich in dem Vortrage über die philosophische Fakultät noch näher ausführen — mit den Zentralfragen des Lebens. Deshalb ist es gekommen, daß man durch Jahrhunderte hindurch Philosophie studieren konnte, ohne mit der Terminologie noch ein wirklich Lebendiges zu verbinden. Es war im 18. Jahrhundert schon noch etwas da, das die Philosophie zur Weltweisheit machte. Als Schelling, Hegel und Fichte kamen, da wurde das unmittelbare Leben ergriffen. Diese Geister wurden aber nicht verstanden. Eine kurze Blütezeit ist dagewesen in der ersten Zeit des 19. Jahrhunderts. Dann aber folgte ein allgemeines Mißverständnis in bezug darauf, die Philosophie in einem wirklichen Zusammenhang mit dem Leben zu betrachten, und zwischen dem Leben und den höchsten Prinzipien des Denkens auf allen Gebieten einen solchen Zusammenhang zu begründen, wie er besteht zwischen der Mathematik, der Differentialrechnung und dem Brückenbau,
[ 12 ] Now, precisely during the period in which our modern way of thinking took shape, philosophy has become something that, in a certain sense, stands apart from life. In the Middle Ages, there was no philosophy that was separate—I mean, practically separate—from theology. Everything philosophy dealt with was connected to the great and comprehensive questions of existence. That has changed in more recent times. Philosophy has emancipated itself; it has become a science because it no longer has a direct connection—and I will elaborate on this further in the lecture on the philosophy department—with the central questions of life. That is why it came to pass that, for centuries, one could study philosophy without connecting the terminology to anything truly alive. In the 18th century, there was still something that made philosophy a wisdom of the world. When Schelling, Hegel, and Fichte came along, they grasped immediate life. But these minds were not understood. There was a brief heyday in the early 19th century. But this was followed by a general misunderstanding regarding the need to view philosophy in a genuine connection with life, and to establish between life and the highest principles of thought in all fields a connection such as exists between mathematics, differential calculus, and bridge-building,
[ 13 ] Das wollen wir, daß diejenigen, welche arbeiten an dem Leben, einsehen, daß es notwendig ist, bestimmte Voraussetzungen zu haben, wie man Mathematik studiert haben muß bei dem Brückenbau. Nicht Dogmen will die Theosophie lehren, sondern eine Denkweise und eine Lebensanschauung; die Lebensanschauung, die das Gegenteil sein soll von allem Herumpfuschen, die begründen soll eine auf ernste Prinzipien begründete Auffassung des Lebens. Man braucht nichts von den Prinzipien zu wissen und kann doch ein guter Theosoph sein, wenn man einfach auf den Ursprung der Dinge gehen will. Die Philosophie ist selbst schuld, wenn sie in Mißkredit gekommen ist bei denen, die sich vorbereiten auf die großen Fragen des Lebens, denn sie sollte eben eine Art von Weltweisheit sein. Diejenigen, welche unsere Rechtsweisheit zum System ausgebildet haben, konnten nicht an die philosophische Gesinnung anknüpfen. Die Naturwissenschaft knüpft selbstverständlich noch an die Mathematik an, knüpft an an das Rationale, an die Mechanik und so weiter, und es kann einer nicht Naturforscher sein, der nicht diese ersten Prinzipien wirklich kennt.
[ 13 ] We want those who work on life to realize that certain prerequisites are necessary, just as one must have studied mathematics to build a bridge. Theosophy does not seek to teach dogmas, but rather a way of thinking and a view of life; a view of life that is the opposite of all frivolity, one that establishes a conception of life grounded in serious principles. One need not know anything about these principles and can still be a good theosophist if one simply seeks to go to the origin of things. Philosophy has only itself to blame if it has fallen into disrepute among those who are preparing to address the great questions of life, for it was meant to be a kind of worldly wisdom. Those who developed our legal wisdom into a system could not build upon the philosophical mindset. Natural science, of course, still ties in with mathematics, with the rational, with mechanics, and so on, and one cannot be a natural scientist who does not truly know these first principles.
[ 14 ] Nun hängt es zusammen mit der Entwickelung des Rechtes, ein Bewußtsein davon zu erwerben, daß auch das Recht hervorgehen muß aus einer grundlegenden Bildung, die ebenso sicher und gewiß ist wie die mathematische. Es ist interessant, daß dasjenige Volk, welches im eminentesten Sinne das Recht ausgebildet hat, gerade groß geworden ist in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit durch die Ausbildung des Rechtes, daß das römische Volk, grandios gerade auf diesem Gebiete, klein war in bezug auf diejenige Denkweise, die man aber auch für dieses Gebiet fordern muß: Nicht einen einzigen mathematischen Lehrsatz haben die Römer zustande gebracht! Eine ganz unmathematische und unexakte Denkweise lag dem römischen Denken zugrunde. Daher hat sich durch die Jahrhunderte herauf das Vorurteil eingeschlichen, daß es nicht möglich wäre, für das Gebiet der Jurisprudenz und der Sozialwissenschaft eine solche Grundlage zu haben, wie man sie für die übrigen, die technischen Gebiete, hat.
