Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

The Origin and Purpose of Humanity
Basic Concepts of Spiritual Science
GA 53

25 May 1905, Berlin

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

The Origin and Purpose of Humanity, tr. SOL
  1. Die Offenbarungen des Karma, 8th ed.

22. Die medizinische Fakultät und die Theosophie

22. The Medical Faculty and Theosophy

[ 1 ] Es ist eine Vorarbeit der Theosophie, in umfassender Weise in alle Gebiete des Geisteslebens unserer Gegenwart hineinzuleuchten und hinzuweisen darauf, wie theosophische Gedanken und Vorstellungen in jedem Gebiete dieses modernen Geisteslebens, wenn sie aufgenommen werden, vorarbeitend wirken können, so daß in zukünftigen Tagen immer mehr ein volles Verständnis da sein kann für das, was Theosophie auf jedem Gebiete unseres Geisteslebens zu sagen hat. Die Menschen leben ja heute in Vorstellungen und Suggestionen des öffentlichen Lebens, die selbstverständlich die Menschen stark beeinflussen, Vorstellungen, die schnurstracks entgegenarbeiten unseren Anschauungen und sie allmählich unterminieren würden, wenn nicht die Ideen der Theosophie in diese Anschauungen einfließen würden. Fichte sagt, Ideale Llassen sich nicht unmittelbar im Leben anwenden, aber Ideale sollen die treibenden Kräfte des Lebens sein. Das bezweckt die Theosophie.

[ 1 ] It is a preparatory task of Theosophy to shed light in a comprehensive way on all areas of our contemporary spiritual life and to point out how Theosophical ideas and concepts, when embraced, can have a preparatory effect in every area of this modern spiritual life, so that in the days to come there may be an ever-increasing full understanding of what Theosophy has to say in every sphere of our intellectual life. People today live, after all, amidst the ideas and influences of public life, which naturally exert a strong influence on them—ideas that run directly counter to our views and would gradually undermine them if the ideas of Theosophy were not to flow into these views. Fichte says that ideals cannot be directly applied in life, but ideals should be the driving forces of life. That is the aim of Theosophy.

[ 2 ] Der Arzt, der sich die Aufgabe gesetzt hat zu heilen, ist freier als der Jurist. Er ist nicht so eingeengt von Vorurteilen und Autoritäten und daher mag es wohl kommen, daß sich einzelne unter den Ärzten finden, die mit uns gemeinsam arbeiten. Wir wollen uns aber nicht in den Streit der Parteien mischen, das wäre ein subjektives Verhalten; wir wollen ganz objektiv nur das ausführen, was Theosophie in bezug auf die medizinische Wissenschaft zu sagen hat. Und wir wollen eingedenk bleiben dessen, daß Theosophie schwer, sehr schwer verstanden werden kann von denjenigen, die im Studienzwang gelebt haben. Nur wer frei dasteht, wird keinen Zwiespalt finden zwischen wahrer Wissenschaft und dem, was Theosophie will. Theosophie anerkennt vollkommen die gewaltigen Fortschritte, die die Naturwissenschaft gemacht hat in den letzten Jahrhunderten und besonders in den letzten Jahrzehnten.

[ 2 ] The physician who has set himself the task of healing is freer than the lawyer. He is not so constrained by prejudices and authorities, and this may well be why there are some physicians who work alongside us. However, we do not wish to involve ourselves in the disputes between the parties; that would be a subjective stance. We wish only to present, in a completely objective manner, what Theosophy has to say regarding medical science. And we must remain mindful that Theosophy is difficult—very difficult—to understand for those who have lived under the compulsion of academic study. Only those who stand free will find no conflict between true science and what Theosophy seeks. Theosophy fully acknowledges the tremendous progress that natural science has made in recent centuries and especially in recent decades.

[ 3 ] Nun gibt es auf allen Gebieten der Kultur große zyklische Gesetze, die sich ebenso beziehen auf die Schatten- wie auf die Lichtseiten der Kultur. Wenn heute auch in der medizinischen Wissenschaft so vieles unsicher ist, müssen wir uns klar sein darüber, daß die Grundursache dieser Unsicherheit tief, tief wurzelt in unseren Denkgewohnheiten. Diese Denkgewohnheiten wurzeln ja tiefer als alle Theorien, die man sich innerhalb einer Wissenschaft aneignet. Und sie lassen sich nicht einfach umändern, sondern nur allmählich durch andere ersetzen. Das materialistische, mechanistische Denken unserer Zeit beeinflußt ja all diese Denkgewohnheiten der Menschen heute. Welche Verachtung hat der heutige Arzt für die medizinische Wissenschaft des Mittelalters und des Altertums; und doch könnte der angehende Mediziner viel lernen aus der Geschichte der Medizin jener alten Zeiten. Er könnte lernen manch andere Anschauungen, als sie in der gegenwärtigen Medizin herrschen. Die Theorien des Galen, zwei bis drei Jahrhunderte nach Christus zum Beispiel und die medizinische Scholastik des Mittelalters kennen die wenigsten Ärzte heute. Mit Unrecht schaut man heute herab auf diese alte ärztliche Wissenschaft. Wenn die heutigen Ärzte sie kennenlernen wollten, so würden sie manches Wertvolle kennenlernen können. Die hippokratische Lehre, die die Zusammensetzung des Menschen aus den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer aufzeigt, erregt heute Hohnlächeln. Wenn da gesprochen wird von schwarzer und weißer Galle, Schleim, Blut und ihren Beziehungen zu den Planeten unseres Sonnensystems, so sind das keine solchen Theorien, wie man heute Theorien aufstellt, sondern diese Theorien haben fruchtbar gemacht die medizinische Intuition, die den alten Ärzten die Möglichkeit gab, in ganz anderer Art und Weise den ärztlichen Beruf auszuüben, als es der heutige Arzt kann.

[ 3 ] There are, in fact, great cyclical laws at work in all areas of culture, laws that apply equally to the dark and the light sides of culture. Even though so much in medical science today is uncertain, we must be clear that the root cause of this uncertainty is deeply, deeply rooted in our habits of thought. These habits of thought are, after all, more deeply rooted than any theories one acquires within a science. And they cannot simply be changed, but only gradually replaced by others. The materialistic, mechanistic thinking of our time influences all these habits of thought among people today. What contempt does the modern physician have for the medical science of the Middle Ages and antiquity; and yet the aspiring physician could learn much from the history of medicine of those ancient times. He could learn many views different from those prevailing in contemporary medicine. The theories of Galen, for example, from two to three centuries after Christ, and the medical scholasticism of the Middle Ages are known to very few doctors today. It is wrong to look down on this ancient medical science today. If today’s doctors were willing to learn about it, they could discover many valuable insights. The Hippocratic doctrine, which describes the composition of the human being as consisting of the four elements—earth, water, air, and fire—elicits derisive smiles today. When they speak of black and white bile, phlegm, blood, and their relationships to the planets of our solar system, these are not theories as we formulate them today; rather, these theories have enriched medical intuition, which gave ancient physicians the ability to practice medicine in a completely different way than today’s doctors can.

[ 4 ] Die Medizinmänner wilder Völkerschaften haben ein Prinzip, das nur von wenigen einsichtsvollen Menschen anerkannt wird. Es ist dasselbe Prinzip, das auch im Morgenlande der ärztlichen Heilkunst zugrunde liegt, nämlich, daß der Arzt, der heilen will, Eigenschaften in sich aufgenommen haben muß, die ihn instand setzen, das Leben von einer ganz anderen Seite aufzufassen.

[ 4 ] The medicine men of primitive peoples follow a principle that is recognized by only a few discerning individuals. It is the same principle that also underlies the art of medicine in the Orient, namely, that the physician who wishes to heal must have acquired qualities that enable him to perceive life from a completely different perspective.

[ 5 ] Ein Beispiel für dasjenige, was ich meine, mag es sein, wenn wir hinschauen zu einem Volke, das nicht zu den gegenwärtigen Kulturvölkern gehört, zu den Hindus. Die Ärzte der Hindus wenden ein Prinzip an, das der Immunisierung zugrunde liegt, der Impfung, wie wir sie kennen, mit einem Heilserum. Es ist das das Bekämpfen einer gewissen Krankheitsform, indem der Krankheitserreger selbst als Heilmittel angewendet wird. Die Hindu-Ärzte heilen Schlangenbisse, indem sie die Wunde mit ihrem Speichel bearbeiten. Durch Trainierung ist der Speichel vorbereitet, die Ärzte haben sich selber immun gemacht gegen Schlangenbisse, gegen Schlangengift, durch Schlangenbisse am eigenen Körper. Es ist ihre Auffassung, daß der Arzt auch leiblich etwas bewirken kann durch etwas, was er in sich selber entwickelt. Alle Heileinwirkungen von Mensch zu Mensch beruhen auf diesem Prinzip. Bei den Hindus liegt diesem Prinzip eine gewisse Einweihung zugrunde. Sie wissen, daß der Mensch ein anderer wird durch eine bestimmte Trainierung. Kräfte, die ein anderer Mensch nicht hat, werden bei ihnen entwickelt ganz ebenso wie ein Eisen durch Bestreichen mit einem Magnet seine Kraft entwickelt.