[ 14 ] Now, the development of law is linked to the acquisition of an awareness that law, too, must arise from a fundamental foundation that is just as certain and secure as that of mathematics. It is interesting that the very people who developed the law in the most eminent sense—and who rose to prominence in the history of human development precisely through the development of the law—namely the Roman people, who were magnificent in this very field, were lacking in the kind of thinking that is also required in this area: the Romans did not produce a single mathematical theorem! A completely non-mathematical and inexact way of thinking underlay Roman thought. Hence, over the centuries, the prejudice has crept in that it would not be possible to have for the fields of jurisprudence and the social sciences a foundation such as one has for the other, technical fields.
[ 15 ] Ich möchte ein charakteristisches Symptom für diese Tatsache anführen. Es ist fünfzehn Jahre her, da trat ein bedeutender Jurist das Rektorat der Universität Wien an, Adolf Exner. Er war ein bedeutender Lehrer des römischen Rechtes. Er sprach beim Antritt seines Rektorats über die politische Bildung. Der ganze Sinn seines Vortrages war der, daß es ein Fehler wäre, auf die Naturwissenschaft einen so großen Wert zu legen, denn das naturwissenschaftliche Denken sei nicht geeignet, in den sozialen und ethischen Fragen des Daseins irgendwie praktisch einzugreifen. Dagegen hob er die Notwendigkeit hervor, welche auf die Auffassung der rechtlichen Verhältnisse begründet sei. Und dann setzte er auseinander, wie die rechtlichen Verhältnisse unmöglich beeinflußt werden können von dem naturwissenschaftlichen Denken. Er sagt: In der Naturwissenschaft sehen wir bis in die ersten Prinzipien hinein. Wir schen, wie sich in einfachen Fällen die Dinge ausnehmen, aber in den komplizierten Fällen des Lebens kann niemand die Dinge auf so einfache Verhältnisse zurückführen. — Es ist charakteristisch, daß ein großer Mann unserer Zeit nicht einmal einsieht, daß es unsere Aufgabe wäre, ein ebenso klares und durchsichtiges Denken auf dem Gebiete des Lebens zu schaffen, wie wir es zu schaffen imstande waren auf dem Gebiete der äußeren sinnlichen Naturerscheinungen. Das muß gerade unsere Aufgabe sein, uns klar zu werden, daß wir nur dann praktisch wirksam sein können auf dem äußeren Gebiete des großen Tunnelbaues, wenn wir imstande sind, alle Dinge des Lebens ebenso auf scharfe Begriffe zurückzuführen, wie wir imstande sind, die groben Dinge auf mathematische Begriffe zurückzuführen. Jhering sagt in seinem «Zweck im Recht», es sei ein großer Mangel in unserer Rechtsschulung wie auch in unserem praktischen Rechtsleben, daß die Menschen, die in das Recht in irgendeiner Weise einzuführen haben, nicht dahin geschult werden, unmittelbar erzieherisch, unmittelbar technisch lernend, lehrend und wirkend im Leben zu arbeiten. Nun sagt er, man kann Jurist sein, so wie man ein Mathematiker ist, der seine Aufgabe gelöst hat, wenn er seine Rechnung ausgeführt hat. Wiederum sieht Jhering nicht ein, daß ja die Mathematik erst wirkliche Bedeutung hat, seitdem das Denken der Naturwissenschaft Bedeutung gewonnen hat. Man hat den Weg gefunden vom Kopf in die Hand, wenn etwas zur praktischen Berätigung wird. Dann wird alles, was mit der Jurisprudenz und der Sozialethik zusammenhängt, auch von praktischer Bedeutung sein, wenn sie ebenso klar ist wie bei der Mathematik, die nötig ist, wenn man einen Tunnel baut. Dann wird man es auch einsehen, daß alle Teilbestrebung sich so ausnimmt, wie wenn jemand Steine behauen würde, sie aufeinander würfe und dann glauben könnte, es entstehe ein Haus daraus. Nicht wird etwas erobert oder erbaut auf dem Gebiete der Frauenbewegung oder irgendeiner anderen sozialen Bewegung, wenn nicht dem Ganzen ein Plan zugrunde liegt. Sonst ist das Behauen der Steine eine eminent unpraktische Arbeit.
[ 15 ] I would like to cite a characteristic example of this fact. Fifteen years ago, a prominent jurist, Adolf Exner, assumed the rectorship of the University of Vienna. He was a distinguished professor of Roman law. In his inaugural address, he spoke about political education. The whole point of his lecture was that it would be a mistake to place such great value on the natural sciences, for scientific thinking is not suited to intervening in any practical way in the social and ethical questions of existence. In contrast, he emphasized the necessity of an understanding grounded in the conception of legal relationships. And then he explained how legal relationships cannot possibly be influenced by scientific thinking. He says: In the natural sciences, we see right down to the first principles. We see how things appear in simple cases, but in the complicated cases of life, no one can reduce things to such simple terms. — It is characteristic that a great man of our time does not even realize that it is our task to create thinking in the realm of life that is just as clear and transparent as we have been able to create in the realm of external sensory natural phenomena. This must be precisely our task: to realize that we can only be practically effective in the external realm of large-scale tunnel construction if we are able to reduce all aspects of life to precise concepts just as we are able to reduce the gross phenomena to mathematical concepts. Jhering says in his *Purpose in Law* that there is a great deficiency in our legal education as well as in our practical legal life in that people who are to be introduced to the law in any way are not trained to work in life in a directly educational, directly technical manner—learning, teaching, and acting. Now he says that one can be a lawyer just as one is a mathematician who has solved his problem once he has carried out his calculation. Again, Jhering fails to see that mathematics has only had real significance since the thinking of the natural sciences has gained significance. One has found the path from the head to the hand when something becomes a practical application. Then everything related to jurisprudence and social ethics will also be of practical significance, provided it is as clear as the mathematics required when building a tunnel. Then one will also realize that all partial efforts look as if someone were hewing stones, throwing them at one another, and then believing that a house would arise from them. Nothing is conquered or built in the realm of the women’s movement or any other social movement unless the whole is based on a plan. Otherwise, hewing stones is an eminently impractical task.