[ 5 ] An example of what I mean might be found if we look at a people who do not belong to the current civilized nations: the Hindus. Hindu doctors apply a principle that underlies immunization—vaccination, as we know it, with a healing serum. It involves combating a certain form of disease by using the pathogen itself as a remedy. Hindu doctors treat snake bites by applying the snake’s saliva to the wound. Through training, the saliva is prepared; the doctors have made themselves immune to snake bites and snake venom by allowing snakes to bite their own bodies. It is their belief that the doctor can also bring about physical effects through something he develops within himself. All healing effects from person to person are based on this principle. Among the Hindus, this principle is grounded in a certain initiation. They know that a person becomes someone else through specific training. Powers that another person does not possess are developed in them, just as iron develops its power when coated with a magnet.

[ 6 ] Ganz andere Gefühle gegenüber dem Heilen würde der junge Arzt erhalten, wenn er sich in die wirkliche Geschichte der Medizin vertiefte. Worte, aus denen er heutzutage keinen Sinn herausfinden kann, enthalten doch einen tiefen Sinn, selbst wenn er ihn hohnlächelnd leugnet.

[ 6 ] The young doctor would develop a completely different attitude toward healing if he immersed himself in the true history of medicine. Words that make no sense to him today actually contain a profound meaning, even if he scoffs at them and denies it.

[ 7 ] Es ist das Beklagenswerte, daß unsere ganze Wissenschaft durchsetzt ist von materialistischen Imponderabilien; so ist es kaum denkbar, daß sich jemand von ihnen frei macht und selbständig denken lernt. Unser ganzer moderner wissenschaftlicher Unterbau für die Anatomie, Physiologie, ist von dieser materialistischen Denkweise aufgebaut. Im 16. Jahrhundert wurde von Vesalius die erste Anatomielehre, von Harvey die Lehre vom Blutkreislauf im materialistischen Sinne gegeben; nach diesem System wurde das ganze 17., 18. Jahrhundert hindurch gelehrt. Die Menschen mußten einige Jahrhunderte hindurch materialistisch denken, um alle großen Entdeckungen und Erfindungen zu machen, die wir diesen Zeiten verdanken. Diese Denkweise hat uns gelehrt, gewisse Stoffe im Laboratorium herzustellen — die epochemachenden Entdeckungen von Liebig verdanken wir ihr —, aber sie führte auch dazu, die menschliche Hülle als das einzige anzusehen. Leben, was wir Leben nennen, ist schwer zu vereinbaren mit dem Begriff, den der materialistische Arzt davon hat. Erst derjenige, der weiß durch Intuition, was Leben ist, kann wirklich zum Begreifen des Lebens vordringen. Und ein solcher weiß auch, daß die Wirksamkeit chemischer und physikalischer Gesetze im Menschenkörper unter der Herrschaft von etwas steht, für das uns selbst das Wort fehlt, das nur durch die Intuition zu erkennen ist. Erst wenn der Arzt selbst ein anderer Mensch geworden ist, kann er das einsehen. Er muß sich durch eine gewisse Schulung erst die Begriffe und dann die Einsicht in die Wirkungsweise von dem aneignen, was wir unseren Ätherkörper nennen. Der gewöhnliche Verstand, der gewöhnliche menschliche Intellekt, ist unfähig, das Spirituelle zu begreifen; sobald er in höhere Gebiete aufrücken soll, versagt er. Darum ist auf ärztlichem Gebiete ohne Intuition alles nur ein Hinundherreden; man rührt nicht an die Wirklichkeit. Höhere, feinere Kräfte sind nötig, die entwickelt werden müssen vom Arzt, dann erst ist eine gründliche Heilung gewisser Schäden möglich.