[ 16 ] Nicht kommt es darauf an, daß wir uns mit Theorien vollpfropfen und glauben, wenn wir das System innehaben, wir dann alle Einzelheiten ableiten können von den großen Prinzipien. Wir müssen dilettantismusfrei wirken und die großen Prinzipien einführen in das Leben, in das unmittelbare Leben. Wir müssen so wirken wie der Ingenieur wirkt mit dem, was er gelernt hat, wenn er auch eine viel geringere Aufgabe hat, nämlich einzugreifen in das leblose Dasein. Wir müssen so wirken, wie der wirkt, nachdem er die ganzen Prinzipien erforscht und richtig erkannt hat. Darum handelt es sich, zu erkennen und im Zusammenhang zu stehen mit den wirklichen Prinzipien des Daseins. Andernfalls kann insbesondere auf dem juristischen Gebiete nichts geleistet werden. Es ist ganz unmöglich, daß etwas anderes als der von einem Begriffssystem voreingenommene Jurist aus unseren Anstalten hervorgeht, wenn er nicht vorher die Wissenschaft des Lebens im denkbar größten Umfange kennengelernt hat. Es ist ja schwer, gerade über diese Frage heute populär zu sprechen. Eingehen auf besondere Beispiele des Rechtslebens kann man schon gar nicht, denn es ist leider heute eine Tatsache, daß die Rechtswissenschaft die unpopulärste Wissenschaft ist, nicht nur deswegen, weil sie am wenigsten geliebt wird, sondern auch deswegen, weil sie am wenigsten wirkt.
[ 16 ] It is not a matter of cramming ourselves full of theories and believing that, once we have grasped the system, we can then derive all the details from the great principles. We must act without amateurism and apply the great principles to life, to immediate life. We must act as an engineer acts with what he has learned, even though his task is much more modest—namely, to intervene in lifeless existence. We must act as he acts after having explored and correctly understood all the principles. That is what it is all about: to recognize and be in harmony with the real principles of existence. Otherwise, nothing can be achieved, especially in the legal field. It is quite impossible for anything other than a lawyer prejudiced by a conceptual system to emerge from our institutions if he has not first become acquainted with the science of life to the greatest possible extent. It is, after all, difficult to speak popularly about this very question today. It is certainly impossible to go into specific examples of legal practice, for it is unfortunately a fact today that jurisprudence is the most unpopular of the sciences, not only because it is the least loved, but also because it has the least impact.
[ 17 ] Das juristische Denken ist ein solches, das sich mit gesundem Denken kaum in ein Verhältnis bringen läßt und noch viel weniger in eine Zusammenstimmung mit dem Leben. Es wird auch viele unter Ihnen geben, die bezweifeln, daß man in der Jurisprudenz und im sozialen Leben feste Prinzipien gewinnen kann, wie man sie gewinnen kann für die auf das Sinnliche gerichtete Naturwissenschaft. Das eine Erfordernis wäre nun, daß sich unsere Zeit wieder darauf einlassen würde, da zu suchen, wo die Menschen noch auf einem höheren exakten Denken gestanden haben und wo man einmal versucht hat, einige Begriffe auf eine klare, der Mathematik ähnliche Form zu bringen. Für jeden gibt es die Möglichkeit, auf eine billige Weise sich da hineinzufinden. Nehmen Sie ein kleines Reclam-Büchelchen zur Hand: «Der geschlossene Handelsstaat» von Johann Gottlieb Fichte. Ich bin weit entfernt, dieses Büchelchen dem Inhalte nach zu verteidigen oder ihm eine Bedeutung für unser heutiges Leben zuzuschreiben. Nur zeigen wollte ich, wie man auch auf diesem Gebiete ebenso praktisch verfahren kann, wie die Mathematik verfährt beim Brückenbau. Aber das Leben wird doch im Einzelfall etwas Besonderes. Derjenige, der allgemeine Prinzipien aufstellt, wird sie nicht anwenden können im Leben. Genauso ist es in der Naturwissenschaft. Nirgendwo gibt es wirkliche Ellipsen, nirgendwo gibt es wirkliche Kreise. Sie wissen, daß das eine Keplersche Gesetz das ist, daß die Planeten sich um die Sonne bewegen. Glauben Sie, daß dies in dieser Einfachheit anwendbar ist? Machen Sie sich einmal klar, ob die Erde wirklich das beschreibt, was wir als eine Ellipse bezeichnen und auf die Tafel schreiben. Dennoch ist es im eminentesten Sinne notwendig, daß wir mit solchen Dingen an die Wirklichkeit herantreten, obgleich sie nicht tatsächlich vorhanden sind.
[ 17 ] Legal thinking is a form of thought that can hardly be reconciled with sound reasoning, much less brought into harmony with life. There will also be many among you who doubt that one can arrive at firm principles in jurisprudence and social life, as one can in the natural sciences, which are directed toward the sensory. One requirement would be for our time to once again engage in seeking out where people once stood on a higher plane of precise thinking and where attempts were made to express certain concepts in a clear, mathematics-like form. Everyone has the opportunity to familiarize themselves with this in a simple way. Pick up a small Reclam booklet: “The Closed Commercial State” by Johann Gottlieb Fichte. I am far from defending the content of this booklet or attributing any significance to it for our lives today. I merely wanted to show how one can proceed just as practically in this field as mathematics does in bridge-building. But life does become something special in individual cases. Those who establish general principles will not be able to apply them in life. It is exactly the same in the natural sciences. Nowhere are there real ellipses, nowhere are there real circles. You know that one of Kepler’s laws is that the planets move around the sun. Do you believe that this is applicable in such simplicity? Consider for a moment whether the Earth truly describes what we call an ellipse and write on the blackboard. Nevertheless, it is absolutely necessary that we approach reality with such concepts, even though they do not actually exist.
[ 18 ] Die Mathematik ist auch im unmittelbaren Leben nicht vorhanden, und dennoch verwenden wir sie im unmittelbaren Leben. Erst wenn man einsehen wird, daß es etwas gibt, auch in Beziehung auf das Rechtsleben, das so zu diesem Leben steht wie die Mathematik zur Natur, dann wird man auch wieder eine gesunde Anschauung über dieses Rechtsleben haben können. Nun aber besteht die Erkenntnis, daß es eine Mathematik, eine der Mathematik ähnliche Denkweise für das ganze Leben gibt; diese Erkenntnis und nichts anderes ist die Theosophie!
[ 18 ] Mathematics is not present in everyday life, and yet we use it in everyday life. Only when one comes to realize that there is something—even in relation to legal life—that stands to this life as mathematics does to nature, will one be able to regain a sound perspective on this legal life. But now there is the realization that there is a mathematics, a way of thinking similar to mathematics, for all of life; this realization and nothing else is theosophy!
[ 19 ] Die Mathematik ist nichts anderes als eine innere Erfahrung. Nirgends können Sie äußerlich lernen, was Mathematik ist. Es gibt keinen mathematischen Lehrsatz, der nicht der Selbsterkenntnis entsprungen wäre, der Selbsterkenntnis des Geistes auf dem zeitlichen und räumlichen Gebiete. Eine solche Selbsterkenntnis ist uns notwendig. Es gibt eine solche Selbsterkenntnis auch für die höheren Gebiete des Daseins. Es gibt eine Mathesis, wie die Gnostiker sagen. Nicht Mathematik ist es, was wir auf das Leben anwenden, sondern etwas Ähnliches. So etwas gibt es auch in bezug auf die Jurisprudenz und in bezug auf die Medizin, auch in bezug auf alle Gebiete des Lebens und, vor allen Dingen, auch in bezug auf das soziale Zusammenwirken der Menschen. Alles Reden von der Mystik als von etwas Unklarem beruht darauf, daß man nicht weiß, was Mystik ist. Deshalb haben die Gnostiker, die großen Mystiker der ersten christlichen Jahrhunderte, ihre Lehren eine Mathesis genannt, weil sie eine Selbsterkenntnis daraus bildeten. Wenn man das erkannt hat, dann wird man auch wissen, was die Theosophie will, und wie man ohne theosophische Gesinnung sich scheuen sollte, auch nur eine Hand zu rühren in bezug auf die praktischen Fragen des Lebens, wie man sich auch scheuen muß, in den Simplon hineinzugraben ohne Kenntnis von Geologie und Mathematik.
[ 19 ] Mathematics is nothing other than an inner experience. Nowhere can you learn externally what mathematics is. There is no mathematical theorem that has not sprung from self-knowledge—the self-knowledge of the mind in the realms of time and space. Such self-knowledge is necessary for us. Such self-knowledge also exists for the higher realms of existence. There is a Mathesis, as the Gnostics say. It is not mathematics that we apply to life, but something similar. Such a thing also exists in relation to jurisprudence and in relation to medicine, as well as in relation to all areas of life and, above all, in relation to the social interaction of human beings. All talk of mysticism as something obscure is based on not knowing what mysticism is. That is why the Gnostics, the great mystics of the first Christian centuries, called their teachings a Mathesis, because they derived a self-knowledge from them. Once one has recognized this, one will also know what Theosophy aims for, and how, without a theosophical mindset, one should shy away from even lifting a finger regarding the practical questions of life, just as one must shy away from digging into the Simplon Pass without knowledge of geology and mathematics.