[ 7 ] It is regrettable that our entire scientific field is permeated by materialistic abstractions; thus, it is hardly conceivable that anyone could free themselves from them and learn to think independently. Our entire modern scientific foundation for anatomy and physiology is built upon this materialistic way of thinking. In the 16th century, Vesalius presented the first treatise on anatomy, and Harvey presented the theory of blood circulation in a materialistic sense; teaching continued according to this system throughout the 17th and 18th centuries. People had to think materialistically for several centuries in order to make all the great discoveries and inventions to which we owe these times. This way of thinking taught us to produce certain substances in the laboratory—we owe Liebig’s epoch-making discoveries to it—but it also led to viewing the human body as the only reality. Life, what we call life, is difficult to reconcile with the concept that the materialistic physician has of it. Only the one who knows through intuition what life is can truly penetrate to an understanding of life. And such a person also knows that the operation of chemical and physical laws in the human body is subject to the rule of something for which we lack even the word, something that can be recognized only through intuition. Only when the physician himself has become a different kind of person can he see this. Through a certain training, he must first acquire the concepts and then the insight into the mode of operation of what we call our etheric body. The ordinary mind, the ordinary human intellect, is incapable of grasping the spiritual; as soon as it is called upon to ascend to higher realms, it fails. That is why, in the medical field, without intuition everything is merely empty talk; one does not touch reality. Higher, finer forces are necessary, which must be developed by the physician; only then is a thorough healing of certain ailments possible.

[ 8 ] Wir Theosophen wissen zum Beispiel aus okkulten Forschungen heraus, daß dasjenige, was man Vivisektion nennt, in gewisser Beziehung tief schädigend wirkt. Tief schädigend ist es, was auf diesem Gebiete geschieht. Wir Theosophen können kein Organ haben für die Anerkennung der scheinbaren Verdienste derer, die diese Vivisektion betreiben. Wir würden zwar nicht verstanden werden, wenn wir die Gründe für die Ablehnung der Vivisektion darlegten; man würde, ohne daß man sich auf theosophische Begriffe einließe, eben diese Gründe nicht verstehen, Die Vivisektion ist hervorgewachsen aus der materialistischen Denkweise, die jeder Intuition bar ist, die nicht hinschauen kann in das Getriebe des Lebens. Diese Denkweise muß den Körper ansehen als ein mechanisches Zusammenspiel der einzelnen Teile desselben. Da ist es natürlich, daß man zum Tierexperiment greift, wo man glaubt, daß dasselbe Zusammenspielen stattfindet wie beim Menschen, um gewisse krankhafte Prozesse zu erkennen und zu bekämpfen. Nur wer nichts weiß vom wirklichen Leben, kann Vivisektion betreiben.

[ 8 ] We Theosophists know, for example, from occult research that what is called vivisection has a profoundly harmful effect in certain respects. What is happening in this field is profoundly harmful. We Theosophists cannot bring ourselves to acknowledge the apparent merits of those who practice vivisection. We would not be understood, however, if we were to explain the reasons for our rejection of vivisection; without engaging with theosophical concepts, one would simply not understand these very reasons. Vivisection has grown out of a materialistic way of thinking that is devoid of any intuition, that cannot look into the workings of life. This way of thinking must view the body as a mechanical interplay of its individual parts. It is therefore natural to resort to animal experimentation where one believes that the same interplay occurs as in humans, in order to identify and combat certain pathological processes. Only those who know nothing of real life can practice vivisection.

[ 9 ] Es wird ein Zeitpunkt kommen, wo die Menschen das einzelne Leben eines Geschöpfes im Zusammenhang mit dem Leben des ganzen Universums durchschauen werden. Und dann werden die Menschen Ehrfurcht bekommen’vor dem Leben. Dann werden sie einsehen lernen: Jedes genommene Leben, jedes Leid, das einem lebendigen Wesen zugefügt wird, wirkt durch einen Zusammenhang, der zwischen Leben und Leben besteht, zur Herabstimmung der edelsten Kräfte unserer eigenen Menschennatur. Genau ebenso wie sich eine Summe mechanischer Arbeit in Wärme verwandeln läßt, so verwandelt sich durch die Tötung eines Lebewesens etwas im Menschen, was es ihm unmöglich macht, heilend und wohltuend auf seine Mitmenschen einzuwirken. Dies ist ein unbrechbares Gesetz. Hier ist alles Nebulose, alles Unklare streng ausgeschlossen. Hier herrscht mathematische Klarheit.