[ 20 ] Das ist der große Ernst, der der theosophischen Weltanschauung zugrunde liegt, und was uns dann auch klar vor die Augen treten muß, wenn wir über solche Fragen reden wie über die Jurisprudenz. Erst dann werden wir wieder eine gesunde juristische Ausbildung haben, wenn unsere größten Juristen nicht mehr zu klagen haben über eine mangelnde Grundlegung unseres Wissens, wenn man wieder ein Bewußtsein entwickelt haben wird, wie das wäre, das ich angedeutet habe. Das ist das Mißgeschick der Jurisprudenz, wie sie sich entwickelt hat in den letzten Jahrhunderten, wo man nicht mehr wußte, daß es so etwas gibt wie eine Mathesis. Der große Philosoph Leibniz war ein großer Jurist, ein großer Praktiker und ein großer Mathematiker; wer die Philosophie kennt, kennt ihn zur Genüge. Das mag Ihnen eine Gewähr dafür sein, daß Leibniz eine richtige Anschauung über diese Dinge hatte. Was sagt er nun dazu, wie eine juristische Ausbildung ohne den Grund einer praktischen Schulung sei? Er sagt: Ihr werdet im Rechtsleben nicht anders sein als wic in einem Labyrinth, aus dem Ihr keinen Ausgang findet. — So sehen wir heute gerade in bezug auf das Rechtsleben einzelne Reformen angestrebt. Es gibt einen Rechtsbund; er steht unter der Führung eines ehemaligen Theologen. Der versucht in gewisser Weise, etwas Gesunderes an die Stelle unserer juristischen Begriffe zu setzen. Aber auch hier sieht man, wie aus den Wissenschaften heraus, welche weniger an ein exaktes Denken gewöhnt sind wie die Mathematiker und die Naturwissenschafter, auch nichts Ersprießliches kommt. Sie werden überall finden, daß die eigentliche Einsicht in die Schuldfrage fehlt. Erst wenn man erkennen wird, um was es sich da handelt, wird man sich klar sein, wie man das Leben zu kennen hat, bevor man die Normen des Lebens hat. Erst dann werden wir ein gesundes Studium haben.
[ 20 ] This is the profound seriousness that underlies the theosophical worldview, and it is what must become clear to us when we discuss issues such as jurisprudence. Only then will we once again have a sound legal education, when our greatest jurists no longer have to complain about a lack of foundation in our knowledge, when a consciousness has been developed once more of what I have indicated. This is the misfortune of jurisprudence as it has developed over the last few centuries, when people no longer knew that there was such a thing as a Mathesis. The great philosopher Leibniz was a great jurist, a great practitioner, and a great mathematician; anyone familiar with philosophy knows him well enough. That may serve as a guarantee to you that Leibniz had a correct view of these matters. What does he say, then, about what legal education would be like without the foundation of practical training? He says: In legal life, you will be no different than if you were in a labyrinth from which you cannot find a way out. — Thus, we see today that certain reforms are being sought, particularly with regard to legal life. There is a legal association; it is led by a former theologian. He is attempting, in a certain way, to replace our legal concepts with something more sound. But here, too, one sees that nothing fruitful comes from the sciences that are less accustomed to precise thinking than mathematicians and natural scientists. You will find everywhere that a true understanding of the question of guilt is lacking. Only when one recognizes what is at stake here will one be clear about how one must understand life before one has the norms of life. Only then will we have a healthy study.
[ 21 ] Das erste, was der Jurist studieren sollte, wäre Lebenskenntnis. Wie steht heute unser Jurist den Fragen des Seelenlebens gegenüber, und wie müßte er denselben gegenüberstehen? Nicht nur so, daß er angewiesen ist auf die Sachverständigen. Er steht ja ganz dilettantisch vor den Dingen. Der tiefe Blick in das Seelenleben ist allein imstande, zur Ausarbeitung eines Gesetzes zu befähigen. Aber auch nur er ist imstande, denjenigen zu beurteilen, der vom Gesetze abgewichen ist. Nur dann können Sie sich in das Gesetz des menschlichen Lebens hineinversetzen, wenn Sie Seelenkunde getrieben haben. Ich will nicht sprechen von der theosophischen Anschauung über die Entwickelung der menschlichen Seele. Die Welt ist noch zu weit zurück, um ein tieferes Verständnis zu haben für die intimeren Probleme des Lebens. Dasjenige aber müßte eigentlich jeder einsehen, was gesagt ist mit den Worten: wahres Studium der Seele und des sozialen Lebens.
[ 21 ] The first thing a lawyer should study is an understanding of life. How does today’s lawyer approach questions of the inner life, and how should he approach them? Not merely by relying on experts. He stands before these matters as a complete amateur. Only a deep insight into the life of the soul is capable of enabling one to draft a law. But it is also the only thing capable of judging those who have deviated from the law. You can only put yourself in the place of the law of human life if you have studied the science of the soul. I do not wish to speak of the theosophical view of the development of the human soul. The world is still too far behind to have a deeper understanding of the more intimate problems of life. But everyone should actually realize what is meant by the words: true study of the soul and of social life.
[ 22 ] Das müßte die Grundlage sein, die erste Anleitung, die der Jurist auf der Hochschule erhält: Menschenstudium im ausgedehntesten Maße. Dann erst, wenn er den Menschen als solchen, auch als Seele, studiert hat, und zwar in solch ätherreiner Sphäre, wie der Naturwissenschafter versucht, die naturwissenschaftlichen Probleme zu studieren, dann erst, wenn er im mystischen Sinne sich hineinvertiefen kann in das Seelenleben, dann erst ist er reif dazu, wirkliche Seelenfragen zu behandeln, die eine Wirkung haben, die nach einem Plane geordnet sind im öffentlichen Leben.
[ 22 ] This should be the foundation, the first instruction that a law student receives in college: the study of human nature in the broadest sense. Only then, when he has studied human beings as such, including their souls, and in a sphere as ethereally pure as that in which the natural scientist attempts to study scientific problems, only then, when he can immerse himself in the life of the soul in a mystical sense, only then is he ready to address genuine questions of the soul—questions that have an impact and are organized according to a plan in public life.
[ 23 ] Ist es nicht zu beklagen, wenn heute in der Nationalökonomie das Unglaublichste, auch bei sogenannten Fachmännern, herumschwirrt. Denken Sie sich, daß einfache Begriffe, die sich der Nationalökonom klarmachen könnte, noch nicht entscheidend gefaßt sind. Nehmen Sie den Unterschied zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit. Sie können sich da nicht entscheiden, wenn Sie sich nicht klarmachen, wie produktive und unproduktive Arbeit im öffentlichen Leben wirken. Jede solche Arbeit ist ohne diese Klarheit vollständig unbrauchbar. Dennoch kann es geschehen, daß zwei bedeutende Nationalökonomen sich streiten, ob ein Zweig des öffentlichen Lebens wie die kaufmännische Tätigkeit eine produktive oder unproduktive Tätigkeit ist.
[ 23 ] Is it not regrettable that the most incredible ideas are circulating in economics today, even among so-called experts? Consider that even simple concepts, which an economist should be able to grasp, have not yet been clearly defined. Take the difference between productive and unproductive labor. You cannot make up your mind on this unless you understand how productive and unproductive labor function in public life. Without this clarity, any such work is completely useless. Nevertheless, it can happen that two prominent economists argue over whether a branch of public life, such as commercial activity, is a productive or unproductive activity.
[ 24 ] Es ist in gewisser Beziehung eine Verleumdung der Theosophie, wenn man ihr irgendwelche nebulosen Unklarheiten zuschreibt. Die, welche hineinsehen in das, was die Theosophie will, werden immer wieder betonen, daß es die äußerste Klarheit, die absolut abgeklärte Denkweise auf allen Gebieten des Lebens nach dem Muster der Mathematik ist, was sie anstrebt. Wenn das der Fall ist, dann muß von einer Befruchtung unseres Rechtslebens durch unsere Bewegung das Günstigste vorausgesagt werden. Dann wird es die Folge einer solchen Befruchtung sein, daß der Mensch hingeführt wird als angehender Jurist vor die Art und Weise, wie im menschlichen Leben geistige Tatsachen wirken. Er wird sehen, daß ganze Gebiete unproduktiv bleiben, weil er sich nicht einlassen kann auf das Begreifen der Suggestion oder auf die Dinge, welche von der Einwirkung der Außenwelt auf den Menschen und von dem herrühren, was der Mensch in seinem Inneren sich zuzuschreiben hat in bezug auf seine Handlungen.
[ 24 ] In a certain sense, it is a slander against Theosophy to attribute any kind of nebulous obscurity to it. Those who look into what Theosophy aims for will repeatedly emphasize that what it strives for is the utmost clarity, an absolutely serene way of thinking in all areas of life, modeled after mathematics. If that is the case, then the most favorable outcome must be predicted for the enrichment of our legal life through our movement. Then the result of such enrichment will be that the individual, as a budding jurist, is introduced to the way in which spiritual realities operate in human life. They will see that entire fields remain unproductive because they cannot engage with the understanding of suggestion or with the things that arise from the influence of the external world on human beings and from what human beings must attribute to themselves internally with regard to their actions.
[ 25 ] Die Suggestionen wirken in unserem öffentlichen Leben so ungeheuer, daß man einfach sehen kann, wie in großen Versammlungen, die mit Tausenden von Menschen stattfinden, auf die Zuhörer nicht das wirkt, was man freie Überzeugung nennt, sondern einfach das, was der Redner durch Suggestion an sie heranbringt. Und die, welche zugehört haben, tragen die Suggestion weiter, so daß vieles, was heute getan wird, unter der Macht einer Suggestion zustande gekommen ist. Solche Imponderabilien muß aber derjenige, der in das praktische Leben eingreift, kennen und beobachten. Wenn man diesen Weg fein zu beobachten versteht, kommt man auch dazu, einzusehen, wie solche Suggestionen wirken.
[ 25 ] Suggestions have such a tremendous effect on our public life that one can clearly see how, in large gatherings attended by thousands of people, the audience is not influenced by what is called free conviction, but simply by what the speaker conveys to them through suggestion. And those who have listened carry the suggestion forward, so that much of what is done today has come about under the power of suggestion. But anyone who intervenes in practical life must be aware of and observe such intangible factors. If one knows how to observe this process closely, one also comes to understand how such suggestions work.
[ 26 ] Nun haben Sie schon ein solches Gewebe, das sich ausdehnt über unser Leben. Da erzählt uns einer, was geschehen soll auf diesem oder jenem Gebiete des Lebens. Kennen wir das Leben, so wissen wir, daß es uns zunächst nichts gibt als eine Summe von Suggestionen. Der eine gibt sie uns über die soziale Frage, der andere über die nationale Frage, der dritte über eine dritte Frage. Wenn die Theosophie Gemeingut der Menschheit geworden ist, dann wird es niemals möglich sein, daß der, welcher sich zu befassen hat mit dem öffentlichen Leben, eine solche Sache nicht durchschaut. Und wenn Sie sich klarmachen, wie die Suggestionen hinunterwirken und unsere Rechtszustände bestimmen, dann werden Sie sich klar sein, daß nur durch die theosophische Denkweise eine Heilung in diese Verhältnisse hineinkommen kann. Dann wird es auch klar werden, daß ein wesentlicher Teil dessen, was in unserer juristischen Fakultät getrieben wird, ein großer Teil des rein Kenntnismäßigen in Wegfall kommen könnte, da der Jurist sich da auch in der Praxis erarbeiten kann. Jeder weiß, was praktische Arbeit ist. Das Praktische kann man in viel kürzerer Zeit bezwingen, wenn man sich eingelebt hat in die großen Fragen des Daseins, in die sich die großen Fragen des Lebens von selbst eingliedern, die Fragen, welche der Jurist nicht berühren kann, wie die Frage der Verantwortlichkeit. Wie wird darüber herumdebattiert, wie zum Beispiel in Italien von Lombroso. — Für denjenigen, der sie durchschaut, ist es unmöglich, solche Pro- und Kontra-Argumente aufzustellen, wie das gewöhnlich geschieht. Es ist das nur möglich, weil da Leute mitreden, die nicht praktisch geschult sind.