[ 9 ] There will come a time when people will come to understand the individual life of a creature in the context of the life of the entire universe. And then people will come to revere life. Then they will come to realize: Every life taken, every suffering inflicted upon a living being, works through the connection that exists between life and life to diminish the noblest forces of our own human nature. Just as a sum of mechanical work can be converted into heat, so too does the killing of a living being transform something within a person, making it impossible for them to have a healing and beneficial effect on their fellow human beings. This is an unbreakable law. Here, all vagueness and ambiguity are strictly excluded. Here, mathematical clarity reigns.

[ 10 ] Würden die Menschen sich einlassen auf das, was hier zugrunde liegt, dann würden sie auch die Einflüsse sehen, die ausgeübt werden müssen, um heilen zu können, um Heiler zu sein als Arzt. Da muß der Mensch, wenn er Arzt, wenn er Heiler sein will, allerdings zunächst seine Menschheit veredeln und läutern. Er muß sie hinaufentwickeln auf die Stufe, wo uns erst gewisse Empfindungen und Gefühle aufgehen können. Hier kommt es an auf das Probieren! Und da muß man zuerst einsehen lernen, daß der gewöhnliche Verstand erweitert, spiritualisiert werden kann. Es ist eine Trivialität, wenn es heißt: da und dort sind die Grenzen unserer Erkenntnismethoden. Es gibt eben noch andere Erkenntnismethoden, als diejenigen sind, die der Verstand gebraucht. Aber das sehen leider wenige Menschen ein. Und hier kommt es darauf an, eingehen zu wollen auf die theosophische Gesinnung. Erst dann, wenn nicht nur die sinnenfälligen Tatsachen der Anatomie und Physiologie gelehrt werden, erst wenn man mit «Augen des Geistes», wie Goethe sagt, an diese herantritt, erst dann wird ein anderes Studium des Menschenkörpers eintreten. Und erst dann werden alle Entdeckungen der letzten Jahrzehnte in bezug auf die medizinische Wissenschaft ein richtiges Licht empfangen, um zum Beispiel gewisse Zusammenhänge der Schilddrüse mit anderen Funktionen zu erkennen.

[ 10 ] If people were to engage with what underlies this, they would also see the influences that must be exerted in order to heal, in order to be a healer as well as a doctor. For this, a person who wishes to be a doctor, who wishes to be a healer, must first refine and purify their humanity. They must develop it to a level where certain sensations and feelings can first become accessible to us. This is where experimentation comes into play! And one must first learn to recognize that the ordinary mind can be expanded and spiritualized. It is a triviality to say: here and there are the limits of our methods of knowledge. There are simply other methods of cognition besides those used by the intellect. But unfortunately, few people realize this. And here it is essential to be willing to engage with the theosophical mindset. Only then, when not only the sensory facts of anatomy and physiology are taught, only when one approaches them with the “eyes of the spirit,” as Goethe says, only then will a different study of the human body begin. And only then will all the discoveries of the last decades in the field of medical science be cast in the proper light, so that, for example, certain connections between the thyroid gland and other functions can be recognized.

[ 11 ] Erst wenn man mit theosophischen Erkenntnissen herantritt, wird man ein jedes Ding in seinem richtigen Farbton sehen und wird ganz andere Werte empfangen. Noch fehlt in dem Erkenntnisstreben auf diesem Gebiete die Erkenntnis des Geistigen, in das die Tatsachen eingesponnen werden. Gewisse Begriffe, die man gewonnen hat, können durchaus richtig sein, aber die Methoden der Anwendung können falsch sein. Oftmals sagen zwei der größten Autoritäten auf einem Gebiete über ein und dasselbe Thema, ein und dasselbe Faktum, genau das Entgegengesetzte aus. Woher rühren solche Dinge? Daher, daß das Denken sich in eine gewisse einseitige Richtung hineingedrängt hat bei jeder dieser Autoritäten.