[ 26 ] Now you already have such a web that extends over our lives. Someone tells us what is supposed to happen in this or that area of life. If we know life, we know that it offers us nothing at first but a sum of suggestions. One person gives them to us regarding the social question, another regarding the national question, and a third regarding a third question. When Theosophy has become the common heritage of humanity, it will never be possible for anyone involved in public life not to see through such a thing. And when you realize how these suggestions work their way down and determine our legal conditions, then you will realize that only through the theosophical way of thinking can a remedy be brought into these circumstances. Then it will also become clear that a substantial part of what is done in our law school—a large portion of the purely theoretical—could be eliminated, since the lawyer can acquire that knowledge through practical experience. Everyone knows what practical work is. The practical can be mastered in much less time once one has immersed oneself in the great questions of existence, into which the great questions of life naturally integrate themselves—the questions that the lawyer cannot address, such as the question of responsibility. How this is debated—as, for example, in Italy by Lombroso. — For those who see through it, it is impossible to put forward such pros and cons as is usually done. This is only possible because people who are not practically trained are having a say in the matter.
[ 27 ] Welches Recht haben wir zu strafen? Das ist auch eine Frage, auf die es Antworten gibt von der verschiedensten Art. Alle diese Dinge sind nicht zu lösen mit den Mitteln unserer heutigen praktischen Jurisprudenz. Wenn sich aber der Jurist nicht tiefer darauf einlassen kann, so handelt er, ohne die letzten Prinzipien zu verstehen. Er muß dann unfrei handeln. Wie sollte der Jurist aber nicht ein wirklich freier Mann sein müssen? Von niemand mehr als von den Juristen sollten wir dies verlangen können. Savigny, der bedeutende Rechtslehrer, hat einmal gesagt: das Recht ist nichts für sich, sondern es ist ein Ausdruck des Lebens; daher mußte es auch aus dem Leben heraus geschaffen werden.
[ 27 ] What right do we have to punish? This is another question to which there are answers of the most varied kinds. None of these issues can be resolved by the means of our current practical jurisprudence. But if the jurist cannot engage with them more deeply, he acts without understanding the ultimate principles. He must then act without freedom. But how could a jurist not be a truly free man? We should be able to demand this from no one more than from jurists. Savigny, the eminent legal scholar, once said: law is not an end in itself, but an expression of life; therefore, it must also be created out of life.
[ 28 ] Nehmen Sie einmal die verschiedensten Anschauungen, welche man über das Recht hatte im Laufe des 19. Jahrhunderts, und Sie werden sehen, wie wenig diese Anschauungen aus der wirklichen Praxis herausgeboren worden sind. Da gibt es Naturrechtsschulen, welche glauben, aus der menschlichen Natur das Recht ableiten zu können. Später sagte man: Der eine denkt sich das Recht so, ein anderer so, das eine Volk so, das andere so. — Dann kam das historische Recht. In letzter Zeit wurde auch ein interessanter Versuch gemacht mit dem positivistischen Recht. Da sind verschiedene Versuche gemacht worden, die nicht von der angedeuteten Gesinnung ausgehen. Eine historische Ansicht von dem Recht zu haben, ist ebenso unmöglich wie eine historische Ansicht von der Mathematik. Es ist also unmöglich, das Recht historisch zu begründen. — Es ist nicht möglich, diesen wichtigen Satz jetzt zu beweisen. — Etwas «positivistisch» untersuchen, würde heißen, daß man mit Mathematik nicht rein geistige Gewebe konstruiert, sondern drei Stäbe zusammenbringt, die Winkel abmißt und darauf dann das mathematische Gesetz von der Winkelsumme im Dreieck formt. Das würde eine «positivistische» Begründung sein.
[ 28 ] Consider the wide variety of views on law that emerged throughout the 19th century, and you will see how little these views were rooted in actual practice. There are schools of natural law that believe they can derive law from human nature. Later, it was said: One person conceives of law this way, another that way; one people this way, another that way. — Then came historical law. Recently, an interesting attempt was also made with positivist law. Various attempts have been made that do not stem from the mindset indicated. Having a historical view of law is just as impossible as having a historical view of mathematics. It is therefore impossible to establish law historically. — It is not possible to prove this important proposition at present. — To investigate something “positivistically” would mean that one does not construct purely mental constructs with mathematics, but rather brings three rods together, measures the angles, and then derives the mathematical law of the sum of the angles in a triangle from them. That would be a “positivistic” justification.