[ 11 ] Only when one approaches a subject with theosophical insights will one see every thing in its true light and perceive entirely different values. What is still lacking in the quest for knowledge in this field is an understanding of the spiritual realm in which the facts are woven. Certain concepts that have been arrived at may well be correct, but the methods of application may be wrong. Often, two of the greatest authorities in a field say exactly the opposite about one and the same topic, one and the same fact. Where do such things come from? From the fact that the thinking of each of these authorities has been forced into a certain one-sided direction.

[ 12 ] Nun könnte man fragen: Wäre es denn nicht möglich, daß der Mensch, wenn er immer in der richtigen Weise gesund lebt, in sich selbst die Dinge entwickelt, die ihn gegen Krankheiten immun machen, und könnte er nicht seinen Organismus dazu erziehen, Krankheiten ertragen zu können? Man muß das Denken in eine andere Richtung bringen, dann ergeben sich Wahrheiten auf diesem Gebiete und man schafft sich eine andere Richtung des Forschens. Das heutige Denken hat etwas Absolutes, Abschließendes und es ist durchsetzt von dem Glauben an seine Unfehlbarkeit; es liegt die Hinneigung zu etwas Päpstlichem in solchen Begriffen, wie mancher sie sich aneignet. Die Forschung ist bestimmt durch die Art, wie man an die Natur die Fragen stellt. Fragt man sie verkehrt, so gibt sie auch verkehrte Antworten. Die Experimente, die Fragestellungen an die Natur, tragen im 19., 20. Jahrhundert ein eigentümliches Gepräge: dasjenige des Zufalls. Da herrscht auf diesem Gebiete ein oftmals geradezu groteskes Nebeneinanderstellen von allem möglichen Probieren. Das rührt her von dem Mangel an Intuition. Besonders in der medizinischen Wissenschaft steckt manches, was von diesem Mangel herrührt. Es ist aber tatsächlich auch möglich, innerhalb der medizinischen Wissenschaft zu einem freien, schönen Denken zu kommen.

[ 12 ] Now one might ask: Would it not be possible that, if a person always lives a healthy life in the right way, they develop within themselves the qualities that make them immune to disease, and could they not train their organism to withstand illness? One must shift one’s thinking in a different direction; then truths in this field will emerge, and a new direction for research will be established. Contemporary thinking has something absolute and definitive about it, and it is permeated by a belief in its own infallibility; there is a tendency toward something papal in such concepts, as some people adopt them. Research is determined by the way questions are posed to nature. If one asks them incorrectly, nature also gives incorrect answers. The experiments—the questions posed to nature—bear a peculiar stamp in the 19th and 20th centuries: that of chance. In this field, there is often a downright grotesque juxtaposition of all manner of experimentation. This stems from a lack of intuition. Particularly in medical science, there are many things that result from this deficiency. Yet it is indeed possible to arrive at a free, beautiful way of thinking within medical science.

[ 13 ] Der heutige Arzt, der von der Universität entlassen und losgelassen ist auf die leidende Menschheit, ist oft in einem wenig beneidenswerten Zustand. Das medizinische Studium hat ihn hineingeworfen in einen Wirrwarr von Begriffen, wo er sich selbst kein Urteil bilden kann. Dann findet er bei seinem Publikum eine Denkart, die sich nicht auf Gründlichkeit einlassen will, es hält für ein Evangelium dasjenige, was sich auf irgendeine Autorität beruft. Da leidet der Arzt oft schwer unter den Vorurteilen des Publikums. Der Arzt vermag nur dann etwas, wenn er die subtilen Prozesse, die sich abspielen in einem erkrankten Körper, studiert am Leitfaden des Lebens selbst; aber der Patient muß auch dabei helfend mitwirken.

[ 13 ] Today’s physician, having graduated from university and been set loose upon suffering humanity, often finds himself in a less-than-enviable state. His medical studies have plunged him into a jumble of concepts where he is unable to form his own judgment. Then he encounters a mindset among his patients that is unwilling to engage in thoroughness; they regard as gospel truth whatever appeals to some authority. Thus, the physician often suffers greatly from the prejudices of his patients. The physician can only be effective if he studies the subtle processes taking place in a diseased body, guided by life itself; but the patient must also cooperate in this effort.

[ 14 ] Bestimmte Krankheiten stehen in Zusammenhang mit bestimmten zyklischen Entwickelungen und Bedingungen; bestimmte Krankheiten beruhen auf [Lücke im Stenogramm] und treten auf nach bestimmten Naturgesetzen. Das zeigt sich dem, der aus theosophischem Geiste nach gewissen Krankheitsformen forscht. Da werden große Linien in solchem Denken entwickelt, welches die Richtlinien des Lebens selber sind. Und sie geben jene Sicherheit, die verknüpft ist mit einem unermüdlichen Streben und die mit Vertrauen erfüllt. Es enthüllen sich dem so Denkenden gesetzmäßige Weltzusammenhänge, die zugleich die Seele mit tiefreligiösen Gefühlen erfüllen. Der Tübinger Arzt Schlegel ist typisch und symptomatisch für alle diejenigen, die einen Ausweg aus dem heutigen Labyrinth auf medizinischem Gebiet suchen. Dieser Arzt ist am Anfang einer großen Laufbahn; er hat Lichtblitze in der Richtung nach einer naturgemäßen Heilweise hin, und er wagt es, Religion und Heilkraft miteinander zu verbinden.

[ 14 ] Certain diseases are associated with specific cyclical developments and conditions; certain diseases are based on [gap in the transcript] and occur according to specific laws of nature. This becomes evident to those who investigate certain forms of disease from a theosophical perspective. In such thinking, broad principles are developed that are the very guidelines of life itself. And they provide the certainty that is linked to tireless striving and fills one with confidence. To the thinker, lawful cosmic connections are revealed that simultaneously fill the soul with deeply religious feelings. The Tübingen physician Schlegel is typical and symptomatic of all those who seek a way out of today’s labyrinth in the medical field. This physician is at the beginning of a great career; he has flashes of insight pointing toward a natural method of healing, and he dares to combine religion and healing power.

[ 15 ] Ein Mensch, dessen Denken spiritualistisch ist, kann unmöglich jene für unsere Gegenwart symptomatischen Versuche auf medizinischem Gebiete mitmachen. Denn er weiß: alle einzelnen Bestrebungen sind nur wirklich wirksam, wenn man das Übel an der Wurzel faßt, den Grundkern der Sache umfaßt. Alle Polemik kann keine radikale Umkehr herbeiführen; nur ein ganz andersgeartetes Denken vermag dies.

[ 15 ] A person whose thinking is spiritualistic cannot possibly go along with the medical experiments that are so characteristic of our time. For he knows: all individual efforts are truly effective only if one tackles the evil at its root, grasping the very core of the matter. No amount of polemics can bring about a radical reversal; only a completely different way of thinking is capable of this.

[ 16 ] Ein materialistisch Geschulter kann das nicht verstehen. Aber wir Menschen müssen uns nicht mißverstehen in dieser Welt. Der theosophisch Denkende versteht, daß der materialistisch Denkende ihn nicht versteht, weil er nicht fähig ist dazu. Goethe spricht aus, was hier gemeint ist, indem er sagt: «Eine falsche Lehre läßt sich nicht widerlegen, denn sie beruht auf der Überzeugung, daß das Falsche wahr sei.» Die Denkgewohnheiten unserer Zeit müssen eine radikale Umkehr erfahren; dann folgt ganz von selbst eine Veredelung der Gefühle und Empfindungen bis hinauf zur Intuition. Erst wenn sich die medizinische Wissenschaft das erringt, dann erst wird sie wieder etwas haben, was heilsam wirken wird, dann erst wird wieder ein religiöser Zug sie beseelen und dann erst wird der Arzt sein, was er sein soll: der edelste Menschenfreund, der sich verpflichtet fühlt, selbst so hoch zu stehen, daß er durch seine eigene Vollkommenheit seinen Beruf so hoch bringt, wie es nur möglich ist.

[ 16 ] Someone trained in materialism cannot understand this. But we human beings need not misunderstand one another in this world. The theosophically minded person understands that the materialistically minded person does not understand him, because he is incapable of doing so. Goethe expresses what is meant here when he says: “A false doctrine cannot be refuted, for it is based on the conviction that the false is true.” The habits of thought of our time must undergo a radical reversal; then a refinement of feelings and sensations, rising all the way to intuition, will follow quite naturally. Only when medical science achieves this will it once again possess something that has a healing effect; only then will a religious impulse once again inspire it; and only then will the physician be what he is meant to be: the noblest humanitarian, who feels compelled to elevate himself to such a high standard that, through his own perfection, he raises his profession as high as is possible.