[ 29 ] Nur über die Grundlage der Gesinnung wollte ich sprechen und über die Beziehung zu dem, was die Theosophie in der Praxis des Lebens sein kann. Ich wollte zeigen, wie auf allen Gebieten und namentlich auch auf diesem Gebiete die theosophische Denkweise und theosophische Gesinnung fruchtbringend und nützlich sein müssen. Es ist ja das Vorurteil verbreitet, daß die Theosophie irgend etwas sei, was sich der Mensch ausdenkt, um eine persönliche Befriedigung zu haben. Aber der ist ein schlechter Theosoph, der diese Anschauung hat. Derjenige ist der wahre Theosoph, der sich klar darüber wird, daß die Theosophie Leben ist, während im sogenannten praktischen Leben so viele Bestrebungen eminent unpraktisch sind. Es ist schmerzlich, daß wir überall Samenkörner sehen in den einzelnen Bestrebungen, wo jeder im öffentlichen Leben herumpfuschen will; wenn sich alle unpraktischen Bewegungen zusammenfänden in dem großen Kreis, der nicht fremd dem Leben gegenüberstehen, sondern das Leben umfassen will, dann könnte sich wohl eine Verbesserung ergeben. Die Theosophie kann die Frage nicht selbst lösen. Aber von dem, was sie gibt, strömt das Leben aus. Das nächste Mal werden wir sehen, wie durch die Mediziner, wenn sie praktische Theosophen werden, ein ganz anderer Zug in unser Leben hineinkommen wird. Um diesen Zug handelt es sich, um diesen Grundton eines erneuerten Lebens. Wenn wir das verstehen, so wird ein Hauch theosophischer Gesinnung sich über alle Zweige der praktischen Lebensreform ausgießen müssen. Dann wird man die theosophische Bewegung und auch alles übrige Leben verstehen.
[ 29 ] I wanted to speak only about the foundation of one’s mindset and about the relationship to what Theosophy can be in the practice of life. I wanted to show how, in all fields—and particularly in this one—the Theosophical way of thinking and Theosophical mindset must be fruitful and useful. There is, of course, a widespread prejudice that Theosophy is something people invent for their own personal satisfaction. But anyone who holds this view is a poor Theosophist. The true Theosophist is the one who realizes that Theosophy is life itself, whereas in so-called practical life, so many endeavors are eminently impractical. It is painful that we see seeds everywhere in individual endeavors, where everyone wants to meddle in public life; if all these impractical movements were to come together in the great circle that does not stand alien to life but seeks to embrace it, then an improvement might well result. Theosophy cannot solve the problem on its own. But life flows from what it offers. Next time we will see how, through the physicians, when they become practical theosophists, a completely different current will enter our lives. This is the current in question, this fundamental tone of a renewed life. If we understand this, a breath of theosophical spirit will have to spread across all branches of practical life reform. Then people will understand the Theosophical Movement and all of life itself.
[ 30 ] Dies ist immer und immer wieder aus dem Grunde betont worden, weil gewisse Probleme nicht gebessert werden können, solange man sich mit den Dingen nicht wirklich befassen will, weil die Menschen urteilen, lange bevor sie die allergenauesten Kenntnisse der Dinge sich erworben haben. Diejenigen, welche mit der theosophischen Bewegung selber praktisch eingreifen wollen, würden es leicht haben, auch in anderen Bestrebungen herumzupfuschen. Es wäre leicht, in bestimmten Gebieten Hand anzulegen, wenn wir uns nur im geringsten etwas davon versprechen könnten, solange wir nicht den praktischen Sinn ausbilden, der von vielen für so unpraktisch gehalten wird. Es wäre leicht, wenn wir nicht wüßten, daß, bevor man an die Peripherie geht, das Zentrum beherrscht werden muß. Es wäre leicht, wenn wir nicht wüßten, daß dies wahr ist: Wollt Ihr bessere Verhältnisse in der Welt schaffen, so müßt Ihr den Menschen die Möglichkeit geben, selbst besser zu werden. Auf keinem Gebiete ist dieser Ausspruch so berechtigt wie auf dem Gebiete der Jurisprudenz. Wenn von der theosophischen Bewegung auch auf diesem Gebiete praktisch, belebend zu wirken versucht wird, dann werden wir sehen, wie alle die Streitigkeiten zwischen Romanisten und Germanisten, zwischen Historikern und Naturrechtlern und so weiter verschwinden. Wenn wir zu dem kommen, was wirkliche Bewegung und Leben ist, wenn wir die Gesinnung erlangen, die sich bewährt auch gegenüber der äußeren sinnlichen Arbeit, weil uns da das Leben zurechtweisen würde, wenn wir nicht in sachgemäßer Weise an sie herantreten könnten, dann sind wir Theosophen und wirkliche Praktiker geworden.
[ 30 ] This has been emphasized time and again for the simple reason that certain problems cannot be resolved as long as people are unwilling to truly engage with the issues at hand, because they pass judgment long before they have acquired the most precise knowledge of the matters in question. Those who wish to take practical action within the Theosophical Movement itself would find it easy to meddle in other endeavors as well. It would be easy to get involved in certain areas if we could only expect the slightest benefit from it, as long as we do not develop the practical sense that many consider so impractical. It would be easy if we did not know that, before moving to the periphery, the center must be mastered. It would be easy if we did not know that this is true: If you wish to create better conditions in the world, you must give people the opportunity to better themselves. In no field is this statement more justified than in the field of jurisprudence. If the Theosophical Movement attempts to exert a practical, invigorating influence in this field as well, then we shall see how all the disputes between Romanists and Germanists, between historians and natural law theorists, and so on, will disappear. When we come to what is true movement and life, when we attain the mindset that proves itself even in the face of external, sensory work—for life itself would rebuke us if we could not approach it in a proper manner—then we have become Theosophists and true practitioners.
